25 Februar 2024

Israelisch in Frankfurt

Das Restaurant ist klein, und es liegt in einem Gebiet von Frankfurt, in dem Wohnhäuser das Bild bestimmen: Dieser Tage war ich zum ersten Mal im »Jaffa Market«, einem israelischen Restaurant im Westend der Main-Metropole. Ich fand das Essen lecker, und ich kann das Lokal empfehlen.

Wobei ich nichts zur Weinkarte und dergleichen sagen kann: Es war am Mittag, und da verzichte ich meist auf Alkohol. Aber das Essen schmeckte: Wir gönnten uns je eine Suppe und je ein Hauptgericht; dazu gab's Wasser, Saft oder alkoholfreies Bier. Und einen Nachtisch gab's ebenfalls. 

Wie die Gerichte hießen, merkte ich mir nicht unbedingt; wer mag, kann sich ja die Speisekarte anschauen. Wir probierten gegenseitig, und ich fand alles lecker. (Wie Fleischgerichte sind, weiß ich logischerweise nicht.)

Die Räumlichkeiten sind schlicht, hier wird nicht geprotzt. Das kann man in Frankfurt ja auch anders haben; in der Stadt trumpfen manche Lokale rein optisch unglaublich auf. Das »Jaffa Market« bietet halt Tische und Stühle, im Sommer kann man draußen sitzen, und durch die große Scheibe kann man das überschaubare Treiben einer Wohnstraße betrachten.

Eine Unisex-Toilette entspricht sicher nicht dem Geschmack aller Leute, als Musik lief irgendwas aus dem Radio. Die Preise selbst sind – für Frankfurt sicher normal – nicht im Niedrigpreis-Sektor.

Ich würde einen Besuch im sympathischen »Jaffa Market« jederzeit wiederholen. Vielleicht steuere ich das Lokal im Rahmen der nächsten Buchmesse an; es ist eine echte Alternative. (Eine Viertelstunde zu Fuß ...)

22 Februar 2024

Chefredakteure und andere Chefs

»Als ich im Verlagswesen anfing«, erzählte ich in lockerer Runde im kleinen Kollegenkreis, »hatte ich eine klare Vorstellung davon, wie ein Chefredakteur auszusehen hatte. Wer Chefredakteur war, trug immer Krawatte, idealerweise hatte er zudem immer einen Anzug an und lief nur selten locker durch den Flur. Und er hatte eine Assistentin, die ihm den Kaffee brachte.«

»Davon träumst du doch noch heute.« Die Kollegin lachte.

»Ich bewunderte wirklich einen der Chefredakteure«, behauptete ich. »Der hat sich nicht seinen Kaffee selbst geholt, der hatte alles klar geregelt: Punkt zehn Uhr stand auf seinem Schreibtisch eine Tasse Kaffee – natürlich an einer exakt definierten Stelle rechts von seinem Ellbogen –, die auch das für ihn ideale Maß an Zucker und Milch enthielt. Daran wurde nicht gezweifelt, und das behielt er bis zur Rente bei.«

Als mich alle ansahen, als erzählte ich eine Schauergeschichte, grinste ich. »Echt jetzt!«, fügte ich hinzu. »So war das früher, und zwar in unterschiedlichen Abstufungen.«

»Ich hab auch eine Geschichte, die sich genau so ereignet hat«, sagte auf einmal eine Kollegin, die sonst eher schweigsam war. »Es war Mitte der 90er-Jahre, als gewisse Chefredakteure von heute noch mit zerrissenen Hosen und bunten Haaren ins Büro gekommen sind.«

Nachdem alle gelacht hatten, erzählte sie weiter. »Ich arbeitete damals für den Buchvertrieb, und die einzelnen Vertriebsleute hatten einen gewissen Standesdünkel. Eines Tages rief mich eine Vertriebsdame an, die für einen Außendienstbezirk zuständig war und nur einen Tag in der Woche im Verlag arbeitete. Sie brauche mich dringend. Ich eilte zu ihr ins Büro, wo sie hinter ihrem Schreibtisch saß. Sie sagte mir, ich solle zu dem Schrank gehen, der rechts von ihr stand. Dort liege eine Mappe im mittleren Fach auf der rechten Seite. Ich fand diese Mappe gleich, hatte sie dann in der Hand und wartete ab, was ich damit tun sollte. Üblicherweise musste man irgendwelche Unterlagen kopieren, die dann an andere Leute verteilt werden sollten.«

Es fiel mir nicht zum ersten Mal auf: Die Kollegin verstand etwas davon, die Spannung zu schüren. Sie lehnte sich zurück, nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse und schloss für einen Moment die Augen, als müsste sie sich erinnern. Wir anderen am Tisch hielten den Atem an.

»So stand ich neben der Vertriebsdame, die Mappe in der Hand«, erzählte sie weiter und setzte ihre Tasse ab. »Ich wartete auf weitere Anweisungen. Doch die Vertriebsdame klopfte mit der flachen Hand auf ihren Tisch, links von sich selbst und sagte, ›legen Sie es einfach da hin‹, und das tat ich und war danach wieder auf dem Flur.«

»Das heißt«, fragte ich gedehnt, »die hat dich also durch den halben Verlag laufen lassen, um etwas aus einem Schrank zu holen, der zwei Meter von ihrem Stuhl entfernt war?«

»Ja. Mehr war’s nicht.«

»Hammer.« Ich guckte ins Leere. »Das werde ich nie schaffen.« Mir wurde klar: Bei den Führungskräfte-Seminaren in den Nuller-Jahren hatte ich offenbar versagt. »Bis zur Rente schaffe ich das nicht mehr.«

21 Februar 2024

Wortkarger Hamburg-Krimi

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts: In Hamburg hat sich eine rumänische Familie, die unter der Fuchtel eines ominösen Cousins in den Karpaten steht, einen gewissen Ruf erarbeitet. Die Männer sind in der Immobilienbranche tätig, verkaufen Gebrauchtwagen nach Afrika oder betreiben Diskotheken. Sie sind in ein Netzwerk eingewoben, zu dem ein bekannter Journalist, ein Abgeordneter der SPD und ein einflussreicher Rechtsanwalt zählen. Der Filz funktioniert hervorragend – doch als auf einmal ein 16 Jahre alter Jugendlicher an einer Überdosis stirbt, verändert sich sehr schnell sehr viel.

So lässt sich der figurenreiche und zugleich schmale Roman »Die Stadt, das Geld und der Tod« gut zusammenfassen. Verfasst wurde er von Frank Göhre, von dem ich vor Jahren schon einmal einen sehr guten Krimi gelesen hatte. Göhre schrieb zahlreiche Romane, wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und war als Drehbuchautor erfolgreich.

Dieser Roman ist in einem Stil geschrieben, den ich als »karg« bezeichnen würde. Die Sprache ist extrem reduziert, die Beschreibungen sind superknapp, die Dialoge kommen auf den Punkt, hier ist kein Wort zu viel. Es treten viele Personen auf, die sich alle kennen – als Leser muss man der Handlung konzentriert folgen.

Gleichzeitig entfaltet diese Sprache, die mich oft an Kurzgeschichten erinnert, einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Die Figuren sind klar charakterisiert, ihre Rollen im Beziehungsgeflecht werden eindeutig geschildert, und manche Handlungen führen zu unausweichlichen Konsequenzen.

Eine lohnenswerte Lektüre! Nicht nur für Leute, die Hamburg kennen, nicht nur für Leute, die Krimis mögen. 

Erschienen ist der Roman bereits 2021 im Culturebooks-Verlag; er ist vergleichsweise dünn, was ich als positiv empfinde, und ein wenig hochpreisig, was ich auf die mutmaßlich geringe Auflage zurückführe. Aber er lohnt sich für einen kritischen und ohne unnötiges Wort auskommenden Blick auf die Hansestadt Hamburg.

20 Februar 2024

Stress in der Virchow

Langsam biege ich mit meinem Wagen in die Virchowstraße ein, wie ich das fast jeden Morgen mache. Die Straße ist schmal: Auf der einen Seite stehen parkende Autos, auf der anderen Seite kommt ein Gehsteig. Zudem ist sie gewölbt und voller Schlaglöcher, was bedeutet, dass ich sie immer sehr langsam befahre.

Eine Person kommt mir auf dem Rad entgegen. Für ein Auto und ein Fahrrad ist die Straße zu schmal, also ziehe ich nach rechts und stelle mich soweit in die Einfahrt eines Hofes, dass sich genügend Platz zwischen meinem Auto und dem Gehsteig ergibt. Das mache ich nicht nur aus Gründen der Höflichkeit und Verkehrssicherheit – ich halte mich schlicht an die Verkehrsregeln. Als sich die Person nähert, erkenne ich, dass es sich um eine grauhaarige Frau handelt.

Von hinten rollt ein anderes Auto heran. Der Fahrer kann nicht an mir vorbei; dazu müsste er auf den Gehsteig, der an dieser Stelle recht hoch ist. Ich sehe im Rückspiegel, dass er fuchtelt; dann haut er mir die Lichthupe rein. Einmal, zweimal, dreimal flackert es hinter mir auf. Ich reagiere nicht.

Langsam fährt die Frau mit dem Rad auf mich zu; sie wirkt ein wenig unsicher. Als sie auf meiner Höhe ist, hebt sie grüßend die Hand. Ich grüße zurück, blicke in den Rückspiegel, warte die drei Sekunden, bis sie vorbei ist, und fahre dann weiter.

Während ich langsam die Straße weiterfahre, blicke ich erneut in den Rückspiegel. Die Frau hält nun mit dem Rad mitten auf der Straße an, sie kann nicht weiterfahren. Der Autofahrer steht ihr gegenüber und gibt ihr die Lichthupe. Einmal, zweimal.

Wie es weitergeht, erkenne ich nicht. Ich erreiche das Ende der Straße und biege rechts ab. »Zu viel Stress am frühen Morgen«, murmle ich.

19 Februar 2024

Endlich einmal Schwarzwaldbahn

Als ich noch ein Kind war, erzählte mir mein Vater nicht nur einmal von der Schwarzwaldbahn. Er schwärmte von den technischen Leistungen, die von den Ingenieuren und Arbeitern erbracht worden waren, von den Brücken und den Tunnels, und er sagte mir oft, dass wir einmal diese Bahnstrecke fahren sollten. Vor allem zwischen Triberg und St. Georgen lohne sich das, aber eigentlich sei es schon ab Offenburg schön und bleibe bis Villingen spannend.

Wir reisten nie mit dieser Bahn. Sie lag gewissermaßen quer zu unseren Fahrten durch den Schwarzwald, und so bot sich mir nie die Möglichkeit, meine Heimat auf diese Weise wahrzunehmen. Ich musste sechzig Jahre alt werden, um die Strecke zu nutzen.

Ich fuhr sie komplett: In Karlsruhe stieg ich ein, am Bodensee verließ ich den Zug. Die Fahrt dauerte gut drei Stunden, der Komfort war angemessen. Ich hatte ein Buch dabei, das ich lesen wollte, aber ich guckte die meiste Zeit zum Fenster hinaus, staunend wie ein kleines Kind.

Die Strecke war mir im Prinzip bekannt. In den langen Jahren, die ich in Karlsruhe wohne, ergab es sich einige Male, dass ich mit dem Auto quer durch den Schwarzwald fuhr, auf Strecken, die ich seit meiner Kindheit kannte. Aber nun fuhr ich mit der Bahn durch kleine Städte bis nach Offenburg, um von dort aus zum Schwarzwald aufzusteigen.

Und tatsächlich war es wunderbar, zwischen Hausach und Villingen »quer durchs Gebirge« zu rollen, gemütlich im Sessel, mit einem ungehinderten Blick auf Berge und Täler, auf Bäume und Wiesen, auf kleine Häuser und große Höfe. Ich genoss die Reise sowohl bei der Hin- als auch bei der Rückfahrt.

Nun endlich verstand ich, was mein Vater mir damals erzählte … Gerne mal wieder!

09 Februar 2024

Verlagsarbeit in den 80er-Jahren

Da ich nicht so richtig weiß, wie die Leser des Fanzines OX im Jahr 2024 aussehen, schreibe ich meinen Fortsetzungsroman »Der gute Geist des Rock’n’Roll« ein wenig ins Blaue hinein. Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten Leser männlich sind und sich in einem Altersspektrum bewegen, das im Durchschnitt etwas jünger ist als ich – aber nicht zu sehr. Daher glaube ich, dass die meisten sehr gut nachvollziehen können, was im Kopf meines Ich-Erzählers abgeht, wenn ich ihn von seinen Abenteuern in der Mitte der 90er-Jahre berichten lasse.

Die aktuelle Folge 47 erschien dieser Tage in der OX-Ausgabe 172, wie immer war sie eineinhalb Seiten lang. Die Szene spielt vor allem im Innern des Verlags, für den Peter Meißner im Sommer 1996 arbeitet. Unter anderem gibt es kurze Einblicke in die interne Kommunikation, dann beginnt ein Besuch im Archiv.

(Ich arbeitete in den 80er-Jahren zuerst bei einer Tages- und später bei einer Wochenzeitung. Die Archive dort sahen natürlich völlig anders aus als diejenigen, die ich in dieser Geschichte beschreibe.)

TikTok und anderes für Nazis

Seit vielen Jahren lese ich das »Antifaschistische Infoblatt« aus Berlin; jede Ausgabe bietet viele Informationen, die man aus der allgemeinen Presse nicht erfährt. Die Zeitschrift ist staats- und gesellschaftskritisch, wie der Titel schon nahelegt, und nimmt eine sehr klare Position ein. In der Ausgabe 141 zeigen verschiedene Autorinnen und Autoren, wie der »Informationskrieg« in diesen Zeiten funktioniert und sich Rechtsradikale im Internet immer stärker breitmachen.

Das ist nicht unbedingt neu. Bekanntlich waren Rechtsradikale mit dem »Thule-Netzwerk« schon aktiv, als in Deutschland die meisten Leute noch nicht einmal ahnten, dass das Internet auf sie zukommen würde. Es liegt nahe, dass sie auch versuchen, in neuen Netzwerken auf sich und ihre Ziele aufmerksam zu machen. Neu ist allerdings, wie aktiv sie sind und um wieviel erfolgreicher sie vorgehen als die demokratischen Parteien.

Mit Interesse las ich, wie sich die verschiedenen Gruppierungen und Einzelpersonen auf Plattformen wie TikTok oder Instagram präsentieren. Gezeigt wird darüber hinaus, wie sich die türkischen Rechtsradikalen vernetzen oder wie ChatGPT rechtsradikale Muster verstärken kann. Wenn man das alles so liest, wird einem schwindlig – da wird noch deutlicher klar, dass es nicht genügt, einmal im Jahr zu einer bürgerlichen Demonstration auf die Straße zu gehen.

Natürlich bietet das Heft auf den 68 Seiten im A4-Format wieder haufenweise anderer Themen. Es gibt kleinere Artikel etwa zu Elon Musk und seinen antisemitischen Äußerungen oder Hintergründe zum sogenannten Budapest-Komplex (in Ungarn stehen Antifas vor Gericht; gleichzeitig werden in Europa mit Steckbriefen weitere Antifas gesucht, die Nazis angegriffen haben sollen). Man wirft immer mal wieder einen Blick aufs Ausland, in diesem Fall auf die Schweiz, Österreich oder Schweden.

Wie immer ist das Heft lesens- und lohnenswert. Ich schaffe es selten, eine Ausgabe komplett zu lesen, weil mir ja bei meinen Lektürewünschen immer mal wieder das Leben oder die Arbeit dazwischen kommen … Aber diese Ausgabe 141 las ich komplett – jeden Text! –, und das spricht irgendwie für sich.

08 Februar 2024

Kurze Haare in Köln

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«


Als ich im Frühsommer 1993 zum ColoniaCon nach Köln fuhr, war ich mit meiner Rolle als – immer noch – frischgebackener PERRY RHODAN-Redakteur nicht sehr vertraut. Die meisten Besucher kannte ich aus gemeinsam Fan-Zeiten; ich ging seit Jahren auf die Cons in Köln, ich hatte jahrelang meinen Fanzine-Tisch auf dieser Veranstaltung, und ich war dort unter anderem durch eifrigen Konsum von Alkoholika aufgefallen.

Und nun sollte ich die Science-Fiction-Serie vertreten, für die ich seit einem halben Jahr tätig war? Erschwerend kam hinzu, dass auch Journalisten vor Ort waren. Unter anderem war ein Fernsehteam anwesend, das über unsere Serie berichten wollte und mich deshalb für Hintergrundgespräche benötigte. Vor allem aber wollte man einige Fans vorstellen.

Das Bild zeigt mich, wie ich mit einem Fernsehjournalisten spreche. Da ich nicht einmal mehr weiß, wie der Mann hieß, habe ich den Bildausschnitt so gewählt, dass er wegfällt – damit sieht man bloß mich, und ich denke, dass man mir das Unwohlsein ansieht. Mit dem »FreuCon«-T-Shirt zeigte ich den anwesenden Con-Besuchern meine immer noch vorhandene Beziehung zur Fan-Szene. Aber man sieht mir an, dass ich mit der neuen Rolle noch ein wenig fremdelte …

(Die Aufnahme stammt wohl von Peter Fleissner. Leider kann ich das nicht mehr nachvollziehen.)

Ich liebte die Ramones

Ein Blick auf Punkrock-Klassiker – Teil vier

Ich sah die Ramones nie live: Als sie frisch und modern waren, hörte ich sie im Radio – ausgerechnet im Deutschlandfunk und im Radio Beromünster wurden sie oft gespielt –, aber für Konzerte war ich damals schlicht zu jung. Als ich alt genug war, auf Konzerte zu fahren, trat die Band nur noch in großen Hallen auf, und ich hatte keine Lust auf das Publikum, das ich bei solchen Veranstaltungen vermutete.

Aber in meiner ersten musikalischen Punkrock-Sozialisation war die Band ein Kracher. Ab 1977 wurde die Musik im Radio gespielt, an der schrägen Decke in meinem Zimmer hing ein Ramones-Poster, das ich aus einer »Bravo« hatte.

Als ich »Roket To Russia« kaufen wollte, scheiterte ich, weil die herumlungernden Jugendlichen im Plattenladen meinten, ich solle »vernünftige Musik« hören. Lange Geschichte … Meine erste Vinylscheibe der Ban müsste dann 1979 oder 1980 die Doppel-Live-LP gewesen sein.

Heute wirkt das alles ein wenig schrammelig und harmlos, damals fegte es mich komplett um. Und »Sheena Is A Punkrocker« ist nach wie vor ein Klassiker. Die rohe Energie des Stücks und der schmissige Sound ist immer noch klasse!

07 Februar 2024

Ein ganz schön trauriger Anblick

Den Pendragon-Verlag schätze ich seit vielen Jahren. Dort veröffentlicht man nicht nur die schöne Ausgabe der Krimis von Robert B. Parker, hier werden auch Autoren wie James Lee Burke präsentiert. Zudem leistet man sich neben den Krimis ein literarisches Programm, in dem es viel zu entdecken gibt.

Doch bei »Raues Wetter«, einem Roman von Robert B. Parker, fragt man sich, was bei dessen Produktion eigentlich schief gegangen ist. Die Seiten wirken, als habe man eine alte Übersetzung genommen, nachlässig eingescannt, nicht bearbeitet und dann mithilfe der »Suche-Ersetze«-Funktion einige charakteristische neue Fehler eingebaut. Es kann sein, dass man das bei späteren Ausgaben berichtigt hat (die Leseprobe bei Amazon sieht wesentlich besser aus), aber mein Buch ist eine unfassbare Ansammlung von Rechtschreib-, Redigier- und Scan-Fehlern.

Sieht man davon ab, bleibt ein spannender Roman übrig. Er beginnt mit einer Hochzeit, auf die ein Attentat verübt wird. Der Detektiv Spenser, der als Leibwache angestellt worden ist, weiß auch gleich, wer für die Tat verantwortlich ist: der sogenannte Graue Mann, ein Killer, mit dem er schon gelegentlich zu tun hatte. Es gibt noch eine Entführung, und dann fängt Spenser an, zu schnüffeln und zu bohren – bei all diesen Verbrechen scheint nämlich einiges nicht zu stimmen.

Letztlich läuft die Geschichte auf ein spannendes Fernduell hinaus. Spenser und der Graue Mann können sich nicht leiden, sie hassen sich aber auch nicht. Beide folgen ihren »Regeln«, an die sich halten. Und so ist das Spannende an diesem Roman vor allem, wie sich Spenser und sein Gegner belauern, wie sich auf ihre Weise kommunizieren und wie sie zu einem Finale kommen wollen. Das wiederum ist nicht unbedingt typisch für einen Krimi und macht wieder einmal klar, warum Robert B. Parker mich fasziniert, selbst wenn der Roman unglaublich schludrig aufbereitet worden ist.

Der Roman lebt natürlich auch davon, dass Spenser mit seinem Freund Hawk zusammenarbeitet und seine Freundin Susan immer wieder mitmischt. Das ergibt fast automatisch Dialoge, die bei der Lektüre viel Freude bereiten: trocken und trotzdem oft witzig, manchmal philosophisch, manchmal sarkastisch.

Allein dafür lohnt es sich, Parker-Romane zu lesen! Und ich schaffe es sogar, peinliche Verlagsfehler zu ignorieren …

06 Februar 2024

Originelle Science-Fiction-Parallelwelt

Es ist schon eine Weile her, seit ich über den ersten Band des Comic-Dreiteilers »Die drei Geister von Tesla« geschrieben habe. Mittlerweile habe ich alle drei Bände gelesen, und das ist ein Grund für mich, noch einmal auf die Trilogie hinzuweisen. Wer originelle Science Fiction mit einem faszinierenden Stil mag, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren!

Die Geschichte spielt in den vierziger Jahren, während des Zweiten Weltkriegs also, und in den USA. Doch es ist nicht der Zweite Weltkrieg, wie wir ihn aus den Geschichtsbüchern kennen: In dieser parallelen Welt spielen riesenhafte Roboter ebenso eine Rolle wie beeindruckende Erfindungen und trickreiche Geheimagenten.

In den drei Bänden entwickelt sich eine rasante Geschichte, in der ein Erfinder namens Nikola Tesla ebenso auftaucht wie einige andere Personen, die man aus »unserer« Geschichte kennt. Die jungen Helden entdecken allerlei Geheimnisse, es gibt Verfolgungsjagden und einen packenden Showdown mitten in New York.

Erzählt wird das alles von Richard Marazano, der seine Figuren geschickt durch den Dreiteiler führt. Der Autor entwickelt eine wunderbare Parallelwelten-Science-Fiction mit zahlreichen gelungenen Ideen, in die sich die Figuren hervorragend einfügen.

Ohne die großartige Optik wäre das aber alles nichts. Guilhem Bec liefert ein paralles New York, das durchgehend in Sepiafarben erscheint. Die Bilder sind realistisch, man glaubt fast dieser Welt mit ihren Robotern und Soldaten, mit spionierenden Jungs und verzweifelten Wissenschaftlern – so stark ist das gezeichnet.

»Die drei Geister von Tesla« ist eine gelungene Science-Fiction-Geschichte, die inhaltlich und optisch überzeugt. Wer’s nicht glaubt, schaue sich die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlags an.

05 Februar 2024

Fünfzig Euro?

Die Sonne strahlte, Kinder schrien, es roch nach Sonnenöl und Bratwurst: Ich hielt mich in einem Freibad auf, bei dem ich nicht einmal hätte sagen können, in welcher Stadt oder Region es lag. Es sah aus wie jedes Schwimmbad, schien mir, nichts fiel irgendwie auf.

Zusammen mit meiner Begleiterin suchte ich nach einer Möglichkeit, ein halbwegs ruhiges Plätzchen zu finden, an dem ich genügend Schatten hätte und sie sich trotzdem zwischendurch in die Sonne legen konnte. Wir bewegten uns am Rand des Geländes entlang, wo es mehr Büsche und Bäume und damit auch mehr Schatten gab.

Nach einigem Suchen hatten wir einen Platz gewählt. Wir legten die große Decke auf den Boden, stellten unseren Picknickkorb dazu und zogen die Überkleidung aus. Wir trugen die Badeklamotten unter den kurzen Hosen und T-Shirts; das ersparte einmal Umziehen. In den Umkleidekabinen öffentlicher Schwimmbäder fühlten wir uns beide nicht wohl.

Zwei Kinder gingen vorbei, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Jedes von ihnen hatte ein Eis in der Hand und schien es zu genießen. Auf einmal hatte ich Lust auf etwas Süßes.

»Magst du auch ein Eis?«, fragte ich meine Begleiterin.

Sie überlegte, nickte dann. »Hast du genügend Geld dabei?«, fragte sie.

Ich fischte den Geldbeutel aus dem Picknickkorb heraus, den ich nach dem Bezahlen des Eintrittsgeldes dort einfach hineingelegt hatte. Ich öffnete ihn und sah ihn eines der Fächer hinein.

»Seltsam«, sagte ich dann. »Ob ich mit dem Geld etwas anfangen kann?«

Neugierig kam sie zu mir und blickte ebenfalls in das Fach. »Seltsam«, wiederholte sie.

Ich zog eine Münze hervor, die in der Sonne silbern glänzte. »Ein Fünfzig-Euro-Stück«, sagte ich andächtig. »Wieviel Eis wir dafür wohl bekommen?«

»Es wird reichen«, meinte sie und lachte.

In diesem Augenblick wachte ich auf.

02 Februar 2024

Breck und die Enzyklopädie

Meine Mutter und ich saßen in Brecks behaglichem Wohnzimmer auf dem Sofa, wir versackten fast in den Polstern, und wenn ich mich zu sehr bewegte, knarrte das Leder in einer Art und Weise, die mir unangenehm war. Also versuchte ich, so still wie möglich zu sitzen, um verwirrende Geräusche zu verhindern.

»Magst du wirklich keinen Cognac?«, fragte Breck meine Mutter und hob eine Flasche hoch, in der eine braune Flüssigkeit schimmerte.

Sie wehrte ab. »Nein, nein« sagt sie in dem breiten Schwäbisch, das bei uns auf dem Dorf üblich war. »Ich muss heute abend ja noch kochen.«

Breck war ein netter Typ, der in der Firma arbeitete, für die meine Mutter als Putzfrau für saubere Büros sorgte. Seine lockigen Haare fielen ihm in den Nacken, seine gepflegten Hände waren ununterbrochen in Bewegung, und wenn er sprach, klang sein Deutsch geradezu fein im Gegensatz zu unserem groben Dialekt. Nichts deutete darauf hin, dass er aus Jugoslawien kam.

»Magst du noch etwas?«, fragte er mich. Mir hatte er ein Glas mit Apfelsaft angeboten, und daran nippte ich immer mal wieder.

Auch ich winkte ab. Es war mein erster Besuch bei Breck, und ich fühlte mich unsicher. Hinter ihm erhob sich ein weißer Schrank, dessen Regale von oben bis unten mit dicken Büchern vollgestellt waren. Für mich, der am liebsten in der Dorfbücherei stöberte, sah das sehr aufregend aus. Was waren das wohl für Bücher, was stand in ihnen drin?

Eigentlich hätte ich Hausaufgaben für die Schule machen müssen. Nach dem Mittagsunterricht war ich zu der Firma gegangen, wo meine Mutter putzte. Dort war ich herumgesessen, hatte gelesen und darauf gewartet, dass sie Feierabend machte. Meist holte uns dann mein Vater gemeinsam ab, nachdem er aus der Fabrik gekommen war. An diesem späten Nachmittag hatte uns Breck mitgenommen und zu seiner Wohnung gebracht, die am Rand der Stadt lag – dort sollte uns nun mein Vater einsammeln.

Breck erkannte wohl meinen Blick. »Magst du Bücher?«, fragte er.

Ich nickte. Meine Mutter sekundierte: »Der Junge liest ein Buch nach dem anderen. Ich weiß auch nicht, wo er das her hat.«

Breck nickte zu dem Regal hinüber. »Du kannst dich gerne umschauen.«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ohne mich um den Blick meiner Mutter zu kümmern, die mein Verhalten vielleicht aufdringlich fand, stand ich auf und eilte um den Tisch herum. Dann stand ich vor dem Regal, staunte über die dicken Bücher und fuhr mit den Fingern an ihrem Rücken entlang. Es waren schöne Hardcover-Bände, teilweise in Leder gebunden, und jedes von ihnen zeigte, dass es teuer war.

»Die sind besser aus als die bei uns in der Dorfbücherei«, sagte ich andächtig.

Auf einmal stand Breck neben mir. »Das sind sie auch«, bestätigte er. »Guck mal hier. Ich habe die Encyclopaedia Britannica abonniert, da kommt jetzt immer wieder ein neues Buch heraus – und das wird eine wertvolle Sammlung von Lexika.« Er zog ein dickleibiges Werk aus dem Regal und reichte es mir.

Die Seiten waren mit einem Goldrand versehen und klebten noch zusammen. Andächtig blätterte ich das Buch durch, löst vorsichtig die Seiten voneinander. Ich war eindeutig der erste Mensch, der es aufblätterte. Es war ein Lexikon, die Einträge waren in englischer Sprache, wofür mein Schulenglisch nicht ausreichte.

»Liest du das?«, fragte meine Mutter, die sitzen geblieben war.

Breck schüttelte den Kopf. »Das ist ja ein Nachschlagewerk. Da gucke ich nach, wenn ich etwas wissen möchte. Es ist das beste Lexikon der Welt, besser als der Brockhaus.«

»Wenn du es nicht liest, ist es doch Geldverschwendung, so etwas zu kaufen«, wollte ich sagen, verkniff es mir aber. Langsam stellte ich das Buch zurück.

Ich blätterte weiter durch die Hardcover-Bände, die das weiße Regal füllten. Dabei stieß ich auf eine Reihe mit historischen Sachbüchern, auch diese in einem eleganten Layout, sehr teuer gestaltet und garantiert noch nie aufgeblättert. Während ich damit begann, eine Seite zu lesen, vergaß ich die Welt um mich.

»Wenn du willst, kannst du dir davon eines ausleihen«, schlug Breck vor.

Ich nickte begeistert. Meine Mutter erhob noch Einwände; ihr war das Buch sichtlich zu teuer, und sie hatte wohl Angst, dass ich es beschädigen könnte. Breck drückte mir das Sachbuch in die Hand, in dem es um die Eroberung Nordamerikas durch englische und französische Kolonisten ging, und ließ sich von meiner Mutter in ein Gespräch über Kollegen verwickeln.

Wie im Traum setzte ich mich in den Sessel und las. Irgendwann klingelte es an der Tür, und mein Vater holte uns ab. Bei der Heimfahrt war meine Mutter auffallend ruhig. Sie schimpfte nicht einmal mit mir, obwohl ich das erwartet hatte – es gehörte sich für einen Jungen ja nicht, sich in den Vordergrund zu spielen –, und ich saß auf dem Rücksitz und las andächtig.

Wann immer ich in den folgenden Monaten zu Breck kam, blätterte ich in einem Band der Encyclopaedia Britannica, wobei ich jedes Mal aufs Neue begeistert war, lieh mir aber dann lieber eines der historischen Bücher aus. Ich hatte kein schlechtes Gewissen dabei: Bereits bei dieser ersten Begegnung hatte ich verstanden, dass Breck die Bücher nicht las; ihm genügte es, sie im Regal stehen zu haben.

Aber ich war gefangen …

01 Februar 2024

Es ist ja nicht mein Punkrock

Das Schöne bei einem Wort wie »punk« ist, dass man es über all die Jahrzehnte hinweg immer wieder anders definieren kann. In den 70er-Jahren war es noch eine Beleidigung, dann wurde es zum Begriff für eine Jugendkultur und vor allem für eine Musikrichtung. Dabei blieb es für einige Zeit, mit allen möglichen modischen Abwandlungen und Ergänzungen.

Mittlerweile wird alles mit dem Begriff »punk« zusammengepackt, was nicht rechtzeitig auf den Baum kommt. So darf man Literatur, die man früher als »hippie-mäßig« bezeichnet hat, mit einem strahlenden Lächeln als »Hopepunk« bezeichnen. Wer mag, darf zu irgendwelchen Zukunftsromanen »Solarpunk« schreiben, sicher gibt es auch schon »Kuschelpunk« und »TikTok-Punk«. Das hat dann alles nichts mit Punk zu tun, wie ich es verstehe, aber das ist in Ordnung so.

Skurril wird es, wenn sich Zeitschriften nach diesem Begriff benennen. So habe ich bis heute nicht verstanden, wieso ein Magazin für jungliberale Geschäftsleute seit 2009 den Titel »Business-Punk« trägt.

Die Ergänzung kommt demnächst: Im April soll mit »AnlagePunk« ein neues Wirtschaftsmagazin an den Start gehen, in dem es – wie soll es bei dem Titel auch anders sein? – um Geldanlagen geht. Ich bin mir schon jetzt sicher, dass ich dafür nicht die Zielgruppe bin ...

31 Januar 2024

Piccolo beim Frisör

Der Laden war altmodisch, und er hatte keinen besonderen Namen; er hieß nach seinem Inhaber: »Friseur Würth« war eine Institution in unserer Stadt, und er zeigte in jedem Quadratzentimeter, dass es ihn schon seit Jahrzehnten gab. Besonders gut: Ihm gegenüber war der Sitz von »Elektro-Fortenbacher«, der Firma also, in der mein Vater beschäftigt war.

Und so war es für ihn ganz praktisch, seinen Sohn einzusammeln, wenn er gerade eh »auf Montage« unterwegs war, und ihn zum Haareschneiden beim Frisör abzusetzen. Einen Termin brauchte man nicht, »der Bua« konnte sich gut beschäftigen, und wenn mein Vater dann endlich Feierabend hatte, packte er mich in seinen VW-Käfer, begutachtete den neuen Haarschnitt und fuhr mit mir nach Hause.

Warum ich gerne zum Frisör ging und kein Problem damit hatte, stundenlang herumzusitzen? Des Rätsels Lösung: Der Frisör hatte einen Tisch, auf dem die aktuelle Tageszeitung sowie einige Zeitschriften lagen. Darunter aber war ein Fach, und in diesem stapelte er Comic-Hefte. Es waren schmale Hefte, für die ich damals keinen speziellen Begriff kannte – erst später erfuhr ich, dass es sich um sogenannte Piccolos handelte.

Und was waren das für Schätze! Es gab »Akim« und »Sigurd«, vor allem aber »Tibor«. Die Auswahl wechselte, jedes Mal lagen andere Hefte herum, und mir war die Reihenfolge völlig egal. Ich griff nach einem »Sigurd«, vertiefte mich in ein Abenteuer des tapferen Ritters und war dann für einige Zeit in einer anderen Welt.

Am meisten fesselte mich aber »Tibor«. Dabei handelte sich um einen Dschungelhelden, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet war und als einzige Waffe einen Dolch mit sich führte. Er konnte mit den Tieren sprechen – heute würde man sagen, dass es ein »Tarzan«-Abklatsch war –, schlug sich aber auch mit Dinosauriern oder Außerirdischen herum. Im bunten Reigen der Abenteuer gab es eine obskure Mixtur aus Fantasy und Science Fiction, die mein kindliches Hirn wohl für lange Zeit prägte.

Irgendwann sagte mir der Frisör, der damals schon sehr alt war, sicher über sechzig Jahre: »Die Hefte sind von meinem Sohn. Der hat eine ganze Kiste davon, und er mag sie nicht mehr. Wenn du willst, kannst du sie alle haben.«

Ich war faszinierend und begeistert, meine Eltern waren es weniger. Sie wollten nicht, dass ihr Sohn zu sehr durch die »Schundhefte« verdorben wurde. Wenn ich sie beim Frisör las, war das in Ordnung, daheim haben wollte man sie nicht. Also bekam ich nie die große Piccolo-Sammlung des Frisörs.

Das Staunen über die phantastischen Geschichten und das Eintauchen in die fremde Welt der Ritter und Dschungelhelden – das sollte mir bleiben. Und so denke ich oft an den Frisör, der nie erfahren sollte, was er mit seinen Lektüre-Stapeln bei mir anrichtete …

30 Januar 2024

Mit dem Moped in die 90er-Jahre

Als Frank Margerin die ersten Geschichten um seine Figur Lucien und dessen Freunde entwickelte, schrieb man die 80er-Jahre. Die Storys erzählten von Jugendlichen in den Vorstädten von Paris, die übliche Szene- und Jugendprobleme hatten: Ärger in der Schule und mit der Polizei, erstes Verliebtsein, das Ausprobieren neuer Wege, das Entwickeln der neuen Jugendkulturen.

Ich las die Comics damals in deutschen Comic-Heften wie »Pilot« oder »U-Comix« und fand sie klasse. Als sie in Form von Alben veröffentlicht wurden, kaufte ich sie mir ebenfalls. Das ist jetzt vierzig Jahre her. Seit einiger Zeit gibt es die klassischen »Lucien« in einer schönen Gesamtausgabe; dieser Tage las ich den zweiten Band.

Man merkt dem Band an, dass die einzelnen Geschichten deutlich später entwickelt worden sind; sie entstanden in den 90er-Jahren. Lucien ist erwachsener, auch wenn er sich immer noch trottelig aufführt. So lernt er in der ersten Geschichte das Landleben kennen, verliebt sich in der zweiten Geschichte mit viel Energie und Herzschmerz, bevor er dann mit seinen Freunden – man hat mittlerweile eine halbwegs funktionierende Band gegründet – in die USA reist, um dort das Land kennenzulernen und vielleicht auch einen Plattenvertrag abzustauben.

Zuletzt geht Lucien mit seinen Freunden auf ein Motorradtreffen, in dem immer wieder das legendäre Elefantentreffen erwähnt wird. Da würde mich schon interessieren, wie es im französischen Original bezeichnet wurde.

Die Geschichten sind nicht mehr so spontan, und das macht sie ein wenig lahm. Der erste Band der »Lucien«-Gesamtausgabe ist deshalb auch richtig gelungen, der zweite wirkt auf mich ein wenig so, als habe der Künstler ihn mit angezogener Handbremse geschrieben und gezeichnet. Vielleicht war er aber auch einfach schon zu alt für solche Geschichten und zu weit weg von den Leuten, die er porträtiert. 

Ich habe diesen zweiten Band trotzdem gern gelesen und werde ihn in Ehren halten – wer die 80er-Jahre in Comic-Form noch einmal erleben möchte, ist hier gut beraten.

26 Januar 2024

Ein Buch zum Geburtstag

Es war im Dezember 2023 die größte Überraschung für mich: Christina Hacker und ein Team aus Science-Fiction-Machern präsentierten mir zu meinem Geburtstag ein Buch – ein schickes Paperback zum sechzigsten Geburtstag, das dann auch noch den schönen Titel »Das wüsste ich aber!« trug. Ich war wirklich sprachlos, und eigentlich bin ich es immer noch.

Seit ich das Buch bekommen habe, liegt es daheim herum. Ich habe es durchgeblättert, mehr nicht. Enthalten sind viele Texte von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren, dazu haufenweise Fotos aus allerlei Phasen meines Lebens. Nicht nur aus dem Science-Fiction-Umfeld – unter anderem gibt es ein Bild, das mich mit Iro zeigt.

Es gibt hoffentlich nachvollziehbare Gründe, warum ich bisher vor einer Lektüre zurückschreckte: Ein Buch, das gewissermaßen zu meinen Ehren erschienen ist, schüchtert mich in gewisser Weise ein. Ich habe mir aber vorgenommen, es in den kommenden Tagen und Wochen zu lesen. Die meisten Leute, die über mich geschrieben haben, kenne ich ja persönlich, manche seit Jahrzehnten – es wird sicher eine Lektüre, die abwechslungsreich und spannend sein wird.

Ich lasse mich darauf ein. Schauen wir mal, was da alles auf mich zukommen wird …

25 Januar 2024

Neuer Vorstand für den Club

Ich bin kein Mitglied im Science Fiction Club Deutschland e.V. (SFCD), war es im Verlauf der Jahrzehnte aber immer mal wieder und stehe dem Verein grundsätzlich mit viel Sympathie gegenüber. Die Zeiten, in denen ich über den SFCD lästerte oder gar versuchte, ihn mithilfe einer Gruppierung, die sich »die Zyniker« nannte, von innen zu reformieren, sind lange vorbei.

Seit einigen Tagen gibt es einen neuen Vorstand, der zum Januar 2024 seine Arbeit aufgenommen hat. Mit Claudia Rapp steuert zum zweiten Mal überhaupt in der SFCD-Geschichte eine Frau den Verein, den es immerhin seit 1955 gibt. Durch die Organisation des MetropolCons in Berlin und ihre Mitarbeit an Science-Fiction-Publikationen etwa des Hirnkost-Verlags ist sie auch außerhalb der Fan-Szene bekannt geworden. Sie könnte also durchaus eine professionellere Sichtweise in den Verein einbringen.

Man muss natürlich sehen, wie sich das alles entwickelt. Fürs erste wünsche ich dem neuen Vorstand aber viel Freude und viel Erfolg bei der Arbeit – Science Fiction ist nach wie vor ein lebendiges Genre!

Krachig in Wien

Es gab für mich immer wieder einen Grund, nach Wien zu reisen. In der Hauptstadt Österreichs kannte ich einige Leute, die ich gern besuchte, und ich hatte immer wieder berufliche Gründe, die mich dorthin führten. Wenn es ging, versuchte ich private und berufliche Termine zu verbinden. Und dazu gehörte, dass ich versuchte, auf ein Punk-Konzert zu gehen.

Als ich am Samstag, 4. September 1999 ins EKH stolperte, hatte ich schon ein bisschen Bier im Kopf. Ich hatte zu Abend gegessen, ich hatte dazu einiges getrunken. Das war eine gute Grundlage für ein Konzert, das mich in euphorische Stimmung bringen könnte.

Nachdem ich die Treppe hinunter zu Konzertraum gegangen war, blieb ich allerdings verwirrt stehen. Gerade mal ein Dutzend Leute lungerte dort herum, auch in der Kneipe waren es nicht viel mehr. Als die Band später auf der Bühne stand, fanden sich vielleicht dreißig Leute ein. Es herrschte eine eher lustlose Stimmung.

Vielleicht lag es am Publikum. Ich hatte das Gefühl, einer der wenigen zu sein, die ein Bier in der Hand hielten. Die anderen wirkten – bei einem Frauenanteil von vielleicht zwanzig Prozent –, als ob sie Straight Edge betrieben und ein Bier eher seltsam fanden. Die einzige Lederjacke im Raum war auch die meine.

Aber gut, das kannte ich von manchen Hardcore-Konzerten in Deutschland nicht anders. Und da musste ich kein Referat darüber halten, dass »Hard-Core« in den 80er-Jahren noch bedeutet hatte, sich besonders viele Nieten auf die Jacke zu tackern und sich bei Konzern besonders rasant mit Bier abzuschießen Wir hatten Ende der 90er- und nicht mehr Anfang der 80er-Jahre, so einfach war das.

Ich besorgte mir an der Theke ein Bier und fragte den Mann hinterm Tresen, warum so wenig los sei. Er hob die Schultern, das sei ihm auch unklar. Wie er mir aber erzählte, hatte ich die eigentlich wichtige Band des Abends verpasst – und das ärgerte mich.

Peace Of Mind aus Göttingen hatten aufgespielt. Ich kannte von dieser Hardcore-Band diverse Platten, die mir gut gefielen, moderner und wuchtiger Hardcore mit starker Emo-Kante. Ich hatte sie noch nie gesehen, und nun waren sie mir in Wien ebenfalls durch die Lappen gefangen.

Immerhin bekam ich die nächste Band mit: eine Gruppe von Männern, die sich in ihren Aussagen sehr zurückhielten. Die Band nannte sich La Affera, und sie kam aus Polen. Mehr erfuhr ich nicht – die Band legte gleich mit einem brachialen Sound los. Es war laut, es war wuchtig, und es blies mir die Ohren fast weg.

So richtig einordnen konnte ich das nicht; weit weg vom Punk auf jeden Fall, schon irgendwie Hardcore, aber schwer auf Metal gebürstet. Manchmal klang es für mich nach Industrial; die Stücke waren laut, sie waren nicht unbedingt schnell, und sie hatten einen eigenen Charakter. Manchmal erinnerten sie mich an die holländische Band Gore, die ich in den späten 80er-Jahren mal gesehen hatte, oder auch an Neurosis, die zu der Zeit sehr angesagt waren.

An diesem Abend fand ich das eher anstrengend. Die einzelnen Stücke gingen mir nicht in den Kopf, Melodien gab es nicht. Auf den wummernden Bass und das knallige Schlagzeug konnte ich immerhin den Kopf bewegen, einige Leute in meiner Nähe zappelten ein wenig herum, aber die meisten standen ebenso da wie ich und schauten interessiert zu, ohne aber begeistert zu wirken.

Ich sah mir den Auftritt der Band bis zum Ende an, dabei trank ich Bier und stand die meiste Zeit in der Nähe des Bühnenrands. »Spannend war das nicht«, murmelte ich, als ich die Treppe hinaufstieg und das EKHG verließ. Aber vielleicht hatte ich in diesen Abend im Voraus zu viele Erwartungen gesteckt …

24 Januar 2024

Spannender Cyber-Thriller

Zu Beginn des 22. Jahrhunderts, in einer Stadt, die von großen Konzernen beherrscht wird: Vor wenigen Jahren ist es zu einem Zusammenbruch des sogenannten Data Space gekommen, was viele Menschenleben gefordert hat. Mittlerweile sind die Strukturen wiederhergestellt, doch einiges ist anders als zuvor. Unter anderem haben sich die Cybertechs entwickelt, Menschen also, die sich ohne maschinelle Unterstützung in den riesigen Datennetzen dieser Zukunft bewegen können.

Das ist der Ausgangspunkt des Romans »Code X« der jungen Autorin Lucinda Flynn, der 2022 als Paperback im Knaur-Verlag erschienen ist und den ich endlich gelesen habe. Die temporeiche Geschichte spielt in einer Zukunft, in der viele Cyberpunk-Ideen längst Wirklichkeit geworden sind, und sie variiert klassische Cyberpunk-Elemente auf unterhaltsame Weise neu.

An dieser Stelle will ich gar nicht zu sehr auf den Inhalt eingehen. Erzählt wird von jungen Leuten, die sich in Computernetzen bewegen und mit einer übermächtigen Künstlichen Intelligenz anlegen. Sie finden Freunde und Verbündete, sie streiten sich untereinander, sie geraten in Konflikt mit anderen Gruppierungen von Cyber-Aktivisten.

Das läuft alles unterhaltsam ab, vor allem deshalb, weil die Autorin geschickt die Szenen so aufeinanderbaut, dass es immer wieder zu spannenden Wendungen und Perspektivwechseln kommt. Es wird gekämpft, man bewegt sich in Netzwerken, die Helden müssen flüchten, der Konzern bleibt als gesichtslose Masse und Gegner ebenso im Hintergrund wie die KI.

Kritisch lässt sich einwenden, dass die Ideen nicht unbedingt neu sind. Seit William Gibson und seine Kollegen in den 80er-Jahren mit Cyberpunk anfingen, habe ich solche Romane schon häufig gelesen. Derzeit sind sie wieder schwer in Mode – kein Wunder angesichts des politisch-kulturellen Umfelds.

Die Autorin greift viele aktuelle Diskussionen um die Künstliche Intelligenz auf, verzichtet bewusst darauf, ihre Stadt der Zukunft klarer zu fixieren – mir wäre eine Verortung in Seattle, New York oder Wanne-Eickel lieber gewesen – und liefert einen spannenden Roman ab, den man kaum als Cyberpunk, aber korrekterweise als Cyber-Abenteuer bezeichnen kann.

Wer so etwas mag, wird hier bestens unterhalten!

23 Januar 2024

Starke Story, schwache Bilder

In den vergangenen Jahren haben die Comic-Romane auch im deutschsprachigen Raum enorm gewonnen; man findet sie mittlerweile in »seriösen« Buchhandlungen, nicht nur im »schnöden« Comic-Fachhandel. Graphic Novels, so der offizielle Begriff, werden anscheinend vom seriösen Bürger als Lektüre akzeptiert, das Feuilleton schreibt darüber; dafür muss man sich weder schämen noch verstecken.

Mit manchen dieser Comics fremdle ich allerdings – und »Unter den Kieseln der Strand« ist hierfür ein gutes Beispiel.

Dabei ist die Geschichte wirklich gut. Sie spielt im Jahr 1962. Drei männliche Jugendliche in einem kleinen französischen Ort langweilen sich in den Ferien ein wenig. Sie gammeln am Strand herum, sie plündern den Weinkeller der Eltern, sie lernen ein Mädchen kennen. Und was so verspielt losgegangen ist, wird auf einmal zu einem Kriminalfall und gleichzeitig zu einer Liebesgeschichte.

Pascal Rabaté baut seine Geschichte ruhig auf. Er stellt die Personen vor, und dann dreht er die Story weiter. Einbrecher spielen auf einmal eine Rolle, die Familie mischt sich ein, und am Ende hat sich die Welt für den eigentlichen Helden der Geschichte völlig verändert. Das ist spannend erzählt und hat mir bei der Lektüre richtig Spaß bereitet.

Dabei konnte ich mit der künstlerischen Ausrichtung nichts anfangen. Die Zeichnungen sind in einem schlichten Schwarzweißgrau gehalten, was grundsätzlich okay ist, die Figuren aber wirken nur schraffiert; Gesichter oder Hände sind sehr einfach und weit entfernt von anderen Comics, die ich mag.

Rabaté hat sich vielleicht für diesen reduzierten Stil entschieden, weil dadurch die Geschichte wichtiger wird als die Bilder – meinen Geschmack trifft er damit nicht. (Wer sich das nicht vorstellen mag, sollte unbedingt die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlags anschauen.) Aber ich muss ja auch nicht alles mögen ...

22 Januar 2024

20.000 Leute mindestens

Als ich am Samstag mit leichter Verspätung in Richtung Marktplatz radelte, überlegte ich mir noch, wo ich mein Rad abstellen sollte. Ich ging aufgrund der Berichte von anderen Demonstrationen davon aus, dass auch in Karlsruhe viel los sein würde, dass ich aber keine Probleme haben dürfte, in der Nähe des Stadtzentrums mein Rad abzustellen.

Aber als ich über den Zirkel fuhr, wurde mir klar, dass meine Erwartungen übertroffen wurden. Schon da, gut 500 Meter vom Marktplatz entfernt, wimmelte es von Menschen. Platz für Räder gab es auch keinen mehr; ich stellte mein Rad irgendwo ab.

(Später hieß es überall, es seien über 20.000 Leute gewesen, die sich an der Demonstration gegen Rechtsradikale beteiligt hatten. Keine Ahnung, ob das stimmt – wenn ich mir entsprechende Luftaufnahmen anschaue, glaube ich das sofort.)

Ich brauchte lang, um überhaupt nur an den Rand des Marktplatzes zu kommen. Die Menschen standen dicht gedrängt, aus allen Richtungen strömten weitere hinzu. Ich sah die Stände des Blumenmarktes, die von der Menge umgeben waren und deren Verkäufer an diesem Tag sicher einen schlechten Umsatz machten, und ich sah den kleinen Lautsprecherwagen, der für eine Demo von vielleicht tausend Leuten ausreichte, nicht aber für die Menge.

Weil ich mich ein wenig umsehen wollte, machte ich kehrt, ging durch Nebenstraßen und stieß dann bei der Hauptwache wieder auf den Rand des Marktplatzes. Auch hier standen die Menschen dicht gedrängt, hier hörte man immerhin ab und zu mal etwas aus den Lautsprechern.

Es war allerdings ein großartiges Wetter: Wir hatten Minusgrade, überall lag Schnee, aber die Sonne schien vom Himmel. Überall um mich herum standen Leute, die lachten und sich freuten; es herrschte eine beeindruckend gute Stimmung.

Wer genau auf der kleinen Bühne sprach, bekam ich nicht mit. Eine Rednerin holte zum großen Rundumschlag aus und führte den aufkeimenden Faschismus mal wieder auf den Kapitalismus zurück – dieser Theorie konnte ich schon früher nichts abgewinnen –, machte aber klar, dass die Anwesenden vielleicht nicht alle die gleiche Meinung hätten, sich aber einig seien, dass man die Nazis stoppen müsse. Das fand ich dann auch gut.

Irgendwann setzte sich die Demo in Bewegung. Ich hatte mittlerweile mehrere Bekannte getroffen, und wir gingen als Gruppe mit, wobei wir wir uns weniger an den Sprechchören beteiligten, als über Gott und die Welt laberten. Beim Gang durch die Straßen zog sich die Demonstration ewig in die Länge, und meine Bekannten lösten sich irgendwann aus dem Zug. Ich spazierte selbst zum Marktplatz zurück.

Dort trudelten immer mehr Leute ein, vor allem jüngere Menschen, die ich – im weitesten Sinn – zum Antifa-Spektrum zählen würde. Die Polizei, die sonst bei Antifa-Demonstrationen sehr martialisch auftritt, hielt sich sehr zurück. Nur wenige Beamte standen herum und unterhielten sich mit Demonstranten. Aus den Lautsprechern kam laute Musik, es schien sich eine Party zu entwickeln. Ich schätzte, dass sich gegen 15 Uhr schon wieder um die tausend Leute eingefunden hatten.

Weil ich daheim noch einiges zu tun hatte, verließ ich den Marktplatz, fand zu meinem Fahrrad zurück und radelte quer durch die Stadt zurück. Überall waren Leute unterwegs, die sichtlich von der Demonstration kamen, überall spazierten Grüppchen durch die Stadt, die teilweise selbstgemalte Plakate und Transparente trugen.

Dieses positive Bild von einer friedlichen Innenstadt ohne Hass und Wut – ich hatte genügend Aufmärsche von Rechtsradikalen, Coronaleugnern und »Querdenkern« gesehen, bei denen man den blanken Hass in den Gesichtern der Leute wahrgenommen hatte – trug ich mit nach Hause. Und ich hoffte, dass es lange bleiben würde.

18 Januar 2024

Mehr Pop, weniger Punk

Als ich in den frühen 90er-Jahren mehrere Vorträge zur Geschichte von Punkrock und Hardcore hielt, unter anderem in diversen Jugendhäusern der Republik, stellte ich die Historie gern als eine Abfolge von Gegenbewegungen dar. Straight Edge als Gegenentwurf zum ausufernden Drogenkonsum in der amerikanischen Szene, Pop-Punk als Gegenentwurf zum immer heftiger werdenden Hardcore. Und die Band Mega City Four war für PopPunk in den späten 80er-Jahren ein Beispiel, das ich gern nutzte.

Die Band gab’s von 1987 bis 1996, und sie wurde mal in das Fach IndieRock gesteckt und mal als PopPunk betitelt. Höre ich mir heute ihre Platte »Magic Bullets« an, die von der Band im Jahr 1993 veröffentlicht wurde, bin ich ein wenig ratlos. Ich weiß, dass mir das damals gefallen hatte, und ich erinnere mich daran, dass ich Stücke dieser Platte auch gern im Radio spielte – aber mehr als dreißig Jahre später haut sie mich echt nicht mehr von den Socken.

Und zwar so richtig gar nicht mehr … Von den insgesamt 13 Stücken der Platte sind vielleicht vier oder fünf Stücke gut – und damit meinen ich eher ruhigen Punkrock mit poppigem Gesang –, die anderen empfinde ich als schlapp und langweilig. Sie sind nett, man kann sie sich anhören, aber sie sind meilenweit von einer Punkrock-Attitude entfernt, meiner Ansicht nach zu sehr Pop und zu wenig Punk. Die guten Stücke sind energisch und werden gut nach vorne gebolzt, bei den anderen herrscht eine lahme Melodie vor.

Man muss fair sein: Die Band nahm in gewisser Weise den Emopunk späterer Jahre vorweg. Vieles von dem, was einige Jahre später vor allem aus den USA kam und als Emopunk bezeichnet wurde, war ähnlich langweilig und schlapp …

Was Mega City Four angeht, so werde ich doch mal wieder die Singles der Band aus den Kisten kramen. Die fand ich klasse – aber es ist schon lange her, seit ich sie gehört habe. Vielleicht können sie mich eher überzeugen als die Langspielplatte »Magic Bullets«?

17 Januar 2024

Massiv genervt

Höre ich in diesen Tagen die Nachrichten, während ich beispielsweise zur Arbeit fahre oder daheimsitze, fällt mir auf, dass gewisse Wörter offensichtlich fehlen. Es gibt keinen »starken« Schneefall mehr, es gibt »massiven« Schneefall. Es gibt keine »großen« oder meinetwegen »erhebliche« Probleme im Land, sondern es sind gleich »massive« Probleme.

Selbstverständlich ist auch der Verkehrsstau nicht »groß« oder »lang«, sondern ebenfalls »massiv«, und die Wahlerfolge der rechtsradikalen AfD führen zu einem »massiven« Verlust an Demokratie. Und so weiter.

Gibt es eine neue Sprachregelung? Hat die Sprachpolizei zugeschlagen? Sind alle Redakteurinnen und Redakteure endlich gleichgeschaltet worden?

Nein. Selbstverständlich nicht. Sie können schlicht kein richtiges Deutsch mehr, scheint mir in solchen Fällen.

Man fragt sich nur, warum an solchen Stellen die Sprachpolizei nicht aufschreit. Wagt es jemand, öffentlich die Gendersprache zu benutzen, wird Zeter und Mordio geschrien, beschwören manche Leute glatt den Untergang des Abendlandes herauf. Wenn sich schlechtes Deutsch durchsetzt oder immer mehr Denglisch benutzt wird, stört da die gleichen Sprachpolizisten nicht.

Aber gut – die können ja mehrheitlich selbst kein vernünftiges Deutsch sprechen, schreiben oder auch nur denken. Wie sollten sie dann echte Fehler bemerken, wenn sie sich auf das »in« bei manchen Wörtern oder irgendwelche Sternchen konzentrieren müssen?

16 Januar 2024

Spannender Krimi als grandioser Comic

Ende des 19. Jahrhunderts, die sogenannte Belle Époque: Frankreich ist eine der führenden Nationen der Welt. Die Industrie blüht, die Wirtschaft wächst, es entstehen neue Kunstrichtungen. Und nach wie vor haben die Männer das Sagen, während die Frauen im Hintergrund stehen und häufig verachtet werden. Das ist der Ausgangspunkt für den spannenden Comic »Herbst an der Bucht der Somme«, der den Geist dieser Zeit hervorragend aufgreift.

Die Geschichte beginnt mit einem Mord. Ein toter Industrieller wird auf seinem Schiff gefunden, das in der Bucht der Somme ankert. Ein Polizist aus Paris beginnt mit seinen Ermittlungen, die nicht von allen gleichermaßen geschätzt werden. Der Industrielle hat, wie es scheint, im Leben alles richtig gemacht – sogar die Arbeiter schätzen ihn. Und doch hat ihn jemand brutal umgebracht. Der Polizist beginnt zu graben, und seine Forschungen führen ihn sowohl in die höchsten Kreise der Industrie als auch in die Armenviertel des rasant wachsenden Paris …

Philippe Pelaez als Autor der Geschichte vermittelt den Zeitgeist der Belle Époque sehr glaubhaft. Die sich entwickelnde Gesellschaft mit all ihren Schattenseiten dient ihm als Kulisse für eine spannende Geschichte mit ungewöhnlichen Wendungen. Er zeigt Arbeiter und Prostituierte, den Wohlstand der Oberklasse und das Elend der Armen. Vor allem gibt es Einblicke in das Paris jener Zeit – der Montmartre wird von ihm als Armenviertel gezeichnet, in dem eben noch einige Windmühlen stehen. Immer wieder stellt er die Rolle der Frauen jener Zeit heraus: Sie waren noch weitgehend rechtlos, wollten sich damit aber immer weniger abfinden.

Der Comic wäre aber nichts ohne die beeindruckenden Bilder, die Alexis Chabert beisteuert. Seine Darstellung der Belle Époque ist von den Künstlern jener Zeit beeinflusst. Er zeigt die Straßen von Paris, die schicken Innenräume und die Arbeiterquartiere in einer Farbenpracht und Detailverliebtheit, die ich richtig stark fand. Seine Bilder laden dazu ein, den Comic nach der ersten Lektüre gleich noch ein zweites und drittes Mal zu lesen.

Am Ende bleibt ein Fazit: »Herbst an der Bucht der Somme« ist ein knackiger Krimi mit einer sehr spannenden Handlung, der mit seiner starken Illustration vollends überzeugt. (Erschienen ist er bei Splitter.) Toll!

15 Januar 2024

Nazis ausgrenzen – ja bitte

Es ist eine Weile her, seit ich die erste Diskussion um die sogenannte Grauzone mitbekommen habe. Wer den Begriff nicht kennt, dem sei er hier sehr grob zusammengefasst: Wer zwar nicht rechtsradikal ist, aber kein Problem damit hat, mit beinharten Nazis befreundet zu sein, wird zur »Grauzone« gezählt und idealerweise wie ein Nazi behandelt. Das betraf in den 90er-Jahren vor allem Bands, die sich des Vorwurfs erwehren mussten, zur rechtsradikalen Szene gezählt zu werden.

Ich will an dieser Stelle keine alten Diskussionen aufwärmen. Es geht um das Hier und das Heute: Wir haben längst eine Situation, wo es nicht mehr darum geht, dass irgendwelche Leute ihre kleine kuschelige Punkrock-Szene sauber halten wollen. Wir haben ein ganzes Land, das nicht mehr – wie in den 80er- und 90er-Jahren – in weiten Teilen sehr konservativ ist und immer gern mit faschistischem Gedankengut liebäugelte, sondern das jetzt in immer stärkerem Umfang dazu neigt, eine offen rechtsradikale Partei gutzufinden und wählbar zu machen.

Da ist es gut, wenn Leute auf die Straße gehen und Flagge gegen Nazis zeigen. Aber das reicht nicht aus. Es muss ein gesellschaftlicher Druck entstehen. Klar – da müssen die Politik und die Medien mitmachen. Solange die Medien – ich weiß, »die Medien« ist zu pauschal – aber die AfD und andere Braundenker ständig hofieren, wird sich daran nicht viel ändern.

Also muss der brave Bürger sich entsprechend verhalten, Leute wie ich also. Das heißt jetzt nicht, dass man Konservative mit Nazis in einen Topf wirft. Das heißt nicht, dass man Leute hasst, die vielleicht »rechts« stehen, aber noch keine Faschisten sind. Aber das heißt, dass man klare Linien zieht.

Man setzt sich nicht zu Nazis an den Tisch (wenn man weiß, dass es Nazis sind). Man teilt nicht ihre Aussagen in den Sozialen Medien. Man redet nicht mit ihnen. Man diskutiert nicht mit ihnen. Man grenzt sie aus, wo es geht und wo man kann. Das geht nicht immer, schon klar – aber wenn ich weiß, dass ein örtlicher Gastwirt oder der Betreiber einer Ladenkette sich aktiv bei der AfD betätigt, dann gehe ich da nicht mehr hin. Es gibt schließlich andere Firmen, wo ich mein Geld ausgeben kann.

Und so weiter. Ich fasse auch an meine eigene Nase. Klar pflege ich keinen Umgang mit Rechtsradikalen. Und klar: Ich fange jetzt nicht an, Gesinnungsschnüffelei zu betreiben. Wenn aber jemand in diesen Tagen allen Ernstes das Wort »Remigration« abfeiert, weiß ich einfach, wohin ich diesen Menschen zu stecken habe. Und so weiter …