18 Mai 2022

1985 in Nordirland

Lakonische Dialoge, knappe Beschreibungen, coole Anmerkungen zu Musik und Popkultur: Ich liebe die Romane von Adrian McKinty, genauer gesagt, die Romane seiner Serie um den nordirischen Polizisten Sean Duffy. Dieser Tage las ich endlich den Roman »Gun Street Girl«, den vierten Band der Serie, und bei diesem konnte ich wieder kaum die Lektüre unterbrechen.

Als Schauplatz wählte der Autor natürlich Nordirland, wo die Serie ja spielt, es gibt aber Abstecher nach England und Schottland. Sean Duffy hängt sich als Mordermittler in einen Fall rein, der eigentlich eine Nummer zu groß für ihn ist: Zuerst wird ein älteres Ehepaar erschossen, dann begeht der Sohn – angeblich der Mörder – einen schnellen Selbstmord. Eine junge Frau kommt ebenfalls ums Leben, ein Haus brennt ab, und das alles hängt irgendwie zusammen mit Dingen, für die sich auch der britische Geheimdienst interessiert.

Ohne zu viel spoilern zu wollen: Der Autor erzählt vom Jahr 1985, und in dieser Zeit arbeiteten verschiedene Geheimdienste an höchst ekligen Themen. Es geht wirklich um das »ganz große Geschäft«, in dem die Amerikaner und die Briten, der Iran und Nicaragua sowie weitere Weltregionen verwickelt sind. Und Nordirland ist ebenfalls darin verwoben.

Adrian McKinty lässt seinen Duffy stur ermitteln. Der Detective möchte einen Mordfall aufklären, und er kann es nicht leiden, wenn man ihm in die Suppe spuckt. Daran ändern auch Vorgesetzte, die ihn ausbremsen, Vermummte, die ihn verprügeln, und Nachbarn, die ihm die Reifen zerstechen, nicht viel. Schwierigkeiten bereiten ihm höchstens die Frauen, mit denen er allerdings nicht viel Glück hat.

McKinty erzählt zielstrebig und ohne Firlefanz. Er bleibt immer in der klaren Innenperspektive seines Helden, den er von einer packenden Szene zur nächsten schickt. Das macht er in einer klaren Sprache, bei der immer wieder aber auch »literarische« Sequenzen zu verspüren sind.

»Gun Street Girl« ist ein großartiger Krimi, den man auch gut ohne jegliche Kenntnis der gesamten Serie lesen kann. Man muss nicht viel über den Nordirland-Konflikt wissen; es schadet aber nicht, ein gewisses politisches Allgemeinwissen mitzubringen …

17 Mai 2022

Flugbegleiterin mit Problemen

Die Schauspielerin Kaley Cuoco ist sogar mir ein Begriff. Sie spielte in der unglaublich beliebten Serie »The Big Bang Theory« die Rolle der hübschen, aber ein bisschen arg naiven Penny. Ich bin sicher, dass diese vorherige Rolle der wesentliche Grund dafür ist, dass man ihr die Hauptrolle in der Serie »The Flight Attendant« gab.

Die acht Teile der ersten Staffel kann man sich bei Amazon Prime anschauen, was ich endlich auch tat. Ich fand sie spannend und gut erzählt, am Ende mehrten sich die Schwächen, aber unterm Strich mochte ich die Serie sehr. Das liegt sicher daran, dass die Hauptdarstellerin so stark gegen die Penny-Rolle gesetzt wird.

Couco spielt in dieser Serie ebenfalls eine lebenslustige junge Frau. Sie arbeitet als Flugbegleiterin, sie lernt einen attraktiven Mann kennen, sie verbringt mit ihm eine Nacht in Bangkok. Am nächsten Morgen wacht sie mit einem Filmriss neben seiner Leiche auf, schafft es aber, sich mit einem Flugzeug in die USA abzusetzen. Während die Beamten des FBI versuchen, den Mord aufzuklären, will sie mehr über den Toten herausfinden – und gerät dabei immer mehr in Probleme.

So weit, so spannend.

Interessant ist die Geschichte vor allem dadurch, dass der Schatten über der Flugbegleiterin immer klarer wird. Sie ist Alkoholikerin. Was anfangs nach Party-Trinkerei aussieht, wird immer klarer als Suchtverhalten identifiziert. Die Hauptfigur säuft eigentlich ständig, sie ist permanent unter Alkohol. Sie denkt gelegentlich an ihre Vergangenheit, und man erfährt, dass sie schon in ihrer Kindheit richtig viel Bier gesoffen hat, und hat gelegentlich Wahnvorstellungen.

In diesen Szenen wurde die Schauspielerin auch auf »hässlich« geschminkt: herabhängende Wangen, zerlaufenes Make-Up, hektisch-zittriges Verhalten. Das fand ich hart und glaubhaft gespielt, überhaupt nicht zu vergleichen mit der jungen und ständig fröhlichen Penny aus der Nerd-WG.

»The Flight Attendant« ist eine spannende Serie, die ich sehenswert finde und empfehlen möchte. (Leider halt nur für Prime-Kunden; so was ist dann für alle anderen echt ärgerlich.) Wer davor »The Big Bang Theory« geguckt hat, wird den Film auf jeden Fall mit anderen Augen sehen als jemand, der neutral an die acht Teile herantritt …

SF-Klassiker in moderner Comic-Version

Ich behaupte gern, dass ich mich mit den Klassikern der Science-Fiction-Literatur ganz gut auskenne. Das stimmt nur eingeschränkt – so habe ich beispielsweise in all den Jahrzehnten keinen Roman gelesen, den Jack Vance über die »Dämonenprinzen« geschrieben hat. Warum auch immer ich diesen Science-Fiction-Zyklus verpasst habe … aber derzeit wird es ja in Form eines groß angelegten Comic-Epos neu veröffentlicht.

Die Geschichte spielt in einer sehr weit entfernten Zukunft. Mit riesigen Raumschiffen bewegen sich die Menschen durch einen Kosmos, den sie sich erschlossen haben. Kirth Gersen ist in dieser Welt ein Abenteurer, der von seinem Großvater den Auftrag erhalten hat, die Mörder seiner Eltern zu stellen und sich an ihnen zu rächen. Auf Raumstationen und seltsamen Welten nimmt er die Spur der sogenannten Dämonenprinzen auf …

Jean-David Morvan setzt den Roman »Prinz der Sterne« von Jack Vance in eine Geschichte um, die ich mir ein wenig sprunghaft erscheint. Als Comic-Leser werde ich in ein Universum geworfen, das mir anfangs sehr fremd vorkommt und nicht so richtig stimmig erscheint. (Wer sauber definierte Science-Fiction-Szenarien mag, hat bei der Lektüre wahrscheinlich seine Probleme.)

Die Dialoge sind stimmig, sie wirken manchmal ein wenig geschraubt – aber das liegt wohl an der Romanvorlage. Der erste Teil dieser neuen Serie überzeugt noch nicht; da muss im folgenden Teil mehr kommen.

Ähnliches gilt für die Optik. Paolo Traisci ist dann gut, wenn er die Weiten des Alls, geheimnisvolle Städte oder fremde Planeten zeigen kann. Seine Figuren wirken manchmal ein wenig steif, die Action-Darstellungen empfinde ich sogar als schwach. Damit überzeugt er mich nicht durchgehend.

Insgesamt finde ich die Ansätze an diesem Comic nicht ausgereift. Wer Science Fiction mag, sollte auf jeden Fall mal in die Leseprobe schauen. Fans von Jack Vance müssen hier wohl zugreifen. Ich warte mal ab, ob sich die Serie mit dem zweiten Band steigert …

16 Mai 2022

Gruseln am Tresen

Der grauhaarige Mann stand am Tresen und belaberte die junge Frau, die dahinter stand. Er war offensichtlich einer von der unglaublich lustigen Sorte. Immer wieder machte er eine spaßige Bemerkung, über die er laut lachte. Sie lachte mit, und auf mich wirkte es eher verlegen.

»Man muss halt auch mal Spaß machen«, sagte er. Sie pflichtete ihm bei. Da habe er recht.

»Auch wenn die Politik einem die Laune verderben kann«, fügte er hinzu. Ein längerer Exkurs zum Krieg in der Ukraine folgte, in dem ein »den Putin müsste man an den Füßen aufhängen« und andere Sachen vorkamen. Die junge Frau sah an dem alten Mann vorbei, und wieder hatte ich das Gefühl, dass es ihr eher unangenehm war.

Warum er bei ihr am Tresen stand und was er eigentlich von ihr wollte, wusste ich nicht. Es war auch nicht wichtig. Mir tat die junge Frau leid, und ich schämte mich ein wenig für den alten Mann.

Hoffentlich werde ich nicht so wie der, wenn ich älter bin, dachte ich und gruselte mich sanft.

Ich gruselte mich noch mehr, als mir der zweite Gedankengang bewusst wurde: Hoffentlich bin ich noch nicht schon so wie er und merke es selbst nicht ... Und ich schämte mich ein wenig über mich selbst.

15 Mai 2022

Mal wieder Con-Luft

Die Luft am Rheinufer in Köln war geschwängert von Pollen und Samen: Dicke weiße Flocken wirbelten herum und bedeckten den Boden und die Kleidung. Und Tausende von Menschen schienen den Weg ans Ufer gefunden zu haben, um sich auf den Wiesen und an den Grillstellen zu treffen. Der Parkplatz, auf dem ich am Morgen mein Auto abgestellt hatte, war am frühen Abend derart vollgeparkt, dass es an ein Wunder grenzte, ihn unfallfrei wieder zu verlassen.

Ich war wieder einmal in Köln, wieder einmal auf einem ColoniaCon. Ich besuchte sie nicht alle, ich kann also nicht für die gesamte Historie der Science-Fiction-Veranstaltungen in der Domstadt sprechen – aber ich war oft in Köln und besuchte diese Cons, seit gut vierzig Jahren. Und nach der langen Zeit der Pandemie (schon klar, die ist noch nicht vorüber, aber es fühlte sich so an, wenn man im Freien stand und sich mit Leuten unterhielt) fand ich es toll, mal wieder auf einem Con zu sein: Die Maskenpflicht im Innern wurde nicht beinhart umgesetzt, ich hielt mich aber daran.

Über die Programmpunkte mögen andere Leute schreiben. Ich bekam eigentlich nur die mit, bei denen ich selbst auf der Bühne saß, und stand ansonsten schwatzend mit anderen Leuten herum, redete mit denen über Sex und Science Fiction, über verstorbene Fans und das Leben mit der Pandemie, über fannische Erinnerungen und neue Gesichter. Ich führte einige echte Fachgespräche, genoss es auch, mit meinem alten Freund Hermann Ritter auf einer Bierbank zu sitzen und zu tratschen. (Wir kennen uns seit dem März 1982. Das sind vierzig Jahre. Hammer.)

Und als ich mit meiner Kollegin Janina am Abend dann wieder heim fuhr, über die Autobahn nach Karlsruhe, war ich wie aufgedreht, putzmunter und fröhlich, richtig gut darauf und voller Tatendrang. Ich freue mich schon auf den nächsten ColoniaCon!

13 Mai 2022

Der Kurd-Laßwitz-Preis findet ohne mich statt

Im vergangenen Jahr war ich redaktionell für sage und schreibe 100 Science-Fiction-Publikationen verantwortlich, die auf professionelle Weise veröffentlicht worden sind – sprich, dafür wurden Honorare bezahlt. Man könnte also behaupten, dass ein großer Teil der deutschsprachigen Science-Fiction-Publikation im professionellen Bereich über meinen Schreibtisch gewandert ist.

Trotzdem kann ich nicht am Kurd-Laßwitz-Preis für das Jahr 2021 mitmachen. (Das ist der Preis für die jeweils beste deutschsprachige Publikation in Sachen Science Fiction.) Ich dürfte und ich könnte als »Science-Fiction-Schaffender«, aber ich tu's nicht. Das teilte ich nach reiflicher Überlegung dem Treuhänder mit. Und das liegt nicht daran, dass ich nicht will oder zu eingebildet dafür wäre.

Es liegt schlicht daran, dass ich zu wenig deutschsprachige Science Fictioin außerhalb meiner Arbeit gelesen habe. Es waren zwei, drei, vielleicht auch vier Romane, dazu zwei Kurzgeschichtensammlungen – das reicht nicht aus, um sich einen Überblick zu verschaffen. Es wäre deshalb kaum korrekt, wenn ich abstimmen würde.

Ich lese viel. Nicht nur dank meiner Arbeit, sondern auch, weil es mich interessiert. Aber das sind eben unter anderem Sachbücher und Krimis, allgemeine Literatur und Fantasy – und Science Fiction aus dem Ausland. Da bleibt schlicht nicht genügend Zeit und Hirn übrig, alles an deutschsprachiger Science Fiction zu lesen, was erschienen ist.

Ich hätte gern Simone Weinmanns Dystopie »Die Erinnerung an unbekannte Städte« nominiert und mit einem Preis ausgezeichnet, weil mir das Buch echt gut gefallen hat – aber ich kann nicht beurteilen, ob es wesentlich bessere Romane gegeben hätte.

In früheren Jahren habe ich gelegentlich abgestimmt; da hatte ich mehr Übersicht über das vergangenen Science-Fiction-Jahr, war aber trotzdem meilenweit entfernt von ernsthafter Sachkenntnis. Ich stimmte im Prinzip also für die Titel, die ich kannte, und verteilte Punkte bei Autorinnen und Autoren, die ich mochte und schätzte.

Vielleicht mache ich das in kommenden Jahren wieder. Im Mai 2022 erschiene es mir unseriös ...

Eine Blutorgel in Kalifornien

Als die »John Sinclair«-Hörspiele im Jahr 2020 ihr zwanzigjähriges Jubiläum feierten, legte man bei Lübbe-Audio die sogenannte Sonder Edition auf. Im Rahmen dieser Edition erschien »Die Blutorgel«: eine schöne CD-Packung, darin zwei CDs, optisch gut gestaltet und auch inhaltlich durchaus ansprechend. Der Roman, der dem Hörspiel zugrunde liegt, wurde 1982 erstmals veröffentlicht.

Die Geschichte spielt nicht in England, wie sonst bei der Serie mehrheitlich üblich, sondern in Kalifornien. In einem seltsamen Dorf an der Küste treffen John Sinclair und sein Kollege Suko auf ein Geheimnis, dessen Ursprünge bei einem Orgelbauer aus Deutschland liegen. Dunkle Mächte haben eine sogenannte Blutorgel errichtet, mit deren Hilfe man Leute grausig zu Tode bringt. Sogar der Herr der Hölle mischt da offensichtlich gern mit.

Sieht man von der Brutalität ab, die immerhin nur in einer Szene »ausgelebt« wird, ist die Geschichte packend und mysteriös. Vor allem die erste CD hat viele atmosphärische Szenen, die langsam das Dorf und seine Umgebung vorstellen. »Die Blutorgel« wird dabei aus der Sicht einer Familie und aus der Sicht des Geisterjägers John Sinclair erzählt – die Spannung steigert sich dann langsam.

Mit den Orgelklängen, die sich durch das gesamte Hörspiel ziehen, gibt es eine Klammer, durch die die Handlung besonders gut zusammengehalten wird. Auch sonst sind die Sprecher und die Geräusche wieder hervorragend, sind die Art und Weise der Erzählung spannend gemacht.

Mit »Die Blutorgel« liegt ein »John Sinclair«-Hörspiel vor, das für sich allein steht, das nicht in den Zusammenhang anderer Episoden eingebettet ist und das mir sehr unterhaltsam vorkommt. Man muss kein Fan dieser Serie sein, um dieses Hörspiel zu mögen ...

12 Mai 2022

Dreißig Jahre GZSZ

Als ich den frühen 90er-Jahren oft in Heidelberg unterwegs war und dort häufig in einer bestimmten Punkrock-WG übernachtete, gab es eine Fernsehsendung, die alle gerne ansahen. Es war die »Lindenstraße«. Ich verstand den Hype nie, der um dieser Serie gemacht wurde, glotzte aber zwei-, dreimal mit.

Zu jener Zeit begann eine neue Serie. Sie hieß »Gute Zeiten schlechte Zeiten«, wurde aber allgemein nur als »GZSZ« abgekürzt. Ich war von den schlichten Charakteren eher entsetzt und nicht gerade fasziniert. Seither bekam ich von dieser Serie nichts mehr mit. Ich sah sie nie wieder an, und ich hätte nicht einmal mehr gewusst, dass es sie überhaupt gibt.

Dieser Tage feiert »GZSZ« ein großes Jubiläum. Am 11. Mai 1992 wurde die erste Folge ausgestrahlt, seit folgten Tausende von Folgen. Ich kann nicht beurteilen, wie gut und wie schlecht die Serie ist, wie gut die Figuren platziert werden oder welchen popkulturellen Wert sie eigentlich hat.

Aber ich sehe, dass sie über drei Jahrzehnte hinweg einen großen Kreis an Fans erreichen konnte. Das muss man erst einmal schaffen. Also gratuliere ich der Serie hiermit und wünsche weiterhin viel Erfolg – auf die nächsten Jahrzehnte mit »GZSZ«!

Kids Insane aus Tel Aviv

Über Kids Insane weiß ich nicht viel; die vier jungen Männer kommen aus Tel Aviv, der israelischen Hafenstadt. Sie machen knalligen Hardcore mit politischen Texten in englischer Sprache; ich habe ihre EP »Frustrated« da, die insgesamt sechs Stücke präsentiert, die mir echt gut gefallen.

Die Band spiegelt in ihren Stücken das Leben in Israel wieder, singt über die No-Future-Einstellung vieler junger Leute und sieht sich offenbar als junge und frische Alternative in einer Zeit, in der Politik so wirkt, als sei sie nur für alte Leute von früher. Man solle aufstehen, man solle sich engagieren, man solle sich nicht einigeln – so in etwa der Tenor der Stücke.

Musikalisch ist das Hardcore mit nur leichter Metal-Kante; der Sänger brüllt energisch, singt dann aber auch mal wieder. Wer mag, kann den Gesang als »Emo« betrachten, die Musik ist es nicht. Die Stücke haben allerlei Tempowechsel, sie sind dynamisch und abwechslungsreich.

Die EP wurde im Januar 2014 veröffentlicht, in einer kleinen Auflage und mit schöner Gestaltung; das Label sitzt in Berlin. Meine Platte hat die Nummer 273, viel mehr als 500 dürfte es nicht geben. Ich verweise deshalb gleich mal auf den Bandcamp-Auftritt der Band.

11 Mai 2022

Kurze Aufsätze eines großen Denkers

Der Soziologe Niklas Luhmann (1927 bis 1998) ist mir seit vielen Jahren ein Begriff. Ich ließ mir immer wieder die komplexen Themen erklären, mit denen er sich beschäftigte, und wusste somit einigermaßen Bescheid, natürlich nur auf einer sehr oberflächlichen Ebene, die keinerlei ernsthafter Diskussion standhielte.

Deshalb fand ich es spannend, den kleinen Hardcover-Band »Short Cuts« zu lesen, der bereits im Jahr 2000 erschienen ist. Er fasst Interviews mit Luhmann, Artikel des Soziologen und einen Vortrag zu einer unterhaltsamen und informativen Lektüre zusammen. Man ist – ich muss es gestehen – nach so einem Artikel durchaus schlauer, ich vergesse trotzdem die Themen nach einiger Zeit wieder. Es ist also ein Buch, das ich mir immer mal wieder zur Hand nehmen werde. Es vermittelt einige Denkansätze, und das kann ja niemandem schaden.

»Was ist Kommunikation?« ist dabei einer der umfangreichsten Beiträge. Luhmann, der sich vor allem mit der Systemtheorie und den Problemen der Kommunikation beschäftige, stellt hier – es ist das Manuskript eines Uni-Vortrages – einige Konzepte zur Kommunikation vor. Wie spielt das Bewusstsein in die Kommunikation hinein? Wie verlaufen die verschiedenen Kodierungen beim Kommunizieren? Und wie stellt die Kommunikation letztlich die Realität her?

Manche Aufsätze in diesem Buch sind eher spielerisch. Luhmann konnte auch über Fußball oder Wahlergebnisse plaudern, das alles auf einem hohen Niveau und mit einem gewissen intellektuellen Witz. (Es wäre spannend, sich Luhmann in der heutigen Zeit vorzustellen. Wie würde er mit Twitter, Facebook und Instagram umgehen, wie er an öffentlichen Diskussionen mitwirken?)

Spannende und erhellende Lektüre, nach der ich immerhin erkenne, warum Luhmann als so genial galt und bis heute umstritten ist! Der Hardcover-Band ist 160 Seiten schmal und lässt sich gut lesen. Kaufen kann man ihn immer noch, offenbar aber nur noch antiquarisch.

10 Mai 2022

Morgens auf dem Gutenbergplatz

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Heute war einer der Tage, die ich zu schätzen gelernt habe. Sie kommen häufiger vor als früher, und das hat damit zu tun, dass ich meine Arbeitstage viel flexibler gestalte als früher: Ich gehe nicht jeden Tag ins Büro, und selbst wenn ich im Büro bin, sitze ich meist morgens noch daheim in der eigenen Wohnung, um dort beispielsweise Manuskripte oder Exposés zu lesen – daheim habe ich einfach mehr Ruhe.

Wenn ich die Zeit habe und die Muße empfinde, nehme ich mein Rad und fahre an manchem Tag zum Gutenbergplatz. An drei Tagen in der Woche findet dort der Wochenmarkt statt: unter der Woche mit wenigen Ständen, am Samstag mit richtig vielen Ständen. Und das ist richtig schön!

Frisches Gemüse, frische Salate und frisches Obst aus der Pfalz und aus dem Kraichgau sowie von Bauern aus der direkten Umgebung. Ein Bäcker aus dem Elsass, ein Bäcker aus dem Kraichgau. Kekse aus Frankreich, Fisch aus der Region, ein Stand mit Bio-Käse, ein Stand mit herkömmlichem Käse. Ein Stand mit frischem Espresso, ein Stand mit Falafel, ein Stand mit eingelegtem Gemüse. Und so weiter.

Es ist an sonnigen Tagen wie im Urlaub. Und sogar bei Regen und Schnee finde ich genug auf dem Wochenmarkt am Gutenbergplatz. Ich liebe es.

Schmutziges Mittelamerika

Die Comic-Serie »XIII« zählte zeitweise zu den absoluten Bestsellern im frankobelgischen Buchhandel, und ich mochte sie stets sehr gern. Mittlerweile habe ich damit angefangen, die schöne Gesamtausgabe zu lesen, in der die Alben in schicken Hardcover-Bänden zusammengefasst werden. Ziemlich viel Action gibt es im dritten Band dieser Gesamtausgabe, den ich zuletzt las und dessen Geschichten zumeist in Mittelamerika spielen.

Die Hauptfigur der Serie ist ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat und seither versucht, im Detail herauszufinden, wer er eigentlich ist und wer ihn ausgerüstet hat. Dabei kommt er nach und nach einer großen Verschwörung auf die Spur, in die höchste Kreise der USA verwickelt sind. Zu seinen wenigen Verbündeten gehören ein alter General und eine attraktive junge Offizierin.

Jean von Hamme schrieb die Texte für die vier Abenteuer dieses Bandes in den neunziger Jahren; das war sicher die Zeit, in der die Serie auf einem Höhepunkt ihres Erfolgs war. Warum er sich dazu entschied, seinen Helden in die revolutionären Wirren in Mittelamerika abtauchen zu lassen, ist nicht ganz klar: Sie erweitern auf jeden Fall das Serienuniversum um einige neue Aspekte.

Der Held war als »Cascador« offenbar vor Jahren an einer revolutionären Bewegung beteiligt und soll nun wieder eine solche Rolle spielen. Wie es sich für ein Szenario dieser Art gehört, gibt es Verrat und Misstrauen, Schießereien und Gefängnisse, Liebe und Hass – ein paar Klischees dürfen da natürlich nicht fehlen, und das grundlegende Misstrauen gegenüber der amerikanischen Außenpolitik gehört einfach dazu.

An den Bildern, die William Vance in den 90er-Jahren beisteuerte, gibt es meiner Ansicht nichts auszusetzen. Der Mann konnte offenbar alles zeichnen und malen: Landschaft und Gesichter, Action und ruhige Szenen, Sumpf und Dschungel, das Innere einer heruntergekommenen Bar oder die Glitzerfassade moderner Bürotürme. Das ist alles klasse gemacht.

Der redaktionelle Anhang gibt einige Ergänzungen, ist aber eher dünn geraten. Das macht aber nicht so viel aus, in diesem Fall sind die Geschichten das Entscheidende. »XIII« ist als Serie nach wie vor sehr gut zu lesen, und eine USA mit all diesen Intrigen in den höchsten Rängen kann man sich in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts noch besser vorzustellen als in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts …

09 Mai 2022

Klarer Antifa-Punk von der Tischlerei

Im Verlauf der Jahre schrieb ich immer mal wieder über die Band Tischlerei Lischitzki und ihren Deutschpunk, spielte sie auch gern im Radio. Im Oktober 2021 erschien die aktuelle Platte der Band, die ich dieser Tage immer wieder aufgelegt habe. »Wir ahnen Böses« ist düster und manchmal melancholisch, dann wieder knallt sie richtig rein; es lohnt sich, sie intensiver zu anzuhören und nicht nur zu konsumieren.

»Diese Platte hat viel Zeit und Energie gekostet«, schreibt die Band auf dem Beiblatt zur Langspielplatte, das auch als Poster genutzt werden könnte. Und sie ergänzt: »Sie passt zu diesen dunklen Zeiten.« Die Band könnte ja feiern, sie wurde zwanzig Jahre alt. Aber: »Geburtstag ist was anderes.«

Das schlägt dann auf die Musik und auf die Texte durch. Klar macht die Band irgendwie Deutschpunk: Der Sound ist düster, aber knallig. Die Stücke werden nicht durchgebolzt, sie haben Breaks und überraschen durch nachdenkliche Phasen. Das sind keine Pogo-Smasher, keine Melodie-Hits, das ist Punkrock, der sich nicht ins Ohr schmeicheln möchte, sondern der zum Mitdenken anregt.

Textlich ist das teilweises sehr intensiv. Wenn der Sänger am Ende bei »Familiengeschichte« sein »Hier habt ihr eure Namen zurück!« ins Mikrofon schreit, ist das ein Abschluss für ein politisches Lied, das es schafft, die deutsche Geschichte mit Auschwitz und Vernichtungskrieg in ein Punkrock-Lied zu packen.

Andere Texte beschäftigen sich mit der aktuellen Asylpolitik in Europa oder den Problemen einer Band, die auf einem Konzert mit »rechtsoffenen« Leuten spielen soll. Es geht um klare Kante gegen rechts, um ein Streiten für die eigenen Überzeugungen, um einen Weg, der mit Punkrock anfängt, aber nicht bei bierseligen Saufliedern hängen bleibt.

»Wir ahnen Böses« ist keine Platte mit Hits, zu denen man schnell mitsingen könnte. Das möchte die Band auch nicht liefern. Es ist eine richtig gute Deutschpunk-Platte, eigenständig und intelligent. Sehr gut!

06 Mai 2022

Phantastik-Bestenliste im Mai 2022

Ich schaue mir immer wieder gern die Phantastik-Bestenliste an. Eine unabhängige Jury präsentiert dabei immer die ihrer Ansicht nach besten SF- und Fantasy-Romane eines Monats. Es ist klar, dass mich davon nicht alles anspricht, und es ist auch gut, dass ich nicht in einer solchen Jury sitze. Spannend finde ich es allemal, sich die Liste anzugucken. Ganz aktuell ist die vom Mai 2022.

Ada Palmers Roman »Dem Blitz zu nah« steht auf Platz eins. Ich kenne das Buch nicht, aber die Beschreibung macht mich neugierig. Der Begriff »keine einfache Lektüre« schreckt allerdings noch ab.

Theresa Hannigs Science-Fiction-Roman »Pantopia« steht auf Platz zwei und liegt bei mir im »dringend zu lesen«-Stapel; da bin ich sehr gespannt. Dafür reizt mich der auf Platz drei stehende Fantasy-Roman »Legendborn. Der geheime Bund« von Deonn Tracy überhaupt nicht.

Von Judith & Christian Vogt habe ich schon einiges gelesen; ich mag die beiden auch persönlich. Der Fantasy-Roman »Schildmaid: Das Lied der Skaldin« auf Platz vier spricht mich aber nicht an; das Thema reizt mich nicht. Dafür finde ich den Roman »Die Wächterinnen von New York« von N. K. Jemisin, der auf dem fünften Platz steht, absolut brillant; für mich ein grandioser Phantastik-Roman.

Von Mary Robinette Kowal und ihrem Science-Fiction-Roman »Die Berechnung der Sterne« auf Platz sechs habe ich schon einiges gelesen; das klingt interessant und reizt mich. Auf Platz sieben kommt Nora Bendzko mit ihrer düsteren Fantasy »Die Götter müssen sterben«, den ich richtig gut fand und immer noch empfehlen kann.

»Sanctuary – Flucht in die Freiheit« von Paola Mendoza und Abby Sher auf dem achten Platz klingt zumindest interessant, Kameron Hurley mit ihrem »Der Sterne Zahl« fand ich schon ansprechend, als ich nur davon hörte, und bei »Das Erbe der Elfenmagierin« von James A. Sullivan mag ich den Autor persönlich, aber das Thema reizt mich nicht.

Und so ist auch diese Phantastik-Bestenliste wieder einmal abwechslungsreich, für mich nicht hundertprozentig überzeugend – aber das ist ja auch Geschmackssache –, aber immer wieder voller Tipps zu neuen Themen. Schön!

Ein persönliches SF-Egozine

Nachdem in Australien die Regeln für die Corona-Pandemie ein wenig gelockert worden sind, haben sich Perry Middlemiss und seine Frau einige freie Tage gegönnt und sind durch die Gegend gefahren. Das entnehme ich der Lektüre seines Fanzines »Perryscope«; die aktuelle Nummer 20 erschien im März und wurde von mir dieser Tage gelesen.

Middlemiss kommt aus dem australischen Bundesstaat Victoria, interessiert sich für Science Fiction und macht ein waschechtes SF-Egozine. Dabei guckt er gern über den Tellerrand. So schreibt er über die Fernsehvorlieben während der vergangenen Monate, zu denen aktuelle Filme und Fernsehserien gehörten (wie bei mir auch).

Er erzählt von Autoren, die er mag, und ihren Büchern (bei Namen wie Nnedi Okorafor, Alexander McCall Smith oder Garry Disher reicht ein Blick ins Bücherregal, um zu sehen, dass wir viele gemeinsame Interessen haben), plaudert über aktuelle Fernsehserien wie »Reacher« und teilt Lesermeinungen. Der Blick über den Science-Fiction-Tellerrand ist erfrischend.

Die Ausgabe 20 von »Perryscope« ist ein typisches SF-Egozine, das ich gern gelesen habe. Früher hätte man sich das aufwendig per Luftpost schicken lassen müssen, und das hätte von Australien nach Deutschland auch einige Zeit gedauert. Heute kann ich es mir kostenlos bei »efanzines« herunterladen. Schön!

05 Mai 2022

Als der FO sein Jubiläum feierte

Ich las den »Fandom Observer« über viele Jahre und Jahrzehnte gern, und es ist immer wieder interessant, in alten Ausgaben des Fanzines zu blättern. Dieser Tage hatte ich die Nummer 250 in der Hand, die im April 2010 veröffentlicht wurde. Wenn man sich das Heft heute durchguckt, kommt es einem vor wie eine Reise in eine tiefe Vergangenheit.

Es gibt einige Rückblicke auf die vorherigen Ausgaben, unter anderem von Hermann Ritter oder von mir. Schön ist es, einen Artikel von Olaf Brill zu lesen – mit ihm hatte ich in den 80er-Jahrne nur indirekt zu tun. Zu Zeiten dieser »Fandom Observer«-Ausgabe kam er wieder in die Fan-Szene zurück, und heute arbeiten wir bei diversen Raketenheftchenserien zusammen. Und richtig gern las ich das Interview mit John Lochhas, der in den 80er-Jahren zu den Gründern des ATLAN-Clubs Deutschland gehörte.

Der »Fandom Observer« 250 bestand im April 2010 vor allem aus Rückblicken, wie sich das so ein Heft auch gehört. Blicke ich heute auf dieses Heft, habe ich also einen doppelten Blick in die Vergangenheit. Das finde zumindest ich spannend.

Beiträge wie der Artikel über Hugo Gernsback oder den Film »Iron Sky« kann man sich immer noch zu Gemüte führen; dazu kommen einige Rezensionen und Notizen. Die 32 Seiten des Heftes habe ich noch einmal gelesen, und ich habe die Lektüre genossen. (Mit einem weinenden Auge: Es ist schade, dass es ein solches Fanzine nicht mehr gibt und wohl auch nie wieder geben wird.)

Die Rumps aus der Alten Schule

Manche Platten stecken voller Überraschungen: Die Platte »Necro Minority« der spanischen Band The Rumps gab's für lächerlich geringes Geld beim Vinyl-Händler meines Vertrauens, und ich erwartete mir echt nicht viel. Doch dann blies mir ein konsequentes Hardcore-Gewitter fast die Ohren weg.

Die Platte wurde im Jahr 2000 aufgenommen, viel mehr weiß ich gar nicht darüber. Die Bandmitglieder orientierten sich eindeutig am frühen Ami-Punk, wie er zu Beginn der 80er-Jahre gespielt wurde, verzichten auch komplett auf irgendwelche Experimente, sondern lassen es einfach krachen.

Wer Adverts und Ruts covert, das aber nicht nach 1977 klingen lässt, sondern eher nach 1982, der hat eh mein Herz für sich gewonnen. Die Gitarren sind verzerrt, das Schlagzeug knallt wie Sau, und der Sänger rockt alles weg, was nicht bei Drei auf dem Baum ist – großartiger Punkrock ohne irgendwelchem Scheißdreck drumherum.

Whow.

04 Mai 2022

ColoniaCon 24 in Sicht

Ich behaupte immer gern, ich hätte 1982 meinen ersten ColoniaCon in Köln besucht. Ob das wirklich so ist und war, könnte ich vor Gericht nicht beschwören. Aber ich bilde mir steif und fest ein, im Juni 1982 per Anhalter nach Köln gereist zu sein, wo der ColoniaCon schon damals im Jugendpark unweit des Rheinufers stattfand.

Es gibt also viele Gründe, im Mai 2022 nach Köln zu fahren. Nach über zwei Jahren der Pandemie sehne ich mich geradezu, wieder einmal einen Con zu besuchen. Und mein privates Jubiläum kommt dazu: 40 Jahre ColoniaCon für mich und das auch noch im Jugendpark – da bin ich ernsthaft verpflichtet, in die Domstadt zu fahren.

Nach wie vor bin ich mir nicht sicher, wie ich das alles gestalten soll. Der Plan ist bisher, morgens hin- und abends heimzufahren. Aber werde ich dann vor Ort eine Maske tragen? Auch auf die Gefahr hin, der einzige zu sein, der so ein Ding im Gesicht hat? Oder verlasse ich mich darauf, dass sich alle vor dem Con testen, um auf Nummer sicher zu gehen? Oder wird die angekündigte Maskenpflicht in den Innenräumen durchgesetzt, was mir am liebsten wäre?

Ein ColoniaCon ist letztlich ja keine seriöse Veranstaltung, die im Zeichen ernsthafter Diskussionen und Lesungen steht. Der ColoniaCon war immer ein Con, bei dem das Trinken von Kölsch und das Herumstehen an der Theke fast wichtiger war als jeder Programmpunkt.

Für mich gehörten immer Spaziergänge ans Rheinufer dazu, gemeinsame Mittagessen im nahegelegen Restaurant des Schwimmbads, ernsthafte Gespräche mit Autorinnen und Autoren, aus denen neue Projekte wurden, und allerlei Privatkram, über den ich weiterhin lieber den Schleier des Vergessens und Verdrängens breiten werde. Ganz ehrlich: Ich freue mich schon sehr auf den ColoniaCon!

Familiengeschichte auf ungewöhnliche Art

Dem Publikum wurde der Schriftsteller Mark Haddon durch das auch hierzulande erfolgreiche Buch »Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone« bekannt. Aus der Ich-Perspektive erzählt, zeigte der Autor die Welt eines autistischen Jungen in einer Weise, die ich als sehr spannend und mitreißend empfand.

Bereits 2012 erschien sein Roman »Das rote Haus« in deutscher Übersetzung, den ich erst dieser Tage lesen konnte. Er fesselte mich über lange Strecken, wenngleich der Autor einiges machte, was mir sonst nicht gefällt – trotzdem ist es ein absolut empfehlenswertes Buch.

So stellt der Autor die Dialoge nicht in An- und Abführungszeichen, sondern er gestaltet sie kursiv. Und bei den schnell wechselnden Szenen hält er sich nicht unbedingt an die »richtige« Erzählperspektive, sondern springt munter von Kopf zu Kopf seiner Figuren; das aber macht er so gut, dass es mich nicht stört.

Zu allem Überfluss ist das Thema des Buches nicht unbedingt eines, das mich vom Hocker reißt: »Das rote Haus« ist ein Familienroman. Zwei Geschwister versuchen nach dem Tod ihrer Mutter gewissermaßen einen neuen Anfang. Beide haben sie eigene Familien, und die beiden Familien unternehmen nun einen gemeinsamen Urlaub in Wales.

Zwei Erwachsene, drei Teenager und ein kleiner Junge treffen sich in einem roten Haus, in dem sie eine Woche verbringen. Gesellschaftliche Realitäten prallen aufeinander, popkulturelle und weltanschauliche Gegensätze brechen heraus, es gibt Konflikte und Verbindungen; man streitet, und man hilft sich – und am Ende hat sich jeder der fünf Beteiligten ein wenig verändert.

Das klingt kaum spannend, ist es aber. Wie Haddon es schafft, seine Charaktere zusammenprallen zu lassen, ist großartig. Jede seiner Figuren bekommt eine eigenständige Rolle, alle haben sie ihre dunklen Seiten und handeln gleichzeitig jederzeit nachvollziehbar.

Bei der Übersetzung wurde ein hervorragender Job gemacht; das kann ich sagen, ohne das Original zu kennen. Der Autor bringt starke Beschreibungen, es wimmelt von popkulturellen Bezügen, die einzelnen Szenen sind teilweise literarisch höchst vertrackt geschrieben – und trotzdem ist das Ganze rundum unterhaltsam, ja, sogar richtig spannend. Im Deutschen »holpert« da nichts, alles liest sich flüssig.

Wer ansonsten Gegenwartsliteratur langweilig findet, wofür es ja viele gute Gründe gibt, sollte Mark Haddon zumindest mal antesten. Ich fand »Das rote Haus« großartig!

03 Mai 2022

In Eyachmühle

Auch wenn ich im Schwarzwald großgeworden bin und immer wieder gern dorthin fahre, weiß ich so vieles nicht. Das merkte ich, als ich unlängst in Eyachmühle war. Dabei handelt es sich um einen kleinen Ort, der aus einem halben Dutzend Häusern besteht. Man kommt nur über schmale Straßen dorthin, und hinter dem Ort kann man nur noch zu Fuß oder mit dem Rad weiter.

Mehr Schwarzwald geht kaum: Wälder in allen Richtungen, ein kleiner Bach dazwischen, und wenn man sich im Wald bewegt, hört man nicht einmal die röhrenden Motorräder, die einem sonst den Aufenthalt auf der Schwarzwaldhochstraße so verderben können. Die Wander- und Radwege sind teilweise sehr gut ausgebaut; weil sie teilweise geteert sind, nehme ich an, dass es alte Verbindungsstraßen zwischen den Dörfern sind.

Der nächstgelegene Ort ist Dobel; die nächstgelegenen kleinen Städte sind Bad Herrenalb und Bad Wildbad. Nach Karlsruhe ist es nicht sehr weit, nach Pforzheim auch nicht, und von Freudenstadt – wo ich aufgewachsen bin – aus ist Eyachmühle ebenfalls gut zu erreichen.

Was mich positiv beeindruckte, ist das Lokal, das Zentrum des Weilers. Das Gasthaus Eyachmühle serviert klassische Gasthausessen, aber allesamt mit Bio-Qualität. Die Fische sind aus der Region – logisch! –, das Wild kommt aus dem Wald, für Vegetarier gibt es ebenfalls eine vernünftige Auswahl. Auch die Auswahl an Bier und Wein mit Bio-Qualität ist gut, und wer mag – wir mochten … –, kann sich dort auch noch ein frisch gebackenes Bauernbrot kaufen.

Die Lage des Gasthauses Eyachmühle ist hervorragend; hier kann man sich echt ein wenig erholen. Und das Essen war ebenso hervorragend: kein Schnickschnack, einfach eine gute Küche mit ordentlicher Qualität, das Ganze in einem Haus, das Tradition nicht vortäuschen muss, sondern schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

Die witzige Zombie-Alternative

Zu der Fernsehserie »The Walking Dead« gibt es nicht viel zu sagen: Auch wer sie nie gesehen hat – wie ich –, weiß einigermaßen, worum es in ihr geht. Die Fernsehserie baut auf der gleichnamigen Comic-Serie auf und begeistert weltweit buchstäblich Millionen von Zuschauern; im Prinzip erzählt sie von einer Gruppe von Menschen, die sich in einer Welt durchschlagen müssen, in der die Zombies langsam die Überhand gewinnen.

Es liegt also nahe, auf Basis eines solchen Erfolgs gleich eine weitere Comic-Version zu veröffentlichen. Aus einem ernsthaft gemeinten Horror-Comic wird also eine Fernsehserie, auf deren Basis wieder neue Comics entstehen. Für Fans des Genres ist das sicher eine positive Entwicklung.

Ich mag teilweise durchaus, was dabei herauskommt. »Walk Of The Dead« ist ein Beispiel dafür: Weil ein vertrottelter Professor einer jungen Frau ein Virus spritzt, das sie in einen Untoten verwandelt, bricht die Zombie-Apokalypse aus. Eine Gruppe von Überlebenden schlägt sich durch eine Gegend, die sich immer mehr in einen Alptraum verwandelt.

Man stößt auf andere Überlebende – unter anderem in einem Gefängnis – und reist weiter; man streitet sich, und man kämpft. Das alles kennen die Zombie-Fans zu Genüge. Bei »Walk Of The Dead« erzählen jeweils einseitige Geschichten von diesen Überlebenden und ihrem Schicksal.

Der Humor ist grob. Stéphane Lapuss macht derbe Witze über rollende Köpfe und heraushängende Gedärme, über spritzendes Blut und abgehackte Gliedmaßen. Das muss man mögen, dieser Comic ist nichts für sensible Menschen. Ebenso grob sind Witze über Sex und allerlei Gefühle – der Autor schreckt vor nichts zurück.

Die Zeichnungen, die Ztnarf dazu findet sind eindeutig humoristisch, aber ebenfalls recht derb. Da darf das Blut eben auch mal spritzen, da tropft der Eiter über die Seiten. In Verbindung mit den Farben, die Tartuff dazu gibt und die mal harmlos-lustig wirken und mal brutal-lustig, ergibt sich eine Abfolge haarsträubender Abenteuer.

Alles in allem ist »Walk Of The Dead« ein witziges Comic-Album, das mir Spaß bereitet hat. Ich musste nicht nur einmal während der Lektüre grinsen; manche Gags kann man sich auch ein zweites Mal anschauen.

Das 96 Seiten starke Hardcover-Album empfehle ich nicht nur beinharten Zombie-Fans, sondern allen Leuten, die sich über witzige und gleichzeitig grobe Comics amüsieren können.

02 Mai 2022

Fünfzig Millionen in der Luft

Glaubt man den aktuellen Berichten in diversen Fachmedien, die offenbar allesamt auf einen Artikel im »Manager Magazin« zurückgehen, steuert der Lieferdienst Gorillas nicht auf einen aktuellen Höhenflug hin, sondern entpuppt sich als eine Geldverbrennungsmaschine. Angeblich macht der Lieferdienst im Monat mehr als 50 Millionen miese … und das sei so viel, wie die Firma im Monat insgesamt umsetze.

Anders gesagt: Man nimmt insgesamt 50 Millionen ein und macht gleichzeitig 50 Millionen Verlust. Sogar jemand wie ich, der im Fach Betriebswirtschaftslehre am Wirtschaftsgymnasium nicht gerade zu den guten Schülern gehörte, kann daraus ablesen, dass das Geschäftsmodell aktuell nicht funktioniert.

Die entsprechenden Berichte nennen noch weitere Zahlen, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Wer sich unbedingt dafür interessiert, muss wohl das aktuelle »Manager Magazin« lesen. 

Ich sehe aber mit Staunen, wie sich das Geschäftsmodell einer Firma entwickelt, die mir in Karlsruhe praktisch ständig begegnet. Fahre ich mit dem Rad durch die Stadt, ist es fast unmöglich, keinen Radfahrer mit »Lieferando«- oder »Gorillas«-Uniform zu sehen. (Ich weiß: Bei »Gorillas« heißen die Leute euphemistisch »Rider«; ich muss aber nicht jeden sprachlichen Unsinn unserer Zeit mitmachen.)

Die weitergehenden Gedanken über Marktmechanismen, »Disruption« oder Verdrängung stellen sich da automatisch ein. Meine Schlussfolgerung aus alledem ist eh privater Natur: Ich bestelle bei keinem dieser Lieferdienste. 

Geriete ich in die Situation, dass ich mir Einkäufe nach Hause liefern lassen müsste, würde ich das direkt bei einem der Supermärkte in der Nachbarschaft oder ebenso direkt beim Pizza-Lieferdienst um die Ecke machen. Dann verdienen die wenigstens ein bisschen Geld an mir und meinen Einkäufen und nicht vor allem die »Plattform«, über die letztlich alles läuft.

Die Surfits mit starkem Skapunk

Seit Ende der neunziger Jahre spielen die Surfits ihre furiose Mischung aus Ska und Punkrock, der gelegentlich auch Surf-Einflüsse aufweist. Die aktuelle Platte trägt den schönen Titel »Eject A Clown – Expect The Surfits« und kam im Februar 2022 heraus. Ich finde die 15 Stücke durch die Bank richtig gelungen: eine tanzbare Mischung mit viel Melodie und Schmackes.

Die Band besteht aus derzeit sieben Mitgliedern und ist im Sound der 90er-Jahre verwurzelt. Wer damals an Skapunk seine Freude hatte, wird diese Band auch mögen. Die Stücke sind dynamisch, sie sind flott, sie sind abwechslungsreich; Bläsersätze und schnelle Gitarren wechseln sich ab; der Offbeat nervt nicht, und es kommen unterschiedliche Sänger an die Mikros.

Bei den englischsprachigen Texten bleiben die Surfits eher politisch. Das ist eher allgemein und gesellschaftlich gemeint, nicht an einer Parteilinie orientiert. Sie singen über »Working Slaves, digging Graves« in ihrem Stück »Job«; sie ärgern sich über Leute mit einer Leck-Mich-Am-Arsch-Einstellung, sie sind für gesellschaftlichen Zusammenhang. Zwischendurch gibt es auch Texte, die sich mit persönlichen Themen beschäftigen, etwa wenn es in »Detox« um Drogen und dergleichen geht.

Eine alles in allem sehr gelungene Platte, die man sich vor allem laut anhören sollte: sehr schmissig, geht sehr gut in die Gehörgänge! (Veröffentlicht bei K-Klangträger aus Hamburg.)

29 April 2022

Das Comic-Jahrbuch für 2021

Der Interessenverband Comic e.V. – kurz ICOM – gründete sich in den ganz frühen 80er-Jahren. Ich war jahrelang ein passives Mitglied, war kurzfristig auch ein wenig aktiver und verlor dann den Kontakt. Seither beäuge ich mit großer Sympathie, was der Verband heute so macht. Mit großer Verspätung las ich endlich das »Comic! Jahrbuch« für das Jahr 2021, das Ende 2021 erschienen ist.

Wobei der Begriff »Buch« nicht ganz optimal ist … Faktisch handelt es sich um ein Heft mit 52 Seiten Umfang, professionell gestaltet und auf dickem Papier gedruckt, so dass die Bilder richtig gut zur Geltung kommen. Früher hatte das Jahrbuch den Anspruch, ein ganzes Jahr so weit wie möglich abzubilden – aber das haben mittlerweile Magazine wie das »Alfonz« übernommen.

Mir gefällt das kondensierte Jahrbuch trotzdem. Ein echter Schwerpunkt sind der Independent-Comic-Preis 2020 – in den 90er-Jahren war ich da auch zweimal in der Jury – und die Preisträger. Reich bebilderte Beiträge beschäftigen sich dann in Form von Interviews mit aktuellen Comics wie »Björn Eichenwicht und der immergrüne Wald« und »Prinz Gigahertz«. Ich stelle bei der Lektüre fest, dass die Independent-Szene sich weit entwickelt hat und nicht mehr viel mit den Anfängen in den 80er- und 90er-Jahren zu tun hat.

Die Mixtur aus Artikeln und Interviews sowie zahlreichen Bildern ist gut gelungen und macht viel Vergnügen. Obwohl ich es aus Zeitgründen nicht vorhatte, las ich das Jahrbuch komplett. Ein lesenswerter Einblick in das aktuelle Comic-Geschehen in Deutschland – empfehlenswert!

28 April 2022

Der fünfte Enpunkt

Im Mai 1987 hatte mein Fanzine ENPUNKT noch nicht so richtig seine Form gefunden, was mir egal war. Es bestand aus sehr persönlichen Dingen, und ich verteilte es kostenlos im Freundes- und Bekanntenkreis. Kopiert wurde es während der Arbeitszeit am Firmenkopierer, zusammengelegt und getackert wurde es bei einer Auflage von einigen Dutzend Exemplaren daheim.

Das Titelbild war eher ein Comic von Rudi F. Kanov aus Wien, mit dem ich damals in einem regen Austausch stand. Wir hörten beide gern Musik, wir mochten Science Fiction und Comics, also gab es genügend Themen, über die man sich austauschen konnte. Ein ähnliches Durcheinander herrschte im Heft.

Ich schrieb über Partys, die ich besucht hatte, über die Arbeit im Büro, über Konzerte mit Bands wie den Ärzten, den Spermbirds, den Skeezicks oder Heresy – eine sehr bunte Mischung also. Rezensionen von Fanzines aus allen Bereichen wechselten sich mit Leserbriefen und Briefen an die Leser ab. Kleine Con-Berichte und haufenweise persönlicher Kram, dessen Anspielungen mir teilweise heute nichts mehr sagen, füllen das Heft.

Ich weiß nicht, wie ich es heute finden würde, bekäme ich es in die Hände. Im Abstand von sage und schreibe 35 Jahren finde ich das, was ich damals schrieb, teilweise peinlich, teilweise klasse. Aus dem einen oder anderen Textlein könnte ich sicher heute noch einiges machen; mit dem Abstand von bald drei Dutzend Jahren werden viele Erlebnisse von früher fast zum literarischen Steinbruch. Aber halt auch nur fast …

Commerzpunk aus Berlin

Die Band Fluchtweg aus Berlin spielte in den 90er-Jahren einige Male in Karlsruhe, zweimal übernachteten die Bandmitglieder bei mir. Ich mochte die Musik sehr, die die Jungs spielten, stellte aber irgendwann einmal fest, dass ich die Platten seit Jahren nicht mehr angehört hatte. Deshalb legte ich dieser Tage die »Commerzpunk« auf, nicht nur einmal, und bemerkte, dass mir die Stücke immer noch gefallen.

Die Band machte Deutschpunk, den aber mit viel Melodie und einigen ausgefallenen Effekten. Da darf auch mal die Orgel dazwischenquieken oder gleich das Stück beherrschen; da wird munter mit Offbeat-Elementen gespielt und auch mal langsam gespielt – ohne dass es »unpunkig« wäre. Die Bandmitglieder wussten definitiv, was sie taten, und bei der »Commerzpunk« waren sie ziemlich fit an ihren Instrumenten.

Man lässt es trotzdem mal rumpeln, und die Aufnahmequalität ist natürlich nicht auf dem höchsten technischen Niveau – es ist Deutschpunk, und der sollte sich nicht verleugnen lassen. So richtige Hits sind auf dieser Platte nicht enthalten, mit »Arbeitslose Ostler« oder dem »Tequilamond« hatte die Band in den 90er-Jahren für Deutschpunk-Hits gesorgt, die auf vielen Partys gesungen wurden.

Wobei man textlich durchaus clever zu Werke geht. Man verzichtet nicht auf Einspieler – Bela B. von den Ärzten spielt eine witzige Rolle – und verbindet diese mit Stücken. Ein Stück wie »Happy Holiday« könnte vom Text und der Machart her auch von der Terrorgruppe stammen, »Punkrock unser Leben« klingt wie der Abgesang auf ein Lebensgefühl.

Bei manchen Texten sind die Bezüge heute für jüngere Leute kaum noch nachvollziehbar – weiß jemand, der heute 17 Jahre alt ist, beispielsweise noch, welche Rolle die Sängerin Blümchen in den 90er-Jahren spielte?

»Commerzpunk« ist ein flottes Zeitdokument zu den 90er-Jahren. Veröffentlicht wurde die Platte schon 1998; in den Nullerjahren gab es sogar eine Nachpressung. Seit den Nullerjahren habe ich von der Band leider nichts mehr gehört. Da macht es mir umso mehr Spaß, sie in den zwanziger Jahren erneut anzuhören. (Wer sie auf dem Flohmarkt oder findet, als CD oder Vinylscheibe, sollte sie unbedingt kaufen.)