20 Mai 2019

Ein zum Heulen schöner Jugendroman

Immer wieder habe ich Romane im Lesestapel, die lasse ich erst eine Weile liegen, dann nehme ich sie doch zur Hand, denke noch einige Male, »ach, das ist nichts für mich« – und am Ende packen sie mich so, dass ich nicht mit der Lektüre aufhören kann und sie hinterher zur Seite lege, mit einem Gefühl von Trauer, weil das Buch schon vorüber ist.

Das passierte mir mit »All die verdammten Tage«, einem Jugendroman, der im Limes-Verlag erschienen ist. Die Autorin Jennifer Niven zeigt zwei junge Leute, die zwar altersmäßig weit von mir entfernt sind, mit denen ich mich aber sehr gut identifizieren kann.

Hauptperson ist ein Mädchen namens Violet. Sie ist traurig, sie ist frustriert, sie will nach dem Tod ihrer Schwester nicht mehr weiterleben und sich eigentlich umbringen. Also geht sie auf den Glockenturm der Schule, will sich in die Tiefe stürzen.

Auf einmal steht Finch neben ihr, der »Ausgestoßene« der Schule, ein Junge, den alle nur als Freak wahrnehmen. Er will sich eigentlich auch umbringen, sie retten sich praktisch gegenseitig – und hinterher wird Violet als Retterin gefeiert.

Das ist der Ausgangspunkt für eine ungewöhnliche Beziehung, in der sich zwei Jugendliche immer mehr einander nähern. Sie sehen sich beide als seltsam an, sie stecken beide voller Ängste und Depressionen, und nur langsam kommen sie miteinander klar. Und bei beiden hat man als Leser ständig Angst, dass sich einer von beiden umbringt.

Jennifer Niven schafft es, aus diesem ungewöhnlichen Thema ein Jugendbuch zu machen, das ich als sehr »erwachsen« empfunden habe. »All die verdammten Tage« ist ein Buch voller Hoffnung und Optimismus, dann wieder sitzt man da und findet es tieftraurig. Klar wird manchmal ein wenig zu stark auf die Tränendrüse gedrückt – aber die Autorin macht das so gut, dass ich mich nicht ärgern kann.

»All die verdammten Tage« ist ein moderner Jugendroman, den man als Erwachsener aber gut lesen kann. Ich fühlte mich an meine eigene Jugend erinnert, an meine Empfindungen, die damals ähnlich seltsam waren wie die der beiden Hauptfiguren. Das Buch erzählt vom Kampf gegen den eigenen Untergang, den die beiden jugendlichen Helden ständig empfinden, zeigt aber auch Hoffnungsschimmer und positive Energie.

Ich kann's nicht nur jungen Leuten empfehlen – die kennen es sicher teilweise schon –, sondern ebenso Leuten in meiner Altersklasse. Der Roman entfaltet einen starken Sog, der zumindest mich über die gesamte Lektüre hinweg gepackt hat. Ziemlich klasse!

Endlich die Austrian Superheroes

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Dass es die Serie »ASH« gibt und dass diese Abkürzung für »Austrian Superheroes« steht, wusste ich schon lange. Aber wie das so ist: Gelesen hatte ich noch nie einen der Comics – es geht einfach nicht alles, was einen interessiert. Aber im Rahmen des »Gratis Comic Tages 2019« gab es ein kostenloses »ASH«-Heft, das ich mittlerweile mit viel Vergnügen gelesen habe.

Wer es nicht kennt: Im Prinzip ist es ein Superhelden-Comic, der aber witzig gemacht ist und eben in Wien und Umgebung spielt Wenn Superheldinnen dann Namen wie Donauweibchen oder Lady Heumarkt tragen, finde ich das zwar ein wenig grobschlächtig, aber durchaus witzig – würde man manch amerikanischen Superhelden-Namen ins Deutsche übertragen, klänge das nicht intelligenter.

In dem Gratis-Heft werden drei Geschichten veröffentlicht, wovon die erste richtig umfangreich ist. Der Kampf gegen Strotter, einen besonders fiesen Bösewichtig, wird mit allen Superhelden-Gags erzählt, dynamisch und schnell, mit Diskussionen innerhalb des Teams und einem finalen Kampf im Fußballstadion. Die Zeichnung sind cool, da kann man nicht meckern, die Geschichten sind jeweils flott erzählt. Die »ASH«-Macher haben mit ihrem kostenlosen Heft sehr effektvoll auf ihre Serie aufmerksam gemacht.

19 Mai 2019

Kämpferische Demonstration

Als ich am Samstagmittag, 18. Mai 2019, in die Innenstadt von Karlsruhe radelte, hatte ich sicherheitshalber eine Jacke an. Es war nicht sicher, wie das Wetter ausfallen würde. Doch ich zog sie rasch aus, trug sie die ganze Zeit mit mir herum und schwitzte auch »nur mit T-Shirt« ganz schön.

Die Sonne brannte auf die Innenstadt herab, es war ein schöner Frühsommertag. Auf dem Kirchplatz bei der Stephanskirche versammelten sich viele Leute, um gegen Nazis zu demonstrieren. Wie viele es waren, bekam ich nicht mit; es war eine ordentliche Menge, vielleicht um die tausend Personen.

Mir war es vor allem dann unmöglich, die Menge zu schätzen, als die Demo losging. Ich hielt mich im »Widerstandsblock« auf, sprich, bei der Antifa. Allein das waren mehrere hundert Leute, sehr viele sehr jung übrigens, die sehr kämpferisch unterwegs waren: Seitentransparente zur Absicherung, laute Sprechchöre, Fahnen und Schilder.

Die Demonstration zog durch die Kaiserstraße; auf dem Kronenplatz gab es eine Zwischenkundgebung. Dabei gab es eine gewisse Unruhe, weil die Polizei mit willkürlichen Kontrollen provozierte. Viele Antifa-Leute sammelten sich, behelmte Polzisten zogen auf – aber einige Gewerkschafter schafften es, die Situation rasch zu bereinigen.

Ich fand die Reden okay, es ging gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft und die anstehenden Wahlen. Ob man unbedingt den Vertreter der SPD ausbuhen musste, weiß ich nicht; auch die Unruhe bei einer Sprecherin der Grünen fand ich unpassend. (Da hätte ich lieber die Leute von der MLPD in der Demo geschmissen, wenn man mich gefragt hätte ...)

Die Demo zog weiter und erreichte lautstark den Friedrichsplatz. Mittlerweile zog sich die Polizei total zurück. Die Beamten waren sicher auch durch das Drittligaspiel und die Aufstiegsfeier des Karlsruher Sport-Clubs ordentlich beschäftigt ...

Zum Abschluss spielten zwei Bands. Zuerst trat Kantine auf, eine Band aus Karlsruhe und Mannheim, die so »IndiePunk« mit deutschen Texten spielt, ein wenig lahm, aber nicht schlecht, durchaus radiotauglich und für die meisten Anwesenden noch gut verträglich. Währenddessen zogen sich die Wolken über der Innenstadt zusammen, es donnerte und blitzte bereits in der Ferne.

Bei Terrorfett und ihrem rasanten Hardcore-Punk – inklusive klarer deutschsprachiger Texte – begann es zu nieseln. Zuletzt waren eigentlich eh nur noch Punks und Autonome um die Band versammelt. Als eine Gruppe von jungen Frauen vorbeikam, die offenbar Junggesellinnenabschied feierten, blieben sie verwundert stehen, schossen einige Fotos mit ihren Smartphones und eilten rasch weiter.

Die letzten Terrorfett-Stücke erlebten wir in einem beginnenden Regen. Als ich zu meinem Rad spazierte, wurde er stärker und entwickelte sich zu einem starken Platzregen; es schüttete geradezu. Nun war ich doch froh, eine Jacke dabei zu haben. Bis ich daheim war, hatte ich allerdings keinen trockenen Fetzen Stoff mehr am Leib ...

18 Mai 2019

Ein Lied für Europa, mal wieder

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wann ich zum letzten Mal den »Eurovision Song Contest« angeschaut habe Ich weiß aber, dass ich ziemlich betrunken war. Nüchtern ertrage ich nämlich weder die Musik noch die Klamotten der Darsteller oder die Moderation.

Heute läuft die aktuelle Show dieser alljährlichen Veranstaltung. Ich werde es nicht anschauen, und ich bin mir schon jetzt sicher, dass mir das Stück, das gewinnen wird, nicht gefallen wird. Aber darum geht es ja auch nicht; mein Geschmack gehört da nicht hin.

Es handelt sich bei diesem Wettbewerb um eine Veranstaltung, die Menschen in ganz Europa und darüber hinaus begeistert. Allein schon deshalb finde ich sie gut und freue mich darüber, dass es sie gibt. Wenn Menschen unterschiedlichster Nationen und Religionen gemeinsam feiern, ist das ein positives Zeichen.

Dass ganz nebenbei ein Zeichen gegen Homophobie gegeben wird und gegen allerlei rassistische Umtriebe, erfreut mich noch mehr. Glaubt mir: Ich bin ein Fan des »Eurovision Song Contest«, auch wenn ich die Musik doof finde.

Black Torch als kostenloser Comic

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Von Mangas lasse ich normalerweise die Finger; ich kann nach all den Jahrzehnten nicht so viel mit dem japanischen Stil anfangen und stelle mich unbeholfen an, wenn ich einen Comic in der japanischen Laufrichtung zu lesen habe. Aber weil es »Black Torch« im Rahmen des »Gratis Comic Tages« gab, ließ ich mich gern auf das Heft ein.

Tsuyoshi Takaki ist der Autor und Zeichner dieses Comics; mit »Black Torch« liefert er auch gleich sein Erstlingswerk ab. Dafür ist er zeichnerisch schon sehr ausgereift – wenn ich das als Manga-ungeübter Leser so sagen darf. Die schwarzweißen Zeichnungen sind dymanisch; die männliche Hauptfigur wirkt auf mich klar definiert, und auch die anderen Figuren sind überzeugend. Vor allem die Action-Darstellungen sind schwungvoll und lassen einen nicht an einen Anfänger denken.

Die Geschichte klingt auf jeden Fall interessant: Jiro ist ein junger Mann, der mit Tieren sprechen kann und sich zu einem Einzelkämpfer ausbilden lässt. Er rettet eine schwarze Katze, die schwer verletzt ist; sie entpuppt sich als ein monströses Wesen, das offenbar auch noch gefährliche Gegner hat. Und dann nimmt eben eine unheimliche Geschichte ihren Anfang ...

Alles in allem ist »Black Torch« eine gut gemachte Phantastik-Geschichte, die sich an jüngere Leser richtet. Erzählerisch fand ich das nicht unbedingt originell, aber auch nicht schlecht. Und mit dem Zeichenstil kam ich gut klar. Ich bin sicher, dass das für Manga- und Phantastik-Fans eine interessante Serie sein könnte.

17 Mai 2019

Ein Heft zu Jimmy Liao

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Eines der ungewöhnlichsten Hefte beim »Gratis Comic Tag 2019« hatte den Titel »Reiche der Phantasie« und den sperrigen Untertitel »Ein Querschnitt durch die Werke von Jimmy Liao«. Tatsächlich handelt es sich bei Jimmy Liao um einen chinesischen Künstler, der erst im Alter von vierzig Jahren damit anfing, Bilder anzufertigen. Man kann ihn beim besten Willen nicht als Comic-Künstler bezeichnen; was der Mann macht, sind Kinderbücher, die grafisch wie inhaltlich einen eigenen Stil aufweisen.

Das Sonderheft, das von Chinabooks herausgegeben wurde, präsentiert die Anfänge von vier verschiedenen Kinderbüchern. Sie erzählen eigentlich immer von Kindern, die mit ihrem Leben nicht klarkommen, die Dinge sehen, die von Erwachsenen nicht wahrgenommen werden, deren Phantasie mit der Realität kollidiert. Das ist grafisch durchaus ansprechend – bei manchem Buch überlege ich mir sogar, es mir zu kaufen. (Weil ich Phantastik in den verschiedensten Ausprägungen schätze.)

Auf Jimmy Liao wäre ich nicht aufmerksam geworden; der »Gratis Comic Tag 2019« hat das geschafft. Im Juni 2019 ist der Künstler auf Deutschlandreise und wird auch beim Comic-Festival in München auftreten. Das ist sicher sehr spannend und interessant!

Englisches Punkrock-Kabarett

Keine Ahnung, wie man den Stil der englischen Band Wonk Unit wirklich bezeichnen sollte. Es ist schon irgendwie Punkrock, lebt aber auch den Ansagen des Sängers. Vielleicht trifft der Begriff »Punkrock-Kabarett« wirklich? Auf jeden Fall amüsierte ich mich beim Konzert der Band am Donnerstabend, 16. Mai 2019, sehr gut.

Die »Alte Hackerei« bot ein nicht gerade großes, dafür ziemlich enthusiastisches Publikum auf. Auffallend viele Frauen waren anwesend, die kommunikative Stimmung war sehr gut. Ich trank gleich mal zwei, drei Biere, um mich auf die Band einzustellen.

Man muss es klar sagen: Der Sänger ist ein absoluter Alleinunterhalter. Wenn er auf der Bühne herumspaziert und in gut verständlichem Englisch – auch für Banausen wie mich – von seiner Ex-Freundin erzählt, sich über schlechte Zähne amüsiert oder Geschichten über seine Bandkollegen zum Besten gibt, ist das ausgesprochen amüsant. Im Prinzip ist der Mann ein echter Stand-Up-Comedian, dessen Sprüche mich oft zum Lachen brachten.

Musikalisch bot die Band einen ordentlichen Sound. Zur klassischen Punkrock-Besetzung kam noch ein Mann an der Orgel. Selten wurden die Stücke nach vorne gebolzt, meist liefert die Band einen lustigen Sound im mittleren Tempo, den man vor dreißig Jahren vielleicht als Fun- oder Drunk-Punk bezeichnet hätte.

Ein gelungener Abend – und das mitten in der Woche! Klasse! Ich saß noch eine Weile an der Theke herum, unterhielt mich mit Leuten. Als ich mit dem Rad nach Hause fuhr, fühlte ich mich richtig gut und euphorisiert: gute Laune, Bier und laute Musik … was will ich mehr?

16 Mai 2019

»Das Goldene Zeitalter« als Gratis-Heft

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Im Rahmen des »Gratis Comic Tages« finde ich es immer toll, auch Comics zu lesen, die ich aus unterschiedlichen Gründen nie beachtet hätte. Dazu zählt »Das Goldene Zeitalter«, eine historisch-phantastische Geschichte, die bei Reprodukt erschienen ist.

Ich gestehe, dass ich auch nach Lektüre des Gratis-Heftes nicht so richtig viel damit anfangen konnte. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich in meinem Comic-Konsum doch sehr »klassisch« bin: Die Geschichten müssen sauber erzählt und gezeichnet sein, und da bin ich nun mal von den 70er-Jahren geprägt worden.

Geschrieben wurde die Geschichte von Roxanne Moreil; sie spielt im Reich eines Königs, das von Unruhen und Hungersnot heimgesucht wird. Den einfachen Leuten geht es schlecht, der Adel prasst. Als die Tochter des Königs daran etwas ändern möchte, soll sie verbannt werden. Das klingt nach einer Mixtur aus historischem Roman und Fantasy, wird aber durch recht moderne Dialoge aufgefrischt. Von der Erzählweise hört sich die Sprache manchmal an wie in einem Poproman – damit habe ich dann meine Probleme.

Die habe ich auch mit dem Stil. Cyril Pedrosa ist sicher originell. Seine Bilder machen den Eindruck, als habe man Gobelins oder Miniaturen aus dem Mittelalter leicht verfremdet. Das ist anspruchsvoll, das ist künstlerisch, und ich erkenne auch, dass es gut gemacht ist – es entspricht leider nicht meinem Geschmack.

Ich bin sicher, dass es für »Das Goldene Zeitalter« ein interessiertes Publikum gibt. Wer originelle Geschichten und Bilder mag, sollte vielleicht mal reinschauen. Mein Fall ist dieser Comic leider nicht.

Es sind Gedichte über Liebe und Hass, Sex und Gewalt

Es schadet nicht, ab und zu mal Gedichte zu lesen. Und so bestellte ich mir den Band »Rote Sonne über Echo Park« der Schriftstellerin La Loca im Maroverlag. Ich fand die Ankündigung interessant, und mich sprach an, dass die Texte von Carl Weissner sowie Pociao übersetzt worden waren.

Man muss sich allerdings klar machen, dass das echt keine Literatur für irgendwelche breiten Massen ist. Die Ausgabe des Buches, die ich gekauft habe, wurde 1993 als zweite Auflage veröffentlicht; die Erstauflage kam 1991 heraus. Gedruckt wurden laut Impressum nur 200 Exemplare. Dass man davon heute noch Reste kaufen kann, ist eigentlich schockierend.

Dabei sind die Texte echt stark. La Loca erzählt in einem lakonischen Ton – typisch amerikanische »Underground«-Lyrik, könnte man sagen – vom Leben auf den Straßen von Kalifornien, von Sex und Rassismus, von Liebe und Schmerz. Das ist teilweise ziemlich knallig, klingt ehrlicher als jeder alberne Gangster-Rap und hat teilweise eine sprachliche Kraft, die man gut lesen kann.

Zitat: »Morgens vor dem ersten Kuss / sind alle Mädchenklos der Welt / erfüllt vom beißenden Geruch / nach Haarspray und Salems / und unglaublichen Geschichten.« Das Zitat macht klar, wie die Texte von La Loca sind: meist klar, oft auf den Punkt gebracht, manchmal aber auch träumerisch, fast tanzend und hüpfend.

Einige Gedichte sind kurz, gerade mal eine Seite lang, aber es gibt einige Langgedichte, die sich über mehrere Seiten ziehen. Ich las sie mir teilweise selbst vor, um den Rhythmus gewissermaßen zu erspüren. Das funktionierte sehr gut.

Ich bin sicher, dass dieses Buch in meinem Schrank nicht vergammeln wird. Solche Texte kann ich auch zu einem anderen Zeitpunkt mal wieder lesen.

Der lesenswerte Paperback-Band ist 100 Seiten stark und kostet 9,00 Euro. Ich finde ihn lesenswert. Wer Gedichte mag oder eben Texte, die ein wenig ungewöhnlich sind, der sollte eh mal auf der Seite des Maroverlages vorbeischauen – »Rote Sonne über Echo Park« ist ja nur einer der coolen Titel auf dieser Seite.

15 Mai 2019

Next Frontiers in Stuttgart

Ganz ehrlich: Hätte ich keine terminlichen Probleme, wäre die Veranstaltung mit dem etwas hochtrabend klingenden Namen Next Frontiers für mich durchaus interessant gewesen. Sie ist Ende Juni in Stuttgart, und die Ankündigung macht auf mich einen spannenden Eindruck: »Der Next Frontiers Kongress bringt Wissenschaftler und Experten aus der Wirtschaft mit Science-Fiction-Autoren ins Gespräch.«

Mit den Autoren Andreas Eschbach und Andreas Brandhorst sind Leute dabei, die ich seit vielen Jahren kenne und mit denen ich auch schon zusammengearbeitet habe. Sie haben ein wissenschaftliches Interesse, sie kennen sich in vielen Bereichen aus, sie dürften einen solchen Kongress auf jeden Fall bereichern.

Immerhin sind die Ziele echt groß angesetzt: »Im Mittelpunkt steht das große realitätsverändernde Potential von Literatur, Film und anderen Künsten – die Transferleistung zwischen fiktionalen Welten und realen Entwicklungslabors, die in der Technikgeschichte oft genutzt wird.« Ich könnte mir vorstellen, dass die Diskussionen spannend genug sind.

Mit dem Science-Fiction-Autor Dr. Karlheinz Steinmüller ist noch ein echter Zukunftsforscher anwesend; finde ich gut. Weitere Autoren, von denen ich schon Texte gelesen habe, sind Marcus Hammerschmitt und Jens Lubbadeh – das ist eine interessante Mischung.

Schade, dass ich es nicht schaffe, an diesem Wochenende nach Stuttgart zu fahren. Vielleicht ermuntert dieser Hinweis jemanden, genau das zu tun. Und vielleicht gibt's danach entsprechende Berichte im Netz …

Es war einmal … der Mensch

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Erfolgreiche Zeichentrickserien, die sich an Kinder richten, werden gerne für andere Medien adaptiert. »Es war einmal …« ist ein schönes Beispiel dafür – wobei ich die Serie selbst gar nicht kenne. Die daraus abgeleiteten Comics finde ich aber hübsch, sie sind absolut kindgerecht gemacht und vermitteln auf unterhaltsame Weise sehr viel Wissen.

Beim »Gratis Comic Tag 2019« gab's den ersten Band von »Es war einmal … der Mensch« als Heft. Das Hardcover-Album ist bei Toonfish erschienen.

Erzählt wird von einer Gruppe von Kindern, denen ein weiser Mann alles mögliche aus der Vergangenheit der Erde berichtet. Im Prinzip wird die Geschichte der Evolution in einem Zeitraffer vermittelt, von der Entstehung der Planeten bis hin zur Steinzeit und den ersten Stammeskulturen; die Geschichte bettet alles in die Gespräche zwischen den Kindern und dem weisen Mann einblendet gewissermaßen zwischen den beiden Handlungsebenen hin und her.

Der Zeichenstil ist ein wenig kindlich und für erwachsene Comic-Fans sicher zu anspruchslos; Kinder dürften daran aber ihre Freude haben. Die Witze sind auch nicht gerade am Geschmack von Erwachsenen ausgerichtet, und der belehrende Zeigefinger ist offensichtlich. Sieht man den Comic als reinen Comic, überzeugt er nicht. Betrachtet man ihn aber als ein Mittel, Wissen und Informationen für eine junge Zielgruppe zu übermitteln, ist er hervorragend dafür geeignet.

14 Mai 2019

Zurück zum Sessel

Ich kam von der Toilette zurück und ging im vollbesetzten Saal nach vorne. Überall saßen Leute in bequemen Sesseln, die auch in der Dunkelheit des Saals weiß schimmerten. Vorne lief noch ein Schwarzweißfilm, auf der Leinwand flimmerte es ein wenig.

Kaum hatte ich meinen Platz in der ersten Reihe gefunden und mich in den Sessel gepflanzt, wurde das Flimmern stärker – der Film war offenbar aus. Ich saß da, der Abstand lief in zitterndem Schwarzweiß vor meinen Augen herunter, und war grenzenlos enttäuscht. Anscheinend hatte ich das Ende des Films verpasst, weil ich zulange auf der Toilette gewesen war.

Rings um mich standen die Leute auf. Ich zuckte mit den Achseln und wollte mich auch erheben. Da wachte ich auf – weil der Wecker am Bett schrillte.

13 Mai 2019

Captain Berlin gibt's gratis

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Eigentlich muss ich mich selbst darüber wundern, bisher noch nichts aus der Superhelden-Reihe »Captain Berlin« gelesen zu haben. Jörg Buttgereit, der Autor dieser Comics, ist mir seit den frühen 90er-Jahren bekannt; unter anderem zeigten wir 1992 einige seiner Filme auf dem FreuCon '92 in Freudenstadt. Und der Verlag – es ist Weissblech Comics – ist mir seit vielen Jahren ebenfalls bestens bekannt.

In »Captain Berlin« geht es um einen kostümierten Superhelden, der in Berlin gegen allerlei Bösewichte kämpft. Besonders gefährlich sind irgendwelche alten Nazis, die immer noch ihre fürchterlichen Ziele verfolgen. Ilse von Blitzen ist dabei eine Gegenspielerin, wie man sie sich gefährlicher kaum vorstellen kann.

Im Sonderheft zum »Gratis Comic Tag 2019« wird eine völlig schräge Geschichte präsentiert, die den heldenhaften Captain ins Jahr 1968 und nach Berlin führen – sowie später zu irgendwelchen Pyramiden in Ägypten. Schön werden politische Figuren der 60er-Jahre karikiert, so ist eindeutig Dutschke zu erkennen.

Die Story ist herrlich abstrus, mit gruseligen Monstern und knalliger Action. Schräge Dialoge sowie Bilder, die an die 50er-Jahre-Horror-Comics erinnern, prägen die Geschichte, die mir durchaus Freude bereitet hat. Bei mir hat dieses Comic-Heft seine segensreiche Wirkung entfaltet: Ich werde mir wohl einen Sammelband von »Captain Berlin« besorgen müssen.

12 Mai 2019

Spider-Man als Gratis-Comic

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Die Figur des Spider-Man ist mir seit vielen Jahrzehnten bekannt, das Universum des Netzschwingers allerdings weitestgehend unbekannt. Zu wenige Comics hatte ich aus dem Spider-Man-Universum im Verlauf der Jahre gelesen, als dass ich auch nur ansatzweise Ahnung hätte. Umso spannender fand ich deshalb, dass es beim diesjährigen »Gratis Comic Tag« auch eine kostenlose Ausgabe von »Spider-Man« gab.

Enthalten sind insgesamt drei Geschichten, die aus den unterschiedlichsten Universen des Netzschwingers stammen. Die Grundidee mit Peter Parker und seinen Spinnensinnen ist immer die gleiche, künstlerisch finde ich die Geschichten allesamt modern und sehr ansprechend; ich kam auch gut in die jeweiligen Comics rein.

Die »Venom«-Geschichte ist so stark und so verständlich, dass ich mir überlege, den entsprechenden Sammelband zu kaufen. Das sieht echt stark aus. Die beiden »Spider-Man«-Geschichten wiederum fand ich zwar interessant, gleichzeitig aber auch ein wenig verwirrend (Erde-1048? Erde-616?). Hier fehlte mir offenbar viel Hintergrundwissen, das ich einfach nicht habe. Aber das Heft an sich fand ich cool, weil es einen schönen Einblick in das Spidey-Multiversum gab ...

Ein letzter Blick aufs Seminar

Ich finde Seminare immer anstrengend – und da ist es egal, ob ich als Teilnehmer im Raum sitze oder als Dozent viel rede. Wenn ich also am Sonntagmittag die kleine, aber sehr hübsche Stadt Wolfenbüttel verlasse, bin ich nach nur zweieinhalb Seminartagen ziemlich erledigt. »Schnitzelfertig«, wie man auch gern sagt.

Dabei sagte ich bei diesem Seminar eher wenig, wie ich bei der Schlussrunde anmerkte. Weil wir diesmal sehr viele Leute im Seminar hatten, die schon viel Schreib- und auch Seminar-Erfahrung hatten, gab es sehr anregende Diskussionen, die eher abgewürgt werden mussten, als dass sie weiteren »Input« von mir gebraucht hätten. Also hielt ich manchmal eher die Klappe, wenngleich es mich juckte, meine Meinung zusätzlich zu präsentieren.

Mein Glaube, ich hätte es einfacher, wenn ich still bliebe, ließ sich leider nicht erfüllen. Ich saß konzentriert im Raum, hörte konzentriert zu, sagte aber nichts – das war so, als würde ich etwas mit vollem Elan anfangen und dann einfach aufhören. Und ich schließe daraus: Beim nächsten Mal werde ich wohl wieder etwas mehr reden.

Schon seltsam: Nach all den Jahren sollte ich doch langsam wissen, wie so ein Seminar abläuft. Das Gegenteil ist offenbar der Fall – je länger ich in Wolfenbüttel mitmache, desto größer werden meine Selbstzweifel.

11 Mai 2019

Anstrengendes Seminar

Das diesjährige Kurzgeschichten-Seminar an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel ist durchaus anstrengend. Zusammen mit dem Autor und Übersetzer Uwe Anton bin ich als Dozent tätig; neben uns sind 16 Autorinnen und Autoren anwesend, mit denen wir drei Tage lang über Texte sprechen, an Texten arbeiten und auch Texte schreiben. Es geht um Science Fiction und phantastische Literatur im weitesten Sinne, vor allem unter dem Aspekt, dass man in diesen Genres dann Kurzgeschichten schreiben und auch veröffentlichen will.

Das Publikum ist anspruchsvoll. Die meisten der Anwesenden haben schon Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht, viele von ihnen arbeiten intensiv und mit großer Konzentration an ihren Projekten. Das ist für uns Dozenten spannend – weil es viele Diskussionen auf hohem Niveau gibt –, aber auch ein wenig anstrengend.

Bisher macht es Spaß. Am Samstagmorgen stellten wir eine Schreibaufgabe, an der wir den Tag praktisch immer wieder arbeiteten. Und den Abend beschließen wir mit eine Bierlein oder auch mehreren Bieren im Aufenthaltsraum des Gästehaueses. So macht das Arbeiten dann doch auch Spaß!

10 Mai 2019

85 Jahre Donald Duck

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Innerhalb des »Gratis Comic Tages 2019« gibt es die Rubrik »Comics für Kids«, und da darf »Donald Duck« nicht fehlen. Wobei ich mir ja sicher bin, dass heutzutage vor allem Erwachsene an den Geschichten um den Enterich und seine frechen Neffen ihre Freude haben, Leute wie ich eben. Das finde ich aber nicht schlimm, ganz im Gegenteil.

Gefeiert wird die Tatsache, dass es am 9. Juni 2019 schon 85 Jahre sind, seit Donald zum ersten Mal »die Bühne betrat«, wie es im Vorwort so schön zu lesen ist. Das Sonderheft präsentiert auf 32 Seiten zwei längere Geschichten mit Donald Duck und zwei Einseiter mit Micky Maus.

Ziemlich großartig ist dabei die Geschichte »Nur die Ruhe!«, die William Van Horn zeichnete und schrieb. Donald Duck als Wüterich ist bei allen Nachbarn für seine Streitlust bekannt und gefürchtet. Nach dem Besuch eines Spezialisten entschließt er sich, sein Leben zu ändern und künftig als die personifizierte Sanftmut unterwegs zu sein. Doch natürlich geht das nicht gut ... eine wunderbare Geschichte, die an »Donald«-Klassiker von Carl Barks erinnert und für so ein Jubiläums-Heft hervorragend passt.

Zwischen Hackerei und Seminar

Ich bekomme es nicht immer hin, mein Leben zwischen der Arbeit und den vielen privaten Interessen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Das sieht man an diesem Wochenende ganz besonders gut: Ich bin in Wolfenbüttel, wo ich an der Bundesakademie für kulturelle Bildung als Dozent wirke.

Zusammen mit meinem Kollegen Uwe Anton sowie Dr. Olaf Kutzmutz als Literarischem Leiter der Akademie, arbeite ich mit Autorinnen und Autoren an deren Texten. Das Thema ist die phantastische Kurzgeschichte in den unterschiedlichsten Ausprägungen.

Am gleichen Wochenende feiert die »Alte Hackerei« in Karlsruhe – und das ist einer der Örtlichkeiten, an denen ich am liebsten mein Bier trinke und laute Musik höre – ihren Geburtstag. Seit zwölf Jahren gibt es die gepflegte Punkrock-Bar nun, und dieses Jahresfest wird das erste sein, an dem ich nicht auftauchen werde.

Das finde ich ein wenig frustrierend, aber es lässt sich nicht ändern: Als wir die Wolfenbüttel-Termine fixierten, standen die »Hackerei«-Termine sicher schon fest, aber ich dachte nicht daran.

Ich muss mich erst gar nicht entscheiden, ob ich an diesem Wochenende eher für Literatur oder für Musik bin; die Entscheidung wurde mir schon vor einem Jahr abgenommen. Immerhin kann ich auch in Wolfenbüttel mein Bier trinken, und ich werde abends im Zimmer sitzen und ganz leise Punkrock hören, deshalb leise, damit die Autorinnen und Autoren nicht in ihrem kreativen Schlaf gestört werden …

09 Mai 2019

Werbebild aktuell

Das finde ich nett, und deshalb dokumentiere ich es auch an dieser Stelle: Die Redaktion des »buchreport« hatte mich gefragt, ob ich ein aktuelles Zitat von mir aus meinem meinem Twitter-Account für eine Werbung hergeben würde, kombiniert mit meinem Foto.

Das fand und finde ich gut – es schadet schließlich, wenn die Marke, für die ich arbeite, in irgendwelchen Newslettern stärker beworben wird. Mittlerweile habe ich mein eigenes Bild schon ein eigenen Mails gesehen, weshalb ich es hier dokumentiere.

Ich finde, dass ich auf jeden Fall sehr staatstragend aussehe.

Brocéliande und der Indien-Schwindel

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019« 

Dass sich auch der Splitter-Verlag am »Gratis Comic Tag 2019« beteiligt, darf nicht überraschen – nicht nach all den tollen Comics, die in den vergangenen Jahren veröffentlicht wurden. Mit der Heftausgabe zum »Brocéliande« legt der Verlag diesmal einen echten Kracher vor: Das komplette erste Album der Serie wir in dem insgesamt 64 Seiten starken Heft veröffentlicht.

Die Geschichte habe ich ja schon rezensiert, ich finde sie nach wie vor großartig: »Die Quelle von Barenton«, so der Titel des ersten Bandes, erzählt von magischen Wesen in einem alten Wald in der Bretagne, von einem Geschichtenerzähler und drei tumben Jägern, vor allem aber von Merlin und Viviane – eine wunderbare Fantasy-Geschichte mit Witz und Magie, mit Liebe und Spannung, toll geschrieben und toll gezeichnet.

Wer den Comic noch nicht kennt, sollte am »Gratis Comc Tag« nach diesem Heft suchen. Zudem wird der Comic »Der große Indien-Schwindel«, der im Oktober 2019 erscheinen soll, mit zwölf Seiten beworben – das sieht ebenfalls sehr interessant aus.

07 Mai 2019

Hilda und die Vogelparade

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Mit seiner Serie um das Mädchen Hilda hat mich der englische Zeichner Luke Pearson schon vor Jahren fasziniert. Ich las »Hilda und der Mitternachtsriese«, und mir gefiel sehr, wie der Künstler es schaffte, die kindliche Gedankenwelt mit phantastischen Elementen so zu verbinden, dass man als Leser nicht mehr erkennen kann, wo die eine in das andere übergeht. Zum diesjährigen »Gratis Comic Tag« legte der Reprodukt-Verlag mit »Hilda und die Vogelparade« ein weitere Abenteuer des kleinen Mädchens als Heft auf.

Wieder steht die kleine Hilda im Zentrum. Das Mädchen ist mit seiner Mutter in die Stadt gezogen, weit entfernt von der Natur mit all ihren Facetten. Doch es gibt Schulfreunde, die mit Hilda durch die Straßen stromern. Es kommt zu einer Reihe von Missverständnissen, Hilda freundet sich mit einem verletzten Raben an, sie verirrt sich und gerät in ein ziemliches Chaos aus Angst und Verwirrung. Doch am Ende wird alles gut …

Wieder schafft es Luke Pearson hervorragend, ein kleines Mädchen so in die Geschichte zu schubsen, dass das nicht peinlich wirkt. Der originelle Zeichenstil ist so gehalten, dass ihn Kinder mögen dürften – trotzdem denke ich, dass die meisten Leser des schönen Comics bei den Erwachsenen zu suchen sind. Aber die bekommen mit dem geglückten Heft einen guten Blick in die Welt eines Kindes vermittelt. Sehr gelungen!

Den Fall Collini gesehen

Ich hatte noch nie einen Roman von Ferdinand von Schirach gelesen und wusste nicht so richtig, was mich bei »Der Fall Collini« erwarten würde. Bevor wir ins Kino gingen, spöttelte ich noch: »Die jungen Leute werden wegen des Hauptdarstellers kommen, die alten Leute wegen des Schriftstellers.«

Offenbar hatte ich nicht mal unrecht. Zumindest war der Kinosaal sehr gut gefüllt, zwei Drittel des Publikums waren Jugendliche und sehr junge Erwachsene.

Und es war – ganz im Gegensatz zu anderen Filmen, die junge Leute ansprechen – durchgehend sehr still. Am Ende blieben die meisten erst einmal sitzen, es gab nicht den üblichen Sturm zum Ausgang. Der Film wirkte tatsächlich nach, nicht nur bei mir, und das fand ich gut.

Elyas M‘Barek spielt diesmal auch keinen dauerquasselnden Menschen, keine fröhliche Figur, sondern den jungen Anwalt Caspar Leinen. Der Film ist im Jahr 2001 angesiedelt und beginnt mit dem brutalen Mord an Hans Meyer, einem deutschen Industriellen. Der Täter wird praktisch sofort danach verhaftet, es handelt sich um einen 70-jährigen Italiener namens Fabrizio Collini. Wie sich rasch herausstellt, kannten sich der Anwalt und der Industrielle; Meyer war jahrelang wie ein Vater zu Leinen, der junge Mann ging im Haus der Familie jahrelang ein und aus.

Leinen versucht herauszufinden, warum Collini seine schreckliche Tat begangen hat. Dabei muss er sich auch gegen seine eigenen Gefühle stellen, die zur Enkelin des Ermordeten wieder aufflammen – die beiden hatten als Jugendliche bereits einmal eine Affäre. Und er muss feststellen, dass hinter Meyers Bild als angesehenem Wirtschaftsführer mehr steckt, als alle Menschen ahnten …

Der Film versucht natürlich zu viel auf einmal sein: Er ist traurig und witzig, manchmal richtig spannend. Er hat eine Reihe von richtig guten Charakteren – und ich finde Franco Nero als Collini nach wie vor hervorragend. Er ist mal ein Krimi, dann wird es zu einer Auseinandersetzung mit der deutschen wie auch der eigenen Vergangenheit, es gibt eine bittere Liebesgeschichte, und er wirkt für mich in angenehmer Weise gefilmt – keine überzogene Darstellerei, aber ebenso keine Zurückhaltung bei den Figuren.

Ich fand »Der Fall Collini« richtig gut, weil er ein wichtiges Thema in einer sensiblen Weise behandelt. Ein positives Beispiel für einen modernen deutschen Film also – lohnenswert!

06 Mai 2019

Irrwitzige Western-Parodie

Mir sagte der Name Seth MacFarlane nichts – das hat nicht so viel zu bedeuten, weil ich mir nie merke, wer für welche Fernsehserie tätig ist. Der Mann ist unter anderem für die Serie »Family Guy« verantwortlich, die in den USA sehr beliebt ist und auch im deutschsprachigen Raum viele Fans hat.

2014 schaffte er es tatsächlich, auch einen Western zu drehen und in die Kinos zu bringen. »A Million Ways to Die in the West« enthielt haufenweise skurrile Gags; MacFarlane war dabei Drehbuchauor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person. Der Streifen erhielt durchwachsene Kritiken, man muss ihn wahrscheinlich nicht gesehen haben. Ich kenne ihn nur vom Namen her.

Auf Basis des Films und des Drehbuchs schrieb MacFarlane auch einen Roman. Dieser wurde bereits 2014 bei Eichborn veröffentlicht, in Form einer schicken kleinen Hardcover-Ausgabe, die ich dieser Tage endlich las. Um es vorsichtig zu sagen: Ich habe mich gut amüsiert, aber das ist echt kein Roman, den man kennen und haben sollte ...

Klar, es ist eine Western-Parodie, und deshalb ist der Held ein Feigling. Er ist Schafzüchter, seine Freundin vergöttert er, doch er bekommt nicht viel auf die Reihe. Dann trifft er eine andere Frau, die ihm Selbstbewusstsein einimpft, und er wächst über sich hinaus, lernt alles mögliche und kann sich dann am Ende nicht nur einer Bande von Bösewichten stellen, sondern gewinnt auch eine liebevolle Frau für sich.

Das ist die Geschichte, viel mehr gibt sie nicht her. Für einen Western ist das auch völlig ausreichend, vor allem deshalb, weil MacFarlane die Geschichte mit allerlei Details ausschmückt. Die dauernden Witze über Stuhlgang und Geschlechtsverkehr sind manchmal wirklich witzig, nervten mich aber streckenweise.

Die Gangster sind böse und blöd; der Arzt ist ein versoffener Idiot; der beste Freund des Helden ist in eine Prostituierte der Kleinstadt verliebt, was dauernd Anlass für grobe Witze gibt – alles in allem liefert der Roman haufenweise Klischees, die er entweder eins zu eins umsetzt oder durch den Kakao zieht.

Ich las die rund 200 Seiten des Romans recht flott. Am Ende zieht es sich streckenweise allerdings ein wenig, weil der Autor aus nicht nachvollziehbaren Gründen eine indianische Vision einbauen musste – aber insgesamt empfand ich die Lektüre als spaßig und gelungen.

»A Million Ways to Die in the West« ist kein Buch für die Ewigkeit. Es ist auch kein Buch für beinharte Western-Fans, die es wahrscheinlich schrecklich finden dürften. Wer das Genre aber eigentlich mag und auch darüber grinsen kann, für den ist der Roman durchaus interessant.

Dein Gewicht auf dem Mond

In der Mitte der 90er-Jahre waren Man Or Astro-Man eine »Band der Stunde«, wie man so schön sagte. Die amerikanische Surf-Band wurde in Fanzines abgefeiert, und bei ihren Konzerten herrschte eine brodelnde Stimmung. Dieser Tage hörte ich wieder einmal die Platte »Your Weight On The Moon« an, die 1994 in Form einer Ten-Inch erschienen war, ein früher Tonträger der Band.

Für Science-Fiction-Fans ist das eigentlich optimal. Nach wie vor finde ich die Vermengung aus coolem Surf-Sound und Science-Fiction-Texten im Beiblatt – seltener in den Texten ... – sehr originell und auch witzig. Aber was soll man auch von einer Band erwarten, die unter anderem ein Theremin einsetzt und vor allem schräge Titel für ihre Stücke wählt?

»Space Patrol« ist ein typisches Surf-Stück, »Destination Venus« ist die Surfrock-Version eines alten Punkrock-Stückes, die aber sehr gut funktioniert. Bei »Teaser Guns Mean Big Fun« kann man den schrägen Charakter mancher Stücke gut heraushören.

Insgesamt ist »Your Weight On The Moon« ein typisch frühes Werk der Band, die mich damals sehr faszinierte. Der Sound ist schmissig, er geht gut ins Ohr, auch wenn er selten Hitqualitäten erreicht. Bei den alten Platten von Man Or Astro-Man wird mir auf jeden Fall nicht langweilig!

05 Mai 2019

Zwischen Natur und Selfies

Als Kind besuchte ich mit meinen Eltern zweimal die Wasserfälle in Allerheiligen. Ich fand sie steil, aber ich war stolz darauf, sie gesehen und die zahlreichen Stufen talabwärts bewältigt zu haben. Das war irgendwann in den frühen 70er-Jahren, und seither hat sich viel geändert, auch mein Verhältnis zu Dingen wie der »Heimat«.

Zuletzt war ich 1992 in dieser Ecke des Schwarzwaldes – damals zeigte ich dem britischen Science-Fiction-Schriftsteller John Brunner einige schöne Seiten meiner Heimatregion. Im selben Jahr zog ich ins Flachland, seitdem wohne ich nicht mehr »aufm Berg«, sondern »im Badischen«. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, in einem Dorf im Schwarzwald zu wohnen, aber ich fühle mich dieser Region immer noch sehr verbunden.

Und nach all diesen Jahren war ich dieser Tage endlich wieder einmal in Allerheiligen. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Man denke sich eine uralte Klosteranlage, die im zwölften Jahrhundert in einem schmalen Tal des Nordschwarzwaldes errichtet worden ist. Die Region sieht aus, als sei sie die Kulisse für einen Fantasy-Film: hohe Berge, große Bäume, schmale Straßen, überall Waldwege, teilweise recht anspruchsvoll von den Steigungen her.

Heute stehen von diesem alten Kloster nur noch Ruinen, daneben erhebt sich ein Gasthaus, in dem man schöne Desserts und Kuchen genießen kann und wohl auch ein vernünftiges Abendessen bekommt. Und unterhalb der Ruinen beginnen die Wasserfälle, zu denen ein schön ausgebauter Weg führt. Der ist anfangs breit, und es geht nur sanft abwärts; dann beginnt der Wasserfall, und man kann über Treppen hinweg nach unten klettern.

Für Touristen ist das alles sehr gut erschlossen. Man benötigt für den Wasserfall und die Anlage keine Wanderschuhe, ich trug nur Converse-Treter. Aber man sollte keine Höhenangst haben – obwohl es überall Geländer gibt, blickt man an manchen Stellen doch in die Tiefe. Und das kann beängstigend sein, es gibt dann Leute, die müssen umdrehen.

Überall schießt das Wasser in die Tiefe, überall wachsen Büsche und Gräser, überwuchern Moose die Felsen, liegen abgebrochene Baumstämme im Wasser. Ignoriert man die Treppen, könnte man meinen, man sei in der Wildnis.

Wäre nur nicht das Flackern von Blitzlichtern. Sehr viele Menschen sind unterwegs, vor allem an einem Wochenende, und sie schießen von sich und ihren Begleitungen sehr gern »Selfies«. Man stellt sich also einzeln oder gruppenweise vor ein besonders eindrucksvolles Naturschauspiel und fotografiert sich. Ob die Leute dann noch die Natur selbst wahrnehmen, wird mir dabei nicht klar.

Um es klar zu sagen: Die Wasserfälle von Allerheiligen und die alte Klosteranlage lohnen einen Besuch. Ich bin froh, mal wieder zu diesem Teil meiner Vergangenheit gereist zu sein. Man muss halt in der Lage sein, die vielen Leute mit ihren Mobiltelefonen zu ignorieren.

04 Mai 2019

Wissende Perspektiven von 1984

Schaue ich mir Texte aus den frühen 80er-Jahren an, stelle ich oft fest, wie sehr mich manche Band wohl indirekt beeinflusste. Es ging erstaunlich häufig um den Tod oder die fehlende Perspektiven für das Leben – was mich heute deshalb überrascht, weil ich mich sonst als lebenslustig empfand und die Texte ja nicht zur Show und zur Veröffentlichung geschrieben wurde, also nicht zum »Angeben«, sondern für mich selbst.

Ein schönes Beispiel ist »Wissende Perspektiven«, das ich am 15. August 1984 notierte. Ich war mit der Schule fertig, die Bundeswehr stand vor der Tür; ich trampte durch Deutschland und das nahe Europa, ich traf überall Leute, war aber immer mal wieder unglücklich verliebt. Nichts untypisches für einen jungen Mann mit zwanzig Jahren ...

Vielleicht passt deshalb auch ein Text, der von der Machart ja eher schlicht ist – keine anspruchsvolle Lyrik, wirklich nicht – und mit den Zeilen »Zu wissen, wann man / denn endlich stirbt« beginnt? 1984 war nicht nur für mich eine seltsame Zeit, wenn ich so zurückblicke, und an solchen Texten kann man das heute noch festmachen.

Zur Dokumentation: Hier ist der gesamte Text. Seit 1984 habe ich nur zwei Schreibfehler verändert …


Wissende Perspektiven

Zu wissen, wann man
denn endlich stirbt,
zu erkennen, wann
denn endlich alles aus ist,
ist ein Wunsch für jeden,
dessen Perspektive sich bisher
im täglichen Morgen erschöpft.

Für den, der noch denkt,
was übermorgen sein könnte,
erschöpft sich die Perspektive
ein Stück weiter.
Er nämlich denkt an das,
was in den zwei Sekunden nach
seinem letztlichen Todesdatum
alles noch passieren kann.

03 Mai 2019

Wieder TV Smith im P8

Es war ein ungemütlicher Abend, kühler Regen fiel vom Himmel. Ich steuerte mein Rad in die Nordstadt von Karlsruhe, wurde dabei leicht nass und war sehr froh, als ich das P8 erreichte. Es war nicht gerade voll, aber einige Dutzend Leute hatten sich an diesem Abend eingefunden – trotz diverser »Konkurrenz« an anderen Veranstaltungsorten der Stadt.

Die erste Band hatte ich bereits verpasst. Auf der Bühne standen und saßen From 7 To 7 aus Frankfurt, wenn ich mich recht entsinne. Die Band nennt ihre Musik selbst »Acoustic Kitchen Sound«.

Im Prinzip nehmen Leute aus der Punk-Szene allerlei Klassiker der amerikanischen Folk- und Country-Szene, die sie mit Banjo und Mandoline, Akustik-Gitarre und Mundharmonika neu arrangieren; dazu kommen eigene Stücke. Der Sound, der dabei entstand, kam bei mir sehr munter und positiv an, das Publikum blieb in seinen Reaktionen noch eher verhalten.

(Ich musste mich erst mit einigen Bieren warmtrinken. Immer eine gute Ausrede bei schlechtem Wetter …)

Als TV Smith auf die Bühne kletterte, blieb die Stimmung anfangs noch recht ruhig, steigerte sich aber schnell. Er spielte viele alte Stücke, auch aus den Adverts-Zeiten, aber auch von den aktuellen Platten. Es wurde fleißig applaudiert, einige Leute tanzten, und die Stimmung wurde von Stück zu Stück besser. TV Smith, der seine Ansagen in britisch eingefärbtem Deutsch machte, freute sich sichtlich und grinste über das ganze Gesicht. Am Ende spielte er noch eine Zugabe.

Ich bin echt ein Fan des Sängers. Nicht wegen der alten Zeiten, die sind ja gut vierzig Jahre her, sondern wegen seiner kämpferischen Einstellung, die er sich bewahrt hat und die er auf der Bühne zum Ausdruck bringt. Das ist mehr als respektabel.

Nach dem Konzert kaufte ich mir noch die aktuelle Langspielplatte des Sängers und einen aktuellen Gedichtsband, den es jetzt von ihm gibt. Ob das bei meinem miesen Englisch eine gute Idee war, wird sich noch herausstellen. Und als ich mit dem Rad heimfuhr, regnete es nicht mehr – ein gelungener Abend also!

02 Mai 2019

Zwischen Orscha und Minsk

Der Wald dampfte an diesem Januartag. Trotz der kalten Jahreszeit waren die Temperaturen auf über zehn Grad geklettert, der Schnee war größtenteils geschmolzen. In der Sonne schien der Wald zu schwitzen.

Mein Vater nickte mir zu. »Pause«, sagte er und setzte die Motorsäge ab. Er zog die Handschuhe aus, legte sie daneben und dehnte sich.

»Pause«, bestätigte ich und stellte meine Axt zur Säge.

Wir arbeiteten im »Holzschlag«, einem Stück Wald, durch das bereits die Holzarbeiter gezogen waren. Sie hatten die Stämme der frisch gefällten Bäume mitgenommen, wir konnten nacharbeiten und genügend Holz für die eigene Heizung schlagen.

Wir gingen zu unserem Lager, setzten uns. Mein Vater öffnete eine Bierflasche für sich und eine für mich. Wir tranken. Um uns hörte ich den Wald, er atmete richtig. Holz knackte, Zweige raschelten im sanften Wind, irgendwo zwitscherten Vögel.

Unvermittelt fing mein Vater an. »Das war auch so ein Wald«, sagte er und starrte ins Leere. »Irgendwo zwischen Orscha und der Beresina.«

Ich starrte ihn an, sagte kein Wort. Offenbar drängte es aus ihm heraus.

»Wir waren auf dem Rückzug, aus einem Kessel raus, dann wieder eingekreist. Ich saß auf einer Lafette, da explodierte eine Mine unter uns.« Er schüttelte sich. »So ein verdammtes Partisanending, gefüllt mit allem Dreck, Nägel und Eisensplitter.«

Er wurde schwer verwundet und verlor das Bewusstsein. »Ein Fahrer hat uns mit dem Sanka quer durch das Partisanengebiet transportiert«, sagte er. Leichtverletzte Männer hätten sich außen an das Fahrzeug geklammert.

Sie erreichten Minsk, wo die Verwundeten auf offene Waggons verladen wurden. »Der Zug fuhr aus dem Bahnhof raus, da kamen die russischen Panzer schon von der anderen Seite rein. Das war knapp.«

Er hielt inne und nahm einen Schluck Bier. Ob er die Fahrt bei Bewusstsein erlebt hatte oder nicht? Ich fragte nicht.

»Wir fuhren durch Weißrussland«, erzählte er weiter. »Immer nach Westen. Überall waren Partisanen. Wer unterwegs starb, dessen Leiche hat man aus dem Waggon geworfen.«

So kam er nach Deutschland zurück, wo man ihn im Lazarett zusammenflickte, um ihn nach einigen Monaten wieder an die Ostfront zu schicken. Diesmal kam er in die Slowakei. Davon wusste ich etwas.

»Hast du den Mann eigentlich wiedergesehen?«, fragte ich ihn, nachdem er gut zwei Minuten lang geschwiegen hatte.

»Nach dem Krieg, beim Divisionstreffen in Tübingen.«

»Und wie war das so?«

Er stand auf. »Lass uns weiter arbeiten.« Er nahm seine Bierflasche und leerte sie in einem Zug. Dann ging er zu seiner Motorsäge. »Wir wollen ja nicht im Wald übernachten.«

Ich nickte nur.

30 April 2019

Ein Habitat für Eidechsen

Beim Radfahren stoße ich immer wieder auf Dinge, die mich überraschen. In diesem Fall ist es ein speziell errichtes »Eidechsenhabitat« in Karlsruhe, konkret im Stadtteil und dort im Ortsbereich Kirchfeld-Nord. Das gibt es seit einigen Jahren, mir fiel es aber nie auf.
 
Als ich vor 25 Jahren nach Karlsruhe zog, war in dieser Gegend alles entweder eine Wiese oder ein altes Militärgelände. Mittlerweile stehen dort viele Häuser, daneben entsteht seit vier, fünf Jahren ein neues Gewerbegebiet. Genau zwischen dem Wohn- und dem Gewerbegebiet hat man das Habitat errichtet. (Die Tiere hat man zuvor eingefangen, damit sie bei Bau des Gewerbegebietes nicht umkommen, danach im neuen Habitat ausgesiedelt.)

Errichtet wurden Steinriegel, ein großes, teilweise sehr sandiges Gelände, haufenweise Holzhaufen und dergleichen. Das Gelände sieht tatsächlich schön aus, Menschen kommen nicht so oft vorbei, und man kann nur hoffen, dass nicht ausgerechnet dieses Habitat zur Auslauffläche für Hunde wird ...

Die Federwelt erzählt vom Storytelling

Leider schaffe ich es nicht immer, die Zeitschrift »Federwelt« vollständig zu lesen, so richtig von vorne bis hinten. Dabei würde es sich bei der »Zeitschrift für Autorinnen und Autoren«, so die Selbstbeschreibung, stets lohnen. Immerhin kam ich dazu, die Ausgabe 135 der im Uschtrin-Verlag erscheinenden Zeitschrift komplett durchzuschmökern.

Lesenswert finde ich beispielsweise den Bericht über die Autorin Lisa Keil. Ich bin sicher nicht die Zielgruppe für ihr Buch – irgendwas mit Pferden – und will es auch nicht lesen, finde aber interessant, wie die Zusammenarbeit mit dem Verlag, dem Lektorat und dem Marketing verlaufen ist. Das gibt einen guten Einblick in das Machen und Tun eines »seriösen« Buchverlages.

Für Science-Fiction-Fans ist eher das Interview mit Markus Rohde lesenswert. Er berichtet über »Star Trek«-Romane und dergleichen, gibt auch offen zu, dass beispielsweise eine bestimmte Trilogie ein »regelrechter Flop« gewesen sei.

Gut finde ich in der »Federwelt« immer, wenn gezeigt wird, die eine Arbeit am Text funktionieren kann. Wie kann man realistische Charaktere schreiben, wie lässt es sich – für einen Krimi natürlich nur – gut und wirklichkeitsnah jemand mit Gift umbringen, und was muss man bei einem Thriller beachten? Nicht mit allem bin ich da immer einverstanden, aber interessant ist das allemal.

Das Magazin bekommt in seiner aktuellen Ausgabe wieder einmal gut seinen Spagat hin: Es ist sowohl für Anfänger gut geeignet als auch für Leute, die schon länger schreiben und veröffentlichen. Ich empfehle allen, die selbst schreiben oder die gern mehr über die Arbeit von Autorinnen und Autoren wissen wollen, ein Abonnement. Weitere Informationen dazu gibt's dann auf der »Federwelt«-Seite im Internet.

29 April 2019

Der moderne Parallelwelt-Klassiker akustisch

Viele Science-Fiction- und Krimi-Leser kennen den Roman »Vaterland«. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hatte ich den Bestseller des britischen Schriftstellers Robert Harris nie gelesen – aber ich hörte mir jetzt endlich das Hörbuch an und war von diesem begeistert. Das lag selbstverständlich an der herausragenden Geschichte, ebenso aber an der Präsentation durch den Schauspieler und Sprecher Karlheinz Tafel (er ist leider schon verstorben).

»Vaterland« war tatsächlich der erste Roman, den der Autor veröffentlichte. Es ist eine klassische Alternativweltgeschichte, die zusätzlich Elemente eine spannenden Krimis aufweist. Das Thema liegt für Briten wohl auf der Hand: Gezeigt wird ein Europa, in dem die Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben (wie genau das geschehen ist, wird aber so gut wie nicht erzählt).

Die Handlung setzt im Jahr 1964 ein. Hauptfigur ist Xaver März, ein Sturmbannführer, der für die Kriminalpolizei tätig ist. Er wird als typischer Mitläufer eingeführt, der die Darstellungen des Regimes stets glaubt. Er weiß, dass an der Ostgrenze des Deutschen Reiches – also auf der Höhe des Ural-Gebirges – immer noch ein Kleinkrieg mit russischen Truppen tobt. Zwar hat er durchaus seine eigene Meinung, aber er fragt nicht nach.

Als er damit beauftragt wird, den Mord an einem Staatssekretär aufzuklären, wird er schnell in eine riesige Intrige verwickelt. In deren Verlauf trifft er auf eine junge Amerikanerin, er lernt Regimegegner kennen und erfährt, dass vieles von dem, was er bisher glaubte, einfach nicht stimmt.

Robert Harris stellt die Großmacht Deutschland im Jahr 1964 als ein starres Regime dar. An den Grenzen herrscht einerseits Krieg, während man andererseits mit den USA – unter Kennedy – in Verhandlungen steht. Widerstand im Innern wird nicht geduldet, die Gestapo hat eine eiserne Herrschaft errichtet. Riesige Prunkbauten zeigen die Pracht des Dritten Reiches.

Was mit den Juden geschehen ist, interessiert den normalen Deutschen nicht. Sie sind verschwunden, und niemand stellt Fragen. Allerdings kommt Xaver März dem monströsen Geheimnis der Wannsee-Konferenz auf die Spur ...

Es gibt eine Reihe von Kritiken, die Robert Harris vorwerfen, er habe schlampig recherchiert oder stelle das Nazi-Regime falsch dar. Das merkte ich kaum, als ich das Hörbuch anhörte – weil es derart spannend ist, dass ich kaum aufhören wollte.

Die Opfer der Mordserie, auf deren Spur Xaver März kommt, sind allesamt historisch verbürgt. Viele Details in diesem Roman basieren ebenfalls auf Plänen der Nazis oder historischen Tatsachen, die der Autor extrapoliert hat. Allein damit ist »Vaterland« ein Alternativweltenroman par excellence.

Das Hörbuch ist bei Random House Audio erschienen; ich fand es spannend und mitreißend. Bei diesem Stück könnte ich mir sogar vorstellen, dass ich es in einigen Jahren noch einmal anhören werde. Das liegt unter anderem an der ruhigen Erzählstimme: Karlheinz Tafel erzählt auch die härtesten Elemente seiner Geschichte in einem ruhigen Ton, der sie dadurch noch viel schlimmer erscheinen lässt.

Großartig!

Superschmissiger Skacore aus Italien

Dynamisch, mitreißend, unaufhörlich nach vorne peitschend: Die Band NH3 ist live eine Granate und liefert auch großartige Tonträger ab. Ganz aktuell ist die Platte »Superhero« der italienischen Combo, die zwölf Stücke bietet, bei denen mir zumindest nicht langweilig wird.

Dabei ist die Band meist politisch, ob die Texte nun in italienischer oder englischer Sprache gesungen werden. Man ist für die Rechte von Flüchtlingen, findet die aktuelle Politik in Italien ziemlich beschissen und äußert sich zu all diesen Fragen sehr eindeutig. Manchmal ist das Englisch ein wenig wunderlich – aber jemand wie ich, dessen Englisch immer nach Schwäbisch klingt, darf über so etwas sowieso nicht lästern.

Meist knallen die Stücke ziemlich, selten gibt es langsamere Einlagen. Die Bläser treiben die Stücke voran, das Schlagzeug poltert, der Sänger hetzt durch die Zeilen. Erstaunlicherweise haben mir die zwei ruhigeren Stücke trotzdem sehr gut gefallen.

Interessant fand ich, dass sich die Band prominente Unterstützung geholt hat. Bei zwei Stücken sind Gastsänger dabei, die vor allem in Italien bekannt sein dürften. Das ist nicht aufdringlich, das macht richtig Spaß. Und so habe ich am Ende eine Platte, die sich als Autofahrten-CD in diesem Jahr sicher noch bewähren wird.

28 April 2019

Die Pistols live

Wir standen vor der Tür. Die Luft war warm, mein T-Shirt dampfte. Ich musste Luft schnappen, der Typ neben mir wohl auch. Er rauchte eine Zigarette, blies den Rauch gedankenverloren in die Luft. Ich kannte ihn vom Sehen, wie so viele in der »Katakombe«, wusste aber nicht seinen Namen.

Er drehte sich zu mir um. »Findest du die Pistols eigentlich gut?«, fragte er und zeigte auf meine Haare. Sie waren kurz, aber ich hatte sie zu Stacheln aufgestellt, die sich noch nicht aufgelöst hatten.

»Du meinst die Sex Pistols?«

Der Typ war mir bisher nicht als Punkrocker aufgefallen. Er trug eine Jeansjacke ohne Anstecker oder Aufnäher, seine schwarzen Haare waren glatt und kurz.

»Wen denn sonst?«

»Klar«, meinte ich, »das war die erste Punk-Band, die ich überhaupt gehört hab. Ich finde die immer noch gut.«

»Ich hab die mal live gesehen.«

»Echt jetzt?« Ich starrte ihn an. »Bei der letzten Tour?«

Die Sex Pistols waren 1996 noch einmal auf Tour gegangen – eine Veranstaltung, die ich ignoriert hatte. Es wäre mir falsch vorgekommen, mir die Band so verspätet anzuschauen, quasi zwanzig Jahre danach. Vor allem Johnny Rotten hatte Punk nach dem Ende der Band derart öffentlich verachtet, damit wollte ich nichts zu tun haben.

»Nein, nein«, versicherte er mir stolz. »Schon damals.«

»Echt jetzt?«, wiederholte ich. »Wo denn? Warst du in England zu der Zeit?«

»Das weiß ich nicht genau. Irgendwo in Deutschland.«

Ich überlegte krampfhaft. Waren die Pistols jemals nach Deutschland gekommen? Da fiel mir der entscheidende Punkt ein.

»Du bist doch jünger als ich, oder?«, sagte ich.

»Was tut das zur Sache?«

»Ich bin Jahrgang 1963. Und du?«

Er machte ein wegwerfende Handbewegung. »Völlig egal. Viel jünger auf jeden Fall.«

Ich rechnete kurz. »Dann musst du zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, höchstens. Und du hast die Sex Pistols gesehen?«

»Na klar.« Lässig schnippte er seine Zigarette weg. Sie landete zwei Meter vor ihm auf dem Asphalt. »Du auf jeden Fall nicht.«

Er drehte sich um, beachtete mich nicht länger und stieg die Treppe zum Eingang der »Katakombe« hinunter. Ich starrte ihm nach.

Hatte er mich verarscht, war er nur ein Aufschneider, hatte er die Sex Pistols vielleicht wirklich als kleiner Junge gesehen? Ich überlegte kurz und entschied mich, ihn für ein Großmaul zu halten.

»Eh alles egal«, murmelte ich. Aus dem Keller drangen Lärm und Rauchschwaden, Hunderte von Leuten redeten durcheinander, aus den Lautsprecher bollerte ein neues Stück, das sich wie eine Mischung aus Hardcore, Metal und HipHop anhörte. Wie so oft in jenem Sommer.

Die Sex Pistols? Ich schüttelte den Kopf. Was für alte Kamellen! Warum machte ich mir darüber Gedanken? Das war über zwanzig Jahre her.

Ich verdrehte die Augen und ging die Treppe hinunter. Zurück zum Punk der 90er-Jahre, zurück in meine eigene Zeit.

27 April 2019

Rogue Steady Orchestra mal wieder

Dass Ska mehr sein kann als fröhliche Hüpfmusik für Studenten und andere Junggebliebene, die ein wenig Zirkus-Atmosphäre verbreitet und ansonsten völlig harmlos ist, beweist das Rogue Steady Orchestra immer wieder. Live ist die Band aus Göttingen sowieso eine sichere Bank, aber auch auf ihren Schallplatten weiß sie zu überzeugen.

»Liveticker zum Aufstand« gibt's zum Download, als CD und auch als schöne Vinylscheibe. Es sind 13 Stücke drauf, die man mehrfach hintereinander anhören kann. Weil sie sehr abwechslungsreich ist, langweilt die Scheibe nicht. Und ich hörte sie mir in den vergangenen Tagen doch recht häufig an.

Bei der Musik setzt die Band erstaunlich oft die Orgel ein, die Bläsersätze sind sauber und nerven nicht durch eine Überpräsenz; ansonsten herrscht ein gelungener Mix aus traditionellen Ska-Klängen und einer Prise Punk vor. Die Stücke haben Schmiss und Melodie, sie gehen auch ins Ohr und regen live schnell zum Tanzen an.

Und textlich wissen die Göttinger sowieso, wo es lang geht. Ihre Aussagen sind politisch und kritisch, ohne Parolen zu dreschen oder durch Plattheiten zu nerven. Und mitzusingen sind sie ebenfalls, wenn man möchte ...