Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
05 August 2026
Zwischen Salon-Linken und Kaufhausregalen
Aber gut: Dreißig Jahre danach sind wir noch am Start. Mit einigen grauen Haaren mehr und dickeren Brillengläsern zwar, aber immerhin … Und ich freue mich nach wie vor, meine Texte beisteuern zu können.
Die Geschichte spielt im Juni 1996, was nun auch schon einige Zeit her ist. Der Ich-Erzähler stolpert durch ein Kaufhaus, in dem eine skurrile »Critical Mass«-Aktion stattfindet, die langsam außer Kontrolle zu geraten scheint. Zumindest glaubt das wohl die Polizei, die mittlerweile anrückt. Wie es weitergeht, das erzählt dann hoffentlich die nächste Folge …
10 Juli 2026
Dead Bob knallten tatsächlich rein
Im vergangenen Herbst sah ich Dead Bob schon einmal, am 7. Juli 2026 spielten sie wieder in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe. Das Konzert war unter der Woche, die Temperaturen immer noch recht hoch; ich schätzte, dass sich gut hundert Leute einfanden, nicht nur aus Karlsruhe, sondern auch aus Städten, die 100 oder 150 Kilometer entfernt waren.
Vom ersten Ton an hatte die Band ihr Publikum im Griff. Wright machte die Ansagen, ansonsten saß er hinter seinem Schlagzeug und trommelte, sang und hatte sichtlich Freude an alledem. Zwischendurch fischte er sein Smartphone aus der Tasche und telefonierte – ob das nun zur Show gehörte oder nicht, war mir nicht klar.
Die Frau und die drei Männer, die Wright begleiteten, ließen es ebenfalls krachen. Sie sangen mal einige Stücke mit, sie trommelten und bedienten Blasinstrumente, sie spielten Gitarre und Bass, sie bewegten sich und sprangen auf der Bühne hin und her.
Im Publikum hatten wir gleich ebenfalls Bewegung. Es war kein Pogo-Konzert, dafür herrschten schlicht zu viele grauhaarige Leute vor. Aber man bewegte sich, es wurde ein bisschen gehüpft, ansonsten frenetisch gejubelt, gejohlt und applaudiert. Es herrschte eine großartige Stimmung, die das gesamte Konzert über anhielt.
Leider war das Ganze auch unfassbar laut. Ich merkte nach einiger Zeit, dass meine Ohren zu pfeifen anfingen, blieb trotzdem noch recht lange vorne stehen und hüpfte ein wenig, bis ich später in den hinteren Teil des Konzertraums ging. Als ich später auf meinem Rad saß und quer durch Karlsruhe strampelte, hatte ich in meinen Ohren ein unaufhörliches Rauschen.
(Am nächsten Tag ging ich in die Ohrenklinik im Städtischen Klinikum, um meinen Hörschaden begutachten zu lassen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein geiles Konzert war's ja trotzdem.)
09 Juli 2026
Art Brut und ihr Bang
Im Herbst 2005 sah ich in Los Angeles in »The Echo« eine englische Band, von der ich mir kurz davor die erste Langspielplatte gekauft hatte. Art Brut spielten vor einem frenetisch feiernden Publikum – es waren vielleicht 200 Leute anwesend – und sorgten für eine grandiose Stimmung. Ich bekam während des ganzen Konzerts mein Grinsen nicht aus dem Gesicht, und so ging es wohl vielen der Anwesenden.
Dieser Tage hörte ich mir die Platte wieder an. »Bang Bang Rock & Roll« kam 2005 heraus und begeisterte mich vom ersten Ton an. Das war nicht unbedingt neu, aber es knallte gut. Ob man das in die IndieRock-Ecke steckte oder als Punk bezeichnete, war mir völlig egal. In Los Angeles traten Art Brut auf, als seien sie eine Punk-Band, obwohl sie allesamt eher unpunkig wirkten.
Zurück zur Platte, die ich mir immer noch mit Genuss anhören kann. Es gibt natürlich Stücke wie »My Little Brother« oder das »Formed A Banded«, die richtig zum Pogo einladen, aber es gibt auch ruhigere Stücke wie das Liebeslied »Emily Kane« – aber das ist natürlich kein einfaches Liebeslied, sondern die originelle Version davon. Die Band verarbeitet allerlei gewöhnlich wirkende Themen (in »Moving To L.A.« wird natürlich über das englische Wetter gejammert) zu schrägen Liedern, und das ist immer ironisch bis sarkastisch.
Der Sänger kann nicht singen, anders lässt sich das nicht sagen. Im Prinzip benutzt er eine Art Sprechgesang, die aber nichts mit HipHop oder dergleichen zu tun hat, sondern eben sehr rhythmisch ist; bei einem Konzert hüpft man dann mit dem Sänger mit … Seine Stimme ist gut, er kriegt die Stücke richtig gut rüber; wer aber einen Sangeskünstler erwartet, ist hier falsch.
Und die Band? Die ist richtig gut, man merkt den Herren die Spielfreude an. Klar wird hier weder die Rockmusik im Allgemeinen noch der Punk neu erfunden; der Sound ist ebenfalls sehr rhythmisch, hat aber auch ordentliche Melodien. Die Gitarren klingen angenehm, der Bass und das Schlagzeug poltern ordentlich durch die Stücke, und der Sänger muss dazu eigentlich nur noch ins Mikro schreien. Das alles ist meist schmissig und selbst in den langsamen Passagen immer auf den Punkt gebracht; weit entfernt von manch langweiligem IndieRock.
Ernsthaft: Art Brut waren live großartig. Und die »Bang Bang Rock & Roll« ist immer noch eine sehr gute Platte. Wer sie bisher nicht kennt: reinhören!
12 Juni 2026
Tote Pioniere, alternde Punkrocker
Im Wesentlichen spielt diese Folge im Innern eines Kaufhauses, wo in den 90erJahren eine sogenannte Critical-Mass-Aktion stattfindet. Ich hoffe, ich habe es geschafft, den turbulenten Charakter einer solchen Veranstaltung glaubhaft und interessant zu vermitteln.
Beim Schreiben hatte ich durchaus meine Probleme, mir das Innere eines solchen Kaufhauses vorzustellen – so oft bin ich nun mal doch nicht im Karstadt, und Kaufhof oder Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Aber das ist ja kein historischer Roman, bei dem die Details einer Innenausstattung ebenfalls stimmen sollten …
11 Juni 2026
Krach, Schlamm und Feuer
Weil es ein Arbeitstag war und ich wieder viel zu spät aus dem Verlag kam, dauerte es seine Zeit, bis ich mit dem Auto in Karlsruhe war und dort einen Parkplatz fand. Damals gab es noch die Möglichkeit, in den Nebenstraßen zu parken, ohne ein Anwohner zu sein, und ich stellte mein Auto in direkter Nähe der »Steffi« ab.
Nachdem ich meinen Eintritt bezahlt hatte, eilte ich in den Keller, wo ich an der Haifischbr gleich mein erstes Bier bestellte. Punkrock bollerte aus den Boxen, die Bar war nur mäßig besetzt. Und weil ich zu viel mit den Leuten laberte, die ich an der Theke antraf, verpasste ich konsequenterweise die erste Band. Und weil der Umbau von der ersten zur zweiten Band so lang dauerte, trank ich an der Bar eben weiter Bier.
Als ich irgendwann in den eigentlichen Konzertraum ging, hatten wir bereits Mitternacht. Auf der Bühne standen Disaffect aus Schottland und knallten brachialen Punkrock in den Saal, in dem vielleicht 60 oder 70 Leute standen, die meisten mit Lederjacken und sehr »punkig« aussehend. Man merkte, dass die Schotten ihren Discharge-Einfluss nicht verleugneten: Zwei Gitarren sägten, ein Bass knatterte wuchtig, ein Schlagzeug hämmerte wild, dazu kamen ein Sänger und eine Sängerin, beide mit Glatze, denen man ansah, dass sie eine tüchtige Portion Wut in sich hatten.
Gepogt wurde nicht, das war bei dieser Art von Punk-Konzerten eher unüblich, aber es herrschte eine gute Stimmung, und es wurde laut gejohlt, applaudiert und nach einer Zugabe verlangt. Die Band gab uns noch, was wir wollten, und verschwand dann. Am Ende war mir klar, dass ich mit Disaffect eine Band gesehen hatte, von der man noch viel hören würde. »Was für ein Brett!«, sagten praktisch alle in dem Kellerraum.
Was dann kam, hatte ich so aber nicht erwartet: Die Musiker auf der Bühne waren teilweise geschminkt und sahen überhaupt nicht so aus, wie man sich eine Punk-Band vorstellte, und aus den Boxen drang ein Geboller, das sich wie eine Mixtur aus heftigem Techno und rasend schnellem Punk anhörte. Die Band nannte sich Tromatism, und ich hatte zuvor nie von ihr gehört.
Sie machte auch nicht lang herum, hielt sich nicht mit Vorreden und irgendwelchen Ansagen auf, sondern war sofort mittendrin. Der Sänger hatte eine Stakkato-Stil: In halsbrecherischem Tempo brüllte und belferte er in sein Mikrofon. Ich verstand kein Wort, und das lag nicht nur daran, dass er in französisch sang und schrie.
Neben ihm stand ein Geiger, der mit stoischer Miene fiedelte, leicht im Hintergrund hämmert ein Bassist auf sein Instrument ein. Am auffälligsten war aber ein Mann, der kein Instrument spielte, sondern vor allem für die Show zuständig war. Er trug nur eine Hose, sein muskulöser Oberkörper war nackt. Anfangs machte er auf der Bühne nur allerlei Verrenkungen und kletterte an der Wand hoch, dann aber veränderte sich sein Verhalten.
Aus einer Art Eimer, der auf einmal auf der Bühne stand, holte er sich eine schmierige Masse, die aussah wie ein schwarzer Schlamm. Den Schlamm verteilte er großflächig auf seinem Oberkörper, dann schleuderte er einige Handvoll ins Publikum. Ich war froh, dass ich eine Lederjacke anhatte; mich trafen einige Spritzer der schwarzen Masse, auch im Gesicht, aber der Beschuss hörte schnell auf.
Nachdem der Mann eine Weile auf der Bühne getanzt hatte, begann er damit, Feuer zu spucken. Ich hatte nicht mitbekommen, wo er auf einmal eine Flamme herhatte – aber auf einmal goss er sich eine Flüssigkeit in den Mund und spuckte sie über eine brennende Fackel hinweg ins Publikum. Eine Mikrosekunde lang überlegte ich mir, wie es denn eigentlich mit Fluchtwegen aussehen mochte, falls die Feuerspuckerei schiefgehen würde.
Dann aber war mir das auch egal. Die Musik wurde rasanter und lauter, das Spektakel zwischen Bühne und Zuschauern immer wilder. Irgendwann stand eine Schale im Zuschauerraum, in der ein Feuer brannte, der halbnackte Mann sprang zwischen uns herum, und der Sound wurde noch wütender und gnadenloser.
Das war keine Musik für Pogo; dazu war sie zu schnell und zu abgehackt. Hätte ich sie nur auf Schallplatte gehört, hätte sie mir vielleicht gar nicht gefallen. In dieser Nacht passte alles zusammen: ein rabiater Sound, wie man ihn selten hörte, ein recht kleines, aber verschworenes Publikum im Keller eines besetzten Hauses, und eine Show mit Schlamm und Feuer.
Als ich zu sehr weit vorgerückter Stunde durch die Nacht fuhr, vorbei an Ortschaften und durch den Wald, dröhnten meine Ohren, fühlte sich mein Körper erhitzt und verdreckt zugleich an. Mir war egal, was in dieser Nacht noch passieren würde, und über den kommenden Arbeitstag machte ich mir keine Sekunde lang Gedanken …
23 April 2026
Die neuen Landkarten
Ich sah Bad Religion zweimal: einmal in den 80er-Jahren, als sie mit »Suffer« auf ihrer großen Tour durch Europa war und noch in Jugendzentren auftraten, dann in den ganz frühen 90er-Jahren, als sie schon in einer Halle spielten. Das erste Konzert war sensationell, das zweite auch noch ganz gut; danach wurde die Band für Festivals gebucht, die ich nicht im (Alp-)Traum besuchen wollte. Ich hörte die Musik immer noch gern, habe die Band aber seit 1991 nicht mehr live gesehen.
Das ist alles lange her; seither wechselte die Besetzung der Band mehrfach, während man viele Konzerte spielte und eine Platte nach der anderen veröffentlichte. Die »New Maps Of Hell« aus dem Jahr 2007 erinnert mich positiv an die späten 80er-Jahre: Das ist keine lahmarschige Musik von mittelalten Männern, sondern ein dynamischer Sound, bei dem ich nicht stillsitzen kann.
Die einzelnen Stücke sind schnell und abwechslungsreich; es wird nicht einfach nach vorne gebolzt, sondern es sind schmissige Melodien. Die Band spielt auf dieser Platte einen klassischen Punkrock mit viel Schmackes, definitiv keinen Metal, auch wenn die Gitarre manchmal schon sehr singt, und auf Gejammer wird sowieso verzichtet.
Ich fand die Platte erstaunlich toll und verstehe nicht, wieso sie bei mir immer ein bisschen untergegangen ist. Eigentlich hätte sie ja gute Chancen, meine liebste Scheibe der Band zu werden. Okay, Scherzchen: Das wird wohl immer die »Suffer« bleiben. Aber richtig gut finde ich »New Maps Of Hell« trotzdem!
14 April 2026
Das OX-Fest in Karlsruhe
Insgesamt spielten vier Band, und ich bekam davon nur einen Teil mit. Der Grund ist einleuchtend: Ich war damit beschäftigt, Bier zu trinken und mit den Leuten zu reden, die ich antraf. Ich stieß auf Punks aus Stuttgart, die ich seit den 80er-Jahren kannte, auf die OX-Crew, mit der ich mich eigentlich nur schriftlich austausche und die ich viel zu selten treffen, auf Punkrocker und ehemalige Punks aus der halben Republik. Die »Alte Hackerei« war ziemlich voll, und die Stimmung empfand ich als bestens.
Irgendwann fing es zu regnen an, was meiner guten Laune keinen Schaden zufügte. Das Bier schmeckte, und man konnte es im Biergarten gut aushalten; unter dem Blechdach führte ich viele Gespräche mit Leuten, die ich teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir redeten über alte Punkrock-Zeiten und die anstehende Rente, über die Kinder und ihre Abenteuer, über die Arbeit und die Familie und all die Sachzwänge, die wir mittlerweile offensichtlich alle haben und die wir uns vor dreißig oder vierzig Jahren nicht einmal vorstellen konnten.
Als Hammerhead auf die Bühne stiegen, suchte ich mir einen Platz in der Nähe des Bühnenrandes. Mir war klar, dass es voll werden würde, und ich wollte mit meiner Brille nicht zu sehr ins Pogo-Getümmel geraten. Kluger Plan, aber …
Die Band legte los, und ab dem ersten Ton schuf sie eine grandiose Stimmung. Der ganze Raum schien zu kochen; überall herrschte Begeisterung. Der ruppige Hardcore-Punk begeisterte, die Ansagen von Tobias Scheiße brachten mal Widerspruch, mal Beifall. Und sobald die Band zu spielen anfing, wurde mitgebrüllt und getanzt. Meine Jacke und meinen Pullover hatte ich längst abgelegt, meine Brille ebenfalls sorgsam verstaut.
Und irgendwann konnte ich mich nicht mehr halten. Da ich eh schon auf der Stelle hüpfte und ins Schwitzen kam, konnte ich mich auch gleich in den Mob stürzen. Das war ein großer Spaß – lauter Leute, die einen durchaus heftigen Pogo betrieben, also kein Kuschel-Pogo, kein »entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen auf den Fuß getreten sind«, aber ohne Karate-Einlage. Am Ende war ich ein wenig verbeult, fühlte mich aber großartig.
Über den Rest des Abends brauche ich nicht mehr so viel zu sagen. Ich saß noch lange im Biergarten, trank Bier und redete mit Leuten. Es regnete mal mehr und mal weniger. Und gegen zwei Uhr fuhr ich dann doch heim: Der strömende Regen sorgte dafür, dass ich gründlich durchnässt wurde, aber auch ein bisschen nüchtern wurde.
13 April 2026
Folge 60 mit kritischer Masse
Das aktuelle Heft macht ohnehin einen so guten Eindruck, dass ich wieder einmal weiß, dass ich es nicht schaffen werde, es komplett zu lesen: so viele Interviews, Artikel, Rezensionen und sonstigen Texten zu Hardcore, Punkrock und artverwandtem Krawall – das beeindruckt schon und schüchtert mich immer ein wenig ein. Früher hätte ich das Heft von vorne bis hinten gelesen, garantiert jede Seite, heute bekomme ich das kaum mehr auf die Reihe.
Ein Luxusproblem.
Um eine kritische Masse geht es übrigens in meinem Fortsetzungsroman. Irgendwelche Aktivisten haben zu einer »Critical Mass«-Aktion aufgerufen, und der Ich-Erzähler mischt mit. Ich hoffe, dass ich den chaotischen und spontanen Geist jener Zeit ein bisschen vermitteln konnte. (Eine ähnliche Aktion war damals in Karlsruhe ja wirklich angedacht, kam aber nie zustande.)
09 April 2026
Schicke Platte aus Osnabrück
Die Blank Pages aus Osnabrück verpasste ich nicht ganz. Ihre Langspielplatte, die die vierköpfige Band im Jahr 2013 veröffentlichte, kaufte ich mir, und ich hörte sie mir an, vergaß sie aber schnell wieder. Dieser Tage nahm ich sie mir noch einmal vor und stellte fest, dass sie echt gut ist. Kein Meisterwerk, das man unbedingt kennen müsste, aber eine richtig ordentliche Vinylscheibe.
Die Band brachte drei »kleine« Platten und diese LP heraus, löste sich dann aber auch bald wieder auf. Bei der Gestaltung der Langspielplatte gaben sich die Band und das Label viel Mühe: Es ist ein richtiges Album zum Aufklappen, auf dessen Innenseite auch alle Texte abgedruckt sind. Das sieht sehr schick aus und wirkt so, als habe man auf ein Publikum geschielt, das ein bisschen mehr Kohle in der Hand hat als der durchschnittliche Punk.
Und die Musik? Geboten wird melodischer Punkrock mit einer ordentlichen Kante, der nicht langweilt und keinen Ausfall aufweist. Die zehn Stücke sind in englischer Sprache gehalten und erinnern an die ganz frühen 80er-Jahre, also kurz vor der Nietenlederjacken-Invasion aus England. Die Gitarre weist manchmal einen leichten Emo-Einschlag aus, ansonsten aber hält man sich von Modernismen sehr fern.
Und was das Tempo angeht, bleibt man in der mittleren Spur. Das ist ein Sound, bei dem man die ganze Zeit den Kopf und den Fuß bewegt, aber nicht durch die Wohnung pogt oder beschließt, Mülleimer durch Schaufensterscheiben zu werfen.
Gelungener Punkrock! Kann man sich immer noch anhören!
19 März 2026
Unterschätzte Hardcore-Platte
Das fiese Cover zeigt eine »Hanging Party«, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den amerikanischen Südstaaten durchaus üblich waren. Die Band stammte zwar aus England, hatte aber trotzdem – wie sich das damals für eine Punk-Band gehörte – zu den aktuellen Zeitereignissen einiges zu sagen. In »New Macarthyite« geht’s um politische Hetze und Denkverbote; in »Agent Orange« natürlich um Krieg und Bomben. Die Band hatte aber ebenso persönliche Texte und verzichtete auf stumpfe Polit-Parolen.
Musikalisch war das kein Hochgeschwindigkeits-Punkrock, aber doch weit genug entfernt von den späten 70er-Jahren. Zu dem manchmal fröhlichen und hippeligen Sound, den Bands wie The Damned oder auch The Buzcccks präsentiert hatten, gab’s schon eine Distanz; den gnadenlosen Discharge-Sound der frühen 80er-Jahre lassen The Depraved aber ebenfalls vermissen.
Ihre Musik ist recht abwechslungsreich; die Gitarren heulen, der Sänger treibt die Stücke nach vorne, der Bass und das Schlagzeug poltern in ordentlicher Geschwindigkeit, ohne dass zu viel Effekt reingemischt wird. Das alles klingt »handgemacht« im besten Sinn.
Fakt ist, dass die Band heute weitestgehend vergessen scheint. Spricht man mit Leuten über den England-Punk der 80er-Jahre, taucht sie kaum im Gespräch auf – dafür war sie wohl zu »hardcorig«. Wer aber den Hardcore jener Jahre erwähnt, hat eher Chaos UK oder Heresy im Sinn.
Fakt ist zudem, dass die »Stupidity Maketh The Man« eine richtig gute Platte ist: Wer die Chance hat, sie irgendwo zu bekommen, sollte sie sich sichern!
18 März 2026
Der Aufbruch nach Hamburg
Solche Szenen finden sich auch in Rocko Schamonis aktuellem Buch, allerdings aus seiner Sicht gespiegelt. Der Roman trägt den Titel »Pudels Kern«, liest sich wie eine Autobiografie und ist im Prinzip die Fortsetzung von »Dorfpunks«. Mit Punkrock und entsprechenden Aktivitäten hat er allerdings nur am Anfang zu tun.
Er spielt in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren. Ein junger Mann kommt vom Dorf in die Großstadt – in diesem Fall ist es Hamburg –, wo er sich auf die Punkrock- und die Avantgarde-Szene einlässt. Er lernt Musiker kennen, tritt irgendwann auf Bühne auf, sammelt Erfahrungen und geht auf Tour. Immer wieder macht ihm bei alledem seine Depression zu schaffen.
Das halte ich für einen interessanten Aspekt: Rocko Schamoni gehörte für mich immer zum Dunstkreis der Funpunks; er ging mit den Goldenen Zitronen auf Tour und machte eine skurrile Mischung aus Punk und Schlager, die mir nicht gefiel. Dass er in Wirklichkeit an Depressionen litt und oft tage- oder gar wochenlang nicht aus dem Haus kam – wenn wir davon ausgehen, dass das Buch eine Autobiografie ist –, verblüffte mich.
Die Geschichten um den Pudel Club und die Versuche, in Hamburg sesshaft zu werden, lesen sich unterm Strich sehr gut. Schamoni hat viel erlebt und kann erzählen. Sein Buch ist unterhaltsam und liest sich leicht; man sollte aber schon ein grundsätzliches Interesse an dem Musiker mitbringen und wesentliche Begriffe einordnen können – sonst kann man mit dem Buch womöglich nicht so viel anfangen …
Alles in allem ist »Pudels Kern« durchaus zu empfehlen. Ich hab’s gern gelesen, eine Pflichtlektüre oder ein relevantes Werk ist es allerdings nicht. (Ich habe die Hardcover-Version gekauft, die 2024 bei Hanser erschienen ist. Auf der Internet-Seite des Verlags gibt’s weitere Informationen. – Seit Ende 2025 gibt's übrigens das Taschenbuch im Heyne-Verlag.)
27 Februar 2026
Ein richtiger Punk?
In der aktuellen Folge 59, die in der Ausgabe 184 des OX-Fanzines erschienen ist, im ersten Heft des Jahres 2026 also, lasse ich einen Teil der Handlung im Keller des besetzten Hauses spielen. Gemeint ist natürlich die »Steffi« in Karlsruhe, die im Jahr 1996 praktisch mein erweitertes Wohnzimmer war, vor allem die wunderbare Haifischbar im Keller.
Es gibt einige Gespräche über Musik: Damals gaben einige Leute ihre Spekulationen zu HipHop und Elektro-Musik ab und lagen damit natürlich falsch. Und es gibt einige Fragen zur damals immer wieder wichtigen Frage, was denn ein »richtiger Punk« sei. Mir wurde nicht nur einmal vorgeworfen, ich sei kein »richtiger Punk«, was mir ziemlich egal war; schließlich ging ich jeden Tag zur Arbeit und kümmerte mich um eine Raketenheftchenserie.
Falls ich aus all diesen Fortsetzungen jemals einen Roman in Buchform zimmern werde, kann ich solche Gespräche wohl drin lassen. Die sind gewissermaßen zeitlos und nicht nur ein Chronistenblick ins Jahr 1996.
12 Februar 2026
Die Stars aus New York
Ulli holte mich ab; wenn er von seiner Wohnung zum Konzertort ging, kam er praktisch an dem Häuserblock vorbei, in dem ich wohnte. Wir tranken bei mir noch ein Bier und spazierten durch die Straßen. Es war der Mittwoch, 8. September 1999, ein echter Sommertag in Karlsruhe, an dem es sinnvoller war, im Grünen zu sitzen und Bier zu trinken, als sich in einen Keller zu begeben, um sich Krachmusik anzugucken.
Aber unsere Absicht war klar: »Wenn schon mal die Stars aus Amiland bei uns sind, sollten wir uns die nicht entgehen lassen«, argumentierte Ulli. Sick Of It All hatte ich schon mehrfach gesehen, die kannte ich quasi. Die Band aus New York bot üblicherweise nicht nur knalligen Hardcore-Punk, sondern turnte auf der Bühne auch ganz gut herum. Mit ihnen sollten Good Riddance auftreten, eine neuere Band, die ich bislang nur von den Platten her kannte und schon immer mal sehen wollte.
Wir hatten uns keine Karten im Vorverkauf geholt. »Karten im Vorverkauf – das ist doch kein Punk«, da waren wir uns völlig einig. Weil wir unterwegs an einem kleinen Supermarkt vorbeikamen, besorgten wir uns noch ein Sechserpack mit Bier besorgt. Man wusste ja nie, wann ein Konzert wirklich losging, und so hofften wir darauf, vorher ein bisschen trinken zu können.
Als wir das Gelände an der Verkehrskreuzung erreichten, in deren Untergrund sich das »Substage« befand, stellten wir fest, dass wir nicht die einzigen waren, die auf die Idee gekommen waren, spontan loszugehen. Dutzende von Leuten, sicher mehr als hundert, lungerten um die Treppen herum, die in den Keller führten; sie alle brauchten noch eine Eintrittskarte, stellten sich an, um zu bezahlen und das Konzert zu besuchen.
»So ein Mist!«, schimpfte Ulli.
Auch ich war einigermaßen genervt. »Da stellen wir uns nicht an. Das ist mir zu blöd.«
Schnell waren wir uns einig. Wir setzten uns auf die Treppe, nicht ganz am Anfang, aber weit genug oben, damit wir noch die Sonne abbekamen, und machten unsere ersten Biere auf. So wurden wir Zeugen des fröhlichen Treibens, das sich auf der Treppe entwickelte. Wir bekamen vor allem viele Freunde und Bekannte und allerlei Arschlöcher zu sehen.
Vor allem von letzterer Gattung waren verdammt viele da. Ich hatte den Eindruck, dass jeder Nachwuchs-Hool aus dem Karlsruher Dorfumland anwesend war, dazu haufenweise Mode-Hardcores, Bodybuilder und Metal-Deppen. Es war eine zeitweise erschreckende Meute, die sich die Treppe hoch- und wieder hinunterquälte.
»Boah, was für Leute!«, schimpfte ich. »Für die ist Hardcore doch echt nur noch eine Mode, die haben doch nichts mit alledem zu tun. Um irgendwelche Inhalte geht’s solchen Bodybuildern nicht.«
»Meinst du nicht, dass du ein wenig verallgemeinerst?« Ulli grinste. Er wusste, wie er mich auf die Palme bringen konnte.
»Vielleicht, kann sein.« Ich gab mir Mühe, nicht weiter aufzuregen. »Aber die Kerle hier sind doch so viel ›True Hardcore‹ wie meine Mutter echt.«
»Mach dir nicht ins Hemd. Wir schreiben 1999 und nicht mehr 1989. Irgendwelche Vergleiche vom heutigen Hardcore zu den 80er-Jahren müssen einfach schiefgehen.«
Ich grummelte vor mich hin, kriegte mich aber wieder ein. Im weiteren Verlauf des Abends kamen genügend Leute vorbei, die wir kannten und mochten. Manche blieben für ein Bier und einen kurzen Schwatz bei uns stehen; manche stellten sich zum Rauchen neben uns.
Irgendwann spielte die erste Band; man konnte sie von unserer Lage aus gut hören. Wir entschlossen uns trotzdem, den Abend auf der Treppe zu verbringen. Der Eintrittspreis von 24 Mark war uns sowieso zu hoch; wir hätten es uns leisten können, entschlossen uns aber, das Geld lieber in Bier zu investieren. Unterhaltsamer schien das sowieso zu sein.
Good Riddance klangen ganz gut, zumindest kam bei uns der Sound in erstaunlicher Qualität an. »Sagen wir so«, lästerte Ulli, »hier oben klingt es ziemlich zermatscht – aber das tut’s im Keller ja auch.« Der Sound im »Substage« galt schon immer als eher schlecht, was nicht störte, wenn man einige Biere im Kopf hatte.
Nachdem erste Band ihren Auftritt beendet hatte, strömten viele Konzertbesucher ins Freie. Micha, der Sänger der lokalen Hardcore-Band Diavolo Rosso, hatte kein Lob für die Band übrig und verschwand mit schlechter Laune. Er meinte, Good Riddance seien richtig schlecht gewesen: »Keine Ansagen, pure Rock-Show, das war’s.«
Andere Besucher äußerten sich positiv. Die Kalifornier hätten eine großartige Show hingelegt, sie waren völlig euphorisiert. »Die Geschmäcker sind eben verschieden«, gab ich eine Binsenweisheit von mir und trank noch ein Bier.
Als Sick Of It All im Keller des »Substage« anfingen, stieg die Stimmung. Aus dem Eingang drangen Wasserdampf und Hitze, der Saal schien zu kochen. Ich überlegte mir einen Moment, ob ich mir das Konzert doch anschauen sollte, ließ es dann aber doch sein. Die Band hatte ich schließlich mehrfach gesehen, das war also nichts Neues. Auf der Treppe hörten wir noch genug, unser Bier war preiswerter, und wir hatten schnell einen Nachschub organisiert, und wir hatten genügend Gesprächsstoff.
Der Abend endete irgendwann zwischen Treppe und Südweststadt. Wir waren alles andere als nüchtern, aber mit dem eigentlichen Abend zufrieden. (Und das ist wohl der Grund, warum ich Good Riddance nie live sah, auch wenn ich die Platten der Band mochte …)
(Eine Kürzestfassung dieses Textes erschien in meinem Egozine »Superklaus«, in der ersten Ausgabe, die im Januar 2000 veröffentlicht wurde.)
30 Januar 2026
Punkrock-Kontinuität
Ich lese das Heft selten komplett, auch wenn ich es seit Jahrzehnten im Abonnement beziehe, und überblättere viele Seiten einfach. Die Ausgabe 133, die Ende 2025 erschien, las ich allerdings komplett durch. Ich finde die Lektüre immer noch lohnenswert und mag vor allem die Themen, die eher am Rand liegen.
So mochte ich beispielsweise das Interview mit der Blackmetal-Band Sadistic Goatmessiah. Mit der Musikrichtung kann ich nichts anfangen, und ich werde sicher nie auf ein Konzert der Band gehen, las aber mit Interesse, wie sich die Musiker selbst verorten und was sie von diversen Themen halten.
Schließlich sind mir Bands wie Wizo oder die Kaput Krauts, die im Heft ebenfalls befragt werden, schon seit langem bekannt. Da erfahre ich nicht mehr so viel Neues. Ich freute mich aber, mal wieder von V-Mann Joe zu hören, die ich vor über dreißig Jahren mal live gesehen hatte, oder von – für mich – neuen Bands wie Cat Bite Back zu lesen. Das macht nun einmal den Reiz eines solchen Heftes aus: dass man etwas von alten Bekannten erfährt, aber eben auch über neue Themen stolpert.
Das »Plastic Bomb« ist ein Heft im A4-Format, das immer noch seinen Punkrock-Charakter behalten hat, wenngleich es für mich nicht mehr die Relevanz hat, die es vielleicht vor dreißig Jahren gehabt hatte. Ich las die 48 Seiten der aktuellen Ausgabe sehr gern und freue mich schon aufs nächste Heft – das ist dann halt Kontinuität in Sachen Punkrock und Drumherum ...
29 Januar 2026
Mehr Punk an den Kiosk
Trotzdem habe ich mit vielem, was heute unter dem Begriff »Punk« verkauft wird, auch rein optisch echte Probleme. Dazu zählt unter anderem die Zeitschrift »Business Punk«, die mir eher wie das Leitmedium für junge Marktlieberale vorkommt und in dem Begriffe wie Chaostage vielleicht vorkommen, dort aber sicher anders interpretiert werden als in der eigentlichen Punk-Szene.
Nun kommt ein neues Magazin aus dieser Redaktion in den Handel: »She's Punk«. Inhaltlich geht es um den »weiblichen Blick« auf die Wirtschaft. Verantwortlich für den Inhalt sind die Journalistinnen Nena Brockhaus und Franca Lehfeldt; den Auszug aus einem aktuellen Newsletter setze ich hier rein.
Ohne viel über den Inhalt zu wissen, glaube ich schon jetzt etwas ahnen zu können: »She's Punk« wird wohl nicht zu meiner neuen Lieblingszeitschrift.
22 Januar 2026
The Dirt auf einer Doppel-LP
Das Schlagzeug poltert, der Sänger brüllt, die Sängerin keift: Für Freunde der reinen Melodie waren The Dirt nicht unbedingt geeignet. Vor allem in ihrer Anfangsphase ließ es die englische Band ziemlich krachen, verzichtete großzügig auf zu viele Melodien und polterte lieber im Hauruck-Tempo durch ihre Stücke.
Ich sah die Band einmal, als sie in den 90er-Jahren noch einmal auf Tour ging und in der »Steffi« in Karlsruhe aufspielte. Das Publikum war sehr rustikal-punkig, eine Ansammlung schwarzer Lederjacken, und die Band lieferte den wütenden Sound dazu. Ich fand’s stark, vor allem, wenn man sich ein wenig darauf einließ und sich unter dem Geboller die Melodien hervorschälten.
1996 erschien bei Skuld Releases die Doppel-LP »Black and White« von The Dirt. Kleister fasste mehrere EPs und Langspielplatten der Band zusammen, sogar Live-Aufnahmen, was eine fast komplette Band-Historie ergab. Da konnte man auch gut nachvollziehen, wie sich die Band verändert hatte – ich hörte mir die Platte dieser Tage wieder an und war davon ziemlich angetan.
Am Anfang ist das vor allem Geschrabbel mit wütenden Texten, dann aber wird die Band besser. Die D-Seite ist tatsächlich die beste: Es ist immer noch Anarcho-Punk mit den entsprechenden Aussagen, aber es gibt Melodien, und man merkt, dass die Gitarristen wissen, was sie tun. Während ich die A-Seite bei dieser Zusammenstellung vor allem unter historischen Gesichtspunkten interessant finde – so was fanden wir damals halt geil, weil es so schepperte –, sind die späteren Aufnahmen auch heute noch gut.
The Dirt waren zu ihrer Zeit eine der zentralen Bands der englischen Anarchopunk-Szene; die Doppel-Langspielplatte »Black and White« ist hierfür ein wichtiges Dokument. Man kann sie immer noch anhören, auch die A-Seite mit ihrem Geschepper – so klangen halt die 80er-Jahre.
11 Dezember 2025
Bereits der Teil 58
Der Roman spielt im Sommer 1996. Als ich mit der Arbeit daran anfing, war das also gut zwanzig Jahre her. Mittlerweile sind es fast dreißig Jahre, und ich merke, dass ich mit den Erinnerungen ins Trudeln geraten. Klar weiß ich noch, welche Musik ich damals hörte und zu welchen Konzerten wir gefahren sind.
Aber wie war das damals wirklich mit den Computern? Hatte ich schon einen Internet-Anschluss? Welche technischen Möglichkeiten, die heute selbstverständlich sind, waren damals reine Science Fiction? Tatsächlich stellen sich solche Fragen beim Schreiben eines fast schon historisch anmutenden Textes immer wieder aufs Neue.
Die Folge 58 kommt gut ohne technische Details aus. Meine Hauptfigur plagt sich mit dem Älterwerden herum – das machte mir 1996 tatsächlich mehr zu schaffen als heute, scheint mir … – und ärgert sich über politische Aktivisten auf der »linken Seite«, die er in Gedanken als »Automaten« beschimpft. Eine damals häufige Äußerung in den Kreisen von Leuten, die laute Musik hörten und in besetzten Häusern ihre Zeit verbrachten, aber nicht so begeistert von ausufernden Plenumssitzungen waren …
Aber das ist dann eine andere Geschichte!
21 November 2025
Die Chaostage als Theater
Der Sommer 1995 ist mehr als dreißig Jahre her, der Begriff »Chaostage« gehört längst zum ganz normalen Wortschatz in Deutschland. Da finde ich es interessant, dass ein Theater-Kollektiv in Hannover, das sich als »MÜH« bezeichnet, ein Live-Hörspiel unter dem Titel »No Chaos No Future« vorbereitet hat – es wird an diesem Wochenende erstmals aufgeführt und wird bis in den Januar hinein auf verschiedenen Bühnen der Stadt gezeigt.
Die Macher*innen des Stücks sind allesamt jung; die meisten waren 1995 noch nicht einmal geboren. Für die ist das alles eine Vergangenheit, und sie versuchen, sie auf ihre Weise aufzubereiten. Man sprach mit Leuten, die damals auf der Straße dabei waren; beispielsweise wurde auch ich befragt. Was dabei heerausgekommen ist, kann ich nicht beurteilen – ich werde das Stück so schnell nicht anschauen können.
Was mir an dem Projekt aber schon gefällt: Es wurde nicht von den höchsten Höhen des Kulturgeschäfts herunter entwickelt, sondern die Macher*innen sprachen mit Leuten, um herauszufinden, ob es bei den Chaostagen 1995 überhaupt eine Wahrheit gibt oder nicht vielmehr zahlreiche Geschichten, die sich teilweise extrem widersprechen. Mal schauen, wie das ankommen wird …
12 November 2025
Ein Kneipenabend als Punk-Roman
Okay, das klingt jetzt eher negativ; ich versuch's andersherum. Der Autor Jörg Ingenpaß, der bereits auf einige Veröffentlichungen zurückblickt – unter anderem bei BOD, wenn ich es richtig gesehen habe –, veröffentlichte mit »Geschäftsschluss« einen Roman, der viel über Punk aussagt und ohne jegliche Action auskommt. Zum Ausgleich packt er ein echt großes Thema an: Einer der Protagonisten des Romans hat Krebs und weiß, dass er bald sterben wird; deshalb sitzt er mit den Leuten seiner kleinen Punk-Plattenfirmen zusammen.
In den Gesprächen, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln präsentiert werden, geht's um Punk und die Geschichte der einzelnen Figuren. Der Autor erzählt vom Aufstieg einer kleinen Plattenfirma, die auch bescheuerte Vermarktungstricks macht – »die abgefahrene Platte« etwa –, um sich über Wasser zu halten. Nun aber wird die Firma geschlossen – das ist folgerichtig, wenn der Gründer und Betreiber bald an Krebs sterben wird.
Der Autor charakterisiert die Figuren sehr klar; sie sind alle höchst unterschiedlich, was dazu führt, dass sie sich auch mal streiten – damit sorgt Ingenpaß für Spannung. Ich fand das unterhaltsam und mitreißend. Für Leute, die gern Punkrock hören, ist das sicher ebenso lesenswert wie für Menschen, deren Wege einmal die Deutschpunk im weitesten Sinn gekreuzt haben ...
Erschienen ist »Geschäftsschluss« als ein schön gestalteter Hardcover-Band im Hirnkost-Verlag; es gibt auch eine E-Book-Version. Einige Informationen dazu bietet die Internet-Seite des Verlags.
06 November 2025
Kampfjacken auf Vinyl
»Was ist denn da drin?«, fragte Rode und zeigte auf die Tüte.
Ich hob sie an. »Eine LP natürlich. Von einer neuen Band, die ich klasse finde; von denen ist auch mein aktuelles Lieblingslied.«
»Ein Lieblingslied von dir?« Er sah mich skeptisch an. »Ist das wieder so ein Krach? Oder eher so etwas wie das da?«
Der DJ hatte ein Stück aufgelegt, das ich vom Radio her kannte; irgendetwas von Uriah Heep, zu dem die älteren Besucher der Disco die Haare wehen ließen. Auf der Tanzfläche tummelten sich gut zwei Dutzend Leute, durchaus gemischt: einige in unserem Alter und sogar jüngere Mädchen, aber auch einige Typen, die deutlich über zwanzig waren.
»Nein, das ist schon so, dass man dazu tanzen kann. Die Band heißt Mau Mau, und das Stück, das ich mag, geht echt in die Füße.«
»Dann bring die Platte doch dem DJ; der legt sie garantiert auf.«
Das war durchaus üblich. Wenn man im Jugendzentrum wollte, dass Musik gespielt wurde, die man selbst mochte, musste man eine Platte oder Kassette mitbringen. Ich nickte. Den ganzen Abend hatte ich eigentlich nichts anderes vor; ich wollte, dass auch mal »meine« Musik lief.
Also ging ich an das »Fenster«. So nannten wir die Durchreiche, von der aus der DJ einen Blick auf die Tanzfläche hatte, während wir zusehen konnten, wie er die Platten auflegte. Ich reichte ihm die Platte, wir wechselten ein paar Worte, ich nannte ihm das Stück, er sah mich sehr zweifelnd an, nickte dann aber doch.
Nervös ging ich zu meinem Platz zurück. Auf Uriah Heep kam ein populäres Stück von Visage oder sonst einer dieser Plastik-Bands, die in diesen Tagen das Radioprogramm bestimmten. Das Publikum auf der Tanzfläche wechselte teilweise: Einige der Älteren gingen, dafür kamen einige Jüngere, die vergleichsweise teure Klamotten anhatten.
»Oh, die Junge Union traut sich auch mal wieder zu uns«, raunte Rode, und wir lachten gehässig.
Das New-Romantic-Stück war vorüber, und der hektische Rhythmus begann, den ich so schätzte. Die Gitarre zirpte und zappelte, das Schlagzeug klopfte hektisch, und der Sänger versuchte nicht einmal, großartig zu singen, sondern haute seine Stakkato-Sätze raus.
»Wir tragen keine Kampfjacken mehr!«, dröhnte es aus den Boxen. War das Neue Deutsche Welle, oder war das Punk? Eigentlich klang es ein bisschen wie Funk, aber auch das passte nicht. Ich fand das Stück großartig und mochte die ganze Platte sehr.
Ich war begeistert, wahrscheinlich grinste ich bis über beide Ohren. Ich zappelte ein wenig herum, traute mich aber nicht auf die Tanzfläche. Ich wäre sowieso der einzige gewesen; innerhalb von wenigen Sekunden leerte sich die Fläche. Weder die jungen Leute mit den schicken Klamotten noch die Alternativen hatten ihre Freude an der Band und dem zackig gespielten Stück.
Der DJ sah dem Treiben eine Weile zu. Er nahm Blickkontakt zu mir auf und hob die Schultern an. Ich nickte nur. Die ersten Leute murrten; sie ärgerten sich über die Musik. Langsam wurde das Stück leiser, der DJ dimmte es herunter.
Ich verstand und ging zu ihm, während das nächste Stück anfing. Es lief »Bicycle Race« von Queen, und die Tanzfläche füllte sich rasend schnell wieder.
Der DJ beugte sich zu mir herunter. »Dein Zeugs will niemand hören!«, rief er so deutlich, dass es die Umstehenden trotz der Musik hören konnten.
Ich nickte erneut. Wieder einmal hatte ich verloren.




















