19 Juni 2024

Augenzwinkernde Science-Fiction-Spielereien

Commander Cork ist ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Held, der seit vielen Jahren durch ein Abenteuer nach dem anderen stolpert. Eigentlich ist er Verwaltungsangestellter auf einem fernen Planeten, doch seine Arbeit bringt Cork immer wieder in Kontakt mit fremden Welten und unbekannten Aliens. Ihm zur Seite steht Reena, seine menschliche Assistentin, die sich ungern unterordnet, immer allerlei Schabernack ausheckt und gern auch mal eigene Abenteuer erlebt.

Der Commander und seine Abenteuer sind mir seit langem bekannt. Sie entstammen dem Umfeld des Comic-Magazins »Zebra« und zählen zu den originellsten Bildgeschichten des deutschsprachigen Raums. Seit einiger Zeit erscheinen sie auch als Paperback bei Gringo Comics. Zuletzt kam der fünfte Band heraus.

Wie meine Einleitung hoffentlich klargemacht hat: Bei »Commander Cork« handelt es sich nicht um eine »ernsthafte« Science-Fiction-Geschichte, sondern um ein ironisches Spiel mit allerlei phantastischen Ideen. Das aktuelle Paperback ist ein gelungenes Beispiel dafür.

Band fünf trägt den schönen Titel »Die Ferien des Commanders« und erzählt – wie der Name schon andeutet – von Corks Urlaubsreisen. Er ist eigentlich gar nicht unterwegs, sondern er bucht nur virtuelle Trips. Dabei geht einiges schief. Cork schlägt sich mit unsauberen Computerprogrammen herum, die ihm den virtuellen Urlaub verderben, und mit der lästigen Bürokratie, die seine gesamte Reise begleitet. Zwischendurch trifft er auf sein eigenes Ich, wird in allerlei kosmische Fallen gelockt und kommuniziert mit seinem Büro, wo man ihn verwirrenderweise gar nicht vermisst.

Präsentiert wird keine durchgehende Geschichte, sondern eine Abfolge von Cartoons oder kurzen Comics, die nur selten die Länge von einer Seite überschreiten. Es empfiehlt sich also, das Paperback in Etappen zu lesen; man kann es immer wieder zur Hand nehmen und sich über eine Seite amüsieren. Nicht alle Gags sind gut, finde ich – aber das ist Geschmackssache.

Rudolph Perez ist Autor und Zeichner der Comics. Man merkt seinen Geschichten an, dass er in der Science Fiction fast schon zu Hause ist, weshalb er sich dem Genre in ironischer und manchmal auch blödelnder Weise nähert. Es mangelt nicht an Anspielungen auf phantastische Welten – wer mag, erkennt unter anderem Hinweise auf den berühmten Comic-Künstler Moebius.

Zeichnerisch bleibt Perez dem fast schon klassischen »Zebra«-Stil treu: Die Zeichnungen sind in klassischem Schwarzweiß, manchmal ein wenig schroff, aber immer so, dass man sie als »Funnys« betrachten kann. Nur die menschliche Assistentin Reena wird ein wenig genauer dargestellt, ansonsten bleiben Hintergründe bewusst einfach, während die Figuren wie Cartoons gestaltet werden. Das ist eigenständig und gefällt mir gut.

Ganz klar: Man sollte seine Freude an diesem Stil haben, der immer ein wenig nach »Underground« aussieht und weit entfernt ist von der Perfektion frankobelgischer Knollennasen oder amerikanischer Superhelden. Aber die Geschichten sind witzig und abwechslungsreich – eine echte Empfehlung für Leute, die auch mal Comics abseits des Mainstreams lesen wollen.

Erschienen ist der fünfte Band der »Commander Cork«-Reihe als Paperback bei Gringo Comics. Das Buch umfasst 68 Seiten und kostet 12,90 Euro. Man kann es mithilfe der ISBN 978-3-946649-46-5 in jedem Comic-Laden und auch im Buchhandel bestellen; Versender wie der PERRY RHODAN-OnlineShop liefern es ebenfalls aus.

(Diese Rezension erschien bereits im November 2023 auf der Internet-Seite von PERRY RHODAN. Ich teile sie hier aus dokumentarischen Gründen.)

18 Juni 2024

Lechts oder rinks?

»Als Linker darfst du so etwas nicht sagen«, wies mich Maja zurecht.

»Mir doch egal.« Ich winkte ab. Ich hatte einen Spruch von mir gegeben, der ein wenig grob geklungen hatte. »Ich bin ja auch kein Linker.«

»Wie, du bist kein Linker?« Sie klang entsetzt.

In der Mitte der 90er-Jahre beteiligte ich am neuen Radioprojekt in Karlsruhe. Meine Punkrock-Sendung wurde angeblich gern gehört, und ich nahm regelmäßig an den Besprechungen des Radiokollektivs teil. An manchen Diskussionen beteiligte ich mich, bei anderen hatte ich – für den Notfall – etwas zum Lesen dabei.

Maja war in Ordnung, fand ich. Sie war gut zehn Jahre jünger als ich und engagierte sich in mehreren politischen Gruppen. Wir kamen gut miteinander aus. Während wir uns unterhielten, brandete um uns der Lärm einer Party im Keller neben unserem Studio.

»Na ja«, sagte ich. »Mit den meisten Linken kann ich nichts anfangen. Sie sind mir auf ihre Art zu spießig und zu festgefahren, und wir sprechen oft nicht die gleiche Sprache.«

»Aber du gehst doch auf Demos gegen Nazis und so.«

»Klar. Gegen Nazis bin ich auf jeden Fall. Die bedrohen mich und andere Leute, denen muss man entschieden entgegentreten. Aber das heißt doch nicht, dass ich jeden linken Quatsch gut finden muss. Verbote hier, Regeln da und bitte nie aus der Reihe tanzen.«

Sie schüttelte den Kopf. »So ist das doch gar nicht.« Sie klang fast verzweifelt. »Wo ordnest du dich dann ein?«

»Vielleicht eher rinks. Oder lechts? Keine Ahnung.«

»Was?«

»Nirgends, ich ordne mich nirgends ein. Ich bin Punk. Oder eigentlich Punkrocker, aber das erkläre ich lieber nicht.«

»Du siehst doch überhaupt nicht punkig aus.« Sie wies auf die raspelkurzen Haupthaare. »Das ist fast ...« Sie brach ab, das Wort »Skinhead« wollte sie mir wohl nicht entgegenschleudern.

»Nur weil ich meine Haare nicht mehr färbe?«, fragte ich zurück. »Ganz schön viel Klischee, oder?«

Der Abend endete nicht in einem Streit, wir wechselten die Themen, und keine drei Minuten später stand jeder von uns mit anderen Leuten zusammen. Es war nie einfacher, sich sauber zu positionieren, als wenn man mit Lederjacke und Stachelkopf unterwegs war. Und mir wurde erneut bewusst, dass die meisten Leute ihre sauberen Schablonen brauchten ...

17 Juni 2024

Schön war's in der Wagenburg

Das Wetter spielte mit, auch wenn ich anfangs immer mal wieder sorgenvoll zum Himmel blickte. Am frühen Abend des Samstags, 15. Juni 2024, radelte ich in den Osten von Karlsruhe, eigentlich schon außerhalb der eigentlichen Stadt. Dort existiert seit über dreißig Jahren ein selbstverwalteter Bauwagenplatz, und in der dortigen Wagenburg wurde das alljährliche Sommerfest gefeiert.

Zwischen Wohnwagen, Traktoren und viel Grün – der Bauwagenplatz ist von großen Büschen umgeben, überall wächst und gedeiht etwas – tummelten sich im Verlag des Abends wohl bis zu 200 Leute. Weil man sich zwischen Lagerfeuer, Essensbereich, Biertischen und Konzer verteilte, war die Zahl schwer zu schätzen. Ich kannte vielleicht ein Dutzend von ihnen, und mit einigen unterhielt ich mich beim einen oder anderen Bier sehr ausgiebig.

Die Mischung war angenehm: einige jüngere Bunthaarige waren da, ältere Crust-Punks, grauhaarige Alt- und Ex-Punks, ehemalige Autonome, ein bisschen Skinhead, ein wenig alternde Hippies, dazu viele Kinder aus der Wagenburg und Jugendliche, die allesamt ihren Spaß hatte. Es gab Bier und Flammkuchen, bezahlt wurde auf Spendenbasis, und an einem speziellen Stand wurden Olchi-Cocktails gemischt.

Nachdem zuerst ein sehr junger Wagenburg-Bewohner – gerade mal 15 Jahre alt – allein mit seiner Gitarre auf der Bühne gestanden hatte, um einige Stücke zum Besten zu geben, kamen später sein kleiner Bruder sowie sein Vater, den ich seit über dreißig Jahren kenne, hinzu, und die drei musizierten gemeinsam. Alte Quetschenpaua-Stücke kommen auch 2024 noch gut, fand ich.

Danach traten die Neurutics auf, eine in Deutschland lebende Band aus Russen. Musikalisch wurde eine Mischung als Polka und Rockmusik geboten, manchmal durchaus punkig, unterm Strich stets sehr tanzbar. Die Musik ging gut in den Kopf und in die Beine. Ich überließ das Tanzen den jüngeren Leuten, wackelte aber mit dem Kopf, applaudierte eifrig und freute mich über klare politische Äußerungen.

Ein »FCKPTN«-Aufkleber an der Monitor-Box sagte klar, wo sich die Band politisch verortete. Der Sänger sagte zudem zwischendurch, dass er russischer Staatsbürger sei, den Krieg gegen die Ukraine aber ablehne. Es wurde »Freiheit für die Ukraine« gefordert und kostenloser Schnaps gegen Putin ausgeschenkt. Das war alles sehr eindeutig.

Ich grinste irgendwann nur noch selig vor mich hin, trank viel Bier und packte zu später Stunde meinen Kram, bevor ich mein Fahrrad nicht mehr finden würde. Dann eierte ich durch den Wald und die Stadt nach Hause – es war ein wunderbares Fest!

Starke deutschsprachige Literatur mit Phantastik-Einschlag

Im Lauf der Jahre habe ich von dem Schriftsteller Kai Meyer viele Romane gelesen: fast schon klassisch anmutende Jugend-Fantasy, historische Romane, ein wenig Horror und natürlich Science Fiction. Aber keiner seiner Romane hat mich so gepackt wie »Die Bücher, der Junge und die Nacht«: Mit diesem Werk zeigt der Autor, dass er auch allgemeine deutschsprachige Literatur schreiben kann, wobei er nicht auf einen leicht phantastischen Einschlag verzichtet.

Seine Geschichte spielt zu verschiedenen Zeiten. Sie beginnt im Jahr 1943, als im Bombenkrieg das Graphische Viertel in Leipzig in Flammen untergeht, als Buchhandlungen, Druckereien und Verlage am Ende nur noch Schutt und Asche sind. Sie spielt ebenso im Jahr 1971, in dem ein junger Händler im Auftrag eines reichen Mannes auf der Suche nach seltenen Büchern ist. Und sie zeigt das Jahr 1933, während in Leipzig die Nationalsozialisten nach der Macht greifen ... Das alles hängt inhaltlich zusammen und ist über verschiedene Figuren eng miteinander verwoben.

Kai Meyer greift in diesem Roman die zentralen deutschen Themen auf: die Zeit des Dritten Reiches, der Zweite Weltkrieg und der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in Europa. Der Autor beschreibt nicht das Grauen der Vernichtungslager, aber er zeigt, wie Juden ausgegrenzt werden, wie sich einzelne Menschen schuldig machen, wie sich Täter und Opfer gegenüberstehen und was nach dem Krieg aus ihnen geworden ist.

Persönliche Konflikte, die im Jahr 1933 angefangen wurden, sind im Jahr 1971 noch nicht beendet. Die Trennung des ehemaligen Deutschen Reiches in zwei deutsche Staaten spielt ebenfalls eine Rolle. Meyers Figuren müssen moralische Entscheidungen treffen, und das ist für sie nicht immer einfach.

Dem Autor geht es aber auch um Literatur: Bücher sind wichtig, Romane laden ein, in eine fremde Welt aufzubrechen, und es ist wichtig, Literatur zu bewahren und gegen ihre Widersacher zu verteidigen.

Der Roman ist spannend und vielschichtig zugleich. Er stellt die Charaktere in den Vordergrund, spart nicht an persönlichen Dramen und emotionalen Konflikten – es geht auch um Geld und Liebe –, und er schafft es immer wieder, die Faszination für schöne Bücher ins Zentrum zu stellen. Dabei hält Kai Meyer die Balance: »Die Bücher, der Junge und die Nacht« ist sicher kein Roman über die Naziherrschaft und die Shoah, spart dieses Thema aber nie aus. Der Autor ist gesellschaftspolitisch, ohne auch nur einmal mahnend den Zeigefinger zu erheben.

Ich bin mir sicher, dass das »phantastische Element« in diesem Roman nicht jedem Leser auffallen wird. Wer gerne Fantasy oder Horror liest, wird die Hinweise entsprechend einordnen. Wer solche Genres eher meidet, liest eben einen spannenden Gegenwartsroman mit vielen aktuellen Bezügen. Mich konnte das Werk über die gesamte Länge fesseln, und ich empfehle es gern weiter – ein großartiger Roman!

Erschienen ist er als Hardcover mit Schutzumschlag; er ist 496 Seiten stark und kostet 22,00 Euro. (Die E-Book-Version gibt's für 8,99 Euro.) Man kann das Werk in allen Buchhandlungen bestellen, die ISBN 978-3-426-22784-8 kann dabei behilflich sein. Versender wie der PERRY RHODAN-OnlineShop bieten das Buch ebenfalls an.

Es gibt auch eine Hörbuch-Version, die im Argon-Verlag veröffentlicht wurde. Die zwei MP3-CDs haben eine Laufzeit von fast 16 Stunden und werden von Simon Jäger – er wirkte auch bei den PERRY RHODAN-Hörspielen des »Sternenozean«-Zyklus mit –, Maria Koschny und Johann von Bülow eingelesen. Als Verkaufspreis werden 22,00 Euro empfohlen; zur Qualität kann ich allerdings nichts sagen.

14 Juni 2024

Das Klausbuch angefangen

Im Dezember vergangenen Jahres hatte ich Geburtstag, das ist ja nicht weiter aufregend oder besonders. Ich wurde aber sechzig Jahre alt, eine Zahl, die mich selbst immer verwirrt – bin ich wirklich schon so ein betagter Herr? Aber ja, ich bin's natürlich.

Das wichtigste Geschenk, das ich zu meinem Geburtstag erhielt, war ein Buch. Christina Hacker und Alexandra Trinley stellten »Das wüsste ich aber« zusammen, ein 365 Seiten starkes Werk, in dem es um mich ging. Es enthält viele Fotos aus meinem Leben, teilweise auch eher obskurer Art, aber vor allem Texte über mich, beispielsweise Kurzgeschichten.

Ich war von dem Geschenk völlig überrascht und beeindruckt, in einer Weise, dass ich es nur durchblätterte, aber nicht las. Im Verlauf der vergangenen Monate nahm ich es immer wieder zur Hand und sah mir die Seiten an. Ich scheute allerdings ein wenig davor zurück, ein Buch über mich zu lesen; es kam mir sehr überzogen vor. Wie eine Art von Selbstbeweihräucherung kam mir das vor

Aber gut: Seit meinem Geburtstag ist ein halbes Jahr vergangen. Ich werde in diesem Jahr schon 61. Also kann ich mit der Lektüre anfangen.

Mein Ziel: Das »Klausbuch«, wie es intern genannt wurde, lese ich von vorne bis hinten durch. Ich werde regelmäßig über die Fortschritte bei meiner Lektüre berichten. Schließlich bin ich selbst sehr gespannt, welche Überraschungen auf mich warten ...

13 Juni 2024

Patrioten und Nazis

Die späten 80er-Jahre, irgendwo in der schwäbischen Provinz: Mit einem Skinhead stand ich vor einem Jugendhaus. Wir genossen die Pause zwischen zwei Punk-Bands, um in Ruhe ein Bier zu trinken und zu tratschen. Den Typen mochte ich, auch wenn er politisch eher undurchsichtig war: Zwar ging er gern auf Punk-Konzerte, aber ich wusste, dass er die Kameraden aus der Kolb-Stube zumindest gut kannte.

»Ich bin ein unpolitischer Skinhead«, erklärte er mir. »Ich bin ein Patriot, ich bin für Deutschland, aber mir ist egal, wer uns regiert, und ich habe nichts gegen Ausländer.«

Mit der Logik von Skinheads hatte ich oft meine Probleme. Ich verstand nicht, wie man stolz darauf sein konnte, ein Arbeiter zu sein und sich als »Working Class« zu stilisieren; ich kapierte nicht den Stolz auf die Kleinstadt, aus der man kam, oder die Region, der man sich zugehörig fühlte.

Dieser Skinhead war allerdings nicht auf den Kopf gefallen und konnte seinen Standpunkt vertreten. Weil er sich als Patriot betrachte, so argumentierte er, sei er gegen Nazis. Die würden schließlich, so seine Logik, gegen nationale Interessen handeln. Man sehe ja – rein historisch betrachtet –, was dabei herausgekommen sei, als zum letzten Mal die Nazis an der Macht gewesen seien.

»Also müssten die Patrioten den Nazis aufs Maul hauen?«, fragte ich vorsichtig nach.

»Na klar.« Er grinste. »Patrioten gegen Nazis. Das wäre doch auch ein tolles Motiv für ein T-Shirt oder einen Aufnäher.«

In der Folge klagte er über irgendwelche Studenten, die sich »SHARP«-Aufnäher auf die Jacken pinnten und damit die Skinhead-Idee verrieten. Das war dann ein wenig anstrengend, und ich war froh, als die nächste Band zu spielen anfing.

In jünger Zeit denke ich gelegentlich an dieses Gespräch: Wie es denn wäre, so überlege ich, wenn Menschen, die sich als Patrioten verstehen, kapieren würden, dass eine rechtsradikale Partei ja gegen ihre Interessen verstößt und sie ihre politische Heimat eigentlich an anderer Stelle finden müssten? Oder wäre das zu sehr um die Ecke gedacht?

12 Juni 2024

Im Exotenhaus

Vor gut zehn Jahren war ich zum letzten Mal im Zoo in Karlsruhe, dieser Tage besuchte ich ihn wieder einmal. Vor allem das Exotenhaus reizte mich, das erst 2019 eingeweiht worden war – in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Schwimmbads übrigens.

Im Prinzip handelt es sich um einen riesigen Raum voller Bäume, durch den kleine Bächer fließen, in dem sich schroffe Felsen erheben und überall Pflanzen wuchern. Das ist künstlich angelegt worden, sieht aber recht naturnah aus. Im Verlauf meiner Reisen besuchte ich den einen oder anderen Wald in den Tropen – das Exotenhaus kommt dem wirklichen Vorbild nahe.

Wer sich darauf einlässt und sich Zeit nimmt, hat viel Freude. Kleine Affen springen durch das Geäst, man kann sie quasi in freier Wildbahn beobachten und ihnen Auge in Auge gegenüberstehen. Vögel brüten, fliegen an einem vorbei oder hüpften über die Steine hinweg.

Die Geräuschkulisse ist beeindruckend: Affen kreischen, Vögel zwitschern und keckern, Kinder lachen und freuen sich. Viele Leute nehmen sich wenig Zeit für die Besichtigung, manche eilten geradezu durch das Exotenhaus. Wer ein wenig Zeit mitbringt und sich Tiere in aller Ruhe anschaut, ist locker eine Stunde beschäftigt.

Mir machte der Aufenthalt im Exotenhaus große Freude: ein gelungener Blick in eine Natur, die durch den Menschen stark bedroht ist. Ein Besuch lohnt sich!

Ironisch-historischer Detektiv-Comic

Der Piredda-Verlag hat sich im Verlauf der vergangenen Jahre zur Heimat vieler schöner Comic-Bücher entwickelt. Man pflegt einige Künstler, die in toll produzierten Hardcover-Alben und -Gesamtausgaben präsentiert werden. Es lohnt sich, gelegentlich im Programm des kleinen Verlags zu stöbern.

So fiel mir »Die Fälle von Lord Harold« ins Auge. Nachdem ich die Leseprobe angesehen hatte und vor allem wusste, wer dafür verantwortlich ist, musste ich mir die Gesamtausgabe kaufen. Sie enthält die zwei Geschichten, aus denen die neue Comic-Serie bisher besteht, sowie umfangreiches Skizzen-Material. Wer eine Freude an gut erzählten und toll gezeichneten Bildgeschichten hat, sollte einen Blick auf Lord Harold und seine skurrilen Abenteuer werfen.

Die Comics haben eine hübsche Grundlage: Lord Harold der Zwölfte ist ein Adeliger, der es gewohnt ist, den ganzen Tag über bedient zu werden. Eine richtige Arbeit hat er nie kennengelernt. Aber er hat sich – nachdem er diverse Texte studiert hat – in den Kopf gesetzt, künftig sein Leben dem Kampf gegen das Verbrechen zu widmen. Er beschließt also, bei der Polizei mitzumischen.

So richtig ernst nimmt ihn niemand, weder seine Familie noch die künftigen Kollegen. Das ändert sich jedoch, als man ihn ausgerechnet nach Blackchurch schickt, das dreckigste Viertel von London, wo er mit Unrat aller Art, menschlichen Problemen und unfähigen Kollegen konfrontiert wird. Aber Lord Harold lässt sich nicht abschrecken und beginnt mit seinen Ermittlungen – allerdings auf höchst unkonventionelle Art …

Für das Szenario zeichnet Philippe Charlot verantwortlich, von dem ich schon einige Comics gelesen habe. Der Autor versteht sich darauf, eine augenzwinkernde Handlung zu erfinden, die nicht zu albern ist, die Leserschaft bei der Stange hält und immer wieder originelle Wendungen liefert.

Bei einem Comic, der im 19. Jahrhundert und in London spielt, sind Szenarien, die an Charles-Dickens-Romane erinnern, ebenso selbstverständlich wie Anleihen an klassische »Sherlock Holmes«-Geschichten. Wer also mit solchen Themen etwas anfangen kann, wird auch mit den Geschichten um Lord Harold gut zurechtkommen.

Absolut gelungen sind die Bilder, die Xavier Fourquemin zu schaffen vermag. Sein Blick auf die verschlammten Straßen Londons oder auf die heruntergekommenen Häuser und Werkstätten orientiert sich stets an der Realität. Man glaubt seinen Zeichnungen, dass es im 19. Jahrhundert in der damaligen Weltmetropole so aussah. Im Gegensatz dazu stehen seine Figuren, die sich eher am klassischen frankobelgischen Funny-Stil orientieren.

So erweist sich »Die Fälle von Lord Harold« als ein äußerst gelungener Comic mit Krimi-Aspekten und viel Humor, der verschiedene Leserschichten ansprechen dürfte, sich aber vor allem an die Menschen richtet, die eine Freude an den klassischen frankobelgischen Comics haben. Wer mag, schaue sich die Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlags an.

Veröffentlicht wurde der Comic im Piredda-Verlag als schicke Hardcover-Ausgabe. Er umfasst 144 Seiten und kostet 30,00 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-949968-01-3 kann man ihn überall im Comicfach- sowie im Buchhandel bestellen. 

(Veröffentlicht wurde diese Rezension auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie. Ich teile sie hier aus dokumentarischen Gründen.)

11 Juni 2024

Anspruchsvoller Superhelden-Comic

Ende des vergangenen Jahres erschien der vierte Band einer in sich abgeschlossenen Comic-Miniserie, die man wirklich als »anspruchsvoll« bezeichnen kann. Gemeint ist »Batman / Catwoman« – und wer jetzt glaubt, es ginge um die üblichen Superhelden-Geschichten mit seitenlangen »Kloppereien«, der irrt sich. Auch wenn die Hauptfiguren zu einem großen Teil bekannt sind, erhalten sie in diesen vier Bänden eine zusätzliche Dimension.

Sie sind nämlich alt. Die Handlung spielt in einer Zukunft, die nicht definiert ist, die aber sichtlich einige Jahrzehnte von unserer Zeit entfernt ist. Selina Kyle alias Catwoman ist eine grauhaarige Frau, die auf ihr Leben zurückblickt. Sie war mit Bruce Wayne alias Batman verheiratet, und dieser ist bereits vor Jahren gestorben. Sie hat eine Tochter, die sich zwar für die Seite des Gesetzes entschieden hat, die sie aber trotzdem sehr liebt, und ihre Erinnerungen, die sie gelegentlich plagen.

Auch andere alte »Bekannte« leben noch, sind aber ebenso in die Jahre gekommen. Dazu zählt beispielsweise der Joker. Die Leben von Catwoman und dem Joker waren vor vielen Jahrzehnten miteinander verbunden, und nun treffen sie erneut aufeinander – zu einem allerletzten Mal …

Tom King weiß, wie man spannende Comic-Geschichten erzählt. Er ist seit Jahren im Geschäft mit Superhelden tätig und hat zahlreiche Hefte getextet. Mit den vier Alben zu Batman und Catwoman zeigt er nun, dass er in der Lage ist, die übliche Mischung aus Prügeleien und Dialogen aufzubrechen. Sein Comic springt in der Zeit vor und zurück, sie spielt auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Man muss die Geschichte sehr genau lesen, um die jeweiligen Sprünge nachvollziehen zu können. Nachdem ich die vier Teile gelesen hatte, nahm ich sie mir noch einmal vor. Dabei fielen mir noch einmal die geschickten Verbindungen auf, die der Autor in seine Geschichte eingebaut hatte. Das ist in der Tat weitaus mehr als ein »normaler« Superhelden-Comic.

Clay Mann als Illustrator hat einen eigenständigen Stil. Seine Bilder sehen nicht so aus wie das, was man von amerikanischen Comics ansonsten gewöhnt ist. Die Figuren sind oftmals leicht verzerrt, es gibt keinen Versuch, superrealistisch zu sein. Damit werden die Bilder aber auf seltsame Weise realitätsnäher als manche aalglatte Illustration, die jede Muskelfaser vor das Auge des Betrachters rückt. Und weil die Handlung zeitlich springt, ist es umso wichtiger, sich die Bilder genau anzuschauen, um der Geschichte sauber folgen zu können.

Ich bin kein Experte für Superhelden-Comics, wenngleich ich sie immer wieder gern lese und vor allem »Batman«-Geschichten meist mag. Mit »Batman / Catwoman« liegt ein origineller Vierteiler vor, der im Album-Format erscheint, also nicht im typischen amerikanischen Format. Die vier Bände überzeugen sowohl inhaltlich als auch künstlerisch. Ich empfehle sie gerade jenen Menschen, die mit den Superhelden vielleicht gar nicht so viel anfangen können … das ist dann überraschend für sie.

Erschienen sind die Bände allesamt beim Panini-Verlag. Auf der Panini-Seite stehen auch Leseproben zur Verfügung.

(Die Rezension erschien bereits im Herbst des vergangenen Jahres auf der Internet-Seite von PERRY RHODAN. Hier teile ich sie aus dokumentarischen Gründen.)

Vorläufiges Ende für einen Superhelden

In meinen Augen hat die Serie »Daredevil« hierzulande nie so richtig eingeschlagen. Ob das an der schlechten Verfilmung lag, die vor vielen Jahren in den Kinos kam, oder einfach daran, dass die Comics zu sehr in New York spielen, weiß ich nicht. Trotz unbestrittener Qualitäten inhaltlicher wie grafischer Art entwickelte sich die Serie nie zu einem echten Erfolg.

Mit »Der Tod von Daredevil« liegt seit Anfang 2020 der Abschluss der Serie vor, und ich habe ihn endlich gelesen. Die Hefte 606 bis 612 der amerikanischen Ausgabe werden in einem 170 Seiten starken Paperback zusammengefasst. Um es gleich zu sagen: Weil das Ende eher enttäuschend ist, kann diese Ausgabe auch nur einem Fan der Serie empfohlen werden.

Noch einmal will Daredevil, der blinde Superheld, gegen den Kingpin antreten, der mittlerweile zum Bürgermeister von New York gewählt worden ist. Daredevil möchte zeigen, wie der Kingpin die Wahl manipuliert hat, und stellt ein Team von Ermittlern zusammen. Doch auch der Kingpin ist nicht faul und baut seinerseits auf ein Team von Killern, die Jagd auf Daredevil machen. In den Straßen von New York entwickelt sich ein Duell.

Streckenweise ist das Ganze sehr gut erzählt. Charles Soule kennt sich mit den Marvel-Superhelden aus, er schrieb auch lange genug für »Daredevil«. Mit dem Auftauchen von Mike Murdock, einem auf einmal »körperlichen« Menschen, den sich vorher Matt Murdock – das ist die Tarnexistenz von Daredevil – nur ausgedacht hat, bringt der Autor einen zusätzlichen Kniff in die Geschichte ein, den ich am Ende aber nicht gut aufgelöst fand.

Künstlerisch ist das alles stark gemacht. Phil Noto hat einen Stil, der realistisch anmutet, aber mit aquarelliger Farbgebung sehr eigene Akzente setzt. Die Kämpfe auf den Dächern der Stadt wirken verschwommen und dynamisch zugleich, die Dialoge sind knallig und direkt. Lässt man sich auf diesen Stil ein, fesselt er.

Trotzdem steuert die ganze Geschichte auf einen Schluss zu, der wie aus dem Hut gezaubert wirkt und nicht überzeugt. Tatsächlich ist dann »Das Ende von Daredevil« die logische Konsequenz. Es ist ein zugleich offenes Ende, man kann daraus noch alles andere machen, und darauf kann man wohl gespannt sein. Schauen wir mal ...

10 Juni 2024

Der Gang ins Wahllokal

Das Wetter spielte mit, als ich am Sonntagmittag zum Wahllokal spazierte. Die Sonne schien, es war richtig warm. Dass ich eine lange Hose anhatte, bereute ich – aber so sah ich wenigstens halbwegs seriös aus. Immerhin ging es darum, meine bürgerlichen Pflichten zu erfüllen und – viel wichtiger! – ein Recht wahrzunehmen: Ich ging wählen.

Sowohl die Europawahl als auch die Kommunalwahl standen an. Ich hatte meine Entscheidungen zähneknirschend getroffen und mich für das jeweils kleinste Übel entschieden, das ich wahrnehmen konnte.

Von der Tür des Mehrfamilienhauses, in dem ich wohne, bis zum Wahllokal, einer Schule, waren es einige hundert Meter, mehr nicht. Ich kannte die Schule nicht; weil es zu einigen Änderungen gekommen war, hatte ich ein anderes Wahllokal anzusteuern. Aber so konnte ich eine Schule bewundern, deren Bau- und Renovierungsarbeiten ich über einen längeren Zeitraum mitbekommen hatte.

Interessant fand ich – wie an jedem Wahltag der vergangenen Jahre –, welchen Leuten ich begegnete: auf dem Weg zur Schule, im Wahllokal und auf dem Heimweg. Es waren viele Leute unterwegs, die sich grob in zwei Gruppen teilen ließen: Da ich in einem sehr bürgerlichen Viertel wohne, sah ich mehrere viele Leute, die sehr bürgerlich aussahen, Männer im Anzug etwa. Gleichzeitig gab es auch Menschen, die ein wenig »alternativ« wirkten.

Und das ist einer der Gründe, warum ich ins Wahllokal gehe und die Briefwahl nur nutze, wenn es wirklich sein muss: Ich möchte die Leute im Wahllokal sehen, ich mache mir gern einen Kopf über sie und ihre Entscheidung. Zudem glaube ich daran, dass es wichtig ist, seine Entscheidung erst kurz vor dem Wahltag zu treffen. Kurz davor kann schließlich einiges passieren, was einen umstimmen könnte.

Das Entscheidende für diesen Gang zum Wahllokal ist aber eins: der Anblick anderer Leute und das Sinnieren über ihre Gedanken …

Amerikanischer Mythos, neu erzählt

Zu den vielen Mythen, die sich um die Besiedlung von Nordamerika ranken, gehört die Geschichte von Pocahontas: Die junge Tochter eines Anführers der Powhaten – ein Volker der amerikanischen Ureinwohner – verliebt sich in einen gefangenen Engländer. Später helfen die Powhatan den weißen Siedlern dabei, auf dem neuen Kontinent Fuß zu fassen, und Pocahontas – so der Name der »Prinzessin« – geht als völkerverbindende Figur in die Geschichte der Vereinigten Staaten ein.

Es geschah damals sicher nicht so, wie es die Legenden erzählen. Doch wie waren die Begegnungen zwischen den englischen Siedlern und den Powhatan zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Virginia wirklich? Der französische Comic-Künstler Patrick Prugne, der schon mehrere Comics über die Besiedlung Neuenglands veröffentlicht hat, zeigt in »Pocahontas« seine Sicht der Dinge.

Prugne erzählt von den ersten Begegnungen zwischen Engländern und Einheimischen, zwischen den Konflikten, dann der eher zurückhaltenden Koexistenz. Pocahontas, die in Wirklichkeit Matoaka heißt, wird von ihm als aufgeschlossene junge Frau dargestellt, die die Kolonisten interessant findet und keinen Krieg möchte. Die Engländer wirken eher tumb: Sie suchen nur nach Gold und fuchteln mit ihren Waffen herum, scheinen nicht das geringste Interesse an den Menschen im Land und ihren Sitten zu haben.

Und so kommt eins zum anderen: Zuerst helfen die Powhatan, den Engländern über den Winter zu kommen, dann droht die große Schlacht ...

Das alles erzählt der Comic-Künstler ohne Aufgeregtheit. Zwar gibt es ein wenig Action, vor allem aber konzentriert er sich auf die internen Auseinandersetzungen auf beiden Seiten. Die Hauptfiguren treten klar hervor, auf sie stützt sich die Geschichte, und das wirkt auf mich glaubhafter als manche Legende und sogar spannender als die historische »Wahrheit«.

Prugnes Bilder sind sanfte Aquarelle, bei denen er die unendlichen grünen Wälder Nordamerikas gegen die Waffen und Helme der englischen Soldaten setzt. Seine Darstellung von Menschen und Natur unterscheidet sich vom klassischen Abenteuer-Comic ebenso wie von anderen Stilrichtungen; das zieht einen bei der Lektüre geradezu in die Welt des frühen 17. Jahrhunderts hinein.

»Pocahontas« reiht sich damit in die Reihe der anderen Werke dieses Comic-Künstlers ein. Der Comic spielt mit Farben und Eindrücken, er vermittelt ein packendes Bild in eine historische Epoche, und er stellt die »alte Welt« der indigenen Völker der »neuen Welt« der europäischen Kolonisten entgegen. Stark gemacht! Wer sich einen Einblick verschaffen möchte, wie schön Prugnes Bilder sind, schaue sich die Leseprobe im Netz an.

Erschienen ist der Comic als Hardcover im Splitter-Verlag. Er umfasst 96 Seiten.

(Diese Rezension erschien bereits im Oktober 2023 auf der Internet-Seite von PERRY RHODAN. Ich bringe sie an dieser Stelle, damit ich sie für mich dokumentiere.)

07 Juni 2024

Ein kleiner Hund gegen die Römer

Wer jemals irgendwann in seinem Leben die »Asterix«-Comics gelesen hat, hat er oder sie auch die Abenteuer von Idefix mitbekommen: Der kleine weiße Hund ist anfangs nicht dabei, wird dann aber zum Begleiter des riesenhaften Obelix. Weil die Figur des kleinen Idefix im Verlauf der Jahre immer populärer wurde, lag es nahe, daraus eine eigenständige Comic-Figur zu machen. Seit einiger Zeit gibt es also »Idefix«-Comics, die sich vor allem an sehr junge Leute richten – und zum diesjährigen Gratis-Comic-Tag wurde dazu ein Gratis-Heft angeboten.

Die Geschichte spielt nicht in einem gallischen Dorf, sondern direkt in Lutetia, einer kleinen Stadt mitten in Gallien, im heutigen Paris also. Hier regieren die Römer, und überall stolzieren Legionäre durch die Stadt. Doch eine Gruppe von individualistischen Hunden – allen voran der kleine Idefix – leisten tatkräftig und mit vielen Tricks ihre Art von Widerstand gegen die Besatzer.

Ich gestehe es: Die von Simon Lecocq geschriebene Geschichte packte mich nicht. Ich fand sie fahrig, in sich nicht stimmig und nicht sonderlich elegant erzählt; meilenweit entfernt von »Asterix«, der ja die Grundlage für dieses neue Comic-Universum legte. An den Zeichnungen kann ich nichts aussetzen: Philippe Fenech bleibt im klassischen Stil frankobelgischer Comics, die Anleihen an »Asterix« sind treffsicher und überzeugend. Gut gemacht!

Alles in allem ist dieses »Idefix«-Heft sicher nicht schlecht, hat mich aber nicht überzeugt. Beim Gratis-Comic-Tag bot es aber einen guten Einblick in die »Idefix«-Serie.

Zwischen Archiv und Telefon

Die Folge 49 meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« ist erschienen; dieser Tage wurde die aktuelle Ausgabe des OX-Fanzines verschickt – die Nummer 174 –, in der ich damit vertreten bin. (Ich altere mit dem Heft, was ich daran merke, dass ich vor allem Berichte über alte Punk-Bands gerne lese, um mich mit wohligem Schauer an die 80er- und 90er-Jahre zu erinnern.)

Diesmal geht's für meinen Helden Peter Meißner weiter mit seltsamen Aktivitäten in dem Verlag, in dem er arbeitet. Er stöbert im Archiv herum, er fremdelt mit sich und dem Älterwerden, und er bekommt einen Anruf seines Chefs.

Der Fortsetzungsroman spielt im Jahr 1996, während der Europameisterschaft im Fußball. Im Nachhinein wurde das von mir schlecht geplant: Diese aktuelle Folge hätte stärkere Fußball-Bezüge haben sollen. Wenn schon, denn schon ... Aber es hat leider nicht geklappt. Den Lesern gefallen die eineinhalb eng bedruckten Seiten hoffentlich trotzdem.

06 Juni 2024

Siouxsie-Vinyl von 1988

Dass ich Platten von Siouxsie and the Banshees besitze, hatte ich schon fast verdrängt. Dazu zählen sogar einige Singles, weil ich die Sängerin und ihre Band in den 80er-Jahren sehr gern hörte. Die Single »The Last Beat Of My Heart« wurde 1988 veröffentlicht – für meine damaligen Ohren ein ziemlicher Kontrapunkt zu dem Hardcore-Geboller, das ich um diese Zeit bevorzugte.

Das Stück steckt voller Melancholie, passt damit zur »gruftigen« Band, als die man sich in den späten 80er-Jahren präsentierte. Die Stimme der Sängerin liegt über einer wuchtigen Instrumentierung, die mit Streichern und dergleichen fast wie klassische Musik anmutet.

Ein schönes Stück, das ich mir allerdings echt nicht jeden Tag anhören kann: Zu aufwendig produziert ist die Musik, zu sehr gedehnt ist die Stimme, zu »elegisch« und traurig wirkt das Ganze. (Das aber passte damals natürlich zu der introvertierten Wave- und Gothic-Szene.)

Tatsächlich gefällt mir die B-Seite der Platte viel besser. »El dia de los muertos« spielt, wie der Titel schon nahelegt, mit spanischen Rhythmen, ist mit vielen Details sehr abwechslungsreich und bietet sogar heftiges Klaviergeklimper. Das ist dann weit entfernt vom Wave-Sound, für den Siouxsie irgendwann einmal berühmt war, sondern geht fast in Richtung Weltmusik. Starkes Stück, echt!

05 Juni 2024

Erster Band einer israelischen Krimi-Serie

Lisi Badichi ist eine Figur, die man nicht so schnell vergisst: Sie ist die Heldin einer Reihe von Krimis, die im südlichen Israel spielen und von Shulamit Lapid verfasst worden sind. Als erster Teil wurde bereits 1989 »Lokalausgabe« veröffentlicht und unter anderem in die deutsche Sprache übersetzt. Seit einiger Zeit gibt es den Roman als neu aufgelegtes Taschenbuch im Dörlemann-Verlag, und ich habe ihn endlich gelesen.

Ich brauchte einige Zeit, bis ich mit der Hauptfigur und dem manchmal weitschweifigen Stil der Autorin klarkam. Beides hängt zusammen: Lisi Badichi ist Journalistin bei einer Lokalzeitung, sie fühlt sich nicht besonders attraktiv und hat mit Männern eigentlich nur Probleme. Ihr Vorgesetzten finden sie schrecklich, mit ihrer Familie kommt sie nicht immer gut klar. Sie neigt dazu, über sich selbst und die Welt zu jammern, und das spiegelt sich natürlich im Roman wider.

Doch dann stolpert sie mehr aus Versehen über einen Mord – er passiert bei einer Party, und sie hatte mit dem Ehemann des Mordopfers vorher auch noch Sex – und versucht dann, mehr aus journalistischem Interesse weiter an dem Thema dranzubleiben. Erschwert wird alles dadurch, dass die ermittelnden Polizisten ihre Schwager sind.

Shulamit Lapid schafft es, den Lesern einen sehr guten Einblick in die israelische Alltagskultur zu geben. Leute aus einem Kibbuz tauchen ebenso auf wie Journalisten und Richter. Man kennt sich, man kommt aus unterschiedlichen sozialen Schichten; man streitet sich auch mal oder kann sich gegenseitig nicht leiden. Damit zog sie mich unweigerlich in ihren Bann.

Am Ende des Romans fand ich die Hauptfigur übrigens sympathisch; anfangs nervte sie mich, aber dann mochte ich sie. Das schafft die Autorin auf elegante Weise: Man wird mit der Figur und ihrem Umfeld immer vertrauter, und bald fiebert man richtiggehend an ihrer Seite mit.

Ein gelungener Krimi, der aus dem Raster der Stoffe fällt, die ich sonst mag! Ich freue mich schon auf die Fortsetzung – die liegt ebenfalls in einer Neuauflage im Dörlemann-Verlag vor.

04 Juni 2024

Nur vier Tage abwesend …

Wenn ich mir ein verlängertes Wochenende gönne oder auch mal einige Tage frei habe, gilt üblicherweise eine Regel: Der Computer bleibt aus. Nur wenn es absolut notwendig ist, mache ich den Computer an. Ich lasse an solchen Tagen zudem die Finger vom Smartphone – außer es ist nötig – und ignoriere den Fernseher.

Weil ich genau diese Abstinenz am »verlängerten Wochenende« pflegte, verpasste ich die Ereignisse in Mannheim und bekam sie erst in den vergangenen 24 Stunden durch gelegentliche »Echos« im Internet mit. Ich war nicht dabei und kann zu den Abläufen nichts sagen. Dazu gibt es ausreichend seriöse Berichte zu lesen. Nur so viel …

Michael Stürzenberger ist ein Mensch, gegen den ich – sofern ich mich recht erinnere – nicht nur einmal demonstrierte, wenn er mit Gleichgesinnten durch Karlsruhe zog. Seine Ansichten halte ich für brandgefährlich. Aber das berechtigt nicht, ihn mit einem Messer anzugreifen. Ein solcher Angriff ist durch nichts zu erklären und zu tolerieren.

Dass bei dieser Attacke ein junger Polizist sterben musste, ist schrecklich. Mir tut’s um die Hinterbliebenen leid. Der Täter und die Leute, die diese Taten öffentlich abfeiern, müssen nach den geltenden Gesetzen vor Gericht gestellt und bestraft werden.

Was bei allem wirklich ekelhaft ist: die Art und Weise, wie Menschen aus der »rechten Ecke« das Drama buchstäblich abfeiern. Es scheint, als hätten sie darauf gewartet. Es erinnert mich an die widerwärtige Welle von Hass, die nach dem Mord von Kandel – ein jugendlicher Flüchtling erstach ein Mädchen – über die halbe Republik hereinbrach.

Sowohl Rechtsextremisten als auch Islamisten leben von solchen Taten und ihren Folgen. Das macht das Drama noch schlimmer, als es ohnehin schon ist.

29 Mai 2024

Von halsbrecherisch zu schnarchzapfig

Meine Jazz-Kenntnisse sind sehr bescheiden, ich kenne mich nicht aus. Aber aus unterschiedlichen Gründen höre ich in diesen Tagen im Auto über Spotify ständig irgendwelche Bebop-Klassiker an, was mir sehr gut gefällt. Die Musik ist teilweise rasend schnell und sehr abwechslungsreich; da stört es mich überhaupt nicht, wenn so ein Stück zehn Minuten lang ist oder noch länger.

Tatsächlich sind manche dieser Klassiker – die Namen der Musiker sagten mir teilweise sogar etwas – geradezu halsbrecherisch, was das Tempo angeht. Ich frage mich bei manchen Aufnahmen, wie es der Bass und das Schlagzeug schaffen, hinter den rasenden Bläser überhaupt hinterherzukommen. Oder ist es andersrum?

Ich bin zeitweise völlig baff. Und dann frage ich mich, wie aus dieser treibenden Musik der fünfziger und sechziger Jahre dieses schnarchzapfige Zeugs geworden ist, das einem heute teilweise als Jazz im Radio präsentiert wird. Die Sprecher wirken schon, als ob sie einschlafen würden, man sieht alte Männer in schlecht sitzenden Cordanzügen vor sich. Wie passt das denn zusammen?

Aber gut, ich muss nicht alles verstehen. Es gibt heute sicher ebenfalls großartigen Jazz. Aber mein Bild von Jazz wurde offensichtlich zu sehr von einer sehr braven und bürgerlichen Attitüde geprägt, bei der das Bildungsbürgertum zu sehr den Ton angab. Höre ich die alten Bebop-Klassiker, bin ich positiv überrascht.

28 Mai 2024

Kurzgeschichten der Comic-Großmeister aus den 60er-Jahren

Man muss sicher nicht viel über René Goscinny sagen: Auch wer sich nicht intensiv mit Comics beschäftigt, kennt die wesentlichen Werke dieses klassischen Szenaristen, hat einmal »Asterix« oder »Lucky Luke« gelesen, vielleicht sogar »Isnogud« oder »Umpa-Pah«. Dass er zusammen mit dem Künstler Marcel Gotlib zudem die »Dingodossiers« veröffentlichte, war bisher Spezialwissen für echte Experten – schön, dass es diese Comics nun in einem gelungenen Gesamtwerk gibt!

Wer nicht weiß, was das ist, möge sich nicht grämen: Hierzulande waren die »Dingodossiers« nie ein Thema. Es handelt sich um Comics, meist eine Seite lang, manchmal auch zwei Seiten umfassend, die allerlei Themen satirisch aufgriffen. Sie wurden in Zeitschriften veröffentlicht, wurden also zwischen längeren Comics oder gar Artikeln präsentiert, sollten die Umgebung gewissermaßen auflockern. Das durfte und konnte nicht sonderlich intellektuell werden, das wollten weder der Autor noch der Zeichner.

Die Schwarzweiß-Comics sind oft auf puren Klamauk gebürstet; sie sind nicht immer genial, aber sie sind toll gezeichnet und sie steuern immer wieder auf eine gelungene Pointe zu. Viele der Gags würde man heute als »politisch nicht korrekt« deuten, sie sind politisch-gesellschaftlich aber sauber genug. Klar, die Darstellung von Männern und Frauen entspricht dem Bild der 60er-Jahre, wird aber immer wieder karikiert und satirisch auf die Spitze genommen.

Wer mag, kann den Humor als »anarchistisch« bezeichnen, weil er sich nicht um die Regeln schert. Wer mag, kann ihn auch als altmodisch beschimpfen. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem schönen Blick auf die 60er- und 70er-Jahre belohnt, den man so nicht noch einmal finden dürfte …

Erschienen ist das dickleibige Werk bei Splitter. Es enthält neben den vielen Kurz-Comics auch redaktionelle Ergänzungen, die dabei helfen, das Werk einzuschätzen. Sehr gelungen!

27 Mai 2024

Zaubersprüche und Bier

Ich hatte schon leicht einen im Tee, als ich mit Harro wieder in meine Wohnung kam. Wir hatten im »Euphrat« um die Ecke je einen vegetarischen Döner gefuttert und zwei Bier getrunken; das war eigentlich nicht viel, reichte an diesem Tag aber.

»Ich krieg‘ heute nicht mehr viel gebacken«, gestand Harro. »Meinetwegen brauchen wir uns nicht mehr auf der Straße herumzutreiben.«

»Geht mir genauso.« Ich seufzte abgrundtief. »Ich werde halt alt, und Punk ist nicht mehr das, was es einmal war.«

In diesem Frühsommer 1995 war ich wieder einmal mit mir und dem Leben reichlich unzufrieden: Stress in der Firma, kein Glück mit den Frauen, wenig Erfolg mit der eigenen Schreiberei und für Punkrock so langsam ein bisschen alt. Da kam mir Harro gerade recht: Er war gut zehn Jahre jünger als ich, ein sportlicher Skatepunk, und als er mich gefragt hatte, ob er in dieser Woche – er war beruflich in der Stadt – einige Zeit bei mir unterkommen konnte, hatte ich bereitwillig zugestimmt.

Und dann saßen wir da, ich stellte neue Biere auf den Tisch, und wir waren beide müde. »Na super«, sagte ich. »Und was machen wir jetzt? Fernsehgucken geht nicht, ich hab‘ keine Glotze.«

Harro strahlte vor Begeisterung. »Ich hab‘ was ganz Neues. Hast du schon mal von ›Magid‹ gehört?«

»Ist der Papst katholisch?« Natürlich wusste ich, was »Magic« war. Die eine Hälfte meines Freundes- und Bekanntenkreises stammte aus dem Science-Fiction- und Fantasy-Umfeld, und viele von diesen Leuten mochten Rollenspiele und dergleichen.

Er stöberte in seiner Tasche und legte einen Packen mit Karten auf den Tisch. Während ich mein Bier trank, blätterte ich sie durch. Ich fand die Fantasy-Illustrationen gut, lästerte über einige seltsame Bilder, fand das Spiel aber optisch sehr schön.

»Willst du’s lernen?«, fragte Harro.

Zuerst wollte ich nicht. Aber nachdem ich noch einmal zwei Bier getrunken hatte, war ich reif. Er versuchte, mir die Regeln beizubringen, und er gab sich redlich Mühe. Im Hintergrund bollerten Bands wie die Wipers oder Big Black aus den Boxen, kein stressig-moderner Hardcore, sondern eher rockig-rotzig Töne. Und wir tranken ein Bier nach dem anderen.

»Du musst hier einen Zauberspruch setzen«, erläuterte Harro und legte eine Karte. Er legte eine andere auf den Tisch. »Dann kann ich mit diesem Dämon darauf reagieren.« Ich starrte auf die Karten und versuchte, alles zu kapieren.

Leider setzte die Wirkung von Bier und Musik bei mir um diese ein. Ich verstand nichts von den Regeln. Als Harro und ich ein Probespiel anfingen, stellte sich heraus, dass ich alles vergessen hatte, was er mir gut eine Stunde lang erklärt hatte.

Verzweifelt warf er die Hände in die Luft. »Das ist doch nicht schwer!«, rief er entsetzt.

Mein Argument, ich sei mittlerweile vielleicht zu besoffen für ein so intellektuelles Spiel, ließ er nicht gelten. »Ich hab‘ genausoviel getrunken wie du«, behauptete er.

»Du bist auch noch jung und sportlich«, konterte ich.

Wir entschieden uns ein Bier später, die »Magic«-Karten wegzupacken und uns auf Krachmusik und Biertrinken zu konzentrieren. Da waren wir zumindest einer Meinung.

Und das ist der Grund, warum die große »Magic«-Welle der 90er-Jahre spurlos an mir vorüberging …

25 Mai 2024

Nürnberg, damals

Der Mann kam auf mich zu, groß und kräftig und mit einer Glatze, in der sich das Licht der Bürolampe spiegelte. Er humpelte, anscheinend war sein rechtes Bein beeinträchtig.

Lächelnd streckte er die Hand aus. »Willkommen, Herr Frick. Schön, dass Sie da sind.« Es klang nett, auch wenn es wahrscheinlich sein üblicher Spruch war.

Wir schüttelten uns die Hände, dann bat er mich, Platz zu nehmen. Ächzend ließ er sich hinter einem Schreibtisch nieder, ich davor. Ich reichte ihm meinen Personalausweis.

»Sie heißen Frick, und Sie kommen aus Dietersweiler«, sagte er, nachdem er meinen Ausweis angesehen und mir zurückgegeben hatte. »Sind Sie mit dem Emil Frick verwandt?«

Ich nickte. »Er ist mein Vater, und er hat mich auch hierher empfohlen. Er hat seinen Schein bei Ihrem Vater gemacht, hat er mir erzählt, und er kenne Sie.«

»Ja ja, der Emil. Familiäre Beziehungen. Was wären wir ohne sie?« Er lächelte erneut, bevor er wieder ernst wurde. »Wir waren beide bei dem großen Scheiß dabei, und er hatte unterm Strich ein bisschen mehr Glück als ich.«

Was er mit dem großen Scheiß meinte, war mir klar. Wenn die alten Männer über den Zweiten Weltkrieg redeten, was selten genug vorkam, benutzt sie gelegentlich solche Begriffe und vermieden Wörter wie »Krieg« oder »Front«.

»Na ja«, wandte ich ein, »er wurde ja auch zweimal schwerverwundet.«

»Weiß ich, weiß ich.« Er winkte ab. »Ich wollte das nicht abwerten. Er kann aber gehen, den haben sie wieder zusammengeflickt; ich humple halt durchs Leben.« Er klopfte sich gegen sein Bein. »Das hier wurde mir noch Ende April zusammengeschossen. In Nürnberg, weil wir meinten, wir müssten die Stadt gegen die Amis verteidigen. Da war ich noch jünger als Sie jetzt.« Er starrte zur Decke. »Nürnberg«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Ich sagte nichts, auch das hatte ich gelernt. Wenn die alten Männer vom Krieg redeten – und nicht am Stammtisch mit ihren Heldentaten prahlten, was ich gelegentlich mitbekommen hatte –, war es gut, einfach die Klappe zu halten. Sie hörten von selbst auf. Der Krieg war in diesem Sommer 1984 noch keine vierzig Jahre vorüber.

Mein Gegenüber lächelte mich an, als hätte er sein Profi-Gesicht wieder aufgesetzt. »Aber ich kann noch Auto fahren, und deshalb sind Sie ja hier. Herzlich willkommen in meiner Fahrschule.«

24 Mai 2024

Kompakte und faszinierende Science Fiction

Mit dem gemeinsam verfassten Roman »This Is How You Lose the Time War« sorgten Amar El-Mohtar und Max Gladstone 2019/2020 für Aufsehen; das Werk erhielt alle möglichen Genre-Preise und wurde von der englischsprachigen Kritik sehr gelobt. Seit vergangenem Jahr liegt der Roman unter dem Titel »Verlorene der Zeiten« auch in deutscher Sprache vor, und ich habe ihn endlich gelesen.

Die Handlung lässt sich gar nicht so leicht zusammenfassen: In ferner Zukunft tobt ein Krieg zwischen zwei Mächten. Während die eine Macht auf biologische Mittel zu setzen scheint, ist die andere eher technisch orientiert. Treffen ihre Truppen aufeinander, gibt es fürchterliche Schlachten mit zahlreichen Toten. Dieser Krieg wird vor allem in der Zeit ausgetragen: Die Armeen und Einzelkämpfer begegnen sich in diversen Strängen der Wirklichkeit, wo sie sich gegenseitig umbringen oder versuchen, die jeweilige Geschichtsschreibung zu verändern.

Vor diesem Hintergrund spielt der Roman, der sich auf zwei Figuren konzentriert, die sich offenbar als weiblich verstehen. Sie nennen sich Rot und Blau, und sie sind am Anfang erbitterte Gegnerinnen. Es ist klar, dass jede von ihnen vor der Gegenseite einen großen Respekt hat – und sie beginnen einen Briefkontakt. Aus diesen Kontakten erwächst, während sich die beiden auf verschiedenen Seiten des Krieges durch die Zeiten kämpfen, eine große Liebe, die nichts erschüttern kann. Bis zum bitteren Ende nicht ...

»Verlorene der Zeiten« ist ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Roman, der mit vielen Konventionen des Genres bricht. Die Handlung ist nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar, zumindest für mich nicht. Und dass die Geschichte in Form von Briefen erzählt wird, zwischen die immer wieder kurze Szenen eingestreut sind, macht sie nicht leichter zu verstehen, aber umso faszinierender.

Die Szenen zeigen faszinierend-phantastische Bilder, die Briefe stecken voller positiver Emotionen. Und ohne dass man als Leser weiß, wie Rot oder Blau aussehen, gewinnt man ein großes Interesse an ihnen und will mehr über sie und ihr Schicksal wissen.

Amar El-Mohtar und Max Gladstone schufen damit einen Roman, der zu Recht viele Genre-Preise gewonnen hat. Keine Ahnung, wie er im englischen Original ist, die deutsche Übersetzung gefällt mir aber sehr gut: sowohl manchmal poetische, aber immer stilistisch auf hohem Niveau befindliche Sprache des Romans als auch die ungewöhnlichen Bilder, die von dem Autorenduo gewählt werden.

Denn ungewöhnlich ist die Kommunikation, die Rot und Blau betreiben. Weil ständig Krieg herrscht und dieser sich durch die Zeiten frisst, können sie sich keine normalen Briefe schicken. Sie benutzen Tricks und Hilfsmittel. So wird ein Brief buchstäblich in die Jahresringe eines Baumes geschrieben und kann so erst Jahrhunderte später gelesen werden. Andere Möglichkeiten der Kommunikation sind dann technischer Natur.

Ob das alles so funktionieren würde, spielt keine Rolle. Wenn Lebewesen in der Lage sind, ständig mit der Zeit zu jonglieren, wie es dieser Science-Fiction-Roman darstellt, werden sie wohl auch solche Tricks hinbekommen.

Man braucht für »Verlorene der Zeiten« ein wenig Geduld und muss sich auf die Sprache und die ruhige Handlung einstellen. Action gibt es praktisch keine, Dialoge ebensowenig. Man kann miträtseln und sollte sich ansonsten auf die Geschichte einlassen. Ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Roman, eine empfehlenswerte Lektüre!

Das Buch liegt als Hardcover mit Schutzumschlag vor, umfasst 192 Seiten und kostet 18,00 Euro. (Die E-Book-Version gibt es für 14,99 Euro.)

Der Besuch der Internet-Seite des Piper-Verlags lohnt sich übrigens, wenn man mehr über das Buch wissen möchte: Es steht nicht nur eine Leseprobe zur Verfügung, sondern ebenso ein ausführliches und sehr lesenswertes Interview mit der Autorin und dem Autor.

(Diese Rezension erschien bereits vor Monaten – seufz – auf der Internet-Seite der Science-Fiction-Serie, für die ich arbeite. Hier wiederhole ich sie aus dokumentarischen rünen.)

23 Mai 2024

Ein Gang unter dem Fluss

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Dass man einen Fluss untertunnelt, ist nicht so besonders. Autobahnen oder Eisenbahnen werden unter dem Meer oder unter Flüssen hindurchgeführt, was vor allem die Innenstädte entlastet. Auch in Antwerpen gibt es einen Tunnel, den Sankt-Anna-Tunnel, der die Schelde unterquert und durch den man zu Fuß oder per Fahrrad bequem auf die andere Seite der Stadt kommt.

Selbstverständlich musste ich durch diesen Tunnel gehen. Das Spannende dabei: Die Rolltreppe ist aus Holz, sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Das sieht nicht nur interessant aus, sondern es einen anderen Klang. Wo eine Rolltreppe sonst eher summt oder rauscht, knirscht und knackt es bei dem steilen Ab- oder Aufstieg.

Ich fand den Spaziergang unter der Schelde eindrucksvoll. Für mich ist es immer ein seltsames Gefühl, mir vorzustellen, welche Wassermassen in diesem Moment oberhalb meines Kopfes existieren. Man glaubt, die Luft sei dicker, und alle Geräusche werden in dem über einen halben Kilometer langen Tunnel zu mehrfachen Echos gebrochen.

Da der Tunnel auch von Radfahrern genutzt wird, flitzen immer wieder Menschen auf Drahteseln an einem vorüber. Das kann durchaus verwirrend sein.

Alles in allem ist es aber ein Spaziergang, der sich lohnt – allein schon wegen der Eindrücke im eigenen Kopf und dann später wegen des Blicks auf die Altstadt von Antwerpen. Die andere Seite der Schelde hingegen ist meist eher schlapp, wie mir bei diesem Besuch schien ...

22 Mai 2024

Völkermord im Sudan?

Nach allem, was ich über den Sudan mitbekomme – es ist ja beklagenswert wenig in der deutschen Presselandschaft –, tobt dort seit über einem Jahr ein Krieg zwischen zwei verfeindeten Armeen. Die Bezeichnung »Bürgerkrieg« halte ich angesichts der Tatsache, dass die hochgerüsteten Soldaten mitten in Wohngebieten mit schwerer Artillerie aufeinander schießen, nicht für angebracht.

Menschen starben seitdem zu Zehntausenden, Millionen sind auf der Flucht, das halbe Land wird von einer fürchterlichen Hungerkatastrophe bedroht. Vor allem in den westlichen Teilen des Landes gehen Experten mittlerweile von Verbrechen aus, die man als Völkermord bezeichnen müsste. Die versprochene Hilfe der sogenannten westlichen Welt kommt kaum und trifft nur in geringen Dosen ein. (Von den teilweise stinkreichen arabischen Ländern reden wir lieber nicht. Die liefern keine Nahrungsmittel, sondern Waffen an die unterschiedlichen Fraktionen, wie es aussieht.)

Das Thema findet hierzulande praktisch nicht statt. Es gibt keine Demonstrationen, in denen gegen den drohenden oder schon geschehenden Völkermord protestiert wird. Keine aufgeregten Studenten besetzen Hörsäle und machen wichtige Veranstaltungen, in denen sie lauthals Parolen rufen. Es gibt keine Sondersendungen in Talkshows, zumindest bekomme ich davon nichts mit.

Warum eigentlich? Mir fallen nur zwei Lösungen ein, und beide finde ich unangenehm.

Die eine: Im Sudan sterben Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Das interessiert im mehrheitlich weißen und vergleichsweise wohlhabenden Deutschland einfach nicht so.

Die andere: Die Täter sind keine jüdischen Menschen. Dann sind die Opfer auch nicht mehr so interessant.

Kurzgeschichten voller Menschlichkeit

Der Autor Tim Krohn war mir bis vor einiger Zeit überhaupt nicht bekannt. Der Schweizer veröffentlichte bereits mehrere Bücher, von denen ich vorher nichts mitbekommen hatte. Und so wurde ich erst durch seine Kurzgeschichtensammlung »Nachts in Vals« auf ihn aufmerksam. Das Buch erschien bereits 2015, es ist ein großzügig gesetzter Hardcover-Band mit rund 150 Seiten.

Enthalten sind Kurzgeschichten, die allesamt in Vals spielen, einem Dorf in den Schweizer Alpen. Vals ist vor allem durch seine Therme bekannt geworden, und es wundert nicht, dass die Therme in allen Geschichten eine Rolle spielt. Zu ihr fahren die Menschen, in ihr halten sie sich auf, und hier entwickeln sich Schicksale.

In seinen Geschichten, die man flott lesen kann, die aber stets eine Weile nachwirken, zeigt Tim Krohn ganz normale Menschen: Ein alter Mann feiert seinen Geburtstag in Vals und geht auf einen letzten großen Spaziergang. Ein Börsenmakler fährt mit einer Kollegin nach Vals, möchte eigentlich nur Sex mit ihr haben und verändert sich durch diese Begegnung. Eine Frau reist mit ihrer Mutter nach Vals, und das komplizierte Verhältnis der beiden Frauen wird in der Therme nicht unbedingt einfacher.

Die Geschichten sind nicht lustig, sie haben keinerlei Genre-Aspekte – sie sind einfach nur menschlich. Sie erzählen von Menschen und ihren Problemen, sie bleiben in einer ruhigen Tonlage, die fast schon gelassen ist, sie sind letztlich Kurzgeschichten, wie ich sie mir wünsche: unspektakulär und von Stil und Machart her sehr klar. Da ist kein Wort zuviel, da wird jede Mikro-Szene wichtig.

Ein richtig schönes Buch, das mich auf den Autor aufmerksam gemacht hat! Ich denke, von Tim Krohn werde ich noch mehr lesen.