18 Oktober 2021

Digitales Wachstum

Derzeit überschlagen sich die E-Book-Vertriebsleute mit Erfolgsmeldungen. Vorne mit dabei ist die sogenannte Tolino-Allianz, die vor Jahren ausdrücklich als Gegnerschaft zu amerikanischen Unternehmen wie Amazon gegründet worden ist. Der Tolino-Reader hat seine Anhänger gefunden, die Nutzerzahlen scheinen zu wachsen.

Glaubt man den Tolino-Propagandisten, ist der Marktanteil der Tolino-Allianz am digitale Lesegeschäft auf 44 Prozent gestiegen. In einer Zeit, in der die E-Book-Zahlen generell wieder nach oben zu gehen scheinen, passt das gut ins Bild. Auch wenn es da sicher die eine oder andere Möglichkeit gibt, Zahlen in verschiedener Art und Weise zu interpretieren, bleibt festzuhalten: Amazon ist nicht mehr der einzige Anbieter für E-Books, und der Kindle ist nicht mehr das einzig relevante Lesegerät.

Nach Tolino-Angaben hat man derzeit ein Angebot von drei Millionen E-Books. Mehr als 9400 Verlage machen mit, mehr als eine Million schreibender und veröffentlichender Menschen sind eingebunden. Vor allem hat der englischsprachige Anteil deutlich zugenommen.

Als ich damit anfing, mich beruflich »richtig« mit E-Books zu beschäftigen – nach vorsichtigen Anfängen ab 1999 und in den Nuller-Jahren –, wirkte die Übermacht von Amazon schier unüberwindlich. Dass mit der Tolino-Allianz ein starkes Gegengewicht entstanden ist, finde ich gut. Als Kunde oder Kundin kann sich dann eh jeder Mensch überlegen, wo er oder sie die E-Books kauft …

Knalliger Hardcore aus Dijon

Aus dem Umfeld des Maloka-Kollektivs in der burgundischen Hauptstadt Dijon kommen seit Jahren immer wieder Punk-Bands, die das beste aus Hardcore und Punk vereinen. Never Again bilden keine Ausnahme – auf ihrer EP mit dem klaren Titel »No Way« lassen es die vier Franzosen kräftig krachen.

Ob sich die Band nach der gleichnamigen Platte von Discharge benannt hat, weiß ich nicht; es würde passen. Never Again hauen klare Texte raus, der Sound ist natürlich ein wenig »moderner« als die guten alten Discharge und orientiert sich eher an den späten 80er-Jahren. Die fünf Stücke werden mit viel Energie nach vorne geprügelt, dazwischen wird mal das Tempo herausgenommen, dann geht es wieder auf schnelle Fahrt: nicht originell, aber gut gemacht.

In ihrem Text »We are« gibt die Band eine Erklärung für sich selbst ab: »We are four tough guys beating the ground / trying to play another kind of hardcore.« Gelegentlich darf dann die Gitarre ein wenig metallisch singen – knapp an der Grenze dessen, was ich mag –, ansonsten verzichtet die Band auf alles, was nicht klarer Hardcore-Punk ist.

Schön finde ich die Anmerkungen auf der Platte; man bedankt sich unter anderem bei den Nachbarn, die während der Aufnahmen nicht die Polizei gerufen haben. Verantwortlich für das schöne Stück Vinyl ist ein bunter Strauß von kleinen Labels aus verschiedenen Ländern, das ist also eine gelungene Koproduktion.

Gelungen!

17 Oktober 2021

Auf dem Keschdemarkt

Es ist lange her, seit wir einmal bei einem »Keschdefescht« in der Pfalz waren. Heute entschieden wir uns spontan dazu, die Arbeit liegenzulassen und in die Pfalz zu fahren. In Hauenstein war nämlich Keschdemarkt. Die Sonne schien ab und zu, es war kühl und trocken – also fuhren wir in den Pfälzer Wald.

Und wer jetzt nicht weiß, wovon ich erzähle: Keschde sind Kastanien, also solche, die man isst und die man zu allerlei anderen Produkten verarbeiten kann. Likör und Nudeln, Suppe und Gin, Kuchen und Flammkuchen – es gibt nur wenige Essen, bei denen man keine Kastanien einsetzen kann.

Wir bummelten über den übersichtlichen Markt und durch den Ort, ein wenig durch die Hügel der Umgebung. Wir aßen Kastanien, die richtig heiß waren, und kauften allerlei Kram ein, wir probierten Gin, der im Abgang total lecker nach Kastanie schmeckte, und ließen uns die Dialekte der Region – Pfalz, Saarland, Elsass … – um die Ohren hauen.

Die Drei-G-Regel wurde konsequent umgesetzt; das fand ich erholsam und angenehm. Wer wollte, konnte sich vor Ort für zwölf Euro testen lassen; das fand ich auch nicht zu teuer. Und weil an der frischen Luft genug Platz für alle war, konnte man die meiste Zeit ohne Maske flanieren. Wie früher also …

16 Oktober 2021

Anstehende Entscheidungen

Ich treffe eine Bekannte in der Innenstadt. »Ich bin heute abend zu einer Party eingeladen«, sagt sie. »Alte Freunde, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, feiern ihren Geburtstag.«

»Das ist doch schön!«, freue ich mich für sie. »Oder nicht?«

»Doch, schon.« Sie grinst. »Aber ich stehe jetzt vor großen Fragen.«

Mir fällt etwas ein. »Du hast nichts anzuziehen?«

Sie lacht. »So ähnlich. Aber mal ernsthaft: so viele Leute, mit denen man interagieren muss. Gespräche quer über den Tisch, alles wild durcheinander. Damit bin ich doch völlig überfordert, das kann ich nicht mehr.«

»Notfalls könnt ihr euch doch Whatsapp-Nachrichten schicken«, schlage ich vor. »Oder ihr baut Bildschirme aus und vereinbart Skype-Runden. Das bringt die Gewohnheiten schnell zurück.«

»Du bist ein echter Freund«, seufzt sie und verdreht nur noch die Augen.

15 Oktober 2021

15 Jahre »Clap«

Ich weiß gar nicht, wie lange ich schon zu den Lesern des »Clap«-Magazins gehöre. Sind es wirklich schon fünfzehn Jahre, oder stieß ich erst später zur Leserschaft? Lang genug dabei bin ich auf jeden Fall.

Das Magazin versteht sich als »People-Magazin der Kommunikationsbranche«, und ich lese das großzügig gestaltete und professionell hergestellte Heft immer so gut wie komplett. Nimmt man es genau, ist es eigentlich ein Fanzine. Aber eines, das sich eben nicht mit Punkrock oder Science Fiction beschäftigt, den Themen, die ich sonst um die Ohren habe, sondern eines, das sich auf die Kommunikationsbranche konzentriert.

Leute vom Fernsehen, aus Zeitschriften und Werbeagenturen – das sind die Menschen, über die das Magazin schreibt. Die Buchverlage finden nicht statt, Heftromane sowieso nicht. Trotzdem ist die Mixtur aus Unterhaltung und Information stets sehr gelungen, und ich empfinde die Lektüre des Blattes immer als bereichernd.

Auf die nächsten 15 Jahre, liebe »Clap«-Redaktion!

Ein neuer Superheld am Himmel

Zu den Superhelden-Comics der jüngsten Zeit, die überall abgefeiert werden, zählt »Invincible«. Das liegt nahe: Robert Kirkman ist einer der Schöpfer dieses Comics, und es gibt schon eine Fernsehserie, die auf den Heften basiert. Da lag es nahe, auch zum »Gratis Comic Tag 2020« ein kostenloses Heft dazu in den Handel zu bringen.

Ich habe es endlich gelesen und wurde positiv überrascht. Die Geschichte ist nicht schreiend originell: Ein Schüler entdeckt, dass er Superkräfte besitzt, und beschließt, sich in den Kampf gegen das Böse zu stürzen. Das macht er mit viel Energie, und natürlich kommt der eine oder andere Supergegner gleich dazu, um sich mit ihm anzulegen …

Robert Kirkman kann erzählen, und deshalb schafft er es auch, aus der ausgelutschten Idee einige neue Aspekte herauszuholen. Die Dialoge im kostenlosen Heft sind flott, die Figuren wirken so glaubhaft, wie Figuren in einem Superhelden-Universum wirken können. Die Probleme eines Jugendlichen werden gut vermittelt, die Erwachsenen erweisen sich oft als blöde und alt. Das ist auf jeden Fall unterhaltsam und sollte nicht nur jungen Lesern viel Freude machen.

Zeichnerisch orientiert sich Cory Walker an Serien wie »Batman Animated« und anderen. Die Bilder sind klar, sie verzichten auf unnötige Details und kommen schnell zur Sache. Sie wirken sehr modern, bleiben in ihrer Dynamik aber innerhalb der »Regeln« des Superhelden-Comics.

Alles in allem macht das auf mich einen guten Eindruck. Wäre ich nicht der Ansicht, die Lektüre eines Superhelden-Universums genüge mir, käme ich ja glatt auf die Idee, auch »Invincible« zu sammeln …

14 Oktober 2021

Das erste »Denebola«

Der Humor der späten 70er-Jahre ist heute kaum nachvollziehbar. Das fiel mir auf, als ich das Titelbild der ersten »Denebola«-Ausgabe betrachtete. Würde heute noch jemand ernsthaft »frei progressiv reaktionär« auf den Titel einer Publikation schreiben? Im März 1980, als dieses Heft veröffentlicht wurde, fand das niemand anstößig, eher sogar amüsant.

»Denebola« gilt im Allgemeinen als das Heft, mit dem Achim Mehnert seine Gehversuche unternahm und viele gute Kurzgeschichten veröffentlichte. Das Heft, das ich hier und heute zeige, hat damit aber nichts zu tun: Es wurde von Peter Marx herausgegeben, der in Vaihingen wohnte – einer Kleinstadt zwischen Karlsruhe und Stuttgart – und davon träumte, den PERRY RHODAN-Club Deutschland e.V. zu gründen.

Die Erstausgabe des Fanzines, das als »Magazin für Science Fiction und Fantasy« bezeichnet wurde, hatte eine Auflage von gerade 100 Exemplaren, was für die damalige Zeit völlig in Ordnung war. Die Erstausgabe meines Fanzines SAGITTARIUS, die wenige Wochen zuvor veröffentlicht wurde, erreicht auch nur hundert Stück.

So viel bekam man auch als Anfänger verkauft, wenn man sich ein wenig Mühe gab. (Heute gibt es Kleinverlage, die Bücher mit ISBN und allem Pipapo veröffentlichen und deren Verleger froh wären, wenn sie solche Auflagen erreichen würden.) Und schlecht war das Heft nicht: Das Layout wurde mit einer Schreibmaschine, einem Lineal und einer Reihe von Filzstiften erledigt. Ansonsten gab es die übliche Mixtur aus Kurzgeschichten, Zeichnungen, Informationen und anderem Krimskrams; sehr kurzweilig und eigentlich auch recht unterhaltsam. Ich mochte das Heft.

(Den Herausgeber sah ich – wenn ich mich recht erinnere – nur ein einziges Mal. Dabei wohnten wir keine fünfzig Kilometer voneinander entfernt. Er verschwand zu Beginn der 80er-Jahre aus der Fan-Szene.)

Der Beat von Bagdad auf EP

Als ich Ende der 80er-Jahre meine erste Platte von Der Beat Von Bagdad kaufte, wusste ich nicht so recht, auf was ich mich einließ. Die EP umfasst vier Stücke, sie kam 1987 bei Glitterhouse Records heraus, als dieses Label noch sehr klein und unbekannt war, und sie faszinierte mich sehr. Wenn ich sie mir heute anhöre, stelle ich fest, dass sie immer noch gut ist.

Viel weiß ich über die Band nicht: Die drei Musiker nahmen verschiedene Tonträger auf, die in den Jahren 1987 bis irgendwann um 1997 herum veröffentlicht wurden. Die EP, die ich habe, kam 1987 heraus und hat keinen speziellen Titel; wahrscheinlich müsste man sie als »All I Know« betiteln. Drei der vier Stücke sind Eigenkompositionen, ein Stück stammt ursprünglich von den Rolling Stones.

Die Band spielte zu dieser Zeit einen sehr ruhigen Sound, der entfernt an Nick Cave und ähnliche Sänger erinnert: düster und bluesig, eher langsam und nachdenklich wirkend, mit angenehmen Melodien, die aber nicht gerade dazu einladen, fröhlich durch die Gegend zu tanzen. Ein optimaler Soundtrack für Regenwetter und schlechte Laune im Herbst …

13 Oktober 2021

In einem echten Prachtband

Gestern traf ein stark aussehendes Science-Fiction-Buch bei mir ein: die Anthologie »Fantastische Wirklichkeiten«, zusammengestellt von Jörg Weigand und veröffentlicht im Verlag p.machinery. Es geht um die »Bilderwelten des Rainer Schorm«, und es vereint Geschichten und Bilder.

Ich bin auch mit einem Beitrag vertreten und freue mich sehr über die Veröffentlichung. Meine Kurzgeschichte trägt den Titel »Kalte Flammen in Rot« und wird korrekterweise im Bereich »Science Fiction« einsortiert. Die Aufgabe war, zu einem Bild von Rainer Schorm eine Geschichte zu schreiben. Das schaffte ich zwar, aber ich hielt mich dabei nur sehr locker an die Eckpunkte, die der Künstler durch sein Bild vorgegeben hatte.

Wann ich das Buch lesen werde, weiß ich noch nicht. Es ist umfangreich und wunderschön, es sind viele interessante Texte und viele starke Bilder enthalten – es sieht auf jeden Fall so aus, dass man es sich nach erfolgter Lektüre sehr gern ins Regal stellen wird.

Eine Zeitreise aus der klassischen Zeit

Mit großem Interesse las ich zuletzt »Die Zeit ist gegen uns«, einer der klassischen Romane von Walter Ernsting. Der Roman erschien 1956 erstmals in der Reihe UTOPIA-Großband; wie es sich damals gehörte, mit einem englischen »Originaltitel«. Mit »We Against The Time« sollte der Eindruck vermittelt werden, Clark Darlton sei ein englischsprachiger Autor – damals wussten nur wenige, dass Walter Ernsting und Clark Darlton dieselbe Person waren.

Der Roman muss damals ein echter Kracher für die damaligen Leser gewesen sein. Heute muten die meisten der grundsätzlichen Ideen ein wenig albern und vor allem unwissenschaftlich an, und manche Darstellungen von Frauen sind jenseits von Gut und Böse – immerhin brachte der Autor eine relevante Frau in die Handlung ein –, aber insgesamt ist der Roman sehr unterhaltsam und lässt sich auch heute noch gut lesen.

Die Handlung ist in gewisser Weise typisch für Ernsting, den ich immer als den Phantasten und Träumer wahrnahm, nicht als einen Autor, der auf wissenschaftliche Fakten viel Wert legte. Erzählt wird von der Reise des Raumschiffes HUMAN SUCCESS (im Roman lustigerweise immer mit »ß« am Ende geschrieben, was bei dem Wort »succeß« schon recht seltsam aussieht), das mit einem neuen Raumschiff ins All startet und in allerlei Zeitwirren gerät, dessen Besatzung dann die Spuren der verschollenen Menschheit findet und immer weiter ins All vorstößt.

Das klingt ein wenig verwirrend – aber das ist der Roman auch. Ernsting verweist häufig auf die Einsteinsche Relativitätstheorie, über die er offensichtlich einiges gelesen hatte, und leitet daraus eigene Schlussfolgerungen ab. Zeit wird gedehnt und gestaucht, es gibt immer wieder unterschiedliche Zeitabläufe, und nach einiger Zeit (ha!) sind nicht nur die Leute an Bord des Raumschiffes, sondern auch die Leser verwirrt.

Bei der Lektüre fühlte ich mich wie früher. Ich kam mir vor wie der Jugendliche, der in den späten 70er-Jahren auf die Science Fiction stieß und fasziniert die unglaublichsten Gedankengebilde bestaunte. Ich fragte damals nicht unbedingt nach wissenschaftlicher Klarheit, sondern ließ mich von den Ideen begeistern.

Das klappte tatsächlich auch bei »Die Zeit ist gegen uns«. Der Roman ist ein echter Ernsting-Klassiker: humanistisch und altmodisch, phantastisch und unterhaltsam. Sicher keine Pflichtlektüre – aber für mich ein wertvoller Blick in die Vergangenheit der Science Fiction.

12 Oktober 2021

Ein Hund, ein Künstler, ein gemeinsames Leben

Eine ungewöhnliche Geschichte erzählt der Comic »Mein Freund Toby«: Toby ist ein Hund, der mit seinem Herrchen am Meer lebt und dort offensichtlich viel Lebensfreude verspürt. Der Hund kann über die Wiesen rennen, verrichtet überall sein Geschäft, rennt und bellt und hat sichtlich Spaß bei dem, was er tut.

Sein Herrchen ist Künstler, und ab und zu hilft der Hund ihm dadurch, dass er sein Leben erhellt. Dann ist der Maler eher in der Lage, seine Kunst auszuüben, und alles läuft besser. Auf einmal aber hat Toby einen Feind: Eine Katze verirrt sich in sein Revier, und das Biest will einfach nicht verschwinden ...

Das ist tatsächlich der Inhalt von »Mein Freund Toby«, erzählt und gemalt von Grégory Panaccione. Der Comic kommt ohne gesprochenes Wort aus, der Hund teilt sich durch Bellen mit. Was er sagen will, deutet der Comic-Künstler durch Piktogramme an, die den Ausdruck des Bellens symbolisieren. Das ist immer eindeutig, und es erhöht den Reiz, diesen Comic zu lesen.

Dabei erzählt Panaccione eine gelungene Geschichte um Freundschaft und Liebe, um Kunst und Natur. Der Hund ist toll in Szene gesetzt, seine Aktionen sind nachvollziehbar. Man muss kein Hundefreund sein – und ich bin wirklich keiner –, um an dieser Geschichte seine Freude zu haben.

Dazu tragen die gelungenen Bilder bei. Der Künstler benutzt eine Aquarell-Technik; die Farben fließen oft ineinander, die Linien in den Bildern verschwinden. Die Natur in ihrer verschwenderischen Pracht wird so ebenso klar dargestellt wie der Maler in seiner Verzweiflung, Stimmungen und Action werden lebensnah vermittelt. Das fand ich sehr gelungen.

Der Comic ist im Splitter-Verlag erschienen; er hat das kleinere Format, ist also kein großformatiges Album. Wer mag, kann das Werk auch als Graphic Novel bezeichnen. Und es ist ganz sicher ein Comic, den man auch Leuten schenken (oder zeigen) kann, die sonst mit der grafischen Literatur nichts anfangen können.

Sehr schön!

11 Oktober 2021

Tanzbär in Lederjacke

»Und ein besonderer Applaus für den Mann mit der coolen Lederjacke!«, rief der Mann in sein Mikrofon. Ich versuchte gerade, mich durch die Menschenmenge in der Innenstadt von Karlsruhe zu drängen, und blieb kurz neugierig zu stehen.

Wir hatten Sontag, 10. Oktober 2021, gegen 15 Uhr am Nachmittag. Die Sonne schien, und zum Stadtfest bewegten sich Tausende durch die Straßen und Ladengeschäfte. An einer Straßenkreuzung spielte eine Band auf, umgeben von einer dichten Traube an Menschen.

Sicherheitsabstände? Corona-Regeln? Pustekuchen! Ich war einer der wenigen, die sich zumindest bei diesem Gedränge eine Maske aufgesetzt hatten; ansonsten schien sich kaum jemand an Abständen von unter fünfzig Zentimetern zu stören.

Die Band hieß The Four Shops und machte eine durchaus flotte Mischung aus Pop, ein bisschen Rock und ein wenig Funk. Sie gehörte zu den »Walking Acts«, die von der Stadtverwaltung an diesem Tag aufgeboten worden waren. Die Musiker bewegten sich durch die Stadt und spielten an unterschiedlichen Kreuzungen und Plätzen der Fußgängerzone.

Ich fand diese Idee gut; sie sorgte für eine belebte Innenstadt und vertrieb den Menschen hoffentlich den »Corona-Blues« ein wenig aus den Köpfen. Mein Problem mit mangelnden Abständen war vielleicht auch wirklich nur meine Sache.

»Und jetzt tanzen!«, rief der Mann am Mikrofon. »Ihr anderen könnt da gern mitmachen.«

Ich hörte ein Johlen und Klatschen, und dann sah, wen die Leute meinten. Ein großer Mann in schwarzer Lederjacke bewegte sich zur Musik, seine Haare und sein Bart waren grau. Er wirkte nicht betrunken, bewegte sich aber schwerfällig. Wie ein alter Tanzbär!, dachte ich und schimpfte in Gedanken gleich über diese Vorstellung.

Zwei junge Männer mit Bärten und Hüten lachten besonders laut. Einer filmte mit seinem Handy den Mann in der Lederjacke. Die Band spielte lauter, einige Leute klatschten im Rhythmus der Musik mit. Der Mann mit der Lederjacke bewegte sich langsam, den Takt hielt er einigermaßen mit.

Ich wollte nicht anhalten, sondern nur aus der Menschenmenge heraus. Nach zwei Dutzend Metern hatte ich den Pulk hinter mir gelassen, rings um mich herum waren nur die üblichen Passanten unterwegs. Ich zog die Maske vom Gesicht und verstaute sie in der Jackentasche.

Hinter mir wurde geklatscht und gesungen, gelacht und getrommelt. Es herrschte Volksfeststimmung, und viele Leute waren fröhlich. Für mich hatte die Szene aber eher falsch gewirkt. Und ich war froh, schnell aus der Innenstadt herauszukommen …

Akne Kid Joe aus Nürnberg

Drei Männer und eine Frau aus Nürnberg machen Punkrock – und mit ihrer aktuellen Platte »Die Jungs von AKJ« gefallen mir Akne Kid Joe richtig gut. Es ist nicht die erste Platte der Band, die es seit 2016 gibt, aber tatsächlich die erste, die ich mir richtig anhörte.

Musikalisch gibt’s Deutschpunk mit einer im Hintergrund herumpfeifenden Orgel und gelegentlich eingeblendeten Effekten anderer Instrumente. Die Stücke werden nicht durchgebolzt, es gibt Breaks und Tempowechsel, unterm Strich sind sie also recht abwechslungsreich. Das klingt nicht unbedingt nach dem ruppigen Deutschpunk der frühen 80er-Jahre, sondern manchmal wie die intellektuelleren Bands dieser Richtung, die man vor allem in den Nuller-Jahren zu Gehör bekam.

Der Gesang ist eher hektisch, wirkt oft absichtlich überreizt. Mann und Frau singen abwechslungsreich, oft atemlos, oft voller Sarkasmus über die aktuelle Weltsituation, meist rhythmisch und weniger melodisch. Die Band ist weit entfernt vom Pop-Punk, entsagt sich jeglicher Emo-Weinerlichkeit und verzichtet auf Metal-Einflüsse; von daher ist das schon Deutschpunk, wie man ihn aktueller kaum spielen und singen kann.

Das liegt auch an den Texten, die ich sehr gelungen finde. In »Gestern, heute, morgen« entwirft die Band das sarkastische Porträt einer positiven Welt, mit klaren Aussagen wie »Trotzdem träume ich von 7 Tagen Anarchie« oder dem kritischen Blick auf die aktuelle Gesellschaft wie in »Die Hochzeit von meinem Cousin«. In »Wieso?!« gibt’s einen zeitaktuellen Blick auf die Szene der Coronaleugner, in die sich sogar Leute aus der Punk-Szene verirrt haben.

Sarkastisch wird zudem über Auswüchse der Musikkultur gesungen, wenn beispielsweise der »Rock im Park« ironisch abgefeiert wird, ebenso wird in »Mein eigenes Café« der Versuch verspottet, sich im Kapitalismus das »eigene kleine Ding« aufzubauen. Die Band hat die eigenen Widersprüchlichkeiten im Blick, das finde ich positiv.

Musikalisch gefällt mir der rotzige Sound der Band schon gut, doch vor allem textlich finde ich Akne Kid Joe sehr gelungen. Lohnenswerte Platte!

10 Oktober 2021

Unfassbar lustige Zwischenrufe

Es ist ein eingespielter Ablauf: Ist die Band mit ihrem Auftritt fertig, geht sie von der Bühne. Das Publikum schreit dann – je nach Begeisterung – eifrig »Zugabe« und dergleichen, und nach einiger Zeit kommt die Band wieder auf die Bühne und spielt die gewünschte Zugabe. Manchmal kann die sogar besser sein als der gesamte Auftritt zuvor.

In den 80er-Jahren hatten wir in unserem Jugendzentrum alle Arten von Konzerten. Es spielten auch Blues-Bands, die ein spezielles Publikum anzogen: »Freaks« aus der Region, die sehr lustig waren und gern mal ein wenig bekifft aufs Konzert kamen. Sie waren originell und riefen nicht »Zugabe« – das war ihnen zu schnöde. Sie riefen eifrig »Bluesgabe«, was sich eh gleich anhört.

Wer besonders lustig sein wollte, rief übrigens »Flughafen«. Es wurde viel gelacht bei diesen Konzerten. Aber wenn ich an manchen herzigen Humor aus den 80er-Jahren denke, kann ich nur den Kopf schütteln.

Bei den Punkrock- und Hardcore-Konzerten, die ich in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre in Weltstädten wie Schorndorf, Geislingen, Göppingen oder Nagold besuchte, setzte sich das Schreien von »Weiter« durch. Da wir allesamt Schwaben waren, klang das eher nach »Weider«.

Unvergessen der Abend, an dem eine italienische Band konsterniert war, als aus dem Publikum ganz ordinär nach einer »Zugabe« verlangt wurde. »You have to shout ›weider‹!«, forderte der Sänger.

Zum Humor der 80er-Jahre zählten auch Zwischenrufe. Wer lustig sein wollte, rief bei einem Punk-Konzert gern mal »Schneller, lauter, härter!«, was eher aus dem Metal-Bereich kam. Ein besonders lustiger Typ rief bei den Konzerten auf der Schwäbischen Alb und in irgendwelchen Schwarzwald-Kleinststädten gerne »Spielt doch mal was von Paul Anka« und fand sich dabei wohl besonders komisch.

Seien wir ehrlich: Der Witz erschließt sich mir heute nicht mehr. Er hat sich damals wohl auch niemandem sonst erschlossen. Der Typ war offensichtlich ein Trottel mit Geltungsbedürfnis, dem das brave »Weider! Weider!« nicht genügte.

Kleiner Nachtrag: Der unfassbar lustige Trottel war übrigens ich.

08 Oktober 2021

Die Monsters und das Peterle

Wenn Joachim Hiller, der Herausgeber des »OX«-Fanzines, und ich über meinen Fortsetzungsroman »Der gute Geist des Rock’n’Roll« kommunizieren, reden und schreiben wir oft nur über »Peterle«. Joachim fragt dann beispielsweise »was macht denn gerade Peterle?«, was ein höflicher Hinweis auf den Abgabetermin ist, oder ich schreibe beispielsweise »Peterles nächstes Abenteuer kommt zum Ende der Woche«.

In der aktuellen Ausgabe des »OX«-Fanzines, der Nummer 158, bin ich wieder mit meiner Fortsetzungsgeschichte vertreten. Es ist Folge 33 – und sie spielt vor allem im Büro-Alltag, wie er sich in der Mitte der 90er-Jahre darstellte. Ich erzähle ein wenig von informellen Hierarchien in Verlagen, wie sie damals üblich waren und es heute wohl auch sonst noch an vielen Stellen so sind.

Das mag wenig mit Punkrock zu tun haben, passt aber zur Figur. Um Geld zu verdienen, hat sich Peter Meißner, der Held des Romans, nämlich in einem Verlag verdingt, der ein kostenloses Wochenblatt herausgibt. Dort arbeitet er als jemand, der Texte abtippt und in ein schlichtes Layout bringt. (Das ist nicht das, was ich bei Zeitungen gemacht habe. So weit gehen die Ähnlichkeiten zwischen mir und meiner Romanfigur dann doch nicht.)

Ach ja: The Monsters sind eine Band. Und ich finde das Titelbild dieser Ausgabe ausgesprochen … ähm … hübsch.

Hexensabbat auf der Insel der Mönche

Es ist eine verwirrende Szenerie, auf die sich der Journalist und Dämonenjäger Dorian Hunter einlässt: Seine ehemalige Geliebte Coco Zamis ist offenbar zu den Bösen übergelaufen und will den Anführer der sogenannten Schwarzen Familie heiraten. Rings um ihn ist sein bisheriges System zusammengebrochen, und verzweifelt versucht Hunter herauszubekommen, welche Machenschaften die Dämonen betreiben …

Soweit der Hintergrund für das Hörspiel 44 der Serie »Dorian Hunter«. Diese Hörspielumsetzung der klassischen Heftromanserie »Dämonenkiller« finde ich immer noch großartig, und die aktuelle Folge bildet da keine Ausnahme. Das Team von Zaubermond Audio setzt auf knallige Dialoge und starke Geräusche.

Diesmal spielt die Handlung in den Klostern auf der griechischen Insel Athos. Dort leben Mönche, dort gelten spezielle Regeln, und deshalb ist es für die Dämonen besonders interessant, sich dort einzunisten. Wie Hunter hier ermittelt, wie er versucht, hinter die Geheimnisse der Schwarzen Familie zu kommen, und wie sich langsam die Hintergründe entschlüsseln, das ist alles spannend gemacht.

Dabei lässt diese Hörspielfolge nichts aus: Sex und Folter, harte Gewalt und knallige Überraschungen. Hörer wie ich, die die Originale nicht kennen, sind auf jeden Fall am Ende reichlich verblüfft und warten dann gespannt auf die Fortsetzung.

Klar, das ist nur für die Fans der Serie verständlich. Wer sich im Universum von »Dorian Hunter« überhaupt nicht auskennt, wird aber zumindest erkennen, wie gut das alles gemacht ist …

07 Oktober 2021

Abdulrazak Gurnah aus Tansania

Das ist mal eine Überraschung! Wieder haben die Schweden keinen der bekannten und oft genannten Namen aus dem Hut gezogen, als es darum ging, den diesjährigen Literaturnobelpreis zu vergeben. Leider wurde es wieder nicht Margaret Atwood aus Kanada, erfreulicherweise wurde auch nicht Martin Walser aus Deutschland ausgezeichnet – das sind zwei der Namen, die man in diesem Zusammenhang gelegentlich liest.

Der Preis geht an Abdulrazak Gurnah. Der Autor wurde in Tansania geboren, er lebt in Großbritannien. Hierzulande erschien sein Werk zumeist in kleinen Verlagen – einmal immerhin bei Krüger – und ist überall vergriffen. Ich habe von ihm also noch keine Zeile gelesen.

Mir sagte auch der Name nicht, obwohl ich Ende der 90er-Jahre einige Wochen durch Tansania reiste. Ich kaufte mir damals sogar ein wenig einheimische Literatur, mir blieb aber nur ein Buch über den Krieg zwischen Tansania und Uganda in Erinnerung. Den Autor verpasste ich offenbar.

Nach allem, was ich heute über Gurnah mitbekommen habe, ist der Autor, bei dessen Werk ich auf die Übersetzungen gespannt bin. Das klingt so, als wäre es lesenswert. Und so freue ich mich darüber, dass jemand gewonnen hat, auf den sich so ein Stück mehr Aufmerksamkeit richtet.

Als Neurosis noch punkig waren

Ich erinnere mich noch gut an den Abend, an dem ich Neurosis zum ersten Mal sah: irgendwann in den 90er-Jahren in Berlin im SO 36. Neurosis waren live eine eindrucksvolle Band, die viel mit ihrem Bühnenbild arbeitete und einen sehr intensiven Sound lieferte. Danach aber spielten Youth Brigade, und ich hüpfte herum wie ein Teenager – das war dann doch der Sound, den ich mehr mochte.

Höre ich mir heute die zweite Platte von Neurosis an, die »The Word Is Law« aus dem Jahr 1990, stelle ich fest, dass das immer noch so ist. Die kalifornische Band war damals recht punkig, die Musiker spielen auf dieser Platte einen eigenständigen und ruppigen Hardcore-Sound mit Breaks und gelegentlichem Gebrüll, mit Andeutungen von Melodie und prügeligem Schlagzeug.

Das kann ich mir heute immer noch anhören, es packt mich aber nach wie vor nicht so. Diese Platte geht mir einfach nicht so leicht ins Ohr, passt aber zum Sound des Hardcore-Jahres 1990.

Die Band entwickelte sich danach weiter, weg vom klassischen Hardcore, hin zu etwas, das man vielleicht als Post-Hardcore oder sonst etwas bezeichnen mag, das mir aber auch nicht mehr gefallen konnte. »The Word Is Law« war 1990 vergleichsweise modern, aber von einer Modernität, mit der ich immer ein wenig fremdelte und die mir auch heute ungewohnt vorkommt.

Als Zeitdokument ist die Platte noch lohnenswert. Betrachte ich sie als eigenständiges Werk, finde ich sie nicht ansprechend.

06 Oktober 2021

Maskenlos durch den Tag

Als ich die Bäckerei betrat, setzte ich – wie in einem Reflex – die Mund-Nase-Maske vors Gesicht. Diese Bewegung war mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie schon unbewusst machte. Auf die Frau, die hinter mir in der Warteschlange stand, achtete ich nicht.

Eine der Verkäuferinnen hinter dem Tresen bediente mich. Ich bestellte Brötchen und Brezeln, wie man das in einer Bäckerei eben so macht. Dann kramte ich meinen Geldbeutel aus der Hosentasche und legte einen blauen Schein auf den Tresen.

Die andere Verkäuferin sprach die Frau an, die nach mit in die Bäckerei gekommen war. »Sie müssen eine Maske aufsetzen.« Ihr Tonfall war sehr höflich, sie hatte einen Akzent, den ich als »russisch« betrachtet hätte.

Erst da erkannte ich, dass die Frau neben mir keine Maske trug. Aus Reflex trat ich einen Schritt zur Seite.

Die Frau neben mir lächelte. »Ich habe eine Maskenbefreiung«, sagte sie bereitwillig und griff nach ihrer Tasche, begann mit einer Hand darin zu suchen.

»Nein, nein.« Die Verkäuferin winkte ab. »Ich glaube Ihnen. Aber eigentlich …«

»Ja, schon, aber …« Die Frau lächelte erneut und nahm ihre Hand aus Tasche.

Ich war mit dem Bezahlen und dem Verstauen des Wechselgeldes fertig, verabschiedete mich und ging. Vor der Tür nahm ich im Reflex meine Maske herunter und verstaute sie in der Jackentasche. Ein kühler Wind ging, ich schloss die Jacke und trat zu meinem Fahrrad.

Hätte ich mich in der Bäckerei einmischen sollen? Hätte ich auch etwas sagen müssen? Oder war es besser, dass ich die Klappe gehalten hatte?

Ein Nicht-Roman über die Zeit der Hippies

Als ich anfangs der 80er-Jahre den Roman »Trip Generation« las, fand ich ihn großartig; man kann sagen, dass er mein Schreiben mit beeinflusst hat. Seither hielt ich den Roman nicht mehr in den Händen – außer beim Umziehen –, aber ich behielt ihn in guter Erinnerung. Als ich feststellte, dass der Autor Tiny Stricker in einer Werkausgabe bei p.machinery vorgestellt wird, interessierte mich das so, dass ich mir den Roman »Unterwegs nach Esssaouira« kaufte.

Aber ist das wirklich ein Roman? Schon während der Lektüre wachsen die Zweifel … Das Werk spielt um 1970 herum – zumindest lassen sich einige Szenen genau auf diese Zeit festlegen, weil eine Schallplatte erwähnt wird, die in diesem Jahr aufgenommen worden ist. Aber schon das ist unwichtig, denn die Geschichte fließt … mal hin, mal her.

Es geht um eine Gruppe von Hippies, vor allem um einen, der immer nur mit H. abgekürzt wird und hinter dem sich wohl der Erzähler Heinrich Stricker – genannt »Tiny Stricker« – verbirgt. Man lungert in München herum und musiziert, man reist nach Spanien und treibt sich auf den Inseln herum, man steuert Marokko an und hängt in der Hippie-Enklave Essaouira ab.

Die Handlung des Romans kommt fast ohne Dialoge aus, die Szenen werden nur angerissen. Manchmal liest sich das Ganze wie eine Vorlage zu einem riesigen Romanzyklus; unglaubliche Geschichten werden in nur wenigen Sätzen angedeutet und würden – könnte man sie entsprechend ausformulieren – packende Romane ergeben.

Lässt man sich auf »Unterwegs nach Esssaouira« ein, was recht schnell gelingt, nimmt man an diesen Reisen zum Ende der 60er-Jahre teil. Die Musik, die Drogen, das Reisen, das Lebensgefühl – mir blieb vieles fremd, und trotzdem entfaltete sich eine große Faszination. Ich erkannte mehr von dem, was die Hippies in ihrem Leben suchten und teilweise auch fanden.

Und das ist dann spannend! Auch wenn »Unterwegs nach Esssaouira« sich den Kategorien eines Romans verweigert und sich eher als eine Mixtur aus Exposé, Reisebericht und fragmentierten Tagebuch erweist. Ich vermute, ich werde mir auch weitere Bücher von Tiny Stricker besorgen.

05 Oktober 2021

Comic über den frühen Punk

Auch wenn man heute aus guten Gründen über manche der frühen Punk-Helden lästern mag – als 1976 die ersten Punkrock-Bands loslegten, kam das einer Erschütterung in der Musikwelt gleich. Mit den Jahren 1976 bis 1979 beschäftigten sich seither zahlreiche Filme und Bücher, auch einige Comics entstanden im Verlauf der Jahre. Unter dem Titel »Sex Pistols – die Graphic Novel« ist nun ein Hardcover-Band im Panini-Verlag erschienen, der die wohl bekannteste Punk-Band jener frühen Tage ins Zentrum rückt.

Die Sex Pistols waren weder die erste noch die beste Band, die diese Art von Musik spielte. Mit ihrer Art des Auftretens und ihrer Vermarktung waren sie aber die bekannteste, und sie gelten bis heute als wegweisend. Das liegt nicht unbedingt an ihrer Musik – so viele Stücke hat die Band ja nicht aufgenommen –, die heute vergleichsweise behäbig klingt, sondern vielmehr daran, wie sich die vier jungen Engländer inszenierten.

Das alles zeichnet der Comic nach: die ersten Treffen, die ersten Konzerte, der legendäre Auftritt mit »God Save The Queen« auf der Themse, während das ganze Land feierte, das Feilschen mit den Plattenfirmen, der Hass der Allgemeinheit, später dann die Drogen und das traurige Ende. Echte Fehler wird auch ein Experte wohl kaum finden, der Comic reißt vor allem die entscheidenden Szenen in der Laufbahn der Band heraus und gruppiert sie quasi neu.

Seien wir realistisch: Wer keine Kenntnisse über die Bandgeschichte hat, wird diesen Comic kaum verstehen. Jim McCarthy erzählt fragmentarisch; seine Geschichte spring von Element zu Element. Sie ist zwar chronologisch, aber wer nicht weiß, warum einige Bandmitglieder nach Brasilien reisten, während ein anderes Bandmitglied in New York an der Nadel hing, kann die Zusammenhänge nicht richtig einordnen.

Die Bilder wiederum sind gelungen; die späten 70er-Jahre mit ihren Klamotten und Autos wirken glaubhaft. Steve Parkhouse benutzt eine schöne Mischung aus realistischen Zeichnungen mit leicht komischem Anstrich; sonderlich »punkig« ist das allerdings nicht.

Das »Sex Pistols«-Buch ist gut, keine Frage, aber es ist eigentlich nur Leuten zu empfehlen, die mit der Punkrock-Geschichte gut vertraut sind. (In den 90er-Jahren erschien im amerikanischen Revolution Verlag das Heft 14 der »Rock’n’Roll-Comics«, das ebenfalls die Sex Pistols ins Zentrum stellte – das fand ich damals um Längen besser.) Wie immer ist das eine Geschmackssache – ich empfehle deshalb den Blick auf die Internet-Seite des Panini-Verlages.

Der hundert Seiten starke Hardcover-Band im Comic-Kleinformat kostet 19,00 Euro und kann mithilfe der ISBN 978-3-74162172-7 überall im Comicfach- sowie im Buchhandel bezogen werden.

04 Oktober 2021

Broilers mit Stadion-Punkrock

In den vergangenen Jahren haben sich die Broilers aus Düsseldorf – die in den 90er-Jahren mit Oi!-Punk anfingen – zu einer bundesweit aktiven und beliebten Band entwickelt, die in großen Hallen und Stadien auftritt. (Wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht, schon klar.) Mit der Platte »Puro Amor«, die im Frühjahr 2021 veröffentlicht wurde, hat sich der Weg der Band fortgesetzt.

Musikalisch bewegt man sich immer mehr in Richtung der Toten Hosen. Das meine ich nicht negativ, die Band weiß, was sie tut. Die Stücke sind schmissig, sie sind häufig immer noch punkrockig genug, weisen teilweise starke Melodien auf und werden durch gelegentliche Liedermacher-Anleihen einerseits und Ska-Einschübe andererseits aufgelockert. Das ist natürlich weit entfernt vom »echten« Punk, und wer die Band deshalb als Kommerz-Punk beschimpfen mag, hat damit sicher nicht komplett unrecht.

Die »Puro Amor« ist gut, keine Frage. Ich hörte mir die Vinylscheibe – das Textblatt ist richtig schön gestaltet – nicht nur einmal hintereinander an und fand sie dabei nicht langweilig. Es ist kein Sound für die Straßenschlacht, auch kein Sound für einen knalligen Pogo – aber es ist gut gemachte Rock-Musik mit einem schweren Punk-Einschlag, die man sich gut in der »Indie-Disco« oder bei einem großen Festival anhören kann; es gibt genügend Möglichkeiten, bei einigen Stücken sehr laut mitzusingen.

Bei den Texten hat sich die Band eine schöne Eigenironie bewahrt: »Wir bleiben die, die wir waren / Jugendliche von 40 Jahren« heißt es beispielsweise. Man weiß offensichtlich, wohin man sich entwickelt hat, möchte das aber auch nicht missen.

Ich finde die Broilers in der jetzigen Phase gut; der Weg hin zum Stadion-Punkrock ist halt nicht ganz so meine Tasse Bier.

03 Oktober 2021

Voller Lebensfreude

Die Stadt brodelte an diesem Samstagmittag vor Lebensfreude. Die Sonne schien, es herrschten spätsommerliche Temperaturen, und Heerscharen von Menschen waren auf den Straßen unterwegs. Es schien, als sei Corona wirklich komplett überwunden, so locker und ungezwungen bewegten sich die meisten. Nur an den Menschen, die in den Straßencafés bedienten und die ihre Mund- und Nase-Masken trugen, erkannte man, dass die Pandemie noch lange nicht besiegt war.

Es war ein Tag, der nach Normalität roch, nach einem Leben vor den Beschränkungen. Ich genoss es, mich zwischen den Leuten zu bewegen, mein Fahrrad zwischen Passanten hindurchzusteuern und die Sonne auf meinem Kopf zu spüren. Fast hätte ich mich in Sorglosigkeit gewiegt – aber dafür ist es für meinen Geschmack doch zu früh. Von größeren Gruppen hielt ich mich nach wie vor fern.

Aber was für ein Vergleich zur Situation im Frühjahr 2020! Die Innenstadt war im April und Mai 2020 fast menschenleer. Ich fuhr nur selten mit dem Rad in diese Richtung, nahm lieber die Strecken weg von der Stadt. Die Innenstadt wirkte, als sei sie ausgestorben, die meisten Leute hielten sich daheim auf.

Mag sein, dass die aktuelle Euphorie übertrieben ist. Trotzdem empfand ich es als positiv, so viele gutgelaunte Menschen in den Straßen zu sehen. Ich mag es, in Karlsruhe zu leben, und ich mag es, wenn die Stadt lebendig wirkt – nicht ausgestorben und in Angst!

02 Oktober 2021

Positive Science Fiction?

Noch habe ich mein Ziel nicht aufgegeben, einige Kurzgeschichten und Erzählungen in diesem Jahr zu schreiben. Ein Thema, an dem ich gern weiterarbeiten möchte: positive Sciende Fiction. Ich habe die Nase voll davon, immer nur negative Dinge über eine potenzielle Zukunft zu lesen – auch wenn die leider viel zu naheliegt. Deshalb möchte ich eine Science-Fiction-Erzählung verfassen, die unterm Strich positiv ist.

Sagen wir es so: Es fehlt nicht am Material. Noch ist es möglich, unsere Gesellschaft so zu verändern, dass sie überleben kann. Sie wird nicht mehr so aussehen wie unsere heutige Gesellschaft – ich werde sicher nicht mehr mit einem Auto durch die Gegend fahren können, das mit Diesel betankt wird. Aber das muss ja nicht unbedingt negativ sein.

Mal schauen, was bei diesem Selbst-Experiment herauskommt. Derzeit hapert es ja vor allem an der Zeit: Wer sich den ganzen Tag lang mit der Zukunftsvision beschäftigt, die sich in einer Romanserie manifestiert, hat in seiner freien Zeit manchmal »zu wenig Hirn frei«, sich eigene Gedanken zu eigenen Ideen zu machen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf!

01 Oktober 2021

Wie ich fünf Euro für Pur bezahlte

Aus der Serie »Erinnern an Konzerte«


In den Nullerjahren packte die Stadtverwaltung von Karlsruhe wieder einmal der Größenwahn. Es genügte nicht, eine »kleine Großstadt« zu sein, man wollte unbedingt höhere hinaus. Dazu gehörte dann auch das Ziel, Kulturhauptstadt Europas zu werden, das allerdings gnadenlos verfehlt wurde.

Auf dem Weg dahin vergaß die Stadtverwaltung nicht die geringste Peinlichkeit. Manchmal gab es allerdings auch gute Ideen, und so pilgerten wir am Samstag, 18. September 2004, zu einem riesengroßen Kultur-»Event« in die Oststadt. Die sah damals noch nicht so aus wie heute, sondern bestand zu einem großen Teil aus einem abgewrackten Schlachthof, einem Autohaus, das ausgeschlachtet wurde, und haufenweise Dreck und Steinen.

Ein Jazz-Zelt und eine Filmvorführung, ein Pop-Zelt und haufenweise alberne Akrobaten auf der Straße: Es war alles geboten, was Deutschlehrer und alternde Studenten für Kultur hielten. Alles kostete pauschal fünf Euro, was ich für absolut in Ordnung hielt – Kultur soll schließlich auch etwas für die Leute sein, die nicht so viel Kohle in der Tasche haben –, und wer wollte, konnte sich mit politisch korrektem Döner und viel Bier die Birne abschießen.

Konsequenter-weise hatte man aus diesem Grund in das sogenannte Pop-Zelt dann genau solche Musik geholt, die sowohl junge Leute mit Piercing-Ringen und Holzkettchen als auch altersgraue Sozialpädagogen zufriedenstellten konnte. Leider konnte ich nicht so viel trinken, wie ich gebraucht hätte, um das Ganze ohne größere Schäden zu überstehen.

Zuerst langweilten Schein 23 aus Karlsruhe, so eine Art IndieRock, wobei das einzige, was an dieser auf jeglicher aktueller Welle reitender Band »independent« ist, eben die Tatsache sein dürfte, dass die Musiker noch kein Geld mit ihrer Musik verdienen. Astra Kid verpasste ich, stattdessen guckte ich mir drei Stücke von Kettcar an.

Es erwies sich als eine große Rock-Oper: Schätzungsweise tausend Leurte jubelten der Band zu, auf der Bühne waberte der Trockeneisnebel. Es ar ein weiter Weg für Markus Wiebusch: vom Deutschpunk von Die Vom Himmel Fielen über Intellektuellen-Punk mit ...but alive hin zum weichgespülten IndiePop von Kettcar.

Es war unnötig, zu viel über die Veranstaltung zu schreiben. Mir reichte es nach drei Stücken komplett. Genial war einfach der folgende Satz meiner Begleitung: »Das klingt alles wie Pur.« Gefolgt vom folgenden: »Wer Kettcar gut findet, muss auch Hartmut Engler und seine Band gut finden.«

(aus dem Enpunkt 42 vom April 2005)