Wer mal so richtig was erleben will, wer mal so richtig mitkriegen möchte, auf welch vorbildliche Weise die Republik verteidigt wird, für den gibt es eigentlich nur eines: Sonntag abend mal das Auto stehen lassen und in Freudenstadt den letzten Zug Richtung Karlsruhe besteigen. Das ist der Zug, mit dem aus der kleinen Schwarzwaldstadt und den umliegenden Ortschaften einige Dutzend junger Männer mit Sack und Pack Woche für Woche in die Garnisonen in Nordbaden, Hessen oder Rheinland-Pfalz abdampfen.
Dabei geht es in Freudenstadt noch recht gemütlich zu. Nur einige wenige der jungen Männer mit den kurzen Haaren pfeifen schrill und rufen ihre Lagemeldungen über den Bahnhof und durch den Zug, geben damit zu Gehör, wieviel Tage sie noch zu dienen haben. Man setzt sich gemütlich, und dann werden ebenfalls gemütlich, ruhig und bescheiden die ersten Sechserpacks Bier aus den Taschen geholt und gleich im Dutzend niedergemacht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass manche Rationen schon den Weg vom Freudenstädter Haupt- zum Stadtbahnhof nicht überstehen.
Aber gemach! Dort steigen schließlich nochmals zwei Dutzend Bundeswehr-Soldaten ein, es kommt zu rührseligen Begrüßungsszenen (»Wieviel Tage hast du noch?« – »Was, so viel? Ist das mehr oder weniger als eine Million?«) und freundlichen Zurufen, und die nächsten Sechserpacks, Dosen und Weinflaschen werden geöffnet. Immerhin sollte bis Baiersbronn, der ersten Station im Murgtal, ein gewisser Mageninhalt vorhanden sein, denn dort steigt wieder ein Dutzend Soldaten mit neuem Reiseproviant ein, und dieses Spiel wiederholt sich von Station zu Station bis Karlsruhe.
Das soll nicht interessant sein? Ist es auch nicht, das ist ja erst der Anfang. Eine zufällig allein mit demselben Zug reisende Frau wird nicht vernachlässigt. Es gibt garantiert mindestens einen Bundeswehrsoldaten, der sich lautstark über ihr Aussehen und ihre Figur auslässt oder ihr gleich mit schwerer Zunge erzählt, dass eigentlich ohnehin nur er der Richtige sei. Dezente Hinweise ihrerseits, dass in erster Linie ein Gewehr die Braut eines Soldaten zu sein habe, verbieten sich schon aus Sicherheitsgründen von selbst.
Von Station zu Station wird die Stimmung in den Abteilen amüsanter, die ersten Lieder werden gesungen, einzelne Soldaten patrouillieren schon durch die Gänge, zeigen jedem, wie wenige Tage sie noch dienen müssen, und freuen sich über Gleichaltrige, die noch ein Jahr vor sich haben. Es kommt zu den ersten Keilereien, die ersten Büchsen fliegen quer durch die Abteile, die Musik vom Kassettenrekorder wird noch ein bisschen lauter gestellt, der Schaffner wagt sich schon gar nicht mehr in die Gänge hinein, und ab und zu geht auch mal ein Fenster zu Bruch. Hält der Zug an einer Station, fliegen die üblichen humorvollen Bundeswehrsprüche zu Wartenden hinüber, werden Frauen aus sicherer Distanz mit allerlei Eindeutigkeiten überhäuft.
Im Karlsruher Hauptbahnhof verlassen dann Dutzende von Soldaten den Zug, die einen eher still und gedrückt, die anderen lautstark pfeifend und grölend, die Flaschen dabei immer in der Hand. Dort gibt es eventuell einen krönenden Abschluss des Zug-Abenteuers, wenn seltsame, grüngekleidete Herren mit weißen Pistolentaschen und roten Mützen auftauchen: Feldjäger, die ab und zu versuchen, Betrunkene abzuführen.
Leider bietet sich dieses Bild nicht allzu häufig, so dass sich das eigentliche Zug-Abenteuer meist auf die Fahrt allein beschränkt. Aber das dürfte dem Normalsterblichen voll und ganz reichen.
(Diesen Text veröffentlichte ich in der Freudenstädter Lokalausgabe der »Südwest-Presse«; der Artikel erschien am 8. Juli 1985, zu einer Zeit also, als ich selbst noch als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr war und die geschilderten Ereignisse an fast jedem Wochenende miterleben durfte. Im Jahr 1994 wurde der Text von mir in meinem Egozine ENPUNKT noch einmal nachgedruckt. Aber das ist ja schon wieder lange her …)
Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
06 Juli 2026
Zug-Abenteuer
30 April 2026
Ein Klassiker von 1937
Viel länger ging er als Sohn eines Zimmermanns nicht zur Schule. Nach der Hauptschule begann er seine Lehre als Elektriker, bevor er zum Reichsarbeitsdienst – dem »bewaffneten« – abkommandiert und nach Frankreich geschickt wurde. 1943, also sechs Jahre nachdem dieses Foto aufgenommen worden war, war er alt genug, um als Soldat eingezogen und an die Ostfront geschickt zu werden.
Auf diesem Bild ist davon nichts zu sehen. Mein Vater trägt die Kleidung, wie sie damals für Kinder und Heranwachsende üblich war; mit Kniestrümpfen und erstaunlich guten Schuhen. Er wirkt stolz und gleichzeitig ein bisschen verlegen.
30 März 2026
Spätwinterwald
In dieser Nacht war ich auf der Rückfahrt von einer Geburtstagsfeier. Und während ich in Karlsruhe schon Frühjahrsgefühle entwickelt hatte und mich die Allergien plagten, schneite es im Wald zwischen Besenfeld und Calmbach ununterbrochen. Die Bäume waren voller Schnee, recht uns links schimmerte alles weiß, und ununterbrochen fielen die Flocken auf die Straße herunter.
Ich fuhr zügig und gleichmäßig, aber nicht zu schnell, ging mit Bedacht in die Kurven und war völlig baff, als ich auf der langen und geraden Strecke war, die früher zwischen den militärischen Anlagen entlangführte. Nun erhoben sich dort keine Baracken mehr und gab es keine Stacheldrahtverhaue; stattdessen hatte man Windräder errichtet.
In der Nacht drehten sich die Rotoren auch. Rote Lichter flammten über den Wald, rechts und links der Straße stach ihr Licht durch den Schnee. Es sah aus, als bewegte ich mich auf einen Landeplatz von Ufos zu.
Und dann hatte ich Gegenverkehr. Das Auto selbst war zu weit entfernt – aber ein grellweißer Lichtkegel tauchte auf einmal auf, wurde größer und größer. Und so hatte ich das schwarze Band der Straße, rechts und links die Bäume in weiß, das Schneetreiben über mir, die roten Lichter der Rotoren und das grelle Licht der Scheinwerfer, die offensichtlich noch auf Fernlicht eingestellt waren.
Verrückt!, dachte ich und staunte. Das sieht aus wie im Film. Und ich bereute, dass ich fuhr und die Szenerie nicht mit einer Kamera aufzeichnen konnte.
12 März 2026
Ein Bier auf dem Stadtfest
Im Sommer 1985 war ich auf dem Sommernachtsfest in Freudenstadt unterwegs; an diesem Samstagabend waren Tausende von Leuten auf dem Marktplatz und in seinen Nebenstraßen unterwegs. Mein Kollege Karl-Heinz Kuball, den alle nur »Charly« nannten, schoss Fotos, während ich versuchte, aus den vielen Begegnungen eine Reportage für die »Südwest-Presse« zu machen.
Irgendwann setzten wir uns an einen Biertisch, zusammen mit anderen Leuten, die wir kannten. Ich war gerade mal 21 Jahre alt, auch Charly war nur knapp über dreißig, obwohl er mir unglaublich erfahren vorkam. Entsprechend feuchtfröhlich ging es in unserer Umgebung zu, auch wenn wir ständig über die Plastikbecher spotteten, aus denen wir unser Alpirsbacher Klosterbräu tranken.
Charly hatte seine Kamera eigentlich längst weggepackt. Dann aber holte er sie heraus, fummelte immer wieder an ihr herum, und als ich einen tiefen Schluck aus meinem Becher nahm, riss er die Kamera hoch und fotografierte mich.
Als wir uns am Sonntag in den Räumlichkeiten der Redaktion trafen, saß ich vor allem an der Schreibmaschine und tippte meine Berichte, während Charly in der Dunkelkamme seine Abzüge der besten Fotos herstellte. Später drückte er mir einen großformatigen Abzug in die Hand.
»Da«, sagte er, »ein Souvenir aus Freudenstadt; ist ganz gut geworden.« Da konnte ich ihm nicht widersprechen.
06 November 2025
Kampfjacken auf Vinyl
»Was ist denn da drin?«, fragte Rode und zeigte auf die Tüte.
Ich hob sie an. »Eine LP natürlich. Von einer neuen Band, die ich klasse finde; von denen ist auch mein aktuelles Lieblingslied.«
»Ein Lieblingslied von dir?« Er sah mich skeptisch an. »Ist das wieder so ein Krach? Oder eher so etwas wie das da?«
Der DJ hatte ein Stück aufgelegt, das ich vom Radio her kannte; irgendetwas von Uriah Heep, zu dem die älteren Besucher der Disco die Haare wehen ließen. Auf der Tanzfläche tummelten sich gut zwei Dutzend Leute, durchaus gemischt: einige in unserem Alter und sogar jüngere Mädchen, aber auch einige Typen, die deutlich über zwanzig waren.
»Nein, das ist schon so, dass man dazu tanzen kann. Die Band heißt Mau Mau, und das Stück, das ich mag, geht echt in die Füße.«
»Dann bring die Platte doch dem DJ; der legt sie garantiert auf.«
Das war durchaus üblich. Wenn man im Jugendzentrum wollte, dass Musik gespielt wurde, die man selbst mochte, musste man eine Platte oder Kassette mitbringen. Ich nickte. Den ganzen Abend hatte ich eigentlich nichts anderes vor; ich wollte, dass auch mal »meine« Musik lief.
Also ging ich an das »Fenster«. So nannten wir die Durchreiche, von der aus der DJ einen Blick auf die Tanzfläche hatte, während wir zusehen konnten, wie er die Platten auflegte. Ich reichte ihm die Platte, wir wechselten ein paar Worte, ich nannte ihm das Stück, er sah mich sehr zweifelnd an, nickte dann aber doch.
Nervös ging ich zu meinem Platz zurück. Auf Uriah Heep kam ein populäres Stück von Visage oder sonst einer dieser Plastik-Bands, die in diesen Tagen das Radioprogramm bestimmten. Das Publikum auf der Tanzfläche wechselte teilweise: Einige der Älteren gingen, dafür kamen einige Jüngere, die vergleichsweise teure Klamotten anhatten.
»Oh, die Junge Union traut sich auch mal wieder zu uns«, raunte Rode, und wir lachten gehässig.
Das New-Romantic-Stück war vorüber, und der hektische Rhythmus begann, den ich so schätzte. Die Gitarre zirpte und zappelte, das Schlagzeug klopfte hektisch, und der Sänger versuchte nicht einmal, großartig zu singen, sondern haute seine Stakkato-Sätze raus.
»Wir tragen keine Kampfjacken mehr!«, dröhnte es aus den Boxen. War das Neue Deutsche Welle, oder war das Punk? Eigentlich klang es ein bisschen wie Funk, aber auch das passte nicht. Ich fand das Stück großartig und mochte die ganze Platte sehr.
Ich war begeistert, wahrscheinlich grinste ich bis über beide Ohren. Ich zappelte ein wenig herum, traute mich aber nicht auf die Tanzfläche. Ich wäre sowieso der einzige gewesen; innerhalb von wenigen Sekunden leerte sich die Fläche. Weder die jungen Leute mit den schicken Klamotten noch die Alternativen hatten ihre Freude an der Band und dem zackig gespielten Stück.
Der DJ sah dem Treiben eine Weile zu. Er nahm Blickkontakt zu mir auf und hob die Schultern an. Ich nickte nur. Die ersten Leute murrten; sie ärgerten sich über die Musik. Langsam wurde das Stück leiser, der DJ dimmte es herunter.
Ich verstand und ging zu ihm, während das nächste Stück anfing. Es lief »Bicycle Race« von Queen, und die Tanzfläche füllte sich rasend schnell wieder.
Der DJ beugte sich zu mir herunter. »Dein Zeugs will niemand hören!«, rief er so deutlich, dass es die Umstehenden trotz der Musik hören konnten.
Ich nickte erneut. Wieder einmal hatte ich verloren.
23 Oktober 2025
Ein Anstecker aus Russland
(Ganz anders die verschiedenen Fraktionen aus Rumänien, die sich gegenseitig als Feinde behandelten, obwohl sie im gleichen Reisebus nach Freudenstadt kamen. Aber das ist eine andere Geschichte, die viel über Politik und Revolution aussagt.)
Einige der Fans aus Russland hatten durchaus Probleme mit dem Geld. Sie hatten wohl ihr russisches Geld in westliche Währungen eingetauscht, was aber nicht weit reichte. Also hatten sie in ihrer Heimat allerlei Produkte angefertigt, die sie auf dem Con verkauften. Unter anderem brachten sie Merchandise zum FreuCon mit, ohne uns vorher groß zu fragen, und boten es an ihrem Verkaufsstand an.
Ich war einigermaßen verblüfft, als ich das sah. Das Logo hatten sie einem Bild von Frans Stummer entnommen, natürlich auch, ohne diesen zu fragen. Ich war allerdings nicht sauer und fand das Engagement sehr nett. Immerhin schenkten sie mir einige Anstecker für meine private Sammlung – und einen davon hielt ich dieser Tage wieder einmal in der Hand. Den halte ich seit all dieser Zeit in Ehren, und ich finde ihn immer noch schön.
Als ich die russischen Fans drei Jahre später auf dem WorldCon in Glasgow wieder traf, veranstalteten sie eine Room Party; offensichtlich hatte sich das Problem mit westlichen Währungen gelöst. Sie füllten mich derart mit russischem Wodka ab, dass ich danach nicht mehr geradeaus gucken konnte. Aber das ist auch eine andere Geschichte.
Über den Anstecker freute ich mich. Immer noch! Sie waren sehr nett, diese russischen Science-Fiction-Fans, positiv und aufgeschlossen ...
14 August 2025
Dilettantische Werbung
Besonders schön zeigt das die Werbung, die ich für die Ausgabe drei meines Fanzines produzierte und die in verschiedenen Fanzines veröffentlicht wurde. Aus Gründen, die mir heute nicht mehr einleuchten, glaubte ich offenbar, besonders viele Informationen in dicht gedrängter Schreibweise auf eine Seite packen zu müssen, das wiederum garnierte ich mit einem schlecht reingeklebten Bild und einer Schreibmaschine, die kein brillantes Schriftbild erzeugen konnte.
Der Werbespruch an sich war gut: »SAGITTARIUS setzt neue Maßstäbe« – vielleicht hätte man es bei den rein werblichen Aussagen lassen sollen. Aber ich brauche mich nicht zu sehr zu grämen: Schaue ich mir andere Anzeigen an, die in meiner fannischen Vergangenheit produziert worden sind, sehen die ebenfalls nicht gerade aus, als hätten die jeweiligen Fanzinemacher viel Ahnung von grafischer Gestaltung gehabt …
13 August 2025
Lektüre im Keller
Vom Marktplatz aus spazierten wir zum Kaufhaus, wo uns später mein Vater mit dem Auto abholen würde – er hatte gegen 16 Uhr Feierabend und kam von der Baustelle. In Zeiten ohne Telefon mussten solche Verabredungen exakt sein, und sie wurden auch exakt eingehalten.
An diesem Tag traf sich meine Mutter mit einer anderen Frau, die sie seit langem kannte. Gemeinsam gingen sie – ich stets im Schlepptau – ins Café des Kaufhauses. Dort saßen wir zu dritt an einem Tisch: Die beiden Frauen tranken Kaffee und unterhielten sich über gemeinsame Bekannte, ich aß ein Stück des leckeren Apfelkuchens.
Anfangs war ich damit beschäftigt, die prächtige Einrichtung zu bewundern. Das Café war schick, zumindest für eine kleine Stadt wie die unsere. Es war mit viel Holz eingerichtet, Messing glänzte, und der Fußboden schimmerte in schwarz und weiß. Die Bedienungen trugen weiße Blusen und schwarze Röcke, dazu Schürzen mit Stickereien.
Irgendwann langweilte ich mich. Weil ich ohnehin pinkeln musste, fragte ich meine Mutter, ob ich aufs Klo gehen könnte. Sie zeigte mir den Weg zur Toilette – »da vor, dann die Treppe hinunter«, bevor sie mich mit wichtigen Ermahnungen, ich solle nicht so schnell laufen, gehen ließ.
Während ich durch das Café ging, sah ich staunend den Leuten zu. Die meisten waren gut gekleidet; die Männer trugen Anzüge, die Frauen ihre schönsten Kleider. Wenn man in ein Café ging, zog man sich »anständig« an; so war das in den späten 60er-Jahren.
Weil ich mir das Lesen schon selbst beigebracht hatte, obwohl ich noch nicht in die Schule ging, las ich alles, was Buchstaben hatte. Ich entzifferte große Werbeaufdrucke und freute mich darüber, das Schild »Toiletten« ebenfalls lesen zu können. Ich ging die Stufen hinunter, meine Schritte hallten in dem großen Treppenhaus wider. Dort betrat ich den Bereich, der für Männer vorgesehen war.
Direkt nach dem Eingang hing ein Automat an der Wand, mit dem sich ein Mann herumplagte. Er schlug gegen die Seite des Automaten, er schimpfte wütend. Anscheinend hatte er Geld hineingesteckt, es war aber nichts herausgekommen. Als er mich sah, verstummte er.
Ich betrat eine Kabine. Weil ich noch zu klein für die Pissoirs war, die von den Erwachsenen genutzt wurden, hatte mir meine Mutter beigebracht, mich im »großen Klo« so hinzustellen, dass ich die Schüssel traf und nichts daneben ging.
Während ich mein Geschäft verrichte, hörte ich den Mann am Automaten schimpfen. Ich verstand einige der Kraftausdrücke, mehr nicht; dann schlug er gegen den Automaten und ging mit stampfenden Schritten die Treppe hinauf.
Nachdem ich in der Kabine alles erledigt hatte, wusch ich mir die Hände am Waschbecken, das für meine Größe viel zu hoch angebracht war. Dann bummelte ich neugierig zu dem Automaten hinüber, über den der Mann sich so aufgeregt hatte.
Auf dem Automaten stand in großen Buchstaben das Wort »Hygiene«. Das verstand ich, es ging also um Sauberkeit. Meine Mutter redete auch von »Hygiene«, wenn sie mich ermahnte, die Hände mit Seife zu waschen. Die bunten Bilder auf dem Automaten verstand ich nicht, ich erkannte aber, dass eines der silbernen Fächer unten offen stand.
Ich zog es vollends auf und hatte auf einmal eine Packung in der Hand. Sie war bunt bedruckt, und wieder stand etwas von »Hygiene« darauf. Das sah interessant aus, vielleicht war das etwas, das wir auch daheim benutzen konnten. Wenn man es schon vor der Toilette in einem Automaten anbot ...
Als ich von oben Schritte hörte – es kam also jemand die Treppe herunter! –, steckte ich die Packung spontan in die Hosentasche. Dann machte ich, dass ich aus dem Keller hinauskam.
Ich eilte in die obere Etage und ging schnell zu dem Tisch, wo meine Mutter sich immer noch mit der anderen Frau unterhielt. Dass ich länger weggeblieben war als üblich, schien sie nicht bemerkt zu haben.
»Guck mal, Mama«, sagte ich stolz und trat näher an den Tisch heran. »Ich hab dir was mitgebracht.«
Und mit einer Geste, mit der ich sonst vielleicht ein Geschenk zum Geburtstag übergeben würde, legte ich die Packung mit Kondomen auf den Tisch, genau zwischen meine Mutter und die mir unbekannte Frau.
12 Mai 2025
Saskia aus Calw
Das kann natürlich nicht sein; sie trat erst in die SPD ein, als ich die Partei schon verlassen hatte. Theoretisch hätten wir uns trotzdem über den Weg laufen müssen: Sie wuchs in Renningen auf, wo ich oft war – dort wohnte Günther Freunek, und wir machten zusammen Fanzines –, sie engagierte sich im Jugendzentrum Weil der Stadt, das ich auch kannte, und sie tourte mit einer Gitarre als Straßenmusikerin herum.
Ich habe sie aber nie bewusst kennengelernt, kann nichts über sie persönlich sagen und weiß nicht einzuschätzen, wie ihre Rolle in der SPD ist und war. Ich stelle nur fest, dass ich sie aufgrund ihrer Biografie durchaus sympathisch fand. Solche Entwicklungen, wie Esken sie durchlebte, sind und waren mir ja nie fremd.
Die Art und Weise, wie die Partei mit ihr umgeht, finde ich trotzdem schäbig. Ich habe die SPD schon lange nicht mehr gewählt und kann mir nicht vorstellen, das mal wieder zu tun. Eine Partei, die ihren sozialen Kern verloren hat, ist für mich nicht mehr interessant. Und eine Partei, die sichtlich versucht, eine engagierte Sozialdemokratin an den Rand zu drängen – die Motive kenne ich nicht, sie sind mir letztlich egal –, verhält sich schäbig.
15 November 2024
Klassentreffen gut verlaufen
Entsprechend neugierig und gespannt war ich auf das Treffen nach fünfzig Jahren. Von ehemals mehr als vierzig Schülern fanden sich rund zwei Dutzend ein, was ich ganz gut fand. Wir trafen uns beim Dorfmuseum, das beim alten Fruchtspeicher errichtet worden war und sich längst zu einem Ensemble von Gebäuden entwickelt hatte.
Ich stellte fest: Die Leute, mit denen ich als Kind befreundet gewesen war, erkannte ich zumeist schnell wieder. »Manne« und »Bettle« hatten nicht nur ihre Spitznamen aus der Grundschule behalten, ich hatte auch gleich wieder einen Draht zu ihnen. »Der Raser« hieß immer noch so, aber bei anderen hatte ich starke Probleme: Wie passte der schmächtige Junge von damals, der hellblonde Haare gehabt hatte, mit dem großen, breitschultrigen Mann von heute zusammen, dessen Haare dunkel waren?
Im Verlauf des Abends – wir wechselten irgendwann vom Dorfmuseum in eine Pizzeria und noch später wieder zurück – unterhielt ich mich mit allen. Unser Klassenlehrer von damals war dabei, das Klassenbuch von damals ging um, und wir frischten gemeinsam Erinnerungen auf. Bei manchen Leuten gelang mir das nicht; ich hatte keinen Bezug mehr zu ihnen, und nicht mal der Blick auf das Klassenfoto von damals half wirklich weiter.
Aber es war ein wunderbarer Nachmittag und ein ebenso wunderbarer Abend! Wir lachten viel, wir waren zwischendurch ein bisschen wehmütig – eine Freundin von damals war schon gestorben –, und wir redeten nicht nur über die Vergangenheit, sondern ebenso über die Gegenwart und die Zukunft. Vor allem nahmen wir uns vor, das nächste Treffen nicht erst wieder in fünfzig Jahren zu veranstalten …
14 November 2024
Spaziergang durchs Dorf
Einen Spaziergang durch das Dorf hatte ich zuletzt im vergangenen Jahrhundert absolviert, und so war es fast eine Premiere für mich – nach all den Jahren und Jahrzehnten, die ich nun in Karlsruhe wohne. An jedem Haus und an jeder Abbiegung überfielen mich die Erinnerungen.
»Ach, hier stand doch einmal das alte Backhaus«, überlegte ich mir, als ich an einer kleinen Grünfläche vorüberging. »Und dort war das Konsumgeschäft, in das später ein Mann einzog, den alle ein wenig seltsam fanden. Und an dieser Ecke trat mir einmal ein größerer Junge in den Bauch, weil ich seiner Ansicht nach etwas Falsches gesagt hatte.«
So keimte an jeder Ecke die Erinnerung. Ich spazierte den Weg hinunter, der in den Wintermonaten gelegentlich unsere Schlittenbahn gewesen war. Ich sah das Gebäude des Kindergartens, in dessen Fundamenten wir gespielt hatten, und ich staunte über das moderne Gebäude, das sich an der Stelle erhob, wo einmal die Molkerei gestanden hatte.
Bei einem alten Haus wusste ich noch, dass sich hier die Tankstelle befunden hatte, bei einem anderen Haus erinnerte ich mich an das »A&O«-Geschäft im Erdgeschoss, wo ich mein erstes »Tom Berry«-Heft kaufen durfte. Es war ein einziges Staunen und Erinnern – und ich war zeitweise wieder der kleine Junge, für den das Dorf im Schwarzwald die ganze Welt bedeutet hatte.
30 September 2024
Fünfzig Jahre sind ganz schön lang
Einer meiner Klassenkameraden aus der Grundschule meldete sich; er hatte meine Adresse über meine Schwester herausgefunden. Man wolle ein Treffen veranstalten, und dazu wurde ich ebenso eingeladen wie alle anderen. Eine Kopie des Klassenfotos war beigefügt – aufgenommen war es im Frühjahr 1973 geworden, also zu Beginn der vierten Klasse.
1974 hatte sich unsere Klasse aufgelöst, von damals 41 Schülern gingen fünf aufs Gymnasium, darunter ich, einige auf die Realschule, die meisten auf die Hauptschule. Mit einigen hielt ich den Kontakt, man traf sich ja immer wieder auf der Dorfstraße, bei Festen oder im Schulbus. Aber ab der Mitte der 80er-Jahre wurden die Kontakte dünner, dann verschwanden sie. Es ist Jahrzehnte her, seit ich diese Leute zuletzt gesehen habe.
Und jetzt? Es ist fünfzig Jahre her. Ich habe mich in diesen Jahrzehnten mehrmals verändert, die anderen sicher auch. Haben wir uns etwas zu sagen? Wie sind die heute drauf? Komme ich mit Freunden von früher eigentlich klar?
Doch je länger ich über das Thema nachdenke, desto klarer wird mir: Ich freue mich auf das Treffen. Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit, aus den Kindern von damals sind alte Leute geworden – das möchte ich mir nicht entgehen lassen!
01 Juli 2024
Krawall und Erinnerung
Ich überlegte lang, und mir fiel keine vernünftige Antwort ein. Klar hatten wir Konflikte: In der dritten Klasse hatten wir einen »Klassenkrieg« mit den Viertklässlern, in der vierten Klasse dann mit den Drittklässlern. Da wurde halt mal geschubst oder jemand mit Schnee »eingeseift«. Sicher nicht nett, wenn man sich's im Nachhinein überlegt, aber in einem Rahmen, der keine Eltern aufschreckte.
Und im Gymnasium? Ich bekam auf einem Schulfest einmal völlig grundlos eine »zentriert« und lag mit blutender Nase auf dem Boden. Der Angreifer war besoffen. Niemand kam auf die Idee, deshalb die Polizei zu rufen, und die Lehrer informierte auch niemand. Das war alles.
Körperliche Auseinandersetzungen gab es, als ich Jugendlicher war, eigentlich nur außerhalb der Schule. Mit »Halbstarken« aller Art, mit sogenannten Mofarockern, mit türkischen Jugendlichen oder später eben auch Dorfnazis. Aber schulintern? Ich erinnerte mich an Nichts. Keine Schlachten, kein fieses Mobbing, nichts. (Okay, kann sein, dass ich der fiese Mobber war und mich deshalb nicht mehr erinnere ...)
»Wir waren wohl alle brav«, behauptete ich dann. Was sicher nicht stimmt. Vielleicht kann man ja von »harmlos« sprechen ...
02 Februar 2024
Breck und die Enzyklopädie
»Magst du wirklich keinen Cognac?«, fragte Breck meine Mutter und hob eine Flasche hoch, in der eine braune Flüssigkeit schimmerte.
Sie wehrte ab. »Nein, nein« sagt sie in dem breiten Schwäbisch, das bei uns auf dem Dorf üblich war. »Ich muss heute abend ja noch kochen.«
Breck war ein netter Typ, der in der Firma arbeitete, für die meine Mutter als Putzfrau für saubere Büros sorgte. Seine lockigen Haare fielen ihm in den Nacken, seine gepflegten Hände waren ununterbrochen in Bewegung, und wenn er sprach, klang sein Deutsch geradezu fein im Gegensatz zu unserem groben Dialekt. Nichts deutete darauf hin, dass er aus Jugoslawien kam.
»Magst du noch etwas?«, fragte er mich. Mir hatte er ein Glas mit Apfelsaft angeboten, und daran nippte ich immer mal wieder.
Auch ich winkte ab. Es war mein erster Besuch bei Breck, und ich fühlte mich unsicher. Hinter ihm erhob sich ein weißer Schrank, dessen Regale von oben bis unten mit dicken Büchern vollgestellt waren. Für mich, der am liebsten in der Dorfbücherei stöberte, sah das sehr aufregend aus. Was waren das wohl für Bücher, was stand in ihnen drin?
Eigentlich hätte ich Hausaufgaben für die Schule machen müssen. Nach dem Mittagsunterricht war ich zu der Firma gegangen, wo meine Mutter putzte. Dort war ich herumgesessen, hatte gelesen und darauf gewartet, dass sie Feierabend machte. Meist holte uns dann mein Vater gemeinsam ab, nachdem er aus der Fabrik gekommen war. An diesem späten Nachmittag hatte uns Breck mitgenommen und zu seiner Wohnung gebracht, die am Rand der Stadt lag – dort sollte uns nun mein Vater einsammeln.
Breck erkannte wohl meinen Blick. »Magst du Bücher?«, fragte er.
Ich nickte. Meine Mutter sekundierte: »Der Junge liest ein Buch nach dem anderen. Ich weiß auch nicht, wo er das her hat.«
Breck nickte zu dem Regal hinüber. »Du kannst dich gerne umschauen.«
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ohne mich um den Blick meiner Mutter zu kümmern, die mein Verhalten vielleicht aufdringlich fand, stand ich auf und eilte um den Tisch herum. Dann stand ich vor dem Regal, staunte über die dicken Bücher und fuhr mit den Fingern an ihrem Rücken entlang. Es waren schöne Hardcover-Bände, teilweise in Leder gebunden, und jedes von ihnen zeigte, dass es teuer war.
»Die sind besser aus als die bei uns in der Dorfbücherei«, sagte ich andächtig.
Auf einmal stand Breck neben mir. »Das sind sie auch«, bestätigte er. »Guck mal hier. Ich habe die Encyclopaedia Britannica abonniert, da kommt jetzt immer wieder ein neues Buch heraus – und das wird eine wertvolle Sammlung von Lexika.« Er zog ein dickleibiges Werk aus dem Regal und reichte es mir.
Die Seiten waren mit einem Goldrand versehen und klebten noch zusammen. Andächtig blätterte ich das Buch durch, löst vorsichtig die Seiten voneinander. Ich war eindeutig der erste Mensch, der es aufblätterte. Es war ein Lexikon, die Einträge waren in englischer Sprache, wofür mein Schulenglisch nicht ausreichte.
»Liest du das?«, fragte meine Mutter, die sitzen geblieben war.
Breck schüttelte den Kopf. »Das ist ja ein Nachschlagewerk. Da gucke ich nach, wenn ich etwas wissen möchte. Es ist das beste Lexikon der Welt, besser als der Brockhaus.«
»Wenn du es nicht liest, ist es doch Geldverschwendung, so etwas zu kaufen«, wollte ich sagen, verkniff es mir aber. Langsam stellte ich das Buch zurück.
Ich blätterte weiter durch die Hardcover-Bände, die das weiße Regal füllten. Dabei stieß ich auf eine Reihe mit historischen Sachbüchern, auch diese in einem eleganten Layout, sehr teuer gestaltet und garantiert noch nie aufgeblättert. Während ich damit begann, eine Seite zu lesen, vergaß ich die Welt um mich.
»Wenn du willst, kannst du dir davon eines ausleihen«, schlug Breck vor.
Ich nickte begeistert. Meine Mutter erhob noch Einwände; ihr war das Buch sichtlich zu teuer, und sie hatte wohl Angst, dass ich es beschädigen könnte. Breck drückte mir das Sachbuch in die Hand, in dem es um die Eroberung Nordamerikas durch englische und französische Kolonisten ging, und ließ sich von meiner Mutter in ein Gespräch über Kollegen verwickeln.
Wie im Traum setzte ich mich in den Sessel und las. Irgendwann klingelte es an der Tür, und mein Vater holte uns ab. Bei der Heimfahrt war meine Mutter auffallend ruhig. Sie schimpfte nicht einmal mit mir, obwohl ich das erwartet hatte – es gehörte sich für einen Jungen ja nicht, sich in den Vordergrund zu spielen –, und ich saß auf dem Rücksitz und las andächtig.
Wann immer ich in den folgenden Monaten zu Breck kam, blätterte ich in einem Band der Encyclopaedia Britannica, wobei ich jedes Mal aufs Neue begeistert war, lieh mir aber dann lieber eines der historischen Bücher aus. Ich hatte kein schlechtes Gewissen dabei: Bereits bei dieser ersten Begegnung hatte ich verstanden, dass Breck die Bücher nicht las; ihm genügte es, sie im Regal stehen zu haben.
Aber ich war gefangen …
31 Januar 2024
Piccolo beim Frisör
Und so war es für ihn ganz praktisch, seinen Sohn einzusammeln, wenn er gerade eh »auf Montage« unterwegs war, und ihn zum Haareschneiden beim Frisör abzusetzen. Einen Termin brauchte man nicht, »der Bua« konnte sich gut beschäftigen, und wenn mein Vater dann endlich Feierabend hatte, packte er mich in seinen VW-Käfer, begutachtete den neuen Haarschnitt und fuhr mit mir nach Hause.
Warum ich gerne zum Frisör ging und kein Problem damit hatte, stundenlang herumzusitzen? Des Rätsels Lösung: Der Frisör hatte einen Tisch, auf dem die aktuelle Tageszeitung sowie einige Zeitschriften lagen. Darunter aber war ein Fach, und in diesem stapelte er Comic-Hefte. Es waren schmale Hefte, für die ich damals keinen speziellen Begriff kannte – erst später erfuhr ich, dass es sich um sogenannte Piccolos handelte.
Und was waren das für Schätze! Es gab »Akim« und »Sigurd«, vor allem aber »Tibor«. Die Auswahl wechselte, jedes Mal lagen andere Hefte herum, und mir war die Reihenfolge völlig egal. Ich griff nach einem »Sigurd«, vertiefte mich in ein Abenteuer des tapferen Ritters und war dann für einige Zeit in einer anderen Welt.
Am meisten fesselte mich aber »Tibor«. Dabei handelte sich um einen Dschungelhelden, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet war und als einzige Waffe einen Dolch mit sich führte. Er konnte mit den Tieren sprechen – heute würde man sagen, dass es ein »Tarzan«-Abklatsch war –, schlug sich aber auch mit Dinosauriern oder Außerirdischen herum. Im bunten Reigen der Abenteuer gab es eine obskure Mixtur aus Fantasy und Science Fiction, die mein kindliches Hirn wohl für lange Zeit prägte.
Irgendwann sagte mir der Frisör, der damals schon sehr alt war, sicher über sechzig Jahre: »Die Hefte sind von meinem Sohn. Der hat eine ganze Kiste davon, und er mag sie nicht mehr. Wenn du willst, kannst du sie alle haben.«
Ich war faszinierend und begeistert, meine Eltern waren es weniger. Sie wollten nicht, dass ihr Sohn zu sehr durch die »Schundhefte« verdorben wurde. Wenn ich sie beim Frisör las, war das in Ordnung, daheim haben wollte man sie nicht. Also bekam ich nie die große Piccolo-Sammlung des Frisörs.
Das Staunen über die phantastischen Geschichten und das Eintauchen in die fremde Welt der Ritter und Dschungelhelden – das sollte mir bleiben. Und so denke ich oft an den Frisör, der nie erfahren sollte, was er mit seinen Lektüre-Stapeln bei mir anrichtete …
21 Dezember 2023
Post vor Weihnachten
Seit einiger Zeit aber bekam ich mehr Post als jeder andere Mensch in unserem Weg. Das schien ihn zu verwirren. Es konnte also durchaus geschehen, dass er mir – wenn ich gerade im Hof stand – die Briefe in die Hand drückte und mir sagte, »der Bully hat wieder geschrieben«. Dann wusste ich, dass ich eine neue Postsendung von »Bullys Schreibtisch« bekommen hatte, einem der Science-Fiction-Clubs, in denen ich neuerdings Mitglied war.
An jenem Tag vor Weihnachten war allerdings einiges anders. Oder aber: Es war wie immer, nur mit Abweichungen. Die Nachbarn mochten den Postboten, und so bekam er überall im Dorf an diesem Tag seine Geschenke. An einem Haus gab’s eine Schokolade, ein Bauer überreichte ihm ein Stück Speck, eine Frau überraschte ihn mit selbstgestrickten Handschuhen.
Und immer wieder bekam er einen Schnaps ausgegeben, »oin uff da Weg«, wie man so schön sagte. Da wir am Ortsrand wohnten, waren unser Weg immer der letzte, durch den er kam, und nach unserem Haus ging er heim. Normalerweise war seine Route gegen ein Uhr beendet, an diesem Tag vor Weihnachten kam er gegen fünf Uhr mittags an.
Es war schon dunkel, und als sich ein schwankender Mann unserem Haus näherte, rief meine Mutter erschrocken. »Der Postler kommt.« Sie hatte recht. Es schneite leicht, die Flocken wirbelten um ihm. Er näherte sich der Treppe zu unserer Haustür, und fast wäre er hingefallen.
Meine Mutter öffnete die Tür. »So kannst du nicht weitermachen«, sagte sie streng.
Der Postbote lehnte an der Wand, sein Gesicht war verzogen. »Ich hab Post für euren Jungen«, lallte er und pustete uns seinen Atem ins Gesicht, der nach Schnaps roch, »nur für den«. Er hielt ein Bündel Papier in der Hand. »Eine Postkarte aus Darmstadt, irgendwas zu Weihnachten, irgendein Heft in einem Umschlag, zwei Briefe, bei denen ich nicht wissen will, worum’s da geht.«
»Es geht dich ja auch nichts an«, sagte meine Mutter tadelnd.
»Aber interessant ist es trotzdem.«
Fast wäre der Mann an der Wand heruntergerutscht. Ich nahm ihm die Post ab, dann packten meine Mutter und ich zu und schleppten ihn in die Küche. Dort war es warm. Die Kleidung des Postboten glänzte feucht, seit Stunden stapfte er durch Schnee und Eis. Wasser tropfte von seinen Schuhen, er dampfte.
»Guck nicht so!«, fuhr sie ihn an. »Du kriegst hier keinen Schnaps mehr.«
»Ich will auch keinen mehr. Ich will nicht so viel saufen, aber sie drängen’s mir ja auf.«
»Dann sag halt nein.«
»Du weißt selbst, wie schwer das in so einem Flecken ist.« Wir sagten nicht »Dorf«, wir sagten »Flecken«, was eher wie »Flegga« ausgesproche wurde. Der Postler atmete schwer. »Hast du mir einen Tee?«
»Zufällig.« Meine Mutter stellte eine Tasse vor ihn hin, schenkte ihm den Tee ein, den sie einige Minuten zuvor gemacht hatte. »Ohne ein Schnäpsle darin«, sagte sie und schob ihm die Tasse zu.
Er trank. Nüchtern wurde er davon nicht. Er rutschte zur Seite. Ich sah ihm an, er würde bald einschlafen, inmitten unserer Küche.
»Wenn der Vater heimkommt, wird er sich wundern«, spottete meine Mutter.
Zu der Zeit arbeitete mein Vater auf einer Baustelle; es würde sicher sechs Uhr oder später werden, bis er bei uns auftauchen würde. Dann brauchte er sein warmes Bier und sein Vesper, um wieder zu Kräften zu kommen. Bei dem Wetter würde er völlig durchgefroren sein.
»Trink deinen Tee«, sagte meine Mutter, »und dann gehst du heim zu deiner Frau.«
Der Postler nickte. »Die Leute sind alle nett, aber ich will nicht so viel saufen.«
Meine Mutter gab es auf. »Dann lass es. Niemand zwingt dich.«
»Hast du eine Ahnung.«
Eine Viertelstunde später stand er wieder im Hof. Der Postbote taumelte immer noch, aber er schien zu wissen, welche Richtung er einzuschlagen hatte. Der Schnee fiel in dicken Flocken vom Himmel; die Straße war weiß.
»Schöne Weihnachten!«, wünschte meine Mutter.
Der Briefträger drehte sich noch einmal um. »Danke, dir auch.« Er lachte. »Auch wenn du geizig bist. Ein Schnäpsle hättest du mir ja geben können, wenn ich doch immer so viel Post für deinen Bub bringe.«
14 Dezember 2023
Das JuZ-Info
Und leider weiß ich auch nicht mehr, wann zum ersten Mal das sogenannte JuZ-Info erschien. Dabei handelte es sich um ein A4-Blatt, das doppelseitig beschrieben und kopiert wurde. Die Mitglieder des Fördervereins bekamen es mit der Post geschickt, wir Jugendlichen erhielten es im Jugendzentrum.
Hielt ich mich im Jugendzentrum auf, was immer häufiger der Fall wahr, las ich das JuZ-Info immer gern. Es enthält Informationen zu besonderen Aktionen oder kommenden Konzerten, es wurde aber auch eine Menge an Quatsch und Unsinn verbreitet. Als »Redaktion« zeichnete niemand mit Namen verantwortlich, aber es war klar, dass andere Jugendliche dahintersteckten und die JuZ-Verantwortlichen nur den Druck und den Vertrieb übernahmen.
Weil mich Ende der 70er- und zu Beginn der 80er-Jahre das Machen von Zeitschriften immer mehr faszinierte, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich selbst am JuZ-Info mitmachen durfte. Meist saßen wir einmal in der Woche zusammen: drei Jugendliche, manchmal vier, allesamt Jungs, und zeitweise kamen wir aus dem gleichen Dorf, kannten uns also schon seit der Grundschule.
Die ernsthaften Themen hatten wir schnell erledigt: Konzerte, Veranstaltungen, allgemeine Informationen. Dann kam der Quatsch. Wir erzählten vom Wetter und machten Witze, die wir unglaublich lustig fanden. Vermutlich würde ich die Witze heute als peinlich empfinden.
Vor allem nannten wir uns »Redaxion«, nicht »Redaktion«. In einer Zeit, in der man von »Comix« und »Punx« schrieb, schien uns das angemessen. Es fehlte allerdings nicht an Leuten, die uns schrieben und uns auf den offenkundigen Fehler aufmerksam machten.
Im Nachhinein weiß ich nicht einmal, an wie vielen Ausgaben des JuZ-Info ich mitwirkte. War es ein Dutzend, waren es zwanzig Ausgaben? Irgendwann verlor ich die Lust und ging nicht mehr zu den Treffen, und irgendwann gab es auch kein JuZ-Info mehr.
Und leider habe ich damals versäumt, eines der Blätter aufzubewahren. Das wären heute schöne Erinnerungen an eine Zeit, die sich so unbeschwert anfühlte.
09 März 2023
Schnee im Dorf
Man vergisst gelegentlich, wie viel Schnee es früher gab. Ich erinnere mich an Szenen aus meiner Kindheit, die mir heute fast schon apokalyptisch vorkamen.
Es schneite so sehr, dass wir mit dem Schippen nicht nachkamen – wir schippten die Einfahrt frei, dann den Weg in den Garten und zur Kellertreppe. Und wenn wir damit fertig waren, fingen wir von vorne an.
Der Schwarzwald war im Winter schon anstrengend. Aus nachvollziehbaren Gründen kam aber niemand auf die Idee, dabei zu fotografieren. Warum auch? Dafür war ja keine Zeit.
Das Foto ist nicht so alt, es stammt aus dem Januar 1999. Es zeigt meine Schwester Andrea, die versucht, die Hof- und die Garageneinfahrt freizuschaufeln. Fotografiert wurde wahrscheinlich von meiner Mutter.
02 März 2023
SAGITTARIUS 17 kam 1987
Das Titelbild stammte von Rainer Schorm, mit dem ich seit einigen Jahren auch beruflich zusammenarbeite – damals trat er vor allem als Grafiker auf. Die exklusive Kurzgeschichte stammte von Uschi Zietsch, die vor allem unter ihrem Pseudonym Susan Schwartz bekannt ist und mit der ich seit gut dreißig Jahren zusammenarbeite. Das konnte man 1987 noch nicht ahnen.
Für das sehr ordentliche Layout zeichnete Günther Freunek verantwortlich, Armin Reichrath schaffte Anzeigen herbei, ohne die wir unser Heft nicht hätte finanzieren können, meine Schwester Andrea kümmerte sich um die Buchhaltung, und Walter Arweiler sorgte sich um vertriebliche Fragen und steuerte wichtige Inhalte bei. Wir waren uns nicht immer einig, um es vorsichtig anzudeuten, aber es kam ein ordentliches Heft heraus.
Wobei sich Artikel wie »Mit Computerpower in die Zukunft« mit dem Unterschied einiger Jahrzehnte schon skurril lesen. Was damals ein Blick in die Zukunft war, ist heute veraltet. Aber schon damals spotteten wir, die Zukunft sei nicht mehr das, was sie einmal gewesen sei ...
27 Februar 2023
Der FreuCon III vor vierzig Jahren
Vom 25. zum 27. Februar 1983 nutzte wir den obersten Stock der ehemaligen Schule das offizielle Con-Gebäude. Uns standen mehrere Klassenzimmer zur Verfügung, eines davon hatte ich selbst genutzt, dazu der Flur und die Aula, in der früher der Musik-Unterricht stattgefunden hatte. Wie viele Besucher sich einfanden, ist nicht mehr ganz klar: irgendwas zwischen 100 und 200 Leuten. Es wurden nicht so viele, wie ich erhofft hatte, aber es waren auch nicht so wenige wie bei vorherigen Cons in Freudenstadt.
Bei den Vorbereitungen hatte mich Udo Popp stark unterstützt. Er hatte die Infoblätter gestaltet und wollte aktiv am Programm mitwirken. Leider starb er wenige Wochen zuvor ganz plötzlich. Das schockierte mich damals sehr.
An seiner Stelle platzierte sich ein junger Fan aus Darmstadt in der Organisation: Hermann Ritter kümmerte sich nicht nur darum, dass Stühle transportiert wurden – ein Schwank, den er seitdem Jahr für Jahr erzählte –, sondern war auch für die Kasse verantwortlich.
Je länger ich über den FreuCon III nachdenke, desto mehr fällt mir ein. Unglaublich, dass diese Ereignisse schon vierzig Jahre her sein sollen!












