11 November 2019

Der Nikolaus und seine Wünsche

Markus Heitz hat mich nachhaltig verstört. Ich hab am Wochenende endlich seine Kurzgeschichte »Der Nikolaus macht Wünsche wahr« gelesen, die im Leseproben-Taschenbuch des Knaur-Verlags veröffentlicht worden ist. Es handelt sich um einen Auszug aus dem Kurzgeschichtenband »Der Tannenbaum des Todes«, der bereits erschienen ist.

»Es gibt den Nikolaus. Wirklich.« So geht diese Geschichte los. Als hätten wir daran jemals gezweifelt!

Was danach geschieht, ist echt »schwarzhumorig« und sehr schön geschrieben. Der Meister der dickleibigen und vor allem erfolgreichen Fantasy-Romane beherrscht offenbar auch die Kurzform. Ich denke, dieses Lesebuch für die Wintertage muss auf meinen Lesestapel ...

Toll erzählter, recht brutaler Superhelden-Comic

Wenn ein Autor, den ich schätze, und ein Comic-Künstler, dessen Arbeit ich ebenfalls mag, an einem Comic-Thema zusammenarbeiten, das ich faszinierend finde, sollte das Ergebnis doch überzeugen. Mir fällt es allerdings nicht leicht, für den »Moon Knight«-Klopper mit dem Titel »Wächter der Nacht«, den es in deutscher Sprache seit 2017 gibt, eine eindeutige Empfehlung abzugeben.

Ich mag den Autor Charlie Huston sehr. Seine Trilogie um den »Prügelnkaben« Hank Thompson hat mich vor vielen Jahren begeistert – selten wurde eine packende Krimi-Geschichte mit einem derart harten und bösen Humor so perfekt präsentiert. Auch die Romane um den Vampir Joe Pitt, der sich durch ein absolut dreckiges New York zu kämpfen hat, fand ich großartig. (Wobei mir eben einfällt, dass ich nicht alle davon gelesen habe. Mist, die liegen in einem Lesestapel!)

Der Mann nahm sich den Comic-Helden »Moon Knight« vor, um dieser Figur neues Leben einzuhauchen. Die Geschichten, die in »Wächter der Nacht« veröffentlicht werden, bildeten 2006 den Start zu einer neuen »Moon Knight«-Saga. Er tat sich mit dem Comic-Künstler David Finch zusammen, den ich aus diversen »Batman«-Geschichten bereits kannte.

Die Geschichte wiederum ist nicht einfach. Marc Spector, der eigentliche Held des Comics, ist ein gebrochener Mann. Er zerfließt in Selbstmitleid, kämpft mit seiner Psyche und den Drogen, hängt lethargisch in seinem Sessel und starrt ins Leere. Nichts ist mehr übrig von einem Mann, der als »Moon Knight« das Vebrechen bekämpft und damit im Auftrag eines ägyptischen Gottes gehandelt hat.

Sagen wir es so: Man muss bei dem Comic aufpassen, dass man nicht den Faden verliert. Es gibt die unvermeidlichen Kämpfe mit bösen Schurken und einer merkwürdigen Organisation, über die man nicht viel erfährt, es tauchen Gefahren aus der Vergangenheit auf – und am Ende ist Marc Spector als Moon Knight wieder auf einer Mission. Huston erzählt mit Vor- und Rückblenden, springt in der Handlung und in den Zeiten; das ist nicht unbedingt einfach erzählt.

Die Grafik macht das allerdings jederzeit wett. Die Bilder sind großartig; die Dynamik der einzelnen Szenen verblüfft. David Finch setzt seine Figuren und die Hintergründe mit seinen Zeichnungen stark in Szene, unterstützt von unterschiedlichen Tuschern; auch die Farbgebung ist hervorragend. Gesichter wirken plastisch, Action ist knallig – toll gemacht!

Allerdings ist das Ganze auch ganz schön brutal. Blut spritzt, die Szenen sind manchmal sehr hart. Das passt zwar zur Handlung, die Gewalt ist also kein Selbstzweck, trotzdem ist das alles nichts für sanfte Gemüter. Man muss allerdings klar sagen, dass Moon Knight kein netter Superheld ist – ihm macht die Brutalität geradezu Freude.

Mein Fazit zu »Wächter der Nacht« ist also durchaus gespalten: spannend erzählt, beeindruckend illustriert, unterm Strich sehr brutal. Das muss man mögen.

(Erschienen ist der Comic bei Panini. Ich habe mir die Hardcover-Version gegönnt, weil die im Regal einfach schöner aussieht.)

10 November 2019

In Raffles Café

Aus der Serie »Ein Bild und eine Geschichte«

Als ich anfing, im Vorfeld meiner Singapur-Reise ein wenig zu recherchieren, wurde mir schnell klar, dass ich im Raffles Hotel einige Szenen spielen lassen würde. Das Szenario war für den Roman, den ich plante, wie geschaffen. Ich hatte das Hotel bei meinen ersten Besuchen in den späten 90er-Jahren schon bewundert, jetzt wollte ich es mir genauer ansehen.

Wie es sich für einen Touristen gehört, setzte ich mich auch in das Raffles Café – allerdings in den Außenbereich. Ich trank Wasser und Café, ich sah den Leuten zu, und ich machte mir viele Notizen. (Das gesamte Café bildete übrigens nur den Hintergrund für eine einzige Mikro-Szene in meinem Romanprojekt.)

Im Innern des Cafés saß ich nicht, der Außenbereich genügte meinen Ansprüchen. Es ging eine frische Brise, es roch nach Kaffee, das Stimmengewirr um mich herum ertönte in den unterschiedlichsten Sprachen, und ich kam mir vor wie in einem Film, der im Kolonialzeitalter spielte.

Auf Firlefanz wie ausgefallene Cocktails verzichtete ich; das brauchte ich nicht. Ich sammelte meine Eindrücke, die brauchte ich – und so blieb es bei einem einzigen Besuch im »Raffles Café«.

09 November 2019

Einige Worte zur Klarstellung

Als ich 1986 die erste Ausgabe meines Egozines ENPUNKT veröffentlichte, hätte ich mir nicht träumen lassen, welche Folgen das haben würde. Das Egozine beschäftigte sich – das ist der Sinn eines Egozines – mit mir und meiner Weltsicht. Ich schrieb über Science Fiction und Fantasy, über Punkrock und Hardcore, über Comics und Bier, über Politik und Abseitiges.

Das machte ich zwanzig Jahre lang. Zeitweise hatte mein Heft eine Auflage von 700 Exemplaren, zeitweise hatte ich das Gefühl, niemand wolle es mehr lesen. Ich stellte es ein, weil ich keine Lust auf die Verkauferei mehr hatte.

Die zweite Inkarnation begann ab 1995: Ich machte das ENPUNKT-Radio im örtlichen Radiosender Querfunk. Jede Woche saß ich sonntags von 22 bis 23 Uhr im Studio und versuchte, journalistisch einigermaßen korrekt über Punkrock und Hardcore, Oi! und Ska zu berichten. Ab 2005 halfen mir einige Leute, ich machte die Sendung nur noch monatlich. 2017 war damit Schluss; die Freude hatte einfach nachgelassen.

Die dritte Inkarnation war mein Blog. Den ENPUNKT-Blog gibt es seit 2005, anfangs aus einer Laune heraus entstanden. Er ist kein Versuch, journalistisch zu sein, sondern die Fortsetzung meines Egozines.

Die vierte Inkarnation ist dann ENPUNKT bei Twitter. Dieses Medium macht mir immer mehr Spaß, auch wenn es viele Gründe gibt, Twitter abzulehnen. (Die Facebook-Präsenz von ENPUNKT ist nichts anderes als ein Ableger des Blogs. Bei Twitter stehen eigenständige Texte.)

Man muss klar sagen: Es ist immer noch das gleiche. Ich schreibe über Dinge, die mich interessieren, die mich bewegen oder aufregen. Ich freue mich darüber, wenn Leute darauf reagieren. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Ich muss damit schließlich nicht mein Geld verdienen ...

08 November 2019

Dreißig Jahre ist es her …

In den 80er-Jahren war ich einige Male in der DDR. Ich besuchte nicht nur Ost-Berlin, sondern war auch in »Kalle-Malle«, also Karl-Marx-Stadt oder Chemnitz, und in Leipzig. Diese Reisen haben mir immer klargemacht – ebenso wie die Transitfahrten durch die DDR nach West-Berlin –, dass die DDR kein Land war, dass ich mochte. Ich fand die Zöllner und Polizisten grausig, und die Leute, mit denen ich sprach, lehnten ihren Staat ab, hatten wenig für den sogenannten Sozialismus übrig.

Als sich im Verlauf des Jahres 1989 die politische Situation änderte, verbrachte ich viel Zeit vor dem Fernseher. Mit Freunden und Bekannten verfolgte ich die Nachrichten; ich hatte ja keinen eigenen Fernseher. Ich las Zeitungen und Zeitschriften, ich diskutierte viel. Und ich freute mich sehr darüber, wie sich die Menschen in der DDR ihre Freiheit erkämpften.

Wir sahen, wie die Chinesen auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Demokratiebewegung zusammenschossen, und wir befürchteten ähnliche Verhältnisse in der DDR. Dann wieder sahen wir die mutigen Menschen, die friedlich demonstrierten und sich für die Demokratie einsetzten, und wir hofften für sie, dass alles friedlich bleiben würde.

Der plötzliche Mauerfall überraschte mich dennoch. Ich sah die jubelnden Menschen im Fernsehen, und ich sah die Hunderte von DDR-Bürgern, die auf einmal als Neubürger bei uns in der Stadt auftauchten und notdürftig in der Turn- und Festhalle untergebracht wurden. Ich empfand kein besonderes Gefühl von Patriotismus, sondern freute mich darüber, dass die Mauer bald endgültig fallen würde.

Im Dezember kletterte ich selbst über die Mauer, ich klopfte auch den einen oder anderen Stein aus dem Beton; davon ist nichts übrig geblieben. Das aber ist eine andere Geschichte.

Dass sich manche Dinge später anders entwickelten, dass sich in der DDR viele Westler schamlos bereichern konnten und die Wirtschaft der ostdeutschen Länder gnadenlos abgewickelt wurde – das konnte man vor genau dreißig Jahren weder sehen noch ahnen. Der neunte November war ein erster Höhepunkt einer Entwicklung, die sich über Monate zuvor angebahnt hatte und deren weitere Fortsetzung damals kaum jemand ahnen konnte.

07 November 2019

Maroua im November

Im November und Dezember 1999 unternahm ich eine Reise durch Kamerun; die mir unglaublich viele neue Eindrücke verschaffte, von denen ich noch heute zehren kann. In der Folge entstanden mehrere Kurzgeschichten, die teilweise in meinem Buch »Das Tier von Garoua« veröffentlicht wurden; die meisten Texte wurden aber nie aufbereitet.

Ich schrieb auch einen Text, der den schönen Titel »Maroua im November« trug und den ich vor Ort in mein Notizbuch kritzelte. Am 2. Juni 2000 tippte ich ihn ab, später wurde er in einer Ausgabe meines Egozines ENPUNKT veröffentlicht.

Ob man das dann als »Gedicht« bezeichnen kann, weiß ich nicht. Aber ich finde ihn tatsächlich immer noch gut. Und deshalb kommt er in diesem Blog erneut zur Geltung.

Maroua im November

Der Ventilator röchelt sein eintöniges Lied
unter dem Boukaroo-Dach aus Ästen und Strohmatten,
dazwischen höre ich das Zirpen der Grillen,
den Lärm der Vögel, das Rascheln der Geckos,
während ab und zu ein Moped vorbeifährt,
draußen auf der staubtrockenen Straße
zwischen Steinwänden, grob und roh,
wo tagsüber jede Bewegung nur langsam abläuft
und abends fast vollends erstirbt – bis auf den Wind.

Männer zünden sich die letzte Zigarette des Abends an,
rote Lichtpunkte in einer Straße ohne Beleuchtung;
nur die Sterne und die wannenförmige Sichel des Mondes
sind manchmal zu sehen, wenn die Bäume raschelnd
Platz schaffen und den Blick nach oben freigeben.

Mag sein, das ist eine Nacht wie jede andere,
aber irgendwie ist sie besonders – für mich.
Ich starre zur Decke, auf den Ventilator,
dessen Flügel vor meinen Augen zum Kreis verschmelzen,
und als ich sie wieder aufschlage,
graut bereits der nächste Morgen.

06 November 2019

Straßensperre in Tam

Weil ich mich auf dem Campingplatz langweilte und es noch einige Zeit dauern würde, bis wir kochen würden, schnappte ich mir mein Rad. Ich wollte Tamanrasset ein wenig erkunden, nachdem wir einmal mit dem Bus durchgefahren waren und einen kurzen Spaziergang unternommen hatten.

Es war ein heißer Tag im Dezember 1987, und ich wollte die hohen Temperaturen ausnutzen. Kalt wurde es in der Sahara früh genug um diese Jahreszeit.

Vom Campingplatz aus nahm ich die geteerte Straße in die Innenstadt. Tam, wie alle die Stadt nannten, war nicht mehr als ein Nest aus schmutzig-weißen Häusern, die sich an einigen Straßen entlang reihten: In der Mitte gab es entlang des ausgetrockneten Flussbettes eine Art Geschäftszentrum mit einer kleinen Bank, einer Moschee, einem Café und einer Bäckerei; viel mehr bot die kleine Stadt nach einem ersten Augenschein nicht.

Laut Reiseführer hatte ganz Tamanrasset um die 5000 Einwohner. Damit waren aber nicht nur die Leute gemeint, die in der eigentlichen Stadt wohnten, sondern auch die Bewohner verstreuter Siedlungen in der umliegenden Region. Kein Wunder, dass die Stadt auf mich den Eindruck eines großen Dorfes machte, über dem allgegenwärtiger Staub hing.

Während ich mit dem Rad fuhr, überholten mich mehrere Militärfahrzeuge. Auf den Pritschen saßen Soldaten mit Gewehren in den Händen, insgesamt mehrere Dutzend Mann. Ich blickte starr geradeaus, versuchte so flach wie möglich durch die Nase zu atmen, hatte währenddessen das Gefühl, eine Schicht aus Staub und Dreck lege sich auf mein Gesicht und meine bloßen Arme. Immerhin hatte ich eine lange Hose und meine Stiefel an.

Ich passierte einige Männer, die neben ihren Kamelen standen, und bog in eine Seitenstraße ein. Der Asphalt wich einer Piste: fester Boden, über den sich eine feine Schicht aus Flugsand gelegt hatte. Die Häuser zu meiner Rechten und Linken waren zweistöckig, die Straße wurde rasch enger.

Ziegen waren auf der Straße unterwegs, einige Frauen huschten an mir vorüber. Als ich vor mir eine Gruppe von Jugendlichen sah, die mitten auf der Straße gingen, brauchte ich einige Zeit, um langsamer zu werden. Meine Bremse quietschte, mein Hinterrad schlug ein wenig aus. Direkt vor den Jugendlichen blieb ich stehen.

Sie mochten zwischen zwölf und fünfzehn Jahre alt sein, allesamt Jungs. Sie trugen zerschlissene weite Kleidung aus Stoffen, die einstmals weiß oder schwarz gewesen sein mussten, nur aber sehr dreckig wirkten. Ihren Gesichtern nach waren sie keine Araber, sondern zählten eher zu den Berbern, die in dieser Gegend siedelten. Die Haare waren voller Staub und Dreck, sie standen in alle Richtungen ab. Hätte man die Jugendlichen in eine deutsche Großstadt verfrachtet, hätte man sie vielleicht für Punks gehalten.

Sie drehten sich zu mir um, wirkten verblüfft, schienen auf einmal eine breite Front zu bilden, die mir die Straße versperrte. Auf einmal fühlte es sich für mich an, als stünde ich an einer Straßensperre. Es wäre nicht die erste in Algerien gewesen; wir waren von Polizei und Militär nicht nur einmal angehalten worden.

In einem Anflug von Panik stellte ich fest, dass die Jungs teilweise bewaffnet waren; einige von ihnen trugen Messer an der Seite. Ein Überfall? Sollte ich ausgeraubt werden?

Sie starrten mich an, ich starrte zurück; keine Ahnung, wie lange das dauerte. Dann lachte einer, wies auf meinen Kopf, und die anderen fielen in das Lachen ein. Zuerst verstand ich nicht, sah sie wohl verwirrt an, dann zeigte der Junge auf meinen Kopf und zog an seinen abstehenden Haaren.

Da verstand ich. Meine struppigen Haare, die ich nicht mit einer Mütze bedeckt hatte, waren ebenfalls voller Sand und Staub; sie standen ebenfalls in alle Richtungen. Und unter der Staubschicht konnte man zwar erkennen, dass ich ein weißhäutiger Europäer war, der aber einen deutlich schmutzigeren Eindruck machte als andere Europäer, die ich bislang in der Stadt gesehen hatte.

Ich griff mit der Rechten an meine Haare und zog daran, spürte, wie sie stehen blieben. Ohne mein Zutun hatte ich eine Sammlung astreiner Spikes, die sich kreuz und quer über meinen Schädel zogen.

Dann lachte ich auch. Vor Erleichterung und weil ich es wirklich witzig fand.

05 November 2019

Violent Instinct aus Hamburg

Dass man in Sachen Deutschpunk keine große Innovation erwarten kann, weiß ich. Deshalb erwarte ich von einer neuen Band, die sich auch noch Violent Instinct nennt, eher grobmotorischen Punk. Die Band aus Hamburg enttäuscht in dieser Hinsicht nicht ...

Der Deutschpunk, den die vier Männer und die Frau liefern ist ruppig und schlicht; für meine Begriffe klingt mir zu oft eine Prise Hardrock durch. Aber das ist heutzutage modern, das muss ich wohl ertragen. Ob allerdings allen Ernstes so eine schunkelige Ballade nötig war, möchte ich doch anzweifeln.

Textlich gibt man sich Mühe, ein Lebensgefühl rüberzubringen. Man besingt den »way of life« nicht nur einmal, möchte gegenüber den Nazis auf der Straße »keinen Schritt« zurückweichen, erinnert an alte Freunde und schimpft auf die »normalen« Bürger mit ihren Lügen. Das ist nicht gerade neu, klingt aber authentisch und nachvollziehbar.

Richtig gut ist das Stück »Hamburg«, eine echte Ode an die Heimatstadt der Band, bei der auf überzogenen Lokalpatriotismus verzichtet wird. Und natürlich dürfen Lieder nicht fehlen, in denen dem Alkohol gehuldigt wird und man stolz darauf ist, viel Bier zu trinken. Aber warum sollte das 2017 anders sein als 1987?

Wer Deutschpunk mag, sollte zumindest mal reinhören. Mein Gemäkel, dass die Band wenig originell ist, sollte sich niemand zu Herzen nehmen – schiebt’s auf die Tatsache, dass ich alt bin!

Comic-Biografie eines großen Schriftstellers

In Frankreich hat er fast den Rang eines Nationalheiligen, aber auch im deutschsprachigen Raum ist Victor Hugo durch viele große Romane bekannt geworden. Nicht zum Allgemeinwissen gehört allerdings, dass er zur Opposition gegen Napoleon III zählte und deshalb ins Exil gehen musste. Auf der englischen Kanalinsel Guernsey, die vor der Küste der Normandie liegt, fand er in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine neue Heimat. Das ist der Hintergrund eines Comics, der den schönen Titel »Victor Hugo – Im Exil« trägt und den ich dieser Tage gelesen habe.

Weil seine Tochter mit ihrem Mann gut zehn Jahre zuvor ertrunken ist, kommt der große Autor mit diesem Verlust nicht so richtig klar. Victor Hugo flüchtet sich zeitweise in den Spiritismus, nimmt an sogenannten Séancen teil und versucht so, mit dem Geist der toten Tochter in Kontakt zu treten. Als er irgendwelche Hinweise erhält, die er als die eines Geistes wahrnimmt, beschließt er, eine Reise auf den Kontinent zu unternehmen. In Verkleidung reist er nach Paris …

Für das Szenario zeichnet Esther Gil verantwortlich. Sie erzählt die Geschichte eher ruhig, sie kommt ohne echte Action aus und plätschert ein wenig vor sich hin. Wer sich mit der französischen Geschichte oder mit Victor Hugo überhaupt nicht auskennt, dürfte auch das eine oder andere Detail nicht verstehen. (Hier wäre vielleicht ein Nachwort von einem kundigen Menschen hilfreich gewesen. Allerdings gibt es einige sehr gelungene redaktionelle Anmerkungen.)

Insgesamt erzählt der Comic viel über Victor Hugo und sein Liebesleben. Er gibt Einblicke in die sozialen Gegebenheiten in der Mitte des 19. Jahrhunderts und zeigt, wie Napoleon III. regierte. Wer sich für Geschichte und Literatur interessiert, erhält auf jeden Fall eine lesenswerte Geschichte. Dass sie nicht übermäßig spannend ist, lässt sich verschmerzen.

Auch die Zeichnungen reißen einen nicht unbedingt mit; das war sicher auch nicht das Ziel von Laurent Paturaud. Wenn ich die klaren und sehr sauber gezeichneten Bilder betrachte, habe ich das Gefühl, eine kleine Zeitreise zu unternehmen. Sowohl die Kanalinseln als auch das ländliche Frankreich oder die Metropole Paris werden von dem Künstler klar und schön präsentiert. Paturaud erzählt in seinen Bildern geradezu filmisch, aber auf eine ruhige, stimmungsvolle Art und Weise.

Wer Victor Hugo als Autor schätzt, sollte zumindest einen Blick in diesen Comic werfen. Das gleiche gilt für Menschen, die gern historische Geschichten mögen. Wer eher auf Action steht, wird bei diesem Comic gelangweilt sein, fürchte ich.

04 November 2019

Loving Vincent

Ich bin alles andere als ein Experte für Vincent Van Gogh und das Werk des Künstlers. Mir geht es wahrscheinlich so wie den meisten: Man kennt einige Bilder, man weiß einige Details, vor allem kennt man die gruseligen Dinge. Abgeschnittene Ohren, der Aufenthalt in einer Anstalt, der seltsame Selbstmord und dergleichen … aber als Normalsterblicher weiß ich einfach nicht Bescheid.

Ein wenig skeptisch trat ich also an den Film »Loving Vincent« heran. Dieser kam 2017 heraus und wird hierzulande nur von Sendern wie Arte gezeigt. Wir haben uns die DVD gekauft, und ich bin sicher, dass wir sie noch öfter ansehen werden.

Der Grund: Der Film ist künstlerisch und trotzdem sehr unterhaltsam. Man muss sich darauf einlassen, dass die Machart dieses Films sehr ungewöhnlich ist – dann fasziniert der Streifen aber sehr.

Es ist eine polnische Produktion, an der mehrere Dutzend Künstler beteiligt waren. Der Grund: Man nahm Originalgemälde von Vincent van Gogh, und daraus entstanden bewegte Bilder. Die Schauspieler wurden ebenfalls animiert – aber eben nicht im Zeichentrick-Stil, sondern im Stil eines van-Gogh-Gemäldes. Das klingt seltsam, erklärt sich aber von selbst, wenn man sich den Trailer ansieht. Zahllose Bilder mussten für den Film gemalt werden.

Tatsächlich wird eine spannende Geschichte erzählt. Ein junger Mann stellt Nachforschungen zum Tod des Künstlers an, befragt Bekannte und Freunde des Toten. Dabei kommt er auf eine Reihe von Fragen, die bisher keiner zu stellen wagte: Hat sich van Gogh wirklich umgebracht? War jemand anders für seinen Tod verantwortlich? Und so entsteht aus einem harmlosen Brief eine packende Krimi-Handlung.

»Loving Vincent« ist ein ungewöhnlicher Streifen, der mit vielen Sehgewohnheiten bricht, letztlich aber doch recht konventionell erzählt. Damit kommen auch Durchschnittsfilmegucker wie ich auf ihre Kosten. Lohnt sich!

03 November 2019

Zum Abschied viel Sonne

Der letzte Seminartag in Wolfenbüttel ging im Schnelldurchlauf vorüber: Noch einmal gab es zu Beginn des Tages einen kleinen Vortrag von Kathrin Lange, danach stellten wir eine Schreibaufgabe.

Anhand eines Bildes sollten die Autorinnen und Autoren eine eigene Geschichte schreiben, die idealerweise auch die Welt abbildet. Das klingt jetzt vielleicht abstrakt, erwies sich aber in der eigentlichen Arbeit als spannend.

Wir erhielten auf Basis eines Bildes insgesamt sechzehn Geschichten – oder Anfänge von Geschichten –, über die wir noch einmal diskutierten. Danach gab es eine Schlussrunde, in der Lob und Kritik zum abgelaufenen Seminar geäußert wurde. Und nachdem wir das auch hinter uns gebracht hatten, ging es in aller Ruhe zum Mittagessen.

Das Seminar war vorüber, meine Laune sehr gut. Wolfenbüttel überraschte mit strahlendem Sonnenschein, der das Schloss viel schöner zeigte als an den regnerischen Tagen zuvor. Es stellte sich für mich nur noch die Frage, ab wann der Nach-dem-Seminar-Blues einsetzen würde ...

02 November 2019

Wolfenbüttel im Nieselwetter

Der zweite Tag in Wolfenbüttel ist erfahrungsgemäß derjenige, der am meisten anstrengt. Das liegt schichtweg daran, dass er durchgehend mit Seminargesprächen und -aufgaben vollgestopft ist. Im aktuellen Fall heißt das: Man fängt morgens um neun Uhr an, hat zwischendurch zwar Pausen und macht trotzdem erst gegen halb zehn Uhr abends Feierabend.

Wobei Kathrin Lange und ich am zweiten Tag des diesjährigen Roman-Seminars vor allem auf Textbesprechungen setzten ... Wir diskutierten die Texte, die von den Autorinnen und Autoren eingereicht worden waren. Vor allem legten wir ein großes Augenmerk auf den sogenannten Weltenbau: Waren die phantastischen Szenarien, die uns präsentiert wurden, glaubhaft oder wirkten sie zumindest so glaubhaft, wie man es von einer fremdartigen Welt verlangen konnte?

Es blieb – wie in jedem Jahr und bei jedem Seminar – nicht aus, dass wir inhaltlich abschweiften und von einem Thema aufs andere sprangen. Weil wir diesmal aber eine strenge Zeit-Disziplin einhielten, blieben die Abschweifungen im Rahmen, und wir kamen mit allen Texten an diesem Samstag durch.

Aber was soll man an einem feuchten und kühlen Tag in Wolfenbüttel auch anderes machen? Angesichts des Wetters – das Bild zeigt den Ausblick aus meinem Zimmer – waren Textarbeiten mehr als nur eine Alternative.

01 November 2019

Wolfenbüttel-Start mit Theorie

Bei der Planung meiner diesjährigen Termine hatte ich die Feiertage nicht so richtig im Sinn. Deshalb bekam ich nicht gleich mit, dass ich am Allerheiligen-Freitag auf eine Fahrt in den Norden gehen würde – wieder einmal nach Wolfenbüttel. Dort findet an der Bundesakademie für kulturelle Bildung vom 1. bis 3. November 2019 eine Schreibwerkstatt für Autorinnen und Autoren statt, die sich der phantastischen Literatur verschrieben haben.

Dozenten sind die Autorin Kathrin Lange und ich, mit dabei ist auch Olaf Kutzmutz, der literarische Leiter der Bundesakademie. Ich fuhr mit der Bahn, las unterwegs alle Texte, die von den Teilnehmern im Voraus eingereicht worden waren, und kam deshalb gut vorbereitet nach Braunschweig.

Dort holte mich Kathrin Lange mit ihrem Auto am Bahnhof ab. Während wir nach Wolfenbüttel fuhren, besprachen wir bereits erste Details des Seminars. Und nach dem kurzen Einchecken und einem kurzen Imbiss mit weiterer Besprechung ging es auch schon mit dem eigentlichen Seminar los.

Diesmal machten wir den Einstieg recht theoretisch. In einem Werkstattgespräch erzählten die Autorin und ich von unserer Arbeit; später stellte sie einzelne Texte von bekannten Autorinnen und Autoren vor, die wir im Plenum diskutierten. Wie phantastisch mutet beispielsweise ein Text von Michael Ende an, welchen Weltenbau kann man aus einer Seite der »Tribute von Panem« entnehmen?

Ich finde solche Diskussionen immer sehr spannend, weil ich selbst für das eigene Schreiben und Lesen viel daraus lernen kann. Wobei das Feierabendbier ein wichtiger Bestandteil eines solchen Seminars ist ...

31 Oktober 2019

Das Totengräber-Buch in den Medien

In diesen Tagen herrscht viel Medienrummel um ein Buch, mit dem ich – ebenso wie der Autor – mehrere Jahre meines Lebens verbracht habe. »Totengräbers Tagebuch« von Volker Langenbein, erschienen im Hirnkost-Verlag, wurde gleich mehrfach von Journalisten in ihre Arbeit übernommen.

Einen schönen Fernsehbericht brachte beispielsweise der Sender BibelTV, den ich – wie ich zugeben muss – in all den Jahren eher gemieden habe. Aber klar: Das ist eine interessante Zuschauergruppe, die Menschen werden von Themen wie dem Buch sicher angesprochen.  Der Bericht über Volker Langenbein und das Buch ist journalistisch sauber, es zeigt den Menschen hinter dem Totengräber-Buch.

Der Beitrag erschien im Rahmen der Reihe »Himmel über Baden« und ist gut zehn Minuten lang. (Wer sich nur für das Buch interessiert, schaue sich die Sendung etwa ab der vierten Minute an.) Lohnenswert!

Richtig gut gefallen hat mir auch der Beitrag im SWR-Aktuell. Der Kollege vom Südwest-Rundfunk traf sich mit Volker und mir auf dem Friedhof: am Mittwoch morgen bei Sonnenschein und zugigen Temperaturen. Wir verquatschten uns ziemlich, und aus der geplanten Viertelstunde eines kurzen Interviews wurde echt eine Stunde. Das Ergebnis kann sich aber echt hören lassen – und ist vor allem noch in der Mediathek zu finden.

30 Oktober 2019

Ein Grappa, intellektuell am Abend

Aus der Serie »Ein Bild und ein Geschichte«

Wer schon immer mal wissen wollte, wie ich entspannt und extrem locker an Manuskripten sitze und mit viel Papier meine Abende verbringe: Ein halbwegs aktuelles Bild beweist es. Durch ein Grappa-Glas hindurch wurde das Foto geschossen.

Es zeigt mich, wie ich einen Stapel Papier durcharbeite: Mal sind es Manuskripte, mal sind es andere Texte. Meist runzle ich die Stirn dabei, was mir unzweifelhaft ein fürchterlich intellektuelles Aussehen verleiht, und lege zum Ausgleich die Brille ab.

Vor allem in der kühlen Jahreszeit ist ein geistvolles Getränk am Abend eine gute Unterstützung für jegliche Art von Lektüre. Es muss dann sowieso nicht immer gleich ein Grappa sein, ein ordentlicher Rotwein tut's auch ...

25 Oktober 2019

König der Löwen

Quasi auf dem letzten Drücker kam ich ins Kino und konnte mir »König der Löwen« ansehen. Ich bekenne, dass ich in Hamburg das Musical gesehen habe und es mir – viel schlimmer, ich weiß – auch noch gefallen hat: tolle Kostüme, gelungene Musik, schmissige Inszenierung. Die Geschichte selbst kannte ich schon, und so war ich sehr gespannt darauf, wie der Film auf mich wirken würde.

Um es klar zu sagen: Der Film funktionierte sehr wohl, wenn man sich auf die Prämisse einließ. Es gibt da also eine Gruppe von Löwen, die über das Reich der Tiere gebietet – wo immer das auch sein mag. (Es wird offenbar von einer Wüste umgeben, die man durchqueren kann, um dann in einer anderen Region zu landen, wo niemand etwas von diesem seltsamen Königreich zu wissen scheint.)

Als der alte König im Rahmen einer fiesen Intrige ums Leben kommt, bleibt dem Kronprinzen nichts anderes übrig, als zu fliehen und in der Fremde sein Glück zu finden. Das macht er recht erfolgreich: Er lernt Freunde kennen, er isst Pflanzen und Würmer, lässt also die Finger und Zähne von Antilopen und dergleichen. Währenddessen übernimmt ein Renegat das Königreich und wirtschaftet es mithilfe einer Bande von Hyänen herunter.

So weit so klar. In der klassischen Zeichentrick-Version sind die Tiere eben gezeichnet und haben letztlich menschliche Züge. In der modernen Version, die ich gesehen habe, sind sie unglaublich realistisch angelegt. Die Haare bewegen sich im Wind, die Animation ist fast perfekt. Und trotzdem haben es die Macher geschafft, den Tieren ein Mienenspiel zu verleihen, das jeder kapieren dürfte.

»König der Löwen« ist ein Disney-Musical, ein Disney-Zeichentrickfilm und ein Haufen anderer Disney-Produkte. Die neue Produktion reiht sich ein. Wer Disney-Produkte grundsätzlich ablehnt, muss diesen Film hassen. Wer sich an schönen Bildern erfreuen kann und auch in der Lage ist, sich für eineinhalb Stunden wie ein Kind zu fühlen, wird mit diesem Film klarkommen.

24 Oktober 2019

Der Job als Totengräber

Eine richtig gute Radiosendung wurde am vergangenen Samstag im Südwestrundfunk ausgestrahlt; ich hörte sie erst dieser Tage an, weil ich vorher keine Zeit hatte. Man kann sie glücklicherweise immer noch in der Mediathek anhören.

In der Sendung »Arbeitsplatz« geht es um verschiedene Berufe, unter anderem auch um den eines Totengräbers. Im Interview spricht Volker Langenbein über seine Tätigkeit, aber eben auch über das Buch »Totengräbers Tagebuch«, an dem ich ja auch mitgewirkt habe. Das Interview überzeugt – so finde ich –, weil die Journalistin klare und vernünftige Fragen stellt und der Autor sehr klar und vernünftig darauf antwortet.

Somit gibt's nicht nur eine schöne Information über den doch anstrengenden Beruf, sondern ebenso eine hübsche Werbung für das Buch. Hoffen wir, dass es so einige Käufer mehr findet ...

23 Oktober 2019

Wir sind doch keine Rassisten

Ich sollte mich nicht auf politische Diskussionen einlassen. Nicht mit Leuten, die mir eigentlich sympathisch sind, bei denen ich aber schon merke, dass sie noch nicht sehr weit aus ihrer kleinbürgerlich-ländlichen Komfortzone herausgekommen sind. Das merkte ich dieser Tage wieder einmal.

Das Gespräch begann mit Dingen, die man angeblich nicht mehr sagen dürfe. Sogar das Wort »Negerkuss« sei mittlerweile verboten, nicht einmal mehr »Mohrenkopf« könne man sagen.

»Du kannst von mir aus den ganzen Tag ›Negerkuss‹ vor dich hinbrabbeln«, meinte ich trocken, »mich stört das nicht. Aber ich bin ja auch selbst weiß, mich betrifft das nicht.«

»Wir sind doch keine Rassisten, nur weil wir ›Negerkuss‹ sagen oder von ›Negern‹ sprechen«, wurde mir erwidert. »Und das ist doch auch nicht rassistisch gemeint.«

»Na ja«, wandte ich so sanft und ruhig wie möglich ein. »Es ist nicht rassistisch gemeint, aber es ist rassistisch.« Ich zog es auf die persönliche Ebene. »Du kannst das ja halten, wie du willst. Ich sage es auf jeden Fall nicht.«

Als Kinder habe man sich aber auch die Gesichter angemalt und ein »Baströckchen« angezogen. Das sei doch lustig gewesen, und niemand habe es böse gemeint. Und warum dürfe man das heute nicht mehr sagen, machen und tun?

Es wurde ein zähes Gespräch. Ich blieb höflich und zurückhaltend, blieb immer auf einer sehr persönlichen Ebene, verbreitete eine Ich-Botschaft nach der anderen (»Ich sehe das so, dass ...« oder »Ich würde es so sagen ...«) und kam mir bei alledem so vor wie in den 90er-Jahren, als diese Diskussionen doch auch schon alle geführt worden waren. Aber wahrscheinlich wird das Thema so schnell nicht verschwinden.

22 Oktober 2019

Der letzte Sozialdemokrat

In der vergangenen Woche ist Erhard Eppler gestorben. Das hat mich tatsächlich betrübt, obwohl ich nur ein einziges Mal in meinem Leben mit ihm persönlich sprechen konnte und ich zuletzt auch seinen Namen aus dem Bewusstsein verloren hatte. Mit diesem Mann, der mit 92 Jahren gestorben ist, hat die Sozialdemokratie wohl den letzten Menschen verloren, vor dem ich in dieser Partei mal Respekt hatte.

Zur Erläuterung: Ich trat 1983 bei den Jusos ein und 1987 wieder aus. Ich war politisch aktiv, weil ich unser Jugendzentrum in Freudenstadt verteidigen wollte und es auch irgendwie spannend fand, in der Politik mitzumischen. Das war in Freudenstadt – wo ich lebte – dann durchaus spannend. Ich kandidierte sogar für den Gemeinderat und war SPD-Mitglied.

Dabei lernte ich nicht nur Erhard Eppler einmal kennen – er wohnte nicht weit von meinem Elternhaus entfernt, in der Kleinstadt Dornstetten. (Als ich noch ein Kind war, gehörte es zu den Ritualen, zum Ostermontagsmarkt nach Dornstetten zu spazieren; das waren um die fünf Kilometer, nicht mehr.) Ich hatte großen Respekt vor ihm: Er war Minister gewesen und aus Überzeugung zurückgetreten, er hatte für die Sozialdemokratie viele grundsätzliche Gedanken entwickelt und hatte bei allen Diskussionen nie an Format verloren.

Ich bekam einige seiner Reden mit und fand diese stets beeindruckend. Seine Frau Irene, ein weiterer Sozialdemokrat und ich bildeten 1984 eine Arbeitsgruppe, die das Kreistagswahl der Partei entwickelte – da war ich extrem stolz auf mich selbst. Auch seine politischen Gegner hielten große Stücke auf Erhard Eppler, beispielsweise die konservativen Sozialdemokraten.

Warum er mich so faszinierte? Weil er es schaffte, das Soziale in der SPD hochzuhalten, ohne peinlich zu sein. Weil er intellektuell war, aber nicht abgehoben gegenüber den »einfachen Arbeitern«, die damals für die SPD standen. Weil er eine klare Meinung hatte, aber sich nicht zu schade war, in die Niederungen des Klein-Klein hinabzusteigen.

Schade, dass er gestorben ist. Ein soziales Gewissen mit diesem Format gibt es in dieser Partei leider kaum noch.

21 Oktober 2019

C hoch drei mal I

Jahre-, nein jahrzehntelang wusste ich nicht, wofür der Bandname C³i stand; ich nannte die Hamburger Punkband immer »C hoch drei mal I«, andere Leute sprachen von »C 3 I«, also hintereinander gesprochen. Tatsächlich handelt es sich um das Kürzel eines amerikanischen Militärprograms. Wikipedia sagt, es stehe für »Command, Control, Communications and Intelligence«, was ich glaubhaft finde.

Tatsache ist: Die Band aus Hamburg, die ich leider nie live sehen konnte, veröffentlichte nach ihrer Gründung im Jahr 1986 eine einzige Langspielplatte, die den schlichten Titel »Start« trug und die ich noch heute richtig gut finde. Dass die Band in den Zehner-Jahren des neuen Jahrhunderts wieder auftrat und Tonträger aufnahm, konnte damals keiner ahnen – 1986 bis 1988 war es durchaus üblich, dass man sich für zwei Jahre zusammentat und danach in anderen Bands weitermachte.

Auffallend ist der Gesang, der mit einer vergleichsweise hohen Stimmlage daher kommt. Arne Wagner war als Sänger immer wieder bei verschiedenen Bands tätig, unter anderem bei Noise Annoys, die später zumindest szene-populär wurden. Sein Gesang prägte die Stücke von C³i massiv und machte sie unverkenntbar.

Allerdings fielen sie auch musikalisch aus dem Rahmen. Die Band spielte weder den typischen Uffta-Uffta-Sound früher Deutschpunk-Tage, noch ließ sie sich vom Hardcore einfangen, der zu der Zeit in deutschen Landen zu blühen begann; die Stücke waren druckvoll und melodiös, hatten intelligente Texte in deutscher Sprache und blieben gut im Ohr.

Im Nachhinein würde ich sagen: Die Band war in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre das wohl beste, was in Sachen neuem Punkrock aus Hamburg kam. Und die Platte sollte man kennen; sie lohnt sich auch in der Neuzeit noch ...

Eine rasante Rock'n'Roll-Phantasie

Ich muss das wohl vorausschieben: Rennsport interessiert mich nicht. Ich finde Autorennen langweilig und konnte schon früher nichts mit Comics anfangen, die solche Rennen thematisieren.

Die vierteilige Comic-Serie »Streamliner« ist allerdings komplett anders: Sie ist spannend, sie ist unfassbar rasant geschrieben und gezeichnet, und die Charaktere sind richtig stark. Vielleicht mag ich die Serie aber auch deshalb, weil sie einige Schritte von der Realität entfernt ist und streng genommen zur Fantasy gezählt werden müsste.

Anfangs meint man als Leser ja, der Comic spielt in den USA. In einem Wüstengebiet, das ein wenig aussieht wie Arizona oder Nevada, gibt es eine Tankstelle, die ihre guten Zeiten schon lange hinter sich hat. Sie liegt direkt an der Route 666 – hier beginnt bereits der »phantastische Charakter« der Serie – und im Niemandsland, auf das die Regierung praktisch keinen Zugriff hat. Ein alter Mann, den alle nur als O'Neil kennen, bewirtschaftet die Tankstelle zusammen mit seiner hübschen Tochter Cristal.

Die gemütliche, wenngleich ärmliche Lage verändert sich schlagartig, als eine Bande von Desperados auftaucht, allesamt mit schwer aufgemotzten Autos. Sie wollen ausgerechnet in dieser Gegend ein Rennen veranstalten, bei dem es sicher auch Verletzte oder gar Tote geben wird. Der alte Mann und seine Tochter werden nicht groß gefragt; sie müssen erleben, wie sich ihre Gegend auf einmal mit anderen Rennsportverrückten bevölkert, wie die Medien auf alles aufmerksam werden und wie dann ein mörderisches Rennen durch die Wüste und einen engen Canyon veranstaltet wird.

Bis zu diesem Zeitpunkt klingt das Ganze ja wie eine Rennfahrergeschichte, die in den USA angesiedelt ist. Nach einiger Zeit wird aber klar, dass einiges nicht stimmen kann: Die vier Alben spielen in einem Land, in dem es einen fürchterlichen Krieg zwischen Nord und Süd gegeben hat, in dessen Verlauf ein Flugzeug in der Wüste notgelandet ist.

Eines der Besatzungsmitglieder ist der alte O'Neil gewesen, damals noch nicht so alt, der nach dem Frieden – um seinen gestorbenen Kameraden ein Andenken zu errichten – an genau der Stelle eine Tankstelle errichtet hat. Dazwischen ist er Rennfahrer, und damit schließen sich gleich mehrere Kreise.

Ich fand die vier »Streamliner«-Comics absolut großartig. Sie erschienen in den vergangenen Jahren in teilweise großen Abständen, man sollte sie tatsächlich aber am Stück lesen. Die Geschichte ist mitreißend erzählt, die Figuren sind ein wenig überdreht, wirken aber wie aus einem Tarantino-Film entsprungen: durchgeknallte Desperados, wahnwitzige Journalisten, eiskalte Regierungskiller und so weiter.

Fane ist ein Zeichner und Autor, der mir vom Namen her nicht bekannt war. Von ihm stammen diverse Motorrad-Comics, die ich in verschiedenen Zeitschriften wahrnehmen konnte. Man merkt, dass er die Szenerie kennt, über die er schreibt und zeichnet. Man riecht buchstäblich das Benzin, die qualmenden Reifen, den Schnaps und den Zigarettenqualm, man spürt das Adrenalin in der Luft.

»Streamliner« ist ein Comic, den ich allen empfehlen möchte, die Spaß an einer rasanten Geschichte haben. Sie ist stark gezeichnet und schnell erzählt – man kann sich ja die Leserproben auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages ansehen. Checkt das mal!

20 Oktober 2019

Wenn mir die Musik zu laut ist ...

Irgendwann in den Nuller-Jahren hatten wir – also die Redaktion, in der ich arbeite – die Idee, zur Frankfurter Buchmesse ein Galaktisches Forum zu veranstalten: für Autoren, Lektoren, Übersetzer und Verlagsangestellte aus dem Science-Fiction- und Fantasy-Umfeld. Wir organisierten das Ganze über gut zehn Jahre lang und hörten damit auf, als wir keinen eigenen Messestand mehr hatten.

Seit drei Jahren sind die Verlage Fischer Tor und Droemer Knaur für das Galaktische Forum verantwortlich, und ich freue mich jedes Jahr, eine Einladung zu erhalten. Deshalb steuerte ich nach der Buchmesse am Freitag, 18. Oktober, mein Auto in die Innenstadt, stellte es dort nach 19 Uhr und damit geldsparend – Nachttarif: drei Euro – ins Westend-Parkhaus.

Von dort spazierte ich durch Straßen, die in der Nacht aussahen wie in irgendwelchen Gangster-Filmen, zum Bahnhof, aß dort eine Kleinigkeit und spazierte zurück. Ich nahm einen anderen Weg und erhielt so einen weiteren spannenden Einblick in die Seitenstraßen des Frankfurter Bahnhofsviertels.

Das Galaktische Forum fand im »25 hours hotel« statt; angesichts der Stundenhotels in der direkten Nachbarschaft ist das ein doch eher witziger Name. (Mir ist schon bewusst, dass das eine Kette ist, und ich nächtigte einmal in einem schicken »25 hours hotel« in Hamburg.) Es ging eine Treppe hinunter, wo ein Partyraum dazu diente, die Besucher zu empfangen.

Ich unterhielt mich ganz gut, ich trank ein Bier, dann drehte irgendjemand die Musik auf, es dröhnte grausiger Dance-Sound aus den Boxen. Ich brüllte eine halbe Stunde lang irgendwelche Leute an, weil man sich nur noch schreiend und brüllend verständigen konnte, stieg irgendwann genervt und stocküchtern die Treppe hoch und fand im Foyer des Hotels eine Gruppe von Autorinnen und Autoren. Zu denen setzte ich mich.

Vom Galaktischen Forum bekam ich so gar nichts mehr mit, ich ersparte mir aber so Musik, die ich hasste und die so laut gespielt wurde, dass ich mich nicht verständigen konnte. In der Runde war es nett, wir redeten über alle möglichen Themen, wir lachten, und gegen 23 Uhr – also gut zwei Stunden früher als geplant – verließ ich das Hotel und die Stadt.

(Damit es klar ist: Viele Leute hatten wohl ihren Spaß bei der Musik. Ich halt nicht. Das einzig Coole war der Antifa-Aufkleber im Männer-Klo.)

18 Oktober 2019

Die großen Buchmesse-Themen 2019

Auch wenn Norwegen das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist, habe ich davon noch nichts mitbekommen. Zumindest nicht »vor Ort«; in den Fachzeitschriften steht genug davon, und auch darüber hinaus bekam ich das Thema nicht. Wenn schon mal eine Prinzessin im Sonderzug anreist, geht das nicht einmal an mir vorüber.

Das wichtigste Thema, über das die Menschen auf der Buchmesse sprechen, ist der Verkehr. »Ich weiß nicht, ob ich in dem Zug nach Hamburg überhaupt noch einen Platz bekomme«, sagt der Kollege aus einem anderen Verlag, der seinen Kram packt und eigentlich heimfahren möchte. Er ist nur einer von mehreren, die über schlechte Verbindungen, ausgefallene Züge und gesperrte Waggons berichten.

Skurril ist es wie immer, anderen Menschen zuzuhören. Autorinnen und Autoren beispielsweise, die über ihre neuen Bücher sprechen. »Dein Buch ist sooooo cool.« Oder Ehepaare, die sich streiten: »Ich will jetzt aber zur Currywurst.« – »Dann gehe ich allein zur Lesung.«

Generell gilt: Man fährt zur Buchmesse, um sich zu unterhalten. Das geschieht meist in sogenannten Fachgesprächen, häufig aber durch Zuhören. Warum gibt es eigentlich keine Netflix-Serie über den nervenzerfetzenden Alltag von Buchverkäufern oder Metadatenerstellerinnen?

17 Oktober 2019

Taxis sind angeblich schneller

Ich wollte es in diesem Jahr besonders schlau machen, gestählt durch schlechte Erfahrungen mit der Straßenbahn in Karlsruhe, und ohne Stress mit der Bahn zur Buchmesse fahren. (Wer einmal einen Zug verpasst hat, weil die Bahn völlig unmotiviert eine Viertelstunde am Kolpingplatz herumgestanden hat, dürfte mich verstehen.) Entweder wollte ich mit dem Rad zum Bahnhof fahren, oder ich würde das Taxi nehmen.

Am Donnerstagmorgen regnete es. Das war keine gute Voraussetzung für eine Radtour quer durch die Stadt, mit einem Anzug am Körper und einem Notebook in der Tasche. Also rief ich in der Taxi-Zentrale an und bestellte zeitig ein Taxi.

»Ist in zehn Minuten da«, versprach die freundliche Dame am Telefon. Das war genau halb acht Uhr; der Zug sollte um acht Uhr gehen – da konnte also nichts schiefgehen.

Um halb acht Uhr stand ich auf der Straße. Es vergingen fünf Minuten, dann zehn Minuten. In der Zeit hätte ich schon einen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen können. Es regnete auch nicht mehr.

Dann kam das Taxi; der Fahrer hatte die »falsche Ecke« des Platzes angesteuert. Offensichtlich reichen die Angabe einer Hausnummer und der kreuzenden Querstraße nicht mehr aus. Immerhin wusste der Fahrer die Strecke, und so quälten wir uns durch den Verkehr.

Bei jedem Halt sagte ich dem Fahrer, ich bräuchte eine Quittung. Er sage immer »kein Problem«. Als wir am Bahnhof ankamen, stellte sich heraus, dass er keinen Stift hatte, um die Quittung auszustellen. Ich bezahlte, verzichtete auf die Quittung und rannte los.

Es reichte gerade so. Ich verpasste den Zug nicht, musste aber doch ein wenig durch den Bahnhof rennen. Und nahm mir vor, beim nächsten Mal doch mit dem Rad zu fahren.

16 Oktober 2019

Peter und der Tag danach

Die Ausgabe 146 des OX-Fanzines ist erschienen, und wieder ist eine Folge meines aktuellen Fortsetzungsromans darin abgedruckt worden. Es geht also immer noch flott voran. Diesmal endet eine Nacht, und der Held meines Romans muss sich damit auseinandersetzen, dass irgendwie eine Frau in sein Leben und seine Gedanken getreten ist – wie auch immer er die bisherige Begegnung beurteilen mag.

In der aktuellen Folge erzähle ich von Gesprächen im Morgengrauen und dem Arbeitstag nach einer sehr kurzen und vor allem alkoholgetränkten Nacht. Und ich deute an, dass Peter Pank dann einen neuen wichtigen Entschluss fällt, den er hoffentlich auch bald umsetzt.

Das wiederum ist dann Thema in der Folge 22 von »Der gute Geist des Rock'n'Roll«. Mit diesem Teil habe ich bereits angefangen, ein Teil des Textes steht bereits. Ich bin sicher, dass man sich in der OX-Redaktion freuen würde, wenn ich nicht auf dem allerletzten Drücker liefern könnte …

15 Oktober 2019

Unten, und vergessen

Eine phantastische Kurzgeschichte

Das große Tor öffnet sich, leise knirschend; ein Mann tritt langsam, ja, behutsam über die Schwelle. Er blinzelt kurz und hebt die Hand, als wolle er grüßen, irgendjemanden. Blass leuchtet ihm der Morgen entgegen, die Sonne erbricht ein wenig Licht ins Grau. Kleine Wellen laufen sich am feinen Sandstrand tot, und eine Möwe krächzt einen müden, rasch verebbenden Trauermarsch über die kleinen Schaumkronen. Es ist kalt.

Der Mann dreht sich um, wagt einen letzten Blick. Das Tor ist geschlossen, Stahl gegen Stahl und Stein gegen Stein und dazu ein bisschen Glas. Es glitzert, Licht tanzt auf feinen Beschlägen wie kleine Engel in der Nacht.

Er hüllt sich in seinen Mantel und geht auf den Strand zu; fröstelnd. Wind zersaust dünnes, blondes Haar, das bis in den Nacken fällt. Sein übriggebliebenes rechtes Auge tränt leicht, seine Lippen schmecken die Salzkristalle, die auf ihnen zerschmelzen. Kleine Tiere fliehen vor ihm, Käfer und Strandläufer, verstecken sich hinter Sandkörnern. Selbst sie scheinen zu fliehen, vom Wind getrieben.

Weint er? Die Möwe krächzt ein weiteres Mal und fliegt aufs Meer hinaus; direkt auf die blasse Morgensonne zu. Immer weiter. Irgendwann wird sie kraftlos ins Meer fallen und ertrinken. Und dabei wird sie vielleicht verwundert nach dem Warum fragen. In einigen Stunden.

Wasser umspült die Zehen des Mannes. Es ist nicht kalt, und es ist nicht warm, es kräuselt sich nur sachte. Er empfindet das Wasser als angenehm.

Er wünscht sich einen Bogen und drei Pfeile. Mit diesen könnte er die Sonne abschießen. Dann wäre alles gut. Wirklich alles. Beim Gedanken daran muss er lachen. Es klingt schrecklich hohl, und hinterher fließen nur weitere Tränen; das schmerzt erneut.

Locker baumeln die Hände. Ein starker Windstoß zerrt an seinem Mantel. Er lässt los, der Wind reißt und zieht, und dann fliegt der Mantel davon. Der Mann dreht sich nicht nach ihm um.

Jetzt ist er nackt. Und fröstelt noch mehr. Kalt ist es. Das Wasser empfindet er immer noch als angenehm, während er Schritt um Schritt vorwärts geht. Er weint.

Das heisere Lachen, das er hinter sich hört, ignoriert er. Auch das kreischende Geräusch, wenn Metall über Metall schleift. Das Wasser steigt ihm über die Hüften. Das Lachen endet abrupt mit einem Gurgeln. Dann kreischt wieder Metall über Metall.

Das Wasser scheint sich rot zu färben, der Gipfel eines schroffen Berges reckt sich der Sonne entgegen. Das Wasser hat den Hals des Mannes erreicht, er beugt sich nach vorne und nimmt einen Schluck. Nur einen. Lässt das Wasser auf der Zunge. Erst nach einem Moment schluckt er endgültig. Da schlägt auch schon das Wasser über ihm zusammen.

Jetzt ist er am Ziel. Die Frau, die ihm entgegen kommt, ebenfalls. Sie lächelt ihn an. Aus dem übriggebliebenen linken Auge. Verführerisch wirkt es. Ihr Mantel löst sich von ihren Schultern, rutscht langsam über die Hüften.

»Ich hörte den Schrei des Vergessens«, sagt sie leise, mit einem wehmütigen Lächeln in den Mundwinkeln.

Auch er lächelt jetzt, ähnlich. »Ich sah einen schwarzgekleideten Mann in einem dunkelroten Boot«, sagt er. »Und der See glänzte wie ein Spiegel.«

Sie schlingt die Arme um ihn. »Dann ist ja alles gut«, murmelt sie. Gibt ihm einen Kuss auf die Lippen. Er schmeckt das Salz. Sie verschmelzen miteinander.

Irgendwo krächzt die Möwe. Ein letztes Mal.



Nachbemerkt:

Die Geschichte »unten, und vergessen« schrieb ich bereits am 16. September 1984, in dieser Zeit zwischen dem Abitur und meiner Zeit bei der Bundeswehr, in der ich viel unterwegs war – per Anhalter – und nicht so richtig wusste, wie ich mein weiteres Leben gestalten sollte. Da hatte ich offenbar dann auch ein Interesse daran, Geschichten zu verfassen, die düster und kurz waren. Zu dieser Zeit entstanden zudem viele Gedichte.

Die Kurzgeschichte ging unter, ich vergaß sie. Am 30. Oktober 1993 griff ich sie auf und tippte sie mit meinem Computer ab. Am 27. September 2003 wurde sie auf die neue Rechtschreibung umgestellt; seither habe ich sie nicht weiter verändert.

14 Oktober 2019

Die Abrafaxe und das Ministerium

Ich lese seit Jahrzehnten das Comic-Heft »Mosaik«, kannte es schon zu den Zeiten, als es noch »nur« in der DDR zu haben war, und abonnierte es, als man es im vereinten Deutschland beziehen konnte. Ich mag die Comics mit den drei witzigen Hauptfiguren, auch wenn ich für die eigentliche Zielgruppe ein wenig zu alt bin: Streng genommen ist »Mosaik« ein Heft für Kinder.

Zuletzt las ich »Die Schokoladen-Expedition«, ein Heft, das außerhalb der normalen Reihe erscheint und trotzdem aussieht wie ein normales »Mosaik«-Heft: vorne eine Geschichte, hinten viele ergänzende Informationen, kindgerecht aufbereitet durch Grafiken und Texte. Letztlich ist es ein Informations-Comic, der davon erzählt, wie Schokolade angebaut, vertrieben und letztlich hergestellt wird.

Die drei Abrafaxe kommen nämlich nach Westrafrika, wo sie auf eine Familie stoßen, die im Wald lebt. Die Kinder gehen nicht zur Schule, sondern helfen ihren Eltern bei der Arbeit; die Preise für den Kakao wechseln, ohne dass die Bauern etwas machen können. Bei manchen Bauern werden Kinder als Sklaven gehalten. Die Abrafaxe sind gebührend entsetzt und helfen – zusammen mit einer pfiffigen Frau – den Leuten.

(Man könnte jetzt sicher kritisch anmerken, dass jetzt ausgerechnet drei Weiße den Afrikanern zeigen, wie man sich wehrt. Aber gut, es sind die Abrafaxe ... die dürfen das. Die eigentliche Hauptfigur, die sehr fit wirkt und auch engagiert vorgeht, ist ohnehin Nadege, eine junge und gebildete Frau, die mit dem Motorrad durch die Gegend fährt, die auch einen starken Angreifer besiegen kann und politische Inhalte vermittelt. Passt also schon.)

Dass »Mosaik« und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Kooperation eingegangen sind, finde ich gut. Mithilfe eines Comics, der sich an Kinder richtet, meinetwegen auch an Jugendliche, wird über ein ernsthaftes Thema informiert, aber eben so, dass Kinder es verstehen werden und auch unterhaltsam finden dürften.

Tatsächlich können Leute, die sich für das Thema interessieren, das Heft kostenlos beim Ministerium erhalten, sogar in »Klassensätzen«. Das halte ich für eine gute Idee – politische Bildung zu einem sensiblen Thema, die sich direkt an Kinder richtet!

13 Oktober 2019

Volker in der »Rheinpfalz«

Dass das wirklich gelungene »Totengräbers Tagebuch« immer weitere Kreise zieht, finde ich hervorragend. Das Thema scheint die Leute zu interessieren und zu faszinieren. Ich wurde schon von Bekannten darauf angesprochen, die darüber in Zeitungen gelesen hatten – das ist natürlich hervorragend. Am vergangenen Wochenende schrieb auch die »Rheinpfalz« einen großen Artikel darüber.

Volker Langenbein wird schön porträtiert, auf das Buch geht der Artikel ebenso ausführlich ein. Erwähnt wird ebenso meine Mithilfe, was mir sehr schmeichelt. Ein insgesamt gelungener Artikel ist so entstanden, der dem Buch hoffentlich neue Leser bringen wird. (Es ist ein gutes Thema, das immer mehr Menschen interessiert, wie ich bei vielen Gesprächen gemerkt habe.)

11 Oktober 2019

Ein Tanzabend mit Stereo Total

Die Musik von Stereo Total kann ich nicht immer hören, aber ich mag sie seit den 90er-Jahren. Manchmal ist die schräge Mischung aus Elektropop, Schlagergesang mit französischem Gesang und gelegentlichen Punk-Einlagen richtig klasse, manchmal finde ich sie anstrengend. Aber ich freute mich sehr auf das Konzert, zu dem die Band am Donnerstag, 10. Oktober 2019, ins »P 8« nach Karlsruhe kam.

Der Club war gerammelt voll, was angesichts des kleinen Raumes recht schnell geht; ich nehme an, dass an die 200 Leute anwesend waren. Gut die Hälfte kannte ich oder kam mir bekannt vor: Leute, die seit den 90er-Jahren immer wieder meinen Weg kreuzen, die ich aus besetzten Häusern, von Punk-Konzerten oder von der »Katakombe« her kannte. Die andere Hälfte waren junge Leute, die im Verlauf des Konzertes vor allem den tanzwütigen Mob in den ersten Reihen bildeten.

Francoise Cactus und Brezel Göring betraten kurz nach 21 Uhr die Bühne und legten ohne viel Trara los. Sie spielten viele Stücke der früheren Platten, aber auch Lieder, die ich nicht kannte. Von Anfang kam gute Stimmung auf, die Leute tanzten. (Am Ende gab es wohl niemanden in dem Club, der sich nicht zur Musik bewegte. Auch ich war leicht verschwitzt.)

Großes Gejohle gab's, wenn alte Hits wie »Liebe zu dritt« gespielt wurden. Zwischendurch kamen witzige Ansagen von der Bühne, am Ende wurden junge Frauen aus der ersten Reihe zum Tanzen auf die Bühne gebeten, die dann auch sichtlich Spaß daran hatten.

Mir gefiel, wenn die Gitarre mal »dreckig« klang, was dem Elektro-Sound eine punkige Note verlieh, und wenn die Stücke schneller losgebolzt wurden. Bei solchen Stücken war die Band fast schon punkig.

Am Ende servierte das Duo auf der Bühne noch einige Zugaben, das Publikum dankte mit lange anhaltendem Applaus. Ich trank abschließend das eine oder andere Bier, verschwatzte mich völlig an der Theke und kam – welche Überraschung! – dann doch nicht so früh nach Hause, wie ich das eigentlich geplant hatte. Großartiger Abend!

10 Oktober 2019

Die wirkliche Nummer eins

Nachdem ich unlängst – gegen meinen Willen – die »falsche« Erstausgabe des »Fandom Observer« in meinem Blog vorgestellt habe, möchte ich heute mit der offiziellen und »echten« Ausgabe nachziehen. Diese wurde im April 1989 veröffentlicht und lieferte vor allem mehrere Seiten mit Fanzine-Besprechungen; es ist schon erstaunlich, wie viele Blätter damals veröffentlicht wurden.

Von mir wird eine Rede abgedruckt, die ich auf dem FreuCon gehalten hatte. Sie trägt den Titel »Die Misere der deutschen Cons« und legt nahe, was man alles tun müsse, um einen Con erfolgreich zu veranstalten. (Im April 1992 musste ich dann meine eigene Rede im Kongresszentrum Freudenstadt in die Tat umsetzen, und insgesamt waren knapp 800 Menschen aus zwanzig Ländern anwesend.)

Dazu kommen Buchbesprechungen und Informationen, ein Blick auf die Szene in der DDR – was damals sehr spannend war – und ein Blick auf den Versuch, mit der Zeitschrift »Space« ein Science-Fiction-Magazin an den Kiosk zu bringen. Das Layout des Fanzines war eher schlicht, das Schriftbild schwach, und niemand glaubte damals wohl, dass es so lange Bestand haben würde.

Vieles von dem, was an internem Hickhack in dem Heft steht, ist mir heute unverständlich. Es sind eben doch dreißig Jahre seit damals vergangen. Und viele Kränkungen und Streitereien wirken über den Abstand der Jahrzehnte hinweg eher albern …