20 Juni 2018

Als Ultravox! noch ihr Ausrufezeichen hatten

Die Band Ultravox wurde in den 80er-Jahren vor allem durch ihren Synthie-Pop bekannt, Stücke wie »Vienna« laufen nach wie vor im Radio, sie wurden zu großen Hits. Als die Band noch ein Ausrufezeichen im Bandnamen hatte und von ihrem Sänger John Foxx geprägt wurde, machte sie Punkrock, und die Platte »ha! – ha! – ha!« ist nach wie vor eine meiner liebsten Schallplatten.

Ich habe natürlich nicht die original-englische Pressung von 1977, sondern eine deutsche Pressung von Island Records, die 1977 veröffentlicht wurde und die ich irgendwann 1979 oder 1980 kaufte. Ich höre sie immer wieder an und finde sie immer noch unfassbar gut. (Es ist die womöglich zweitbeste englische Punk-Platte des Jahres 1977, wobei die beste natürlich immer noch die von The Damned ist.)

Auf der »ha! – ha! – ha!« zeigen Ultravox! verschiedene Stilrichtungen: Mit Stücken wie »Rockwrok« – so richtig geschrieben! – oder »Frozen Ones« liefern sie Punk-Kracher, die bis heute als Blaupause für Punkrock dienen können, schnell und rotzig und mit einer knalligen Melodie, bei denen ich sofort herumspringen möchte.

Genial finde ich immer noch »Hiroshima Mon Amour«, ein episches und trauriges Stück, das man schon in die New-Wave-Ecke stecken kann, ebenso »Man Who Dies Every Day«: ein manisch hämmerndes Schlagzeug, der Stakkatogesang von John Foxx, die treibend-scheppernde Gitarre – das ist immer noch große Klasse. Die Stücke sind dabei nicht kurz; nur acht Lieder sind auf der Platte – für eine Punk-Band sind Lieder, die fünf Minuten lang sind, auch völlig unüblich.

Dazu kommen die Industrial-Elemente. Maschinenlärm mischt sich in die Stücke, die Gitarre klingt zwischendurch fürchterlich verzerrt, monströse Geräusche wabern durch die Melodien. Bei »Distant Smile« wird die Gitarre metallisch gespielt – aber eben nicht so wie bei einer Metal-Band, sondern messerscharf und mit einem fiesen Unterton.

Ultravox! machten 1977 eben nicht nur eine typische Punkrock-Platte, sondern sie schrieben Stücke, die über das Jahr hinausreichten. Höre ich mir die Platte heute an, stelle ich immer wieder fest, wie zeitlos sie klingt. Großartig!

Eine Blonde und ein großer Hund als Comic

Heutzutage ist es keine Sensation mehr, wenn der Comic-Künstler Hermann einen neuen Comic-Band veröffentlicht. In den 80er-Jahren war das Grund genug, sich mit den anderen Comic-Fans darüber auszutauschen und sich an den starken Zeichnungen zu berauschen. Comics haben mittlerweile eine Qualität, dass das Alleinstellungsmerkmal eines Hermann-Bandes nicht mehr existiert.

Mir fiel das an einem ganz wichtigen Punkt auf: Bereits 2014 erschien der Band »Eine Blonde und ein großer Hund«; es ist Band 33 der »Jeremiah«-Serie, ich kaufte ihn, und ich las ihn erst dieser Tage. Das wäre mir früher nicht geschehen; früher wäre so ein Comic bei mir keinen Tag gealtert oder in einem Stapel gelandet.

Und wenn ich heute auf die Seite von Kult Editionen blicke, dem Verlag, der die Serie veröffentlicht, fällt mir mit schamrotem Gesicht auf, wie viele Hermann-Comics ich in jüngster Zeit verpasst habe. Das muss ich alles nachholen ...

Denn wenngleich die ach so gute alte Zeit nicht mehr zurückkommen wird, zeigt auch dieser Band, warum ich die Serie so schätze: Die Dialoge sind lakonisch und trocken, die Figuren verhalten sich in dieser seltsam vertrauten Science-Fiction-Welt recht glaubhaft, und die Geschichte wird spannend erzählt.

Wieder geht es um Jeremiah, der in einer Stadt strandet. Sein Freund Kurdy ist verschwunden, Jeremiah sucht nach Informationen; es gibt eine seltsame Frau, die in dieser Stadt offenbar wichtig ist, und nur langsam passen alle Details für unseren Helden – und den Leser – so einigermaßen zusammen.

Die Bilder beeindrucken mich immer noch: Nebel, Schlick und Dreck füllen sie aus. Kämpfe werden erbarmungslos ausgetragen, es geht hart zur Sache. Trotzdem hat die Story einen leicht ironischen Unterton. Immerhin ist die Idee, dass Jeremiah zum Gespielin einer reichen Blondine werden soll, für sich schon schräg genug ...

Ich mag die düstere Zukunftswelt, die Hermann seit Jahrzehnten mit seinem »Jeremiah« beschreibt, und freue mich schon auf die nächsten Bände dieser Serie. Dass dieser Band 33 nicht mehr den »Boa hey«-Effekt bei mir auslöst wie die ersten zehn Bände, liegt wohl in der Natur der Sache.

(Dass viele Kritiker dem Künstler vorwerfen, er habe seinen Zenit überschritten, dürfte ihm völlig egal sein. Wer seine großen Zeiten in den 70er- und 80er-Jahren hatte, dürfte darüber in diesem Jahrzehnt nur müde lächeln.)

19 Juni 2018

Die Jenseitsinsel zum zweiten Mal

Im November 2004 erschien »Die Jenseitsinsel«, ein Fantasy-Kurzroman, den ich in der phantastischen Welt Magira ansiedelte. (Was Magira ist und welche Rolle ich dort spiele, erkläre ich an dieser Stelle nicht.) Der Roman wurde als kleines Taschenbuch veröffentlicht, die Auflage dürfte im niedrigen dreistelligen Bereich liegen – im Buchhandel konnte man das Büchlein nie kaufen.

Weil ich meine Magira-Geschichten allesamt in einem Buch bündeln und veröffentlichen möchte, arbeite ich sie in diesem Jahr noch einmal durch. Bei der »Jenseitsinsel« hieß das auch, auf die neue Rechtschreibung umzustellen, der ich mich 2004 noch verweigerte. Mittlerweile wäre ein Widerstand dieser Art in meinen Augen eher kindisch und wenig erfolgversprechend.

Nach vierzehn Jahren fallen mir natürlich auch andere Dinge auf. Wortwiederholungen bleiben immer mal wieder stehen, die kann ich entfernen; Füllwörter und unnötige Halbsätze gibt es anscheinend trotz gründlicher Bearbeitung. So gehe ich eben sehr sorgfältig durch das Manuskript und ändere, was zu ändern ist.

Dabei stelle ich fest, dass mir de Kurzroman tatsächlich noch gefällt. Schon klar, ich bin subjektiv; alles andere wäre sehr überraschend. Aber »Die Jenseitsinsel«, ein Text von der Länge eines Heftromans, funktioniert in meinen Augen nach wie vor sehr gut.

Und das ist dann ein echtes Selbst-Kompliment!

18 Juni 2018

Werner mit neuem Start?

In den frühen 80er-Jahren gehörten die »Werner«-Comics zur Grundausstattung meiner Sozialisation. Ich fand die Comic-Bände zwar nicht gerade supergut gezeichnet, mochte aber den seltsamen Humor der knollennasigen Helden. Sprüche wie »Bescheid« oder »Tass Kaff« wurden von vielen jungen Leuten benutzt, auch von mir.

Während der Bundeswehrzeit, die ich größtenteils verdrängt habe, lagen immer »Werner«-Comics auf der Stube. Sie wurden so oft und so lange gelesen, bis sie zerfleddert waren. »Werner« gehörte dazu, und das große Rennen im Jahr 1988 bekam ich aus der Ferne mit – zu jener Zeit reizten mich aber weder die Comic-Figur noch ihr Zeichner noch.

Das ist alles lange her. Einem Artikel in der »Brand Eins« – dieses Magazin empfehle ich immer –, der bereits im April erschienen war, den ich aber erst dieser Tage lesen konnte, entnehme ich, dass es Rötger Feldmann immer noch gibt, dass er mit bald siebzig Jahren an einem neuen »Werner«-Abenteuer arbeitet und dass das große Rennen wiederholt werden soll. Ein gelungener Artikel, den man glücklicherweise jetzt online nachlesen kann.

Es ändert nichts: »Werner« ist für mich kein Thema mehr. Die 80er-Jahre sind, zumindest was diese Comic-Figur angeht, komplett Geschichte. Die alten Storys funktionieren für mich nicht mehr, und eine Neuauflage reizt auch nicht. Aber ich freue mich, wenn es Feldmann noch einmal schafft und neu durchstartet. Dann halt ohne mich ...

17 Juni 2018

Der zweite Tag ist halt gemütlicher

Der Sonntag, 17. Juni 2018, ist deutlich ruhiger für mich als der vorherige Tag: Auf dem LiteraturCamp in Heidelberg ist die Luft nicht mehr so drückend und heiß, sondern deutlich angenehmer. Auch der Stress durch Vorträge und Sessions ist für mich ein wenig geringer. Das führt dazu, dass ich mehr Einzelgespräche führen kann.

Ich weiß beispielsweise nicht, wann ich mich zuletzt mit Jürgen Eglseer so lange und gut unterhalten habe. Er ist Verlagsleiter und Inhaber des Amrun-Verlages, in dem viele Fantasy- und Romance-Romane erscheinen; wir tauschten allerlei Erfahrungen und Informationen aus, was ich sehr interessant fand.

Ich sprach mit dem Autor Martin Krist und anderen Autoren und Verlagsleuten; ich nutzte die Chance, immer wieder Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Das LiteraturCamp ist eine Veranstaltung, die spontan und unverbindlich wirkt, in der das Miteinander und Durcheinander zum Programm gehört, in der auch Lebenshilfe und Überlebenstipps für Literaturleute im Zentrum stehen.

(Das Bild zeigt den Außenbereich des LiteraturCamps während der Mittagspause. Jürgen Eglseer ist der Mann im beigefarbenen T-Shirt rechts im Bild.)

16 Juni 2018

Diskussionen über Literatur (und so)

Ich bin an diesem Samstag zum dritten Mal in meinem Leben auf dem Literatur-Camp in Heidelberg. Und ich stelle fest, dass es durchaus schwierig ist, Außenstehenden zu erklären, was man da eigentlich macht. (Sieht man davon ab, dass ich herumsitze und herumstehe, irrsinnig viel rede, vor mich hin schwitze, gelegentlich schreibe und viel Wasser trinke.)

Aus meiner Warte ist das LitCamp HD, wie man es gut abkürzen kann, eine wunderschöne Gelegenheit, über die verschiedensten Varianten von Literatur zu sprechen. Ich rede mit Bloggerinnen und Autoren, mit Verlagsleuten und Personen, die als Dienstleister tätig sind. Und wir alle interessieren uns für Literatur im weitesten Sinn.

Weil die Bandbreite an Themen so groß ist und zehn Programmpunkte – oder »Sessions«, wie es hier heißt – parallel laufen, kann ich unmöglich alles wahrnehmen. Also picke ich heraus und nutze vor allem die Pausen, um viel zu reden und Leute zu treffen.

In einer Session informierten zwei Frauen aus dem Carlsen-Verlag über Impress – ein Imprint bei Carlsen – und ihre Versuche, eine jugendliche Zielgruppe für ihre Bücher zu verteidigen. Das fand ich spannend. In einer anderen Session erfuhr ich viel über aktuelle Romane, in denen »emotionaler Missbrauch« als Thema gibt.

Das alles ist interessant und bereichert meine Kenntnisse über den Literaturbetrieb. Allein dafür lohnt sich eine Anreise für mich.

15 Juni 2018

Zwei Engländer im P8

Die Frau neben mir war textsicher und enthusiastisch zugleich. Lauthals sang sie mit, euphorisch klatschte sie in die Hände. Ich stand neben ihr, grinste bis hinter die Ohren, wippte auf und ab und freute mich.

Dann stieß sie mich an. »Hey, mach mit!«, rief sie mir zu. »Mach doch auch Stimmung!«

Verwirrt guckte ich auf sie hinunter. »Wieso Klatschen?«, fragte ich verwundert. Sie drehte sich empört zur Seite und hielt mich wahrscheinlich für einen grauenhaft langweiligen Spießer.

Dabei brauchte man meiner Ansicht nach keine zusätzliche Stimmung machen. An diesem Donnerstag, 14. Juni 2018, stand TV Smith auf der Bühne; mit seiner Klampfe sorgte er im gut besuchten »P8« in Karlsruhe für einen grandiosen Abend. Unterstützt wurde er von Vom Ritchie, der im wirklichen Leben als Schlagzeuger für die Toten Hosen arbeitet, an diesem Abend aber den auf einem rudimentären Mini-Schlagzeug trommelte.

Der Schlagzeuger hatte sicher für zusätzliches Publikum gesorgt. Neben dem üblichen Volk, das man bei subkulturellen Konzerten in Karlsruhe sieht, waren gut zwei Dutzend Leute anwesend, die eher wie Hosen-Fans wirkten. Der guten Laune schadete das sicher nicht.

TV Smith, den ich schon oft live gesehen hatte, überzeugte an diesem Abend durch einen sehr punkigen Auftritt. Er spielte seine Stücke energisch und kraftvoll, seine Ansagen waren eher kurz, und am Ende bretterte er die Adverts-Klassiker aus dem Jahr 1977 mit voller Wucht ins Publikum.

Wir jubelten und johlten, ich bewegte sogar meinen Hintern ein wenig und war völlig begeistert. Das Konzert war definitiv »mehr Punk« als viele andere, die ich im Verlauf der Jahrzehnte gesehen hatte: zwei Musiker, die sich gut verstanden und sichtlich viel Spaß hatten, und ein euphorisches Publikum, dessen Beifall am Ende kaum enden wollte.

14 Juni 2018

Klappkonn-Impressionen aus Hessen

Im März 1985 reiste ich per Anhalter nach Ehringshausen, einer Landgemeinde nördlich von Frankfurt. Dort fand der Klappkonn statt, also ein Treffen eines eines Science-Fiction-Clubs – die genaue Herleitung des Begriffs möchte ich an dieser Stelle nicht auswalzen. Mit dabei waren viele andere Fans, und ich verbrachte ein recht amüsantes und gelungenes Wochenende mit vielen Gesprächen über Science Fiction sowie über Gott und die Welt.

Zur Unterhaltung der Besucher – wir waren vielleicht zwei Dutzend Leute – standen unter anderem ein Computer und eine Schreibmaschine zur Verfügung. Der Computer wurde zumeist dazu benutzt, irgendwelche Spiele darauf zu spielen. Dass man damit auch schreiben könnte, war 1985 noch kein weit verbreitetes Thema.

Auf der Schreibmaschine wurden die Impressionen getippt: Wer immer wollte, setzte sich daran und schrieb irgendwelche Gedanken nieder. War man fertig, ließ man das Blatt in der Maschine, und eine andere Person schrieb weiter.

Aus diesen Texten entstand ein Fanzine, das den schönen Titel »Klappkonn-Impressionen« trug und das ich dieser Tage in den Händen hielt. Es finden sich verwirrende Texte darin, die ich heute beim besten Willen nicht mehr verstehe, darüber hinaus Berichte – auch von mir – und Text-Experimente.

Viktor Pavel machte Tonbandaufnahmen, die dokumentiert wurden; der heutige Profi-Schriftsteller Achim Mehnert war mit Texten vertreten. Tatsächlich ist das Fanzine ein Zeitdokument, dessen Inhalte sich heutigen Leserinnen und Lesern kaum noch erschließen dürften. Nicht einmal ich verstehe über den Abgrund der Zeit hinweg alle Anspielungen ...

13 Juni 2018

1994 in Darmstadt

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Es muss Ende 1994 gewesen sein, so genau lässt sich das kaum noch festmachen. In Darmstadt spielten in der Öttinger Villa die großartigen Lokalmatadore und die nicht minder großartigen Klamydia aus Finnland. Zusammen mit Freunden aus Heidelberg fuhr ich auf das Konzert, um später in Darmstadt zu übernachten.

Dabei entstand auch ein Foto, das für die damalige Zeit irgendwie typisch ist: Ich stand vor dem Konzert herum und redete viel zu viel Zeug. Ich trank zudem Bier und verkaufte irgendwelche Schmierblättert. Später gab es extrem schweißtreibenden Pogo, vor allem deshalb schweißtreibend, weil in dem Konzertraum skurrilerweise die Heizung aufgedreht worden war ...

Das Bild ist ein Ausschnitt; die Person, mit der ich auf dem Komplettbild spreche, kenne ich nicht. Und ich könnte mir vorstellen, dass es ihr nicht recht wäre, nach 24 Jahren mit dem »Outfit von damals« ohne Rückfrage gezeigt zu werden.

(Auffallend an dem Bild ist übrigens eines: Damals hatte ich keinen Bauch. Das scheint doch irgendwie mit dem Alter zusammenzuhängen und mit dem vielen Bier, das ich seitdem getrunken habe.)

12 Juni 2018

Israel im Zeitschriften-Blick

Bereits im Mai ist die Ausgabe 336 der »Informationen zur politischen Bildung« erschienen. Das Heft erscheint vierteljährlich, ich habe es seit vielen Jahren abonniert und empfinde es immer wieder als lehrreich.

Es gibt Hefte, die blättere ich nur, und es gibt Hefte, die lese ich komplett. Die Ausgabe 336 zum Thema Israel las ich von vorne bis hinten. Veröffentlicht wurde es von der Bundeszentrale für politische Bildung, verschiedene Autorinnen und Autoren lieferten die Artikel.

Ausführlich wird die Geschichte des Staates erzählt, von seiner Gründung bis zur heutigen Zeit. Die einzelnen Bevölkerungsgruppen werden vorgestellt, Kultur und Musik kommen vor. Auch die Probleme in den besetzten Gebieten werden thematisiert, ebenso das Verhältnis zu den Minderheiten im Land.

Insgesamt richtet das 84 Seiten starke Heft einen positiven Blick auf Israel – das kommt meiner persönlichen Weltsicht entgegen. Aber es liefert genügend Fakten und Quellenhinweise, so dass man weitergehende Recherchen anstellen kann. Ich empfand die Lektüre als angenehm unideologisch und an den Fakten orientiert.

Das Gute an dem Heft: Man kann es kostenlos als Print-Produkt erhalten und auf der Internet-Seite der Bundeszentrale ebenso kostenlos herunterladen. Dort kann man zudem einzelne Artikel anlesen. Lohnenswert!

11 Juni 2018

Familiengeschichten aus den fünfziger Jahren

Ganz ehrlich: Wenn jemand von der Comic-Serie »Mausi und Paul« (im Original hieß sie »Modeste et Pompon«) noch nie etwas gehört hat, braucht er oder sie sich nicht zu grämen. Im deutschsprachigen Raum errang die Serie keine große Popularität, obwohl sie von André Franquin stammt. Dessen Serien »Spirou & Fantasio« und »Gaston« sind allerdings auch – das muss ich gleich eingangs sagen – wesentlich besser.

Bei »Mausi und Paul« handelt es sich um eine Serie von Einseitern, die in der Zeitschrift »Tintin« erschienen. Das junge Paar erlebt allerlei Abenteuer im Alltag; in den Geschichten geht es also um die Verwandtschaft und die Nachbarn, um Autos und Gärten, um Radios und Schallplattenspielern. Die beiden Helden sind alterslos; man kann sie sich als junge Erwachsene vorstellen, aber Genaueres erfahren die Leser nicht.

Im Carlsen-Verlag sind unter dem Titel »Die gesammelten Abenteuer von Mausi und Paul« alle Geschichten erschienen, die der Künstler von 1955 bis 1959 zu diesem Paar zeichnete, unterstützt übrigens von berühmten Textern wie René Goscinny, Greg oder Peyo. Sowohl die Zeichnungen als auch die Texte sind dabei klar im Ausdruck, die Pointen sitzen sauber – das ist alles ziemlich klasse. Für den heutigen Geschmack sind manche Witze natürlich veraltet und zu harmlos, aber das schadet nicht.

Dass man anhand von Comics und Romanen sehr viel vom jeweiligen Zeitgeist einfangen kann, beweisen die Comics aufs Vorzüglichste. Kleidung und Autos, das jeweilige Verhalten und Freizeitvergnügen, Kunst und Alltagsgegenstände – in zahlreichen Details fing Franquin das ein, was in den fünfziger Jahren modern war. Es macht Spaß, den Comic-Band nach solchen Aspekten zu durchstöbern.

Die redaktionellen Ergänzungen sind dabei durchaus hilfreich. Im aktuellen Fall nehmen sie gut achtzig Seiten ein: Die Artikel beleuchten die Entstehung der Comics, sie zeigen das zeitgeschichtliche Umfeld, und sie weisen auf Details hin, die einem »normalen Leser« kaum auffallen. Ich lese solche Hintergründe gern, weil sie eine Gesamtausgabe dieser Art massiv aufwerten.

Mit »Mausi und Paul« liegt eine wunderbare Gesamtausgabe vor, die vor allem einen Künstler und sein Werk präsentiert. Wer eine Freude an dieser Art von Comic-Klassikern hat, sollte hier unbedingt zugreifen.

Street Level von 1980

Wann genau ich die Platte mit dem Titel »Street Level« kaufte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Es muss zu Beginn der 80er-Jahre sein; wahrscheinlich lag sie in einer der »Unter 10 Mark«-Kisten in der »Lerche« in Stuttgart, wo ich bei jedem Besuch in der Landeshauptstadt fündig wurde. Als die erste  Wave- und NdW-Welle rum war, konnte man da schöne Schnäppchen machen.

»Street Level« trägt den tollen Untertitel »20 New Wave Hits«, erschien 1980 und enthält tatsächlich nur Hits; kein einziger Ausfall für mich bis heute. Klar ... was man da so unter New Wave verstand, ist durchaus diskutabel. Trotzdem hörte ich die Platte bestimmt tausend Mal an und legte sie gern in den 80er-Jahren auf, wenn ich im Jugendzentrum »Murgtäler Hof« als DJ aktiv wurde.

Mit den Sex Pistols, den Buzzcocks, den Dickies oder den Plasmatics waren bekannte Punk-Bands vertreten, von denen auch knallige Stücke genommen wurden. Über »Street Level« lernte ich The Skids kennen, deren »Circus Games« ich immer noch großartig finde. Ähnliches gilt für Gary Numan, der zu den ersten »Wave«-Leuten gehörte, die ich mochte, ebenso John Foxx.

Die Stranglers wurden zumindest zum Punk gerechnet, auch wenn sie's streng genommen nie waren. Ihr »No More Heroes« hätte ich sicher auf so eine Platte gepackt. Das gleiche gilt für Blondie oder Public Image Ltd. – die Band zählten zu dieser Szene allerdings schon dazu. Und die Boomtown Rats fingen immerhin als Punk-Band an.

Kniffliger wurde es schon mit Bands wie den Pretenders oder Ian Dury; das zählte für mich nie zu Punk oder Wave, gehörte allerdings zeitlich zu den frischen Bands und Einzelkünstlern, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahren an meine Ohren drangen. Aber die Tom Robinson Band? Oder die Nick Straker Band?

Die Auswahl der Stücke und Bands war also durchaus diskussionswürdig. Aber es war kein einziger Ausfall dabei. Als ich die Platte nach langen Jahren wieder aus dem Schrank fischte und auflegte, hörte ich sie wirklich tagelang. Es waren und sind wirklich zwanzig Hits, und ich liebte sie alle immer noch.

10 Juni 2018

An der Bücherschütte

Nach langer Zeit bin ich mal wieder im »Kaufland« in Karlsruhe, um dort einzukaufen. Ich bereue diesen Entschluss spätestens nach einer Viertelstunde: Der Markt ist völlig überfüllt, und ich finde mich nicht mehr zurecht. Da nützt es auch nicht, dass die Abteilung mit Alkoholika hervorragend strukturiert ist.

Bei den Zeitschriften gibt es eine Schütte mit preisreduzierten Taschenbüchern. Während ich ein wenig bei den Zeitschriften stöbere, um zu sehen, wo »meine« Titel stehen, lausche ich dem Gespräch der Menschen, die sich mit den Büchern beschäftigen.

Vor allem ein Paar fällt auf. Sie ist Mitte dreißig, er Mitte vierzig – zumindest wirken sie so. Beide machen keinen unsympathischen Eindruck.

»Das ist echt ein Spottpreis«, sagt sie und hält einen Roman in der Hand. »Der kostet nur vier Euro, da kannst du echt nichts sagen.«

Der Mann betrachtet das Buch ebenfalls. »Im Laden würde der 9,90 Euro kosten – das ist hier echt viel billiger.«

»Wir sollten einfach mal wieder ein paar Bücher mitnehmen«, schlägt sie vor. »Bei dem Preis kann man ja echt nichts falsch machen.«

Sie nehmen die unterschiedlichsten Bücher heraus: Krimis, Liebesromane, sogar phantastische Literatur. Sie diskutieren über die Titelbilder und Klappentexte. Und ich verkneife mir, mich einzumischen und ihnen etwas von Buchpreisbindung und »Ramsch« zu erzählen, sondern gehe rasch weiter. Ich hoffe, das Paar hat viele Romane gekauft und damit dann viel Freude gehabt!

09 Juni 2018

Beginn mit einem Kyss

»Romance hat ein neues Zuhause« – so titelt der Rowohlt-Verlag auf seiner Werbung für ein neues Label. Unter dem neuen Untertitel »Kyss« möchte man sich ab dem Herbst 2018 mit romantischen Romanen ein weiteres Standbein verschaffen. Geplant sind offenbar Serien, und man möchte mit massiver Werbung in das neue Marktsegment vorstoßen.

Die klare Aussage aus der Informationsbroschüre: »Jeder vierte Paperback-Bestseller ist heute eine Romance.« Das glaube ich sofort, auch ohne dass ich mir die Paperback-Bestsellerliste regelmäßig anschaue. Der Verlag setzt in diesem Fall auf einen Trend, und damit handeln die Verantwortlichen sicher richtig.

Spannend finde ich eines: Man möchte künftig auch andere Genres anbieten. Zumindest schrieb das die Fachzeitschrift »buchreport.express«. Historicals und Romantasy sind geplant, für 2019 soll auch Erotik kommen. Für Genre-Leser und Fantasy-Fans gibt's also künftig einen weiteren Verlag, auf den man achten sollte …

08 Juni 2018

Human Abfall aus Stuttgart

Zu den vielen Bands, die in den vergangenen Jahren aus der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg gekommen sind, zählen Human Abfall. Trotz des Namens macht die Band keinen knalligen Deutschpunk (mehr), sondern orientiert sich mehr in Richtung Noise-Rock oder »Alternative« – dazu mag die räumliche Nähe zu erfolgreichen Bands wie Die Nerven beitragen.

Veröffentlicht wurde die Platte im Spätjahr 2013; die Stücke sind eingängig und rhythmisch. Die lakonischen Texte in deutscher Sprache sind eingängig und erinnern manchmal an die frühesten Tage der Neuen Deutschen Welle.

Wer sich einen Titel wie »Von Biebern und den Bohrern« ausdenkt, ist sowieso auf einem sehr skurrilen Dampfer unterwegs. Das Stück beginnt schleppend, steigert sich dann und endet in einem rasanten Pogo-Rhythmus.

Klar – das ist alles kein Deutschpunk, wie man ihn kennt, und hat wenig mit den gängigen Punkrock-Moden zu tun. Die Band klingt eigenständig, manchmal sperrig, dann wieder recht flott. Die Platte halte ich für gelungen.

Bands wie Human Abfall zeigen, dass man altbekannte Muster durchaus neu interpretieren kann, sowohl der Melodien als auch der Texte. Auf der EP »SNG« findet sich nicht gerade ein Hit, die Platte macht aber richtig Spaß. Lohnenswert!

Panorama eines Dorfes im Dauerregen

Einer der Autoren, die ich vom Namen her seit Jahrzehnten kenne, von denen ich aber noch nie etwas gelesen habe, ist Gabriel Garcia Marquez. Der Mann erhielt 1982 den Nobelpreis für Literatur, seine Romane standen in den 80er- und 90er-Jahren immer wieder auf den Bestsellerlisten, und sie wurden mir oft empfohlen.

Im Urlaub nahm ich mir einen dünnen Roman von ihm vor, den ich recht schnell durchlas: »Die böse Stunde« ist eines der früheren Werke des Schriftstellers, bereits 1962 erstmals veröffentlicht. Anhand eines namenlosen Dorfes stellt er vor, wie Korruption und Machtgier in einer abgelegenen Region in Südamerika die Menschen im Griff haben, während der Tropenregen auf die Häuser herunterprasselt.

Offenbar gab es vor kurzer Zeit einen Militärputsch. Der Bürgermeister ist ein Offizier, der mit einigen uniformierten Banditen das Dorf regiert – einige Menschen gehören zur Opposition und wissen, dass sie jederzeit umgebracht werden können. Es gibt klare Klassenunterschiede, der Pfarrer spielt sein eigenes Spiel, und verschiedene Hetzschriften werden in Umlauf gebracht.

Alle Figuren umkreisen sich gewissermaßen. In der schwülen Hitze sind alle träge und auch aggressiv. Sex und Gewalt brechen auf, ein Gefangener im Polizeigewahrsam bekommt einige Tage lang einfach nichts zu essen, verkaufte Esel sterben unter merkwürdigen Umständen. Das Dorf und seine Bewohner leben unter einer Glocke des Grauens.

Mit 229 großzügig bedruckten Seiten ist der Roman schnell gelesen, und ich folgte der Handlung mit großem Interesse. Das Gesellschaftsbild, das der Autor entwirft, ist spannend und grausig, die Geschichte kann ich mir auch in einem Film sehr gut darstellen.

Im Roman nervte mich so manches. Nicht die Tatsache, dass es keine klare Hauptfigur ist und die Handlung buchstäblich von Kopf zu Kopf springt – das ist in diesem Fall ein Stilmittel und absolut nachvollziehbar. Auch dass keine einzige Figur im Roman vorkommt, die man mag, störte mich nicht im geringsten.

Nervend fand ich, dass die Absätze und Dialoge teilweise völlig erratisch gestaltet sind. Entweder hat das Lektorat »schon damals« geschlampert, oder man dachte bei der Übersetzung, man dürfe einen Literaten von Weltrang nicht lektorieren – teilweise ist nicht klar, wer was sagt, und das ist dann ganz eindeutig nicht »künstlerisch gewollt«, sondern schlichtweg falsch.

Alles in allem fand ich »Die böse Stunde« nicht schlecht, aber eben auch nicht gut. Das Taschenbuch kam nach erfolgte Lektüre direkt in den Bücherschrank bei uns in der Weststadt, wo es hoffentlich jemandem in die Hände fällt, der es eher schätzen wird als ich. Und ich überlege mir, ob ich Marquez mal wieder eine Chance geben soll ...

07 Juni 2018

Goldfieber 1982

Im Spätsommer 1982 hatte ich wohl einen Anfall von Schreibwut; es entstanden unglaublich viele kurze Texte. Vieles davon waren Fingerübungen in Sachen Science Fiction; ich schrieb Dialoge und Szenen, um herauszufinden, was für mich funktionierte. Davon ist nichts erhalten geblieben, ich warf diese Übungen allesamt weg.

Aber ich schrieb auch haufenweise Gedichte, allesamt per Hand, wahrscheinlich in der Schule und während des Unterrichts. Daheim tippte ich sie mit der Kofferschreibmaschine ab – allein am 23. September 1982 tippte ich gut ein Dutzend Gedichte auf A4-Blätter.

Eines dieser Blätter nahm ich mir dieser Tage vor. Die meisten Texte  sind sehr jugendlich, sehr »ausprobierend«. Manche finde ich tatsächlich nicht schlecht, und »Goldfieber« gehört dazu. Deshalb bietet es sich an, diesen Text heute zu präsentieren.

Goldfieber

Überall in den Bächen
glitzert es nach Gold;
das Goldfieber bricht aus
und erfasst alle Menschen.

Auch ich suche
nach den Schätzen,
doch ich finde nur
leere Blechbüchsen,
die im Wasser wie
Gold aussehen.

06 Juni 2018

Wie eine Institution zur Marke wird

Bei der Firma DSP handelt es sich um eine Agentur, mit der ich seit vielen Jahren zusammenarbeite – nicht privat, sondern in meiner Funktion als Redakteur. Weil ich mich immer freue, wenn ich etwas mitbekomme, das meinen Horizont erweitert, freute ich mich sehr darüber, eine Einladung zu einer Veranstaltung am Dienstagabend, 5. Juni 2018, zu erhalten.

Ich war einigermaßen neugierig, als ich am frühen Abend in Ettlingen eintraf. Die Temperaturen waren tropisch, die Getränke immerhin gut gekühlt. Das Thema der Veranstaltung klang ein wenig sperrig: »Was macht eine Kulturinstituion zur Marke?« Tatsächlich stellte sich das Ganze als unterhaltsam und informativ heraus.

Als Referentin war Dominika Szope eingeladen worden. Sie ist die Leiterin Kommunikation und Marketing im ZKM Karlsruhe, damit verantwortlich für die Außendarstellung einer weltweit auftretenden Organisation. Ihren Vortrag übertitelten die Veranstalter mit »Digitale Wende: Kulturmarketing im 21. Jahrhundert«.

Obwohl ich das ZKM ja durchaus kenne und schon gelegentlich dort bin, erfuhr ich viele neue Dinge: Wie werden Kommunikationskanäle genutzt, wie wird eine App-Ausstellung auf Reisen geschickt, wie werden Künstler, Studenten, die Wirtschaft und die Sozialen Medien in die Öffentlichkeitsarbeit eingebunden? Die Marketingfrau stellte verschiedene Beispiele dar, was ich alles sehr interessant fand.

Dem Vortrag schloss sich das gemütliche Beisammensein an. Ich futterte vegane Burger und trank – wegen des Wetters – lieber Limonade und kein Bier. Dabei hätte es auch leckere Gin-Tonic und andere Cocktails und Longdrinks gegeben. Aber eben nicht, wenn man bei über dreißig Grad in der Abendsonne steht und danach mit dem Auto heimfahren will ...

Ich lernte Menschen kennen, die in völlig anderen Branchen arbeiten; wir plauderten über die Arbeit, über das ZKM, über gemeinsame Bekannte oder auch die Schwierigkeiten, die sich bei der Arbeit ergeben. Als ich nach Hause fuhr, hatten wir immer noch 26 Grad, obwohl es langsam dämmerte, und ich hatte den Kopf voller neuer Eindrücke.

Ganz klar: Wenn DSP die Veranstaltungsreihe fortsetzt und ich die Chance habe, noch einmal hinzukommen, werde ich das sicher tun. Mehr Input kann dem Hirn ja nicht schaden ...

05 Juni 2018

Zwei Wochen ganz schön frisch

Ich war im Urlaub. Zwei Wochen lang, also fast ... Und ich flog nach Teneriffa, wo ich 2004 zuletzt gewesen war – damals war es ein Schreiburlaub, und ich hatte mich in ein Drei-Sterne-Hotel in Puerto de la Cruz einquartiert. Diesmal sollte es ein fauler Strandurlaub werden, also buchten wir einen Fünf-Sterne-Palast im Südwesten der Insel – für erstaunlich wenig Geld.

Das Hotel nannte sich »Palacio de Isora« und gehörte zur »Gran Mélia«-Gruppe, ein ziemlich schick aussehendes Hotel, das ziemlich allein stand. Es erhob sich am Rand des Dorfes Alcála, das sehr klein und unscheinbar ist.

Kleine Cafés, einige Restaurants und Pensionen – das war's so ziemlich. Allein deshalb war mir das alles sehr recht; vom Trubel eines touristischen Ortes blieben wir weitestgehend verschont.

Aus Gründen, die ich auch nicht so richtig nachvollziehen kann, hatten wir ein Zimmer in komplett zentraler Lage, mit direktem Blick auf den Infinity Pool und hinüber nach La Gomera. Das Zimmer war vergleichsweise groß, der Balkon ebenso. Mit dem Essen war ich mehr als zufrieden, und die musikalische Unterhaltung am Abend konnte man umgehen, in dem man einen Spaziergang unternahm.

Vor dem Hotel lag das Ufer, von dort aus spazierten wir ins Dorf oder zu einer der nahegelegenen Buchten; alles in allem empfand ich alles als sehr erholsam und ruhig. Zu schwitzen gab es nicht viel. Während der Süden Deutschlands unter einer Hitzeglocke lag, hatten wir an unserem Urlaubsort zwischen 17 und 21 Grad im Schnitt; tagsüber wurde es durchaus einmal heiß, aber weil ein strammer Wind ständig Wolken über die Insel scheuchte, war es auch oft kühl.

Ich fühlte mich rundum wohl. Ich las viel, ich ignorierte die Nachrichten. Weil wir keinen Computer dabei hatten und das Handy nur checkten, um zu schauen, ob jemand eine schlimme Nachricht geschickt hätte, bekam ich nichts von dem ganzen Polit-Generve der vergangenen zwei Wochen mit. Das und die frische Luft dürften zum Erholungserfolg beigetragen haben ...

04 Juni 2018

Eine Tagung und eine Veröffentlichung

Im vergangenen Herbst wurde in der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel die »weltweit erste Eschbach-Tagung« veranstaltet, an der ich auch teilnahm. Am Samstag traf das Belegexemplar des Tagungsbandes bei mir ein, und darüber freute ich mich sehr.

Andreas Eschbach ist ein Autor, den ich fachlich wie menschlich schätze. Seine Romane sind bestes Lesefutter im positiven Sinn, und immer wieder bringt er Themen auf die Bestsellerlisten, die nicht unbedingt jedermanns Geschmack sind. (Das Ende des Öl-Booms ist ein harmloses Thema, die Hardcore-Christen in den USA sind schon ein wenig heikler, und beim Thema Selbstjustiz sorgte der Autor für kontroverse Diskussionen.)

Viele Aspekte seines Werks wurden während der Tagung beleuchtet. Ich sprach vor allem über seine Arbeit für die Science-Fiction-Serie, für die ich als Redakteur tätig bin.

Was Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen zu dem Autor sagen und wie er sich selbst äußert, das lässt sich jetzt alles schön nachlesen. Wulf Dorn, Leonhard Koppelmann, Olaf Kutzmutz, Kathrin Lange und Burkhard Spinnen äußern sich zu einem ungewöhnlichen Autor.

Ich muss das 108 Seiten umfassende Buch selbst noch lesen, möchte es aber schon mal den Menschen empfehlen, die gerne Eschbach-Romane durchschmökern. Oder die gern ein wenig mehr über die Produktion von Literatur wissen möchten. Bestellen kann man das Buch über die Internet-Seite der Bundesakademie.

18 Mai 2018

Bar machen wirklich coolen Sound

Höre ich die Musik von Bar, werden zahlreiche Assoziationen in mir wachgerufen: eine lange Autobahnfahrt bei Nacht, blitzende Lichter außerhalb, das meditative Vorbeiflitzen der weißen Markierungen; eine verrauchte Kneipe nach Mitternacht, in der alle nur noch mit halb geöffneten Augen in Welt blicken; ein regnerischer Tag im November, an dem einem nur noch schwerer Rotwein schmecken möchte.

Dabei ist die Musik, die diese Band aus Freiburg macht, alles andere als depressiv. Klar, die Stücke sind düster und melancholisch, zugleich aber eingängig, selbstverständlich keine Musik für launige Partynächte und durchtanzte Abende, sondern eher eine Musik für die Ruhe und die Einsamkeit, auf ihre Art aber auch voller Energie. Die aktuelle Platte heißt »Keep Smiling«, kommt im Mai in den Handel und ist ziemlich genial.

Die Stücke sind höchst unterschiedlich; bei »We Are Bound« wird es fast schon schmissig. Meist aber herrscht eine zurückhaltende Stimmung vor, werden die Instrumente behutsam eingesetzt, vibrieren die Gesangsstimmen in rauchigem Pathos. Das ist alles nicht leierig, sondern sehr wohl kraftvoll. Es ist die zweite Platte der Band, und ich werde mir den ersten Tonträger auch noch holen.

(Interessant finde ich eines: Die CD lief, und ich wusste noch nicht einmal, woher die Band kam. Mein erster Gedanke war: »Die klingen ja wie das Liquid Laughter Lounge Quartet.« Diese Band hatte ich sehr geschätzt. Und ... wie es sich herausstellte, sind es im Prinzip die selben Leute. Cool.)

Ungewöhnliche Rezensionen

Zwei sehr ungewöhnliche Rezensionen habe ich zu meinem Fantasy-Roman »Das blutende Land« gefunden: Die eine ist positiv, die andere negativ – und beide haben auch einen ganz speziellen Schreibstil. Ich finde es nach wie vor sehr interessant, welch unterschiedliche Empfindungen mein Roman bei den Lesern wachruft.

Im Blog »Our Favourite Books« bespricht eine Rezesentin namens Melanie Berg meinen Roman eher kritisch. Sie fand ihn langatmig, vergleich ihn mit Markus Heitz und lobte eigentlich nur die Schlacht am Ende – dass die nur wenige Seiten lang ist, verwirrt mich ein wenig. Aber gut ...

Als »gut gelungen« bezeichnet die Rezensentin beispielsweise die »Balance zwischen blutigen und ekligen Gemetzel und einer guten, ehrlichen Schlacht«. Allerdings kommt die Kritik direkt auf dem Fuß: »Wer auf sympathische Charaktere und Protagonisten hoffte, muss ich klar enttäuschen, da ist keiner mit dem man mitfiebern möchte, das fand ich schade, letztendlich ist es einem egal wer lebt, stirbt oder leidet.«

Anders sieht es mit der Rezension aus, die ich auf »Lovelybooks« gefunden habe. »Frick geht immer bis an die Schmerzgrenze«, heißt es hier. »Seine Protagonisten werden schonungslos bloßgestellt.« Verglichen wird der Roman mit einer Dystopie – und »niemand kommt ungeschoren davon« ...

Das Fazit hat mir natürlich geschmeichelt, weshalb ich es gern zitiere: »Wer keinen der bekannten ›echten‹ Kriegsromane lesen möchte und keinen Bock auf die übliche ›Junge-rettet-im-Alleingang-die-Welt‹-High-Fantasy mehr hat, sollte unbedingt »Das Blutende Land« lesen.« Danke!

17 Mai 2018

Es sind eben vierzig Jahre vergangen

Die Members zählten zu den ersten Punkrock-Bands, die ich hörte. Ihr Hit »The Sound Of The Suburbs« lief ab 1978 gelegentlich im Radio, im Deutschlandfunk etwa, und auf meiner ersten Punk-Kassette, die mir ein Klassenkamerad aufnahm, war dieses Stück dann auch drauf. Bis heute ist es einer meiner liebsten Stücke.

Als ich hörte, dass die Members in Karlsruhe spielen sollten, überlegte ich lange, ob ich das Konzert überhaupt sehen wollte. In den 80er-Jahren, als das erste Punk-Revival tobte, sah ich mehrere der alten englischen Bands und fand sie alle grausig: Ob Vibrators oder Adicts, ob UK Subs oder 999 – das waren langweilige Rock-Bands mit gelangweilten Musikern.

Erstaunlicherweise waren die jüngsten Punkrock-Oldie-Konzerte, die ich sah, alle richtig klasse. The Adicts waren großartig, die UK Subs überzeugten in den vergangenen Jahren jedes Mal, bei den Buzzcocks in Weinheim kochte vor Jahren buchstäblich die Bude, und als ich The Wire vor Jahren in Solingen sah, war das abgeklärt und intellektuell, aber nicht langweilig. Aber die Members – wie würde das sein?

Als ich am Mittwochabend. 16. Mai 2018, in der »Alten Hackerei« ankam, spielte die Band bereits. Vielleicht zwei Dutzend Leute hatten sich eingefunden, die Punkrock-Kneipe war also ziemlich leer. Die Band gab sich aber unverdrossen viel Mühe, gute Stimmung zu verbreiten, und wir Zuschauer johlten auch eifrig zurück. Bei »Mitsing-Stücken« halte ich mich stets zurück, so auch in diesem Fall.

Die klassischen Stücke klappten eigentlich ganz gut, sieht man davon ab, dass die Band sie gelegentlich sogar langsamer als im Original spielte. Als ärgerlich empfand ich den neuen schwedischen Gitarristen, der gelegentlich zeigen musste, wie gut er sich an seinem Instrument auskennt. Das führte dann dazu, dass schöne Stücke wie »I'm In Love With A Working Girl« durch fürchterliche Soli kaputtgeritten wurden.

Seien wir ehrlich: In den 80er-Jahren wäre ich bei diesem Konzert rausgegangen. Aber weil ich die Band sympathisch fand, applaudierte und johlte ich eifrig und freute mich darauf, die alten Stücke mal wieder zu hören. Und wenn ich den Gitarristen ausblendete, gefiel es mir sogar richtig gut.

Aber seit 1978 sind halt einfach vierzig Jahre vergangen. Diese Tatsache kann so ein Konzert nicht wegdiskutieren ...

16 Mai 2018

Pferdekutschen zum Morgen

Ich wurde wach, weil ich das Getrappel von Pferdehufen auf einem Kopfsteinpflaster hörte. Zuerst glaubte ich noch, in einem Traum festzustecken, aus dem ich nicht herausfand. Dann öffnete ich die Augen und stellte fest, dass ich in der Wirklichkeit war. Hinter mir stand das Zimmerfenster schräg offen, die Sonne drang herein, und unter dem Fenster rollte gerade wirklich eine Kutsche über das Kopfsteinpflaster.

Dann kapierte ich es: Ich war in Brügge, ich hatte meine erste Nacht im wunderbaren Guesthouse Nuit Blanche verbracht, und ich kam mir vor, als sei ich am Vorabend in eine Zeitmaschine gestiegen. Das Haus war richtig alt, es entstammte dem 16. Jahrhundert, wenn ich die Informationen richtig verstanden hatte, und es erhob sich in einem Teil der belgischen Stadt, der komplett nach spätem Mittelalter und früher Neuzeit aussah.

Ich kroch aus dem Bett und ging durch das Zimmer, eigentlich eine großzügige Dachkammer. Die schrägen Wände und der Boden bestanden aus dunklem Hotel, das die Jahrhunderte blankpoliert hatten. Der Kamin war kalt, man brauchte kein Feuer. Aber sowohl am Kamin als auch an den Balken waren überall Schnitzereien und kleine Kunstwerke angebracht, die den Charme des Raumes vergrößerten.

An dem runden Holztisch und den drei Holzstühlen vorbei kam ich zum Fenster und blickte von dort hinunter auf den grünen Garten, auf den Kanal, auf dem in diesem Augenblick ein Boot vorüberglitt, auf den Kirchhof dahinter und die gotische Kirche, die sich wie ein trutziges Monument in den Himmel erhob. Ich öffnete das Fenster, nahm einen tiefen Zug von der kühlen Luft und freute mich einfach nur über den herrlichen Morgen.

Ich war tatsächlich im Urlaub, ich wohnte für einige Tage in einem wunderbaren Gästehaus, und ich konnte zu Fuß alle Sehenswürdigkeiten und gastronomischen Einrichtungen einer Stadt besuchen, die ich so gern hatte. Vielleicht konnte ich sogar mit einer Pferdekutsche fahren …

15 Mai 2018

Arcana feiert ein Jubiläum

Ich lese die Zeitschrift »Arcana« seit ihrer ersten Ausgabe. Eigentlich ist das Heft ein Fanzine, was die Auflage und die Gestaltung angeht; der Inhalt ist aber so anspruchsvoll gestaltet, dass ich diesen Begriff kaum angebracht finde. Man versteht sich als »Magazin für klassische und moderne Phantastik«, und das stimmt. Veröffentlicht wird das Heft seit dem Jahr 2002 im Verlag Lindenstruth; Gerhard Lindenstruth ist einer der beiden Herausgeber und mir seit den 80er-Jahren bekannt.

Die Jubiläumsausgabe 25, die im Frühjahr des Jahres erschienen ist, umfasst 72 Seiten und einen farbigen Umschlag. Inhaltlich macht das Heft das, wofür es angetreten ist: Es präsentiert Autoren von »früher«, die bei den meisten Leuten in Vergessenheit geraten sind, präsentiert aber auch aktuelle Schriftsteller – dabei sind Bestsellerthemen nie gefragt.

Sehr klassisch sind die Geschichten »Die Dame mit dem Brokatmuff« von Adolph Johannes Fischer (es geht um ein altes Schloss und seine Geheimnisse)von 1932  und »Das Skelett« von Jerome K. Jerome (eigentlich ein Grusel-Krimi) von 1893. Sie entstammen buchstäblich anderen Zeiten und haben einen behäbigen Erzählstil. Im Prinzip handelt es sich um Schauergeschichten, die auf eine Pointe zulaufen. Wer diesen klassischen Stil gelegentlich mag, kommt hier auf seine Kosten.

Unter der Überschrift »Die seltsamen Visionen einer Einzelgängerin« gibt es einen längeren Beitrag über die Schriftstellerin Eddie M. Angerhuber, von der ich schon lange nichts mehr gehört habe. In den 90er-Jahren las ich häufig Kurzgeschichten von ihr, die in kleinauflagigen Anthologien, Fanzines und Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht wurden. Sie wird in dem Artikel als eine wichtige Autorin präsentiert; stilistisch war sie in der Tat außergewöhnlich.

Darüber hinaus enthält das Heft einige Rezensionen und kleinere Beiträge. Schön fand ich den Index, der den Abonnenten als zweites Heft mitgeliefert wurde. Die Geschichte von »Aracna« wird zusammengefasst, garniert mit vielen Bildern und Textbeispielen. Eine gelungene Ergänzung!

Wer mehr über »Arcana« wissen möchte, gehe auf die Internet-Seite des Verlages. Dort kann man das Heft abonnieren; darüber hinaus ist das Buchprogramm auch sonst anspruchsvoll und lesenswert.

14 Mai 2018

Mbret in Albanien

Schon im Sommer 2015 erschien die Folge 28 der Hörspielserie »Dorian Hunter«; es war also hoch an der Zeit, dass ich sie anhörte und vor allem auch einige Zeilen dazu schreibe. Wer die Serie nicht kennt: Es handelt sich um die Hörspiel-Umsetzung der klassischen Gruselheftserie »Dämonenkiller«, die in den 70er-Jahren Maßstäbe setzte.

Zaubermond-Audio modernisiert die klassischen Geschichten aus der »guten alten Zeit« und macht daraus packende Hörspiele für die Hörer von heute: So wird etwa aus einem Bibelschmuggler, was in den 70er-Jahren durchaus ein Handlungsmotiv war, ein finsterer Schlepper für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Auch sonst wird vieles klarer und deutlicher dargestellt, was in den 70er-Jahren nur angedeutet wurde.

Es handelt sich um eine Fortsetzungsgeschichte, ein Neuling wird nicht alles verstehen. Trotzdem steht die Geschichte für sich allein und ist auch für sich verständlich. Die spannende Machart hilft einem sowieso, manche inhaltliche Klippe zu umschiffen.

Der Journalist und Dämonenjäger Dorian Hunter ist eigentlich auf dem Weg nach Wien. Unterwegs wird sein Flugzeug nach Albanien gebracht, wo es im Niemandsland niedergeht. Dort scheint ein Dämon zu herrschen – der finstere »Mbret«, der dem Hörspiel auch den Titel verliehen hat. Mit einer Stewardess gelingt Dorian Hunter die Flucht. Zu zweit schlagen sie sich durch die Wälder und landen letztlich in einem düsteren Schloss, wo es zur Konfrontation mit dem Dämon und einer Horde von Zombies kommt.

Die Geschichte lebt vor allem von den unterschiedlichen Charakteren – zwei Polizisten aus London sind ebenfalls im Einsatz – und den schnellen Dialogen. Das macht Spaß, das ist gnadenlos unterhaltsam. Dazu kommen großartige Geräusche und ein packender Soundtrack; was will man mehr?

Mit »Mbret« hat die Truppe um Dennis Ehrhardt als Produzenten und Andrea Bottlinger als Autorin des Skriptes erneut eine packende Geschichte geschaffen, die mich als »Dorian Hunter«-Freund echt gefesselt hat. Sie sollte aber auch Hörern gefallen, die erst mal in die Serie reinhören wollen. (Ich finde ja immer noch, dass sie echt Suchtgefahr aufweist ...)

Sex, Liebe und eine tote Frau

Wenn die Leiche einer jungen Frau zwei Wochen im Wasser treibt und dann in den Hafen einer Kleinstadt in Neuengland geschwemmt wird, ist das kein schönes Ereignis. Vor allem dann nicht, wenn in der Kleinstadt mit dem schönen Namen Paradise die Rennwoche ansteht. So beginnt der Roman »Tod im Hafen«.

Jesse Stone, der Polizeichef der Stadt, übernimmt die Ermittlungen. Schnell stellt er Beziehungen zu Florida her, von dort hilft ihm eine junge Polizistin in Miami.

Gemeinsam kommen die beiden auf Zusammenhänge, die ihnen nicht behagen: Wohlhabende Männer veranstalten Partys auf ihren Jachten, bei denen Drogen und viel zu junge Frauen im Spiel sind. Sex als reine Triebbefriedigung also, dazu eine Vergewaltigung und der Missbrauch von Minderjährigen.

Der Fall wird ekeliger, je tiefer Stone und seine Kollegin bohren. Hinter der bürgerlichen Fassade reicher Leute kommt eine Mixtur aus käuflichem und privatem Sex zum Vorschein, die den Ermittlern übel aufstößt.

»Tod im Hafen« ist der fünfte Band der Serie um den Polizisten Jesse Stone, die der amerikanische Autor Robert B. Parker erfunden hat. Die knappen Dialoge, die zielführenden Ermittlungen, die klare Sprache ohne jeglichen Firlefanz – das hat mich alles so gefesselt, dass ich den Roman praktisch kaum aus der Hand legen konnte.

Wie oft bei den Jesse-Stone-Fällen dreht sich ein Teil des Falles um die Beziehung zwischen dem Polizisten und seiner Exfrau – die beiden versuchen, wieder zusammenzukommen – sowie um sein Problem mit Alkohol, den er vermeidet, wo es nur geht. Da der Fall viel mit Sex zu tun hat, über den vorrangig geredet wird, und über Pornografie, die man sich anschaut, bezieht Jesse Stone viele Ermittlungen auf sich und seine Beziehung.

Das könnte langweilig oder gar gefühlsduselig sein, ist es aber nicht. Als routinierter Autor schafft es Robert B. Parker, auch »gefühlige« Szenen zwischen Stone und seiner Exfrau so zu schildern, dass sie mit trockenen Dialoge und kurzen Beschreibungen sehr wirkungsvoll sind. Dadurch entsteht eine Spannung besonderer Art: Was ist Liebe, was ist Sex, was ist Beziehung?

Für Fans von Robert B. Parker gibt es übrigens einige nette Anmerkungen: Mehrfach wird ein Privatdetektiv aus Boston erwähnt, der mit seinem schwarzen Begleiter fast engagiert wird – damit ist Spenser gemeint, der bekannte Serienheld des Autors, und sein Freund Hawk. Wer die Spenser-Krimis nicht kennt, wird die Hinweise kaum wahrnehmen; wer sie mag und kennt wie ich, der freut sich.

»Tod im Hafen« ist ein typischer Parker-Roman. Was bei anderen Schriftstellern vielleicht gar nicht positiv gemeint ist, gilt hier als Kompliment – der Krimi ist modern, obwohl er auf den klassischen »Noir«-Stoffen aufbaut, und das konnte kaum einer so gut wie der 2010 verstorbene Robert B. Parker. (Erschienen ist der Roman bei Pendragon als Taschenbuch sowie als E-Book. Coole Sache!)

13 Mai 2018

Die Alte Hackerei zum elften Jahr

Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich pünktlich in der »Alten Hackerei«, verlaberte nicht zu viel Zeit vor der Tür, sondern zahlte meinen Eintritt, holte mir ein Bier und stand punktgenau zur ersten Band im Konzertraum. Anfangs verloren sich keine fünfzehn Leute vor der Bühne, was die Band nicht störte – dann aber füllte sich der Raum zügig.

Auf der Bühne tummelten sich drei junge Männer – kurzzeitig überlegte ich, dass alle drei zusammen gerade mal so alt sein könnten wie ich –, die eine großartige Punkrock-Mixtur ins Publikum ballerten. The Murderburgers, so der Name der Band, kamen aus Schottland. Wenn sie sich untereinander unterhielten, verstand ich kein Wort, und auch manche Ansage des Sängers war nur schwer zu verstehen.

Die Musik war ein furioses Gebräu, die mich an kalifornische Bands aus der Mitte der 80er-Jahre erinnerte, aber durchaus eigenständig. Der Sänger klopfte launige Sprüche, in denen es eigentlich nur um vorehelichen Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung sowie Furzen und Rülpsen ging. Das war alles andere als intellektuell, erwies sich aber als ein großartiger Spaß.

Nach diesem Auftritt bummelte ein wenig herum und stellte fest, dass der hintere Teil des »Hackerei«-Geländes wie ein Volksfest wirkte. Ganze Familien hatten sich eingefunden, saßen an Biertischen oder machten beim Karaoke-Wettbewerb mit. Vor allem waren haufenweise Kinder und Jugendliche unterwegs, was ein witziger Gegensatz zum Geschehen im Konzertraum war.

Dort kletterten dann die Herren von Crim auf die Bühne. Da gab es kein großes Zögern, die Spanier legten sofort los. Vergleiche fielen mir schwer, letztlich war es unglaublich kraftvoller und wuchtiger Punk, der ohne Pause nach vorne gebolzt wurde, mit knalligen Melodien.

Ansagen gab es nur wenige, und es hörte sich bei deb Spaniern echt witzig an, wenn sie Stücke mit »eins-zwei-drei-vier« einleiteten, um dann auf Spanisch loszubrettern. Crim erwiesen sich als richtig starke Band, die Musik blies mir ordentlich die Ohren durch. Und als am Ende eine Coverversion gespielt wurde, brauchte ich wegen des Tempos gut eine Minute, bis ich erkannte, dass ein Stück von Cock Sparrer gespielt wurde.

Zwei Bier später drängte ich mich wieder in den Konzertraum, der mittlerweile sehr voll war. Die englische Band Wonk Unit, die ihren Stil selbst als »Honk Punk« bezeichnen, erwies sich als Partykracher schlechthin. Vom ersten Ton an wurde getanzt; und es war ein sehr lustiger und harmloser Pogo – wenn die eine Hälfte der Pogo-Menge aus Frauen besteht und die andere Hälfte aus brillentragenden Männern, kann eigentlich nichts schiefgehen.

Die Engländer spielten einen wunderbar abwechslungsreichen Punk mit vielen Melodien, mit gelegentlichen Ska- und Reggae-Einsprengseln, das alles witzig und flott gespielt. Wobei das Gerede des Sängers und seine Show für viele Lacher und ein dauerbreites Grinsen sorgten. Ich fand's toll.

Danach war ich buchstäblich beglückt. Ich ging hinaus ins Freie, stellte fest, dass es in Strömen regnete, und beschloss, erst mal weiter Bier zu trinken und Unsinn zu reden. Das gelang mir sehr gut, und als ich irgendwann zu sehr später Stunde – immerhin wurde es noch nicht hell – mein Fahrrad durch die nächtliche Stadt steuerte, regnete es nicht mehr. Angesichts meiner großartigen Stimmung hätte das aber auch nichts mehr ausgemacht.

12 Mai 2018

Ein Hühnchen in Yaoundé

Nach meinem langen Spaziergang setzte ich mich wieder auf den Balkon des Hotels; ich musste mich erst noch etwas ausruhen. Nach drei Stunden, die ich ununterbrochen durch die in der Hitze glühenden Straßen der Metropole spaziert war, genoss ich es einfach, auf einem alten Stuhl zu sitzen und ins Tal zu schauen.

Unter mir lag eine Ansammlung von kleinen Häusern, die schmale Straßen säumten; entlang eines Baches wucherte grünes Buschwerk. Auf der anderen Seite des flachen Tales erhoben sich die Türme der Banken, dahinter kam die eigentliche Innenstadt von Yaoundé. Den Bahnhof konnte ich von meiner Warte aus nicht sehen, er lag hinter den Häusern.

Zu meinen Füßen spielte sich ohnehin ein spannenderes Geschehen ab. Die gegenüber wohnenden Kinder, denen ich am ersten Tag beim Fußballspielen zugeschaut hatte, versuchten offenbar, ein Hühnchen zu töten. Immer wieder versuchte das Tier, den Griffen der Kinder zu entkommen. Sie ließen es einige Schritte laufen, fingen das Hühnchen dann aber unter lautem Kreischen wieder ein.

Der größere Junge hielt es fest, seine Helfer hielten es ebenfalls, und dann versuchte er, dem Tier den Hals umzudrehen. Er schaffte es nicht. Ratlos standen die Kinder im Kreis herum. Diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte das Hühnchen. Es riss sich los, rannte einige Schritte, wurde sofort eingefangen.

Diesmal war offensichtlich ein Mädchen an der Reihe; es hatte eine Machete in der Hand und fuhr damit am Hals des Hühnchens herum, das alles still mit sich geschehen ließ. Der große Junge packte das Hühnchen nun so, dass es flach auf dem Boden lag, dann stellte er seinen Fuß mit den Badeschlappen direkt auf den Kopf. Zwei kleinere Jungen hielten die Beine und die Flügel des Hühnchens fest, die anderen Kinder schauten gespannt zu, einige waren in die Hocke gegangen und richteten ihre Blicke auf das Geschehen.

Als sich das Mädchen mit der Machete am Hals des Tieres zu schaffen machte, schaute ich feige zur Seite ...

(Die Geschichte habe ich meinen Kamerun-Tagebuch entnommen, das ich im Herbst 1999 führte. Sie ist also recht authentisch. In meinem Fanzine ENPUNKT wurde sie in einer anderen Version auch einmal veröffentlicht.)

11 Mai 2018

Verwirrung bei der Buchmesse

Ich wollte mit dem Auto zur Frankfurter Buchmesse fahren. Obwohl ich das nicht zum ersten Mal tat, verfuhr ich mich. Verwirrt fuhr ich durch die zahlreichen Hügel, aus denen Frankfurt bestand; ich fühlte mich orientierungslos und unsicher.

An einer Stichstraße hielt ich an. Links von mir stand eine ARAL-Tankstelle, rechts konnte ich von einer Parkfläche ins Tal blicken. Ich erkannte sofort das Gelände der Buchmesse. Ich hatte den falschen Hügel genommen, stellte ich erleichtert fest.

Danach folgte ich einer schmalen Straße, die den Berg hinunter führte, stellte mein Auto auf dem Parkplatz der Buchmesse ab und ging zu Fuß zum Hintereingang. Von dort aus kam ich in einen Bereich der Halle, in dem vor allem Kleinverlage ihre Bücher ausstellten. Zu meinem eigenen Stand drang ich nicht vor, weil so viele Menschen unterwegs waren.

An einem Stand plauderte ich mit einer auffallenden Blondine, die viel lachte. Wir tranken Weißwein, der mir gut schmeckte. Ich wehrte ab, als sie mir nachschenken wollte. Ich müsse ja noch fahren.

Dann verließ ich die Messe auch wieder. Es schneite wie blöd, als ich ins Freie trat. Die Hügel um Frankfurt waren hinter einem Schleier aus Schneeflocken verborgen.

In meinen Halbschuhen stapfte ich zu meinem Auto. Jetzt kann ich durch diesen verdammten Schnee zum Hotel fahren, dachte ich verbittert. Immerhin hatte ich nicht zu viel Wein getrunken, das erleichterte mich.

Und dann wachte ich endlich auf.

10 Mai 2018

Die Schlosslichtspiele kommen wieder

Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn in diesem Sommer 2018 die Schlosslichtspiele Karlsruhe wieder starten. Diesmal steht ein Science-Fiction-Motto über der Veranstaltungsreihe, die 2015 zum Stadtjubiläum erstmals ins Leben gerufen worden ist: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic«, schrieb Arthur C. Clarke einst, und er hat damit völlig recht. Ist eine Technik mal weit genug vorangeschritten, kann man sie nicht mehr von Magie unterscheiden.

Ich bin gespannt darauf, ob 2018 die Magie wieder funktioniert: Vom 28. Juli bis zum 9. September 2018 werden unterschiedliche Künstler die Front des Schlosses in einem neuen Licht erstrahlen lassen. Schon jetzt ist klar, dass ich mehrfach in dieser Zeit zum Schloss pilgern werde.

Mit dabei sind wieder »die Ungarn«, wie unsereins die ungarische Künstlergruppe Maxin10sity nennt – ich kann mir diesen Namen nie merken. in den vergangenen Jahren fand ich die Arbeit dieses Kollektivs immer am eindrucksvollsten. Diesmal wollen sie mit »I'mmortal« auch einen Zirkusartisten in das Projekt integrieren – bisher kann ich mir das nicht einmal vorstellen.

Spannend klingt auch das, was von dem Künstlerkollektiv Global Illumination geplant ist. In seiner Show soll die Evolution der Technologie gezeigt werden. Ich zitiere aus der Information: »Die Show beginnt mit der Ära der analogen Maschinen über Lochkarten zu 8-Bit-Prozessoren und PCs bis hin zu künstlichen neuronalen Netzen. Erzählt wird die Geschichte von Apparaten, Maschinen und Codes, die den digitalen Wandel eingeleitet haben und Raum für die kreative Vorstellungskraft des Menschen öffnen.«

Ich freue mich schon wie ein kleines Kind. Der Sommer kann kommen, nur das Wetter sollte halt auch passen.

09 Mai 2018

Bei St. Peter und Paul

Auf der Kaiserallee standen wir nebeneinander: ich in meinem Auto auf der rechten Spur, links von mir der Motorradfahrer mit dem »Harley Davidson«-Aufnäher auf der Jacke. Der Motorradfahrer ließ seinen Motor aufheulen, er hatte es offenbar eilig. Das alte Lied »Harley David (son of a bitch)« von den Bollock Brothers kam mir in den Sinn, meine Laune war positiv.

Die Ampel schaltete auf grün, der Motorradfahrer und ich rollten los. Er setzte sich vor mich, und weil es eine Reißverschluss-Situation war, zog ich mit meinem Auto ebenfalls auf die Mitte.

Auf einmal hatte ich grelles Fernlicht hinter mir: Offenbar hatte ich übersehen, dass der SUV-Fahrer hinter mir ebenfalls ein Zeitproblem war oder das Reißverschlus-Verfahren falsch verstanden hatte.

Er fuhr hinter mir her, die ganzen paar hundert Meter bis zur nächsten Ampel. Dabei hielt er den Sicherheitsabstand ein; ich konnte seine Lichter nicht mehr sehen und war mir sicher, dass er keine zwanzig Zentimeter hinter mir fuhr. Ich gab mir Mühe, ruhig zu bleiben und keinen Stinkefinger zu zeigen. Aber er hätte ihn aus seiner erhöhten Position eh nicht wahrgenommen.

An der nächsten Ampel – links erhob sich die Peter-und-Paul-Kirche – hatte ich Grün. Ich rollte über die Ampel und fuhr über die Rheinstraße weiter.

Auf einmal nahm ich die Bewegung hinter mir wahr. Der SUV-Fahrer nutzte seine Chance und überholte rechts. Die Straße war zwar an dieser Stelle einspurig, und rechts parkten überall Autos.

Aber wofür hat man eine Fahrradspur? Er gab eifrig Gas, ein Fußgänger rannte über die Straße, und so schaffte es der SUV-Fahrer, genau eine Wagenlänge vor mir an der nächsten Ampel zu halten. Ich merkte, wie er mich im Rückspiegel musterte.

Und ich wusste, dass ich meinen Meister gefunden hatte …

08 Mai 2018

Cyanide Pills machen Teenage-Punk

Es gibt immer wieder Punkrock-Bands, die mich begeistern. Eine dieser Bands: die Cyanide Pills, die irgendwo aus England sind und innerhalb kurzer Zeit mehrere Tonträger rausgehauen haben. Wie die Burschen das hinkriegen, wenn sie gleichzeitig die ganze Zeit durch Europa touren, ist mir echt schleierhaft.

Im Frühjahr 2017 kam »Sliced And Diced« raus, die dritte Platte, die mir als CD vorliegt. Insgesamt sind 18 Stücke drauf, allesamt so knackig und flott, dass es eine wahre Freude ist. Was die Burschen produzieren, ist Teenage-Punk, der sich anhört, als würde hier wirklich eine Bande von 18-jährigen damit anfangen, den Punkrock für sich zu entdecken.

Klar bietet sich der Vergleich mit den Buzzcocks und anderen Helden der 70er-Jahre an, doch die Band schafft es, 2017 genügend Melodien reinzubringen, die nicht so klingen, als seien sie schon vierzig Jahre alt. Das ist dynamisch und rotzig, das geht rasch ins Ohr, da will man auf und ab hüpfen.

Ich könnte mir in den Hintern beißen, dass ich die Band bei ihrer Tour im Frühsommer 2017 verpasst habe. Aber so oft, wie die durch die Gegend tingeln, werde ich es hoffentlich doch noch irgendwann schaffen ...