22 August 2019

Als der FO die 150 feierte …

Wenn ich in alten Fanzines blättere, stelle ich fest, wie sehr mir die quirlige Szene aus Fanzines aller Art fehlt, die bis in die späten 90er-Jahre hinein allerlei bunte Blüten trieb. Vor allem, wenn ich die Ausgabe 150 des »Fandom Observer« in die Hand nehme, die im Dezember 2001 veröffentlicht worden ist, wird mir dies bewusst.

Das Heft wurde von Martin Kempf zusammengefasst, einem der zwei Gründer des Fanzines, das über viele Jahre hinweg mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks einmal im Monat bei mir im Briefkasten landete. Die Ausgabe umfasste 24 Seiten im A4-Format, der Umschlag war in Farbe – was eine absolute Ausnahme war.

Zwei Leute schrieben in diesem Heft über Fanzines: Dirk van den Boom, heute erfolgreicher Science-Fiction-Autor, der in verschiedenen Verlagen veröffentlicht, und ich. Auf fünf Seiten stellen wir aktuelle Publikationen vor, die meisten davon aus den Bereichen Science Fiction und Fantasy. Im Jahr 2001 wurde zwar auch schon der Mangel an neuen Fanzines beklagt, es erschienen aber noch genügend.

Darüber hinaus gab es Fernseh-Tipps, allen Ernstes ein wenig Informationen zu aktuellen Internet-Seiten, eine Buchbesprechung und dergleichen. Vor allem waren hübsche Cartoons enthalten, die mir heute noch ein Lächeln entlocken. So kann ich mich auch noch viele Jahre nach dem Erscheinen an einem älteren Fanzine erfreuen. Schön!

21 August 2019

In der Marktlücke

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Man muss es fairerweise so sagen: Die »Marktlücke« in Karlsruhe ist kein Lokal, das durch seine ausgefallene Küche auffällt. Trotzdem freue ich mich, wenn ich einmal im Jahr – mehr ist es kaum – in der Kneipe sitze oder auf dem Platz direkt vor der Tür, wo bei schönem Wetter viele Tische und Stühle dazu einladen, sich bequem niederzulassen.

Klar, das Bier ist gut, aber da kann man nicht viel falsch machen. Beim Essen setze ich auf Käsespätzle, die schmecken gut, und die Portionen sind sehr ordentlich. Wer gehobene Küche sucht, ist in der »Marktlücke« falsch: Es ist eine eher einfache Küche, die angeboten wird, aber das meine ich nicht negativ. Die Verbindung aus einfachem, aber gut schmeckendem Essen und einigem Bier zieht auf jeden Fall täglich viele Leute in das Lokal.

In den Räumlichkeiten der »Marktlücke« habe ich schon so manche Besprechung gehabt – das Lokal liegt einfach sehr zentral. Wir sprachen über Romane und Hörspiele, Konzepte und Ideen. Allein deshalb schätze ich die »Marktlücke«.

Am meisten aber liebe ich sie für das ungewöhnliche Konzept der Toiletten. Zumindest sehen die Pissoirs im Männer-Klo eher ungewöhnlich aus, und sie bringen wohl Leute dazu, sich mal zu vergreifen. Deshalb mag ich dann auch die Aufkleber, die man darüber gepappt hat – idiotensicher gewissermaßen …

20 August 2019

Endlich bei den Schlosslichtspielen 2019

In diesem Sommer steckt der Wurm drin: Seit dem 8. August laufen die Schlosslichtspiele in Karlsruhe, und ich hatte es bislang nicht geschafft, die Veranstaltungen zu besuchen. Entweder war ich unterwegs, oder es regnete in Strömen. Nachdem ich am Freitagabend immerhin ein wenig gesehen hatte, ergab sich die Möglichkeit, am Montagabend längere Zeit zum Schloss zu gehen.

Es war ein warmer Abend, wir saßen auf dem Steinboden vor dem Schloss, buchstäblich in der ersten Reihe. Der Boden war warm, ich fand es nicht unbequem. Und wenn ich vorne saß, hatte ich stets das Gefühl, mitten in der Show zu sein. Das genoss ich wie in jedem Jahr.

(Am Montag war nicht so viel los wie am Freitag. Ich war mir trotzdem sicher, dass sich wieder Tausende von Menschen versammelt hatten; zudem gab es einen ständigen Wechsel. Leute kamen, Leute gingen, ein Durcheinander von Sprachen und Stimmen. Sehr nett wieder!)

Wir sahen zuerst »Dazz« vom Playmodes Studio an, das ich schon aus früheren Jahren kannte: eine teilweise sehr flimmerig wirkende Show mit knalligen Bildern in gelben und schwarzen Kontrasten, die zackig über die Fassade des Schlosses sprangen. Durchaus anstrengend, aber sehenswert.

Richtig toll fand ich »Evolution Of Life«, eine neue Show der ungarischen Künstlergruppe Global Illumination. Die Fassade des Schlosses zeigte den Urknall, die Entstehung von Galaxien und der Sonne, die Erde mit ihrer Evolution. Erste Aminosäuren, erste organische Substanzen, die ersten Keime des Lebens – das alles in wunderbaren Bildern, die über die Schlossfassade waberten, bis am Ende die Arche Noah alle Tiere aufnahm und die Fluten die Welt buchstäblich verschlangen.

Sehr abstrakt und musikalisch recht abwechslungsreich war »Walls Of Perception« von Xenorama. Die aus Potsdam stammende Künstlergruppe spielte mit der Fassade des Schlosses, ließ sie auseinanderfliegen, zerhackte sie mit ihren Bildern und fügte die Splitter in grellen Bildern immer wieder neu zusammen. Ziemlich großartig!

Ein Kinderbuch, das zur Phantasie anregt

Ich habe es schon gelegentlich erwähnt: Kinder haben erstaunlich viel Phantasie. Noch erstaunlicher ist, wieviel Mühe manche Erwachsene aufwenden, den Kindern die Phantasie auszutreiben. Umso schöner finde ich, dass es immer wieder Kinderbücher gibt, in denen die Phantasie geradezu zelebriert wird.

Dazu zählt auch das wunderbare Buch von Rocio Bonilla, das den schönen Titel »Der höhste Bücherberg der Welt« trägt. Es erzählt mit wenigen Textzeilen und dafür eindrucksvollen Bildern von einem Jungen namens Lukas. Er glaubt, dass er fliegen müsse, und er wünscht sich Flügel.

Eines Tages aber schenkt ihm seine Mutter ein Buch und sagt ihm, dass er damit doch auch fliegen könne. Der Junge beginnt zu lesen, und jedes gelesene Buch legt er auf einen Stapel, der wächst und wächst und wächst … bis es ein riesiger Bücherberg ist und der Junge erkennt, was seine wahre Bestimmung ist.

Letztlich ist es eine phantastische Vorstellung: ein Junge, der auf einem Bücherberg wohnt, der immer weiter in die Höhe steigt. Die Geschichte ist zauberhaft, die Illustrationen faszinieren. Sie sind kindgerecht, so dass man das Buch jederzeit einem Kind schenken kann, sollten aber auch den erwachsenen Phantastik-Fan ansprechen. Ich fand das Buch großartig und möchte es aus diesem Grund empfehlen.

Erschienen ist das Buch als Hardcover im Jumbo-Verlag. Es ist ein Bilderbuch, durchgehend vierfarbig, dem ein Poster beilegt. Es umfasst 44 Seiten und kostet 15 Euro. Wer möchte, kann’s mit der ISBN 978-3-8337-3913-2 überall im Handel bestellen. (Auf YouTube gibt’s einen hübschen »Blick ins Buch«.)

19 August 2019

Wenn ein Thekengast erzählt ...

Eine Veranstaltung, auf die ich mich schon sehr freue: Am 15. September 2019 wird in Karlsruhe endlich »Totengräbers Tagebuch« in einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Im Vorfeld gab's einige Diskussionen, weil nicht klar war, die das Ganze ablaufen sollte. Jetzt aber stehen das Programm und die Werbung dafür.

»Ein Thekengast und sein Leben« ist das Motto der Veranstaltung, und das trifft hundertprozentig zu: Volker Langenbein und ich lernten uns letztlich an der Theke im »Fünf« in Karlsruhe kennen. Dort wurde die Idee geboren, ein Buch aus seinen Geschichten zu machen, die er uns immer wieder an der Theke erzählte. Dass es von der ersten Idee bis zum fertigen Buch dann doch sieben Jahre dauerte, lag weniger an Volker als an mir. (Aber das ist ein anderes Thema.)

Es wird keine typische Lesung; deshalb fehlt dieses Wort auch auf der Information. Volker Langenbein wird erzählen, ich sage ebenfalls ein wenig etwas, und ein Moderator steuert alles; es gibt Raum für Diskussionen und Gespräche.

Es wird sicher eine Veranstaltung sein, die ungewöhnlich ist und mit bisherigen Buchveranstaltungen nur wenig zu tun hat. Aber genau das finde ich spannend.

16 August 2019

Peter und Laura im aktuellen OX

Seit wie vielen Jahren ich mit meinen Fortsetzungsgeschichten im OX-Fanzine vertreten bin, kann ich schon gar nicht mehr sagen. Irgendwann vor über zwanzig Jahren fing ich damit an. Und ich freue mich immer noch darüber, die jeweils neue Folge in gedruckter Form vor mir zu sehen.

In der aktuellen Ausgabe 145 ist wieder eine Folge von »Der gute Geist des Rock'n'Roll« enthalten. Auf dem Cover ist Lee Hollis von den Spermbirds zu sehen, der mir seit den 80er-Jahren ein Begriff ist. In den 90er-Jahren war er für das Layout des »Zap« verantwortlich, in dem die Anfänge meiner Fortsetzungsromane veröffentlicht wurden. Dass er immer noch auf der Bühne steht und Punk in seiner Weise lebt, ermuntert mich stets.

Die Geschichte, die ich diesmal erzähle, ist nur teilweise »autobiografisch«; immerhin ist die Wohnung, in der sie spielt, identisch mit einer Wohnung, in der ich in den 90er-Jahren wirklich wohnte. Aber die Begegnung mit einer jungen Studentin, die der Ich-Erzähler bei einer Jungle-Party »abgeschleppt« hat, ist völlig frei erfunden. Ich bin sicher, dass trotzdem die meisten Leser davon ausgehen werden, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt …

15 August 2019

Der Erste Weltkrieg in der Südsee

In Deutschland ist der Erste Weltkrieg von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs gewissermaßen übertönt worden. Die Verbrechen der Nationalsozialisten haben die Kriegsgreuel des vorherigen Waffengangs fast verharmlost. Deshalb ist der Erste Weltkrieg hierzulande weder in der Tagespolitik noch in der Literatur irgendwie zentral.

In Frankreich ist das offenbar anders. Ständig erscheinen neue Bücher, Filme oder auch Comics, die sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen. Ein interessantes Beispiel ist der Comic-Zweiteiler »Papeete 1914«, der hierzulande im Splitter-Verlag und unter dem verwirrenden Titel »Tatort Tahiti 1914« erschienen ist. (Okay, kaum ein Mensch hierzulande wüsste mit dem Begriff »Papeete« etwas anzufangen.)

Die Geschichte beginnt auf der so gemütlich wirkenden Südseeinsel Tahiti, erzählt wird aus der Sicht eines Besuchers aus Frankreich. Die französische Oberschicht hat es sich dort bequem eingerichtet und genießt das Leben. Ein Pfarrer scheint das Zentrum der Gemeinde zu sein, die jungen Frauen sind attraktiv und genießen das Leben. Alles ist gut …

Doch dann kommen die Gerüchte aus Europa, die von Schiff zu Schiff getragen werden: Es herrscht Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich. Zuerst wird ein deutsches Handelsschiff aufgebracht, dessen Besatzung noch nichts vom Krieg weiß, dann greifen zwei deutsche Kanonenboote das weitestgehend ungeschützte Tahiti an. Es kommt zu einem Bombardement, in dessen Verlauf ein Teil der Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt wird.

»Tatort Tahiti 1914« erzählt in zwei Bänden eine Geschichte, die dem deutschsprachigen Leser so gut wie unbekannt sein dürfte. Die Südsee-Romantik, die auch unsereins mit dem Begriff Tahiti verbindet, wird klar vermittelt, die Zerstörung durch den Krieg wirkt dann wie ein Schock. Dazu kommen ungelöste Morde an jungen Frauen.

Bei seinen Texten stützt sich Didier Quella-Guyot auf klassische Quellen, die im Anschluss an die zwei Comic-Bände genannt werden. Die Geschichte ist unterhaltsam, verzichtet aber auf knallige Action; meist wird eher distanziert erzählt.

Ähnliches gilt für die Grafik. Sébastien Morice hat einen sehr klaren Stil, der mit den pastellartigen Farben, die er benutzt, sehr schön harmonisiert. Er verzichtet aber auf Action-Elemente, Speedlines und andere Dinge, die bei modernen Comics selbstverständlich sind, sondern bleibt eher unterkühlt.

So entsteht ein zweiteiliger Comic-Roman, der einen exotischen Schauplatz mit einer dramatischen Handlung sowie einem zurückhaltenden Stil verbindet: eher ungewöhnlich, aber durchaus lesenswert!

Der ENPUNKT nach Afrika

Im Frühjahr 1988 war ich aus Westafrika zurück gekommen, den Kopf voller neuen Ideen und Gedanken. Wohin ich mit meinem Leben wollte, wusste ich noch nicht.

Zwei Dinge regelte ich allerdings recht schnell: Mit meinen Mitstreitern von der edition bogenschütze – so hieß unser Kleinverlag – machte ich mich daran, den Verlag abzuwickeln und die Science-Fiction-Zeitschrift SAGITTARIUS einzustellen. Gleichzeitig entschloss ich mich, mit meinem Egozine ENPUNKT weiterzumachen, ohne zu wissen, in welche Richtung ich das entwickeln wollte.

Die Ausgabe elf, die im Sommer 1988 veröffentlicht wurde, hatte ein wunderbares Titelbild – und ich weiß nicht einmal mehr, von wem es stammt. »UB aus Linz« ist mir heute unbekannt. Das Titelbild spielt darauf an, dass SAGITTARIUS eingestellt wurde, was nicht allen gefallen konnte, und ich finde es immer noch witzig.

Den Inhalt des Fanzines würde ich heute als »unentschlossen« bezeichnen. Es gab die Texte, die in ein Egozine gehören (etwa »allgemeines zur Situation des sogenannten Redaktörs«), Texte mit Punk-Bezug (das einzige Interview, das ich jemals im ENPUNKT brachte, war mit Jacke von LWS; dazu kam ein Konzertbericht), Reisenotizen, ein wenig Politik-Kram und Texte von fremden Autoren – in diesem Fall schrieb Jens Balzer unter dem Titel »Rein in die Ghettos!« über Musik. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt sichtlich nicht, ob ich weiterhin ein Egozine machen oder mein Heft in Richtung Musik-Fanzine entwickeln sollte.

Die Auflage betrug 200 Exemplare. Im Impressum stand, dass sich das Fanzine als ein »vervielfältigter Brief an Freunde & Bekannte« verstand. Und ich wollte dafür drei Dosen Bier, ein Austausch-Fanzine oder eben eineinhalb Mark. Ich bezeichnete das Heft als »Fanzine für Science Fiction, Chaos, Punk & Dosenbier«.) Das behielt ich dann doch einige Jahre bei …

14 August 2019

Vrisak Generacije aus Serbien

Es gibt Platten und Bands, über die weiß ich so gut wie gar nichts. Die serbische Punkrock-Kapelle Vrisak Generacije gehört dazu. Wobei man bei den Herren schon sagen müsste, sie seien Jugoslawen: Gegründet wurde die Band nämlich bereits 1983, und damals war der Mehrvölkerstaat noch nicht zerfallen, sondern wurde einigermaßen zusammengehalten.

Ihre Platte mit dem schönen Titel »Feel so good to forget some things, but ...« wurde 2002 veröffentlicht, hierzulande von Impact Records. Ich fand die CD damals ganz gut, hörte sie mir einige Male an und steckte sie dann in einen Stapel, aus dem ich sie erst viele Jahre später wieder herausfischte.

Und jetzt? Der Sound der Band klingt schwerstens nach 1983, das passt – sie klingt wie der Punk, der damals von der Insel kam, und wer Vergleiche sucht, ziehe die Schubladen Exploited und G.B.H.; damit kann man an dieser Stelle nichts falsch machen. Originell ist das nicht, aber das stört auch nicht.

Der Sänger röhrt und grölt, dass es eine wahre Freude ist. Das macht er gut, weil es sowohl kompakt als auch räudig klingt. Dazu sägt die Gitarre die Stücke zu Kleinholz, gelegentlich lassen die Musiker auch spüren, dass sie ebensogut Hardrock spielen könnten. Alles in allem rotzt das ziemlich gut.

Textlich lässt sich leider nicht viel sagen; die serbischen Texte verstehe ich nicht, und auf den Luxus einer Übersetzung wurde verzichtet. Wenn es englisch wird, klingt es klassisch; bei »Fuck off and die« könnte der Text von jeder anderen Band aus den frühen 80er-Jahren stammen. Seien wir fair: Für Freunde des fröhlichen Irokesen-Pogos ist das schon was, haben und kennen muss man die Platte echt nicht.

Zwei coole Heldinnen in amüsantem Krimi

Ich habe mich an einem sogenannten Frauen-Krimi versucht und mich dabei gut unterhalten. Das liegt sicher daran, dass die beiden Hauptfiguren witzig gezeichnet sind und dadurch geschlechtsübergreifend funktionieren. (Das liegt schon eine Weile zurück. Ich will diese Rezension trotzdem endlich mal veröffentlichen ...)

Die Autorin spannt eine harmlose Krankenschwester, die eigentlich ständig pleite ist, mit einer schrägen Künstlerfreundin zusammen, die theoretisch Geld hat, praktisch aber auch keines mehr besitzt – und die beiden jungen Frauen werden in einen Mordfall verwickelt, eine von ihnen ist natürlich gleich die Hauptverdächtige, und so müssen die beiden versuchen, einen Mörder zu finden.

Dass die Geschichte in London spielt, dass viele Szenen auf romantischen Hausbooten spielen und die Polizei selbstverständlich völlig borniert wirkt, passt zum Geschehen. Da stört es dann auch nicht, wenn am Anfang eine Nebenfigur namens Miles M. Munster eingeführt wird, die später dann Miles M. Myers heißt. (So etwas kann Autorinnen und Autoren passieren, und so etwas rutscht eben auch durchs Lektorat.)

Der Krimi trägt den hübschen Titel »London Calling« – eine nette Anspielung auf die geniale Platte von The Clash – und wurde von Anja Marschall geschrieben. Die Autorin schuf einen sehr netten Roman mit hübschen London-Details, der einen richtig neugierig auf die britische Hauptstadt macht.

Klar: Das ist kein beinharter Kriminalroman, keiner von der Sorte, bei denen man gespannt mitzuraten versucht oder bei denen einem die fiesen Bösewichte geradezu Angst einjagen. Die beiden Heldinnen stolpern durch das Geschehen, man folgt ihnen mit amüsiertem Blick und ist immer froh, wenn sie ihre Probleme irgendwie umschiffen.

Anja Marschall schildert ihre Figuren mit viel Blick aufs Detail; sie sind liebevoll überzogen, was nicht nur der angepeilten Zielgruppe gefallen dürfte. Stilistisch wird man nicht überfordert, die Sprache ist locker und luftig, was ich hier positiv meine.

Wer eine lockere Krimi-Unterhaltung sucht, ist bei »London Calling« sicher richtig. Mir hat die Lektüre echt Spaß gemacht, auch wenn ich sonst kein Fan von humorvollen Krimis bin. Aber wer die entsprechenden Romane kennt und mag, die in deutschen Landen spielen, hat sicher an dem kunterbunten Abenteuer von Kate und Luna – so heißen die zwei Hauptfiguren nämlich – ebenfalls eine große Freude.

Erschienen ist der Roman im Dryas-Verlag; es gibt ihn als E-Book und als Taschenbuch. Auf ihrer Internet-Seite informiert die Autorin über ihre Schriftstellerei und weitere Pläne.

13 August 2019

Dieter von Reeken macht weiter

Zu den positiven Nachrichten, die ich in diesen Tagen mitbekommen habe, zählt diese: Dieter von Reeken gibt seinen Verlag nicht, wie eigentlich geplant, zum Ende 2019 auf, sondern macht weiter. Darüber informierte er in seinem »Info-Brief für August 2019«. Allerdings verändert er sein Verlagsprogramm in einigen entscheidenden Punkten.

So möchte Dieter von Reeken künftig keine Romane und Erzählungen mehr veröffentlichen, sondern vor allem Sekundärliteratur. Der aktuelle Buchbestand wird ausverkauft.

In dem Verlag erschienen unter anderem klassische phantastische Romane von deutschsprachigen Autoren wie Albert Daiber, Carl Grunert oder Lazar Freiherr von Hellenbach, die mir häufig nicht viel sagten. Ebenso wurde eine wunderbare Gesamtausgabe des Werks von Kurd Laßwitz veröffentlicht, die ich fast komplett gekauft habe. Insgesamt finde ich es toll, dass sich jemand die Mühe macht, Romane neu herauszubringen, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind.

Spannend sind auch die Sachbücher. Ich habe alles von Rainer Eisfeld und Heinz J. Galle daheim stehen, wenngleich noch nicht komplett gelesen. Es gibt Biografien und Artikelsammlungen, spannende Hintergründe zur Science Fiction und Biografien. So sind in den Sammelbänden von Franz Rottensteiner viele Rezensionen des Science-Fiction-Experten zusammengefasst.

Ich finde es stark, dass Dieter von Reeken weitermacht, wenngleich eher mit eingeschränktem Programm. Und ich wünsche mir, dass noch einige Leute mehr auf diesen ungewöhnlichen Verlag aufmerksam werden!

12 August 2019

Die schreienden Pfauen von Rhodos

Einer der schönen Ausflüge, die wir auf Rhodos unternahmen, führte auf den Berg Filerimos (oder wie immer er genau heißt). Dort gibt es allerlei zu entdecken, am spannendsten waren aber tatsächlich die Tiere, die man dort überall sieht. Doch erst mal der Reihe nach …

Auf dem Berg befindet sich eine alte Klosteranlage, von der nur einige Teile erhalten sind. Man kann sich die Räume anschauen, die heute ein kleines Museum bilden; man kann ein wenig durch die Anlage spazieren und die ausgegrabenen Teile bewundern. Aber vor allem kann man von dem Berg aus direkt hinunter auf die Stadt Rhodos blicken, was sehr schön ist – ein wunderbarer Ausblick, den viele Touristen für Selfies nutzten.

Geht man vom Kloster weg, kommt man über eine Allee – ein Kreuzweg also –, die zu einem riesigen Kreuz führt. Das wurde von den Italienern errichtet, als diese die Herren auf Rhodos waren. Von dort aus hat man einen schönen Blick auf das Tal dahinter, so dass man große Teile der Insel überblicken kann.

Das Schönste aber sind die Tiere: Es wimmelt von Pfauen auf diesem Berg. Sie spazieren überall herum, sie kreischen und schreien, und sie schlagen ihr Rad. Kleine Pfauen sind – wie alle kleinen Tiere – unfassbar »goldig« und entlocken jedem Besucher spitze Schreie der Begeisterung. Die Tiere sind zahm, sie lassen die Besucher sehr nahe an sich heran.

Und würde man mich heute fragen, ob sich das Kreuz oder das Kloster eher lohnen, würde ich sagen: Fahrt auf diesen Berg, schaut euch die Pfauen an, amüsiert euch über sie, aber ärgert euch nicht, dass es überall nach ihrer Kacke stinkt.

09 August 2019

Eichhörnchen im Einsatz

Ich komme mit dem Rad von einer kleinen Tour durch den Hardtwald zurück, bin ein wenig außer Atem und völlig verschwitzt. Da die Gartentür verschlossen ist, fahre ich langsamer, weil ich vom Sattel steigen, mein Rad schieben und dann die Tür öffnen möchte. Wie ich das meistens mache.

Da sehe ich es: An dem Baum, vor dem der Zaun verläuft, sitzt ein Eichhörnchen. In den Pfoten hält es eine Kastanie, an der es eifrig knabbert. Ich verharre im Schritt, das Eichhörnchen sieht mich an, dann futtert es weiter. Als ich mich ein wenig bewege, nimmt es in Windeseile die Kastanie irgendwie zwischen die Zähne und flitzt den Baum hoch.

Von einem Ast aus sieht es auf mich herunter. Ich blicke zurück, einige Zeit sehen wir uns an. Dann verschwindet das Tier hinter dem Ast, und ich schiebe mein Rad weiter.

Als ich es abschließen möchte, hüpft auf einmal ein anderes Eichhörnchen auf mich zu. Ich bleibe erneut stehen, als sei ich vom Blitz getroffen. Das Tier hat offenbar zwei kleine Kastanien im Mund; rechts und links vom Kopf ragen die grünen Kugeln hervor. Es ignoriert mich und rennt an mir vorbei.

Dann flitzt es durch den Hof und hinaus auf die Straße, hält dort kurz inne und hüpft dann über die Straße, verschwindet in einem anderen Hof und springt nach kurzer Pause in die dortigen Grünanlagen. Andächtig sehe ich dem Tier nach, bis es verschwunden ist.

In solchen Momenten komme ich mir nicht vor wie in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern, sondern wie in einem Dorf. Und den Eichhörnchen in unserem Hof könnte ich ohnehin stundenlang zuschauen …

08 August 2019

Ich als Pogo-Anarchist

Leider erinnere ich mich nicht mehr genau, wann ich meinen Mitgliedsausweis der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands – kurz APPD – erhielt. Es war in den 90er-Jahren, weil ich erst an der zweiten Gründung der Partei teilnahm und in den frühen 80er-Jahren in Sachen Punk viel zu unbeleckt war.

Also gehe ich davon aus, dass mir dieser Ausweis entweder 1995 oder 1996 ausgestellt wurde. Er geriet ein wenig in Vergessenheit, weil mir die APPD irgendwann ziemlich auf die Nerven ging.

Dabei war ich gern dabei, vor allem am Anfang. Bei der Parteigründung im Zoo in Frankfurt lachte ich Tränen; die Zeremonie in der Paulskirche zählt zu den eindrucksvollsten Ereignissen der 90er-Jahre, und über diesen ganzen Tag könnte man eine lange Geschichte schreiben. Auch der eine oder andere »Aufmarsch« der Partei, die Busfahrt von Mannheim nach Hamburg und viele andere Ereignisse haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt.

Ich fand viele Inhalte der Partei in ihrer übertriebenen Art völlig nachvollziehbar. Das Credo »Arbeit ist scheiße« angesichts der Tatsache, dass die meisten Menschen ihre Arbeit hassen, leuchtet mir nach wie vor ein, ebenso die Parole, man möge »das deutsche Volk« so schnell wie möglich »zurück verdummen«. In diesem Punkt sind ja viele Ziele der Partei ohne die APPD verwirklicht worden.

Deshalb freute ich mich, als ich damals den Mitgliedsausweis erhielt, und ich trug ihn stolz mit mir, zwischen Führerschein und Personalausweis. Bei Polizeikontrollen erregte er durchaus Interesse, ich zeigte ihn auch gern im Bekanntenkreis.

Als die APPD aber in sich zerfiel, weil manche Leute die »Politik« in der Partei zu ernst nahmen, verlor ich das Interesse. Auch mit Begriffen wie »Fick Heil!«, die gewissermaßen Mode wurden, hatte ich meine Probleme.

Seit den 90er-Jahren war ich auf keiner Veranstaltung mehr, ob das nun die Pogo-Partei oder die eigentliche APPD oder sonst etwas ist. Aber den Ausweis behielt ich – weil ich die Partei und ihre Aktionen über Jahre hinweg schätzte.

07 August 2019

Einmal Utrecht, einmal Köln

Ich mag Split-EPs von Punk-Bands: Im Idealfall packt jede Band ihre zwei besten Stücke auf je eine Seite der kleinen Platte, kann somit zeigen, was sie kann oder was nicht. Für den Käufer ist das optimal, man kann eigentlich nichts falsch machen. So ging's mir mit der Split-Platte der Band Auweia! aus Köln und Placebotox aus Utrecht in Holland.

Seien wir ehrlich: Auweia! macht das, was man seit den frühen 80er-Jahren aus deutschen Landen kennt. Es ist schnell und absichtlich rüpelig gespielter Deutschpunk mit rotziger Haltung und wütenden Texten. Da bleibt kein Raum für feinsinniges Gitarrenspiel oder sauber artikulierte Texte, da wird gerotzt – konsequent und gelungen.

Melodischer und trotzdem sehr knallig präsentieren sich die Holländer. Placebotox wildern ebenfalls musikalisch in den 80er-Jahren, schenken sich aber selbst einen Schuss Melodie ein. Die zwei Stücke sind abwechslungsreich, leisten sich auch mal einen Break zwischendurch und können von mir auch zehnmal hintereinander angehört werden, ohne dass sie langweilig sind.

Verantwortlich für die Split-EP, deren Aufnahmen man sicher auch im Internet finden kann, sind diverse Labels. Eine echte Gemeinschaftsproduktion also – und das in jeglicher Hinsicht.

06 August 2019

Der Totengräber bei Amazonien

Dass »Totengräbers Tagebuch« im Juni erschienen ist, habe ich schon gelegentlich erwähnt. Das Projekt, an dem Volker Langenbein und ich über mehrere Jahre gearbeitet haben – immer mal wieder, nicht ununterbrochen –, liegt als schöner Hardcover-Band im einen oder anderen Buchladen, kann vor allem als gedrucktes Buch und als E-Book überall bestellt werden. Was mich dabei besonders freut: Es gibt immer wieder schöne Rezensionen zu dem Buch.

Der größte Buchhändler der Welt nennt sich bekanntlich Amazon. Dort haben mittlerweile einige Kunden ihre Eindrücke zu unserem gemeinsamen Projekt eingestellt. Das las ich alles mit viel Interesse; einige schöne Aussagen möchte ich an dieser Stelle zitieren.

Eine Kundin namens Gisela Wörsdörfer findet es anfangs »etwas schwer in den Slang rein zu kommen«, ist dann aber »gefangen« und von den Erzählungen »beeindruckt«. Ein Kunde namens »Drunken Cherry« findet die Rusty-Geschichten gut, er habe »wirklich was gelernt« während der Lektüre. Leider ist er mit meiner Arbeit nicht sehr zufrieden; seiner Ansicht nach habe ich den »Job leider nicht gut erledigt«.

Eine Kundin namens Kathrin Schroeder wiederum findet das Buch gut; sie liebt vor allem den »Insiderblick eines Außenseiters, der nichts kennt, nichts voraussetzt und sich gleichzeitig für nichts zu schade ist«. »mellidiezahnfee« hat sich über das »Buch völlig außerhalb meiner Komfortzone« auch gefreut. Sie findet die Sprache anfangs »gewöhnungsbedürftig«, mag es dann doch.

Alles in allem gibt es eine Reihe von Aussagen und Kritiken zu dem Buch, in das Volker Langenbein und ich viel Arbeit und Lebenszeit gesteckt haben. Ich bin froh über all diese Aussagen, auch und gerade, wenn sie kritisch sind.

05 August 2019

The Toten Crackhuren im Kofferraum und ihre Bitchlifecrisis

Allein wegen ihres Namens war mir die Band schon aufgefallen: The Toten Crackhuren im Kofferraum stammen aus Berlin und machen – im weitesten Sinne – Elektropunk oder sagen wir es lieber so, sie machen elektronische Musik, zu der sie mal sanft, mal laut singen und schreien. Ich hatte von der Band bisher nur den Namen mitbekommen, hörte mir jetzt endlich mal die Platte mit dem coolen Titel »Bitchlifecrisis« an.

Die Platte lässt mich mit einem zwiespältigen Eindruck zurück. Manchmal fand ich sie richtig klasse, dann wieder war mir das Ganze einfach zu albern; vielleicht bin ich für die manchmal kieksigen Stimmen und die schlichte Technomucke einfach zu alt. Zumindest bei einigen Stücken fühlte ich mich völlig falsch, andere hingegen gingen mir gut ins Ohr.

Rein textlich ist die Band manchmal sehr punkig, was mir gefällt. In »Jobcenterfotzen« wird über die Behandlung von Arbeitslosen und Arbeitssuchenden in diversen Ämtern geschimpft, in »Rumlaufen Stress machen« geht's um punkige Aggression, die auch mal sinnlos sein darf: »Wir pissen an deine Hunde und hauen deine Oma«, kann man jetzt blutig ernst nehmen oder auch als satirische Aussage zu sinnlosen Wochenend-Ausflügen.

Die Band, die sich auch TCHIT abkürzen lässt, polarisiert bewusst, sowohl innerhalb der Punk- als auch der Elektro-Szene. Das kann man jetzt albern finden oder cool. Die Platte ist auf jeden Fall knallig und in ihren konsequenten Aussagen oft »punkiger« als manche »Deutschpunk-Rebellion« der vergangenen Jahrzehnte.

Asterix in Italien – ein guter Comic

Um gleich mal mit der Tür ins Haus zu fallen: Es hilft wenig, die »gute alte Zeit« heranzuziehen, um heutige Comics zu beurteilen. Aber selbst wenn man das täte, bleibt als Ergebnis, dass »Asterix in Italien« ein gelungenes Werk ist. Es handelt sich um den dritten »Asterix«-Band, den der Texter Jean-Yves Ferri und der Zeichner Didier Conrad erarbeitet haben, und ich bin der Ansicht, dass man sie für das Ergebnis loben muss.

Ich hatte mir den Comic-Band gekauft, kurz nachdem er veröffentlicht worden war, und ihn dann gleich gelesen, auf einem Ruck gewissermaßen. Mittlerweile habe ich ihn noch einmal gelesen, gründlicher und genauer und stärker auf die Bilder achtend. Das kann man tun, ohne sich zu ärgern, und man kann dabei viele neue Dinge entdecken.

Zur Geschichte: Durch Italien soll ein Wagenrennen veranstaltet werden, weil ein Senator davon ablenken möchte, wie sehr er Gelder veruntreut hat. Da alle möglichen Völker ihre Sportler zu diesem Rennen schicken, möchten auch die Gallier nicht fehlen: Obelix tritt an, Asterix begleitet seinen Freund eigentlich nur. Die beiden heldenhaften Gallier nehmen an dem Rennen quer durch Italien teil, sie treffen auf allerlei Angehörige anderer Völker des Imperiums und lernen mehr über das Römische Reich kennen.

Das klingt nicht nur wie eine der alten »Asterix«-Gechichten, in denen ja – wie in einer Nummern-Revue – alle möglichen Themen abgehandelt wurden, von Ägypten über die Goten bis hin zu Belgiern und Briten, es ist auch eine. Jean-Yves Ferri schrieb eine gelungene Geschichte, die witzige Elemente am laufenden Band aufweist (die Übersetzung ins Deutsche scheint mir gelungen) und sich vor einem »Asterix«-Band aus der früheren Zeit nicht zu verstecken braucht.

Klar gibt es haufenweise Albernheiten, aber das macht nichts; die vielen Anspielungen auf nationale Eigenheiten sind erstens witzig gemacht und entsprechen zweitens ebenfalls den Klassikern der Serie. »Asterix in Italien« wird sicher niemand in die Reihe der besten fünf Serienalben einordnen – aber es ist ein sehr gelungenes Werk.

Und künstlerisch? Nur Experten werden einen Unterschied zu den Klassikern der Serie feststellen können. Didier Conrad arbeitet sauber, seine Zeichnungen sitzen, die Anspielungen auf manche Politiker erkenne sogar ich. Auch hier orientiert sich »Asterix in Italien« an den früheren Zeiten der Serie, und das macht dieser Band sehr gut.

Ganz klar: Wer früher gerne »Asterix«-Comics gelesen hat, wird sich bei diesem Band bestens unterhalten. Und ich freue mich schon auf den nächsten Band des aktuellen Kreativgespanns! In diesem Jahr soll er ja erscheinen.

02 August 2019

Den Igel retten

Mittwochabend in Karlsruhe: Mit meinem Auto fahre ich die Erzbergerstraße entlang. Rechts stehen geparkte Autos, links ist der Grünstreifen mit Bäumen, der die Gleise der Stadtbahn einschließt. Ich bin in guter Laune, weil ich mich auf das Abendessen und ein Feierabendbier im »fünf« freue.

Auf einmal ist ein Igel auf der Straße; ich erkenne ihn buchstäblich in letzter Sekunde. Das Tier steht, es rennt nicht, es läuft nicht weg. Und wenn ich nichts tu', rolle ich direkt über das Tier hinüber. Ich muss mich in Sekundenbruchteilen entscheiden.

Fahre ich gerade aus weiter, ist der Igel platt. Ziehe ich nach rechts, erwische ich womöglich ein parkendes Auto. Also gehe ich auf die Bremse und lenke stramm nach links. Mit Tempo 50 etwa knalle ich gegen den Bordstein.

Jetzt bewegt sich der Igel endlich. Gemütlich läuft er weiter, erklimmt auf der anderen Straßenseite den Bordstein und verschwindet zwischen den Büschen.

Mein Auto meldet einen Luftverlust im linken Vorderradreifen. Vorsichtig fahre ich weiter. Nicht weit, dann habe ich die Gewissheit: Der Reifen ist futsch; offensichtlich tut es ihm nicht gut, wenn man ihn mit Wucht gegen den Bordstein lenkt.

Ich stelle das Auto ab. Der Reifen ist bereits platt, ich sehe einen Riss, der gut zwei Zentimeter lang ist. Ob die Felge oder die Achse etwas abbekommen haben, kann ich nicht sagen. Aber immerhin hat der Igel überlebt …

Renjoh Desperado, ein East-Western

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Das ist mal ein origineller Ansatz! In dem Manga »Renjoh Desperado« werden klassische Manga-Elemente mit einer Geschichte verbunden, die eher an einen Western erinnert, und mit Elementen aufgefrischt, die eindeutig aus einer Science-Fiction-Welt stammen. Das ist ungewöhnlich, und die Bilder gefallen mir tatsächlich gut.

Hauptperson des ungewöhnlichen Mangas, von dem ich beim »Gratis Comic Tag« ein Heft erhielt, ist eine Kämpferin namens Monko. Im Prinzip ist sie zudem ein Cyborg, sie besitzt nämlich einen Arm aus Metall. Sie ist ein wenig verliebt, sie legt sich mit einem mächtigen Casinobesitzer an, sie prügelt sich mit allerlei Gangstern herum.

Mit Mangas kann ich mich nach wie vor nicht anfreunden. Ich erkenne, dass die Bilder von Ahndongshik – so der Name des Künstlers – sehr dynamisch sind, und ich finde sie auch teilweise sehr eindrucksvoll. Dafür kann ich nichts mit der sprunghaften Erzählweise anfangen. Vielleicht bin ich dafür schlicht zu alt. Als originell erkenne ich diesen Manga ja trotzdem …

01 August 2019

Nachtfahrt mit Autorin

Ich lernte die Fantasy-Autorin aus Österreich auf der Frankfurter Buchmesse kennen, ich fand sie auch sympathisch. Sie fragte irgendwann, ob ich sie am Ende der Messe »nach Süden« mitnehmen könnte, und ich bejahte das. Als wir das Messegelände mit meinem Auto verließen, war es bereits dunkel, und ich war müde.

»Soll ich fahren?«, fragte sie. Weil mir das recht war, wechselten wir die Plätze. Sie setzte sich ans Steuer, ich mümmelte mich in den Beifahrersitz und pennte rasch ein, noch während wir auf die Autobahn zurollten.

Offensichtlich schlief ich fest und tief. Als ich wieder aufwachte, wurde es langsam hell. Rote Streifen zogen über den Horizont, frische Luft drang ins Innere des Autos. Die Autorin hatte die Fenster geöffnet und stand neben dem Beifahrerfenster.

»Wir sind hier«, sagte sie und strahlte mich an. »Von hier aus fahre ich mit der Bahn weiter.«

»Was?«, lallte ich. Nach einigen Augenblicken, in denen ich mir den Schlaf aus den Augen zwinkerte, erkannte ich, dass wir vor einem Bahnhofsgebäude standen. »Salzburg«, stand auf dem Schild.

Ich verstand nichts. Die Autorin, deren Name mir nicht einfallen wollte, lächelte noch einmal und drehte sich um. Sie zog ihren Rollkoffer hinter sich her in Richtung Bahnhofsgebäude.

Noch immer war ich wie benommen. Wie war ich nach Salzburg gekommen, was war eigentlich los? Dann erst kapierte ich, dass ich von hier aus nach Karlsruhe fahren musste. Und es war Montag, der Tag nach der Buchmesse; ich müsste eigentlich zur Arbeit gehen. Mit der flachen Hand schlug ich mir gegen die Stirn und fluchte.

Frustriert wachte ich auf.

30 Juli 2019

Bei den italienischen Thermen

Wenn man in einem Hotel am Strand ist, kann man es gut aushalten, ohne viel von der Kultur eines Landes mitzubekommen. Immerhin gab es in direkter Nähe des Hotels, in dem ich auf Rhodos weilte, die Thermen von Kallithea – und die besuchte ich dann doch auch mal.

Kurzer Blick ins Touristen-Lexikon: Während der Zeit, in der die Italiener die Insel Rhodos beherrschten, erbauten diese eine Thermenanlage. Es gab warme Quellen, die schwefelhaltig waren und denen man eine Heilwirkung nachsagte. Diese orientierte sich rein optisch an der römischen Zeit und wurde 1929 eingeweiht. Während des Krieges wurde sie größtenteils zerstört. Seit 2007 gibt es die Anlage in einer renovierten Version, ein schöner Ort für Touristen vor allem.

Der Spaziergang zu den Thermen lohnt sich wirklich – oder auch die Busfahrt, denn es gibt eine Bushaltestelle einige Dutzend Meter vor der Tür. Man hat die Anlagen wirklich schön aufgebaut; man sieht ihnen an, dass sie vor bald hundert Jahren sehr eindrucksvoll gewesen sein müssen. Schöne Steinmuster bedecken den Boden, in den Gängen hängen Ausstellungen mit Bildern, die auch die frühere Zeit der Insel zeigen.

Ein Spaziergang durch die Anlage lohnt sich ebenso: die Gebäude sind piekfein hergerichtet, und die Gärten laden zu einem Bummel ein. Man hat zudem immer wieder einen schönen Blick auf die Bucht und kann von anderen Punkten aus weit aufs Meer hinausblicken.

Beim Abschluss meines Rundgang saß ich an der Bar, die direkt an der Bucht liegt. Dort gab's alle möglichen Getränke, man konnte auch essen. Es lief »chillige« Elektromusik, die wirklich passte, wenn man so ganz locker irgendwo sitzen und beispielsweise seinen Kaffee genießen wollte. Das mochte ich sehr.

Übrigens machte es durchaus Spaß, das Gelände von der anderen Seite zu betrachten: Dort konnte man über einen steinigen Weg spazieren, nicht unbedingt für Flip-Flops geeignet, an dessen Ende es jeweils schöne Blicke über die Bucht hinüber zu den Thermen gab.

29 Juli 2019

Punk der kalifornischen Schule

Ich musste lange überlegen, als ich zum ersten Mal gefragt wurde, wann und bei welcher Gelegenheit ich die kalifornische Band D.I. schon einmal gesehen hatte. Wahrscheinlich war es 1989 oder 1990 in Pforzheim, bei einem Konzert im »Kupferdächle«, aber meine Erinnerung war nicht hundertprozentig sicher.

Ich entschied mich, allen zu erzählen, es sei dreißig Jahre her – das hörte sich dann doch gut an. Und ich wollte nicht noch einmal dreißig Jahre warten, um D.I. ein weiteres Mal zu sehen.

Also fuhr ich am Sonntagabend, 28. Juli 2019, in die Oststadt, um in der dortigen »Alten Hackerei« sowieso gleich mal wieder auf viele Bekannte zu treffen, auch Leute, die ich teilweise seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte. Solche »alten« Bands holen dann Leute aus der Versenkung, über die ich mich doch freue. (Häufig erkenne ich das Gesicht noch, kann den Namen aber nicht zuordnen.)

Als ich eintraf, spielte die erste Band bereits. Sie stammte aus Lahr – das liegt zwischen Karlsruhe und Freiburg, also in relativer Nähe – und nannte sich Social Anxiety Disorder, freundlicherweise mit S.A.D. abgekürzt. Die vierköpfige Band lieferte Punk, der schwer nach dem Kalifornien der 80er-Jahre klang: melodiös, mit Schmackes gespielt, mit einem Basser, der nicht zu Unrecht in der Mitte der Bühne stand – sehr knallig gespielt – und einem Sänger, der witzige Ansagen machte. Hinterher kaufte ich mir noch die EP der Band; ich fand's eh unfassbar, dass ich von den Leuten, die ja allesamt nicht mehr so superjung waren, noch nie gehört hatte.

War bei S.A.D. die Stimmung im Konzertraum noch ein wenig unterkühlt, füllte sich der Raum bei D.I. sehr schnell. Man muss klar sagen: Die alten Herren hatten allesamt ein wenig Bauch angesetzt und wirkten nicht mehr ganz so sportlich wie vor dreißig Jahren – aber das galt ja auch für Leute wie mich, von daher konnte ich das kaum kritisieren. Dafür legten sie gleich vom ersten Ton an sehr dynamisch los, und all meine Zweifel waren schnell weggewischt.

Die Band machte das, was sie schon früher gut konnte. Die großen Hits der alten Zeit wurden knallig serviert, die Stop-and-Go-Stücke der frühen 80er-Jahren knüppelten die Musiker mit einer großen Spielfreude ins Publikum. Die Band grinste und lachte, man machte Faxen, und das Publikum grölte und tobte und jubelte.

Zwischendurch wurde an den verstorbenen Steve Soto – von den Adolescents – erinnert und das Stück »Amoeba« gespielt. Der Grund war ein ernsthafter, ja, ein trauriger; die kannten sich ja seit Jahrzehnten. Aber das großartige Stück wurde dann trotzdem abgefeiert.

Ich stand anfangs in meiner Ecke, dann hüpfte ich irgendwann auf und ab, und nach einiger Zeit schwang ich mein Tanzbein ein wenig großzügiger. Anders gesagt: Als das Konzert zu Ende war, hatte ich keinen trockenen Faden mehr am Körper. Aber was sollte ich da auch machen? Kurzum: großartiges Konzert mit einer supergut aufgelegten Band.

28 Juli 2019

Eine Totengräber-Tasse

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Wie schon oft erwähnt: Volker Langenbein, von Beruf langjähriger Totengräber, hat seine Erinnerungen und Gedanken aufgeschrieben – und ich habe daraus mit ihm ein Buch gemacht. Das ist seit einigen Wochen auch ganz offiziell im Buchhandel erhältlich, veröffentlicht hat es der Hirnkost-Verlag.

Weil er sich so über das Buch freute, ließ mir Volker ein besonderes Geschenk zukommen: eine Kaffeetasse mit Motiven aus dem Buch, unter anderem dem Cover. Die nahm ich mit ins Büro, und dort werde ich künftig aus ihr meinen Kaffee trinken.

Ich finde das geschickt, denn damit vereine ich zwei wichtige Dinge: die Arbeit an einer Serie, die mir seit meiner Jugend sehr am Herzen liegt (links im Bild), und die Arbeit an Buchprojekten, die ich halt mache, weil ich Lust darauf habe, und nicht deshalb, weil ich damit Reichtümer erwerben kann. Das Bild illustriert das hoffentlich ganz gut.

Der Autor feierte übrigens am Samstagabend seinen fünfzigsten Geburtstag. Ich war eingeladen, trank einige Bier mit seinen Freunden und Kollegen, musste die entsprechenden Fragen über mich ergehen lassen (»und du verdienst dein Geld echt mit Büchern?«) und amüsierte mich sehr.

27 Juli 2019

Romantik am Rheinhafen

Ich fahre gern mit dem Rad durch die Gegend, leider nicht so oft, wie ich es gern tun würde. Aber das alljährliche Gejammer zu diesem Thema möchte ich dieses Mal nicht anstimmen. Immerhin schaffe ich es, ab und zu in Gegenden meiner Wahlheimat zu kommen, die ich vorher nicht kannte.

Vor allem in direkter Nähe von Karlsruhe überrascht es mich, wie oft es schöne Ecken gibt: kleine Naturschutzgebiete, Altrheinarme, wahre Urwaldregionen mit wild wucherndem Grün, ein kleiner See, der sich auf einmal vor einem öffnet. Das erfreut mich, dann halte ich an, lasse meinen Blick schweifen, genieße die relative Ruhe. (Meist hört man im Hintergrund ja trotzdem eine Autobahn oder die Südtangente …)

Typisch für Karlsruhe ist allerdings: Egal wo man ist und egal wie schön der Fleck Erde auch sein mag – es ist garantiert irgendwo Industrie zu sehen. Das Heizkraftwerk, die Raffinerie, sonst irgendetwas, das den Ausblick verschandelt. Aber damit muss ich wohl leben. (Das Motiv ist in der Nähe des Ortsteils Knielingen aufgenommen worden.)

26 Juli 2019

Was man auf einem Berg so findet …

Manchmal muss ich einfach auf einen Berg steigen; mag sein, dass ich als gebürtiger Schwarzwälder dazu verpflichtet bin. Als ich auf Rhodos urlaubte, eigentlich darauf eingestellt, faul am Strand herumzugammeln und gelegentlich ins Wasser zu hüpfen, verlockte mich ständig der Berg, der sich hinter dem Hotel erhob. Und eines Morgens beschloss ich dann doch, einfach mal hochzugehen, um zu schauen, was es auf der anderen Seite zu sehen gab.

Also zog ich los. Die Straße führte in einer breiten Serpentine den Berg hoch, über eine längere Strecke durch einen Buschwald hindurch. Zeitweise kam ich mir vor, durch eine öffentliche Müllkippe zu spazieren: Rechts und links der Straße türmten sich Plastikflaschen, Dosen und anderer Mist. Immerhin ließen die Müllberge nach, als ich aus dem Wäldchen hinaus kam und rechts und links nur noch karge Büsche, Steine und Dreck zu sehen waren.

Ich durchquerte einen Steinbruch, kam am eingezäunten Gelände eines Militärgeländes vorbei – ein Funkmast bildete hier das Zentrum – und folgte dann einer Piste, die auf dem Hügelkamm entlangführte. Auf der einen Seite hatte ich einen schönen Blick über den gesamten Strand von Faliraki mit seinen vielen Hotels, an dessen Ende sich der eigentliche Ort im Dunst verlor. Auf der anderen Seite sah ich über sanfte Hügel hinweg bis zur Hauptstadt Rhodos, so dass ich das Gefühl hatte, die halbe Insel von oben betrachten zu können.

Irgendwann kam ich zu einer Kirche, einem hübschen Gebäude, das mitten auf dem Hügelkamm lag. Laut Google Maps handelt es sich dabei um die »Profitou Ilia Koskinou Monastery«, wobei mir diese Angaben ja nicht viel nutzten. Ich fand das Gebäude hübsch, schaute es mir von außen an, genoss eine Weile die Fernsicht und ging dann weiter.

Am Ende des Hügelkamms traf ich letztlich nur noch auf verlassene Bunker: uralte Anlagen, wohl aus dem Zweiten Weltkrieg, mutmaßlich von der Wehrmacht an dieser Stelle platziert. Kein Wunder: Von diesem Hügel aus konnte ich nicht nur die Stadt Rhodos überblicken und viele Kilometer der Küste, ich hatte auch die komplette Meeresstraße im Blick.

Aber der Blick auf die Reste des Zweiten Weltkrieges verdarb mir dann doch den eigentlich schönen Ausflug auf den Berg ...

24 Juli 2019

Balkanmucke mit viel Trötengetröte

Eigentlich bin ich kein Freund der sogenannten Balkanmucke, auch Balkan-Beats genannt, gern als »Turbofolk« betitelt, und wenn ich eine Weile länger nachschaue, finde ich garantiert noch ein halbes Dutzend weiterer Begriffe. Aber Shantel & Bucovina Club Orkestar – das sagte sogar mir etwas. Und so willigte ich gern ein, am Dienstagabend, 23. Juli 2019, in die Oststadt von Karlsruhe zu fahren, um mir dort die Band beim diesjährigen »Zeltival« anzuschauen.

Die Temperaturen waren tropisch; in Karlsruhe hatten wir abends um 20 Uhr noch um die 34 Grad. Hunderte von Leuten hielten sich im Garten des »Tollhauses« auf, tranken Wein und Bier und Cocktails, aßen Flammkuchen und Bratwürste. Als Shantel und seine Band anfingen, strömten die Leute in den Saal, der sehr gut gefüllt war.

Vom ersten Ton an hatte die Band ihr Publikum im Griff. Der Sänger, der auch auf der Gitarre spielte, heizte mit seinen Ansagen an; Schlagzeuger und Bassist hielten eifrig mit. Hervorragend war allerdings die Bläsersektion: drei Leute, die knalligen Sound spielten, der einen nicht still stehen ließ.

Von Anfang an tanzten die Leute, nach einiger Zeit bewegte ich mich auch. Wenn man vom Herumstehen schon schwitzte, konnte ich auch hüpfen. Dazu bot sich die Musik an: Meist war es knallige Balkanmucke, der Überhit »Disko Partizani« hat eine ordentliche Verbreitung gefunden. Immer wieder aber wechselte die Band zum klassisch klingenden Rock'n'Roll, den sie ebenfalls gut beherrschte.

Irgendwann schien der Saal zu kochen, alle waren verschwitzt. Immer wieder verließen Menschen den Saal, weil sie es nicht mehr aushielten, kamen aber bald wieder zurück. Shantel machte den üblichen Quatsch, den heutige Bands wohl gerne machen: Man lässt das Publikum laut »Yeah« rufen und klatschen, man lässt die Leute in die Knie gehen und wieder aufspringen, man holt junge Frauen auf die Bühne …

Das war dann alles nicht so meine Sache – aber weil ich hinten stand, machte es mir auch nichts aus. Als ich gegen 23 Uhr das »Zeltival«-Gelände verließ, troff ich vor Schweiß. In der überhitzten Nacht störte das dann allerdings nicht gerade.

23 Juli 2019

Arbeitssuche im Frühjahr 1981

Ein wenig unschlüssig wartete ich im Eingangsbereich des Supermarktes. Leute standen an den Kassen an, Musik dudelte aus Lautsprechern, alles kam mir groß und unübersichtlich vor.

Ein großer Typ mit Schnauzer und langem weißem Kittel eilte auf mich zu. »Kann man Ihnen helfen?«

Ich stellte mich vor und sagte, ich hätte angerufen. »Ich wollte fragen, ob Sie einen Job für mich haben.«

»Müssen Sie nicht in die Schule?«

Im Frühjahr 1981 wirkte ich recht jung, dabei war ich bereits 16. Ich schilderte dem Mann, der mir deutlich älter vorkam, aber noch keine 25 war, mein Problem: »Ich hab meine Lehre geschmissen, und jetzt brauche ich 'nen Job. Auf die Berufsschule gehe ich bis zum Ende des Schuljahres weiterhin.«

»Das heißt, Sie können jede Woche vier Tage arbeiten.« Als ich nickte, fragte er: »Und wann können Sie anfangen?«

»Theoretisch gleich.«

»Sehr gut.« Er rieb sich die Hände. »Dann gehen Sie hier ums Gebäude rum. Hinten, bei der Tankstelle und bei der Lagerrampe ist der Herr Bieger. Bei dem melden Sie sich und sagen ihm, Sie seien fürs Leergutlager da.« Er machte eine wegwerfende Geste. »Um die Formalitäten kümmern wir uns später. Wenn Sie wollen, haben Sie den Job sofort.«

Ich nickte, bedankte mich und machte mich auf den Weg. Die Sonne knallte auf mich herunter. An der Lagerrampe saß ein blonder Typ auf dem Gabelstapler, den er in den Schatten gefahren hatte, und rauchte eine Zigarette; er war höchstens ein Jahr älter als ich. Erwartungsvoll sah er mir entgegen.

»Einen Herrn Bieger such' ich«, sagte ich, ohne zu grüßen.

Der Typ lachte. »Das bin ich.« Er sah wohl, dass ich das nicht gleich kapierte. »Bei uns ist es üblich, dass man die Nachnamen nennt und sich vielleicht trotzdem duzt. An der Kasse also gern mal ›Frau Maier‹ und trotzdem duzen. Ich bin der Jörg.«

»Ich soll mich hier melden. Wegen einem Leergutlager oder so.«

Er lachte. »Da bist du bei mir richtig.« Er sprang von seinem Stapler herunter und reichte mir die Hand. »Kannst du mit dem Ding hier umgehen?«

Ich schüttelte den Kopf.

Es wurde ein spannender Nachmittag. Ich lernte, ein wenig mit dem Stapler zu fahren. Der Herr Bieger und ich transportieren Paletten mit Bier und Milch, zwei Jugendliche im Lager eines Supermarktes. Es wurde eine spannende Zeit …