22 April 2021

Eine Geschichte des Berliner Fandoms

Im Jahr 1966 war es soweit: »Die Geschichte des Berliner Fandoms« – also der Szene von Science-Fiction-Fans in der damaligen Mauerstadt – wurde aufgeschrieben und in einem Fanzine veröffentlicht. Die Veröffentlichung geschah im Sonderdruck 6 des Fanzines »Anabis«, das in den 60er-Jahren eine der besten deutschsprachigen Science-Fiction-Publikationen war.

Es ist auch heute noch erhellend, das Fanzine mit seinem Dutzend Seiten zu lesen. Immerhin begann die Szene in Berlin im Februar 1956; damals gründete sich der Science Fiction Club Berlin, der sich als Untertitel noch als »Freunde der Raumschiffahrt« – natürlich nur mit zwei »f« firmierte – bezeichnete. In den zehn Jahren zwischen 1956 und 1966 war die Geschichte dieses Clubs und der engagierten Fans durchaus abwechslungsreich.

Lese ich das heute, schüttle ich unweigerlich den Kopf. Viele der Namen sagen mir etwas, weil ich sie in anderen Publikationen gelesen oder die betreffenden Personen teilweise auch kennengelernt habe. Man stritt sich um Dinge, die kaum noch nachvollziehbar sind, häufig scheint es aber letztlich um die Profilneurosen junger Männer gegangen zu sein. (Die Chronik verzeichnet praktisch nur männliche Namen. Ein Charakteristikum für die frühe Fan-Szene.)

Ich habe das kleine Fanzine sehr gern gelesen. All diese Ereignisse spielten sich Jahrzehnte vor meiner Fan-Zeit ab; sie sind teilweise nur erklärbar, weil Berlin aufgrund seines Vier-Mächte-Status unter besonderen Regelungen stand. Erhellend ist, dass es immer wieder die gleichen Konflikte gibt ...

Polternde Melodien aus Kalifornien

In den 90er-Jahren zählte die kalifornische Band Swingin' Utters zu denen, die oft bei mir daheim liefen – oder auch bei Freunden. Die Band orientierte sich am klassischen englischen Punkrock, mischte ihn aber viel frischer und wuchtiger auf, und das Ganze wurde mit dem modernen Begriff »Street-Punk« belegt.

Dieser Tage hörte ich mir mal wieder die Platte »A Juvenile Product of the Working Class« an und war einigermaßen verblüfft. Es war die dritte Langspielplatte der kalifornischen Band, sie wurde 1996 veröffentlicht. Meine Begeisterung früherer Tage ist tatsächlich verschwunden – auch wenn ich die Platte nicht schlecht finde und sie mehrfach hintereinander anhören kann, packt sie mich nicht mehr so. Woran liegt's?

Es ist kein Hochgeschwindigkeits-Punkrock, die Stücke sind meist in einer mittleren Geschwindigkeit. Das kommt mir heute dann durchaus ruhig vor, fast schon lahm. Immerhin gibt es kein Metal-Gewichse und keine elenden Gitarrensoli, die meisten Stücke zünden trotzdem nicht.

Seien wir ehrlich: Anhören kann ich mir das immer noch, die Melodien poltern eifrig vor sich hin und gehen auch ins Ohr; es sind aber vergleichsweise wenig Hits dabei. Sogar die schnellen Stücke vergesse ich recht schnell, und auch nach dem dritten Durchhören der Platte bleibt wenig hängen.

Vielleicht muss ich sie einige Jahre im Plattenschrank lassen, vielleicht gefällt sie mir dann wieder. Im eigenen Kopf verschiebt sich im Verlauf der Jahre doch immer wieder einiges, und 1996 ist halt doch schon eine Weile her. Ob ich's 2026 noch mal probiere?

21 April 2021

Ein Bayern-Krimi mit besonderer Note

Fatou Fall wächst in Bayern auf, wohnt aber in Hamburg, wo sie als Kaufhausdetektivin arbeitet. Als sie beschließt, ihrer Tochter ihre Heimat in Oberbayern zu zeigen, weiß sie nicht, dass sie damit in einen Kriminalfall verwickelt wird. Das ist die Ausgangslage für »Die schwarze Madonna«, einen Krimi, der sich selbst als »Afrodeutscher Heimatkrimi« darstellt.

Die Geschichte klingt erst mal nach einem ganz normalen Krimi mit Heimatbezug, bekommt aber ab der ersten Seite einen ganz eigenständigen Charakter: Fatou Fall ist nämlich schwarz. Und sie wird ständig mit rassistischen Klischees und Vorurteilen konfrontiert, ebenso ihre Tochter. Für mich, der ich zur weißen »Mehrheitsgesellschaft« gehöre, war das immer wieder höchst interessant zu lesen, nicht unbedingt immer positiv, aber oft so, dass ich zum Nachdenken angeregt wurde.

Ansonsten läuft die Geschichte auf den ersten Blick recht konventionell ab. Die Detektivin bekommt einen Farbanschlag auf eine Kirche mit, den die Polizei als islamistisch einstuft – obwohl es eindeutig sind, dass sich hier weiße Männer maskiert und als südländisch aussehende Menschen geschminkt haben –, dann wird ein Mädchen entführt, und irgendwann ist klar, dass es im Ort auch um ein großes Bauprojekt geht, für das offenbar manche Leute bereit sind, über Leichen zu gehen …

Es dauert eine Weile, bis sich der Krimi entwickelt. Das ist auch die hauptsächliche Schwäche des Romans: Als Krimi überzeugte er mich nicht. Zu spät wird klar, dass hinter alledem »mehr« steckt, und die Auflösung fand ich nicht hundertprozentig überzeugend.

Der Roman überzeugt in seiner antirassistischen Botschaft, und er überzeugt dank seiner gelungenen Charaktere. Die Dialoge sind gut, die Figuren mit ihrer widerborstigen Art meist gut geschildert. Manchmal hätte ich mir gewünscht, die Autorin würde manche Szene stärker zuspitzen – aber das ist schon wieder ein Detail.

(Und ein weiterer Durchgang im Lektorat hätte nicht geschadet. Manchmal ist beispielsweise die Dialogführung ein wenig verwirrend.)

»Die schwarze Madonna« ist ein sehr unterhaltsamer Roman, der einem viel über Oberbayern, Rassismus und kulturelle Konflikte vermittelt. Wer einen »echten« Krimi erwartet – so wie ich –, ist womöglich enttäuscht. Wer sich auf die gelungene Geschichte einlässt, die im übrigen nach einer Verfilmung schreit, kommt auf seine Kosten.

Paul Scheerbart und die SF-Werkstatt

Der Schriftsteller Paul Scheerbart zählt zu den Wegbereitern der deutschsprachigen Science Fiction, ist aber hierzulande so gut wie vergessen. Das liegt sicher daran, dass seine Werke entweder nirgends zu haben oder eben nur in teuren Sammlerauflagen etwa in der Edition Phantasia veröffentlicht worden sind. Da freut es mich doch, wenn ich eine frühe Scheerbart-Geschichte digital und »für umme« lesen kann.

Gemeint ist »Die neue Oberwelt«, und angeboten wird sie auf der Internet-Seite Wikisource. Auf dieser Seite werden urheberrechtsfreie Texte aus der analogen Welt in die digitale Welt überführt, sprich, man kann sie dann im Internet lesen. Wichtig ist den Leuten, die sich dafür engagieren, unter anderem, dass eine möglichst fehlerfreie Transkription hinbekommen wird.

Bei diesem Text handelt es sich um eine sogenannte Novellette. Veröffentlicht wurde sie in der Zeitschrift »Die Aktion«, die sich zu dieser Zeit auch als »Wochenschrift für freiheitliche Politik und Literatur« verstand. Ich finde es spannend, solche altenTexte zu lesen, die so alt sind. Die genannte Scheerbart-Geschichte stammt aus dem Jahr 1911.

Auf der Seite der Wikisource wurde mittlerweile eine »SF-Werkstatt« gegründet. Gesucht werden Leute, die gern mitarbeiten. Es geht um die Transkription historischer SF-Texte – da ist noch viel zu tun. Und machen wir uns nichts vor: In Buchform gibt es praktisch keinen »Markt« für solche Texte. Das ist etwas für Studierende oder Leute, die halt gern Klassiker lesen wollen …

Ein lohnenswertes Projekt, das unbedingt weitere Unterstützende bekommen sollte!

20 April 2021

Er ist ein Vertriebs-Champion

Es lohnt sich, immer mal wieder in die Zeitschrift »DNV« zu blicken, auch wenn ich als Redakteur nicht die Zielgruppe sind. Das Heft spricht ja eher Vertriebsleute und Geschäftsführer bei Zeitschriftenverlagen an, nicht unbedingt das Fußvolk wie mich. Aber die Ausgabe 2/2021 von »Der neue Vertrieb« brachte dann doch sehr viele Wiedersehen für mich mit alten Bekannten.

Gleich auf dem Titelbild ist Christian Hellmann zu sehen. Ich glaube, ich habe ihn in all den Jahrzehten nicht getroffen, und er wird nicht einmal wissen, wer ich bin: In den späten 70er-Jahren veröffentlichte er das Fanzine »Solaris«. das er 1980 einstellte und das es auf 15 Ausgaben brachte. Ich hatte es damals noch bei ihm bestellt.

Damals wusste er schon sehr gut, wie man interessante Inhalte gut verpackt: »Solaris« war eines der besten Science-Fiction-Fanzines, auf die ich damals stieß, und beeinflusste mich wohl ziemlich stark. Seit vielen Jahren ist er als Chefredakteur im weiten Feld der Programmzeitschriften unterwegs.

Christian Hellmann ist ein Beleg dafür, dass man im Fandom sehr wohl Dinge lernen kann, von denen man noch Jahrzehnte danach profitiert. Respekt!

Dämonen, Christen, Amerikaner

Ich weiß noch, wie stark ich den ersten Band der Comic-Serie »Outcast« fand: spannend erzählt, realistisch gezeichnet, eine packende Mixtur aus Horror und religiösem Wahn. Mittlerweile wurde aus diesem Comic eine Fernsehserie, von der ich bislang keine Minute gesehen habe. Umso interessanter war es für mich, den zweiten Band der Serie zu lesen, der den schönen Titel »Unermesslicher und endloser Zerfall« trägt und schon seit längerem im Handel zu haben ist.

Worum geht's? Kyle Barnes hat eine seltsame Gabe: Der junge Mann ist in der Lage, Dämonen zu erspüren und sie aus dem Körper von Menschen zu vertreiben, die sie besessen haben. Er kämpft also gegen die Höllenmächte, und das macht er immer besser. Unterstützung findet er bei einem streng religiösen Pfarrer, dessen Weltsicht ziemlich reaktionär anmutet.

Soviel verriet bereits der erste Band von »Outcast«; im zweiten setzt sich der Kampf gegen die Dämonen fort. Parallel dazu versucht Kyle herauszufinden, wie sein aktueller Konflikt mit seiner Vergangenheit zusammenhängt. Warum ist er so wichtig für die Mächte der Finsternis? Wodurch unterscheiden sich die einzelnen Opfer, wie kann man den Menschen helfen?

Kyles Weg zu mehr Erkenntnis ist auch ein Weg zu mehr Tragik: Noch einmal trifft er auf seine kleine Tochter, noch einmal spricht er mit seiner Frau, die er verlassen musste – diese Szenen sind bedrückender als die Begegnungen mit Menschen, die von Dämonen besessen sind. Dabei wird klar, dass Menschen oftmals die schlimmeren Dämonen sind.

Anders gesagt: Es geht um katholisch-christliche Mythen und Exorzismus, nicht unbedingt eine leichte Kost. Robert Kirkman hat mit seinem Zombie-Comic »The Walking Dead« gezeigt, dass er es versteht, ein klassisches Horror-Thema so aufzubereiten, dass es zu einem massenkompatiblen Erfolg wird. Bei »Outcast« geht er ähnlich vor.

Die Geschichte wird mystisch erzählt, sie entwickelt sich schnell und spannend. Der Blick auf die Vergangenheit lässt ahnen, dass noch die eine oder andere Überraschung auf die Leser zukommt. Das macht der Autor richtig gut!

Mit Paul Azaceta kommt ein Künstler zur Geltung, der es darüber hinaus versteht, vor allem Szenen in der Dunkelheit oder in der Dämmerung zu gestalten. Oftmals zeigt er nur Schattenrisse, dann wieder Einzelheiten von Gesichtern oder von amerikanischen Durchschnittswohnungen. Damit liefert er eine filmische Darstellung, die mich faszinierte.

Mir hat der zweite Band von »Outcast« sehr gut gefallen, auch wenn ich extrem spät dran war mit meiner Lektüre. Beim Verlag Cross-Cult sind ja weitere Teile erschienen – allesamt als sehr schöne und handliche Hardcover-Ausgaben –, bei denen ich sehen werde, ob und wie ich sie mir noch beschaffen kann ...

19 April 2021

Österreichische Superheldinnen

Seit fünf Jahren erscheinen nun die Abenteuer der »Austrian Superheroes«, die meist als »ASH« abgekürzt werden. Ihre Abenteuer werden in Form von Heften veröffentlicht, aber auch in dickeren Paperback-Ausgaben. Zum Gratis-Comic-Tag 2020 gab man ein Sonderheft unter dem Titel »Heldinnen« heraus, das ich dieser Tage erst lesen konnte.

Ich mag Kurzgeschichten, die – wie in diesem Fall – einen leichten Einstieg in einen Kosmos ermöglichen. Im vorliegenden Heft gibt es Geschichten, die stets nur wenige Seiten umfassen und Figuren wie das Donauweibchen – sehr hübsch – und Lady Heumarkt – sehr kräftig – vorstellen. auch das Team Berlin kann sich in einem kurzen Auftritt präsentieren. Stets stehen die weiblichen Helden der Superheldenserie im Zentrum.

Im »ASH«-Kosmos kenne ich mich kaum aus. Deshalb habe ich mich sehr über die Geschichten gefreut. Sie sind in unterschiedlichem Stil erzählt und gezeichnet: mal im Stil amerikanischer Superhelden-Geschichten, mal eher »undergroundig«, insgesamt aber stets professionell und sehr ansprechend.

Das Heft gibt Menschen wie mir einen sehr guten Einstieg in ein buntes und abwechslungsreiches Comic-Universum, das sich selbst kaum ernst nimmt. Da überlege ich mir doch glatt, mir endlich mal einige »ASH«-Ausgaben zuzulegen … sehr schönes Heft!

Ich mag Kurzgeschichten, die – wie in diesem Fall – einen leichten Einstieg in einen Kosmos ermöglichen. Im vorliegenden Heft gibt es Geschichten, die stets nur wenige Seiten umfassen und Figuren wie das Donauweibchen – sehr hübsch – und Lady Heumarkt – sehr kräftig – vorstellen. auch das Team Berlin kann sich in einem kurzen Auftritt präsentieren. Stets stehen die weiblichen Helden der Superheldenserie im Zentrum.

Im »ASH«-Kosmos kenne ich mich kaum aus. Deshalb habe ich mich sehr über die Geschichten gefreut. Sie sind in unterschiedlichem Stil erzählt und gezeichnet: mal im Stil amerikanischer Superhelden-Geschichten, mal eher »undergroundig«, insgesamt aber stets professionell und sehr ansprechend.

Das Heft gibt Menschen wie mir einen sehr guten Einstieg in ein buntes und abwechslungsreiches Comic-Universum, das sich selbst kaum ernst nimmt. Da überlege ich mir doch glatt, mir endlich mal einige »ASH«-Ausgaben zuzulegen … sehr schönes Heft!

18 April 2021

Die Glaswand

Ohne jegliche Ankündigung flogen die Steine. Sie prasselten von der Seite in die Demonstration herein. Ich bekam es erst mit, als Leute in meiner Nähe in Panik gerieten und auf einmal viele Menschen zu rennen begannen.

»Was ist los, verdammt?«, schrie ich.

»Die Scheiß-Nazitürken!«, brüllte ein Vermummter in meiner Nähe. »Da – aus der Seitenstraße.«

Es war der Samstag, 5. Juni 1993. Ich stand in einem Demonstrationszug, der vor allem aus Autonomen, Punks und linken Türken bestand. Insgesamt fünf Demonstrationszüge bewegten sich durch Solingen auf einen zentralen Kundgebungsort zu. Eine Woche zuvor waren bei einem Brandanschlag auf ein Haus fünf türkischstämmige Menschen ums Leben gekommen. Und nun waren wir in der Stadt, um auf einer Kundgebung zu zeigen, was wir davon hielten.

Ich lief los, wie viele andere um mich herum, ohne ein klares Ziel zu haben. Dann erkannte ich es: Aus der genannten Seitenstraße rannten Leute auf uns zu. Es waren mehrere Dutzend, vielleicht sogar einige hundert. Die Straße war voller Menschen, sie trugen Knüppel und Dachlatten in der Hand und brüllten in türkischer Sprache irgendwelche Parolen, die ich nicht verstand.

Vereinzelt flogen Flaschen und Steine, auch von unserer Seite. Doch mit mir stürmten auf einmal einige hundert Leute den Angreifern entgegen. Ich war nicht an der Spitze des Sturms, sondern eher im hinteren Mittelfeld. So bekam ich gar nicht direkt mit, wie vor mir die Gruppen zusammenstießen.

Ich sah das Handgemenge. Dachlatten wurden geschwungen, Leute gingen zu Boden, irgendwo prasselten Steine zwischen die Menschen. »Die Bullen!«, schrie jemand.

Der Kampf vor uns war vorüber, bevor ich nahe genug gekommen war. Die Angreifer wandten sich zur Flucht, die Polizei stürmte mit Wucht in die Seitenstraße. Hubschraubern dröhnten über den Straßen von Solingen. Wir zogen uns zu unserer Demonstration zurück, während die Polizei die Seitenstraße absperrte. Einige letzte Steine wurden geschleudert, dann waren wir wieder bei den anderen.

Ich kochte vor Wut und reihte mich wieder in die Demonstration ein. Die Slogans, die durch die Straßen hallten, wurden aggressiver. »Aufruhr Widerstand – es gibt kein ruhiges Hinterland!« ertönte. Dann wieder »Wir haben euch etwas mitgebracht – Hass Hass Hass!« Die meisten um mich waren vermummt.

Wir kamen nicht weit. Die Demonstration hielt vor der Glasfront einer »McDonald’s«-Filiale. Schätzungsweise eine Hundertschaft Polizisten stand davor, komplett in Straßenkampf-Montur, Schilder und Knüppel in der Hand, von hinten kamen weitere Polizisten. Wir drängten mit Tausenden von Leuten auf sie zu.

Die Stimmung war aufgeheizt, ein Geruch nach Bürgerkrieg hing in der Luft. Steine flogen auf die Polizisten und auf die Glasfront des Restaurants. Was sich als Wurfgeschoss benutzen ließ, wurde nach vorne geschleppt und auf die Beamten geworfen.

Und dann kamen der Slogan, der in diesen Tagen oft benutzt wurde und an diesem Tag zum ersten Mal zu einer direkten Wirkung führte: »Wo – wo – wo – wo wart ihr in Rostock?«, brüllten wir. Es war eine Erinnerung an Rostock-Lichtenhagen, wo die Polizei tagelang einen rechtsradikalen Mob hatte gewähren lassen, auch dann, als dieser ein Haus anzündete, in dem sich Menschen aufhielten, und wo die Polizei erst aktiv wurde und prügelte, als sich Antifaschisten aus Hamburg und Berlin den Nazis in den Weg stellten.

»Wo – wo – wo – wo wart ihr in Rostock?«, hörte ich nicht zum ersten Mal. Aber es wurde an diesem Tag wütend und entschlossen gebrüllt, von Tausenden von Leuten, die sich zu einem größten Teil in Ketten formierten, die vermummt und entschlossen waren.

Und es geschah, was ich nicht erwartet hatte: Die Polizisten zogen sich zurück, in genau dem Rhythmus, mit dem der Slogan gebrüllt wurde. »Wo – wo – wo – wo wart ihr in Rostock?«, gellte es durch die Straßen, und Schritt um Schritt um Schritt wichen die Polizisten nach hinten.

Dann zerprasselte die Glasfront des »McDonald’s« in einem Hagel aus Steinen. Die Filiale wurde auch noch gestürmt und verwüstet, das war mir aber egal. Die Demo lief mittlerweile schneller, kämpferisch und zornig. Die Polizisten flüchteten geradezu, und wir eilten durch die Straßen von Solingen auf den zentralen Kundgebungsplatz zu.

Ich zog mein Halstuch weiter hoch und klopfte die schmutzigen Hände an der Hose ab. Ich war verschwitzt und angespannt, die Sonne knallte auf uns herunter. Es war noch früh am Tag, und mir war bewusst, dass das noch nicht die letzte Auseinandersetzung gewesen sein konnte …

16 April 2021

Hausbesetzung geplant

»Wir sollten auch einmal ein Haus besetzen«, schlug Udo vor. Wir saßen auf dem Vordach des Jugendzentrums und blickten auf die Nachbarhäuser. Aus der Küche hinter uns drang mal wieder Bob Marley, das passte zu diesem Sommer 1981. Wir tranken Tee, futterten Kekse und redeten über Politik.

Die Themen lagen buchstäblich auf der Straße. Atomkraftwerke wurden gebaut, und wir Jugendlichen waren dagegen. Neue Atomraketen sollten stationiert werden, und wir waren dagegen. Die Republik wurde von alten verknöcherten Männern regiert, und wir waren dagegen. Wir hörten rebellische Musik, zogen uns rebellisch an – meist Parkas und zerschlissene Jeans – und wollten die Welt verändern.

»Wo willst du denn bei uns ein Haus besetzen?«, fragte Stöff. »Wir sind doch hier nicht in Berlin.«

In Kreuzburg waren Dutzende von Häusern besetzt worden, jeden Tag wurden es mehr. In den Zeitungen und Zeitschriften, die wir lasen, ging es immer wieder um Hausbesetzungen und den Kampf gegen den Mietwucher. Ich war ein großer Fan der anarchistischen Zeitung »Graswurzel-Revolution«, die den gewaltlosen Widerstand predigte und von einer sozialen Revolution schwärmte.

Udo redete sich in Begeisterung. »Die alte Bacher-Villa am Stadtrand steht seit Jahren her«, erinnerte er uns. »In die kommt man bestimmt schnell rein, von hinten quasi. Und bis die verschnarchte Polizei etwas merkt, haben wir das Haus auch schon gesichert.«

Das fanden wir dann alle gut. Die Bacher-Villa kannte ich. Jeden Morgen fuhr ich an ihr vorüber, wenn ich mit dem Rad zu dem Supermarkt fuhr, wo ich die Schicht an der Tankstelle übernehmen würde. Mittags und abends passierte ich sie ebenfalls oft. Das Haus sah toll aus, und es stand seit Jahren leer.

»Eigentlich optimal«, sagte ich andächtig.

Wir schmiedeten Pläne. Wie kamen wir in das Haus rein, wie sicherte man es eigentlich ab? Was sollten wir tun, wenn die Polizei versuchen würde, das Gebäude zu stürmen? Welche Transparente wollten wir beschriften und aushängen? Ab wann sollten wir die Presse oder politische Partner einbinden?

Bis mir irgendwann die logische Frage einfiel: »Meint ihr nicht, dass es blöd wirkt, wenn ausgerechnet wir ein Haus besetzen?« Ich sah mich in der Runde um: fünf Jugendliche, alle männlich, alle in der Kleinstadt im Schwarzwald und den umliegenden Dörfern aufgewachsen. »Wir wohnen doch alle noch bei unseren Eltern. Da können wir kaum auf die Wohnungsnot aufmerksam machen.«

Ich fürchte, ich bin schuld, dass es 1981 zwar in Weltstädten wie Memmingen und Tübingen zu Hausbesetzungen kam, nicht aber im beschaulichen Freudenstadt im Schwarzwald.

15 April 2021

Rinks und lechts im frühen Fandom

Es ist immer wieder interessant, in alten Fanzines zu blättern. In der Ausgabe 10 von »Müllers Sadistische Blätter«, die ich in meiner frühesten Fan-Phase sehr gern las, wird unter anderem über die Jahreshauptversammlung der AGSF berichtet. AGSF ist die Abkürzung für Aktivgruppe Science Fiction, die eher als »rechts« galt.

In der AGSF sammelten Leute wie Christian Worch ihre wichtigen Fan-Erfahrungen. An der Veranstaltung in Duisburg nahmen Leute teil, die damals klar als Mitglieder der NPD oder organisierte Neonazis galten, auch Worch selbst war dabei. Die meisten Besucher – es waren insgesamt elf Personen – dürften als unpolitisch gegolten haben.

Skurril aber: Zwei Personen nahmen als Gäste teil, die dem eher als »linksradikal« geltenden Science-Fiction-Korrespondenz-Ring (SFKR) angehörten. In diesem wurde ich ab Ende 1979 ebenfalls Mitglied. Spannend ist nun: Die beiden Besucher galten als stramm links; einer war sogar – wenn ich mich recht erinnere – Mitglied in der Deutschen Kommunistischen Partei, der DKP also.

Seltsame Begegnungen … Man mochte sich über alle Parteigrenzen hinweg. Science-Fiction-Fans eben.

Das Fanzine wurde am 16. August 1979 veröffentlicht. Es bestand aus vier Seiten im A4-Format, »abgezogen« mittels eines Umdruckers. Wie hoch die Auflage war, ist leider nicht mehr festzustellen. Sicher nicht sehr hoch.

(Aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen habe ich die Namen der Personen weggelassen, die damals teilnahmen. Sie haben sich längst weiterentwickelt, leben vielleicht schon gar nicht mehr oder wollen damit nichts mehr zu tun haben. Christian Worch ist erwähnt, weil man ihn als Person der Zeitgeschichte einstufen kann.)

Der Sound aus New York, als hätten wir 1988

Irgendwann in den frühen 90er-Jahren hatte ich keine Lust mehr auf den Sound aus New York, vor allem nervte mich die großkotzige Szene, die ich damit verband. Das aber ist schon wieder so lange her, dass ich mich neuerdings wieder des bratzigen Sounds erfreuen kann, der Ende der 80er-Jahre aus dem »Big Apple« herüberkam.

Da kommt mir Brain Slug gerade recht. Die Band veröffentlichte im Dezember 2011 eine EP, die auf 410 Exemplare limitiert war – zumindest sagte es das Label – und fünf knackige Hardcore-Stücke enthielt. Dabei ließen es die Burschen, die nicht aus einem der angesagten Szeneviertel, sondern aus Long Island kamen, ordentlich krachen.

Gleich zu Beginn gibt es eine Rückkopplung, dann poltert die Band los, zuerst ein wenig behutsam und rockig. Das ist nicht unbedingt Hochgeschwindigkeits-Sound, sondern manchmal ein zäher Rhythmus, der sich langsam steigert, durchaus rüpelig und so doch nach New York klingend.

Was ich bei den Texten nicht vermisse, ist die Großspurigkeit der ollen New Yorker, und ich vermisse ebensowenig das dauernde »Unity« und »Brotherhood«. (Das hatte Ende der 80er-Jahre sicher seine Bedeutung, wurde dann aber viel zu schnell zu einer Mode.)

Statt dessen gibt es wütenden Auf-die-Fresse-Hardcore, der beispielsweise beim Titelstück »Distort New York« zu einem Wutausbruch von 52 Sekunden führt. Hat was!

14 April 2021

Der verschobene Con

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich auf meinem ersten ColoniaCon war: Irgendwann in den frühen 80er-Jahren reiste ich per Anhalter nach Köln, und dort traf ich im Jugendpark auf viele andere Science-Fiction-Fans. Das ist jetzt gut vierzig Jahre her, und ich habe meine »fannische« Prägung in dieser Zeit nie verdrängt oder vergessen.

Und deshalb ist der ColoniaCon immer einer der Cons, die meine fannische Heimat sind. Ich habe es in den vergangenen Jahren nicht immer geschafft, den Con zu besuchen – das hat schlicht den Grund, dass ich bei einem Con eben nicht privat bin, sondern immer beruflich, und da möchte ich doch ab und zu mal an einem Samstag im Sommer lieber privat daheim als beruflich in Köln sein.

Die dauernden Verschiebungen des Con-Termins liegen in der aktuellen Pandemie-Situation begründet. Das ist bedauerlich, in der jetzigen Situation aber nicht zu ändern. Da finde ich es konsequent, den Con gleich ins Frühjahr 2022 zu schieben.

Dann werden die Veranstalter in Köln vierzig Jahre ColoniaCon feiern: in dem Jugendpark, in dem unsereins als Jugendlicher damals herumlief und viele Leute traf. Vielleicht schaffen es die Veranstalter sogar, den Sozialarbeiter auszugraben, der in all den Jahren für die Fans als Ansprechpartner zur Verfügung stand – ich erinnere mich daran, dass ich ihm vor vielen Jahren bei einem Con einmal ein offizielles Geschenk überreichte. Das wäre doch konsequent …

Ich hoffe, dass wir bald wieder eine Saison mit Cons haben werden. Auch wenn es durchaus Gründe gibt, über das »alte Fandom« zu spotten, ist es doch mein Anfang in der Science Fiction gewesen. Und Köln gehört für mich seit den frühen 80erJahren dazu …

Ein Meisterwerk zwischen Fantasy, Thriller und Familienroman

Bereits 2017 erschien die Hardcover-Version von »Die erstaunliche Familie Telemachus« in deutscher Übersetzung im Eichborn-Verlag, auch die Version als Taschenbuch liegt seit einigen Jahren vor. Ich habe den Roman erst dieser Tage gelesen und möchte ihn – da man ihn ja überall noch kaufen kann – unbedingt empfehlen. Es ist ein wunderbarer Phantastik-Roman, voller herrlicher Charaktere, die alle zusammen eine Familie bilden und miteinander in den unterschiedlichsten Problemen festsitzen.

Doch erst einmal der Reihe nach: Bei der Familie Telemachus handelt es sich um Menschen, die von Außenstehenden meist als eine Bande von Trickbetrügern angesehen werden. Angeführt von Teddy, dem Patriarchen der Familie, tingelten die Familienmitglieder vor vielen Jahren noch durch Fernsehsendungen oder traten öffentlich auf, um ihre angeblichen Wunderkräfte vorzuführen. Doch dann wurden sie »entlarvt«, es kam heraus, dass die Wunderkräfte allesamt auf Tricks beruhten, und sie mussten sich zurückziehen.

Doch alles ist in Wirklichkeit ganz anderes. Wer zur Familie Telemachus gehört, verfügt sehr wohl über seltsame Fähigkeiten. Teddys Sohn Frankie kann in seltenen Gelegenheiten mit seiner Gedankenkraft allerlei Dinge bewegen. Seine Tochter Irene spürt genau, wann jemand lügt. Teddys Enkel Matty wiederum ist in der Lage, geistig seinen Körper zu verlassen und durch die Gegend zu reisen.

Doch all das bewahrt die Familie Telemachus nicht davor, in viele Schwierigkeiten zu rutschten. Unter anderem hat man Ärger mit dem örtlichen Ableger der Mafia, wozu finanzielle Schwierigkeiten und ein teilweise erhebliches Gefühlsdurcheinander kommen. Wie sollen Großvater Teddy, seine Kinder und Enkelkinder aus diesem Chaos herauskommen?

Daryl Gregory war mir vorher als Science-Fiction-Autor bekannt, seinen Roman »Afterparty« fand ich sehr spannend. Mit diesem rasanten Zukunfts-Thriller hat »Die erstaunliche Familie Telemachus« allerdings nichts zu tun. Höchstens das Erzähltempo: Der Autor erzählt so mitreißend, dass man kaum aufhören mag; die Szenen folgen sehr schnell und sehr spannend aufeinander.

Wer sich mit Genre-Diskussionen gern beschäftigt, kann sich Gedanken darüber machen, ob das nun ein phantastischer Roman oder ein Thriller ist. Der Autor paart seinen Genre-Mix auch noch mit einem augenzwinkernden Humor, der mir sehr gut gefallen hat.

Die Handlung verläuft einerseits linear, springt aber andererseits immer wieder in die Vergangenheit. Dazu kommt ein Familienmitglied, das offensichtlich in die Zukunft schauen kann, damit aber seine Probleme hat – das alles ist großartig erzählt. Anfangs braucht man vielleicht ein wenig, um die unterschiedlichen Blickwinkel sortieren zu können, dann aber entwickelt der Roman einen starken Sucht-Charakter.

Ohne Schmarrn: ein großartiger Roman, ein Meisterwerk – unbedingt zu empfehlen!

13 April 2021

Kurzgeschichten aus der Welt des Dunklen Ritters

Längst hat sich die »Batman«-Serie mit ihren ganzen Seitenserien und Verästelungen zu einem Universum entwickelt, dessen Details sich in ihrer Gesamtheit nur noch echten Experten erschließen. Ich darf da nicht zu laut lästern; ich kenne schließlich selbst die Probleme, die entstehen können, wenn man für ein fiktives Universum arbeitet. Ich mag die Comics um den Dunklen Ritter und die Stadt Gotham trotzdem.

Da kommt mir eine Sammlung von Kurzgeschichten gerade recht. Hierzulande ist sie unter dem Titel »Batman – die Nächte von Gotham« erschienen, und mir hat die Lektüre des 156 Seiten starken Paperback-Bandes viel Spaß gemacht.

Die Comics sind in den USA im Frühjahr und Sommer 2020 zuerst digital veröffentlicht worden, dann in einer Reihe mit dem Titel »Batman: Gotham Nights« gedruckt und in den Handel gebracht. Es handelt sich also um brandneue Geschichten, die von bekannten Künstlern der amerikanischen Comic-Szene stammen. (Schon klar: Einige der Künstler stammen nicht aus den Vereinigten Staaten, aber das ändert ja nichts daran, dass es letztlich amerikanische Comics sind.)

Die Geschichten sind außerhalb der Chronologie angesiedelt, sprich, man kann sie wirklich ohne größere Vorkenntnisse verstehen. Es tauchen allerlei bekannte Figuren auf, die man auch als jemand kennen könnte, der von »Batman« nur irgendwelche Verfilmungen kennt. Bekannte Bösewichte wie der Joker oder Poison Ivy spielen in einzelnen Geschichten mit, aber auch Figuren wie der Reaper oder Killer Moth, die ich sonst nicht unbedingt auf dem Schirm hätte.

Zeichnerisch wie erzählerisch bin ich von dem Band sehr angetan. Die Geschichten sind alle gut erzählt und meist auch sehr gut gezeichnet. Ausrutscher sind selten – das ist bei so einer Anthologie schon bemerkenswert. Schon klar: Der Verlag hat hierfür so ziemlich die besten und erfahrensten Künstler aufgeboten, die er für diese Aktion bekommen konnte.

Man sollte Superhelden-Comics mögen, das ist eine grundsätzliche Vorgabe. Aber wer Batman und die Welt von Gotham City mag, wird an diesem Band sicher seine Freude haben. Das ist eines der Bücher, die man auch mehrfach in die Hand nehmen kann …

In einem Buch über Rainer Eisfeld

Im April 2021 ist der Science-Fiction-Fan, Übersetzer und Herausgeber, der Politologe und Sachbuchautor Rainer Eisfeld 80 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag hätte ich ihm gern persönlich gratuliert; das ließ die Pandemie leider nicht zu. Vielleicht können wir die Gratulation nachholen, wenn wir beide irgendwann geimpft sind.

Der Verlag p. machinery gratulierte dem Jubilar mit einem Buch. Es trägt den schönen Titel »Visionen & Wirklichkeit« und wurde von Dr. Jörg Weigand sowie Michael Haitel herausgegeben. Im Vorfeld hatte man einige Leute gefragt, ob sie mit einem Text in diesem Buch enthalten sein wollten.

Ich wollte. Und so wurde von mir ein kurzer Text veröffentlicht, der den Titel »Mein Vorbild Rainer Eisfeld« trägt und den ich sehr ernst meine. Unsere Lebensverhältnisse und -entwicklungen unterscheiden sich stark – aber ich finde seinen Lebensweg in der Science Fiction und außerhalb halt sehr interessant.

12 April 2021

Zwischen Profi und Fan

Wenn jemand Geld für das erhält, was er tut, ist er ein Profi. Eine Schreinerin oder ein Bankangestellt, die ihren Beruf ausüben und dafür bezahlt werden, sind in ihrem Bereich dann die Profis. Niemand würde jemanden, der nebenbei mal einen Schrank zusammenzimmert oder sich privat mit Geldgeschäften beschäftigt, als Profi bezeichnen. Das sind Hobby-Tätigkeiten.

Ähnlich ist es beim Schreiben. Ich beispielsweise verdiene mein Geld damit, dass ich als Redakteur für Science-Fiction-Romane zuständig bin. Also kann ich mich als Science-Fiction-Profi bezeichnen. Als Autor werde ich durchaus veröffentlicht, das mache ich nebenbei. Daraus ist zu schließen, dass ich kein Profi-Autor bin, sondern ein Hobby-Autor – oder ein Gelegenheitsschriftsteller, wie ich mich selbst bezeichne.

Wenn ich in einer Publikation veröffentliche und dafür Honorar erhalte, ist das eine professionelle Veröffentlichung. Schreibe ich für eine Publikation und erhalte dafür kein Geld, ist das mein Privatvergnügen – die Publikation ist dann auch als Fanzine zu betrachten.

Mit solchen Abtrennungen ist keine Aussage über die Qualität verbunden. Eine professionelle Veröffentlichung kann grottenschlecht sein, eine Hobby-Veröffentlichung kann brillant ausfallen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Das OX, für das ich schreibe, bezeichnet sich als »Fanzine«. Es hat eine Auflage von mehreren tausend Exemplaren und wird auch im Bahnhofsbuchhandel angeboten. Ich schreibe für das OX und erhalte dafür keinen Cent – ich bin schließlich ein Gelegenheitsautor und veröffentliche deshalb gern, ohne Geld dafür zu erhalten, in einem Fanzine. Damit habe ich kein Problem.

Die Diskussion in der Science-Fiction-Szene, wer denn nun professionell sei oder nicht, verfolgt mich seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten. Ich verstehe sie von Jahr zu Jahr weniger. Ist es ehrenrührig, wenn jemand als »nicht professionell« bezeichnet wird? Ist es ehrenrührig, eine Publikation, die im niedrigen dreistelligen Bereich veröffentlicht wird, als »Fanzine« zu bezeichnen?

Ich versteh’s nicht. Aber ich muss ja auch nicht alles verstehen …

11 April 2021

Arturo Bandini in bewegten Bildern

Der Schriftsteller John Fante ist einer der Autoren, die ich seit vielen Jahren vom Namen her kenne, von denen ich aber noch nie etwas gelesen habe. Und deshalb freute es mich, als ich dieser Tage endlich den Spielfilm »Ask The Dust« ansehen konnte. Filme über Schriftsteller und Journalisten mag ich eh, und auf diesen war ich besonders gespannt.

Die Hauptperson ist Arturo Bandini, ein junger Amerikaner aus italienischer Familie, der davon träumt, ein großer Schriftsteller zu werden. Gespielt wird er von Colin Farrell, der die Rolle mit träumerischem Blick gut hinkriegt. Er sitzt an seiner Schreibmaschine, er hat praktisch nie Geld, und er lebt in einem eher schlichten Hotel. Dann lernt er die attraktive Mexikanerin Camilla Lopez kennen, die von Salma Hayek gespielt wird.

Die beiden streiten sich, dann lieben sie sich; sie leben zusammen, sie haben leidenschaftlichen Sex, sie trennen sich. Es ist eine große Liebes- und Drama-Geschichte, und sie braucht ihre Zeit.

Das ist auch die große Schwäche des Films. »Ask The Dust« ist nicht spannend, sondern er zieht sich. Wenn man sich auf den Streifen einlässt, packt er einen zwar irgendwann, doch die inhaltlichen Schwächen sind eindeutig. So wird nicht klar, welche Rolle ein Trunkenbold – gespielt von Donald Sutherland – oder eine seltsame Frau eigentlich haben. Sie wirken wie Stichwortgeber, die man auch ersatzlos hätte aus dem Film streichen können.

Die dreißiger Jahre in Kalifornien werden allerdings klar vermittelt, die Diskriminierung von Mexikanern ist allgegenwärtig und wird mehrfach thematisiert. Dagegen sehen die Träume des jungen Schriftstellers fast ein wenig naiv aus.

Der Film stammt aus dem Jahr 2006, der zugrunde liegende Roman entstand 1939. Ich fand den Film ein wenig arg gezogen, aber gut – es schadet nicht, wenn man ihn gesehen hat, aber es ist kein Muss. Mich hat er dazu gebracht, dass ich mir endlich mal einen Roman von John Fante besorgen möchte. Es wird wohl endlich Zeit …

09 April 2021

Phantastisches Paket zum achtzigsten

Eine Nummer 80 regt nicht dazu an, sich Gedanken über Jubiläen und sonstige Besonderheiten zu machen. Trotzdem markiert die Zahl eine respektable Leistung: Seit zwanzig Jahren erscheint die Zeitschrift »phantastisch!«, und jedes Jahr erscheinen mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks die geplanten vier Ausgaben. Ich hinke mit der Lektüre immer ein wenig hinterher. Das macht aber nichts, weil man die älteren Ausgaben ja immer noch beim Verlag kaufen kann.

Die Ausgabe 80 kam noch im Spätjahr 2020 heraus. Es war eine »normale« Ausgabe, keine von denen, die einem besonders im Gedächtnis bleiben. Aber das ist an dieser Stelle nicht negativ gemeint, belegt es doch, wie gut das Heft eben ist: Schon eine durchschnittliche Ausgabe ist insgesamt lesens- und lohnenswert.

Schön ist, dass ich in dem Heft immer wieder auf Themen aufmerksam gemacht werde, die mir sonst entgangen wären. So habe ich von dem Schriftsteller Drew Williams bislang nichts gelesen; das Interview mit ihm machte mich zumindest neugierig. Es werden aktuelle Kinder- und Jugendbücher vorgestellt, dazu gesellt sich ein Bericht über den Science-Fiction-Klassiker »Die Triffids«.

Von mir ist ein Nachruf auf den verstorbenen Autor Konrad Schaef enthalten, es gibt einen Artikel über Robert E. Howard und die Arbeit an dem Werk des klassischen Fantasy-Schriftstellers. Dazu kommen haufenweise andere Texte, Rezensionen und Artikel. Wie immer eine kunterbunte Mischung auf insgesamt 88 Seiten!

Mein persönlicher Lektüre-Höhepunkt ist übrigens »Ein seltsamer Tag«: Der skurrile Comic, der vom Autor Olaf Brill und vom Grafiker Michael Vogt stammt, erreicht in dieser Ausgabe schon seine vierzigste Folge. Und wieder bringt mich die schöne Mixtur aus Text und Bild zum Schmunzeln!

08 April 2021

Ein Traum vom Pogo

Ich träumte, und es war ein seltsamer Traum: Ich merkte nämlich, dass ich träumte, kam aber nicht aus dem Traum in die Realität zurück. Aber das verwirrte mich nur kurz, denn ich war auf einem Punk-Konzert. Ich war erleichtert, auf einem solchen Konzert zu sein, das erste nach einer langen Zeit, in der das nicht möglich war.

Die Band, deren Namen ich nicht erfuhr, spielte in einer Kneipe, sie stand direkt an der Theke, und ich benötigte einige Zeit, bis ich verstand, um welche Kneipe es sich handelte. Wir standen im Innenraum der Pizzeria Centrale, die noch vor der Corona-Pandemie geschlossen hatte und seither nicht wieder aufgemacht hatte. Ich nahm aber nur den Sänger und den Schlagzeuger wahr.

Der Schlagzeuger saß in lockerer Haltung hinter seinen Trommeln, hinter ihm an der Theke standen zwei Gläser, die mit Bier bis zum Rand gefüllt waren. Immer mal wieder schlug er auf die Gläser. Bier spritzte und benetzte die Glasscheibe, die an dieser Stelle die Theke vom Raum dahinter trennte.

Der Sänger feixte sich eins und sprang zwischen der Theke und dem Schlagzeug hin und her. Die anderen Musiker sah ich nicht, ich hatte nur Augen für den Schlagzeuger und den Sänger. Als Musik gab es einen fröhlichen Pogo-Sound mit deutschen Texten, schrammelig und schnell, mit einer kräftigen und manchmal albernen Melodie. Die Band war mir völlig unbekannt, aber das schmälerte meine gute Laune nicht im geringsten.

Was ich faszinierend fand: Obwohl das Konzert eindeutig in Karlsruhe stattfand, bestand das Publikum zum größten Teil aus Leuten, die ich von Stuttgart her kannte, die meisten seit mehr als dreißig Jahren. Wir umarmten uns, wir stießen Biergläser zusammen, wir sprangen gemeinsam herum. Ich hatte Tränen der Freude in den Augen.

Zwischendurch unterhielt ich mich mit einer Frau, die mit ihren langen blonden Haaren gar nicht zum Pogo passen wollte. Sie war noch sehr jung, hatte starke Akne und wusste nicht, wie sie erzählte, was sie aus ihrem Leben machen sollte. Ich versicherte ihr, das wüsste ich auch nicht, und sie solle locker bleiben. Das Gespräch führten wir nicht weiter, weil die Band »It the kids are united« spielte, einen Uralt-Klassiker, und ich von alten Freunden aus Stuttgart zum Hüpfen animiert wurde.

Irgendwann wachte ich doch auf, die Melodie des alten Punkrock-Stückes im Kopf. Mein erster Gedanke, als ich kapierte, dass ich wach wurde, war noch mit benebeltem Kopf ein »Verdammtes Corona!« – nicht einmal die Träume sind in diesen Tagen so wie vor der Pandemie …

07 April 2021

Als Pforzheim brannte

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Meine Eltern hatten zu einem Grillfest eingeladen, dazu waren Verwandte aus verschiedenen schwäbischen Städten angereist. Wir saßen im Garten, eine gemütliche Runde aus Erwachsenen und Kindern. Der Grill glühte, wir futterten Würstchen und Kartoffelsalat. Bierflaschen standen auf dem Tisch, Gläser mit Saft und Mineralwasser dazwischen.

Die Dämmerung brach herein. Fledermäuse flogen im Zickzack über uns hinweg, die von einem alten Gebäude ganz in der Nähe kamen, nur wenige Dutzend Metern von uns entfernt.

Irgendwann verschwand mein Vater. Ich kannte dieses Verhalten schon: Er bereitete eine Überraschung vor. Ich hörte, wie er in den Keller ging, und ich vernahm seine leisen Schritte, als er zurückkam. Dann hörte ich das Rascheln seiner Kleidung und das Klicken des Feuerzeugs. Die Verwandtschaft plauderte eifrig weiter, und niemand außer mir achtete auf ihn.

An einer Stange, die er schon am Nachmittag in den Boden gerammt hatte, drehte sich auf einmal ein Kreisel aus grellem Licht, während rechts und links davon Fontänen aus Licht in die Höhe schossen. Genau für solche Fälle kaufte mein Vater jedes Jahr allerlei Feuerwerkskörper: nicht um sie in der Neujahrsnacht zu verballern, sondern um im Sommer die Nacht zu erhellen.

Zumindest für einige Augenblicke. Das grelle Licht flammte, es war beeindruckend. Funken wurden nach außen geschleudert, fast schmerzte es in den Augen. Und dann erlosch alles wieder.

Ich überlegte, ob ich applaudieren sollte. Verdient gehabt hätte er es. Die Verwandten waren begeistert, sagten aber nichts. Als gute Schwaben waren sie mit dem Lob immer sparsam.

Auf einmal fing eine der Tanten meines Vaters an zu weinen. »So grell hat’s damals geleuchtet, als Pforzheim gebrannt hat«, sagte sie, schluchzte ununterbrochen und war nicht mehr zu bremsen. Ihr ganzer Körper schüttelte sich.

Wir anderen saßen da wie erstarrt. Ich war vielleicht zehn Jahre alt, ich konnte den Vorgang nicht einordnen, aber für meine Mutter war das Bild eindeutig: »Als Freudenstadt gebrannt hat, war das genauso schrecklich«, sagte sie, als könnte ausgerechnet dieser Vergleich trösten.

Die Tante konnte sich nicht beruhigen. »Wir haben das über zig Kilometer gesehen!«, rief sie. »Das war so ein grelles und helles Feuer, das hat ausgesehen, als ob der Wald brennen würde. Der ganze Horizont bestand aus Flammen.«

Was ich damals noch nicht verstand, aber später erfahren sollte: Am 23. Februar 1945 war Pforzheim von einem verheerenden Luftangriff der Alliierten getroffen worden. Die klassische Innenstadt brannte praktisch komplett aus, Tausende von Menschen kamen in dem Feuersturm ums Leben.

Es dauerte einige Zeit, bis sich die Tante beruhigte. Sie erzählte von Pforzheim und vom großen Feuer, sie redete nur noch vom Bombenangriffen und Sirenen, von Phosphor und verschmorten Leichen, von Krieg und Vernichtung. Als Kind bemerkte ich nicht, dass sie nur von deutschen Opfern sprach. Die deutschen Männer waren im Krieg, und dort »blieben« von ihnen, »beim Russ« oder in Frankreich oder auch in Afrika. Deutsche Kriegsverbrechen oder die Opfer der Wehrmacht wurden nicht erwähnt.

Der Abend war nicht mehr schön. Er endete mit traurigen Geschichten, mit starren Blicken auf Bierflaschen und den halbherzigen Versuchen eines Onkels – der zum Kriegsende noch ein Kind gewesen war –, mit seinen Abenteuern für eine positive Stimmung zu sorgen. Als Kind verstand ich nicht viel. Ich saß in der Runde, trank meine Limonade und aß viel zu viel Kartoffelsalat.

In meinem Kopf entstanden Bilder von Kellern voller Leichen, Bilder von fliegenden Bomben und Flakscheinwerfern, deren Licht durch die Nacht stocherte, von Brand und Tod. Und danach assoziierte ich mit manchem Feuerwerk erst einmal nicht mehr fröhliches Feiern, sondern grausige Geschichten …

06 April 2021

Auf den Kreidefelsen

Selbstverständlich hatte ich von Étretat schon gehört, bevor ich dort war. Die Kreidefelsen der normannischen Kleinstadt sind und waren weltberühmt, ich kannte sie aus Artikeln und Büchern, aus Filmen und Comics. Und deshalb wollte ich sie auch sehen, als wir in der Normandie waren.

Im August 2017 waren wir dort. Étretat selbst war hübsch und klein, ein wenig überlaufen von Touristen, aber nicht so sehr, dass es einen störte. Wenn man wollte, konnte man auch ohne Engegefühl durch die Straßen und Gassen spazieren; wir aßen dort, wir tranken dort, und fast hätten wir dort auch übernachtet – wenn wir nicht schon ein Zimmer in einer anderen Kleinstadt der Normandie gebucht hätten.

Und wir fuhren mit einem kleinen Bus hoch auf die Klippen, so wie es viele andere Touristen ebenfalls taten. Ich fand den Blick von den ziemlich windigen Klippen hinaus aufs Meer beeindruckend. Wir ließen uns die frische Brise um die Nase blasen, gingen eine längere Strecke über den gut ausgebauten Weg entlang der Klippen und fanden das alles richtig schön und toll.

Wir sahen uns die Kirche an und das Luftfahrtdenkmal, wir amüsierten uns über andere Touristen und waren doch selbst ein Teil dieser Menge von Menschen, die sich entlang der Küste ausbreiteten. Ich hoffe im Nachhinein, dass wir genügend Selbstironie aufbrachten.

Die Kreidefelsen zählen für mich zu den schönsten Urlaubserinnerungen der vergangenen Jahre. Sie blieben ein Bild im Hinterkopf, das für die Normandie stand – dabei sammelten wir dort auch viele andere Eindrücke, die sich positiv ins Gedächtnis brannten. Aber offensichtlich sind Kreidefelsen nachhaltiger als kleinen Hafenstädte und verwunschene Dörfer …

01 April 2021

Ein erstes Zeugnis von Ghazir

Im Spätsommer 1979 erhielt ich zum ersten Mal Kenntnis von einem Fantasy-Verein, der sich Erster Deutscher Fantasy Club e.V. nannte, und von seiner Arbeitsgruppe, die als »Follow« firmierte. Ende 1979 wurde ich Mitglied, und zu Beginn des Jahres 1980 entschloss ich mich, in den sogenannten Greifen-Clan einzutreten.

(Wer jetzt nichts versteht, möge sich nicht grämen. Einen leichten Einblick in die Art und Weise, wie sich »Follow« heute präsentiert, also vierzig Jahre später, gibt es auf der Internet-Seite des Vereins.)

Im Februar 1980 erschien die Ausgabe 86 des Fanzines »Follow«, in dem sich die einzelnen Völker der Fantasy-Welt Magira präsentierten. Eines dieser Völker war der sogenannte Greifen-Clan, und der »Greifenruf« war das interne Fanzine, das im Sammel-Fanzine »Follow« präsentiert wurde. In der Ausgabe 62 des »Greifenrufs« findet man auch das erste Zeugnis von mir in diesem Verein.

Ich hatte mir den Namen »Ghazir en Dnormest« zugelegt, und ich schrieb einen offiziellen Brief an den Kaiser von Wolsan, der in der mächtigen Stadt Magramor residierte. Einen Auszug daraus präsentiere ich an dieser Stelle gern. Im Nachhinein finde ich es witzig, wie ich damals den Rosenweg und die Stadt Freudenstadt im Schwarzwald einbaute. Mit gerade mal 17 Jahren war ich offenbar ein echter Scherzbold …

31 März 2021

Erfolgstour für Martin

Es gibt ja nichts, was man in heutiger Zeit nicht mehrfach ausschlachten könnte. Im Dezember 2020 teilte der Sender HBO mit, dass eine Vorgeschichte von »Game of Thrones« in Vorbereitung sei; die Dreharbeiten sollten im Jahr 2021 beginnen. Der Name der Sender ist und war ein wenig vorhersehbar: »House oft he Dragon«.

Mittlerweile werden weitere Details bekannt. Im April sollen schon die Dreharbeiten für »House oft he Dragon« beginnen, und pünktlich zu dieser Ankündigung wurde ausgesagt, dass George R. R. Martin einen Fünf-Jahres-Vertrag mit dem Sender geschlossen habe. Der Autor ist der Schöpfer der Buchreihe »A Song of Ice and Fire«, was bekanntlich die Grundlage für die Fernsehserie ist. (Beim einen oder anderen WorldCon habe ich ihn kennengelernt – über Werner Fuchs, der seit Jahrzehnten als sein Agent tätig ist.)

Martin soll nun weitere Serien für den Sender entwickeln. Ob und wie das klappt, weiß ich natürlich nicht – das weiß noch niemand. Ich finde es spannend. Man kann mit Fantasy im Format einer Fernsehserie offensichtlich Geld verdienen, und dann wird das natürlich getan. Am Ende profitieren andere Autorinnen und Autoren sowie andere Verlage ebenfalls von diesem Erfolg.

Und dem Autor gönne ich das viele Geld, das er mit seinen Serien hoffentlich verdient, sowieso. Möge er noch viele Romane schreiben … und vielleicht mal wieder einen, der mit Rockmusik aus den 60er- und 70er-Jahren zu tun hat. Träumen darf man ja.

Als die Käfer kamen

Ich weiß noch, wie die Katastrophe anfing. Und ich bin sicher, dass wir diesen Anfang als erste sahen. Vielleicht sind wir auch diejenigen, die keine Chance haben werden, dieser Katastrophe zu entkommen. Es kann nicht mehr lange gut gehen.

Dabei sah alles so harmlos aus.

Meine Tochter bemerkte die Veränderung als erste. »Die Marienkäfer sind so seltsam«, behauptete sie, als sie vom Spiel im Garten zurück kam. Ich saß auf der Veranda, ein Buch in der Hand und ein kühles Bier vor mir. Sie baute sich vor mir auf. »Du musst kommen und es dir ansehen.«

Hinter mir drang klassische Musik in dezenter Lautstärke ins Freie. Ich hatte wieder einmal Lust darauf gehabt, mir Debussys Etüden anzuhören. Sie passten, so fand ich, wunderbar zum angenehmen Wetter. Auf meine Tochter und ihre häufig sehr kindlichen Spielwünsche hatte ich eigentlich keine Lust.

Aber ich wollte in den »Papa ist toll«-Charts auf einem der vorderen Plätze landen und nicht in der Hitliste unbrauchbarer Väter verzeichnet werden. Also unterstückte ich den lautstarken Seufzer, der mir über die Lippen kommen wollte, legte mein Buch zur Seite und folgte meiner Tochter.

Sandra war ein aufgewecktes Kind. In ihren Gummistiefeln und mit den Zöpfen, die bei der jeder Bewegung wippten, wirkte sie jünger als sie war. Im nächsten Sommer sollte sie in die Schule kommen. Mir graute schon vor langweiligen Pädagogen, die es sicher bald schaffen würden, Sandra das auszutreiben, was mir manchmal auf die Nerven ging: ihre überschäumende Phantasie, ihre Freude an seltsamen Geschichten und irrwitzigen Bildern.

Als ich um die Ecke bog, zwei Schritte hinter meiner Tochter, blieb ich wie erstarrt stehen. Das war keine Phantasie, das waren keine Kleinmädchenträume: Vor mir sah ich einen Marienkäfer, aber nicht in der üblichen Größe, sondern gut einen Meter durchmessend. Eine schimmernde halbrunde Fläche in Rot, darauf die bekannten Punkte – ganz eindeutig ein Marienkäfer.

Ich reagierte schnell. Bevor Sandra auf das Tier zugehen und es vielleicht sogar streicheln konnte, sprang ich zu ihr, riss sie hoch, behielt sie im Arm und ging drei, vier Meter zurück. Dann holte ich tief Luft und betrachtete den Käfer.

Er wirkte völlig normal, sah man von der irrsinnigen Größe ab. Er fraß gerade in aller Gemütsruhe die Rosenstöcke ab, die in einem schönen Beet standen. Die einzelnen Blätter genügten ihm nicht, er vertilgte auch die dicken alten Strünke. Die Dornen machten ihm nichts aus. Das Geräusch des zersplitternden Holzes und das lautstarke Kauen klangen, als drohe sich der Weltuntergang an.

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob wir die ersten waren, die auf die Marienkäfer aufmerksam wurden. Wir riefen die Polizei, dann die Presse an. Und noch während die ersten Polizisten mit wichtiger Miene unseren Garten zertrampelten, hörten wir die entsetzten Schreie unserer Nachbarn. Wie es sich herausstellte, war unsere gesamte Vorstadtsiedlung von den Marienkäfern betroffen.

Das alles war nur der Anfang. Die Polizei versuchte alles, um der Tiere Herr zu werden, und setzte irgendwann sogar Pistolen und noch später Gewehre ein. Mobile Einsatzkommandos gingen in unseren Gärten auf Käferjagd, Wasserwerfer rollten durch die Straßen, die Tanks mit leichter Säure gefüllt.

Doch es kamen immer mehr Marienkäfer. Und sie schienen größer zu werden. Während die Tiere nacheinander alle Büsche und Zierbäume in unserer Siedlung vertilgten, schwärmten die Wissenschaftler aus. Biologen und Chemiker, Physiker und Anatomen – sie alle bewiesen eindrucksvoll und durch zahlreiche Grafiken, dass die Käfer nicht so groß sein konnten. Sie würden an ihrem eigenen Gewicht ersticken, die Panzer und die Ernährung konnten nicht funktionieren.

Nach allen Regeln der Wissenschaft gab es die Tiere also nicht. Dummerweise hielten sich die Käfer nicht an die Erkenntnisse der Forscher. Sie durchmaßen mittlerweile im Schnitt eineinhalb Meter und spazierten nicht nur in den Gärten und auf den Straßen unserer Siedlung herum, sondern auch im nahegelegenen Wald. Baumstämme mochten sie nicht sonderlich, aber sie fraßen so lange an ihnen herum, bis die Stämme umkippten und die Käfer sich über das Laub und die feinen Zweige hermachen konnten.

Sie wurden größer, und sie wurden mehr. Die Polizei kapitulierte, das Militär rückte an. Salven aus Maschinengewehren zersiebten Hunderte von Käfern, Granaten zerrissen sie in unappetitlich aussehende Fetzen. Doch das hielt die Tiere nicht davon ab, zu wachsen und sich zu vermehren. So ging es weiter und weiter …

Hinter den Mauern unserer Häuser, die von den Käfern nicht gefressen wurden, sitzen meine Tochter Sandra und ich sowie Tausende anderer Menschen. Wir wissen nicht, ob die Marienkäfer auch Menschen fressen würden, aber ich will es nicht herausfinden. Wir sind organische Materialien, und bisher fraßen sich die Tiere durch so ziemlich alles hindurch. Ich möchte Sandra nicht einem Marienkäfer zum Fraß vorwerfen.

Ich schaffe es wahrscheinlich, bis zur Garage zu kommen, das Auto zu starten und zum Einkaufen zu fahren. Aber ob ich jemals wieder zurückkomme, weiß ich nicht. Wie es aussieht, sind wir dazu verurteilt, im Wohnzimmer zu sitzen und auf unser Ende zu warten.

Für Sandra ist das alles ein riesiger Spaß. Vorher kam sie aufgeregt zu mir gelaufen. »Papa!«, rief sie aufgeregt. »Die Käfer werden noch viel viel größer.«

Zuerst glaubte ich ihr nicht, doch seit einer Minute sehe ich die rote Rundung, die sich am Ende der Straße über die Häuser erhebt. Ich sehe einen dunklen Punkt, der sich auf der Rundung befindet.

»Sie werden immer größer«, murmle ich. Und dabei weiß ich nicht, ob das wirklich das Ende sein wird …