24 Juni 2022

Eine Ausgabe zur russischen Science Fiction

Seit Monaten führt Russland einen fürchterlichen Krieg gegen die Ukraine. In dieser Zeit veröffentlicht das Fanzine »Neuer Stern« mit den Heften 80 und 81 jeweils Ausgaben, die sich mit der russischen und sowjetischen Science Fiction beschäftigen.

Das mag mancher seltsam finden, ich nicht: Gerade die Science Fiction ist häufig subversiv, und ihre Autorinnen und Autoren stehen oft in Opposition zum Staat.

Gelesen habe ich die Ausgabe 80, die am 1. Juni 2022 erschienen ist. Auf 56 Seiten im A5-Format geht es um das oben genannte Thema, und dabei bleibt die Redaktion – wie immer – auf sympathische Weise fannisch. Man liefert keine stockseriösen Artikel, sondern sagt seine Meinung zu Büchern und Filmen. Klar, das Heft versteht sich als Rundbrief für die »Freunde des ASFC«, also des Andromeda SF-Clubs Halle/Sale.

Es gibt einen lesenswerten Überblick über die russisch-sowjetische Science Fiction, den Erik Simon verfasst hat, einer der Kenner für diese Spielart der phantastischen Literatur überhaupt. Darüber hinaus stellt die Redaktion Filme und Bücher von bekannten und unbekannten Autorinnen und Autoren vor, mehrheitlich sind es Männer.

Der Sachverstand ist vorhanden, eigene Schwächen werden dennoch eingestanden – etwa mangelnde Kenntnisse der russischen Sprache in einer Rezension. Aber das macht nichts: Das Fanzine gibt einen guten Einblick in das Thema und liefert mir eine Reihe von Tipps zu Science-Fiction-Romanen, die ich noch nicht gelesen habe, die aber interessant klingen. (So viel zu lesen, so wenig Zeit! Aber gut, ich hab’s mir ja ausgesucht.)

Die Ausgabe 80 des »Neuen Sterns« hat mir wieder sehr gut gefallen – ich freue mich auf die zweite Russland-Ausgabe –, ein positives Fanzine, das im »alten Geist« ist, ohne aber die Vergangenheit lobzuhudeln. Man macht halt sein Ding auf seine Art und Weise. (Viele Abbildungen runden übrigens diese Ausgabe ab; sowohl der russischen Originale als auch der deutschen Übersetzungen, sofern es diese gibt.)

Und wie immer: Ein vernünftiges Impressum gibt es bei diesem Fanzine nicht. Man bestellt es am besten per Mail beim Herausgeber: phantastische.ansichten@web.de.)

23 Juni 2022

Schwäbische Kartenspiele

»Spielst du eigentlich Skat?«, wurde ich unlängst gefragt. Ich antwortete dann mit dem Brustton der Überzeugung, dass ich das nie getan hätte, um dann am Abend später zu bemerken, dass das nicht stimmte. In der Schule hatte ich mich im Skat-Spiel versucht, war aber nie besonders gut darin gewesen.

Auf dem Dorf hatte ich allerdings oft bei den klassisch-schwäbischen Kartenspielen mitgemacht. Wir saßen auf Bänken am Dorfbrunnen und spielten, oder wir hockten auf einer Wiese und warfen die Karten ins Gras. Dabei nahmen wir das württembergische Blatt zur Hand und betrieben Spiele, die ich über all die Jahre vergessen hatte. Dank der Wikipedia weiß ich wieder, was ich mit neun, zehn oder elf Jahren gern gespielt hatte.

Es waren »Gaigla« und »Benoggel«. Ich wüsste nicht mehr, wie die Regeln sind, und ich wusste vor allem als Kind nicht, dass man das eine Spiel als »Binokel« bezeichnet, wenn man den richtigen Begriff nimmt. Wir sagten nur »Benoggel«.

Es ist auch egal. Ich sehe mich wieder vor mir, wie wir in der Sonne sitzen, die abgegriffenen Karten in der Hand, und versuchen, so schlau wie möglich zu spielen, und dabei die Sprüche der »Alten« von uns zu geben, in möglichst grobem Schwäbisch

Eine Single von Ian Dury

Als sie herauskam, kaufte ich sie nicht gleich; erst in den frühen 80er-Jahren legte ich sie mir zu: die Single »Hit Me With Your Rhythm Stick« von Ian Dury & The Blockheads. Ich mochte den Sänger und seine Begleitband sehr, und ich kann mir seine Musik immer noch anhören. Unglaublich, dass er schon im Jahr 2000 verstorben ist!

Das Stück war in den 80er-Jahren recht populär, und das zu Recht: Seine Mixtur aus flottem Rhythmus, schrägem Text – mit französischen und deutschen Wörtern zwischendurch –, gelegentlichen Bläsersäten und viel Funk war schon etwas Besonderes. Dazu der Sänger, der seine Textzeilen nicht »schön« sang, sondern »punkig« herausbrachte.

Veröffentlicht wurde die Single schon 1978, ich besitze die deutsche Pressung der Spliff-Records-Platte. In den 80er-Jahren spielte ich sie auch, wenn ich bei uns im Jugendzentrum meine Platten zum Tanz auflegte; entsprechende Gebrauchsspuren zieren die Vinylscheibe und vor allem die Papierhülle. Ich höre sie trotzdem gern, und ich kenne das Knistern an manchen Stellen schon recht gut.

Wobei die B-Seite auch gelungen ist; sie ist aber nicht tanzbar und wurde von mir deshalb nie gespielt. »There Ain't Half Been Some Clever Bastards« ist sehr locker, ein dezentes Popstück, das man sich auch als Soundtrack für einen Sonntagsspaziergang vorstellen könnte. Textlich ist es eher sarkastisch – insgesamt ein ziemlicher Gegenatz zu dem Hit auf der A-Seite.

Nach all den Jahrzehnten mag ich diese oft benutzte und tausendfach gespielte Single immer noch. In Erinnerung an Ian Dury sollte ich dann heute wohl einen Whisky trinken.

22 Juni 2022

Gert Zech ist verstorben

Es war bei einer Buchmesse in Frankfurt, irgendwann zu Beginn der Nullerjahre. Ich stand – brav mit Anzug und Krawatte – am Stand des Moewig-Verlages und machte meine Arbeit: Termine über Termine, zwischendurch mit Leuten reden. Auf einmal standen zwei Männer vor mir, beide schon grauhaarig, der eine übers ganze Gesicht grinsend, der andere eher zurückhaltend und mit einem grauen Bart.

Den Grinsenden begrüßte ich erfreut. Es war Dieter Sachse, ein schon älterer Science-Fiction-Fan aus Mainz, den ich seit den 80er-Jahren kannte. Mit ihm hatte ich mich im Verlauf der Jahre oft unterhalten. Dieter war unter anderem bekannt als »Porno-Sachse«, weil er bei Cons auch allerlei Porno-Zeitschriften und Videokassetten verkaufte und einml einen Vortrag über pornografische Science Fiction hielt, den ich höchst amüsant fand.

»Das ist übrigens Gert Zech«, sagte er und wies auf den Herrn neben sich.

Wir gaben uns die Hand, und mir entfuhr als erstes der Satz »Zech muss wech«. Der Mann guckte ein wenig griesgrämig, Dieter Sachse lachte laut, und ich brauchte einige Zeit, bis ich die Lage wieder geglättet hatte. Ich meine, das war ja eigentlich schon peinlich: Ich war ein immer noch recht junger Redakteur, Zech ein erfahrener Wissenschaftler – und dann so ein Spruch …

Gert Zech war in den späten 60er-Jahren der Vorsitzende des Science-Fiction-Clubs Deutschland, damals ein aktiver Fan also. Vor allem die Linken innerhalb des Clubs bekämpften ihn massiv, daher kam auch der Slogan »Zech muss wech«.

Wie es sich herausstellte, war er längst als Wissenschaftler tätig und publizierte auch als solcher. Mit der Fan-Szene hatte er praktisch nichts mehr zu tun, Science Fiction mochte er noch. (2019 ließ er sich sogar beim sogenannten OldieCon blicken.)

Das spontane Treffen in Frankfurt blieb meine einzige Begegnung mit Gert Zech. Mittlerweile habe ich erfahren, dass er Anfang 2022 verstorben ist, im Alter von 80 Jahren. Wie ich der Wikipedia entnehmen kann, ist immerhin ein Asteroid nach ihm benannt worden. Das ist dann doch eine schöne Ehrung für einen Mann, und im Nachhinein finde ich es sehr schade, dass meine Begegnung mit ihm so kurz gewesen war.

Alptraumhafte Reise auf einsame Inseln

Der amerikanische Autor Carlton Mellick III ist immer für eine Überraschung gut. Seine Ideen sind ungewöhnlich, seine Phantasien eher grausig, seine Bücher haben zudem eine Faszination, die mich nicht immer begeistern kann. Zuletzt las ich von ihm »Insel der Meerjungfrauen«, das im Februar 2022 im Festa-Verlag erschienen ist, ein recht neuer Roman also.

Im Zentrum der Geschichte steht ein Arzt, der in das Fischerdorf Siren Cove reist, das sich auf einer abgelegenen Insel befindet. In der Umgebung der Insel leben Meerjungfrauen, die sich neuerdings seltsam benehmen. Der Arzt stellt fest, dass sie auf grauenhafte Weise mutieren – die Gefahr für die Menschen der Insel wird dadurch noch größer, als sie ohnehin schon ist …

Mellick nimmt eine phantastische Idee – es gibt Meerjungfrauen wirklich –, setzt sie in eine Welt, die eigentlich der unseren entspricht, und verändert sie auf fiese und zugleich spannende Art und Weise. In diesem Fall heißt das: Wenn es Meerjungfrauen gibt, die Menschen essen, muss die Regierung darauf reagieren. Also werden künstliche Menschen gezüchtet – die Details tun hier nichts zur Sache –, die den Meerjungfrauen als Ersatzfleisch angeboten werden. Und wenn Meerjungfrauen zur Hälfte Fische sind, hat das natürlich auch Auswirkungen auf viele andere Dinge.

Der Autor treibt diese Ideen Stück für Stück weiter. Während die Handlung am Anfang recht harmlos wirkt, wird sie immer gruseliger. Menschen verformen sich, Meerjungfrauen mutieren, die Hauptperson selbst hat ein unheimliches Geheimnis … das liest sich spannend und fesselt über die gesamte Länge des Romans.

Ein wenig ärgerlich ist höchstens die Tatsache, dass der Autor bei den Erzählperspektiven sehr uneinheitlich vorgeht. Er gibt immer dann irgendwelche Informationen zur Insel und den Meerjungfrauen preis, wenn es ihm passt – das wirkt dann manchmal wie hingetrickst und ist wenig spannend.

Das stört aber kaum, weil die Geschichte mit ihrer gruseligen und streckenweise ekligen Atmosphäre mich wirklich packte. Ich konnte kaum mit der Lektüre aufhören und raste am Ende geradezu durch die Seiten. »Insel der Meerjungfrauen« bietet eine verstörende Lektüre; das ist Horror auf eine andere Art als gewohnt.

Erschienen ist der Roman als ein schön gestalteter Hardcover-Band. Ohne Schutzumschlag zwar, aber einfach gut gemacht – sehr großzügig gesetzte 208 Seiten sind es geworden. Beziehen kann man den Roman über diverse Versender als E-Book oder direkt beim Festa-Verlag. Das Hardcover kostet 19,99 Euro.

Wer einen abgedrehten Mix aus Science Fiction, Horror und allgemeiner Phantastik haben möchte, ist hier sehr gut beraten. Der Roman ist nicht brutal, aber er ist streckenweise echt eklig – das ist meine kleine Triggerwarnung an dieser Stelle.

21 Juni 2022

Die Schlacht bei Malsch

Bis vor wenigen Jahren wusste ich nicht einmal davon; seit einiger Zeit stoße ich beim Radfahren ständig auf Zeugnisse: Vor über 200 Jahren tobte in den Dörfern und Tälern der Region, in der ich lebe, eine große Schlacht zwischen den Österreichern und Franzosen. Man nennt sie entweder die Schlacht bei Malsch oder die Bataille d'Ettlingen.

Am 9. Juli 1796 kämpften rund 80.000 Mann aus allerlei Nationen um Dörfer wie Loffenau und Malsch, um Bietigheim und Mühlburg. Die Ettlinger Linie wurde errichtet, es kam zu erbitterten Gefechten.

Geblieben ist davon so gut wie nichts. Im Geschichtsunterricht hatte ich davon nie gehört; dabei liegt Freudenstadt nur wenige Kilometer von den Ausläufern der Schlacht entfernt. Zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Zweiten Weltkrieg schien die Geschichte – so in meiner schulischen Erinnerung – einen großen Bogen um die Region gemacht zu haben; okay, es gab die Badische Revolution, aber die wurde im Unterricht auch kaum durchgenommen.

Aber eine Schlacht mit so vielen Leuten? Ich bin sicher, bei einer Umfrage unter den Menschen der Region wüssten die meisten nichts davon. Sie ist offensichtlich durch jüngere Ereignisse vor allem im 20. Jahrhundert aus dem kollektiven Gedächtnis der Leute verdrängt worden.

Immerhin gibt es immer wieder Gedenksteine im Wald, teilweise schon recht verwittert und durch informierende Tafeln ergänzt. Das finde ich gut, das hilft zumindest Interessierten wie mir weiter ...

Ein Comic-Zweiteiler in faszinierendem Stil

Seien wir ehrlich: Ein Krimi-Comic, in dem ein Mann aufwacht und sein Gedächtnis verloren hat, ist vom Ansatz her nicht sonderlich originell. Wie es aber im Comic-Zweiteiler »Mord für Mord« erzählt wird, ist auf jeden Fall grafisch sehr originell, auch die Geschichte ist unterhaltsam. Die beiden Teile tragen die hübschen Titel »Gila Monster« und »Atemstillstand«, und ich habe sie direkt hintereinander gelesen.

Doch der Reihe nach … Die Geschichte beginnt im Jahr 1964, der Schauplatz ist San Francisco. Und der Mann, aus dessen Sicht erzählt wird, weiß beim besten Willen nicht mehr, wer er eigentlich ist. Er wacht neben der Leiche einer Frau auf.

Dafür scheinen ihn recht viele Leute einschätzen zu können. Er hat richtig viel Geld, er besitzt eine teure Wohnung in New York, die Leute haben Respekt vor ihm. Recht schnell wird klar, dass er aus dem »Milieu« kommt und nicht gerade zu den netten Menschen dieser Stadt gehört. Die Polizei ist ihm auf der Spur, man hält ihn für einen Mörder, und er hat keine Ahnung, was eigentlich rings um ihn gespielt wird.

Wie soll er damit umgehen? Er versucht, mehr über sich und sein Leben herauszufinden, und merkt recht schnell, dass er sich bei diesem Versuch mit der Mafia anlegt …

Als Autor zeichnet bei diesem ungewöhnlichen Comic der in Straßburg geborene Roger Seiter verantwortlich. Seit den 90er-Jahren veröffentlichte er mehrere Comics, für die er die Texte schrieb. In »Mord für Mord« hält er die klassischen Regeln eines Krimis ein: Auf jeder Seite gibt es weitere Informationen, die Hauptfigur sammelt ihre Erkenntnisse, die am Ende ein vollständiges Bild ergeben. Die Dialoge sind oft lakonisch, die Einbindung in die 60er-Jahre wirkt glaubhaft. Das ist spannend erzählt und lässt einen die Comics kaum aus der Hand legen.

Am gelungenen Gesamtbild haben die Zeichnungen und vor allem die Farbgebung einen sehr großen Anteil. Pascal Regnauld ist mir vor allem durch seine Mitarbeit an »Canardo« bekannt geworden. Bei diesem Krimi setzt er auf eine Art gebrochenen Realismus; die Figuren sind ernsthaft gezeichnet, sie wirken aber immer ein wenig verzerrt. Jede für sich ist klar dargestellt, die Action und die Dialoge sind stimmig. Die Welt von »damals« wirkt plastisch und klar, das macht der Zeichner richtig gut.

Seine Farbgebung ist allerdings besonders interessant: Im Prinzip arbeitet er mit Farbtönungen, die er durchzieht. Spielen die Szenen bei Tag, sind sie eher golden und braun; spielen sie in der Nacht, zeichnen sie sich durch krasse Schwarzweiß-Abschnitte aus. Regnaud verzichtet auf zu viele Farben, was seinen Illustrationen einen interessanten Charakter verleiht. So etwas sieht man wirklich nur selten – das ist künstlerisch, aber nicht verkünstelt.

Ein insgesamt mehr als bemerkenswerter Krimi-Zweiteiler!

20 Juni 2022

54 Milliarden ...

Manchmal bin ich fassungslos, wenn ich »Le Monde Diplomatique« lese. Ein Beispiel hierfür bietet die Juni-Ausgabe der Zeitschrift. In ihrem Artikel »Schaut auf Syrien« stellt die Journalistin und Autorin Kristin Helberg dar, wie schlecht und wie teuer die humanitäre Hilfe für das vom Bürgerkrieg zerrüttete Syrien eigentlich verläuft. Nur ein Beispiel:

Seit 2011 haben die westlichen Nationen rund 43 Milliarden Euro für die Syrienhilfe der Vereinten Nationen ausgegeben. Allein Deutschland hat 2020 und 2021 jeweils 1,7 Milliarden hingelegt. Das Geld landet durch allerlei Manipulationen – unter anderem mit der Zentralbank in Syrien – auf den verschiedensten Konten. Und vor Ort werden natürlich nur die Leute mit Hilfsgütern versorgt, die sich dem Regime gegenüber besonders treu verhalten.

Der Artikel geht sehr ins Detail und ist unterm Strich sehr negativ. Die Autorin nennt immerhin Möglichkeiten, die Hilfe – sie ist ja für die notleidende Bevölkerung sinnvoll – so zu lenken, dass sie auch bei den Betroffenen ankommt. Aber die Lektüre macht echt keine Freude.

(Von der Autorin gibt es auch ein recht aktuelles Sachbuch zum Krieg in Syrien, das im Herder-Verlag erschienen ist. Vielleicht sollte ich mir das mal zulegen.)

17 Juni 2022

Männer im Wald

Sie kamen mir auf der Höhe von Frauenalb entgegen: gut ein Dutzend Männer, vielleicht auch mehr, ich zählte sie nicht. Wie alt sie waren, konnte ich unter den trutzigen Helmen und angesichts ihrer frisch und neu blitzenden Radlerklamotten nicht feststellen; ich hätte sie auf »im Durchschnitt« geschätzt.

Sie kamen den Weg von Bad Herrenalb herunter, meist drei Mann nebeneinander, und unterhielten sich lautstark. Die Räder waren neu, die Reifen dick. Die Männer an der Spitze der Gruppe saßen breitbeinig auf ihren Rädern, als ritten sie Pferde und seien im Wilden Westen unterwegs.

Ich war auf dem Weg nach Bad Herrenalb, auf dem Radweg, der rechts entlang der Alb den Berg hinauf führt. Die Strecke war richtig schön: meist eine angenehme Steigung, nur ab und zu mal ein Anstieg, bei dem ich mich mehr anstrengen musste. Ich genoss es, durch den Wald zu fahren. Rechts von mir erhoben sich die Hänge des Schwarzwalds, links von mir war das Naturschutzgebiet, das man entlang der Alb in diesem Bereich des Tals eingerichtet hatte.

Die Männer bekamen offenbar nicht mit, dass ich ihnen entgegen kam. Sie waren mit sich selbst beschäftigt, unterhielten sich laut. Keiner von ihnen war verschwitzt, während ich mich schon ziemlich klebrig fühlte.

»Hey, hallo!«, rief ich und klingelte. »Aufpassen!«

»Vorsicht, Radfahrer!«, schrie einer der Männer an der Spitze der Gruppe. Weiteres Geschrei ertönte, die Gruppe sortierte sich um, so dass ich knapp an ihr vorbeistrampeln konnte, einen halben Meter neben dem Gestrüpp an der Seite.

»Mach doch nicht so ein Geschrei!«, schnauzte mich einer der Radler an, als ich ihn passierte. »Der Weg ist für alle da.«

Ich schüttelte nur den Kopf und trat stärker in die Pedale.

15 Juni 2022

Ein Bier der Lesewuth

»Du trinkst doch auch mal gern ein Bier.« Mit dieser Bemerkung wurde mir auf dem ColoniaCon im Mai diesen Jahres eine Dose in die Hand gedrückt. In der Tat handelte es sich um Bier. Ich stellte das Getränk daheim in den Kühlschrank und vergaß es fast.

Dieser Tage trank ich es endlich. Das Bier der Marke »Lesewuth« füllte mein Trinkglas nicht ganz, aber ich trank es gern: ein leichtes Bier, ein helles Bier, eines, das gut gekühlt den Durst löschte und gut schmeckte. Als Aktion für einen neuen Verlag fand ich das schon mal gut.

Leider konnte ich vom Bier noch keine Rückschlüsse auf den Verlag und sein Programm ziehen. Ich hoffe, dass ich das bald nachholen kann ...

Ein literarisches Meisterwerk

Es gibt Romane, von denen weiß man, dass sie gut sind und dass man sie lesen sollte – und doch schafft man es nicht, sie sich zur Brust zu nehmen. So war’s bei mir mit »Underground Railroad«, dem schon berühmten Roman von Colson Whitehead, 2016 in den USA veröffentlicht, 2017 in deutscher Übersetzung nachgeliefert. (Ich weiß, es gibt eine Fernsehserie auf Basis des Buches; um die geht es mir aber nicht.)

Der Autor erzählt von Cora, einer Sklavin, die auf einer Plantage in den Südstaaten lebt. Sie hat sich eigentlich in ihrem Dasein als rechtlose Person eingerichtet; dann aber beginnt sie mit einer Flucht, die sie quer durch die Südstaaten und an verschiedene höchst dramatische Stellen bringt. Dabei wird sie Zeugin der unterschiedlichen Verhältnisse, in denen die Sklaven sogar in ihrer Freiheit leben müssen.

Whiteheads Roman zeigt am Anfang vor allem die Brutalität der Lebensverhältnisse: Die Sklaven sind rechtlos, sie werden misshandelt und müssen extrem hart arbeiten. Wenn sie zu fliehen versuchen, werden sie ausgepeitscht oder öffentlich auf grausame Weise umgebracht. Als die Sklavin Cora mit ihrer Flucht beginnt, vertraut sie sich der sogenannten Underground Railroad an.

Die gab es auch in der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts. Damit waren die Wege gemeint, auf denen Sklaven aus dem Süden in den Norden geschleust wurden. Bei Whitehead werden daraus wirkliche Eisenbahnlinien, die unterirdisch verlaufen. Der Autor macht also aus seinem großen historischen Thema einen phantastischen Roman.

Das alles ist toll erzählt. Der Roman ist spannend und mitreißend; man leidet mit der Hauptfigur in jeder ihrer Phasen intensiv mit. Aber es ist wegen der teilweise brutalen Szenen halt auch ein Roman, für den man Triggerwarnungen bräuchte. Ich fand ihn großartig und empfehle ihn jederzeit – aber er ist streckenweise nichts für »sanfte Gemüter«.

14 Juni 2022

Fußball und Gewalt in einem Comic

Was für ein Szenario! Fußballspiele und begeisterte Fans bilden den Hintergrund für einen packenden Comic-Krimi. Ich las dieser Tage den dritten Teil von »Stumptown«, der mittlerweile auch in deutscher Sprache erschienen ist. Im amerikanischen Original waren es fünf Hefte.

Wieder steht die Privatdetektivin Dex Parios im Zentrum der Geschichte. Sie ist begeisterte Amateurfußballerin, wobei sie allerdings nicht gut verlieren kann. Sie geht ebenso begeistert ins Stadium, wo sie die Spiele der Lokalmannschaft anschaut. Und sie ermittelt gern auf eigene Faust, auch in Fällen, bei denen die Polizei klar sagt, sie solle die Finger von allem lassen.

In diesem Fall geht es um einen alten Freund, der am Rand eines Fußballspiels ins Koma geprügelt wird. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich nicht um einen Angriff von Hooligans, geht es nicht um die Konflikte zwischen Fußballfans. Es steckt eine Bande dahinter – doch bis klar wird, was hier wirklich gespielt wird, müssen Dex Parios und eine Kollegin viele Gespräche führen und sich auch einmal mit irgendwelchen Leuten herumprügeln.

Erzählt wird das Ganze von Greg Rucka, dessen Comic-Geschichten ich schon immer mag. Bei den Zeichnungen ist mit Justin Greenwood ein neuer Mann am Start, dessen Bilder ich anfangs nicht mochte: zu schroff, zu skizzenhaft, zu wenig comic-ästhetisch. Aber nach einiger Zeit gefielen sie mir in ihrer kantigen Art immer besser, nicht zuletzt auch, weil die Farbgebung von Ryan Hill so viel herausholte.

So ist der dritte Band von »Stumptown« eine hervorragende Erweiterung der bisherigen Geschichten, in dem man ganz nebenbei auch ein bisschen über die militärische Vorgeschichte sowie das Familienleben der Hauptfigur erfährt. Ich mag diese Serie sehr!

13 Juni 2022

50 Jahre Graswurzelrevolution

Dieser Tage las ich es in der Zeitung: Es gibt die Zeitschrift »Graswurzelrevolution« noch, und sie ist sage und schreibe fünfzig Jahre alt geworden. Ich hatte sie schon ganz verdrängt und freute mich sehr über diese Nachricht.

Dabei war ich vor vielen Jahren ein fleißiger Leser der »gwr«, wie man die Zeitschrift abkürzen kann. Zu Beginn der 80er-Jahre abonnierte ich sie, es dürfte um 1980 oder 1981 gewesen sein. Ich sah mich selbst als Anarchisten, und ich wollte mehr über den Anarchismus, seine Hintergründe und vor allem auch mögliche Lehren aus der anarchistischen Literatur ziehen.

Ob mir das damals gelang, weiß ich heute nicht mehr. Die »gwr« hatte sich den sozialen Widerstand auf die Fahnen geschrieben, sie war einem absoluten Pazifismus verpflichtet, und sie hielt sich aus keinem Konflikt heraus, kritisierte nicht nur – wie bei den Linken ja üblich – das Vorgehen der Vereinigten Staaten, sondern ebenso das der Sowjetunion. Ein Thema, an das ich mich noch gut erinnere, war beispielsweise die Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968.

Die Zeitschrift erschien in den frühen 80er-Jahren auf Zeitungspapier und wurde von mir nicht archiviert; das ist schade. Sie fand in der damaligen Science-Fiction-Szene, in der ich mich bewegte, durchaus Anklang: In der Interessenvereinigungn Science Fiction, in der ich Mitglied war, gab es die RAGS, wobei ich nicht mehr weiß, wofür die Abkürzung stand, in der man über Graswurzelthemen diskutierte.

Ich weiß nicht mehr, warum damals mein Abonnement der Zeitschrift auslief. Es gab keinen Streit, ich fand nichts doof. Womöglich lag es schlicht an der Zeit: Ich konnte und kann schließlich nicht alles lesen, was mich interessierte und interessiert.

Schön, dass es die »Graswurzelrevolution« noch gibt! Ich habe mir den Internet-Auftritt der Zeitschrift angesehen, an dem mir vieles gefallen hat, und habe nun auch den Newsletter abonniert. Damit werde ich über neue Ausgaben und Bücher informiert; da werde ich wohl öfter vorbeischauen.

11 Juni 2022

Knapp unterführt

Es wimmelt in Karlsruhe von Unterführungen: Mit dem Rad fährt man – wenn man an einem Bach oder Kanal entlangkommt – ständig unter irgendwelchen Autobahn-, sonstigen Straßen- oder Eisenbahnbrücken vorbei. Heute hatte ich aber die denkbar knappste Unterführung.

Hinter dem Hügel, den die Meister des Straßenbaus vor vielen Jahrzehnten über dem Edeltrut-Tunnel aufgeschüttet haben, rollte ich einen schmalen Weg hinunter, der an der genannten Unterführung endete. Entlang des Erlengrabens, unter einem Bahngleis hindurch.

Der Weg leerte mich Demut. Kinder bis zu zehn Jahren können ihn wohl aufrecht passieren, alle anderen haben ein Problem. Mein Fahrrad konnte ich hindurchschieben, aber ich selbst ging äußerst gebückt.

Aber gut: Danach war ich im Weiherwald. Dieses winzige Waldstück, vielleicht eineinhalb auf eineinhalb Kilometer groß, habe ich mir seit gut zehn Jahren nicht mehr angesehen. Aber es ist wirklich hübsch: plätschernder Bach, schöne Wege, rauschender Wald. 

Aber nach dieser Unterführung fand ich eh alles toll.

10 Juni 2022

Kurzer Austausch klarer Aussagen

Manche Leute glauben, man müsste mit allen Menschen – egal welcher Couleur – gut auskommen und freundlich diskutieren. Grundsätzlich finde ich das auch richtig: Mit Freundlichkeit schadet man sich selbst eigentlich nie.

Aber manchmal müssen die Argumente doch ein wenig handfester sein. Ein schönes Argument für eine kurze, aber heftige politische Diskussion sah ich heute, als ich mit dem Rad zwischen Weingarten (eher Werabronn) und Hagsfeld unterwegs war.

Vielleicht sind die Graffiti nicht gerade künstlerisch wertvoll. Aber sie sind es wert, für die Nachwelt hiermit aufbewahrt zu werden. Bevor jemand den Turm unweit des Sees streicht ...

05 Juni 2022

Hokuspokus mit Familie Flöz

Ich mag die Familie Flöz seit vielen Jahren und habe die meisten Theaterstücke der ungewöhnlichen Schauspieler-Truppe gesehen. Am Samstagabend, 4. Juni 2022, sah ich mir im Theaterhaus in Stuttgart das Stück »Hokuspokus« ab. Dabei handelte es sich um eine Vorpremiere, die eigentliche Uraufführung findet in Berlin statt.

Wer die Familie Flöz nicht kennt: Es handelt sich um Theaterstücke, die größtenteils ohne Dialoge auskommen. Die Schauspieler tragen Masken, die sie auch ständig wechseln. Eine Person kann also mehrere Figuren spielen, und normalerweise bekommt man nicht mit, wie dieses Wechseln geschieht. Bei »Hokuspokus« ist das streckenweise anders.

Es fällt mir schwer, das Stück zusammenzufassen. Es behandelt im Prinzip das Leben eines Paars von den Anfängen bis ins Grab. Kinder werden geboren und ziehen weg, sie zerstreiten sich mit den Eltern – symbolisiert ausgerechnet durch lauten Deathmetal – oder werden vom Auto überfahren. Ein ganzes Panorama der Menschheit in einem fast zwei Stunden dauernden Theaterstück.

Ich war traurig und fasziniert, ich war gefesselt und mitgerissen. »Hokuspokus« ist für mich ein Theaterstück voller Emotion – großartig!

03 Juni 2022

Peter sitzt im Café

Es ist bereits die Ausgabe 162 des OX-Fanzines, und enthalten ist die Folge 37 meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock’n’Roll«. Diesmal geht’s um ein Mittagessen in einem Café. Das klingt nicht rasend spannend, und es sicher eine Passage ohne weitere Action – aber es dient dazu, die Hauptfigur stärker zu charakterisieren und mal wieder zu zeigen, welche Musik zu welcher Zeit gehört wurde.

Die »Peter Pank«-Geschichten haben schon immer die Zeit gespiegelt, in der sie spielen, auch die, in der sie geschrieben werden. Das merkt man in ganz frühen Folgen, die in den 90er-Jahren veröffentlicht wurden und in denen sich die Hauptfigur beispielsweise über Punks ärgert, die Baseballkappen tragen. Heute würde man nicht einmal mehr verstehen, warum man sich da ärgern könnte.

Diesmal spielt Musik aus Frankreich eine Rolle, aber es geht vor allem um das Gefühl von Fremdheit, das man als Punk haben kann, wenn man sich in einem normalen und bürgerlichen Umfeld aufhält. Wer sich jahrelang nur in einer Szene wohlfühlte, die sich gegenüber dem »System« bewusst abgrenzte, hat eindeutig seine Probleme damit, in einem gemütlichen Café zu sitzen.

02 Juni 2022

In der Tiefdruckerei

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Schon während des Krieges und in ihrer Schulzeit musste meine Mutter hart arbeiten; sie half ihrer Mutter im Haushalt und versorgte die jüngeren Geschwister. Eine richtige Ausbildung machte sie nach der Schule und im Chaos der Nachkriegszeit nicht, was dazu führte, dass sie immer nur als »ungelernte Hilfsarbeiterin« angestellt wurde: in den späten 40er-Jahren als sehr junge Frau im Wald, wo sie unter anderem neue Bäume pflanzte, zu Beginn der 50er-Jahre dann in einer Druckerei in Freudenstadt.

Schlott Tiefdruck begann damals seinen Aufstieg. Die Firma kaufte neue Druckmaschinen und expandierte. Meine Mutter arbeitete im Lager und in der Weiterverarbeitung: Sie bündelte Zeitschriften, sie verlud die Pakete mit gedruckten Prospekten, sie wuchtete Berge von Papier durch die Gegend. Mit der eigentlichen Produktion der gedruckten Produkte hatte sie nichts zu tun.

Wann genau das Bild hier aufgenommen wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Meine Mutter hatte Jahrzehnte später erst damit angefangen, einzelne Bilder mit Notizen zu versehen. »Am Arbeitsplatz Schlott Tiefdruckerei« steht auf der Rückseite des kleinen Fotos (größere Fotoabzüge kosteten vergleichsweise viel Geld), mehr nicht. Meine Mutter ist die Frau links im Bild; zu der Kollegin auf der rechten Seite hatte sie nichts notiert.

01 Juni 2022

Wenn sich ein Mob entwickelt …

Ein ausländerfeindlicher Mob belagert ein Haus, Steine fliegen, Beleidigungen werden gebrüllt. Der Grund: Man verdächtigt die Fremden, ein junges Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Die Polizei sichert halbherzig das Haus ab, ebenso halbherzig wird ermittelt; man merkt, dass einige Polizisten die Fremden – die schon seit über eine Generation im Land leben – ebenfalls nicht ausstehen können.

Die Szene spielt in Frankreich und im Jahr 1938, und die Ausländer sind die Angehörigen einer deutschen Familie, die sich in einer nordfranzösischen Stadt niedergelassen hat. Georges Simenon, den die meisten als Schöpfer von Kommissar Maigret kennen, hat mit »Chez Krull« einen Roman geschrieben, der nichts von seiner Aktualität verloren hat – auch wenn die Fremden heute aus anderen Ländern kommen. Im Kampa-Verlag ist der Roman in einer Neuauflage erschienen, und ich habe ihn dieser Tage endlich gelesen.

Auslöser für das Geschehen ist ein Besucher aus Deutschland: Ein Verwandter der Familie Krull taucht auf, bewegt sich großmäulig durch die kleine Stadt, verführt die Tochter und benimmt sich insgesamt nicht so zurückgezogen und angepasst, wie man es von Fremden erwartet. Seine Anwesenheit löst eine Kette von Ereignissen aus, deren Ende für den Leser dann erschreckend ist.

Man merkt, dass der Roman vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben worden ist. Die Rede ist zwar von Konzentrationslagern und politischen Problemen; das spielt aber nur am Rand eine Rolle. Offensichtlich war der Schrecken des Krieges noch weit entfernt. Eine abschließende Szene des Romans spielt schließlich nur »einige Jahre danach« im norditalienischen Stresa ... Deutsche, Franzosen und Italiener im schönsten Frieden.

Es ändert aber nichts an der Geschichte und vor allem nichts an der klaren Darstellung von Fremdenfeindlichkeit. »Chez Krull« ist ein eindrucksvoller Roman, das Panorama einer kleinen Stadt und eines sich steigernden Konfliktes.

Georges Simenon war schon in den dreißiger Jahren ein hervorragender Autor, der mit kurzen Sätzen und knappen Beschreibungen eine wirklich große Geschichte erzählen konnte. Toll!

31 Mai 2022

Trommeln am Montag

Ich war im Training, und ich schwitzte vor mich hin. Weil ich eine FFP2-Maske trug, empfand ich die Übungen als ziemlich anstrengend, aber ich hatte mich in den vergangenen Monaten schon fast an die Masken gewöhnt. Durch die offenen Fenster drang der Lärm der Fußgängerzone zu uns herein. Menschen sprachen miteinander, Radfahrer betätigten ihre Klingel, ein Kind weinte, irgendwo piepte ein Smartphone.

Dann mischte sich ein anderes Geräusch darunter. Es waren Trommeln. Gleichmäßig, als ob eine Marschkapelle auftrumpfen wolle. Es war nicht sonderlich laut, aber es kam langsam näher.

»Sie trommeln wieder«, sagte die Frau, die an der Maschine neben mir trainierte. Offenbar hatte sie bemerkt, dass ich lauschte. Auch sie hielt in ihrer Übung inne und hörte angespannt, was auf der Straße vor sich ging.

»Immer noch montags?«, fragte ich.

Sie nickte. »Jeden Monat zur gleichen Zeit. Die sind echt zäh.«

Mehr sprachen wir nicht. Von draußen ertönten die Sprechchöre: »Für die Kinder!« und »Für die Freiheit!« riefen sie rhythmisch, angetrieben durch die Trommeln. Zwischen den Häusern der Fußgängerzone hallten die Stimmen wieder. Ich konnte nicht feststellen, wie viele Menschen an dem Umzug, sicher nicht mehr so viele wie im Winter, als gut 500 Leute unter Trommelwirbel durch die Stadt gezogen waren.

»Gruselig«, sagte ich halblaut, mehr nicht. Wir schrieben Ende Mai 2022, alle Corona-Bestimmungen waren aufgehoben, man konnte ohne Maske einkaufen und brauchte sich an keine Regeln mehr zu halten.

»Aber es ist halt Meinungsfreiheit«, sagte die Frau und verzog das Gesicht.

»Ja«, sagte ich. »Meinungsfreiheit.« In Gedanken schickte ich der Demonstration auf der Straße einen Stinkefinger, dann ging ich an die nächste Maschine.

Unheimlich-phantastischer Comic-Dreiteiler

Erschienen ist »Die Bruderschaft der Krabbe« in deutscher Sprache bereits vor über zehn Jahren. Gelesen habe ich den Comic-Dreiteiler erst dieser Tage, und ich war davon ziemlich beeindruckt: eine starke Geschichte, beindruckende Grafiken, eine ziemlich verdrehte Welt. Das ist sicher nicht jedermanns Geschmack – aber wer einen phantastischen Comic mit besonderem Charakter lesen möchte, ist hier bestens beraten.

Der Inhalt ist nicht einmal so leicht zu erzählen. Es geht um eine Gruppe von Jungs, die sich im Krankenhaus kennenlernen. Anscheinend leiden sie alle an derselben Krankheit: Sie sind von einer Krabbe befallen. Die Tiere sitzen im Kopf oder im Arm, im Unterleib oder in den Beinen. Wenn die Jungs überleben wollen, müssen sie operiert werden.

In der Folge stellen sich den Jungs immer mehr Fragen, und sie beschließen, als eine Bruderschaft – so nennen sie sich dann – mehr über ihre Umwelt zu erfahren. Sie stoßen auf Vampire und schöne Frauen, auf wandelnde Skelette und monströse Wächter auf einem Friedhof, sie reisen durch die Nacht und über ein tiefes Gewässer, sie stolpern in ihren Schlafanzügen und barfuß durch eine Welt der Träume und der Alpträume.

Das Szenario für diesen Comic stammt von Mathieu Gallié, der mir bislang völlig unbekannt war. Seine Geschichte lässt den Leser lang im Unklaren, was eigentlich »wahr« ist und was nur als Träume wahrgenommen wird. Er stellt seine jungen Figuren in eine Welt voller Schrecken und grausiger Details, in der sich phantastische Ideen und schnelle Schauplatzwechsel aneinanderreihen.

Für die Bilder ist Jean-Baptiste Andreae zuständig, den ich bereits kannte. Von ihm stammt das großartige »Azimut«, eine völlig abgedrehte Phantastik-Geschichte, die man unmöglich in wenigen Sätzen zusammenfassen kann. Seine Bilder sind realistisch; sie wirken teilweise wie große Gemälde. Besonders eindrucksvoll finde ich sie in den Phantastik-Szenen: eine riesige Krabbe, ein Saal mit arbeitenden Skeletten, ein Friedhof in der Dunkelheit … das ist alles richtig klasse gemacht.

»Die Bruderschaft der Krabbe« ist originell erzählte Phantastik, irgendwo zwischen Horror und Dark Fantasy, ein Bilderreigen, dessen Seiten man sich mehrfach ansehen kann. Toll!

30 Mai 2022

Minestrone und Krachmusik

Wir waren zum ersten Mal im »Minestrone«. Man muss das Lokal in Karlsruhe nicht kennen; wir wollten es spontan ausprobieren. Und so saßen wir am Wochenende auf der Terrasse des Lokals, mit einem schönen Blick auf das Gottesauer Schloss, und ließen uns dort ein gutes Essen und kühle Getränke schmecken.

Das Lokal ist gewissermaßen umgezogen; die Leute waren zuvor an einer anderen Stelle der Oststadt untergebracht. Die neuen Räumlichkeiten befinden sich im Obergeschoss des »Substage«, eines Musik-Clubs in Karlsruhe; vorher war dort das »Substage Café«. In den Räumlichkeiten wurden früher kleinere Konzerte veranstaltet, das machen die Betreiber des »Minestrone« nun auch.

Wir saßen da und aßen und tranken und unterhielten uns gut. Die Beschallung aus dem unteren Stock hatte einiges für sich: Die Subways lärmten, eine englische Band, die Rock’n’Roll mit einem Schuss Punk und viel Schmackes verbindet und häufig nach den 80er-Jahren klingt. Das fand ich gut, das johlende, klatschende und eifrig mitsingende Publikum gab zudem eine ergänzende Kulisse dazu ab.

Was ich bei alledem gut finde: Es gibt eine neue Lokalität in der Oststadt, wo man ordentlich essen kann, wo man krachende Musik quasi mitgeliefert bekommt und wo man angesichts des großzügigen Balkons den Abend schön ausklingen lassen kann. Es war sicher nicht unser letzter Besuch dort.

27 Mai 2022

Ende der Autorenkollektion

Dieser Tage ging eine Meldung durch die Sozialen Medien: Der Verlag Peter Hopf stellt seine Autorenkollekton ein, weil es – sehr grob vereinfacht – nicht genügend Kunden dafür gibt. Ich finde das traurig, weil die einzelnen Taschenbücher sehr schön aussehen und ein Bücherregal schmücken. Aber an der Lage kann ich persönlich erst einmal nichts ändern.

In der Autorenkollektion wurden Romane präsentiert, die in den 60er- und 70er- und auch 80er-Jahren als Science-Fiction-Heftromane erschienen waren. Sie kamen in schönen Doppelbänden heraus: Aus zwei Heftromanen wurde ein Taschenbuch. Das sah toll aus: neues Cover, farbiger Buchschnitt, schöner Klappcover-Umschlag.

Ich hatte eine ähnliche Überlegung schon Ende der 90er-Jahre. Als ich immer noch ein vergleichsweise junger Redakteur war, wollte ich in der neuen Programmrichtung »Moewig Fantastic« auch die Reihe TERRA ASTRA wieder aufleben lassen. Damals hatten wir ein ähnliches Konzept: Heftromane klassischer Art, die als Hardcover-Bände neu aufgelegt wurden.

Das funktionierte damals nicht. Damals ging man aber von höheren Verkaufszahlen aus. Damals galt noch der Satz, »unter 5000 Exemplaren« brauche man keine Druckmaschine anzuwerfen. Heute ist es für kleine Verlage ja gut machbar, kleinere Auflagen zu drucken und zu vertreiben, ohne im Minus zu verharren.

Für die Autorenkollektion hat es nicht gereicht. Über die Gründe kann man lange spekulieren. Fakt ist offenbar, dass es keinen großen Markt für Nachdrucke deutschsprachiger Science-Fiction-Klassiker gibt. 

Wenn man die Sammler dieser Romane anspricht, stößt man wohl vor allem auf Menschen, die bereits die Originale besitzen. Und für jüngere Menchen sind die Autoren oder die Themen offensichtlich nicht attraktiv genug. Das aber sind jetzt alles Spekulationen ...

26 Mai 2022

Isolation aus Münster

Das Schlagzeug bollert, die Gitarre knattert, der Sänger brüllt mit dunkler Stimme dazu: Die Band Isolation aus Münster brachte 2012 eine EP bei Three Chords heraus, die ich dieser Tage wieder einmal anhörte. Und ich stelle zum wiederholten Mal fest, dass ich ein solches Geboller einfach mag. Fünfmal knallt die Band sich durch ihre Hardcore-Stücke.

Das ist nicht immer Hochgeschwindigkeits-Punk, aber meist sehr hüpf- und pogotauglich. Die Stücke sind schmissig, sie versetzen mich unweigerlich in Bewegung. Klar erfindet die Band den Hardcore nicht neu, aber das macht überhaupt nichts – solche Musik hörte ich schon in den späten 80er-Jahren gern und heute immer noch.

Die englischsprachigen Texte sind knapp und durchaus ruppig. In »No Surrender« stellt sich die vierköpfige Band als ein Kreis von Freunden vor, die immer zusammenhalten und auch auf der Straße nicht weichen, wenn es ernst wird. »The violent nights / I’ll always remember / the dreams we shared / no surrender!«

Fünf Knaller: Das hat was!

25 Mai 2022

Spannender Blick auf eine Science-Fiction-Epoche

Zu den vielen verdienstvollen Büchern, die Hardy Kettlitz mittlerweile geschrieben und veröffentlicht hat, zählen die Sachbücher über die Hugo Awards. In insgesamt drei Bänden zeichnet der Autor dabei die Geschichte des wohl wichtigsten Science-Fiction-Preises nach.

Ich las dieser Tage endlich das Buch »Die Hugo Awards 1985 – 2000«, das bereits 2016 erschienen ist. (Ein solches Sachbuch veraltet ja nie, weshalb diese Besprechung hier entsprechend spät kommen darf.)

Der Zeitraum ist für mich spannend; es ist eine Zeit, in der ich viele der aktuellen Neuerscheinungen praktisch direkt zum Termin las. Ich besuchte in diesem Zeitraum vier WorldCons und bekam so auch wesentliche Entwicklungen mit. Viele der besprochenen Titel habe ich gelesen, viele der genannten Autorinnen und Autoren persönlich getroffen. Das färbt natürlich meinen persönlichen Blick auf das gelungene Sachbuch.

Wenn man sieht, dass es mit William Gibsons »Neuromancer« beginnt, sieht man schon, dass in den genannten fünfzehn Jahren wesentliche Entwicklungen in der von mir bevorzugten Literaturrichtung abliefen. Autorinnen wie Nancy Kress erhielten Preise und wurden mit in diesem Zeitraum bekannt, David Brin oder Km Stanley Robinson wurden bedeutsam, ich liebte die Texte von Connie Willis und die Anthologien von Gardner F. Dozois.

Eine spannende Zeit, auf die Hardy Kettlitz mit sehr großer Sachkenntnis blickt!

Das Buch kann man als Lesebuch benutzen: Immer wieder stolpert man dabei über interessante Themen und erhält Lektüre-Empfehlungen. Oder man nimmt es als Nachschlagewerk für eine wichtige Epoche der zeitgenössischen Science Fiction. Wer sich für das Genre interessiert, sollte dieses Buch kennen.

24 Mai 2022

Dreiteiler um Superhelden und Brandstifter

Bereits 2002 wurde in den USA der Dreiteiler »After the Fire« mit den Charakteren Batman und Deathblow veröffentlicht. Es dauerte bis zum Frühjahr 2020, bis er auch in deutscher Sprache erschien: Ich habe »Batman/Deathblow – Nach dem Feuer« mittlerweile gelesen, fühlte mich gut unterhalten und möchte eine eingeschränkte Empfehlung vergeben …

Die Handlung setzt vor zehn Jahren an. Bei einer Mission in dieser Zeit hat der Auftragsmörder Deathblow eine Reihe von Menschen getötet und mit einem gefährlichen Mann zusammengearbeitet, der in der aktuellen Handlungszeit in Batmans Visier gerät. Wie die Ereignisse von damals mit den heutigen Problemen zusammenhängen, erzählt der Dreiteiler in einer spannenden, wenngleich nicht immer logisch strukturierten Geschichte. Unter anderem ist ein Mann wichtig, der in der Lage ist, mittels seiner Gedanken Brände auszulösen – ein Pyrokinet also.

Der Dreiteiler ist sehr komplex, weil er auf zwei Zeitebenen spielt, die sich in der Farbgebung und in der Erzählführung kaum voneinander unterscheiden. Um zu verstehen, welche Szene in welcher Zeit handelt, muss man sehr genau lesen und sich auch um Details wie die wechselnden Frisuren mancher Handlungsträger kümmern.

Brian Azzarello ist für die Texte verantwortlich und konzipierte die Geschichte. Der erfahrene Comic-Autor hat nicht nur Superhelden-, sondern auch Krimi- und Westerngeschichten geschrieben. Die Dialoge sitzen, die Handlung funktioniert. Interessanterweise spielt Batman als Figur fast eine zweitrangige Rolle; Azzarello konzentriert sich auf die Nebenfiguren und den Pyrokineten.

Lee Bermejo, den ich als Comic-Künstler sehr schätze, hat einen Stil, bei dem die einzelnen Bilder oft wie kleine Gemäde wirken. Gesichter sind ausdrucksstark, Szenen lebensnah. Da viele Szenen in der Dunkelheit oder Dämmerung spielen, entsteht allerdings oft eine gewisse Gleichförmigkeit, was die Farben angeht. Aber die vielen düsteren Bilder passen zur düsteren Geschichte.

Erschienen ist dieser Comic-Band als Paperback und als Hardcover-Band in limitierter Ausgabe (ich habe mir die Hardcover-Version geholt, weil die einfach toller aussieht). Sie ist 164 Seiten stark. Man muss den Band sicher nicht haben, er ist kein Pflichtkauf. Für einen »Batman«-Fan ist er aber sehr empfehlenswert, und wer »Hardboiled«-Krimis liebt, sollte ebenfalls einen Blick riskieren.

23 Mai 2022

Brüste und Stifte

»Mädchen haben alle Arten von Brüsten«, erzählte der Junge seinen Kumpels. »Sie sind groß, sie sind klein, manche hängen, manche stehen, und manchmal weiß man nicht, wie man sich entscheiden soll.«

Ich horchte auf. Die Jungs waren deutlich größer als ich, eine Bande, wenn man es genau nahm. Drei saßen auf der Parkbank, zwei andere auf dem Rasen. Ich selbst gammelte keine fünf Meter von ihnen entfernt auf dem Zeltplatz herum; dort lehnte ich an einem Baum und las einen Heftroman, in dem unter anderem ein sogenannter Mausbiber eine wichtige Rolle zu spielen hatte.

Die Sonne schien, ein sanfter Wind bewegte die Blätter der Bäume, im Hintergrund rauschte ein Bach. Meinen Eltern wäre es wie eine Idylle vorgekommen, ich fand es ein wenig langweilig. Gut, dass meine Freunde, mit denen ich zum Zelten auf dem Gelände war, einige Science-Fiction-Heftromane dabei hatten. Wobei mich im Augenblick ja eher das Gespräch ablenkte, das in meiner direkten Nähe geführt wurde.

Der eine der Jungs schien sich richtig gut mit Mädchen auszukennen. Er führte das große Wort, die anderen hörten gespannt zu und unterbrachen höchstens mit interessierten Zwischenfragen. Dabei waren sie alle im gleichen Alter, hätte ich geschätzt, 15 oder 16 Jahre etwa.

Einige von ihnen waren mit Mofas an den Zeltplatz angereist, manche hatten schon Haare im Gesicht, wenngleich eher flaumig. Ich fand sie recht erwachsen und fühlte mich in ihrer Nähe noch unsicherer, als ich ohnehin schon war.

»Was muss man denn da entscheiden?«, fragte einer der anderen Jungen. Er hatte fürchterlich viele Pickel im Gesicht, ließ dafür seine Haare schon über die Ohren wachsen und hatte mit Abstand die größte Klappe in dieser Clique.

»Du hast ja gar keine Ahnung!«, tönte der Wortführer und lachte. Die anderen fielen in das Gelächter ein.

Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass der Pickelige in diesem Augenblick rot anlief. Hoffentlich bekam er nicht mit, dass ich alles mitbekam. Das würde ich sonst später zu spüren bekommen.

»Natürlich muss man sich entscheiden, welche Brust man mag«, sagte der Wortführer bestimmt. »Dafür gibt es einen Trick, dann weiß man es.«

Gespannt lauschte ich. Den Heftroman hatte ich bereits sinken lassen. Ich hatte gerade keinen Kopf für Abenteuer zwischen den Sternen, so sehr diese auch locken mochten. Mädchen fand ich noch fremdartiger als Raumschiffe; mit beiden hatte ich keine Erfahrungen gesammelt.

»Man nimmt die Brust«, erläuterte der Wortführer. Die Gruppe der Jungen war still, alle lauschten angespannt. »Dann hebt man sie an und legt einen Bleistift darunter. Wenn man dann die Brust loslässt und der Bleistift hängen bleibt und nicht verrutscht, dann ist es eine gute Brust.«

Ich lauschte verwirrt. Was sollte das jetzt? Ich verstand nicht, was das sollte. An dieser Stelle verließ mich die Vorstellungskraft. Der Linearraum oder so eine Transformkanone waren dagegen handfest und klar verständlich.

»Und … und das funktioniert?«, stotterte einer der anderen Jungen.

»Ja klar!«, rief der Wortführer. »Sonst würde ich es doch nicht erzählen.«

Das Gespräch verlagerte sich auf andere Themen. Die Jungs redeten über Fußball und Mofas, die Schule und ihre Ferien. Ich las meinen Heftroman weiter, das fand ich spannender.

Aber das Beispiel mit dem Bleistift vergaß ich in all den kommenden Jahren und Jahrzehnten nie.

20 Mai 2022

Griechischer Abend

Was macht man, wenn es im Mai schon so heiß ist wie in manchen Jahren sonst im August? Man experimentiert und improvisiert. Das heißt dann: kein heißes Abendessen, sondern viel »Stinkefraß« und eingelegtes.

Wir kauften auf dem Markt ein, wir arrangierten alles schön, wir machten noch ein wenig Salat, wie tranken guten Weißwein dazu, und wir nannten es einen »griechischen Abend«. Für jeden »echten« Griechen klingt das vielleicht beleidigend, Exilschwaben mag das ausreichen. Die Kombination schmeckte auf jeden Fall sehr lecker und sorgte für einen angespannten Bauch.

Man kann sich ja nicht immer auf die ach so leichte Sommerdiät konzentrieren ...

Künstliche Intelligenz im Magazin-Blick

Ich mag das Fanzine »!Time Machine« seit seiner ersten Ausgabe. Das liegt daran, dass es ein echtes Science-Fiction-Fanzine ist, in dem sich die Macher mit großer Begeisterung auf ein Genre stürzen und sowohl verständliche als auch informative Texte dazu verfassen. Die fünfte Ausgabe erschien bereits im Oktober 2021, ich las sie aber erst dieser Tage zu Ende.

Das liegt nicht an der mangelnden Qualität – ganz im Gegenteil! Es liegt schlicht daran, dass das Heft viel Inhalt bietet und dass dieser Inhalt, wenn man ihn anders präsentieren würde, die Ausmaße eines durchschnittlichen Taschenbuches einnähme. Den Inhalt des 60 Seiten starken Fanzines bildet nämlich ein umfangreicher Artikel von Udo Klotz, der sich mit dem Thema »Künstliche Intelligenz in der Realität und der Science Fiction« beschäftigt.

Der Autor zeigt auf, als was eine Künstliche Intelligenz heute angesehen wird, und er stellt dar, wie der Begriff über die Zeiten hinweg entwickelt wurde (dass er auch La Mettrie und sein Werk »L’Homme Machine« erwähnt, freut mich; das zeigt im übrigen, dass er sehr gründlich recherchiert hat – das Ding kennt echt kaum jemand). Besonders breiten Raum nimmt natürlich die Darstellung Künstlicher Intelligenzen in der Science Fiction ein.

Dabei entsteht ein umfassendes Bild. Klassiker wie Isaac Asimov und Stanislaw Lem sind enthalten, ebenso moderne Anthologien oder Romane, die eher im »Allgemeinen Programm« der Buchverlage veröffentlicht worden sind. Ebenso blickt der Autor auf Filme, sowohl auf eher schlichte Darstellungen wie die »Star Wars«-Roboter als auch auf ironische Darstellungen wie in »Wall-E«. Wer hinterher noch mehr darüber wissen möchte, findet eine umfangreiche Literaturliste im Abschluss der Zeitschrift.

Was ich bei alledem richtig gut finde: Udo Klotz wertet nicht. Er stellt Bücher aus kleinen Verlagen ebenso dar wie Romane, die längst vergriffen sind, er spannt den ganz großen Bogen aus der Frühzeit der Science Fiction bis heute, er blendet dabei vor und zurück. Und so schafft er ganz nebenbei ein Panorama der phantastischen Literatur, das man auch jemandem in die Finger drücken kann, der sich sonst nicht mit dem Genre beschäftigt.

Das gut geschriebene und professionell gestaltete Magazin ist im Wurdac-Verlag erschienen. (Dort kann man es auch immer noch bestellen.) Der Umschlag ist bunt, die Innenseiten sind schwarzweiß. Wer sich für Science Fiction interessiert, sollte das Magazin abonnieren; diese Ausgabe ist als monothematisches Werk aber auch darüber hinaus lesens- und empfehlenswert!