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06 März 2026

Blick durch die Kunst-Lupe

Spaziert man durch Nantes, stolpert man an allen Ecken und Enden über Kunst. Vor allem die Insel der Maschinisten ist ein Gelände, auf dem sich Künstler aller Art austoben können. Zwischen ehemaligen Werftanlagen und Dockhallen sieht an Graffiti an den Wänden, erheben sich riesige Gummistiefel, die aussehen, als würden sie den daneben liegenden Kräutergarten bewachen, und es gibt entlang der Bras de Madeleine, des einen Arms der Loire, ein Geländer, auf dem Kreise aus Metall befestigt sind.

Es sind keine echten Lupen; wenn man durch die Kreise schaut, vergrößert sich nichts. Es ergeben sich aber immer wieder unterschiedliche Ein- und Ausblicke. Vor allem erhält man dank der Kreise einen schönen Blick auf die andere Seite des Flusses, je nachdem, wo man sich hinstellt und durch welchen Kreis man blickt.

Im Fall dieses Bildes blickte und fotografierte ich zu den alten Hafenanlagen auf der anderen Seite. Dort haben Künstler die alten Docks verschönert; die Hallen sehen dank der riesigen Schwarzweißbilder nicht schrottig oder heruntergekommen aus, sondern wie riesige Leinwände, auf denen man seltsame Gestalten, technische Gegenstände oder Comic-Figuren bewundern kann.

Faszinierend. Und immer wieder einen neuen Blick herausfordernd.

24 November 2025

Der Elefant fasziniert einfach

Als ich im Jahr 2018 zum ersten Mal in Nantes war, musste ich mir selbstverständlich die Insel der Maschinisten anschauen und bewunderte dort unter anderem den mechanischen Elefanten. Bei der diesjährigen Reise nach Nantes war das künstliche Tier wieder die Attraktion – da ich quasi um die Ecke wohnte, sah ich ihn gleich mehrfach.

Man hörte die Maschinen, die den Elefanten antreiben, man sieht die Technik, und trotzdem ist es ein beeindruckendes Bild: Das mechanische Tier ist riesig, es bewegt sich wie ein echter Elefant, und das wirkt fast schon naturnah. Die Ohren bewegen sich, die Beine haben die korrekten Bewegungsabläufe, die Haut ist lederartig; das hat schon viel von einer natürlichen Anmutung.

Für die Kinder ist es ein riesiger Spaß. Man kann auf dem Elefanten reiten, was ich eher langweilig fand, man kann ihn aber auch von unten oder von erhöhten Punkten aus bestaunen. Wer sich dem Elefanten in den Weg stellt, wird nassgespritzt: Das mechanische Tier richtet den Rüssel entsprechend aus und spuckt Unmengen von Wasser. Auch das ist ein riesiger Spaß für die Kinder.

Die Erwachsenen sind zumeist damit beschäftigt, das Schauspiel zu filmen. Das tat ich nicht: Ich guckte mir den mechanischen Elefanten lieber an und ließ ihn an mir vorübergehen, schoss nur eine Handvoll Fotos. Für die nächsten Jahre möchte ich die Bilder schließlich in meinem Gedächtnis bewahren. 

10 November 2025

Nantes bei den Docks

Street Art finde ich fast immer interessant, vor allem dann, wenn sie gut gemacht ist. Graffito sind in Karlsruhe oft sehr dilettantisch, da ist uns Nantes in mancherlei Hinsicht überlegen. Und so stieß ich bei meinem Aufenthalt in der französischen Stadt immer wieder auf Street-Art-Elemente, die künstlerisch waren und sich deutlich über das Niveau der üblichen Graffiti-Kunst hinausbewegten.

In der Nähe des Geländes der Maschinisten – dort geht der mechanische Elefant spazieren – und dort, wo sich früher die alten Docks erstreckten, stehen noch einige alte Lagerhallen. Überall dort haben sich Galerien, Kneipen und kleine Handwerksbetriebe angesiedelt; ein quirliges Leben, das nicht an die alte Zeit der Werften erinnert.

Den Zusammenschnitt der zwei Street-Art-Bilder mit dem alten Anker, der ihnen quasi zu Füßen liegt, fand ich faszinierend. Keine Ahnung, ob die Bilder parallel oder hintereinander entstanden sind – sie unterscheiden sich stilistisch, sehen aber beide gut aus und bilden mit dem rostigen Eisen ein schönes Gesamtkunstwerk. Sehr hübsch!

03 November 2025

Drei Superheldinnen für Paris

Für einige Tage schien es für die Medien in Deutschland kaum ein anderes Thema zu geben: In den Louvre in Paris war eingebrochen worden, zudem auf eine besonders dreiste Art und Weise, und die Einbrecher hatten es geschafft, echte Wertsachen mitzunehmen. Wer die Fernsehserie »Cat’s Eyes« kennt, die unter anderem in Paris spielt, konnte sich darüber nicht wundern: Die drei Hauptfiguren sind ständig damit beschäftigt, irgendwelche Einbrüche zu begehen …

Tatsächlich ist die Serie, deren erste Staffel immer noch in der ZDF-Mediathek anzuschauen ist, sehr unterhaltsam, wenngleich nicht unbedingt hochgeistig. Aber das brauche ich echt nicht ständig; manchmal gefällt es mir einfach, eine spannende Geschichte zu sehen, in der drei junge Frauen auf dem Eiffelturm, im Louvre, in Versailles, in einem Schloss auf dem Land und in einem Ausflugsboot unterwegs sind. Es geht um Kunstdiebstahl und ihren Vater, der angeblich tot ist, aber offensichtlich in mysteriöse Machenschaften verwickelt war.

Die acht Folgen sind allesamt gut gemacht; kein Wunder, dass bereits an einer zweiten Staffel gedreht wird. Man darf nicht immer nach der Handlungslogik fragen; ich saß einige Male vor dem Fernseher und sagte verblüfft, »wo haben sie denn das jetzt her?« oder »seit wann können die das?« – aber solche Fragen stellt man sich ja auch nicht, wenn man irgendwelche Marvel- oder DC-Filme anguckt. Sobald man die drei coolen Frauen bei »Cat’s Eyes« als Superheldinnen betrachtet, wird alles ein bisschen einfacher …

Ernsthaft: Die Serie bietet kunterbunte Unterhaltung. Das ist Zeiten, in denen die Nachrichten von Zynikern der Macht beherrscht werden, nicht das Dümmste.

13 Oktober 2025

Wie viele Erden braucht der Mensch?

Ich hatte von Gloria Friedmann noch nicht gehört, kenne mich aber mit moderner Kunst so gut wie gar nicht aus und weiß vor allem nichts über moderne Bildhauerei. Aber die Ausstellung, die in der HAB Galerie in Nantes gezeigt wurde, klang sehr interessant – also spazierten wir dort hin. Wir schauten uns ohnehin nicht nur einmal auf der faszinierenden Insel der Maschinisten um ...

Überall in Nantes findet man Kunst, ein grünes Band verbindet die Kunstwerke und Ausstellungen, so dass man sich nicht verirren kann. Die HAB-Galerie liegt unweit der Gegend, in der es die eigentliche Halle der Maschinisten gibt und wo der mechanische Elefant herumläuft. Eine Ansammlung von Lagerschuppen wurde dort in Restaurants und Ausstellungsflächen verwandelt.

Die Ausstellung von Werken der Künstlerin Gloria Friedmann fragte »Combien de terres faut-il à l'homme?«, also »wie viele Erden braucht der Mensch?« – in der französischen Sprache ist das mit der »Erde« wie im Deutschen; gemeint ist sowohl der Planet, auf dem wir leben, als auch die Erde, die wir zu Überleben nutzen, als Ackerfläche beispielsweise.

Die Kunstwerke spielten allesamt mit diesem Wortspiel. Die Erde wurde durch riesige Kugeln versinnbildlicht; Kunstwerke bestanden aus Laub und Erde. Meine Mutter hätte gesagt: »De isch ja älles Dreck.« Und damit hätte sie nicht unrecht gehabt.

Ich fand die Vielzahl der Darstellung spannend – und nicht überfrachtet. Nach gut einer Stunde hatten wir alles zu Genüge angesehen und gingen wieder hinaus ins Freie – es gab noch genügend anderes zu sehen.

04 September 2025

Bei Manu auf der Straße

Wir waren ein bisschen hungrig und wollten vor allem etwas trinken. Die vielen Restaurants, Cafés, Bistros und Brasserien im Gassengewirr von Nantes sprachen uns zwar an, verwirrten uns aber auch: Wo sollte man sich da hinsetzen, wo würde es denn wirklich gut schmecken? Als wir in einer kleinen Straße an »Chez Manu« vorbeikamen, guckten wir interessiert, spazierten dann zuerst weiter und kehrten nach wenigen Metern wieder um: Das sah doch interessant aus!

Einige Tische standen auf der Straße, an denen Leute saßen, miteinander redeten, viel lachten und tranken. Im Innern der klein wirkenden Räumlichkeiten war niemand. Aber der erste Eindruck war der eines Ortes, an dem die Stimmung gut und die Gäste trinkfest waren.

»Chez Manu« war das, was meiner Vorstellung von einer Wein-Bart am nächsten kommt. Der Besitzer erwies sich als großer Mann mit Bauch und längeren grauen Haaren, der viel lachte und viel Wein trank, der ständig rauchte und mit allen Gästen gleichzeitig im Gespräch zu sein schien. Er trug ein verwaschenes schwarzes T-Shirt mit dem Logo einer Metal-Band, eine Jeans, deren Schwarz bereits verblichen war, und schwarze Stiefel, die in ihrem früheren Leben vielleicht einmal bei einer Armee zum Einsatz gekommen waren.

Der Wein, den er ausschenkte, war sehr gut, nicht unbedingt preiswert. Man konnte bei ihm natürlich auch ganze Flaschen bestellen, wir hielten uns an kleine Gläser mit Weißwein aus der Region und tranken uns vorsichtig durch die Karte. Wasser zum Trinken gab es keins: Er habe doch hier eine Wein- und keine Wasser-Bar, machte Manu uns klar.

Immerhin gab es zu essen: Wir bestellten einen Teller mit Käse, mehr nicht. Was wir bekamen, war ein großes Vesperbrett mit leckeren Käsestücken aus verschiedenen Regionen Frankreichs, die wir uns probieren konnte und die allesamt überzeugten. Dazu reichte er Brot, bei dem er auch nachlieferte, nachdem wir das erste Körbchen leergefuttert hatten. Am Ende waren wir pappsatt.

Es war ein richtig schöner Abend vor dieser Weinbar. Wir lachten viel, wir aßen und tranken, die Flugzeuge donnerten dicht über unsere Köpfe hinweg – zumindest gefühlt –, und irgendwann gewöhnten wir uns fast schon an sie. Der Weg zurück zum Hotel war dann nicht ganz einfach, glückte aber.

30 Mai 2025

Grenze an der Grenze

Bereits in den 70er-Jahren waren die Kontrollen an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich sehr oberflächlich. Wenn mein Vater mit uns in seinem VW-Käfer an die Rheinbrücke kam, wurden wir üblicherweise durchgewunken. Die Personalausweise hatte man zur Hand, aber man brauchte sie nicht, alles kein Problem – das gleiche bei der Rückfahrt.

Und lange vor den Schengen-Verträgen war klar, dass Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich ein Unding sind. Ich überquerte seitdem sehr oft die Grenze und wurde nie kontrolliert. In den vergangenen Jahren fuhr ich sogar mehrfach mit dem Rad einfach durch den Wald oder entlang des Rheins oder durch irgendwelche Weinberge und stand unversehens in Frankreich.

Das ist jetzt anders. Als ich kürzlich ins Elsass fuhr, gab es auf der anderen Stra0enseite einen riesigen Stau: Die deutsche Polizei hatte die Straße gesperrt und Zelte errichtet. Eine improvisierte Grenzabfertigung war entstanden, wo nun Leute kontrolliert wurden. Schon klar: ein Ergebnis unserer neuen Regierung – man will die illegale Migration stoppen, löst aber damit vor allem Stau und Ärger auf.

Als ich am gleichen Tag aus dem Elsass zurück in die Pfalz wollte, nahm ich eine Nebenstrecke, eine der vielen kleinen Straßen. Dort wurde nicht kontrolliert. Logisch – so viele Polizisten hat man ja gar nicht zur Verfügung, um jede Gemeindestraße zu blockieren. Aber mal ehrlich: Wenn schon so ein Durchschnittsdeutscher wie ich auf die Idee komme, auf eine Nebenstrecke auszuweichen – was wird dann einer dieser ach so schwerkriminellen Schleuser machen? Der stellt sich doch bestimmt nicht in die Schlange am offiziell kontrollierten Grenzübergang, sondern nimmt den Radweg entlang des Rheins oder eine ganz normale Dorfstraße ...

26 Mai 2025

Die kleinen Dinge in einem Dorf

Was ich am französischen Kino immer wieder bewundere, ist die Tatsache, dass man es in unserem Nachbarland immer wieder schafft, Komödien zu drehen, die ganz nebenbei ernsthafte Themen verhandeln. So ist es auch mit dem Film »Es sind die kleinen Dinge«, der 2023 in Frankreich herauskam und 2024 in Deutschland veröffentlicht wurde – da verpasste ich ihn völlig. Nun ist er aber in diversen Streaming-Portalen zu sehen, also sah ich ihn mir an.

Der Film lebt von seinen Hauptdarstellern, die mir allesamt aus anderen Filmen bekannt waren. Julia Piaton spielt die Lehrerin Alice, die im Nebenberuf die Bürgermeisterin eines kleinen Dorfes ist. Michel Blanc wiederum spielt den Rentner Émile, der nicht lesen kann und sich als echter Sturkopf erweist. Und wie in solchen Fällen üblich: Die beiden müssen sich zusammenraufen.

Letztlich aber ist der Film vor allem das Porträt eines Dorfes, dessen Bewohner sich abgehängt fühlen. Es gibt keine Kneipe mehr, keinen Laden, nichts. Und wenn die Schule auch noch geschlossen wird, steuert das hübsche kleine Dorf auf sein Ende zu. Also versuchen die Bewohner alles, um ihre Schule zu retten.

Natürlich ist das letztlich ein Märchen. Dorfbewohner sind Menschen wie alle anderen auch – sie halten leider nicht so schön zusammen, wie es in diesem Film erzählt wird, sondern es gibt Nazis und Trottel unter ihnen, nette und engagierte Leute, Querköpfe und alles andere auch. Aber ich mag es dann doch, wenn mir in einem Film vermittelt wird, wie es sein könnte, wenn die Leute solidarisch wären und mit Witz und Engagement gegen blöde Bedingungen vorgehen würden.

So ist »Es sind die kleinen Dinge« ein Film, der keine große Geschichte erzählt, sondern Menschen in den Mittelpunkt stellt und sie vielleicht ein wenig schöner darstellt, als sie es wirklich wären. Es ist gut gemachte Unterhaltung mit einem ernsthaften Kern – und das ist das, was viele französische Komödien unterm Strich auszeichnet. Empfehlenswert!

30 April 2025

Drei Schicksale in Marseille

Die »Aldebaran« ist ein Schiff, »gestrandet« in Marseille. Aus rechtlichen Gründen darf es nicht weiterfahren, die Besatzung wird entlassen und kann nach Hause. Doch zwei Männer bleiben an Bord: der libanesische Kapitän und der griechische Erste Offizier; später gesellt sich noch der türkische Funker dazu. Zwischen dem rostigen Rumpf des Schiffes und den Straßen von Marseille finden sie alle ihr Schicksal, mal tragisch, mal positiv.

Jean Claude Izzo wurde vor allem durch seine »Marseille-Trilogie« bekannt, für die er auch Literaturpreise bekam. Mit »Aldebaran« legte er Ende der 90er-Jahre ein Spätwerk vor, das ich endlich gelesen habe: ein packender Roman über Marseille und seine Menschen, das Mittelmeer und seine Seefahrt, weit entfernt davon, ein »normaler« Krimi zu sein, eher ein Stück faszinierender Literatur, streckenweise durchaus grob, dann aber doch voller Mitgefühl für die einzelnen Figuren.

Der Autor bleibt in seinem Roman, der sich flott lesen lässt, immer dicht an seinen Figuren dran, geht streckenweise tief in ihr Inneres hinein, wechselt dabei munter die Erzählperspektive – aber das macht er gekonnt, so dass ich damit gut klarkomme – und schafft es so, auf den vergleichsweise wenigen Seiten ein Sittenbild seiner Figuren und ihres Umfeldes zu zeichnen.

Dieses Sittenbild ist streckenweise heftig, unter anderem werden zwei Vergewaltigungen thematisiert. Sie werden nicht ausführlich geschildert, aber sie sind eindeutig genug.

Auf der anderen Seite schreibt der Autor immer wieder über die Liebe. Der Kapitän verzehrt sich nach seiner Frau, die er zurückgelassen hat und zu der er wohl nie zurückkehren wird. Die Ehe des Ersten Offiziers ist bereits zerbrochen, und in Marseille will er eine alte Liebe wiederfinden. Und der junge Funker, der nicht weiß, wohin er mit seinen Gefühlen soll, lässt sich in einer wirren Verliebtheit auf dumme und gefährliche Dinge ein.

Alles in allem ist »Aldebaran« ein sehr dicht erzählter Roman, der streckenweise zwar ein wenig grob ist, ansonsten aber die großen Gefühle ins Zentrum stellt und eine Stadt porträtiert. Ich fand ihn klasse.

(Erschienen ist er im Unionsverlag. Ich habe die Hardcover-Version, die schon vergriffen ist; es gibt ihn aber als Taschenbuch sowie als E-Book.)

18 März 2025

Wajdi aus Jemen

Ein Junge aus dem Jemen, zehn Jahre alt, der keine Eltern mehr hat und der als Flüchtling in Frankreich gelandet ist: Wajdi hat ein schlimmes Schicksal hinter sich, aber offenbar winkt ihm eine schöne Zukunft – ein französisches Ehepaar will den Jungen adoptieren. Doch niemand hat mit den Schwierigkeiten gerechnet, die auf die drei Menschen zukommen ...

»Die Adoption« war bislang ein Comic-Zweiteiler aus Frankreich, in dem es um die berührende Geschichte einer Adoption mit Hindernissen ging; dabei kam das Kind aus Südamerika. »Wajdi« ist der dritte Band, der allerdings ohne Nummerierung erschienen ist und auch nichts mit der ersten Geschichte zu tun hat. Lesenswert finde ich ihn trotzdem – es ist eine zutiefst menschliche Geschichte, verpackt in eine moderne Graphic Novel.

Der Texter Zidrou erzählt die Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger, sondern lässt seine Charaktere für sich sprechen. Die beiden Eltern haben ihre Schwächen, der kleine Junge versteht kein Wort, auf beiden Seiten wachsen die Missverständnisse – und dann läuft der Junge weg, versteckt sich irgendwo in Nantes, wo die Familie lebt. Das alles zeigt Zidrou in klaren Dialogen und spannenden Szenen; es wird immer klar, wer wie handelt und wieso manche Handlung eben zu schlechten Konsequenzen führt.

Umgesetzt wird das Ganze von Arno Monin, der mit feinem Strich und sanften Farben eine packende Realitätsnähe schafft. Häuser und Landschaften, regennasse Straßen und Pflanzen – das alles sieht bei ihm stark und realistisch aus. Die Figuren sind weit davon entfernt, »funny« zu sein, sind aber nicht streng realistisch. Das schadet der Geschichte nicht, ganz im Gegenteil; sie gewinnt dadurch an Dynamik.

In Zeiten, wo allenthalben darüber gesprochen wird, wie man »unerwünschte« Menschen wieder loswerden kann, ist so ein Comic eine wunderbare Antwort. »Die Adoption« verschweigt nicht die Schwierigkeiten, erzählt aber vor allem eine gelungene Geschichte, die im Hier und Jetzt und mit »ganz normalen« Menschen spielt. Toll.

(Erschienen ist das Album im Splitter-Verlag. Das Buch ist 144 Seiten stark. Ich empfehle, die Leseprobe anzuschauen.)

28 Januar 2025

Comic-Trilogie über ein besonderes Mädchen

Elle ist ein Mädchen, das irgendwo in Frankreich wohnt, das aber ebensogut in einem anderen Land der westlichen Welt leben könnte. Elle geht zur Schule, trifft sich mit Freundinnen und Freunden, hat die üblichen Probleme mit den Gefühlen und muss sich damit auseinandersetzen. Und Elle ist die Hauptperson des Comic-Dreiteilers »Elle(s)«, der im Toonfish-Verlag in Form kleinformatiger Hardcover-Bände erschienen ist.

Elles Freundinnen und Familie wundern sich immer wieder über die Auffälligkeiten des Mädchens. Mal ist Elle bestens drauf, dann ist sie abweisend und gemein. Mal sammelt sie Freundinnen um sich, mal scheint sie alle Welt zu hassen. Sie kann fröhlich und witzig sein, wirkt bei anderen Gelegenheiten aber tief traurig und verzweifelt. Es braucht einige Zeit, bis es klar wird: Elle ist eine multiple Persönlichkeit, und in ihrem Inneren bekämpfen sich die einzelnen Facetten ihres Bewusstseins.

Für Science-Fiction-Fans ist das kein neues Thema – selten habe ich es aber so jugendgerecht gesehen und gelesen. Die Handlung läuft dabei auf zwei Ebenen: Einerseits wird gezeigt, wie sich Elle verhält, wie sie ihre Mitmenschen begeistert oder abstößt. Andererseits geht’s in das Innenleben der Figur, wo sich die einzelnen Persönlichkeiten in einer eher phantastisch anmutenden Landschaft begegnen und auch bekämpfen.

Entwickelt wurde das Szenario von Kid Toussaint. Die Figuren werden sympathisch und glaubhaft gezeichnet, das Leben von Elle fasziniert, und die Konflikte in ihrem sind spannend.

Interessant finde ich die Bilder – es handelt sich um das Erstlingswerk von Aveline Stokart, die einen recht modernen Stil hat. Die Augen sind extrem groß, wie bei Mangas, die Farbgebung ist eher hell und bunt. Die Figuren wirken spielerisch, trotzdem ist immer klar, was sie denken und fühlen.

Mit »Elle(s)« ist den beiden eine Comic-Trilogie gelungen, die ich gern las, auch wenn ich sicher nicht die Zielgruppe bin. Wer einen Blick auf junge Leute mit speziellen Problemen werfen möchte, ist hier richtig – es ist sicher aber auch ein Comic, den man getrost Jugendlichen als Erstlektüre in die Hand drücken kann. (Und wer mir nicht glaubt, schaue sich die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlags an.)

30 Dezember 2024

Leise und große Töne

Das Szenario klingt zuerst ein wenig lahm, aber schon der Trailer deutet an, dass der Film interessant sein sollte. Tatsächlich entpuppte sich für mich der Kinofilm »Die leisen und die großen Töne« als ein großartiger Streifen, als eine Achterbahnfahrt durch Musik und Gefühle. Man lacht, man fiebert mit, und am Ende sitzt der ganze Saal voller Menschen da, ist still oder weint. Das mag arg klischeehaft klingen, aber ich brauchte am Ende auch ein Taschentuch.

Worum geht’s? Um einen begabten Dirigitenten und Komponisten, der zuerst erfährt, dass er Blutkrebst hat, und dann, dass er als kleines Kind adoptiert wurde und einen Bruder hat. Der wiederum lebt in einem kleinen Ort, wo die Menschen um die Existenz ihrer Fabrik kämpfen, und spielt in seiner Freizeit in einer Blaskapelle.

Die beiden Brüder nähern sich – anfangs wider Willen – langsam aneinander an. Soziale Unterschiede lassen sich halt nicht so einfach wegwischen, die Ungerechtigkeiten der Kindheit verschwinden nicht einfach, nur weil beide Brüder auf ihre Art Musik mögen und sogar den gleichen Jazz-Trompeter schätzen.

Dem Regisseur Emmanuel Courcol gelingt es mit diesem Streifen, eine packende Geschichte zu erzählen, die ohne Action-Effekte auskommt – okay, es gibt zwischendurch mal eine Schlägerei – und ganz auf Personen setzt. Die Schauspieler sind beeindruckend, die Geschichte ist grandios erzählt: ein Film, der mich gepackt hat und den ich unbedingt empfehlen muss.

26 November 2024

Wichtige Comic-Anthologie mit Schwächen

Bei dem Comic-Band »Lieber Körper« muss man die Vorgeschichte kennen, bevor man ihn zu lesen beginnt: Die französische Journalistin Léa Bordier führte auf ihrem YouTube-Kanal im Verlauf der Jahre viele Informationen mit Frauen, wobei es um allerlei Belange des Lebens geht. Das kam sehr gut an, und so entstand die Idee, aus den Filmen auch Comics zu machen.

Der Band »Lieber Körper« entstand als eine Anthologie: zwölf Geschichten von zwölf Personen, illustriert von zwölf Comic-Schaffenden. Hierzulande wurde er als schöner Hardcover-Band im Hirnkost-Verlag veröffentlicht.

Damit ist klar, dass sowohl die inhaltliche als auch die optische Bandbreite sehr groß ist. Ich halte diesen Band und seine Lektüre für wichtig, auch wenn ich nicht die hauptsächliche Zielgruppe bin und mit der Optik vieler Comics darin sehr fremdelte. Es ist halt mehr ein Graphic-Novel-Stil, der für meinen Geschmack oft zu »krakelig« und ungelenk oder gar pseudomodern ist, den aber viele Menschen mögen.

In den einzelnen Geschichten geht es um Frauen verschiedener Altersgruppen, die Probleme mit ihrem Körper hatten. Die eine Frau ist zu dünn, die andere fühlt sich zu dick, eine steckt im »falschen Körper«, die andere leidet an einer Depression. Jede geht das Thema auf ihre Weise an, und so entstand eine Sammlung ´berührender Porträts.

Künstlerisch konnte ich mit den meisten Geschichten nichts anfangen; das war nie ein Stil, der mir gefallen hätte. Manches fand ich durchaus interessant, in der Mehrheit blieb das alles aber weit von meinem Geschmack entfernt. Das aber ist Ansichtssache, wie weiter oben bereits vermerkt.

Inhaltlich ist die Anthologie richtig und wichtig. Aus diesem Grund möchte ich sie auch empfehlen. Es gibt einige Leseproben im Netz, die man sich vielleicht vorher anschauen sollte.

23 August 2024

Paris ist auch kein Paradies

Weil ich Paris für eine beeindruckende Metropole halte, was zuletzt durch die großartige Eröffnung zu den Olympischen Spielen unterstrichen wurde, schaue ich mir gern Filme an, die in dieser Stadt spielen. Damit war es logisch, den aktuellen Kinofilm »Paris Paradies« in der »Schauburg« in Karlsruhe zu genießen. Ich wusste nicht so recht, was mich erwartete, und stellte mich auf eine eher flache Komödie ein ...

Mit dieser Erwartung lag ich ziemlich daneben. Der Film spielt mit allen möglichen Themen, unterm Strich geht es aber immer um den Tod und die Liebe, mal zusammen, mal als Gegensätze. Erzählt wird fast ein Dutzend Geschichten, die teilweise sehr berührend sind, die einen manchmal zum Lachen bringen, bei denen man aber auch die eine oder andere Träne verdrücken muss.

Regie führte Marjane Satraphi, die ein großes Ensemble an bekannten und weniger bekannten Schauspielern zusammenstellte. Beeindruckend fand ich Monica Bellucci, die früher als »sexy«-junger Filmstar vermarktet wurde und nun eine alternde Opern-Diva spielt, die den alten Zeiten hinterher trauert und nicht damit klarkommt, dass sie fast sechzig Jahre alt ist.

Teilweise grob fand ich die Geschichte um ein Teenager-Mädchen, das von einem Sadisten entführt wird, diesen aber fast ins Koma quasselt. Stark war die Geschichte mit dem Barbesitzer, der mit seinem Lokal gewissermaßen das Epizentrum der Geschichte bildet und seit vielen Jahren seiner toten Frau hinterher trauert, ohne etwas vom wirklichen Leben mitzubekommen.

Und so weiter.

Schon klar: Man muss das französische Kino mögen. Wer nur Action oder Science Fiction mag, ist hier womöglich falsch beraten. Ich fand den Film sehr gelungen – ein vielseitiger Film, dem vielleicht die zentrale Geschichte fehlt, der aber eine Reihe von tollen Geschichten schön bündelt.

28 Mai 2024

Kurzgeschichten der Comic-Großmeister aus den 60er-Jahren

Man muss sicher nicht viel über René Goscinny sagen: Auch wer sich nicht intensiv mit Comics beschäftigt, kennt die wesentlichen Werke dieses klassischen Szenaristen, hat einmal »Asterix« oder »Lucky Luke« gelesen, vielleicht sogar »Isnogud« oder »Umpa-Pah«. Dass er zusammen mit dem Künstler Marcel Gotlib zudem die »Dingodossiers« veröffentlichte, war bisher Spezialwissen für echte Experten – schön, dass es diese Comics nun in einem gelungenen Gesamtwerk gibt!

Wer nicht weiß, was das ist, möge sich nicht grämen: Hierzulande waren die »Dingodossiers« nie ein Thema. Es handelt sich um Comics, meist eine Seite lang, manchmal auch zwei Seiten umfassend, die allerlei Themen satirisch aufgriffen. Sie wurden in Zeitschriften veröffentlicht, wurden also zwischen längeren Comics oder gar Artikeln präsentiert, sollten die Umgebung gewissermaßen auflockern. Das durfte und konnte nicht sonderlich intellektuell werden, das wollten weder der Autor noch der Zeichner.

Die Schwarzweiß-Comics sind oft auf puren Klamauk gebürstet; sie sind nicht immer genial, aber sie sind toll gezeichnet und sie steuern immer wieder auf eine gelungene Pointe zu. Viele der Gags würde man heute als »politisch nicht korrekt« deuten, sie sind politisch-gesellschaftlich aber sauber genug. Klar, die Darstellung von Männern und Frauen entspricht dem Bild der 60er-Jahre, wird aber immer wieder karikiert und satirisch auf die Spitze genommen.

Wer mag, kann den Humor als »anarchistisch« bezeichnen, weil er sich nicht um die Regeln schert. Wer mag, kann ihn auch als altmodisch beschimpfen. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem schönen Blick auf die 60er- und 70er-Jahre belohnt, den man so nicht noch einmal finden dürfte …

Erschienen ist das dickleibige Werk bei Splitter. Es enthält neben den vielen Kurz-Comics auch redaktionelle Ergänzungen, die dabei helfen, das Werk einzuschätzen. Sehr gelungen!

20 Mai 2024

Am Gare von Straßburg

Als ich zum letzten Mal am Bahnhof von Straßburg war, schrieben wir den August 1983. Der Bahnhof prunkte mit einer beeindruckenden alten Fassade, überall kam man problemlos mit süddeutschem Dialekt durch – Elsässisch und Schwäbisch sind recht verwandt –, und die Stadt wirkte friedlich und ausgesprochen nett, ein bisschen beschaulich fast.

Über Pfingsten war ich mal wieder in Strasbourg, wie man die Stadt in Frankreich ja bezeichnet, und kam zum ersten Mal seit vierzig Jahren zum Bahnhof. Strasbourg selbst hatte ich auch in den Nuller-Jahren immer mal wieder besucht. Die Fassade des »Gare« ist nicht mehr zu sehen; eine riesige Glasfront wurde praktisch über den gesamten Vorplatz gezogen. Das sieht hypermodern aus und gleichzeitig irgendwie falsch; aber ich bin kein Architekturkritiker, und es wird sicher einen Grund für dieses seltsame Bauwerk geben.

Elsäsissch hört man in der Stadt nicht mehr, nirgends, nicht mal mehr von alten Leuten, nicht einmal in einer Winstub. Touristen aus Deutschland werden auf Englisch angesprochen (wenn man Glück hat). Die Stadt ist ohnehin voller Touristen.

Und sowohl am Münster als auch am Bahnhof und sicher auch an anderen Stellen von Strasbourg patrouillierten Soldaten: immer in Gruppen von drei oder sechs Mann, mit Sturmgewehren bewaffnet und mit kritischem Blick. Mir ist klar, dass das heutzutage nötig ist, aber schön finde ich den Anblick von Soldaten in einer Fußgängerzone trotzdem nicht.

Seit ich als Kind in den 70er-Jahre zum ersten Mal mit meinen Eltern bewusst in »Schdroosburg« war, wie man das bei uns nannte, hat sich viel getan. Vieles davon ist echt gelungen, manches finde ich schade. Aber ich nahm mir vor, wieder öfter nach Straßburg zu fahren – per Bahn oder Auto ist es von Karlsruhe aus nicht weit.

23 April 2024

Haarsträubender Comic-Unfug, aber ein Klassiker

»Was haben die wohl damals geraucht?« Diese Frage stellte ich mir nicht nur einmal, während ich den zweiten Band der »Valentin«-Gesamtausgabe las. Das Buch ist 256 Seiten dick und enthält zwölf turbulente Comics, in denen ein Vagabund namens Valentin im Zentrum steht. Er trägt zerlumpte Kleidung, stolpert ahnungslos und ziemlich naiv durch die Gegend und wird dabei immer wieder in Probleme verwickelt.

Verschiedene Künstler arbeiteten zwischen 1966 und 1977 an den Comics, die in diesem Buch versammelt worden sind. Die meisten Geschichten stammen von Jean Tabary, der hierzulande vor allem durch seinen »Isnogud« bekannt geworden ist. Zumindest zeichnerisch gibt es große Ähnlichkeiten zwischen den beiden Figuren und ihrer Umgebung – und erzählerisch passt da so manches zusammen.

»Valentin« ist im wahrsten Sinne des Wortes chaotisch und anarchistisch. Die Handlung ist sprunghaft, und alle Figuren sind blöd. Eigentlich ist Valentin, der Vagabund, die einzige Figur mit einer positiven Haltung. Polizisten und Bürger, Landwirte und Beamte – sie sind alle nur hinter irgendwelchem Geld her, sind haarsträubend dumm und stolpern von einer Tollpatschigkeit zur nächsten.

Liest man die Geschichten am Stück, kann das durchaus mal nerven. Sie sind chaotisch, sie sind schräg, sie stecken voller Situationskomik. Man muss »Valentin« offensichtlich in kleinen Dosen lesen, jeden Tag zwei, drei Seiten also, und dann funktioniert es.

Nein, ernsthaft: Mit den zwei Bänden der »Valentin«-Gesamtausgabe hat der All-Verlag einen Klassiker der franobelgischen Comic-Kultur für die deutschsprachigen Comic-Leser aufbereitet. Das ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Wer aber an dieser Art von Klassikern seine Freude hat, wird bei »Valentin« häufig schmunzeln können.

23 Januar 2024

Starke Story, schwache Bilder

In den vergangenen Jahren haben die Comic-Romane auch im deutschsprachigen Raum enorm gewonnen; man findet sie mittlerweile in »seriösen« Buchhandlungen, nicht nur im »schnöden« Comic-Fachhandel. Graphic Novels, so der offizielle Begriff, werden anscheinend vom seriösen Bürger als Lektüre akzeptiert, das Feuilleton schreibt darüber; dafür muss man sich weder schämen noch verstecken.

Mit manchen dieser Comics fremdle ich allerdings – und »Unter den Kieseln der Strand« ist hierfür ein gutes Beispiel.

Dabei ist die Geschichte wirklich gut. Sie spielt im Jahr 1962. Drei männliche Jugendliche in einem kleinen französischen Ort langweilen sich in den Ferien ein wenig. Sie gammeln am Strand herum, sie plündern den Weinkeller der Eltern, sie lernen ein Mädchen kennen. Und was so verspielt losgegangen ist, wird auf einmal zu einem Kriminalfall und gleichzeitig zu einer Liebesgeschichte.

Pascal Rabaté baut seine Geschichte ruhig auf. Er stellt die Personen vor, und dann dreht er die Story weiter. Einbrecher spielen auf einmal eine Rolle, die Familie mischt sich ein, und am Ende hat sich die Welt für den eigentlichen Helden der Geschichte völlig verändert. Das ist spannend erzählt und hat mir bei der Lektüre richtig Spaß bereitet.

Dabei konnte ich mit der künstlerischen Ausrichtung nichts anfangen. Die Zeichnungen sind in einem schlichten Schwarzweißgrau gehalten, was grundsätzlich okay ist, die Figuren aber wirken nur schraffiert; Gesichter oder Hände sind sehr einfach und weit entfernt von anderen Comics, die ich mag.

Rabaté hat sich vielleicht für diesen reduzierten Stil entschieden, weil dadurch die Geschichte wichtiger wird als die Bilder – meinen Geschmack trifft er damit nicht. (Wer sich das nicht vorstellen mag, sollte unbedingt die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlags anschauen.) Aber ich muss ja auch nicht alles mögen ...

16 Januar 2024

Spannender Krimi als grandioser Comic

Ende des 19. Jahrhunderts, die sogenannte Belle Époque: Frankreich ist eine der führenden Nationen der Welt. Die Industrie blüht, die Wirtschaft wächst, es entstehen neue Kunstrichtungen. Und nach wie vor haben die Männer das Sagen, während die Frauen im Hintergrund stehen und häufig verachtet werden. Das ist der Ausgangspunkt für den spannenden Comic »Herbst an der Bucht der Somme«, der den Geist dieser Zeit hervorragend aufgreift.

Die Geschichte beginnt mit einem Mord. Ein toter Industrieller wird auf seinem Schiff gefunden, das in der Bucht der Somme ankert. Ein Polizist aus Paris beginnt mit seinen Ermittlungen, die nicht von allen gleichermaßen geschätzt werden. Der Industrielle hat, wie es scheint, im Leben alles richtig gemacht – sogar die Arbeiter schätzen ihn. Und doch hat ihn jemand brutal umgebracht. Der Polizist beginnt zu graben, und seine Forschungen führen ihn sowohl in die höchsten Kreise der Industrie als auch in die Armenviertel des rasant wachsenden Paris …

Philippe Pelaez als Autor der Geschichte vermittelt den Zeitgeist der Belle Époque sehr glaubhaft. Die sich entwickelnde Gesellschaft mit all ihren Schattenseiten dient ihm als Kulisse für eine spannende Geschichte mit ungewöhnlichen Wendungen. Er zeigt Arbeiter und Prostituierte, den Wohlstand der Oberklasse und das Elend der Armen. Vor allem gibt es Einblicke in das Paris jener Zeit – der Montmartre wird von ihm als Armenviertel gezeichnet, in dem eben noch einige Windmühlen stehen. Immer wieder stellt er die Rolle der Frauen jener Zeit heraus: Sie waren noch weitgehend rechtlos, wollten sich damit aber immer weniger abfinden.

Der Comic wäre aber nichts ohne die beeindruckenden Bilder, die Alexis Chabert beisteuert. Seine Darstellung der Belle Époque ist von den Künstlern jener Zeit beeinflusst. Er zeigt die Straßen von Paris, die schicken Innenräume und die Arbeiterquartiere in einer Farbenpracht und Detailverliebtheit, die ich richtig stark fand. Seine Bilder laden dazu ein, den Comic nach der ersten Lektüre gleich noch ein zweites und drittes Mal zu lesen.

Am Ende bleibt ein Fazit: »Herbst an der Bucht der Somme« ist ein knackiger Krimi mit einer sehr spannenden Handlung, der mit seiner starken Illustration vollends überzeugt. (Erschienen ist er bei Splitter.) Toll!

17 Juli 2023

Ein extrem lahmer Maigret

Ich mag die klassischen »Maigret«-Romane des französischen Schriftstellers Georges Simenon, von denen ich im Verlauf der Jahre mehr als zwei Dutzend gelesen habe. Und ich mag eigentlich auch den französischen Schauspieler Gérard Dépardieu – sieht man von seinen politischen Ausfällen ab –, der im Verlauf der Jahrzehnte viele Filme gedreht hat, von denen manche richtig gut, andere leider richtig schlecht waren.

Aus diesem Grund war ich sehr auf die »Maigret«-Verfilmung gespannt, die in diesem Jahr in die Kinos kam. Die Kinovorstellung verpasste ich, also sah ich mir den Film am Wochenende auf einem Streaming-Kanal an. Das genügt allerdings auch, um ein Urteil zu fällen.

Der Film spielt in Paris, und offensichtlich erhielten die Macht keine vernünftigen Drehgenehmigungen. Die meisten Szenen finden in Räumlichkeiten statt, und wenn doch einmal eine Szene auf der Straße oder entlang der Seine spielt, wirkt das Ganze so, als habe man sich auf einen winzigen Ausschnitt konzentriert, um Geld zu sparen.

Das mag jetzt kleinkariert klingen, aber es stört doch sehr: Wenn der Mörder einer jungen Frau sich offenbar in Paris herumtreibt und der Kommissar in Paris unterwegs ist – irgendwann in den fünfziger Jahren, scheint es –, dann möchte ich das doch irgendwie spüren und erleben. Stattdessen spielt das alles in einem grauen, fast schon amorphen Raum; der Film könnte genauso gut sonstwo in der französischen Provinz spielen.

Die Geschichte wird leider sehr dröge erzählt. Es geht um den Mord an einer jungen Frau, ebenso geht es aber um soziale Unterschiede. Was hätte man daraus für ein Drama machen können! Wie hätte man das Gefälle zwischen den Neureichen, die ihre fetten Feste feiern, und den bettelarmen Mädchen auf der Straße darstellen können! Darauf verzichtet der Film leider weitestgehend.

Stattdessen spaziert Dépardieu als Maigret durch die Straßen; er ist alt und müde, und das sieht man ihm an. Das wird zwar mit der Rolle des Kommissars vermischt, passt also irgendwie, ist aber irgendwann schrecklich langweilig. So schleppen sich der Schauspieler und der Film durch die Szenen, und am Ende ist der Fall irgendwie gelöst.

Enttäuschend.

(Hervorragend sind die »Maigret«-Verfilmungen mit Rowan Atkinson. Ein Engländer spielt einen französischen Kommissar, und er macht das besser als der olle Dépardieu – das finde ich hart!)