15 Oktober 2019

Unten, und vergessen

Eine phantastische Kurzgeschichte

Das große Tor öffnet sich, leise knirschend; ein Mann tritt langsam, ja, behutsam über die Schwelle. Er blinzelt kurz und hebt die Hand, als wolle er grüßen, irgendjemanden. Blass leuchtet ihm der Morgen entgegen, die Sonne erbricht ein wenig Licht ins Grau. Kleine Wellen laufen sich am feinen Sandstrand tot, und eine Möwe krächzt einen müden, rasch verebbenden Trauermarsch über die kleinen Schaumkronen. Es ist kalt.

Der Mann dreht sich um, wagt einen letzten Blick. Das Tor ist geschlossen, Stahl gegen Stahl und Stein gegen Stein und dazu ein bisschen Glas. Es glitzert, Licht tanzt auf feinen Beschlägen wie kleine Engel in der Nacht.

Er hüllt sich in seinen Mantel und geht auf den Strand zu; fröstelnd. Wind zersaust dünnes, blondes Haar, das bis in den Nacken fällt. Sein übriggebliebenes rechtes Auge tränt leicht, seine Lippen schmecken die Salzkristalle, die auf ihnen zerschmelzen. Kleine Tiere fliehen vor ihm, Käfer und Strandläufer, verstecken sich hinter Sandkörnern. Selbst sie scheinen zu fliehen, vom Wind getrieben.

Weint er? Die Möwe krächzt ein weiteres Mal und fliegt aufs Meer hinaus; direkt auf die blasse Morgensonne zu. Immer weiter. Irgendwann wird sie kraftlos ins Meer fallen und ertrinken. Und dabei wird sie vielleicht verwundert nach dem Warum fragen. In einigen Stunden.

Wasser umspült die Zehen des Mannes. Es ist nicht kalt, und es ist nicht warm, es kräuselt sich nur sachte. Er empfindet das Wasser als angenehm.

Er wünscht sich einen Bogen und drei Pfeile. Mit diesen könnte er die Sonne abschießen. Dann wäre alles gut. Wirklich alles. Beim Gedanken daran muss er lachen. Es klingt schrecklich hohl, und hinterher fließen nur weitere Tränen; das schmerzt erneut.

Locker baumeln die Hände. Ein starker Windstoß zerrt an seinem Mantel. Er lässt los, der Wind reißt und zieht, und dann fliegt der Mantel davon. Der Mann dreht sich nicht nach ihm um.

Jetzt ist er nackt. Und fröstelt noch mehr. Kalt ist es. Das Wasser empfindet er immer noch als angenehm, während er Schritt um Schritt vorwärts geht. Er weint.

Das heisere Lachen, das er hinter sich hört, ignoriert er. Auch das kreischende Geräusch, wenn Metall über Metall schleift. Das Wasser steigt ihm über die Hüften. Das Lachen endet abrupt mit einem Gurgeln. Dann kreischt wieder Metall über Metall.

Das Wasser scheint sich rot zu färben, der Gipfel eines schroffen Berges reckt sich der Sonne entgegen. Das Wasser hat den Hals des Mannes erreicht, er beugt sich nach vorne und nimmt einen Schluck. Nur einen. Lässt das Wasser auf der Zunge. Erst nach einem Moment schluckt er endgültig. Da schlägt auch schon das Wasser über ihm zusammen.

Jetzt ist er am Ziel. Die Frau, die ihm entgegen kommt, ebenfalls. Sie lächelt ihn an. Aus dem übriggebliebenen linken Auge. Verführerisch wirkt es. Ihr Mantel löst sich von ihren Schultern, rutscht langsam über die Hüften.

»Ich hörte den Schrei des Vergessens«, sagt sie leise, mit einem wehmütigen Lächeln in den Mundwinkeln.

Auch er lächelt jetzt, ähnlich. »Ich sah einen schwarzgekleideten Mann in einem dunkelroten Boot«, sagt er. »Und der See glänzte wie ein Spiegel.«

Sie schlingt die Arme um ihn. »Dann ist ja alles gut«, murmelt sie. Gibt ihm einen Kuss auf die Lippen. Er schmeckt das Salz. Sie verschmelzen miteinander.

Irgendwo krächzt die Möwe. Ein letztes Mal.



Nachbemerkt:

Die Geschichte »unten, und vergessen« schrieb ich bereits am 16. September 1984, in dieser Zeit zwischen dem Abitur und meiner Zeit bei der Bundeswehr, in der ich viel unterwegs war – per Anhalter – und nicht so richtig wusste, wie ich mein weiteres Leben gestalten sollte. Da hatte ich offenbar dann auch ein Interesse daran, Geschichten zu verfassen, die düster und kurz waren. Zu dieser Zeit entstanden zudem viele Gedichte.

Die Kurzgeschichte ging unter, ich vergaß sie. Am 30. Oktober 1993 griff ich sie auf und tippte sie mit meinem Computer ab. Am 27. September 2003 wurde sie auf die neue Rechtschreibung umgestellt; seither habe ich sie nicht weiter verändert.

14 Oktober 2019

Die Abrafaxe und das Ministerium

Ich lese seit Jahrzehnten das Comic-Heft »Mosaik«, kannte es schon zu den Zeiten, als es noch »nur« in der DDR zu haben war, und abonnierte es, als man es im vereinten Deutschland beziehen konnte. Ich mag die Comics mit den drei witzigen Hauptfiguren, auch wenn ich für die eigentliche Zielgruppe ein wenig zu alt bin: Streng genommen ist »Mosaik« ein Heft für Kinder.

Zuletzt las ich »Die Schokoladen-Expedition«, ein Heft, das außerhalb der normalen Reihe erscheint und trotzdem aussieht wie ein normales »Mosaik«-Heft: vorne eine Geschichte, hinten viele ergänzende Informationen, kindgerecht aufbereitet durch Grafiken und Texte. Letztlich ist es ein Informations-Comic, der davon erzählt, wie Schokolade angebaut, vertrieben und letztlich hergestellt wird.

Die drei Abrafaxe kommen nämlich nach Westrafrika, wo sie auf eine Familie stoßen, die im Wald lebt. Die Kinder gehen nicht zur Schule, sondern helfen ihren Eltern bei der Arbeit; die Preise für den Kakao wechseln, ohne dass die Bauern etwas machen können. Bei manchen Bauern werden Kinder als Sklaven gehalten. Die Abrafaxe sind gebührend entsetzt und helfen – zusammen mit einer pfiffigen Frau – den Leuten.

(Man könnte jetzt sicher kritisch anmerken, dass jetzt ausgerechnet drei Weiße den Afrikanern zeigen, wie man sich wehrt. Aber gut, es sind die Abrafaxe ... die dürfen das. Die eigentliche Hauptfigur, die sehr fit wirkt und auch engagiert vorgeht, ist ohnehin Nadege, eine junge und gebildete Frau, die mit dem Motorrad durch die Gegend fährt, die auch einen starken Angreifer besiegen kann und politische Inhalte vermittelt. Passt also schon.)

Dass »Mosaik« und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Kooperation eingegangen sind, finde ich gut. Mithilfe eines Comics, der sich an Kinder richtet, meinetwegen auch an Jugendliche, wird über ein ernsthaftes Thema informiert, aber eben so, dass Kinder es verstehen werden und auch unterhaltsam finden dürften.

Tatsächlich können Leute, die sich für das Thema interessieren, das Heft kostenlos beim Ministerium erhalten, sogar in »Klassensätzen«. Das halte ich für eine gute Idee – politische Bildung zu einem sensiblen Thema, die sich direkt an Kinder richtet!

13 Oktober 2019

Volker in der »Rheinpfalz«

Dass das wirklich gelungene »Totengräbers Tagebuch« immer weitere Kreise zieht, finde ich hervorragend. Das Thema scheint die Leute zu interessieren und zu faszinieren. Ich wurde schon von Bekannten darauf angesprochen, die darüber in Zeitungen gelesen hatten – das ist natürlich hervorragend. Am vergangenen Wochenende schrieb auch die »Rheinpfalz« einen großen Artikel darüber.

Volker Langenbein wird schön porträtiert, auf das Buch geht der Artikel ebenso ausführlich ein. Erwähnt wird ebenso meine Mithilfe, was mir sehr schmeichelt. Ein insgesamt gelungener Artikel ist so entstanden, der dem Buch hoffentlich neue Leser bringen wird. (Es ist ein gutes Thema, das immer mehr Menschen interessiert, wie ich bei vielen Gesprächen gemerkt habe.)

11 Oktober 2019

Ein Tanzabend mit Stereo Total

Die Musik von Stereo Total kann ich nicht immer hören, aber ich mag sie seit den 90er-Jahren. Manchmal ist die schräge Mischung aus Elektropop, Schlagergesang mit französischem Gesang und gelegentlichen Punk-Einlagen richtig klasse, manchmal finde ich sie anstrengend. Aber ich freute mich sehr auf das Konzert, zu dem die Band am Donnerstag, 10. Oktober 2019, ins »P 8« nach Karlsruhe kam.

Der Club war gerammelt voll, was angesichts des kleinen Raumes recht schnell geht; ich nehme an, dass an die 200 Leute anwesend waren. Gut die Hälfte kannte ich oder kam mir bekannt vor: Leute, die seit den 90er-Jahren immer wieder meinen Weg kreuzen, die ich aus besetzten Häusern, von Punk-Konzerten oder von der »Katakombe« her kannte. Die andere Hälfte waren junge Leute, die im Verlauf des Konzertes vor allem den tanzwütigen Mob in den ersten Reihen bildeten.

Francoise Cactus und Brezel Göring betraten kurz nach 21 Uhr die Bühne und legten ohne viel Trara los. Sie spielten viele Stücke der früheren Platten, aber auch Lieder, die ich nicht kannte. Von Anfang kam gute Stimmung auf, die Leute tanzten. (Am Ende gab es wohl niemanden in dem Club, der sich nicht zur Musik bewegte. Auch ich war leicht verschwitzt.)

Großes Gejohle gab's, wenn alte Hits wie »Liebe zu dritt« gespielt wurden. Zwischendurch kamen witzige Ansagen von der Bühne, am Ende wurden junge Frauen aus der ersten Reihe zum Tanzen auf die Bühne gebeten, die dann auch sichtlich Spaß daran hatten.

Mir gefiel, wenn die Gitarre mal »dreckig« klang, was dem Elektro-Sound eine punkige Note verlieh, und wenn die Stücke schneller losgebolzt wurden. Bei solchen Stücken war die Band fast schon punkig.

Am Ende servierte das Duo auf der Bühne noch einige Zugaben, das Publikum dankte mit lange anhaltendem Applaus. Ich trank abschließend das eine oder andere Bier, verschwatzte mich völlig an der Theke und kam – welche Überraschung! – dann doch nicht so früh nach Hause, wie ich das eigentlich geplant hatte. Großartiger Abend!

10 Oktober 2019

Die wirkliche Nummer eins

Nachdem ich unlängst – gegen meinen Willen – die »falsche« Erstausgabe des »Fandom Observer« in meinem Blog vorgestellt habe, möchte ich heute mit der offiziellen und »echten« Ausgabe nachziehen. Diese wurde im April 1989 veröffentlicht und lieferte vor allem mehrere Seiten mit Fanzine-Besprechungen; es ist schon erstaunlich, wie viele Blätter damals veröffentlicht wurden.

Von mir wird eine Rede abgedruckt, die ich auf dem FreuCon gehalten hatte. Sie trägt den Titel »Die Misere der deutschen Cons« und legt nahe, was man alles tun müsse, um einen Con erfolgreich zu veranstalten. (Im April 1992 musste ich dann meine eigene Rede im Kongresszentrum Freudenstadt in die Tat umsetzen, und insgesamt waren knapp 800 Menschen aus zwanzig Ländern anwesend.)

Dazu kommen Buchbesprechungen und Informationen, ein Blick auf die Szene in der DDR – was damals sehr spannend war – und ein Blick auf den Versuch, mit der Zeitschrift »Space« ein Science-Fiction-Magazin an den Kiosk zu bringen. Das Layout des Fanzines war eher schlicht, das Schriftbild schwach, und niemand glaubte damals wohl, dass es so lange Bestand haben würde.

Vieles von dem, was an internem Hickhack in dem Heft steht, ist mir heute unverständlich. Es sind eben doch dreißig Jahre seit damals vergangen. Und viele Kränkungen und Streitereien wirken über den Abstand der Jahrzehnte hinweg eher albern …

08 Oktober 2019

Raumkadett auf Lagrange 5

Es ist eine Weile her, seit ich das letzte Hörspiel aus der Serie »Mark Brandis Raumkadett« gehört habe. Umso gespannter war, als ich dieser Tage die zehnte Folge in meinen CD-Player einlegte: »Zwischen den Fronten« spielt auf der Erde, in den Tiefen des Alls, über dem Mars, und auf der Station Lagrange 5.

Erzählt wird von jungen Raumfahrern, die versuchen, in einem Krieg »sauber« zu bleiben. Dieser Krieg tobt in einer vergleichsweise nahen Zukunft, irgendwann im 22. Jahrhundert, zwischen den Monden und Planeten des Sonnensystems sowie auf der Erde. Die Union und die Republiken stehen sich unversöhnlich gegenüber, es gibt Verräter und Überläufer auf beiden Seiten.

Wer an dieser Stelle erst einmal nichts versteht, möge sich nicht grämen. Die Hörspielserie »Mark Brandis Raumkadett« bietet im Prinzip die Jugendabenteuer des Raumfahrers Mark Brandis. Dessen Abenteuer wurden in den 70er-Jahren in einer erfolgreichen Jugendbuchserie von Nikolai von Michalevsky erzählt; seit einigen Jahren werden sie als Hörspiele ebenso erfolgreich veröffentlicht. Das Hörspiel-Team hat mit den Jugendabenteuern gewissermaßen eine Ergänzung geschaffen.

Die zehnte Folge ist in einen Zyklus von Geschichten eingebettet, in denen der große Krieg ebenso eine Rolle spielt wie persönliche Beziehungen. Junge Raumfahrerinnen und Raumfahrer verlieben sich auch mal ineinander, es gibt Freundschaften, und die werden auf die Probe gestellt. Wer sich mit der Serie auskennt – so wie ich –, findet das unterhaltsam und gelungen.

Schön ist immer wieder, wenn in dieser Serie Figuren auftauchen, die in der Haupt-Serie, also in »Mark Brandis« dann als Erwachsene eine Rolle spielen. Damit entsteht ein intensiver Kontakt zwischen beiden Serien, was den Kennern große Freude bereitet. Wer bei »Zwischen den Fronten« zum ersten Mal in Kontakt zum »Mark Brandis«-Universum kommen sollte, wird das nicht wahrnehmen.

Die Folge ist klasse gemacht: starke Geräusche, gute Sprecher! Ich war gefesselt, mir machte das richtig Spaß. Aber klar ist das nicht unbedingt für Serienneulinge geeignet – sie sollten bei der ersten Folge anfangen, und sie können sicher sein, spannende Science-Fiction-Unterhaltung zu bekommen!

Zwischen Nazi-Agenten und China-Gangstern

In den 80er-Jahren erschien die niederländische Comic-Reihe »Agent 327« schon einmal in deutscher Sprache, damals in dünnen Alben, die ich gern las. Gezeichnet und erzählt wurden die Geschichten von Martin Lodewijk, den ich auch als Mitwirkenden bei den »Storm«-Comics kannte.

Mittlerweile hat die Serie bei Toonfish eine neue Heimat gefunden, dem Imprint des Splitter-Verlages. Dort erscheinen die Bände in schönen Hardcover-Alben. Ich las zuletzt »Hotel New York«, den siebzehnten Band der Serie.

Wie soll ich es sagen?

Das ist nicht mehr mein Humor, ich kann mit der Abfolge von Gags aller Art nicht mehr so viel anfangen. Lodewijk weiß nach wie vor, wie man Geschichten erzählt, die alten Figuren spielen ihre bekannten Rollen, die Pointen sind allesamt vorhanden, und die Zeichnungen sind im klassischen Funny-Stil nach wie vor von guter Qualität.

Aber die krude Geschichte um ein Nazi-Unterseeboot, das seit dem Zweiten Weltkrieg im Untergrund von Rotterdam darauf wartet, dass Nazi-Agenten es finden, funktioniert bei mir nicht. Die Witze mit der unfassbar dickbusigen Agentin namens Fräulein Lavina sind irgendwie nicht mehr so passend; die 80er-Jahren sind halt doch lange vorüber. Und wenn dann noch chinesische Banditen ihr Unwesen treiben, wird's mir zu abstrus.

Wahrscheinlich ist dieses Album – ebenso wie die gesamte Serie – etwas für die Fans, die »Agent 327« alias O.O. Eisenbrot immer noch schätzen. Dann sind die vielen Anspielungen auf frühere Alben der Serie, in denen eben Nazi-Agenten und China-Gangster als Dauerfeinde auftauchten, auch komplett berechtigt und nicht zu kritisieren.

Man muss diesen Humor mögen, dann funktioniert er. Bei mir klappt das nicht mehr. Ich werde der Serie aber dennoch eine weitere Chance geben – mittlerweile sind ja viele »Agent 327«-Alben in hervorragender Aufmachung erschienen ...

07 Oktober 2019

Die Zitronen im P 8

Ich bin mir nicht sicher, wie oft ich die Goldenen Zitronen wirklich gesehen habe. Im Spätsommer 1986 waren sie im Feuerwehrhaus in Stuttgart die Vorgruppe der Toten Hosen. Als ich sie zum zweiten Mal sah – in der »Röhre« in Stuttgart –, zwei Jahre später oder so, waren sie bereits die Hauptgruppe, und die Walter Elf durften als Vorgruppe auftreten.

Danach verlor ich die Band aus meiner Optik. Ich bekam mit, dass sie sehr politische Texte machte, dass ihre Musik aber weit weg vom Punk ging.

Entsprechend gespannt war ich also am Mittwoch, 2. Oktober 2019, als die Goldenen Zitronen im P 8 in Karlsruhe auftreten sollten. Das Konzert war proppevoll, gut 200 Leute standen in dem winzigen Clubraum herum und sahen sich zuvor zwei Gruppen an.

Ich verlaberte meine Zeit vor der Tür, wie so oft. Und so bekam ich nur One Mother mit: zwei junge Frauen, die HipHop mit deutschen Texten machten, musikalisch überhaupt nicht meine Tasse Bier, textlich zeitweise gut (»Drei Meter Spannweite«). Der Applaus war aber ganz gut, offensichtlich gefiel es anderen Leuten besser.

Die Goldenen Zitronen enterten danach ohne viel Trara und ohne jegliches Rockstar-Gehabe die Bühne, legten sofort mit »80 Millionen Hooligans« los und hatten dann das Publikum auf ihrer Seite. Das war natürlich nicht mehr der Funpunk der 80er-Jahre, musikalisch war es zumeist weit weg von Punk – trotzdem kam die Band sehr druckvoll und energisch rüber.

Auf der Bühne wechselten die alten Herren immer mal wieder ihre Positionen und ihre Instrumente. Es gab durchaus witzige Ansagen zu ernsthaften Themen, die Stimmung im Saal war sehr gut. Es wurde gejohlt und geklatscht, viele tanzten auch, und so richtig still stehen konnte niemand.

Mit allen Zugaben spielte die Band gut zwei Stunden lang. Das fand ich eindrucksvoll, ich war sehr begeistert von alledem und kaufte mir dann zum Abschluss noch drei aktuelle Platten der Band. (Ein bisschen Kommerz muss ja sein.) Ein tolles Konzert an einem sympathischen Konzertort!

02 Oktober 2019

Die Suche nach dem Terl

Ich war auf der Rückfahrt, wieder einmal. In Köln war ich gut weggekommen, ich hatte ausnahmsweise keinen Stau auf der Strecke nach Bonn gehabt und war im Prinzip »vor« meinem Zeitplan, was mich völlig verwirrte. In bester Laune und durchschnittlichem Reisetempo fuhr ich über die A 61 gen Süden, hörte laut Musik und genoss die Sonne, die auf die Autobahn und das umliegende Land erschien.

Dann sah ich das Schild für die Ausfahrt. Es wies auf »Mendig« hin. Nicht zum ersten Mal fuhr ich an diesem Schild vorbei und erinnerte mich an die 90er-Jahre. Damals kamen wir aber von Süden und verließen bei diesem Schild die Autobahn.

Ich erinnerte mich noch sehr gut an die weitere Fahrt: Man fuhr bis an den Ortsrand von Mendig, dann ging es rechts ab auf einen einfachen Weg, an dessen Ende ein Steinbruch kam. Man parkte sein Auto am Rand, irgendwo auf der Wiese, bezahlte den Eintritt, der nie hoch war, und erreichte das Gelände der Terl-Fete.

Und was haben wir da für geile Punk-Konzerte erlebt! Kein Weicheier-Punk, kein Emo-Geheule, keine verwöhnten Mittelstandskinder in teuren Jacken. In meiner Wahrnehmung war die Terl-Fete »echt Punk«, sowohl von den Leuten als auch von der Musik her. Die meisten Bands musste man nicht kennen, aber Anger Of Bacterias oder Circus Of Hate fand ich auf der Bühne großartig. Zu »Bullenterror« von Recharge ging dann auch prompt entsprechend heftiger Stiefel-Pogo ab.

Das war lange her, fast ein Vierteljahrhundert. Ich entschloss mich spontan, nachzuschauen, wie es denn heute auf dem Gelände aussah. Ich trug einen Anzug, was einen schönen Kontrast zur Vergangenheit bot, und fuhr mit einem BMW. In den 90er-Jahren hatte ich eine Lederjacke an und kam mit meinen Punkrockmobil an, das mich treu durch halb Europa transportierte.

Es sah alles anders aus als in meiner Erinnerung. Die Autobahnabfahrt war anders als in den 90er-Jahren, alle Straßen waren anders, ich sah nichts, was mir auch nur annäherungsweise bekannt vor. Ich fuhr nach Mendig hinein und wieder hinaus, ich eierte durch die Stadt und hielt gelegentlich an einem Ortsrand an, um vielleicht doch ein bekanntes Bild aus der Erinnerung mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Nach einer Viertelstunde verließ ich Mendig wieder und fuhr erneut auf die Autobahn. Ich entschloss mich, die 90er-Jahre in der Vergangenheit zu lassen. Das war vorüber, und ich sollte die Konzerte auf dem Terl-Gelände so lassen, wie ich sie in meiner Erinnerung hatte: sicher verfälscht und verklärt, aber wie ein Rausch aus vergangener Zeit.

01 Oktober 2019

Das Sherlock Holmes Magazin

Man muss nicht unbedingt ein beinharter Fan der Roman- und Film- und Hörspielfigur Sherlock Holmes sein, um das »Sherlock Holmes Magazin« irgendwie gut zu finden. Das Magazin erscheint seit zehn Jahren, feierte in diesem Sommer 2019 also ein kleines Jubiläum, und das ist Grund genug für mich, einmal kurz darauf hinzuweisen

Ob man das als Magazin oder als Fanzine bezeichnet, ist mir egal. Die aktukelle Ausgabe trägt die Ausgabe vierzig, hat – wie zahlreiche Ausgaben zuvor – im Prinzip das gleiche Motiv auf dem Titelbild und ist durchgehend farbig gedruckt.

Den Inhalt bestimmen ein großer Artikel übe »Sherlock Holmes«-Verfilmungen der späten 70er-Jahre, die ich ja leider nicht kenne, und eine amüsante Kurzgeschichte, die erstmals 1895 veröffentlicht worden ist. (Die Story hat Sherlock Holmes als Hauptperson, stammt aber nicht von Arthur Conan Doyle. Das nur, falls sich jetzt jemand wundern sollte.)

Dazu gibt es einen Artikel über Briefmarken, Rezensionen zu Büchern und Hörspielen sowie Interna. Das 32 Seiten starke Heft liest sich leicht und durchaus unterhaltsam. Am interessantesten fand ich die Beilage: ein A5-Heft, das auf zwölf A5-Seiten eine Übersicht zu den vergangenen zehn Jahren des Magazins liefert. Schön!

Wer sich dafür interessiert, findet auf der Website weitere Informationen. Nicht nur für »Holmes«-Fans lesens- und besuchenswert!

Aktion Lichtschwert

Wie sehr Science-Fiction-Kram und andere popkulturelle Dinge mittlerweile auch in »seriösen« Teilen der Gesellschaft ihren Platz gefunden haben, wird jeder aus eigenem Erleben wissen. Ich staunte trotzdem, als ich dieser Tage ein Infoblatt des »zdi-Zentrum Lippe.MINT« in den Händen hielt. Zu sehen ist darauf ein junger Mann mit einer 70er-Jahre-Jugendfrisur, einem »Star Wars«-T-Shirt und einem Lichtschwert in der Hand.

»Bau dein eigenes Lichtschwert!«, so heißt die Aufforderung. Mit »Möge die Macht mit dir sein!« wird darüber hinaus auf eine Aktion hingewiesen, deren Sinn sich mir noch nicht so richtig erschließt.

Offenbar bin ich zu alt dafür. Veranstaltet wird ein Lichtschwert-Camp, bei dem man unter anderem lernen wird, wie man sein eigenes Lichtschwert bastelt.

Schon klar: Es geht darum, Jugendliche an das Handwerk heranzuführen. Sie sollen lernen, mit Metall- und Elektromaschinen umzugehen sowie die richtigen Werkzeuge zu bedienen. Dass das Ganze auch noch kostenlos ist, finde ich tatsächlich cool.

Vielleicht hätte so eine Science-Fiction-Albernheit mir »damals« geholfen, eine Freude am Handwerk zu finden …

30 September 2019

Klassische Sherlock-Geschichten, neu übersetzt

Den Mythos des Reichenbachfalls kennt jeder, der den Namen »Sherlock Holmes« auch nur einmal gehört hat. In keiner der aktuellen Verfilmungen fehlt er, die Interpretationen sind zahlreich. Nur ich hatte die entsprechende Geschichte tatsächlich nie gelesen.

Also besorgte ich mir das Buch »Die Memoiren des Sherlock Holmes«, in dem die Geschichte als abschließende enthalten ist. Das Buch ist der vierte Teil einer neuen »Sherlock Holmes«-Reihe, die bei Fischer veröffentlicht wird. Das »Jetzt neu übersetzt« auf dem Cover, das gleich zweimal vermerkt wurde (einmal in Form eines extra angebrachten Aufklebers!), fand ich durchaus interessant – das schien dem Verlag sehr wichtig zu sein.

Ich gestehe, dass ich bei Büchern gern das Nachwort oder das Vorwort zuerst lese. In diesem Fall erzählte der Übersetzer – der preisgekrönte Autor Henning Ahrens – erst einmal, welche Veränderungen er im Originalwerk angebracht hatte, lobte sich also auf mehreren Seiten selbst. Das fand ich schon ein wenig heikel ...

Dann las ich die erste Geschichte und musste das Buch auf die Seite legen. Weder kann ich mir vorstellen, dass die Formulierung »ergriff Vorsichtsmaßnahmen« (Seite 10) im Original auch nur ansatzweise vorkommt, noch glaube ich, dass Arthur Conan Doyle ernsthaft von »Roma« sprach. (Wahrscheinlich war im Originaltext die Rede von »Gypsies« ... und soweit ich weiß, ist das in England etwas anderes als die Roma hierzulande.)

Ich gestehe, dass ich das Buch danach für gut zwei Jahre zur Seite legte, bevor ich es wieder anfing. Ich nahm mir vor, mich nicht über seltsame Modernismen aufzuregen, und dann klappte die Lektüre richtig gut. Die Geschichten sind gelungen, auch nach über einem Jahrhundert sind sie gut lesbar – und die klassische Rätselstruktur machte mir bei der Lektüre viel Spaß.

Nicht alle Geschichten finde ich brillant; Arthur Conan Doyle hatte 1892 und 1893 nicht nur geistige Höhenflüge erlebt. Manchmal nervt mich auch die Abfolge – wenn etwa Sherlock Holmes wieder einmal aus irgendwelchen Details erkennt, welchen Familienstand jemand hat –, und manchmal ist die verschachtelte Erzählstruktur, bei der jemand eine Geschichte erzählt und dabei jeglichen Dialog exakt wiedergibt, ein wenig arg umständlich.

Ich las die Geschichten mit entsprechenden Zwischenräumen, alle zwei, drei Tage nahm ich mir eine vor. Dann war die Distanz groß genug, und jede Geschichte konnte für sich wirken. Die Lektüre machte dadurch wirklich Spaß.

Ich denke, das war nicht mein letztes Buch mit Holmes-Original-Geschichten (zuletzt hatte ich als Jugendlicher Bücher wie »Studie in Scharlachrot« gelesen). Schauen wir mal, welchen Übersetzer ich beim nächsten Mal wähle ...

29 September 2019

Bei einer Party in Mannheim

Ich kann tatsächlich nicht sagen, wann ich zuletzt im »Blau« in Mannheim war: irgendwann in den Nuller-Jahren, sicher aber vor mehr als einem Dutzend Jahren. Damals konnte ich locker vor der Tür parken. Das war am Samstag, 28. September 2019, nicht möglich: Das gesamte Viertel schien grandios zugeparkt zu sein, und so parkte ich über einen Kilometer entfernt in einem Wohngebiet – ein Spaziergang schadet mir sicher nicht.

An diesem Abend feierten zwei Leute gemeinsam ihren 97. Geburtstag, mit denen ich schon seit langen Jahren freundschaftlich verbunden bin, die ich aber seit langem nicht mehr getroffen habe. (Was mir geschätzt jeder zweite an diesem Abend unter die Nase rieb: Man habe ich mich schon lange nicht mehr gesehen.) Das »Blau« war zu vorgerückter Stunde dann auch angenehm gefüllt, streckenweise überfüllt, es lief laute Musik, es wurde getanzt und fleißig getrunken.

Die meiste Zeit stand ich vor der Tür herum, ein Getränk in der Hand, und redete mit alten Freunden und Bekannten. Es war warm genug, und vor der Tür war ständig etwas los. Menschen standen in Trauben vor den Kneipen und Bars herum, Heerscharen von feierlustigen Passanten waren unterwegs. Der Jungbusch hatte sich in den vergangenen zwölf bis fünfzehn Jahren ganz schön »modernisiert«.

Was mir sehr gut gefiel: Zwar hatten sich viele der Leute, auf die ich traf, stark verändert, und niemand sah mehr so aus wie in den 90er-Jahren. Die einen hatten mehr Falten im Gesicht, die anderen mehr Bauch; manche Männer trugen Bart oder hatten keine Haare. Aber den Draht fand ich trotzdem zu den meisten gleich wieder.

Und so redeten wir über Krachmusik und verflossene Beziehungen, über den legendären »Raketensamstag« und sportliche Auseinandersetzungen mit irgendwelchen Hooligans, über die Arbeit und die Gesundheit, über alte Bands und neue Platten – was man halt so macht, wenn sich Leute treffen, die sich aus subkulturellen Szenen kennen und mit diesen noch verwurzelt sind.

Ein wunderbarer Abend! (Als ich kurz vor zwei Uhr aufbrach, um nach Hause zu fahren, tobte die Party immer noch.)

27 September 2019

Überyou aus der Schweiz

Ich habe die Band Überyou zweimal gesehen, wenn ich mich nicht irre, beides Mal in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe, und beides Mal hat sie mich überzeugt. Es gab eine tüchtige Dosis Punkrock, abgemischt mit viel Melodie und einer Reihe von lockeren Sprüchen, rauhem Gesang und ordentlich Druck dahinter. Das war nicht unbedingt der Sound, der mich zum Hüpfen brachte, aber es machte ordentlich Laune.

Entsprechend positiv ging ich auf die Platte »Night Shifts« zu, die bereits im Januar diesen Jahres erschienen ist. Ich kannte von der Band bisher nur eine Platte, obwohl es schon mehrere Tonträger von Überyou gibt, und empfinde diese Platte – sie liegt mir als CD vor – als eine gute Ergänzung: Es ist melodischer Punkrock, nicht gerade superschnell, sondern eher in einer Geschwindigkeit, die auch für ältere Herren geeignet ist.

Wer unbedingt mag, darf wegen der Stimme und der Geschwindigkeit einen Vergleich zu der englischen Band Leatherface ziehen. Auch ist die Emopunk-Schublade sicher nicht völlig falsch. Aber eigentlich ist das sowieso alles egal: Die Musik finde ich gut, die englischsprachigen Texte wirken glaubhaft, die Attitüde ist punkig, aber in einer gelassenen Weise – man will nicht unbedingt mehr alles zerstören, macht sich aber schon Gedanken über die Welt und ihren Zustand.

Eine gelungene Platte, die man sich mehrfach hintereinander anhören kann: Wer mag, kann sich die Vinylscheibe gönnen, darf aber auch via Bandcamp hineinhören. Und dann möge man die Augen schließen und versuchen, aufgrund der Stimme die Herkunft herauszuhören. Überyou klingen nämlich sehr international, und das ist hier positiv gemeint!

26 September 2019

Der erste »Fandom Observer«

Es war eine ziemlich freche Aktion: Auf dem FreuCon IX, der im März 1989 in Freudenstadt veranstaltet wurde, trumpften zwei Science-Fiction-Fans damit auf, dass sie das halbe Jugendzentrum – gefühlt – mit Werbeplakaten beklebten. Darin wiesen sie auf ihr neues Fanzine hin. Die beiden Fans hießen Markus Sämisch und Martin Kempf, und ihr Fanzine sollte den Namen »Fandom Observer« tragen.

Wenige Wochen lag dann auch schon die erste Ausgabe vor. Sie war dünn, bestand aus gerade einmal acht A4-Seiten und war eher lausig kopiert. Offensichtlich hatte man einen Nadeldrucker benutzt, um das Layout zu erstellen – alles wirkte ein wenig hektisch und oberflächlich.

Auf der zweiten Seite gab's eine Anzeige des New-Era-Verlages, der damals versuchte, L. Ron Hubbard als Science-Fiction-Autor durchzusetzen. Nach einem Vorwort kam ein Con-Bericht eines der zwei Herausgeber, der sich wie eine Satire auf andere Berichte dieser Art las: Beschreibungen von Saufgelagen und egozentrische Weltbeobachtungen. Darüber hinaus enthielt der erste »Fandom Observer« einige Fanzine-Rezensionen sowie Informationen zur Fan-Szene – das war's.

Blättert man das dünne Heft heute durch, wundert man sich über die Aufregung, die es auflöste. Und man wundert sich noch viel mehr, dass aus diesen bescheidenen Anfängen ein sehr ordentliches Heft wurde, das viele Jahre lang mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks erschien und in seinen späten Tagen recht journalistisch war.

(Nachtrag vom 1. Oktober 2019: Ich habe in meinem Fanzine-Archiv gestöbert. Die hier vorgestellte Ausgabe des »Fandom Observer« ist tatsächlich ein sogenanntes Hoax-Fanzine; in meinem Archiv ist schließlich auch das »echte« Heft. Das finde ich dann schon wieder skurril: Dreißig Jahre danach falle ich auf den Hoax herein – so schlecht ist mein Gedächtnis offenbar.)

25 September 2019

Dann enteignet halt!

Zu den Dingen, die ich in der aktuellen Diskussion um das sogenannte Klimapaket nicht verstehe – und das ist eine ganze Menge! –, gehört unter anderem der Mangel an Visionen. Diejenigen, die sich auskennen, sind sich einig: Man muss rasch handeln, wir haben nicht mehr so viel Zeit. Aber warum wird nicht gehandelt? Warum machen unsere Regierenden an den Stellen nicht schneller voran, wo sie vergleichsweise einfach etwas verändern können?

Mein Lieblingsthema: Mit einem vernünftigen und vor allem schnellen Ausbau der Wind- und Sonnenenergie wäre es rasch möglich, das Land aus der Kohleverbrennung und der Kernspaltung zu führen. Man müsste es nur wollen. Anscheinend fehlt es aber bei solchen Themen am politischen Willen.

Und es hapert ausgerechnet bei so einem Thema an der Durchsetzungskraft. Windkraftanlagen werden verhindert, weil sich Menschen um tote Tiere und abgeholzte Bäume sorgen. Stromtrassen werden bekämpft, weil diese den legendären Elektrosmog mit sich bringen könnten. Es formieren sich seltsame Allianzen aus Bürgerinitiativen, besorgten Bürgern und strammen Rechtsradikalen.

Das verstehe ich nicht. Wenn der Staat will – und die Gerichte geben da ja meist recht –, kann er Menschen auch enteignen. Wenn beispielsweise eine Autobahn gebaut werden soll, ist der Staat in der Lage, Bauern ihr Land wegzunehmen und eine Autobahn quer durchs Land zu schlagen. Wenn die Regierenden wollen, können sie einen unsinnigen Bahnhof gegen den Willen der Bevölkerung in eine Landeshauptstadt setzen. An Beispielen herrscht kein Mangel.

Ausgerechnet bei der Wind- und Sonnenergie wird aber eingeknickt. »Dann enteignet halt!«, möchte ich da den Regierenden entgegenrufen. (Ich glaube übrigens nicht, dass sich an dieser Feigheit etwas ändern wird, wenn die Grünen in eine wie auch immer geartete Bundesregierung eintreten sollten.) Wenn sie wollten, könnten die Regierenden die Energiewende entschieden vorantreiben.

Meine Meinung: Sie wollen es nicht. Die Gründe kann sich jeder selbst zusammenreimen; ich weiß es nicht genau und kann auch nur spekulieren. Aber wer wollte, könnte in diesem Land sehr schnell etwas zum Positiven ändern.

(Und jetzt fange bitte niemand an, lauthals und öffentlich um die Tiere zu trauern, die einem Windrad zum Opfer fallen. Wenn jede Nacht in ganz Deutschland einige tausend Igel, Kaninchen oder Mäuse überfahren werden, interessiert das doch auch niemanden. Wenn wir unseren Lebensstandard weiterhin so haben wollen, wie er ist, muss man tote Tiere offenbar in Kauf nehmen. Aber sie jetzt als Widerspruchsgegenstand zu benutzen, um Windkraft zu verhindern, ist echt absurd!)

24 September 2019

Auftakt einer starken Krimi-Serie

Ich las bereits einige seiner Krimis um den schottischen Ermittler Logan McRae, die mich mit ihrer knallharten Milieuschilderung packten – nun wollte ich endlich wissen, wie der Autor seine Serie eigentlich gestartet hatte. Also besorgte ich mir den ersten Band der Serie, mit der Stuart Mac Bride erfolgreich von der Science Fiction zum Krimi gewechselt war.

Das Buch erschien 2005 unter dem Titel »Cold Granite«, den ich stark finde. Der deutsche Verlag veröffentlichte das Werk unter dem Titel »Die dunklen Wasser von Aberdeen« und einem Titelbild, das auch zu einem Liebes- oder Horror-Roman passen würde. Mit dieser Optik und diesemTitel hätte ich es mir nicht gekauft, wäre ich in der Buchhandlung daran vorbeigekommen. Dabei ist der Roman richtig gut!

Schauplatz der Geschichte ist die schottische Stadt Aberdeen, in der es offenbar ununterbrochen regnet, in der die Menschen ständig schlechte Laune haben und die Polizei einen zähen Kampf gegen das Verbrechen und gegen den eigenen Schlendrian führt. Als man einen toten Jungen in einem Straßengraben findet, dessen Leichnam auch noch verstümmelt worden ist, muss sich der Detektiv Logan McRae um diesen Mordfall kümmern.

McRae schnüffelt und stöbert, er führt zahlreiche Gespräche – und man findet weitere Kinder, die schon seit langem tot sind, als man sie findet. Bald gibt es einen seltsamen Mann, der als Täter in Frage kommt; dann beginnt die Presse damit, sich auf den Fall zu stürzen. Und in all diesem Durcheinander versucht McRae, ein halbwegs vernünftiges Leben zu führen, zu dem regelmäßige Mahlzeiten und eine Liebesbeziehung gehört.

Stuart Mac Bride ist ein Autor, der stark in die Beziehungen seiner Figuren eintaucht. Man erfährt von ihm in zahlreichen Details, wie seine Hauptfigur tickt, welche Probleme sie hat und welches Ziel sie verfolgt. Das macht der Autor vor allem mithilfe klarer und dynamischer Dialoge klar. Es wird geflucht und geschimpft, die Ermittler sind sich ständig uneins und streiten miteinander. Dazu kommt der dauernde Regen, verbunden mit niedrigen Temperaturen– eine miesepetrige Stimmung ersten Ranges entsteht und wird glaubhaft geschildert.

Mich hat der Roman gepackt. Auch wenn er ganz schön umfangreich ist, fand ich die Figuren glaubhaft, die Fälle realistisch und die Sprache angebracht. Ich werde sicher weitere Romane lesen, in denen McRae die Hauptrolle spielt …

23 September 2019

Der Totengräber und der Kurier

Eine schöne Resonanz auf das Buch »Totengräbers Tagebuch« von Volker Langenbein, an dem ich ja nicht ganz unbeteiligt war, ist im »Kurier« erschienen. Dabei handelt es sich um eine Zeitung, die kostenlos in alle Haushaltungen im Großraum Karlsruhe verteilt wird – ein sogenanntes Anzeigenblatt.

Laut Verlag erreicht der »Kurier« eine Auflage von 390.000 Exemplaren, was ich sehr respektabel finde. Ich habe in den späten 80er-Jahren ebenfalls für ein sogenanntes Anzeigenblatt gearbeitet; diese Zeitungen werden sehr wohl gelesen (unter anderem von Leuten wie mir, die keine Lust auf die örtliche Monopolzeitung haben).

Harald Schwiers hat in diesem Blatt seit langem eine Kolumne, die den schönen Titel »Schmökern mit Schwiers« trägt. Seine Texte veröffentlicht er dann auch auf der eigenen Website. Am 20. September schrieb er über das Buchprojekt, an dem Volker und ich einige Jahre gebastelt haben, unter anderem, das Buch lese »sich, wie am Tresen bei drei bis fünf Bieren erzählt und genau das soll auch so sein«. Sehr schön!

22 September 2019

Ein neues Café für mich

Es gibt immer wieder Örtlichkeiten, die mich überraschen. So habe ich es offenbar über Wochen oder gar Monate hinweg übersehen, dass es in der Waldstraße von Karlsruhe ein neues Café gibt, das sich vor allem auf Crêpes und Pfannkuchen aller Art spezialisiert hat. Es heißt »Saffrons«, und ich werde dort wohl Stammgast werden.

Nicht nur, weil die Leute, die dort arbeiten, so unfassbar freundlich sind; das Essen ist zudem hervorragend. Man bekommt Pfannkuchen und Crêpes in Vollendung, mal würzig, mal süß. Ich hatte ein Crêpe mit Ei und Datteln, nach persischer Art, wie es auf der Karte stand, und war sehr davon angetan. 

Was auch schön ist: Die Crêpes werden auf unterschiedliche Art »gefaltet«; bei meinem waren die Ecken abgeknickt, das Ei bildete die Mitte, und die Datteln waren wie im Kreis darum angeordnet.

Dazu gibt es gut schmeckenden Kaffee vom Ettli – was nicht so ungewöhnlich ist, aber stets lecker – und allerlei andere Getränke. Die Pfannkuchen und anderen Gerichte an den Nachbartischen sahen ebenfalls so aus, als sollte ich sie nacheinander ausprobieren. Eine echte Empfehlung für mich, dieses »Saffrons« – toll!

21 September 2019

Meine Tage in Bintan

Wichtige Szenen meines groß angelegten Romanprojektes sollten auf der Insel Bintan spielen, die im Norden von Indonesien liegt. Also setzte ich mit der Fähre von Singapur nach Bintan über, wo ich mich in einem kleinen Haus am Strand einquartierte. Ich führte nur sehr wenig Gepäck mit mir: ein wenig Wechselwäsche, Waschzeugs, mein Laptop und ein dickes Sachbuch.

Von meinem kleinen Haus, das ich bewohnte, hatte ich nicht weit bis zum Strand: keine zwanzig Meter. Ich saß oft auf dem Balkon und schrieb.

Die Szenen, die auf Bintan spielten, entstanden also quasi »live«; die Verfolgungsjagd durch den Wald musste ich dazu erfinden. Aber damit ich wusste, wovon ich schrieb, spazierte ich mehrfach durch den Dschungel.

Oft saß ich am Strand. Ich hatte einen Stuhl, den ich unter einer Palme platzierte. Mit mir schleppte ich ein Buch von Lisa Randall, in dem ich mir von der Physikerin erklären ließ, wie sie Branen-Theorie entwickelte und wie man die vielleicht auch verstehen könnte. Ich las ein Kapitel, dann ließ ich es auf mich wirken, trank etwas und ging schwimmen – und dann las ich das Kapitel noch einmal. Anders verstand ich die vielen Abhandlungen nicht.

So verstrichen die Tage. Ich bekam das Buch nicht durch, aber ich trank viel, planschte im Ozean und aß lecker am Strand. Ich schaffte mehrere Kapitel an meinem Roman, und ich kehrte nach einigen Tagen nach Singapur zurück. Doch – es war eine tolle Zeit in jenem Januar 2007, an die ich unterm Strich sehr gern zurückdenke.

20 September 2019

Geheime Aussprache danach

Wir waren mit der eigentlichen Veranstaltung in Karlsruhe fertig, Volker signierte eifrig Bücher, und ich packte meinen Kram zusammen. Eine Frau um die sechzig näherte sich mir, sehr höflich, sehr zurückhaltend. Ob sie mich etwas fragen könne? Ihre Stimme war leise; sie wollte offensichtlich nicht, dass Umstehende mitbekamen, was sie mit mir zu bereden hatte.

»Um was geht's denn?«, fragte ich höflich zurück. Die Veranstaltung war super verlaufen, meine Stimmung war gut.

»Mein Mann will auch ein Buch schreiben, aber er weiß nicht so richtig, wie man das machen muss. Hätten Sie Lust und Zeit, ihm zu helfen, nachdem Sie dem Herrn Langenbein so schön geholfen haben?«

Ich holte Luft. Mir war klar, dass die Dame ein positives Anliegen hatte und es ihr nicht darum ging, mich irgendwie zu ärgern. Vor allem wollte ich ihr keine verstörende und negative Antwort geben.

»Das schaffe ich nicht«, sagte ich ehrlich. »Mein Beruf fordert mich, und ich möchte auch wieder eigene Geschichten schreiben. Das mit dem Herrn Langenbein war eine Ausnahme; das mache ich so schnell nicht noch einmal.«

Sie wiegte den Kopf. »Schade«, meinte sie, dann sah sie mich an und lächelte. »Sie machen auch keine Ausnahme?«

Ich redete es ihr höflich aus. Wo man denn sonst jemanden wie mich finden würde, der einem helfe, ein Buch zu schreiben? Ich verwies auf das Internet, in dem man ja schließlich alles finde. »Suchen Sie nach ›freien Lektoren‹, davon gibt es einige, und die findet man mithilfe von Google schnell heraus«, schlug ich vor.

Wir redeten noch eine Weile, sie bedankte sich mehrmals und ging. Seither hoffe ich, dass der Ehegatte dieser Dame bei einem freien Lektor oder einer freien Lektorin sein Glück findet und diese Person dann auch anständig bezahlt wird …

19 September 2019

Spannende Welt-Traum-Abenteuer

Der vorher völlig unbekannte Merkur-Verlag wagte 1986 ein Experiment: Er war mutig genug, mit einer neuen Science-Fiction-Serie im Format eines Heftromans in den Zeitschriftenhandel zu starten. Der Name der Serie: »Star Gate«. Der Untertitel »Tor zu den Sternen« sowie die Titelgestaltung wiesen darauf hin, dass es im weitesten Sinne um Transmitter gehen sollte; die Serie sollte wöchentlich erscheinen.

Um das neue Produkt zu bewerben, schaltete der Verlag fleißig Anzeigen. Eine davon wurde auch in der Zeitschrift SAGITTARIUS veröffentlicht, die zu dieser Zeit nicht mehr mein eigenes Science-Fiction-Fanzine war, sondern längst eine größere Publikation, für die eine »edition bogenschütze« verantwortlich zeichnete. (Nur echt mit der Kleinschreibung! Das fand ich damals toll.)

Unter anderem versprach der Verlag in seiner Anzeige »Spannende Welttraumabenteuer«. Als ich die Anzeige sah, war es zu spät, sie noch zu stoppen. Aber ich fragte mich noch Jahre danach, welchen »Welt-Traum« die Autoren bei »Star Gate« eigentlich verfolgten. (Bis zum Kinofilm sollte es einige Jahre dauern. Der hatte aber mit der Heftromanserie nichts zu tun.)

18 September 2019

Dime Runner aus dem Orange County

Es gibt sie noch: die knackigen Punk-Singles, auf jeder Seite der kleinen Vinylscheibe genau ein Stück. In diesem Fall kommt »Recharged Rejects« von Dime Runner. Dabei handelt es sich um vier junge Männer mit so punktypischen Namen wie Danny Drumkiller oder Rocky Pigs; die kommen aus Fullerton im Orange County, wo ja schon so viele tolle Bands herkamen.

Was sie machen? Sie spielen halt rotzigen Kalifornien-Punk der frühen Stunde, mit einer »snotty« Stimme des Sängers und einer angenehm fräsenden Band. Das Titelstück der Single, die 2012 veröffentlicht wurde, ist ein echter Punkrock-Hit; die B-Seite enthält die Coverversion eines Stückes von Joy Division.

Lohnt sich echt! Und wer Vinyl nicht mag, checke die Bandcamp-Seite. Da gibt's eh noch mehr zu entdecken ...

Detektive, Cowboys und Sternenkrieger

Ein ungewöhnliches Thema präsentiert die Ausgabe 77 der Literaturzeitschrift »Am Erker«. Nein, es ist nicht Punkrock, wie man vielleicht angesichts der Bandnummer denken könnte, sondern stattdessen geht's um unterhaltende Literatur. Dafür spricht auch der Untertitel der Ausgabe, der »Detektive, Cowboys, Sternenkrieger« lautet.

Auf den 144 Seiten der Zeitschrift finden sich haufenweise Geschichten, die erstaunlich unterhaltsam sind. Die manchmal dröge-literarischen Texte von hochstudierten Menschen, die man sonst in Literaturzeitschriften findet, werden eher an den Rand gedrängt; diesmal konnte ich mit den meisten Texten etwas anfangen.

Wesentlich näher an meinem profanen Geschmack sind auch die anderen Beiträge. Unter dem großartigen Titel »Glutamin im Hirn, Dynamit im Blut« schreibt Alf Mayer über die Krimi-Serie »Mister Dynamit«, die ich als Jugendlicher zeitweise sehr gern gelesen habe. Für Science-Fiction-Fans gibt es unter dem Titel »Aliens welcome!« eine schöne Übersicht zu dieser Literaturgattung – mit Autoren aus Westfalen, darunter Hartmut Kasper alias Wim Vandemaan.

Richtig interessant war allerdings der Text der Autorin Sophie Andresky, die ihr Geld unter anderem damit verdient, dass sie Pornos schreibt. Oder Erotik-Romane? Keine Ahnung – ich habe noch nichts von ihr gelesen. Sollte ich vielleicht. Wer sich Titel ausdenkt wie »Gesellschaftsgenderpolitische Metapher. Und Schleim.«, kann sicher auch sonst gute Texte verfassen.

Eine echt gelungene Ausgabe ist dieser »Am Erker«. Die Quote an Texten, die mir gefallen hat, ist diesmal sehr hoch. Und der Preis von neun Euro, den ich sowieso immer für angemessen halte, passt hier hundertprozentig.

17 September 2019

Andrang beim Totengräber

Als wir mit der Planung für unsere Buchvorstellung anfingen, sagte ich: »Na ja, da werden vielleicht zwanzig, dreißig Leute kommen. Es ist ja ein Sonntagnachmittag, und wenn die Sonne scheint, bleiben die doch eher daheim oder gehen an die frische Luft; die setzen sich doch nicht in eine Kneipe.« So kann man sich täuschen …

Ich kam mit dem Auto zeitig an, gut eine Viertelstunde vor Beginn der Veranstaltung. Meine Kiste mit den Büchern schleppte ich mit mir, ich ging auf den Eingang des »fünf« zu. Und ich stellte fest, dass es eine Schlange gab. Wartende Menschen standen vor dem Eingang, es war offenbar schon recht voll.

Immerhin mussten wir nicht wegen Überfüllung schließen, aber es waren um die 60 oder 70 Leute da; zählen konnte ich sie nicht. Und noch während ich meine Bücherkiste auspackte, konnte ich bereits erste Exemplare von »Totengräbers Tagebuch« verkaufen. »Ich muss unbedingt ein Buch haben, und ich will es signiert haben«, hörte ich nicht nur einmal.

Weil jeder Gast etwas zu trinken haben sollte, fingen wir mit leichter Verspätung an. Ursel Hay, die Geschäftsführerin des »fünf«, begrüßte die Gäste, erklärte einige organisatorische Dinge und machte klar, warum die Veranstaltung an der Theke stattfinden solle: Hier sei das Buch schließlich entstanden, hier habe Volker uns seine Geschichten erzählt.

Danach übernahm Wilfried Haak als Moderator; er stellte Volker Langenbein und sein »Totengräbers Tagebuch« vor, erzählte von der Arbeit an der Theke – er steht normalerweise hinter dem Tresen – und wie Volker dort oft vom Friedhof berichtete. Zwischendurch nahm er mich nach vorne, ich informierte darüber, wie Volker und ich mit den Texten gearbeitet hatten und wie zeitraubend es letztlich war, ein Buch zu veröffentlichten. Das Publikum folgte aufmerksam den Aussagen an der Theke, immer wieder gab's Beifall.

Nachdem Fragen aus dem Publikum beantwortet worden waren, ging die Veranstaltung in einer positiven Stimmung zu Ende. Ich verkaufte im Hauruck-Tempo die letzten Bücher, dann musste Volker ganz viel signieren. Am Ende stellten sich Volker (in der Mitte des Bildes), Willi (rechts im Bild) und ich noch zu einem Abschiedsfoto auf die Treppe des »fünf«. (Fotografiert hat Wolfgang Weber.)

15 September 2019

Das Sommerfest im P 8

Das diesjährige Sommerfest im P 8, dem subkulturellen Zentrum in der Nordstadt von Karlsruhe, begann am Samstag, 14. September 2019, schon am Nachmittag. Ich verpasste aber die ersten Bands, weil ich erst gegen 21 Uhr auf dem Gelände eintraf. Die Veranstalter hatten einen schmucklosen und langweilig wirkenden Parkplatz in ein Open-Air-Gelände verwandelt, auf dem sich rund 500 Leute versammelt hatten.

Als ankam, standen Mal Élevé auf der Bühne: ein HipHopper, dessen Musik auch Einflüsse von Reggae und Ska hat, der bei manchen Stücken von einer Sängerin unterstützt wurde und der in drei Sprachen sang, nicht nur in deutsch, sondern auch in französisch und einer Sprache, die ich nicht zuordnen konnte. (Bekannt war er durch Irie Revoltés geworden, bei denen er früher gesungen hatte.)

Musikalisch ist das nicht unbedingt mein Ding, die Stimmung war aber klasse. Die Leute tanzten begeistert, das Publikum skandierte die politischen Aussagen mit, in denen es gegen Nazis, für Seenotrettung und generell um mehr Menschlichkeit ging. Politische Musik also, die aber vor allem zum Tanzen anregte – auch gut.

Später ging es im Inneren des Gebäues weiter. (Kurz nach 22 Uhr war eh schon die Polizei vor dem Gelände gestanden.) Es standen die drei Männer von The Incredible Herrengedeck aus Berlin auf der Bühne – siehe auch das Foto –, die eine spaßige Musik mit Wandergitarren und Bass machten, die sie selbst als Chansonpunk bezeichneten. Textlich mit viel Ironie, aber durchaus auch mit ernsthaften Themen: zum Weltuntergang oder zu Konflikten mit der Staatsgewalt.

Den bollernden Abschluss bildete War With The Newts aus Berlin: drei langhaarige Männer, die eine räudig-derbe Hardcore-Mischung spielten, die schwer nach den späten 80er-Jahren klang, die mit viel Energie auf der Bühne präsentiert wurde und deren Texte nicht hundertprozentig ernstzunehmen waren. (Nannte man so etwas früher FunCore? Ich hab's vergessen.)

Als der Disco-Betrieb einsetzte, verpasste ich den Absprung. So stand ich noch stundenlang an der Theke oder saß im Außenbereich herum, trank Bier und redete mit Leuten. Entsprechend spät wurde es – nach einem gelungenen Sommerfest!

14 September 2019

»Der Sonntag« und der Totengräber

Die »Badischen Neuesten Nachrichten« sind eine Tageszeitung, die in Karlsruhe erscheint und überregionale Bedeutung hat. Ich lese das Blatt nur sehr unregelmäßig, weil ich eine überregionale Tageszeitung abonniert habe, die mir mehr »Input« gibt.

Mit »Der Sonntag« veröffentlichen die »BNN«, so die Kurzform dieser Tageszeitung, eine wöchentliche Gratiszeitung, die journalistisch sehr gut gemacht ist und die ich als Informationsquelle zu meinem Wohnort sehr schätze. Und vergangenen Sonntag stand »Totengräbers Tagebuch« im Zentrum der Seite drei – an diesem Buch habe ich ja tatkräftig mitgewirkt, weshalb ich ganz besonders stolz auf diese Veröffentlichung war.

Mittlerweile kann man die betreffende Seite auch kostenfrei und online nachlesen, was ich gut finde. Wolfgang Weber, der Autor des Artikels, dem ich dafür sicher noch einen Wein ausgeben muss, hat mir aber zudem erlaubt, den betreffenden Beitrag in meinem Blog zu veröffentlichen (und darüber hinaus). Hier ist er nun zu finden.

Der Artikel ist meiner Ansicht nach sehr gut geschrieben, gibt in ausgesprochen gelungener Weise wieder, um was es in dem Buch gibt, und lässt sowohl Volker als auch mich schön zu Wort kommen. Hoffen wir, dass es dem Verkauf des Werkes nicht schadet, sondern nutzt ...

13 September 2019

Mal wieder Triberg

Es gibt ein Bild von meiner Schwester und mir, das ich sehr gut im Gedächtnis habe: Wir stehen nebeneinander, ich vielleicht sechs, sie vielleicht vier Jahre alt, kleine Schwarzwaldkinder halt. Hinter uns sieht man einen Wasserfall, wir stehen auf Steinen und sehen uns an. Das Bild ist zugleich meine älteste Erinnerung an die Triberger Wasserfälle. Ob wir als Kinder oft dort waren, weiß ich nicht mehr; sie zählen aber zu meinen Kindheitserinnerungen.

Dieser Tage war ich wieder einmal in Triberg, mehr als vierzig Jahre danach. Und ich muss gestehen: Die Wasserfälle sind immer noch eindrucksvoll, und ich stand immer wieder da, ließ das Bild auf mich wirken, das brausende Wasser, die steilen Felsen, die Bäume und das Moos, die Eichhörnchen und Eichelhäher. Die Verantwortlichen vor Ort hatten viele Wege modernisiert, die Treppengeländer wirkten stabil, und man hatte für schöne Möglichkeiten gesorgt, sich hinzusetzen und das Naturschauspiel zu bewundern.

Wir waren immerhin unter der Woche vor Ort, das war gut so. Der Ansturm der Besucher hielt sich in Grenzen. Offenbar war ein Bus mit italienischen Touristen vor Ort, dazu kamen Inder, Amerikaner und Franzosen – natürlich ebenso viele Menschen aus Deutschland. Handys klickten, Kameras waren überall im Einsatz – bei manchen Leuten hatte ich das Gefühl, dass sie das Naturschauspiel nur durch die Kamera betrachteten. Das fand ich ein wenig traurig.

Ich genoss den Aufenthalt an den Wasserfällen sehr. Die Luft war gut, die Bewegung machte Spaß, und die Schwarzwald-Atmosphäre holte mich gewissermaßen in meine Kindheit zurück. Das war dann doch ein richtig schöner Ausflug!

12 September 2019

Erinnerungen an Walter A.

Ich hatte lange nicht mehr an Hans-Walter Arweiler gedacht. Erst auf einen Facebook-Hinweis hin, den Frank G. Gerigk gegeben hatte, wurde ich wieder auf ihn aufmerksam und bekam so mit, dass er bereits 2009 gestorben war. Das schockierte mich dann doch: In den 80er-Jahren hatten wir vergleichsweise intensive Briefkontakte unterhalten – und dann bekam ich seinen Tod einfach nicht mit.

Seit ich die Todesanzeige in der Saarbrücker Zeitung gelesen hatte, kamen mir zahlreiche Begegnungen in Erinnerung; seither ringe ich mit mir, ob ich einen nachträglichen Nachruf schreiben soll. Das erscheint mir dann auch nicht angemessen. Dinge ändern sich, Menschen ändern sich, die Beziehungen zwischen ihnen sowieso.

Ich lernte Walter – das »Hans« hatte ich nie auf dem Schirm – in den frühen 80er-Jahren kenne. Er war Science-Fiction-Fan und saß im Gefängnis. Wir schrieben uns seitenlange Briefe, in denen er auch über seine Erfahrungen im Gefängnis und davor als Verbrecher – daraus machte er keinen Hehl – erzählte. Er wollte sich aus dem Gefängnis heraus eine neue bürgerliche Existenz aufbauen und setzte viel Energie in ein geplantes Science-Fiction-Magazin.

Das Magazin sollte »Space Travel« heißen. Walter schrieb Briefe, er sammelte Kontakte, er baute eine Redaktion auf. Als ich im Saarland war, besuchte ich ihn einmal im Gefängnis, was ich damals sehr einschüchternd fand. Aus seinem eigenen Magazin wurde leider nie das, was er sich erhoffte.

Dafür stieg er bei »meinem« SAGITTARIUS ein, als das Fanzine immer größer und »magaziniger« wurde. Nachdem er aus dem Gefängnis gekommen war, stürzte er sich mit großer Energie auf SAGITTARIUS, er nahm an Redaktionsbesprechungen teil und besuchte mich in Dietersweiler. Zeitweise verstanden wir uns sehr gut – aber dann traten unsere unterschiedlichen Ansichten deutlicher zum Vorschein. Als ich 1988 beschloss, das Heft einzustellen, empfand er das offenbar als persönliche Kränkung.

In der Ferne ging es mit uns stark auseinander. Wir waren vorher keine Freunde gewesen, wir wurden aber auch keine Feinde. Wir verhielten uns, wenn wir uns trafen, eher distanziert. Nach 1990 verlor ich ihn komplett aus den Augen. Offenbar gründete er eine Familie; ich hoffe, dass er ein glückliches und schönes Leben führte.

Für mich ist tatsächlich unbegreiflich, wie sehr ich einen Kontakt, den ich jahrelang als positiv und bereichernd empfunden hatte, auf einmal hatte verschwinden lassen können. Ich hatte Walter buchstäblich vergessen; das finde ich noch heute hart.