18 Juni 2021

Entlang der Blumenwiesen

Weil ich den ganze Tag am Computer verbracht hatte, bekam ich am gestrigen Abend doch einen Anfall von Sportlichkeit: Ich packte mir mein Rad und strampelte los. Von Karlsruhe aus ging es über die Grabener Allee in den Wald, entlang des Forschungszentrums und dann weiter nach Norden.

Ich finde die Fahrt entlang des Hirschgrabens immer faszinierend; man kommt sich, wenn man nach links und in den Graben guckt, ja manchmal vor wie in einer Kulisse des »Herrn der Ringe«. Wuchernde grüne Wildnis, alte Bäume, der Geruch nach Moder und frischen Blüten gleichzeitig.

Nachdem ich den Wald verlassen hatte, fuhr ich zwischen den Feldern und Wiesen weiter und am Dorf entlang. Was mir auffiel: In diesem Jahr hatte man bewusst viele Wildwiesen zwischen den bebauten Flächen stehen lassen. Kornblumen, Klatschmohn und so weiter – ein Mehr von Blüten erstreckte sich vor mir. Darüber schwebten Schmetterlinge, und die Bienen summten in Scharen über der Wiese. Schön!

Danach machte es noch mehr Spaß durch den Wald und entlang der Dörfer zurück nach Karlsruhe zu fahren. Meinen Riesling hatte ich mir an diesem Abend verdient.

Ein Schwerpunkt auf Gefangenes

Die Zeitschrift »Am Erker« lese ich seit vielen Jahren. Nicht immer gefallen mir die Ausgaben; oft sind mir zu viele Texte enthalten, die ich als belanglos und langweilig empfinde, vor allem dann, wenn Autorinnen und Autoren vor lauter Experimentierfreude vergessen, eine Geschichte zu erzählen.

Die Ausgabe 80, die Anfang 2021 erschien, bildet eine wohltuende Ausnahme. Auf den 140 Seiten des schönen Paperback-Bandes fand ich eine Reihe von Texten, die mir gut gefiel. Vielleicht lag’s am Thema, das diesmal »Gefangen« hieß und zu einigen starken Kurzgeschichten führte.

Schön fand ich »In der Fremde« von Norbert Stöbe. Der Verfasser ist mir als Autor und Übersetzer aus der Science-Fiction-Szene bekannt; seine knappe Kurzgeschichte erzählt von einem Touristen, der das Hotel verlässt und sich in einer fremdartigen Szenerie wiederfindet.

»Komm schon, beiß zu« von Anke Laufer trägt ebenfalls einen phantastischen Zug, ist ein wenig experimentiell und lässt bis zum Ende offen, aus wessen Sicht eigentlich wirklich erzählt wird. Bei diesem Text passen die Sprachbilder und der Inhalt sehr gut zusammen.

In lakonische Sätze wird in Manuela Rassaus‘ Geschichte »Nina« ein ganzes Leben gepackt. Der manchmal kalte Stil ist dem Inhalt absolut angepasst, das ist keine fröhliche Lektüre, und die Story wirkt im Lesenden sicher eine Weile nach.

Das sind nur drei der vielen Texte in diesem Buch. Dazu kommen einige Grafiken, einige Gedichte und viele Rezensionen – die mich teilweise zu einem Kauf bewegen könnten –, alles in allem ein gelungenes Sammelsurium. Die Ausgabe lohnt sich auf jeden Fall, und sie ist ein Beispiel dafür, warum ich »Am Erker« nach all den Jahren immer noch so gern lese.

17 Juni 2021

K.s.z.

Aus der Serie »Uralte Texte, von mir ausgegraben«

Rassel Dröhn Dröhn Rasel Klirr – Panzer fahren an Gerdas Fenster vorbei. Auf der Straße neben ihrem Haus. Sie steht am Fenster und schaut den Vorbeifahrenden nach. Klirr Rassel Dröhn Dröhn Rassel Klirr – und sie fahren und fahren, eine nicht enden wollende Reihe.

Gerda wünscht sich einen Soldaten ins Bett, möglichst einen Panzerfahrer mit seinem Rassel und Dröhn den ganzen Tag und die ganze Nacht. Aber das geht wohl nicht, schließlich sind die Soldaten auf dem Weg ins Fe-hel-de, im Pa-han-zer.

Gerda ist frustriert. Ärger Wut Enttäuschung. Sie nimmt ihren Teddy aus dem Bett, rubbelt mit diesem zwischen den Beinen. Aber irgendwie bringt’s das auch nicht so.

Noch frustrierter geht sie ins Bett, klemmt sich den Teddy zwischen die Beine, zieht die Decke über den Kopf und versucht, in den spätpubertären Tiefen des Schlafes die erwartete Befriedigung zu finden. Dröööhn.


(Nachbemerkung: In meiner Dada-Phase im Herbst 1983, als ich krampfhaft versuchte, Texte zu schreiben, die vom Dadaismus beeinflusst waren, entstand auch »K.s.z.«, in einer Zeit, in der häufig Nato-Manöver in der Umgebung meines Heimatortes stattfanden oder Panzer durchs Dorf rollten. Das stilistische Experiment ist nachvollziehbar, den Zusammenhang mit dem Teddy verstehe ich nicht mehr.

Verfasst wurde der Text am 19. Oktober 1983, also während der dreizehnten Klasse.)

Die dritte Bubonix-Platte

Ich sah Bubonix drei- oder viermal, und jedes Mal wusste mich die Band zu überzeugen. Auf der Bühne wurde ein Feuerwerk an Spielfreude abgebrannt, die Musik war knallig, die Ansagen wurden stets klar rübergebracht. Man spürte: Diese Band meint es ernst in dem, was sie sagt. Dieser Tage hörte ich mir wieder mal die Langspielplatte »Please Devil, Send Me Golden Hair«, die 2007 veröffentlicht wurde.

Elf Stücke sind enthalten, die den enormen »Wumms« der Band aus Limburg gut rüberbringen. Man merkt der Platte an, dass die Band sich zu dieser Zeit schon weiter entwickelt hatte. Der schroffe Hardcore ist weiterhin da, aber es gibt die eine oder andere stilistische Spielerei, und die Produktion wirkt recht aufwendig. (Kurz danach löste sich die Band übrigens auf.)

Musikalisch ist das große Klasse. Kein Eins-zu-Eins-Sound, sondern eine abwechslungsreiche Tour durch unterschiedliche Geschwindigkeiten, unterschiedlich gegliederte Stücke, melodisches Gewummer und immer mal wieder heftiges Gebrüll. Die Texte sind sarkastisch, spielen auf allgemeine Lebensumstände oder auch Szene-Interna an; auf Polit-Predigten verzichtet die Band in ihren Stücken.

Bubonix war eine starke Band. Diese Platte belegt das aufs Trefflichste.

16 Juni 2021

Pubertäre Klänge

»Du bist ja jetzt schon fast dreißig Jahre alt und hörst immer noch Punkrock«, sagte meine Kollegin eines Morgens. »Kommst du dir da nicht zu alt vor?«

»Nein, nein«, versicherte ihr. »Ein bisschen pubertär zu sein, das schadet ja nicht.«

Wir saßen im Pausenraum der Firma in Tübingen, für die ich Ende der 80er-Jahre arbeitete. Wir plauderten über alle möglichen Dinge, vesperten dabei die mit Fleischkäs‘ belegten Brötchen, die wir uns beim Bäcker geholt hatten. Und irgendwann fragte sie mich, ob ich ihr nicht eine Kassette überspielen könne. Sie wolle jetzt doch wissen, was das für Musik sei.

Das tat ich am Wochenende. Ich mixte eine Reihe von Klassikern zusammen, aber auch aktuelle Stücke. »Teenage Warning« von den Angelic Upstarts gehörte ebenso dazu wie »If The Kids Are United« von Sham 69, »Waiting Room« von Fugazi und »Something To Prove«. Ich gab ihr die Kassette und wartete gespannt auf ihre Reaktion.

Nach dem Wochenende gab sie mir die Kassette zurück. Ihre Miene verriet alles: Sie wollte das Geschenk nicht behalten. »Ich kam mir vor wie ein Teenager, als ich die Musik laut hörte«, gestand sie mir. »Dafür bin ich wohl zu alt.« Die Kollegin war 27 Jahre alt.

Ich nahm die Kassette zurück und hörte sie in den Jahren danach oft. Sie lief auch im »Epplehaus« in Tübingen, wenn ich mich nach Feierabend mit einigen Leuten zum Oi!-Stammtisch traf – wir nannten das wirklich so –, und war bei vielen Fahrten auf Festivals oder zu Chaostagen dabei.

Es war eine Kassette, die man laut hören musste. Die Musik schepperte und knallte, und bei fast allen Stücken konnte ich gut mitsingen. Wäre sie nicht irgendwann mal kaputt gegangen – zu viel Hitze im Auto bei einer Fahrt in die Eifel –, hätte ich sie immer noch.

Und womöglich würde ich zu »Teenage Warning« immer noch lauthals mitsingen oder zumindest den Refrain schreien. Ob das nun pubertär ist oder nicht …

Die große Zamonien-Enttäuschung

Ich schätze Walter Moers als Zeichner und Autor seit den 80er-Jahren. Vor allem einige seiner Romane, die auf dem phantastischen Kontinent Zamonien spielen, haben es mir absolut angetan, »Die Stadt der träumenden Bücher« wurde zu Recht ein Bestsellertitel.

Mit seinem Werk »Weihnachten auf der Lindwurmfeste« enttäuschte mich der Autor allerdings auf ganzer Linie. Dabei mangelt es dem Buch nicht an Ideen.

Streng genommen ist das, was Moers hier präsentiert, ohnehin kein Roman. Der komplette Titel deutet ja an, worum es geht: »Weihnachten auf der Lindwurmfeste: oder: Warum ich Hamoulimepp hasse«. Schon der Titel verrät ein wenig von dem schenkelklopfenden Humor, dem man als Leser auf den kommenden Seiten ausgesetzt ist. Ganz ehrlich: Das muss man mögen.

Das Ganze ist recht künstlerisch aufgebaut: Es handelt sich um einen Brief, den Hachmed Ben Kibitzer – ein alter Bekannter – an Hildegunst von Mythenmetz geschrieben hat. Darin wird erzählt, wie die Lindwürmer auf der Lindwurmfeste ihr alljährliches Fest feiern.

Das nennt sich »Hamoulimepp«, dauert drei Tage an und ist mit allerlei Traditionen verbunden. Unter anderem tauchen »Hamouli« und »Mepp« auf, die – wie man sich denken kann – dem Weihnachtsmann und seinem Knecht Ruprecht vergleichbar sind.

Manche der Ideen, die der Autor in seinem Buch verbrät, sind durchaus lustig. Letztlich nimmt er die verschiedenen Sitten und Gebräuche, die in Mitteleuropa bei Weihnachten, Nikolaustag und auch Fasching üblich sind, verknüpft sie miteinander und macht daraus ein Sittenbild, das manchmal witzig ist. Ergänzt wird der Text durch Zeichnungen von Lydia Rode, die den pseudowissenschaftlichen Charakter des Buches unterstreichen.

Nur zündet bei mir kein einziger der Gags so richtig. Es ist eine durchaus nette Aneinanderreihung von mehr oder weniger gelungenen Details; immer wieder gibt es Aneinanderreihungen von Substantiven oder Adjektiven, womit Moers – wie schon bei seinen ersten Zamonien-Büchern – offenbar vor allem zeigen möchte, wie schön er sich auf Synonyme versteht. Aber letztlich ist das, was er unterm Strich erreicht, kein Roman und kein Sachbuch, sondern etwas, das seltsam zwischen allen Stühlen sitzt und steht.

Sagen wir es so: Das Buch ist nicht komplett missraten, aber es gibt keinen Grund, es zu lesen. Außer bei beinharten Zamonien-Fans dürfte es nicht gerade auf große Begeisterung stoßen.

15 Juni 2021

Das Katzengesicht

Die Szenerie, die sich mir bot, war ungewöhnlich, also hielt ich an: Zwei Autos hielten auf einer Kreuzung zwischen den Weinbergen, und zwar so platziert, dass sie sich schräg gegenüberstanden. Wie zwei Gegner, die sich belauerten.

Ich war mit meinem Rad in der Pfalz unterwegs, zwischen zwei Dörfern, die ich nicht kannte, und in einer Gegend voll sanfter Hügel und kleiner Straßen. Auf diesen Sträßchen kam ich mit dem Rad gut voran und sah viel von der Landschaft, mich überholten nur selten Autos.

Neben einem der Autos lag ein Mann auf dem Boden. Er hatte ein Gebilde auf der Schulter, das ich zuerst für eine Kamera, dann für ein Gewehr hielt. Es sah aber weder wie eine Kamera noch wie eine Schusswaffe aus: ein dreieckiges Rohr, das gut eineinhalb Meter lang war und in einem schmutzigen Grau schimmerte. Der Mann trug Tarnkleidung und ein dunkelgrünes Barett auf dem Kopf.

Er zielte mit dem Rohr auf das andere Auto. Erst da erkannte ich, dass hinter der Frontscheibe jemand zu sehen war. Dort saß eine Person, und es sah so aus, als belauere sie der Mann.

War ich etwa auf ein Attentat gestoßen, auf einen Kampf, auf eine filmreife Szenerie? Ich überlegte, ob ich das Smartphone in meiner Tasche zücken und die Polizei rufen sollte. Aber das wäre sinnlos gewesen. Bis die Polizei in diese entlegene Gegend kam, war alles vorbei. Was immer auch »alles« bedeuten mochte.

Die Tür des anderen Autos öffnete sich, eine junge Frau stieg aus. Sie trug eine knallrote Hose und eine weiße Bluse, dazu beigefarbene Turnschuhe. Ihre langen schwarzen Haare wehten in einem Wind, der auf einmal aufkam. Sie hatte ein seltsames Gesicht, und ich brauchte einige Augenblicke, um zu erkennen, was mich störte: Sie hatte sich das Kinn und die Mundpartie bunt angemalt, wie die dicke Schminke eines Clowns. An was erinnerte mich das bloß?

Sie begann sich zu bewegen. In gleitenden Bewegungen ließ sie die Arme kreisen, langsam tänzelten ihre Füße auf der Stelle. Es sah elegant aus, geschmeidig und gleichzeitig so, als wollte sie sich gleich im Wind auflösen.

Das Gesicht der jungen Frau verzog sich, die grell angemalte Stelle am Kinn und um die Mundpartie leuchtete in der Sonne auf. Da erkannte ich, was sie im Gesicht hatte: Sie hatte sich so geschminkt, dass sie an eine Katze erinnerte, nicht auf den ersten Blick zu erkennen, aber sie war mehr Katze als Mensch.

Damit wirkten auch die Tänzeleien anders: wie bei einer Katze vielleicht, die sich im Kreis drehte oder die lauernd auf einer Wiese saß, vor einem Mauseloch, und darauf wartete, dass ein Tier herauskam, das sie fangen konnte.

Der Mann mit dem Rohr erhob sich und trat auf die Kreuzung, wo noch immer die junge Frau tanzte. Die beiden standen sich gegenüber, keine fünf Meter voneinander entfernt. Er ließ sein Rohr fallen, sie stellte ihren Tanz ein.

Und ich wachte auf.

Superhelden für Kinder

Ich finde die Idee der amerikanischen Comic-Produzenten, ihre Superhelden-Comics bewusst für ein junges Publikum zu adaptieren, grundsätzlich sehr gut: Die teilweise sehr komplexen Geschichten um Batman und Superman oder generell die Justice League sind nur noch für Fans zu durchblicken, die sich darauf eine längere Zeit einlassen. Für zehn Jahre alte Kinder ist das alles eher unverständlich.

In Deutschland kommen einige dieser Comics unter dem Logo »Comics für Kids« bei Panini heraus. Ich bin definitiv nicht die Zielgruppe. Aber natürlich war ich neugierig darauf, was unter dem Titel »Hallo Justice League« als Gratis-Comic-Heft im Jahr 2020 veröffentlicht wurde. Enthalten sind drei Geschichten.

Seien wir ehrlich: Ich kann bei keiner der Storys etwas mit dem Zeichen- und Erzählstil anfangen. Die Zeichnungen wirken mir zu künstlich, die Erzählweise ist sprunghaft und – na klar! – für meinen Geschmack viel zu kindlich.

Wobei ich bei »Superman – jeder fängt mal klein an« durchaus schmunzeln konnte. Die Geschichte des Superhelden, der auf einer kleinen Farm aufwächst, ist sehr hübsch umgesetzt.

Die Superhelden in »Hallo Justice League« – in diesem Fall unter anderem Batman, aber auch Aquaman und andere – sind witzig in Szene gesetzt; es spielen zudem Schüler mit, so dass die Kompatibilität zu den Kids hergestellt wird. Bei den »DC Super Hero Girls« war ich komplett raus: Für mich war es sogar unverständlich, was in den Geschichten passierte, und ich könnte es nicht zusammenfassen.

Ich stellte fest: Ich bin zu alt für diese Art von Comics. Als ich selbst acht oder zehn Jahre alt war, hätte ich mit dieser Art von Comics ebenfalls nichts anfangen können. Das war aber eine völlig andere Zeit. Kinder, die heute in diesem Alter sind, finden auf diese Weise vielleicht wirklich einen schönen Zugang zu einem riesigen Comic-Universum. Und mir muss das echt nicht gefallen.

14 Juni 2021

Die Tage so ohne Fußball

Seit einigen Tagen läuft die Europameisterschaft der Männer im Fußball. Ich habe bislang kein einziges Spiel gesehen, ich habe auch keine Ahnung, wer gespielt hat und wie die Spiele ausgegangen sind. Und es fehlt mir tatsächlich nichts.

Das finde ich ein wenig verwunderlich. Klar, ich bin kein Fußballfan, aber ich habe mir in all den Jahren und Jahrzehnten immer gern die großen Turniere angesehen. (Was echte Fußballfans für peinlich halten: Leute, die nur bei den großen Turnieren zugucken, sind halt nun mal keine echten Fans.)

Klar fand ich die Weltmeisterschaft immer besonders spannend, aber bei einer Europameisterschaft ließ ich mir die wichtigen Spiele nicht entgehen. Was »wichtig« war, entschied ich spontan: normalerweise die Spiele der deutschen Mannschaft, gern aber auch Spiele der Spanier oder Franzosen, bei denen ich also sicher sein konnte, etwas mit Spannung zu sehen.

Im Jahr 2021 ist es anders. Das liegt nicht unbedingt an Corona und an der Tatsache, dass die EM eh verschoben werden musste. Vielleicht liegt es schlichtweg daran, dass mir das ganze Hickhack um den Fußball im Vorfeld zuwider war.

In meiner Wahrnehmung schien sich nicht nur ein Spiel um den Ball zu drehen. Die ganze Welt machte zeitweise den Eindruck, sich um einen Ball zu drehen. Und das führte bei mir zu einer Ermüdung.

Ich will nicht ausschließen, das Endspiel anzugucken oder auch die Viertel- und Halbfinalspiele. Im Moment allerdings juckt mich Fußball überhaupt nicht.

Alt und gelassen, nicht abgeklärt

Ich mag TV Smith seit vielen Jahren, nein, Jahrzehnten. Ich habe den Briten schon oft auf der Bühne gesehen, habe ihn stets als sympathischen Menschen empfunden, der immer korrekt wirkt, und ich mag seine Musik. Das zeigt sich auch bei der Platte »Land of the Overdose«, die 2018 erschienen ist – ich höre die Vinylscheibe immer wieder gern an.

Dabei macht der Mann nichts, was man als besonders betrachten könnte: Er steht diesmal nicht auf einer Bühne, mit der Gitarre in der Hand, und begleitet sich selbst beim Singen, sondern er hat das Ganze offenbar in einem guten Studio aufgenommen. Einige zusätzliche Musiker sorgen dafür, dass die Stücke großzügiger instrumentiert sind – das gibt einen »breiteren« Sound und wirkt professioneller.

TV Smith weiß, wie man Melodien schreibt. Sie gehen ins Ohr, sie sind angenehm. Dazu kommt seine kratzige Stimme, der man halt anmerkt, dass er nicht jünger wird. Aber sie ist immer noch stark, und für mich ist sie bei manchen Stücken immer noch mehr »punk« als das von irgendwelchen Hardcore-Brüllochsen.

Textlich bleibt der Mann auch auf bekanntem Terrain. Er kritisiert den aktuellen »Way of Life« der westlichen Gesellschaft, gerne spöttisch und mit einem leichten Augenzwinkern. Er erzählt davon, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen. Seine Texte sind klar und verständlich, mithilfe des Textblattes lassen sie sich leicht nachlesen. Das ist kein Parolen-Punkrock, aber inhaltlich äußert sich der Musiker in seiner klaren Ablehnung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Es ist eine sehr gute Platte – sehr angenehm zu hören, wenn man möchte, sie lädt aber auch dazu ein, sich mit ihr zu beschäftigen.

13 Juni 2021

Drei Geschichten aus der »Ink«-Reihe

Den Ansatz der DC-Macher, junge Leute mit eigenen Reihen für die Comic-Universen zu begeistern, finde ich richtig und gut. Nicht alles, was unter dem Begriff »Panini Ink« veröffentlicht wird, kann mir gefallen, dafür bin ich schlichtweg zu alt – aber die Zusammenstellung von drei Kurzgeschichten in dem »Harley Quinn«-Heft, das zum Gratis-Comic-Tag 2020 veröffentlicht ist, hat mir echt gefallen.

Die Figur der Harley Quinn kenne ich natürlich aus den »Batman«-Comics, und ich erinnere mich gut daran, wie sie vor vielen Jahren in die Serie eingeführt worden ist. Das hat nicht unbedingt viel damit zu tun, wie die Figur heute auftritt: Längst hat man sie anders entwickelt und zu einer erfolgreichen Figur gemacht, mit der ich dann nicht mehr so viel anfangen kann.

Das vorliegende Heft hat mir trotzdem gefallen. Quinn wird als rotzige junge Frau gezeigt, die vor allem viel krawalligen Spaß im Leben haben möchte. Das hat eine gewisse Punkrock-Attitüde, auch wenn es natürlich nichts mit dem Punk zu tun hat, dem ich im Leben immer mal wieder begegnet bin …

Daneben enthält das Heft noch Leseproben zu »Mera – gegen den Strom«, was ich gar nicht kannte, und zu einer cool gemachten »Batman«-Jugendserie. Alles in allem ist so ein sehr gelungenes Heft entstanden, das mich sehr auf die neuen »Ink«-Serien neugierig gemacht hat. Und damit ist das Ziel es Gratis-Heftes ja wohl erreicht!

11 Juni 2021

Der Blick über den Monitor

Gelegentlich habe ich an dieser Stelle darüber geschrieben, dass ich den Blick aus meinem Fenster eigentlich schätze, dass er mich aber oft von der Arbeit ablenkt. Im Verlagsbüro sehe ich auf einen leeren Parkplatz hinaus, und wenn nicht gerade Leute vor meinem Fenster vorübergehen, ist das alles eher stinklangweilig.

Der Blick über meinen privaten Monitor hinweg führt hinaus auf einen Platz mit Springbrunnen, auf dem sich bei schönem Wetter ständig Leute aufhalten; während der Pandemiezeit sitzen und saßen Leute auch bei Kälte und Nässe auf den Parkbänken oder trafen sich bei bitterer Kälte an einer Parkbank. Vor der Pandemie wurde es im Sommer auch durchaus mal laut: Wenn sich halt ein Dutzend Leute trifft und die Flaschen klirren, kann das anstrengend sein.

Es gibt dann Nachbarn, die nachts die Polizei rufen. Die neigt dann manchmal zu Überreaktionen. Ein ärgerliches Spiel. Aber schön finde ich den Blick von meinem Arbeitsplatz aus trotzdem.

Wenn das Große Tier erscheint

Bei einer Serie, die über eine längere Strecke geschrieben wird, verändern sich Figuren und Gegebenheiten. Das ist bei Science Fiction so – da kenne ich mich nun mal aus –, aber auch bei Horror, ob dieser nun in gedruckter Form erscheint oder als Hörspiel veröffentlicht wird. Und immer wieder werden Figuren gewissermaßen »geparkt« oder schlichtweg vergessen, so dass man überrascht ist, wenn sie wieder in der Handlung auftauchen.

So ging es mir, als ich die vierzigste Folge der Hörspielserie »Dorian Hunter« anhörte. Diese trägt den Titel »Das Große Tier« und bringt eine Figur in die Handlung zurück, die ich schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte: Lilian, die Frau des Dämonenkillers, die sich in einem Sanatorium aufhält, seit ihre geistige Gesundheit massive Schäden erlitten hat.

In dieser Folge spielt Dorian Hunter keine Rolle; stattdessen werden Randfiguren seines Teams und seines sozialen Umfelds thematisiert. Mir macht das Spaß, weil ich die Geheimagenten, mit denen Hunter es oft zu tun hat, wirklich mag – sie heben sich deutlich von den Intrigen der Monster und Magier ab, sie bringen eine gewisse Normalität in die Serie hinein.

Klar, es gibt einen Satanskult in London, und in einer Kirche erwachen irgendwelche Puppen zu unheilvollem Leben – aber vor allem geht es um menschliche Themen: eine Frau, die mit ihren inneren Dämonen kämpft, ein Agent, der mit seinen Gefühlen klarkommen muss, und eine Beamtin, die auf einmal in brachialer Weise aktiv wird.

Das Hörspiel ist richtig lang, es sprengt den üblichen Umfang eines »Dorian Hunter«-Hörspiels – das finde ich ja grundsätzlich gut, weil der Hörer hier »was für sein Geld kriegt«. Die Sprecher sind sehr gut, die Geräusche und die Musik werden mitreißend eingesetzt, die Dialoge sind spannend und realitätsnah.

»Das Große Tier« ist also wieder einmal Horror-Unterhaltung auf hohem Niveau; richtig gut gemacht. (Wer sich noch nicht mit »Dorian Hunter« beschäftigt hat, könnte bei diesem Hörspiel einen Einstieg wagen, das dürfte funktionieren. Man muss sich halt ein wenig Mühe geben …)

10 Juni 2021

Eine Anzeige für mein zweites Heft

»Layout ist Sparflamme« – so schrieb in den 80er-Jahren mal jemand über eines meiner Fanzines. Diese Person hatte recht: Layout war nie das Thema, in dem ich besonders brillierte. Eine Anzeige aus dem Jahr 1981 belegt das sehr schön.

Ich warb für die zweite Ausgabe meines Fanzines SAGITTARIUS, die schon ein Jahr zuvor erschienen war. Ein Titelbild konnte ich nicht in meiner Anzeige unterbringen, das schaffte ich offenbar nicht. Und für ein frisches Farbband in meiner klapperigen Schreibmaschine reichte es anscheinend ebensowenig.

Die Formulierung »Sauberes Layout« wirkt in diesem Zusammenhang fast schon ironisch. Und heute sagen nicht einmal mehr mir alle Namen in dieser Anzeige etwas. Offensichtlich empfand ich die Namen an sich schon als verkaufsfördernd.

Seien wir fair: Der Beliebtheit des Fanzines schadete es nichts. Die zweite Ausgabe von »Sagittarius« war ruckzuck ausverkauft, und bei der dritten Ausgabe erhöhte ich die Auflage auf 250 Exemplare.

Die ollen Good Rats

Warum ich mir irgendwann die Single »Mr. Mechanic« der amerikanischen Band Good Rats zulegte, weiß ich nicht mehr. Sie wurde 1978 veröffentlicht, aber damals kaufte ich sie mir sicher nicht. Auf jeden Fall fischte ich sie dieser Tage aus meinen Fächern, in denen ich die Unmengen an kleinen Vinylscheiben aufbewahre, und hörte sie mit großem Staunen mal wieder an.

Ich wusste nichts über die Band und musste erst einmal ein wenig im Internet recherchieren. Offensichtlich veröffentlichte sie über Jahre und Jahrzehnte hinweg allerlei Tonträger, man kann sie mit Fug und Recht zum Hardrock zählen. (Sie stammte aus New York und war seit den 60er-Jahren aktiv.) Was dann auch die Single trefflich beweist, die ich mir mehrfach anhörte …

Das Titelstück ist richtig gut. Klar ist »Mr. Mechanic« eine Hardrock-Nummer, aber die Bandmitglieder ließen sich offenbar vom Punk – der damals brandneu war – anstecken und lassen es richtig krachen, verzichten auf Hardrock-Peinlichkeiten und Gitarren-Soli. Éin Ohrwurm ist das tatsächlich, die Melodie bleibt echt hängen. Die B-Seite mit dem Titel »Victory In Space« klingt schon eher nach uncoolem Hardrock. Aber gut …

Ich entschied mich, nachdem ich die Single einige Male angehört hatte, sie nicht wegzutun, sondern bei den anderen Singles und EPs zu lassen. Wie ich mich kenne, vergesse ich sie wieder und höre sie dann in zehn Jahren wieder. Mal schauen: Vielleicht sehe ich sie dann als Klassiker?

09 Juni 2021

Keine ruhige Nacht?

(Am Samstag, 5. August 2000, schrieb ich am Morgen gegen 4.15 Uhr diese Sätze direkt in das Eingabefenster der Internet-Seite, die Karl Nagel zu den Chaostagen programmiert habe. Ich war recht angetrunken und saß am Rechner der WG, in der ich einige Nächte schlafen konnte. Zur Dokumentation kann man sie aber heute noch gut lesen, finde ich.)

Die Schlacht an der Lutherkirche ist vorüber, die Barrikaden am E-Damm sind geräumt. Derzeit herrscht relative Ruhe in der Nordstadt, und überall sind starke Polizeikräfte aufgefahren, um weitere Zusammenrottungen von Punx und Bundesgenossen zu verhindern.

Das Sprengelgelände sowie der Platz an der Lutherkirche sind total abgeriegelt. Selbst Anwohner haben massive Probleme, an ihre Wohnungen zu kommen, da die Polizei sogar die Innenhöfe kontrolliert und niemanden durchlässt.

An der Ecke zwischen Hahnenstraße und Parkgelände standen gegen halb vier Uhr nach wie vor eine Gruppe von Punx, die von Polizisten bewacht wurde. Gleichzeitig sah man überall kleine Gruppen von Punx, die sich allein und unbesorgt bewegen konnten.

Interessant war gegen halb vier Uhr eines: Überall waren Gruppen von seltsam aussehenden jungen Menschen, die nicht genau einzuschätzen waren. Ob das nun Hooligans, türkische Jugendbanden oder getarnte Punx waren, ließ sich im Eifer des Gefechtes nicht feststellen.

Als unser Berichterstatter ging, war im Bereich der Nordstadt ein »Himmlischer Friede« eingekehrt ... Wobei alle wohl auf den nächsten Morgen warten.

Ein Cop zwischen Alkohol und Liebeskummer

Die Krimis von Robert B. Parker schätze ich, aber ich lese sie nicht in der »richtigen Reihenfolge«. So kam ich erst dieser Tage zum dritten Band der Reihe um den Polizisten Jesse Stone. Vordergründig handelt es sich um einen Mordfall, in dem die Polizei ermittelt; die persönlichen Angelegenheiten des Helden nehmen aber einen großen Raum ein.

Jesse Stone ist nämlich Alkoholiker. Er hat seinen Suff einigermaßen unter Kontrolle, leidet dazu aber auch darunter, dass er immer noch seine Ex-Frau liebt. Die beiden sind geschieden, treffen sich aber immer wieder – und diese Treffen werfen ihn oft aus der Bahn. Wie soll er unter solchen Bedingungen herausfinden, wer ein junges Mädchen ermordet hat, dessen Leiche man aus einem See gefischt hat?

Die Leiche liegt schon lange im See, weshalb die Polizei einige Tage benötigt, um sie zu identifizieren. Als klar wird, um wen es sich handelt, stellt Stone zu seiner Überraschung fest, dass die mutmaßlichen Eltern behaupten, keine Tochter mit dem genannten Namen zu haben. Nach einiger Zeit wird klar, dass das Mädchen noch zur Schule ging, aber einen sehr lockeren Lebenswandel hatte – offenbar spielt auch ein wenig Prostitution eine wichtige Rolle. Spätestens da wird ein Polizist wie Stone besonders neugierig …

Bei den »Jesse Stone«-Krimis führte Parker immer wieder die »Nebenbei-Aspekte« ins Zentrum des Geschehens. Die Gespräche des Polizisten mit seiner ehemaligen Frau und seine Versuche, nicht zu viel Alkohol zu trinken, haben stets mit dem Fall zu tun. Sie beeinflussen ihn mal negativ, mal positiv, sie helfen dabei mit, den Charakter des Polizisten stärker auszubilden. Ich empfang die »menschelnden« Szenen deshalb nie als Unterbrechung des Krimis oder gar als Nebenhandlung, sondern stets als zentrales Element.

»Die Tote in Paradise« ist ein typischer Parker-Roman: lakonische Dialoge, knappe Beschreibungen, wenig Action, die dann aber zutreffend. Der Einblick in die Polizeiarbeit wirkt auf mich glaubhaft, die Figuren sind stimmig, ob sie nun auf der guten oder auf der schlechten Seite stehen. Jesse Stone als zäher und zielstrebiger Ermittler funktioniert für mich auch in diesem Krimi.

Man kann den Roman lesen, ohne einen der anderen Bände aus dieser Reihe zu kennen. Ich lese die Reihe ja auch durcheinander. Aber sicher wäre es besser, sich alle »Jesse Stone«-Krimis in der richtigen Reihenfolge vorzunehmen.

08 Juni 2021

In den 80er-Jahren kamen die Serienmörder

Wieder habe ich einen der wunderschönen Bände der »Rick Master«-Gesamtausgabe gelesen. Die Ausgabe 14 enthält drei albenlange sowie zwei kurze Geschichten – eine davon ist deshalb besonders witzig, weil sie von verschiedenen Zeichnern gestaltet worden ist und einen bizarren Stil-Mix enthält. Immer wieder wird Rick Master, der Detektiv und Reporter, in unheimliche Fälle verwickelt.

Auffällig ist: Die drei langen Geschichten, allesamt erstmals in den 80er-Jahren veröffentlicht, sind nicht nur deutlich »härter« als die Geschichten der frühen Zeit, sie greifen zudem zeitaktuelle Themen auf. Das muss man inhaltlich nicht unbedingt gutheißen, zeigt aber, wie sehr sich die Serie auf die Ereignisse einstellte, die auch die Leser beschäftigten.

In »Die Todesliste« geht es nicht nur um einen mysteriösen Serienmörder, sondern auch um die politische Vergangenheit von einzelnen Menschen. In diesem Fall handelt es sich um Linksextremisten und »Anarchisten«, es gibt sogar Darstellungen von Barrikadenkämpfen.

»Die Boten des Todes« spielt nicht in Frankreich, sondern an der belgischen Küste. Doch die schöne Landschaft wird mit einem unheimlichen Serienmörder »verschränkt«, und Rick Master muss mithilfe eines belgischen Polizisten ermitteln.

Geradezu unheimlich ist der Fall »Rick Master gegen Sherlock Holmes«, der auch alle heutigen Sherlock-Holmes-Fans begeistern sollte. Der Serienmörder kokettiert mit Holmes- und Moriarty-Motiven, Rick Master ist zwischendurch reichlich verzweifelt, und die Lösung des Falls ist sehr untypisch für die Serie (ohne sie hier zu verraten).

War die Reihe in ihren Anfängen eher schlicht, erwies sie sich in den 80er-Jahren als zeitaktuell. Die Geschichten, die Tibet erzählte und die dieser Sammelband präsentiert, sind verwirrend und spannend zugleich; sie lassen sich heute noch ohne jegliches Problem lesen, wirken erstaunlich frisch.

Bei seinen Zeichnungen erwies sich André-Paul Duchateau in dieser Zeit als ein Meister seiner Zunft. Hintergründe stimmen, Gesichter zeigt er immer wieder in Großaufnahme, jeder Strich scheint perfekt zu sitzen. Das ist die große Kunst des leicht wirkenden französischen Unterhaltungs-Comics.

Ein sehr schöner Comic-Band, der meiner Ansicht nach auch gut geeignet ist, in die Gesamtausgabe von »Rick Master« einzusteigen ...

07 Juni 2021

Peter und der alte Deutschpunk

Wenn ich meine Fortsetzungsgeschichte für das OX-Fanzine schreibe, sind immer Dinge enthalten, die der Wirklichkeit entspringen. Die aktuelle Folge 31 von »Der gute Geist des Rock’n’Roll« ist ein gutes Beispiel dafür. Sie wurde in der Ausgabe 156 des Magazins veröffentlicht.

Die Hauptfigur des Romans hält sich als »alter Sack« auf einer Studentenparty auf. Zusammen mit einigen Kumpels hört er zuerst schlechte deutsche Schlager und wird dafür angemault. Danach läuft alter Deutschpunkt, Bands wie die Cotzbrocken oder Normahl.

Und genau solche Szenen kenne ich aus den 90er-Jahren noch gut. Da hörte ich durchaus mal bei einer Party die Musik in genau dieser Reihenfolge, und es gab genau die Konflikte deswegen. Meine Bemühungen, in meinem Fortsetzungsroman ein wenig den »Geist« des Jahres 1996 einzufangen, sollte das dann auch entsprechen …

Schmissiger Sound der Berlin Blackouts

Mit melodischem Punkrock und rauem, manchmal gröligem Gesang kann man mich immer noch hinter dem Ofen hervorlocken. Ein schönes Beispiel dafür sind die Berlin Blackouts, deren Platte vom Frühjahr 2017 den Titel »Kissed By The Gutter« trägt und die einfach richtig gut ins Ohr geht, zumindest in das meine.

Die Band gibt's erst seit Ende 2014, es gab die üblichen Umbesetzungen und mittlerweile schon einige Platten. Derzeit sind es drei Leute, die es verstehen, einen knalligen Sound zu spielen, der sich ganz eindeutig vor dem frühen Punkrock verneigt.

Man bleibt immer auf der Melodie-Seite, hält sich textlich aus politischen Peinlichkeiten raus und hat offenbar einen Sinn für gutes Styling – wenn man sich die Gestaltung der Platte und des Textblattes anschaut. Der Sänger peitscht die Stücke nach vorne, die anderen machen immer wieder einen Chor dazu. Dabei kommt nicht unbedingt ein beinharter Pogo-Sound heraus, aber das stört nicht.

Die ganze Platte strahlt einen Charme aus, der nach den späten 70er- und frühen 80er-Jahren klingt, ohne unmodern zu sein. Alle elf Stücke gehen gut ins Ohr und versetzen mich unweigerlich in Bewegung. Wer einen neuen Trend sucht, ist hier falsch; wer aber guten Punkrock mag, ist bei dieser Platte hundertprozentig richtig. Klasse gemacht!

06 Juni 2021

Parkbank-Geschrei

Ich hörte das Geschrei schon, als ich das Paar noch nicht sehen konnte. Mit meinem Rad fuhr ich durch die Grünanlagen von Daxlanden und Grünwinkel zurück in die Weststadt. Und wer da brüllte, war eindeutig eine Frau – sie benutzte badischen Dialekt, den ich an dieser Stelle ins Deutsche übertrage.

»Du lügst mich die ganze Zeit an!«, schrie sie. »Und dann sagst du immer, du hilfst mir, und dann sitze ich wieder allein im Dreck.«

»Wo lüge ich dich an?«, brüllte ein Mann im gleichen Dialekt zurück. »Ich bin doch immer anständig zu dir.«

Ich bog um eine Kurve, und dann sah ich die beiden. Sie saßen auf einer Parkbank, romantisch im Grünen, während der leichte Nieselregen auf uns herunterfiel. Beide waren höchstens dreißig Jahre alt; sie hatte einen hellblonden Pferdeschwanz, er einen modisch-akkuraten Kurzhaarschnitt. Beide hielten Bierflaschen in der Hand, beide hatten gerötete Gesichter und fuchtelten mit der freien Hand durch die Luft.

Sie beachteten mich nicht, was mir recht war. »Du bist so krank, das tut mir echt weh, und du merkst es nicht mal selbst!«, schrie sie voller Wut, während ich an ihnen vorüberfuhr.

Seine Antwort hörte ich noch, dann bog ich um eine weitere Kurve, und das Rauschen der Alb links von mir wurde lauter. »Wer von uns beiden ist denn krank? Du bist besoffen, das ist alles!«

Ich schüttelte den Kopf und machte, dass ich schneller vorankam. Und ich machte mir eines klar: Als ich jung war, sahen Leute, die sich am hellichten Tag in einem Park besoffen und dann Streit bekamen, immer älter aus als ich; grauhaarige Männer und Frauen mit dicken Wänsten und dem Geruch nach altem Schnaps und billigen Zigaretten.

»So wird man älter«, knurrte ich. »Schon die Trunkenbolde sind nur noch halb so alt wie ich.«

05 Juni 2021

Die gefährliche Cancel Culture

Alexander Sipis ist der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, also der Dachorganisation der Verlags- und Buchhandels-Branche. In einem Interview im »Börsenblatt« (Ausgabe 21 vom 25. Mai 2021), der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift des Verbandes, lässt er sich zur »Woche der Meinungsfreiheit« interviewen. Diese fand im Mai statt.

Wie es sich gehört, lobt Skipis seinen Verband und seine eigene Arbeit sehr. Das ist bei einem Beitrag dieser Art nicht anders zu erwarten. Auch wenn er die Überschrift »Es geht nicht ums Schulterklopfen« trägt …

Schön ist seine Darstellung. Man habe »zwei Seiten derselben Medaille beleuchten« wollen. Ausdrücklich benennt Skipis »die Missachtung der Meinungsfreiheit in autoritären Staaten wie der Türkei, Saudi-Arabien und China«, fügt aber gleich hinzu: »aber auch die verheerende Entwicklung in unserer eigenen Gesellschaft.«

Da wird der Geschäftsführer konkret: »Stichwort Cancel Culture. Hass und Hetze führen zur Einschüchterung.« Soweit diese Zitate aus dem Interview.

Ich habe da echt einige Fragen, die ich aber nicht öffentlich stellen würde. (Wenn es GEGEN die angebliche Cancel Culture geht, die angeblich die Meinungsfreiheit bedroht, gibt es eine irrsinnig breite Koalition. Aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Mal ernsthaft: Die angebliche Cancel Culture – was immer Skipis darunter genau verstehen mag – ist also genauso gefährlich wie das, was in Ländern wie der Türkei, China oder Saudi-Arabien vorgeht? Habe ich das richtig verstanden? Wenn also hierzulande Leute für ihre Aussagen öffentlich kritisiert werden, ist das genauso schlimm wie das Vorgehen staatlicher Organe, die in den genannten Ländern bekanntlich Journalisten oder Autorinnen und Autoren einsperren?

Vielleicht habe ich das alles falsch verstanden. Aber vielleicht wird hier doch mit zweierlei Maß gemessen.

02 Juni 2021

Von 6 bis 9 im 5

Nach Monaten der Pandemie und des sozialen Abgeschiedenseins wollten wir am Dienstagabend, 1. Juni 2021, zum ersten Mal wieder in ein Restaurant gehen. Weil das Wetter schön war, bot sich ein Biergarten an, auch aus Sicherheitsgründen. Man weiß ja nie ...

Ich radelte am späten Nachmittag zur Volkshochschule, wo ein Mobiles Testzentrum eingerichtet worden war. Ich hatte mir vorher einen Termin geben lassen, was sich als unnötig herausstellte: Es war nichts los. Ich bekam mein Nasenpopeln und die Zusicherung, mir würde das Ergebnis per Mail zugesandt.

Dann radelte ich wieder nach Hause, und bis ich mein Rad im Keller abgestellt hatte und wieder in der Wohnung war, lag auch das negative Ergebnis vor. Das druckte ich aus.

Frohgemut konnten wir also kurz nach 18 Uhr im Biergarten des »fünf« aufschlagen. Man musste entweder geimpft sein oder ein negatives Testergebnis mitbringen, so die neue Anordnung der Stadt Karlsruhe. Zudem waren die Abstände zwischen den Tischen vergrößert worden, und wer zum Platz ging, musste eine Maske tragen.

Wir trafen Bekannte, wir begrüßten die Leute im »fünf«, die wir in den vergangenen Monaten ab und zu gesehen hatten, und wir bestellten eine Flasche Wein. Später aßen wir sehr gut. Ich gönnte mir ein Spargel-Kartoffelsüppchen, dann Haselnuss-Kohlrabi-Millefeuille mit Karotten-Hummus und als Abschluss ein Salzmandel-Karamellparfait mit Schokokirschen. Danach war ich pappsatt und sehr zufrieden.

Vor 21 Uhr verließen wir den Biergarten, ab dieser Zeit musste er sowieso geschlossen sein. Wir radelten noch zum Alten Flugplatz und sahen dort den Karnickeln zu, die in der Abenddämmerung futterten, wühlten und durch die Gegend rannten. Ein schöner Abschluss an einem Abend, der ein wenig nach Normalität aussah.

Vampire, Zombies und andere Monsterviecher

Mit dem Autor Christoph Dittert arbeite ich seit vielen Jahren zusammen. Unter seinem bürgerlichen Namen schreibt er für Reihen wie die »???«, unter seinem Pseudonym Christian Montillon unter anderem für die Serien, die ich betreue. Ich kenne also viele seiner Manuskripte und Exposés, weiß einigermaßen, wie er »tickt«. Umso interessanter ist es dann für mich, die Werke anzuschauen, die der Autor »sostwo« veröffentlicht.

Bei Emmerich Books & Media erschien das Taschenbuch »Wege der Unsterblichkeit«, das sechs Novellen des Autors präsentiert. Sie wurden im Verlauf der Nullerjahre in verschiedenen Verlagen publiziert und liegen nun erstmals als Sammlung vor. Der Autor hat sie hierfür auch ein wenig bearbeitet, sie aber in ihrem ursprünglichen Charakter belassen.

Seien wir ehrlich: Das ist keine anspruchsvolle Phantastik, nicht einmal andeutungsweise. Es handelt sich hier um Novellen, die der Autor als E-Book oder in Heftromanen veröffentlichte, zu einer Zeit, in der er schriftstellerisch noch nicht so weit war wie heute. Anders gesagt: Die Geschichten sind im klassischen Heftromanstil verfasst – aber bei diesem gibt es ja schließlich genügend Kollegen, die ihr Metier beherrschen und spannend zu unterhalten wissen.

Und das konnte der Autor schon zu der Zeit, als er diese Geschichten erstmals schrieb. »Eine Leiche auf Abwegen« variiert, wenn man möchte, den Zombie-Mythos, ist spannend und auch ein wenig amüsant erzählt und bietet eine Reihe von Wendungen. »Dunkle Erkenntnis« bringt Dämonen ins Spiel, die sich mit den Menschen anlegen – oder andersrum? –, aber in einer anderen Weise, als man das sonst kennt.

In »Monsterdämmerung« geht’s, wie der Titel schon andeutet, um Monster, die bekämpft werden müssen. Bei »Fluchbrecher« wiederum spielen verliebte Vampire eine Rolle. Und so weiter …

Die Geschichten variieren bekannte Themen, und das macht der Autor so, dass es sich gut lesen lässt. Montillons Horror-Novellen sind sehr kurzweilig, sie machen Spaß. Ich las immer mal wieder eine der Geschichten und fühlte mich jeweils gut unterhalten.

Ergänzt werden die sechs Novellen noch durch Anmerkungen Montillons zu jeder seiner Geschichten sowie einen Anhang: eine umfangreiche Bibliografie zum Schaffen des Autors. Das ist tatsächlich ebenfalls beachtenswert, zeigt es doch, wie die Laufbahn des Schriftstellers verlief.

Wege der Unsterblichkeit« ist sicher keine Muss-Lektüre. Wer sich für das Werk Christian Montillons interessiert, sollte das Buch auf jeden Fall antesten. Wer gut geschriebene Horror-Unterhaltung – ohne Splatter-Elemente – mag, wird auch auf seine Kosten kommen. Schönes Taschenbuch!

01 Juni 2021

Virusalarm bei Professor Zamorra

»Das Corona-Virus hält die Welt in Atem!« Was anfängt wie ein Artikel oder eine Reportage, ist der Einstieg in einen Heftroman. Die Kollegen bei »Professor Zamorra« setzten bei Band 1225 auf ein aktuelles Thema. »Virus-Alarm!« heißt der Roman, nur echt mit Ausrufezeichen, und verfasst wurde er von Ian Rolf Hill.

Das Heft wurde bereits am 11. Mai 2021 veröffentlicht, mir fiel es erst dieser Tage in die Hände. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das finden soll: Ist es effekthascherisch, so ein Thema für einen Grusel-Heftroman zu verwenden, oder ist es mutig und richtig, nicht die üblichen Monsterviecher aus der Schublade hüpfen zu lassen, sondern der Realität einen Platz einzuräumen?

Beim Blättern in diesem Heftroman wurde mir klar, dass der Autor noch ein aktuelles Thema verarbeitet hat: die Situation in einem Mastbetrieb. Es geht also auch um Tierhaltung und Tierquälerei. Spannend … ich glaube, den Roman sollte ich mir genauer anschauen.

Ein eisiger Comic vor historischer Kulisse

In Frankreich zählen historische Geschichten seit vielen Jahren zu den beliebtesten Genres der Comic-Szene. Serien wie »Die sieben Leben des Falken« wurden auch im deutschsprachigen Raum durchaus erfolgreich, erlebten aber nie die Beliebtheit, die sie in Frankreich genossen. Mit »Winter 1709« liegt im Splitter-Verlag ein Zweiteiler vor, den ich sehr spannend fand.

Wie der Titel schon klarmacht, spielt die Geschichte im Jahr 1709. Wieder einmal führt Frankreich einen Krieg gegen seine Nachbarn; weil aber ein schrecklicher Winter das Land lahmlegt, stocken alle Feldzüge. Ein einzelner Mann muss versuchen, Nahrungsmittel für die Truppen zu besorgen, zieht auf eigene Faust durchs Land und schlägt sich mit Banditen, Bauern und Soldaten herum.

Wenn man es genau nimmt, hat »Winter 1709« den Charakter eines Westerns. Wäre nicht die historische Kulisse des vereisten Frankreichs, könnte man sich Loys Rohan auch als einsamen Westernhelden vorstellen. Der Mann reitet allein, er wird mit allerlei Schrecken konfrontiert, er trifft eine attraktive Frau und legt sich mit Schurken und Helden gleichermaßen an.

Mit ihrem Szenario greift Nathalie Sergeef eine Epoche auf, die in Frankreich eine gewisse Popularität genießt. Die Zeit von Ludwig XIV. mit ihrem Prunk und ihren Intrigen bietet für viele populäre Geschichten einen starken Hintergrund. Davon sieht man in den zwei Bänden dieses Comics wenig: Die Autorin zeigt eine düstere Zeit, in der Kinder wegen eines Verdachts am Galgen aufgehängt werden, in der verzweifelte Menschen sich um die letzten Nahrungsmittel streiten und in der nichts von »edlen Rittern« zu sehen ist.

Ihre Geschichte ist spannend, ihre Dialoge sind stark. Unweigerlich ist man gefesselt und lässt sich in die derbe, zeitweise sehr harte Geschichte hineinziehen. Sie steigert sich im zweiten Band zu einem action-geladenem Ende, es gibt viele Tote und ein »Happy End«, das eher begrenzt ist. Streckenweise ist das alles recht brutal, was allerdings zu einer Zeit unaufhörlicher Kriege passt.

Die Optik finde ich beeindruckend. Vor allem die Darstellungen des Winters, von Eis und Schnee sind hervorragend. Philippe Xavier versteht sich darauf, Action zu zeigen, bringt die erbitterten Kämpfe klar aufs Papier. Manchmal unterscheiden sich die Gesichter nicht stark genug voneinande;, es sind letztlich immer wieder bärtige Männer, die sich gegenseitig totschlagen.

Die Farbgebung darf ich bei alledem nicht außer Acht lassen. Wie Jean-Jacques Chagnaud die verschiedenen Weiß- und Grau-Töne des Winters orchestriert, das ist schon sagenhaft. Dadurch entsteht eine spannende Kombination aus Bild und Text, die einen nicht so schnell loslässt.

Klar, man muss ein Fan historischer Comics sein, und man sollte ein Faible für die französische Geschichte haben. Dann ist »Winter 1709« echt großartig. Aber auch sonst handelt es sich um einen überzeugenden Comic, der in schöner Gestaltung veröffentlicht wurde.

31 Mai 2021

Ein Video-Interview mit mir

Im vergangenen Jahr erschien die Anthologie »Unknown«, zu der ich bei Gelegenheit noch einiges schreiben sollte. Das von Sonja Rüther und Hanka Leo organisierte Projekt fand ich von Anfang an spannend: eine Sammlung von phantastischen Kurzgeschichten, die ohne Nennung von Namen veröffentlicht werden sollte. Kann man anhand des Stils oder des Inhalts herausfinden, wer den Text verfasst hat?

Mittlerweile kann und darf ich es ausplaudern: Auch ich habe daran teilgenommen. Von mir stammt die Kurzgeschichte »Das verdorbene Haus«, die eine weibliche Hauptperson aufweist. Dass sie von einem Mann verfasst wurde, konnten sich nur wenige vorstellen.

Mittlerweile gibt es ein Interview, das Sonja Rüther mit mir geführt hat. Sieht man von einigen technischen Problemen ab, ist es meiner Ansicht nach sehr unterhaltsam und auch informativ: Es geht um das Schreiben an sich, um Geschlechterklischees und auch ein wenig um die Serie, für die ich als Redakteur tätig bin.

The Fume aus Göteborg

Drei junge Männer aus Göteborg in Schweden, die in den Zehner-Jahren eine Schallplatte herausbrachten, auf der sie zwölf Mal ihre Version von Rock’n’Roll spielten: Das sind The Fume, und die Platte hörte ich dieser Tage mal wieder an. »Rock’n’Roll Ain’t A Seasonal Thing« enthält insgesamt zwölf Stücke, und die sind ziemlich klasse.

Klar, jeden Tag kann ich mir nicht jedes Stück anhören. Manchmal wühlt der Sänger mit seiner gelegentlich überdrehten Stimme arg in den 70er-Jahren und beim damaligen Glam-Rock, dann wieder bolzt die Band richtig schönen Garagen-Punk heraus, und manchmal glaubt man, den skandinavischen Rock-Sound der 90er-Jahre zu hören. Die Band serviert auf jeden Fall eine abwechslungsreiche Mixtur aus verschiedenen Rock-Klängen, die ziemlich kompakt klingt. Keine unnötigen Soli, kein Gejammer, kein Metal-Gedöns.

Musikalisch ist das meist knalliger Sound, mal mehr in Richtung Hardrock, mal in Richtung Punk tendierend, immer wieder voll aufs Gaspedal und ohne Pausen durch die Ratzfatz-Stücke hindurch. Ich kann da kaum still sitzen und bedauere, diese Band nie live gesehen zu haben.

Was The Fume auf dieser Platte machen, ist wunderbar jung klingende Rock-Musik, die sich so anhört, als sei sie erst vor Kurzem erfunden worden, mit viel augenzwinkerndem Humor und ungekünstelter Spielfreude. Sehr cool!

28 Mai 2021

Zwei Vettern

Meine Schwester war am Telefon. »Der Konrad ist gestorben«, erzählte sie. Konrad galt bei uns immer als ein Cousin, als Vetter – dabei war er »nur« angeheiratet. Aber er war mit unserer Cousine schon in den 70er-Jahren zusammengekommen, quasi eine Sandkastenliebe, die irgendwann in einer Ehe gemündet hatte.

Ich war ein wenig schockiert. So alt sei er doch gar nicht gewesen. »Gerade mal siebzig«, bestätigte meine Schwester. »Das ist doch kein Alter.« Er sei nicht an Corona gestorben, so viel wisse sie, mehr aber nicht.

Wir unterhielten uns ein wenig über Konrad, den wir beide gemocht hatten. Er hatte mehr als vierzig Jahre zur Familie gehört, und bei den Familienfeiern, die ich ansonsten gehasst hatte, war ich mit seiner konservativen schwäbischen Art sehr gut klargekommen.

Ich hasste Beerdigungen, aber zu seiner wäre ich sogar in das Dorf im Schwarzwald gefahren, wo er zu Grabe getragen wurde. Wegen der Pandemie war das allerdings nicht möglich.

Es war der zweite Vetter, der während der Pandemie gestorben war; der andere im vergangenen Herbst. In beiden Familienzweigen hatten wir also einen Todesfall, den wir nicht in der gewohnten Weise »zu Ende« bringen konnten. Beide wohnten in Dörfern im Schwarzwald, beide rund zwei Dutzend Kilometer von dem Dorf entfernt.

Familienfeiern mag ich nicht. Aber beides Mal handelte es sich um Verwandte, die ich gemocht hatte und die ich beide zuletzt bei Beerdigungen anderer Verwandter gesehen hatte. Da wäre ich »gern« bei der Trauerfeier erschienen. So schickt meine Schwester eben eine Karte, in die sie Geld packt, und ich gebe ihr später die Hälfte zurück.

Das ist distanzlos und irgendwie ohne echte Anteilnahme. Das macht es doppelt traurig, finde ich.