Das Telefon klingelte. Einmal, zweimal. Murrend wälzte sich Rainer auf die andere Seite. Nicht einmal am Samstag ließ man ihn ausschlafen.
Das Telefon läutete ein drittes Mal. Rainer hatte das Gefühl, nichts gegen die Hartnäckigkeit des Anrufers machen zu können. Er schlug die Decke zurück, stand auf, ging nackt – er hatte am Abend vorher ein heißes Bad genommen, was seine Trägheit erklären mochte – in das Arbeitszimmer seiner Zweizimmer-Wohnung. Neben das Telefon kauerte er sich auf den Fußboden, nahm den Hörer ab.
»Hier Rainer Norden«, meldete er sich.
»Wer ist bitte dran?« Eine Frauenstimme. Warm klang sie, leicht vibrierend.
»Hier spricht Rainer Norden«, wiederholte er, dieses Mal mit etwas mehr Betonung.
Am anderen Ende wurde kurz gelacht. »Oh, das kann nicht sein«, sagte die Frau. Der Stimme nach zu urteilen, musste sie Ende zwanzig sein. »Wo wohnen Sie denn?«, fragte sie.
»In Fellbach bei Stuttgart.«
Sie lachte erneut. »Das ist natürlich ganz falsch. Ich hoffe, ich habe Sie jetzt nicht aus dem Bett geworfen.«
»Doch. Aber ...«
»Oh, tut mir leid«, unterbrach sie ihn. »Dann müssen Sie Ihren Schlaf gleich nachholen. Wiederhören!«
»Halt!«, rief Rainer, bevor sie auflegen konnte. Die Stimme faszinierte ihn, wie er plötzlich feststellte, und er wollte sie weiter hören. »Warten Sie doch!«
»Was ist denn?«
Kurz war Rainer verlegen. Was nun? »Das macht gar nichts aus«, sagte er hektisch. »Dass Sie mich geweckt haben, meine ich.«
Die Stimme am anderen Ende klang äußerst amüsiert. »Warum? Müssen Sie etwa gleich arbeiten?«
»Samstags doch nicht.«
»Oder freuen Sie sich, dass Sie am frühen Morgen von einer Unbekannten angerufen werden?«
Die Hilfestellung kam zum rechten Moment. »Genau«, versetzte Rainer, »ganz genau.« Er merkte, wie ihn eine unerklärliche Spannung durchflutete. »Ich plaudere gerne mit netten Frauen«, behauptete er trocken.
»Und ich gerne mit netten Männern.« Wieder dieses Lachen. »Auch wenn das Ganze ein Zufall ist. Aber ich habe leider wenig Zeit.«
»Dann lassen Sie mir Ihre Nummer«, bat Rainer. »Ich rufe Sie zurück.«
»Keine Chance. Außerdem: Was soll da Ihre Frau dazu sagen?«
»Ich bin nicht verheiratet. In festen Händen allerdings trotzdem, wie man so schön sagt. Also geben Sie mir schon Ihre Nummer.«
»Wie ich schon sagte: keine Chance. Wenn Sie mir aber Ihre Nummer geben, kann ich Sie wieder anrufen, wenn ich zurück bin. Dann können wir weiterplaudern.«
Rainer stimmte zu – die einzige Chance, die Stimme der Unbekannten noch einmal zu hören. Er gab ihr seine Nummer, sie verabschiedete sich, er legte auf.
Dann ging er wieder ins Bett. Die Stimme ging ihm nicht aus dem Kopf, sie beschäftigte ihn. Eine Frau, Ende der zwanzig vielleicht. Schwer zu schätzen. Sicher humorvoll. Keine Spur von Dialekt zu vernehmen, lupenreines Hochdeutsch. Das hatte aber nichts zu sagen, seit immer mehr Norddeutsche in die Umgebung von Stuttgart zogen. Gehobener Sprachstil, analysierte er weiter. Wer war sie?
Als das Telefon erneut klingelte, wachte er auf. War er doch glatt eingeschlafen! Dieses Mal sprang er aus dem Bett, eilte an den Apparat.
»Rainer Norden«, meldete er sich wieder.
»Na endlich.« Sie klang immer noch amüsiert. »Ich dachte schon, Sie seien wieder eingeschlafen ...«
Diesem Gespräch folgten weitere. Immer wieder rief Irene – nach dem dritten Anruf hatte sie immerhin dieses Geheimnis gelüftet – bei Rainer an. Meist vereinbarten sie vorher den Termin des nächsten Gesprächs, damit es seine Freundin bei ihren Besuchen nicht mitbekam.
Die Gespräche waren immer amüsant und geistreich. Rainer genoss sie, er liebte den offenen, frechen Schlagabtausch, der nie unter die Gürtellinie ging. Sie unterhielten sich über alles, buchstäblich über Gott und die Welt, über Politik und Natur ebenso wie über seine Beziehungen zu Frauen.
Wollte er aber an diesem Punkt einhaken und mehr über Irene herausfinden, stieß er auf Granit. Die Frau wollte über sich nichts verraten. Weder rückte sie mit ihrem Nachnamen heraus, noch wollte sie sagen, aus welcher Stadt oder aus welchem Dorf sie anrief. Und natürlich sagte sie ihm auch nie, wie er sie erreichen konnte.
Sein altmodisches Festnetztelefon hatte kein Display, auf dem er er ihre Nummer erkennen konnte. Nicht, dass das etwas genutzt hätte, wenn sie von einem Mobiltelefon anrief.
Es war eine Einweg-Kommunikation: Sie wusste mehr über ihn als er über sie, auch über seine Eigenarten. Rainer wusste nichts über Irene, fast nichts zumindest. Ein bisschen über ihre Kindheit hatte sie erzählt, vom Leben im Sauerland, mehr nicht. Nicht mal die Angabe eines Geburtsorts war dabei.
Sie reizte ihn. Ihre Stimme machte ihn verrückt, brachte ihm immer wieder diese erotische Spannung, die er gleich beim ersten Mal verspürt hatte, als er nackt neben dem Telefon kauerte. Er wollte sie sehen, wollte sie vielleicht sogar berühren.
Nein, verliebt war er in sie nicht, dazu war Irene zu anonym. Aber sie reizte ihn. Das alles machte ihn neugierig auf diese Frau, von der er nur die Stimme kannte.
Längst duzten sie sich, ihr Verhältnis wurde offener und noch lockerer. Und Rainer zermarterte sein Gehirn, wie er es vielleicht schaffen konnte, sie kennenzulernen. Eine Fangschaltung installieren, damit er ihren Anschluss auf diesem Weg herausbekam? Unsinn. Dazu bräuchte er die Polizei, soweit er informiert war.
Er wusste nicht, was er machen sollte.
Das Telefon klingelte. »Wer kann das denn sein?«, fragte Tanja, die bei ihm übernachtet hatte. Sie frühstückten gerade.
»Keine Ahnung.« Rainer hob die Schultern, ging aber trotzdem sofort in sein Büro. Er nahm den Hörer ab.
»Ich bin's, Irene«, hörte er die Stimme, bevor er selbst etwas sagen konnte.
Rainer war irritiert. Sie hatte ihn nie angerufen, wenn Tanja anwesend war. Sie wolle keine Komplikationen, hatte Irene immer wieder versichert.
»Was ist?«, fragte er.
»Keine Sorge.« Irenes Stimme klang hektisch, als habe sie sehr wenig Zeit. »Das ist mein letzter Anruf. Ich dachte nicht, dass es schon so schnell aus sein würde.«
»Was ist denn?«
»Ich kann es dir nicht sagen. Nur soviel: Es hat mich gefreut, dich kennengelernt zu haben. Du hast mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben.« Sie legte auf.
Verunsichert hockte Rainer neben dem Telefon, den Hörer in der Hand.
»Wer war das?« Tanja stand in der Tür. Sie lächelte ihn an. »Eine Frau?«, spottete sie.
»Ja.« Hilflos schaute Rainer sie an. »Eine Frau.«
»Und?« Das Lächeln blieb. Sonst liebte er es, aber in diesem Augenblick spürte er, dass es ihm auf die Nerven gehen konnte.
»Ich glaube, sie hatte sich nur verwählt.«
(Die Geschichte entstand wohl zu Beginn der 90er-Jahre, abgespeichert auf meinem Rechner wurde sie 1994. Sie wurde meines Wissens nie publiziert, weil ich sie auch nie für eine Publikation eingereicht hatte. Für diese Veröffentlichung habe ich sie leicht bearbeitet und auf neue Rechtschreibung umgestellt. Anachronismen bei der Telefonverbindung – an Handys dachte damals niemand – habe ich versucht, schonend zu beseitigen, ohne damit die Geschichte zu zerstören.)
Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
20 Juli 2026
Ein Anruf am Morgen
29 Juni 2026
Reden wie ein Känguru
Ich habe das vierte Buch der Reihe von Marc-Uwe Klingt eher schlecht gefunden, ein Absturz nach dem dritten Buch, das mir schon nicht mehr gefallen hat. Deshalb habe ich bislang um den aktuellen Roman einen großen Bogen gemacht.
Meine Bekannte möchte ohnehin auf ein anderes Thema hinaus. »Wenn das Känguru spricht, erinnert mich das immer an dich«, sagt sie grinsend. »Die gleiche Art der Argumentation, der gleiche Spott über die Regierung und über die Mächtigen.«
Ich bin mir nicht sicher, wie ich diese Aussage einzuordnen habe. Ist das eine Kritik an mir oder ein halb verborgenes Kompliment? Wird mir unterstellt, meine Argumente aus einem politischen Humorbuch zu klauen?
»Früher hätte ich gesagt, dass der Autor und ich halt den gleichen Leuten bei Twitter folgen«, versuche ich es ein bisschen lahm. Twitter hat keine Relevanz mehr, und das wissen alle.
»Ist ja auch egal«, sagt meine Bekannte, die sich offenbar über meinen verlegenen Gesichtsausdruck amüsiert. »Ich höre ja eh das Hörbuch, das ist ja nicht deine Stimme, und es klingt eher berlinerisch als schwäbisch. Es ist halt die Art der Argumentation.«
Wir wechseln das Thema, und ich bin froh. Und ich rätsle noch Stunden später darüber, was diese Aussage nun wirklich zu bedeuten hat. Ich werde das Buch nun doch lesen müssen ...
19 Juni 2026
Im Gitterkäfig der Minis
Während ich noch versuchte, alles vernünftig zu befestigen, hörte ich plötzlich die Stimme, die von der Seite erklang. »Hallo! Hallo!«, sagte sie. Da sich die Stimme nach einem kleinen Kind anhörte, ignorierte ich die zwei Wörter. Irgendwo wird ja eine Mutter oder ein Vater sein, dachte ich; um Kinder brauchte ich mich nicht zu kümmern.
Doch die Stimme erklang erneut. Das »Hallo! Hallo!« ertönte praktisch direkt neben mir. Ich richtete mich auf, mein Schloss hatte ich mittlerweile an der passenden Stelle befestigt.
Neben dem Fahrradständer erstreckte sich ein Spielplatz, der eigentlich aus zwei Teilen bestand. Der größere Teil war für die Kinder, die schon schaukeln und ein wenig turnen konnten. Aber es gab eine Art Gitterkäfig für die Kleinen, eine Fläche aus Sand, die mit einem Zaun aus stabilem Draht umgeben war, vielleicht einen halben Meter hoch. Wer älter als sieben Jahre war, konnte problemlos darüber klettern, die »Minis« waren damit überfordert.
Neben mir stand einer der Kleinen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, konnte ich nicht erkennen. Das Kind war vielleicht drei Jahre alt, höchstes vier, und trug einen Overall. Als es bemerkte, dass ich es anschaute, hob es beide Hände, grinste breit und zeigte mir die Mittelfinger.
Es sah nicht aggressiv aus, eher putzig; das Kind war klein und noch nicht in der Lage, einen stramm emporgereckten Mittelfinger zu zeigen. Die Fäuste waren putzig, der Mittelfinger wirkte ein wenig krumm. Aber die Geste war eindeutig.
Kurz sah ich mich um. Galt das mir? Wo waren die Eltern? Ich sah keine Aufsichtsperson. Die Erwachsenen, die in der Umgebung des Käfigs saßen oder standen, unterhielten sich oder guckten angestrengt auf ihr Smartphone.
Achselzuckend wandte ich mich ab und fixierte mein Schloss endgültig. Das galt wohl nicht mir.
Da ertönte die Stimme wieder. »Hallo! Hallo!«, sagte das Kind.
Reflexhaft ruckte ich zur Seite und blickte auf das Kind hinunter. Es stand direkt am Gitter, schaute mich an und zeigte mir mit einem leichten Grinsen wieder beide Stinkefinger.
Da konnte ich nicht mehr. Ich lachte los und schüttelte den Kopf. Wo hatte der oder die Kleine das denn her? Kopfschüttelnd verließ ich den Fahrradstände und ging zu dem Gebäude, in dem ich trainieren wollte. Das war dann doch wichtiger …
08 Juni 2026
Allerlei zu Weinen
Der Kellner sah mich verwirrt an. »Doch«, sagte er.
Ich zeigte auf die Getränkekarte. »Hier stehen aber keine Weine.« Wir saßen im Biergarten eines Lokals in Karlsruhe, das ich schon immer für seinen schönen Biergarten schätzte, in dem ich aber seit gut 15 Jahren nicht mehr war – obwohl ich durchschnittlich fünfmal in der Woche daran vorbeiradelte.
Der Kellner lächelte. »Die Weine, die wir als Schorle anbieten, die gibt es natürlich auch so.«
»Das leuchtet ein.« Die Sonne schien, ich war bester Laune. »Aber wenn Sie eine Weißweinschorle anbieten, weiß ich ja immer noch nicht, welchen Wein Sie haben.«
Der Kellner nickte. »Ach so. Sie wollen wissen, welche Sorte Weißwein wir haben.« Er zückte sein digitales Gerät, mit dem er die Bestellungen aufnahm, und las ab. »Wir haben Riesling, Chardonnay, Weißburgunder, Grauburgunder, Lugana und Pinot Grigio.« Den »Grigio« sprach er mit hartem »g« aus; ich hatte es also mit einem echten Fachmann zu tun.
Seine Aussage nutzte mir wenig; nicht jeder Riesling schmeckte gleich, nicht jeder Chardonnay. »Welchen Riesling haben Sie denn?«, fragte ich vorsichtig nach.
Er sah mich verwirrt an, dann strahlte er. »Ah, Sie meinen, welche Marke wir führen?« Er guckte wieder auf sein digitales Gerät, dann schüttelte er den Kopf. »Das kann ich hier nicht sehen. Ich werde innen an der Bar fragen, und wenn ich wieder bei Ihnen bin, kann ich es Ihnen sagen.«
Ich winkte ab. »Nein, das brauchen Sie nicht. Bringen Sie mir einfach ein alkoholfreies Weizenbier; das ist bei diesen Temperaturen immer gut.«
Und das war dann gut so …
11 März 2026
Schwabenkinder
Meine Schwester und ich gelobten, uns anständig zu verhalten. Wir blieben im Flur stehen und sahen zu, wie unsere Mutter das Haus verließ. Sie eilte zur Bushaltestelle, wo sie mit in den Bus steigen und mit diesem zur Arbeit fahren wollte. An mehreren Tagen in der Woche arbeitete sie als Putzfrau in einer Firma in der Stadt. Dort würde sie später mein Vater abholen, wenn er endlich Feierabend in der Fabrik hatte; dann wollten die beiden noch einiges einkaufen, bevor sie wieder nach Hause kamen.
Dann grinsten wir uns an. »Zerhacken wir den Schnee?«, fragte ich.
»Na klar«, gab sie zurück.
Wir waren Grundschüler und liebten den Winter in unserem Schwarzwalddorf. Wenn viel Schnee lag und es kalt war, empfanden wir die Luft als frisch, und es gehörte zu unseren großen Freuden in diesem Winter, Schneehäuser zu bauen oder unseren Eltern beim Schippen zu helfen. Manchmal schneite es so stark, dass wir, nachdem wir an der einen Ecke des Hofes fertig waren, wieder von Neuem anfangen konnten. Wenn es schneite, zogen wir mit dem Schlitten los, um irgendwo einen Hang hinunterzurutschen, oder wir lieferten uns Schneeballschlachten mit anderen Kindern aus dem Dorf.
An diesem Tag schien die Sonne, ein typischer Tag im Februar. Es war kalt, die Temperaturen lagen unter dem Gefrierpunkt, also zogen wir uns warm an. Mit Schals und Mützen und Fäustlingen gingen wir auf die Straße. Meine Schwester trug eine Hacke, ich eine Schaufel. Die Berge von Schnee, die meine Eltern beim Schippen aufgetürmt hatten, waren an manchen Stellen über eineinhalb Meter hoch, deutlich größer als wir.
Ohne uns abzusprechen, fanden wir schnell eine Arbeitsaufteilung: Ich war größer als meine Schwester, also schaufelte ich den Schnee vom Haufen herunter und schleuderte ihn mit Schwung auf die Straße. Dabei versuchte ich, sie nicht mit der schweren Ladung zu treffen. Sie jubelte jedes Mal vor Begeisterung und stürzte sich mit der Gartenhacke auf den Schneeklumpen, zerlegte ihn in kleinere Stücke, die sie dann quer über den Asphalt schleuderte.
Als eine gut gekleidete Frau die Straße herunterkam, hielten wir inne. Wir wollten sie nicht versehentlich mit einem Schneeklumpen treffen. Wir kannten sie nicht, aber dass sie nicht aus dem Dorf kam, sahen wir sofort. Sie trug einen eleganten Mantel und Stiefel, die in der Sonne glänzten. Zudem war sie auffallend geschminkt; meine Mutter hätte sie »eine Angeschmierte« genannt.
»Was tut ihr da?«, sprach sie uns in lupenreinem Hochdeutsch an. Sie war deutlich größer als wir und brachte es fertig, von einer unglaublich hohen Warte zu uns herunterzusprechen.
»Wir zerhacken den Schnee«, sagte ich nüchtern. Es klang wahrscheinlich wie »Miar vohacka dän Schnai«; wir Dorfkinder konnten praktisch kein Hochdeutsch.
Sie starrte mich an wie ein Insekt. »Wie bitte?«
Ich versuchte, mich verständlicher auszudrücken. »Wir machen die Schneeberge kleiner«, sagte ich langsam und so deutlich, wie ich konnte. »Wenn die Schneebrocken auf dem Asphalt liegen, schmelzen sie, und dann ist der Schnee weg.« Ich zeigte auf einen Klumpen, von dem ein breiter Streifen Wasser weglief.
»Und welchen Sinn hat das?«
Verwirrt starrte ich die Frau an. Wieso wusste sie das nicht? Jedem Kleinkind im Dorf war klar, warum man den Schnee zerhackte, sobald die Sonne schien.
Ich gab mir erneut Mühe, so deutlich wie möglich zu sprechen. »In der Sonne schmilzt der Schnee, so machen wir die Haufen kleiner. Und wenn es nächste Woche wieder schneit, haben wir Platz für den neuen Schnee. Sonst wüssten wir ja nicht, wohin damit – höher hinauf können wir den nicht schaufeln.« Ich wies auf den Haufen neben mir, über den nicht hinausschauen konnte.
Die Frau musterte mich, dann den weißen Haufen neben mir, zuletzt die schmelzenden Schnee- und Eisbrocken zu ihren Füßen. Vorsichtig ging sie weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, so dass sie nicht mit dem Schnee in Berührung kam.
Noch einmal wandte sie den Kopf und musterte uns von oben nach unten. »Ihr zwei, ihr seid schon seltsame Schwabenkinder«, sagte sie dann.
Meine Schwester und ich sahen uns an. Sie verzog das Gesicht, ich hob die Schultern. Kurz sahen wir der Frau nach, die gemütlich weiter spazierte. Dann nahmen wir unsere Werkzeuge und setzten unsere Arbeit fort.
Der nächste Schnee kam schließlich bald.
15 Dezember 2025
Ein Lachen zur Begrüßung
Während ich die Mütze abnahm und zu den Handschuhen in die Jackentasche stopfte – die hatte ich vorher schon ausgezogen –, hörte ich das Gelächter. Ich brauchte einige Zeit, sicher eine Sekunde lang, bis ich kapierte, dass sich niemand über mich lustig machte, sondern dass hinter dem Schalter zwei Angestellte der Apotheke standen und schallend lachten. Ein weiterer Angestellter kam hinzu und lachte ebenfalls.
Ich trat näher, sicher mit einem Gesichtsausdruck völliger Ratlosigkeit. »Der Kunde, der eben rausging, hat mir eben ein schönes Wochenende gewünscht«, sagte die blonde Frau hinter dem Tresen, als ob ich sie gefragt hätte. »Ich habe vor zwei Minuten mit der Arbeit angefangen, und dann so was.«
»Nehmen Sie’s als ein gutes Zeichen«, riet ich trocken.
»Ja, das ist gut.« Sie wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln. »Am besten wäre es ja, ich ginge gleich wieder ins Wochenende. Bei der Kälte und dem grauen Tag, da will man doch nicht arbeiten.«
»Auch da kann ich Sie verstehen.« Ich grinste.
Sie schaltete um. »Sie wollen ein Rezept einlösen?«, fragte sie professionell und seriös.
Ich nickte. Innerlich lächelte ich. Was für ein netter Start in die neue Woche: Man beginnt mit einem fröhlichen und lauten Lachen.
27 November 2025
Großmutter und die Wölfchen
An diesem Mittwochabend im Spätsommer 2004 war einiges anders: Bei schwülwarmem Wetter, das mir bei jeder Bewegung den Schweiß aus den Poren und ins T-Shirt trieb, bewegte ich meinen Körper zum Gutenbergplatz. Dass sich in meinem Schlepptau eine Reihe von Menschen aufhielt, die ebenso schwitzten, tröstete mich dabei nicht so arg.
Aber Micha hatte die Devise ausgegeben: »Auf dem Gutenbergplatz ist was los, da spielt eine Band, und das ist bestimmt lustig.« Sie musste es wissen, und sie war sehr überzeugend in dem, was sie sagte.
Ich hätte misstrauisch sein sollen: Eine Exil-Pfälzerin, die in einem Dorf außerhalb von Karlsruhe lebt, hat sicher andere Vorstellungen von Lustigkeit als ich ... Aber ich ging mit, und ich hatte die beste Absicht, mich bombig zu amüsieren.
Zwei Viertel pfälzischen Weißherbst, die ich mir schon ins Hirn geballert hatte, sorgten zudem für gute Laune. Bei der Temperatur sorgte auch ein leichter Wein dieser Sorte normalerweise für gute Laune.
Was ich nicht wusste, war die Tatsache, dass eine Bäckerei auf dem Gutenbergplatz ihr zehnjähriges Jubiläum feierte und in einem Anfall von klugem Marketing nicht nur sich selbst feiern wollte, sondern dazu alle Nachbarn einlud. Die Bäckerei mit dem hübschen Titel »Großmudder‘s« hatte es geschafft, den ganzen Platz in eine Party-Zone zu verwandeln.
In eine Party-Zone für fiftysomethings, um es genauer zu sagen. Unsere fröhliche Delegation senkte glatt den Altersdurchschnitt auf dem Gutenbergplatz, zumindest unter den Besuchern, die sich auf Bierbänken breitgemacht hatten oder begeistert jener Band zujubelte, die vor einem bunten Lieferwagen auf einer improvisierten flachen Bühne stand und wie wild rockte.
Die Band nannte sich Peter & The Wolves, und sie bestand aus vier Männern und einer Frau. Im Schnitt waren sie an die fünfzig Jahre alt, durchaus versiert auf ihren Instrumenten, also etwa auf dem Niveau einer durchschnittlichen Schülerband, und unter dem Jubel des Publikums war kaum zu vernehmen, dass viele Einsätze nicht stimmten, das sich Gitarre und Schlagzeug gelegentlich nicht überholten, sondern gegenseitig langsamer machten.
Immerhin schafften die fünf Leute auf der Bühne es, Stücke von den Rolling Stones und von AC/DC in einer Art zu spielen, dass sie von jedem wieder erkannt wurden, wenngleich manchmal arg augenzwinkernd und magenverrenkend. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder schreien sollte, während Manne bei jeder Gelegenheit einen neuen trockenen Spruch absonderte, der sich auf das mangelnde spielerische Können der Band bezog.
Punkrock ist nicht gerade die Musikrichtung, die dafür bekannt ist, filigrane Töne in die Welt zu spucken. Aber da wird eben musikalisches Unvermögen dadurch ausgeglichen, dass die Attitüde stimmt oder die Aussagen die knallige Musik ergänzen. Bei der Band auf der Bühne paarten sich musikalisches Unvermögen mit dem Anspruch, gut zu klingen und irgendwie wichtig zu sein. Zumindest kam es mir an diesem Abend so vor.
Weil ich mit der Musik und dem schunkelnden Publikum meine Probleme hatte, schüttete ich mir ein weiteres Viertel Wein in den Schlund, diesmal einen leichten Italiener, was bei den tropischen Temperaturen einen netten Effekt auslöste: Ich wurde noch alberner, als ich es wegen des bisherigen Trinkens schon gewesen war.
Leider reichte es nicht dazu, so richtigen Unfug zu treiben. Mein soziales Umfeld verschleppte mich tatsächlich ins Innere von »Großmudder's Bäckerei«, wo wir einen Platz am Fenster bekamen, mit gutem Blick auf die Band. Ich war schon angetrunken und hatte große Angst, die Fassung zu verlieren; also legte ich eine drastische Pause ein, blieb bei Apfelschorle und überlegte mir bereits, ob ich den Kopf auf den Tisch legen sollte.
Der Abend wurde noch skurril. Meine Begleiter fielen über den Kuchen her, den es in der Bäckerei gab. Abends um halb elf Uhr verspeisten sie Unmengen von süßem Zeugs und Kuchen, während ich mit schmerzenden Ohren auf den Gutenbergplatz schaute, Peter und seine Wolfbande abwechselnd verfluchte und verspottete und mir klarmachte, dass ich jetzt genau in dem Alter war, in dem man solche Veranstaltungen gefälligst gut zu finden hatte ...
(Der Text wurde im April 2005 in der Ausgabe 42 meines Egozines ENPUNKT veröffentlicht. Für diese Publikation wurde er noch einmal leicht bearbeitet. Mittlerweile bin ich so alt wie die Leute, die damals der Band zujubelten. Ich fände sie wahrscheinlich immer noch doof. Also die Band, nicht die Leute …)
17 November 2025
Abgewürgt
Vorsichtig fuhr Fred weiter. Der Wildhüter war für unsere Tour verantwortlich. Der gebürtige Sambier sprach sehr gut Englisch, kam aus einem Dorf in der Nähe und hatte uns schon eine Reihe von phantastischen Eindrücken verschafft. Wir hatten dösende Löwen in der Savanne gesehen, waren hautnah an Giraffen und Büffeln vorbeigekommen, und nun rollten wir mitten durch den Wald.
Ich fühlte mich bei Fred sicher. Es war nicht meine erste Fahrt in einen afrikanischen Wald, aber ich hatte das Gefühl, es könnte die interessanteste sein. Fred kannte sich gut aus, und er vermochte es, uns die Faszination für seine Heimat zu vermitteln. Das Gewehr, das er mit sich führte, lag gut sichtbar an zwischen Steuer und Windschutzscheibe des offenen Geländewagens. Er hatte es noch nie benutzt, um ein Tier zu töten, wie er uns erzählt hatte; es war vor allem dazu gedacht, im Ernstfall in die Luft zu schießen.
Wir waren eine gemischte Gruppe: sechs dänische Mädchen, die zwischen 19 und 22 Jahren alt waren und vor allem abends ununterbrochen kicherten, ein holländisches Geschwisterpaar Ende der 20, die ich sehr mochte, und ich als Alleinreisender aus Deutschland, zu diesem Zeitpunkt schon Ende der 30. Wir kamen gut miteinander aus, Konflikte hatten wir bislang keine gehabt.
Sehr langsam fuhr Fred den holperigen Weg hinunter. Die Piste bestand aus roter Erde, die man festgestampft hatte. Rechts und links wuchs undurchdringlich wirkender Wald, über uns berührten sich die Äste und Zweige der Bäume. Ich kam mir vor wie in einem Tunnel aus grünen Blättern, in dem es ununterbrochen raschelte und zwitscherte. Überall waren Tiere, aber ich sah keines von ihnen.
Ich hatte meine Baseballkappe so aufgezogen, dass sie mir Sonnenschutz gab, ich aber trotzdem ins Gebüsch spähen konnte. Einmal glaubte ich, links eine Bewegung zu sehen, und wollte schon aufgeregt »hier!« rufen. Aber ich ließ es sein, weil ich nicht sicher war, was wirklich durch das Unterholz krabbelte.
Als der Geländewagen die Senke erreicht hatte, gab der Motor mit einem röchelnden Geräusch auf. Nichts ging mehr, wir standen mitten im Wald, und das Auto fuhr nicht weiter. Fred betätigte einmal den Anlasser; der Motor orgelte und gab seltsame Geräusche von sich, sprang aber nicht an.
Der Wildhüter blieb gelassen. »Das kann vorkommen«, sagte er ruhig. »Das Auto ist alt, und wir müssten den Motor dringend reparieren, aber es fehlen Ersatzteile.« Er lachte. »Ein bisschen anschieben, und dann geht alles wieder.«
Anschieben? Mitten im Wald? Ich rief mir in Erinnerung, wo wir uns aufhielten. Der South Luangwa Nationalpark in Sambia war ein Paradies für Tiere aller Art, und wir sahen sie ständig. Elefanten, Nilpferde und Affen lebten direkt neben den Zelten, in denen wir untergebracht waren. Und Leoparden galten als die gefährlichsten Raubtiere; ich hatte in diesem November 2001 noch keinen gesehen, rechnete aber ständig mit einer Begegnung. Aber so?
Die dänischen Mädchen waren still; sie waren enger zusammengerutscht und sahen sich um. Fred nickte dem Holländer und mir zu. »Das ist ein Job für euch zwei Männer«, sagte er. »Springt ab und schiebt den Wagen an; ich versuche ihn zu starten.«
Wahrscheinlich sahen wir ihn entsetzt an. Auf dem Fahrzeug fühlte ich mich sicher; auf dem Boden wäre das nicht mehr der Fall.
Fred lachte erneut. »Macht schnell!«, riet er. »Es wird ja nicht gleich ein Leopard aus dem Busch springen. Der beobachtet uns vielleicht, aber er greift nicht an. Also los – macht schon!«
Der Holländer sah mich an. Ich sah ihn an. Wir sahen beide nicht fröhlich aus in diesen Augenblicken. Dann nickten wir uns zu. Jeder sprang auf seiner Seite vom Wagen herunter; dann stellten wir uns hinter das Fahrzeug.
»Und los!«, rief Fred. Er löste die Handbremse, wie ich am knarrenden Geräusch vernahm.
Der Holländer und ich stemmten uns gegen die Rückseite des Geländewagens. Das verdammte Ding war ziemlich schwer und bewegte sich nur langsam über den unebenen Untergrund. Ich hatte anfangs das Gefühl, wir würden es gar nicht schaffen, aber dann ging es doch: Zuerst rollte das Fahrzeug ganz langsam, buchstäblich Zentimeter um Zentimeter, dann etwas schneller.
Mir lief der Schweiß über das ganze Gesicht, mein T-Shirt klebte am Körper. Immer wieder blickte ich nach rechts und zu dem Holländer, der ebenso schwitzte und angestrengt aussah, und immer wieder blickte ich nach links und in das undurchdringliche Dickicht des sambischen Urwalds. Tiere sah ich keine, die versteckten sich offenbar.
Mein Atem ging laut, er rasselte geradezu in meinen Ohren. Ich hörte keine Vögel mehr, deren Lärm sonst allgegenwärtig war. Mein ganzer Körper konzentrierte sich auf meine Arme, mit denen ich mich gegen das Fahrzeug stemmte.
Dann betätigte Fred den Anlasser, und gleich beim ersten Versucht klappte es: Der Motor sprang an, der Geländewagen rollte einige Meter aus eigener Kraft; langsam rollte er durch die Senke und steuerte den Hang an.
»Springt schon auf!«, rief Fred. »Ich kann jetzt nicht anhalten.«
Der Holländer und ich grinsten uns an, dann rannten wir los. So schnell war ich in meinem ganzen Leben noch nie auf einen Geländewagen geklettert.
Als ich saß, merkte ich, wie nassgeschwitzt ich war. Ich atmete tief durch und beruhigte mich. Es bestand ja keine Gefahr, machte ich mir klar; die Tiere hatten sich alle versteckt, und kein Leopard hätte uns angegriffen.
Aber etwas zu wissen und etwas zu spüren – das waren eben doch zwei ganz verschiedene Dinge.
06 November 2025
Kampfjacken auf Vinyl
»Was ist denn da drin?«, fragte Rode und zeigte auf die Tüte.
Ich hob sie an. »Eine LP natürlich. Von einer neuen Band, die ich klasse finde; von denen ist auch mein aktuelles Lieblingslied.«
»Ein Lieblingslied von dir?« Er sah mich skeptisch an. »Ist das wieder so ein Krach? Oder eher so etwas wie das da?«
Der DJ hatte ein Stück aufgelegt, das ich vom Radio her kannte; irgendetwas von Uriah Heep, zu dem die älteren Besucher der Disco die Haare wehen ließen. Auf der Tanzfläche tummelten sich gut zwei Dutzend Leute, durchaus gemischt: einige in unserem Alter und sogar jüngere Mädchen, aber auch einige Typen, die deutlich über zwanzig waren.
»Nein, das ist schon so, dass man dazu tanzen kann. Die Band heißt Mau Mau, und das Stück, das ich mag, geht echt in die Füße.«
»Dann bring die Platte doch dem DJ; der legt sie garantiert auf.«
Das war durchaus üblich. Wenn man im Jugendzentrum wollte, dass Musik gespielt wurde, die man selbst mochte, musste man eine Platte oder Kassette mitbringen. Ich nickte. Den ganzen Abend hatte ich eigentlich nichts anderes vor; ich wollte, dass auch mal »meine« Musik lief.
Also ging ich an das »Fenster«. So nannten wir die Durchreiche, von der aus der DJ einen Blick auf die Tanzfläche hatte, während wir zusehen konnten, wie er die Platten auflegte. Ich reichte ihm die Platte, wir wechselten ein paar Worte, ich nannte ihm das Stück, er sah mich sehr zweifelnd an, nickte dann aber doch.
Nervös ging ich zu meinem Platz zurück. Auf Uriah Heep kam ein populäres Stück von Visage oder sonst einer dieser Plastik-Bands, die in diesen Tagen das Radioprogramm bestimmten. Das Publikum auf der Tanzfläche wechselte teilweise: Einige der Älteren gingen, dafür kamen einige Jüngere, die vergleichsweise teure Klamotten anhatten.
»Oh, die Junge Union traut sich auch mal wieder zu uns«, raunte Rode, und wir lachten gehässig.
Das New-Romantic-Stück war vorüber, und der hektische Rhythmus begann, den ich so schätzte. Die Gitarre zirpte und zappelte, das Schlagzeug klopfte hektisch, und der Sänger versuchte nicht einmal, großartig zu singen, sondern haute seine Stakkato-Sätze raus.
»Wir tragen keine Kampfjacken mehr!«, dröhnte es aus den Boxen. War das Neue Deutsche Welle, oder war das Punk? Eigentlich klang es ein bisschen wie Funk, aber auch das passte nicht. Ich fand das Stück großartig und mochte die ganze Platte sehr.
Ich war begeistert, wahrscheinlich grinste ich bis über beide Ohren. Ich zappelte ein wenig herum, traute mich aber nicht auf die Tanzfläche. Ich wäre sowieso der einzige gewesen; innerhalb von wenigen Sekunden leerte sich die Fläche. Weder die jungen Leute mit den schicken Klamotten noch die Alternativen hatten ihre Freude an der Band und dem zackig gespielten Stück.
Der DJ sah dem Treiben eine Weile zu. Er nahm Blickkontakt zu mir auf und hob die Schultern an. Ich nickte nur. Die ersten Leute murrten; sie ärgerten sich über die Musik. Langsam wurde das Stück leiser, der DJ dimmte es herunter.
Ich verstand und ging zu ihm, während das nächste Stück anfing. Es lief »Bicycle Race« von Queen, und die Tanzfläche füllte sich rasend schnell wieder.
Der DJ beugte sich zu mir herunter. »Dein Zeugs will niemand hören!«, rief er so deutlich, dass es die Umstehenden trotz der Musik hören konnten.
Ich nickte erneut. Wieder einmal hatte ich verloren.
08 Oktober 2025
Der Harry und ich
»Welches Verhältnis sollte ich denn zu ihm haben?«, gab ich zurück. »Ich las die ersten zwei Bände und fand sie super, auch den dritten und vierten Band las ich sehr gern, aber der fünfte Band liegt seit Jahrzehnten ungelesen daheim herum. Die Filme mochte ich alle sehr. Aber was …«
»Das meine ich nicht. Dein negatives Verhältnis zu dem guten Zauberlehrling …«
»Ich habe keine Ahnung, was du meinst.«
»Du gehörst zu den Leuten, die ›Harry Potter‹ abgelehnt haben.«
»Was? So ein Unsinn! Wer behauptet denn so was?«
»Doch, doch. Das steht im Internet. Und du kannst davon ausgehen, dass es Leute gibt, die das glauben. Viele Leute.«
»So blöd kann niemand sein!«
»Doch, doch. Ich zitiere ..« Er wechselte die Stimmlage, als sei er eine andere Person. »Das erinnert mich daran, dass eine damals unbekannte englische Autorin bei KNF Ende der 90er Jahre angefragt hatte, ob er nicht für VPM als ganzes Interesse an einer kleinen Buchreihe über einen Zauberschüler hatte. KNF hat dankend abgelehnt. --- Es geht um Harry Potter.‹ Das steht so wortwörtlich im Internet, in so einem Forum.«
»So ein Unfug! An der Geschichte ist nichts dran, da kann auch nichts dran sein. Wenn mir damals Manuskripte angeboten wurden, leitete ich sie immer an den Buchverlag weiter, oder ich schrieb den Leuten gleich, dass wir keinen Platz dafür hatten – schließlich hatten wir kein Programm für Science Fiction, Fantasy oder sonstige Literatur mehr. Und überhaupt hätte Rowling mich damals nie direkt angeschrieben – das ging ja alles über die Agenturen.«
»Das sagst du jetzt, aber es steht nun mal anders im Internt.«
»Das wird niemand glauben. Jeder, der kurz mal nachdenkt, wird erkennen, welcher Blödsinn diese Asssage ist.«
Er lachte schallend. »Manchmal bist du ganz schön naiv! Du weißt doch, wie das Internet tickt. Gerüchte bleiben erhalten, und angeblich vergisst das Internet auch nichts. Diese Information steht derzeit in diesem Forum, und man wird sie zitieren und weiterverbreiten. In zehn Jahren wird sie als festgefügt Tatsache in der Wikipedia stehen, verlass dich drauf.«
»Du spinnst doch. Wer sollte ein Interesse daran haben, so einen Quatsch aufzublasen?«
Er seufzte. »Ich wiederhole mich: naiv …«
»Und nun? Was soll ich machen?«
»Keine Ahnung. Betrachte es als Experiment. Ich meine: Was kann dir groß passieren?«
»Stimmt eigentlich.« Nun lachte ich auch. Harry Potter und ich … wer kam auf solche Ideen? Kopfschüttelnd wechselte ich das Thema.
23 September 2025
Raspelkurz
»Wieso?«, gab ich zurück. Zu mehr Spontaneität reichte es in diesem Augenblick nicht.
Ich ärgerte mich über mich selbst. Da kam ich an meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub in den Supermarkt zurück, spazierte über den Personaleingang in den Aufenthaltsraum und packte dort einige Dinge in meinen Spind, und dann lief mir ausgerechnet als erste Person der Marktleiter über den Weg. Sein Büro hatte er in nur wenigen Metern Entfernung zu dem Bereich, wo sich die Angestellten und Arbeiter des Supermarkts zu ihrer Pause trafen. Von dieser Stelle aus hatte er einen prachtvollen Blick über den Parkplatz und den Eingangsbereich.
Er zeigte auf mich. »Was haben Sie denn mit Ihren Haaren gemacht?«
»Abschneiden lassen.« Die Antwort war nicht korrekt, meine Haare wurden abrasiert und hatten danach eine Länge von wenigen Millimetern gehabt. Mittlerweile waren sie ein wenig nachgewachsen.
»Das sehe ich selbst. Aber warum?«
»Ich war im Urlaub, in Marokko, und weil es dort sehr heiß ist, wollte nicht so schwitzen, und …«
»Verstehe.« Er betrachtete mich zweifelnd. »In Marokko. So so. Ist das nicht gefährlich?«
»Nein.« Ich winkte ab. »Mich hat man in Ruhe gelassen.«
Einen Teil der Wahrheit verschwieg ich ihm aus gutem Grund. Die meisten Deutschen, die ich in diesem Sommer in Marokko angetroffen hatte, waren mit langen Haaren unterwegs, letzte Ausläufer der Hippie-Bewegung. Mit meinem raspelkurzen Haupthaar war ich geradezu aufgefallen. Und während die langhaarigen Reisenden alle drei Meter angesprochen wurden, ob sie nicht Haschisch oder Marihuana kaufen wollte, hatte man mich völlig in Ruhe gelassen oder gar einen Bogen um mich gemacht. Ich passte offenbar nicht ins Raster.
»Klingt gut«, sagte der Marktleiter. Er wies auf meinen Kopf. »Mit dem Haarschnitt hätten sie auch zur Bundeswehr gehen können.«
Ich grinste humorlos. »Das steht mir wohl im nächsten Jahr bevor.«
»Und dann?«
»Keine Ahnung.« Ich hob die Schultern. »Hauptberuflicher Weltreisender. Das würde mir ja schon gefallen.«
Er lachte. »Das glaube ich gern.« Der Marktleiter nickte mir zu. »Sie wissen ja, wir suchen immer fähige Leute – und Sie könnten bei uns echt Karriere machen, nicht nur hier im Haus.«
»Ich werde es beherzigen«, log ich und blickte auf meine Uhr. »Aber jetzt muss ich los, Frau Petermann wartet auf mich.«
Wir verabschiedeten uns voneinander, und ich eilte durch den Gang zur Treppe, die hinunter zur Information und in den Markt führte. In Gedanken fuhr ich mir durch die Haare; es knisterte ein wenig, wenn ich mit den Fingern über die Stoppeln fuhr. Ein gutes Gefühl, vielleicht sollte ich das so lassen.
Aber was ich im kommenden Jahr machen wollte, wusste ich nicht. In diesem Sommer 1983 erwartete ich mir nicht viel von der Zukunft. Aber das wollte ich weder dem Marktleiter noch meinen Kollegen auf die Nase binden.
Ich ging die Treppe hinunter und erreichte die Information. Irene bereitete gerade die neuen Preislisten für die Kassiererinnen vor, die diese auswendig lernen mussten.
Als sie mich sah, starrte sie mich an. »Was hast du mit deinen Haaren gemacht?«, stammelte sie grußlos.
Ich nickte nur kurz. Dieser Tag würde anstrengend werden, das war damit klar.
11 September 2025
An der Bäckereitheke
»Da erfährst du morgens, dass du allein bist«, sagte sie einem Mann, der auf der anderen Seite stand, einen Meter von mir entfernt Er führte einen Einkaufswagen mit sich, der randvoll mit Grundnahrungsmitteln war. Er hatte im Supermarkt eingekauft und besorgte sich – wie viele andere – hinterher noch Brot und Brezeln. »Die eine ist im Urlaub, das ist schon schwer genug, dann wird die andere krank, und ich bekomme keinen Ersatz.«
Sie sprach den Dialekt der Gegend, und sie klang, als komme sie aus dem Dorf, zu dem der Supermarkt gehörte. Kurz sah sie mich an, ob ich mich vielleicht ins Gespräch mischen wollte, dann redete sie sich weiter in Fahrt.
»Man wird halt von morgens bis abends beschissen, nichts klappt, und niemand sagt einem Bescheid«, sagte sie in rasendem Wortschwall. »Ich kann nicht mal aufs Klo. Die Kunden stehen Schlange, ich muss ständig nachfüllen und daneben auch noch Brötchen und Brezeln aufbacken. Dann kommen Leute, die wollen einen Kaffee, und andere, die wollen etwas aufgebacken haben. Ich komm‘ nicht mal dazu, so richtig Luft zu holen.«
Mit fahrigen Handbewegungen kassierte sie den Mann ab, während sie redete, und gab ihm dann das Wechselgeld zurück. Der Mann trug eine schwarze Jeans und einen schwarzen Kapuzenpullover mit irgendwelchen Logos, die ich nicht erkannte; seine Haare waren grau und fielen ihm tief in den Nacken.
»Da kannst du nichts machen«, sagt er lakonisch, als er das Geld einsteckte. »Das ganze Land rutscht ab, wir gehen alle vor die Hunde, aber das kümmert ja niemanden.«
Er sah mich an, als ob ich dazu etwas sagen sollte. Ich hatte meinen »Interessiert mich nicht«-Blick aufgesetzt und blickte ihm ausdruckslos in die Augen. Fast erwartete ich schon, dass einer der beiden die AfD lobpreisen oder zum Sturz der Regierung aufrufen würde. Dann hätte ich vielleicht etwas gesagt, aber ich wusste nicht, was die beiden von mir hören wollten.
Vielleicht sollten Leute aus der Politik sich ab und zu mal in eine Bäckerei stellen und den Leuten zuhören, dachte ich dann, trat näher, begrüßte die Verkäuferin und gab meine Bestellung auf.
13 August 2025
Lektüre im Keller
Vom Marktplatz aus spazierten wir zum Kaufhaus, wo uns später mein Vater mit dem Auto abholen würde – er hatte gegen 16 Uhr Feierabend und kam von der Baustelle. In Zeiten ohne Telefon mussten solche Verabredungen exakt sein, und sie wurden auch exakt eingehalten.
An diesem Tag traf sich meine Mutter mit einer anderen Frau, die sie seit langem kannte. Gemeinsam gingen sie – ich stets im Schlepptau – ins Café des Kaufhauses. Dort saßen wir zu dritt an einem Tisch: Die beiden Frauen tranken Kaffee und unterhielten sich über gemeinsame Bekannte, ich aß ein Stück des leckeren Apfelkuchens.
Anfangs war ich damit beschäftigt, die prächtige Einrichtung zu bewundern. Das Café war schick, zumindest für eine kleine Stadt wie die unsere. Es war mit viel Holz eingerichtet, Messing glänzte, und der Fußboden schimmerte in schwarz und weiß. Die Bedienungen trugen weiße Blusen und schwarze Röcke, dazu Schürzen mit Stickereien.
Irgendwann langweilte ich mich. Weil ich ohnehin pinkeln musste, fragte ich meine Mutter, ob ich aufs Klo gehen könnte. Sie zeigte mir den Weg zur Toilette – »da vor, dann die Treppe hinunter«, bevor sie mich mit wichtigen Ermahnungen, ich solle nicht so schnell laufen, gehen ließ.
Während ich durch das Café ging, sah ich staunend den Leuten zu. Die meisten waren gut gekleidet; die Männer trugen Anzüge, die Frauen ihre schönsten Kleider. Wenn man in ein Café ging, zog man sich »anständig« an; so war das in den späten 60er-Jahren.
Weil ich mir das Lesen schon selbst beigebracht hatte, obwohl ich noch nicht in die Schule ging, las ich alles, was Buchstaben hatte. Ich entzifferte große Werbeaufdrucke und freute mich darüber, das Schild »Toiletten« ebenfalls lesen zu können. Ich ging die Stufen hinunter, meine Schritte hallten in dem großen Treppenhaus wider. Dort betrat ich den Bereich, der für Männer vorgesehen war.
Direkt nach dem Eingang hing ein Automat an der Wand, mit dem sich ein Mann herumplagte. Er schlug gegen die Seite des Automaten, er schimpfte wütend. Anscheinend hatte er Geld hineingesteckt, es war aber nichts herausgekommen. Als er mich sah, verstummte er.
Ich betrat eine Kabine. Weil ich noch zu klein für die Pissoirs war, die von den Erwachsenen genutzt wurden, hatte mir meine Mutter beigebracht, mich im »großen Klo« so hinzustellen, dass ich die Schüssel traf und nichts daneben ging.
Während ich mein Geschäft verrichte, hörte ich den Mann am Automaten schimpfen. Ich verstand einige der Kraftausdrücke, mehr nicht; dann schlug er gegen den Automaten und ging mit stampfenden Schritten die Treppe hinauf.
Nachdem ich in der Kabine alles erledigt hatte, wusch ich mir die Hände am Waschbecken, das für meine Größe viel zu hoch angebracht war. Dann bummelte ich neugierig zu dem Automaten hinüber, über den der Mann sich so aufgeregt hatte.
Auf dem Automaten stand in großen Buchstaben das Wort »Hygiene«. Das verstand ich, es ging also um Sauberkeit. Meine Mutter redete auch von »Hygiene«, wenn sie mich ermahnte, die Hände mit Seife zu waschen. Die bunten Bilder auf dem Automaten verstand ich nicht, ich erkannte aber, dass eines der silbernen Fächer unten offen stand.
Ich zog es vollends auf und hatte auf einmal eine Packung in der Hand. Sie war bunt bedruckt, und wieder stand etwas von »Hygiene« darauf. Das sah interessant aus, vielleicht war das etwas, das wir auch daheim benutzen konnten. Wenn man es schon vor der Toilette in einem Automaten anbot ...
Als ich von oben Schritte hörte – es kam also jemand die Treppe herunter! –, steckte ich die Packung spontan in die Hosentasche. Dann machte ich, dass ich aus dem Keller hinauskam.
Ich eilte in die obere Etage und ging schnell zu dem Tisch, wo meine Mutter sich immer noch mit der anderen Frau unterhielt. Dass ich länger weggeblieben war als üblich, schien sie nicht bemerkt zu haben.
»Guck mal, Mama«, sagte ich stolz und trat näher an den Tisch heran. »Ich hab dir was mitgebracht.«
Und mit einer Geste, mit der ich sonst vielleicht ein Geschenk zum Geburtstag übergeben würde, legte ich die Packung mit Kondomen auf den Tisch, genau zwischen meine Mutter und die mir unbekannte Frau.
31 Juli 2025
Eine echte Dame
Ich fuhr vorsichtig, trotzdem zügig. Mein Interesse, auf der feuchten Straße ins Rutschen zu geraten, war ausgesprochen gering. Auf die Autofahrer rechts und links der Radspur achtete ich noch stärker als sonst; die sahen durch ihre Windschutzscheibe schließlich auch nur eingeschränkt.
Auf einmal war die Frau vor mir. Sie saß in aufrechter Haltung auf einem klassischen Damenfahrrad, ihr geblümtes Kleid vom Regen klamm. Lange blonde Haare fielen ihr in Locken auf den Rücken. Wie sie es schaffte, mit ihren hochhackigen Schuhen auf den Pedalen zu bleiben, war mir ein Rätsel.
Sie balancierte einen Schirm in der rechten Hand, groß und hellblau. Damit schien sie durch den Regen zu schweben, aufrecht und gelassen und ungeachtet der Autos, die rechts und links an ihr vorbeifuhren.
Ich war völlig beeindruckt. So viel Stil in einer Person, so viel Coolness, ohne cool sein zu wollen! Auf einmal fühlte ich mich schmuddelig und vom Regen völlig durchnässt. Wie machte sie das?
Es nutzte nichts, ihr nachzustarren. Es wurde Zeit, dass ich ins Trockene kam und mich umziehen konnte. Mit neuem Elan strampelte ich weiter …
18 Juli 2025
Auf der Zitadelle
Ich saß im Schatten eines Baumes und ruhte mich ein wenig aus. Die Zitadelle von Rethymno, einer Stadt auf Kreta, war durchaus interessant, und ich hatte mir das Bauwerk bereits zum größten Teil angesehen. Aber es war vielleicht keine gute Idee gewesen, die Besichtigung am frühen Nachmittag zu unternehmen, wenn die Sonne am höchsten stand. Also saß ich da, trank Wasser und genoss den frischen Luftzug im Schatten.
Auf einmal trat eine Frau auf den Mann zu; sie kam aus dem Häuschen, das in wenigen Metern Entfernung die Toiletten enthielt. »Wie siehst denn du aus?«, fragte sie laut auf deutsch und zeigte auf die Vorderseite seines T-Shirts.
Er sah an sich hinunter. In der Tat wirkte sein Hemd von vorne, als hätte er sich großmaßstäblich eingekleckert. »Ich habe die Wasserflasche nicht richtig aufgemacht und mir einen halben Liter neben das Gesicht geschüttet.«
Sie schüttelte den Kopf. »Wie blöd kann man denn sein? Hast du verlernt, richtig zu trinken?«
Die beiden redeten laut und ungeniert miteinander. Vielleicht kamen sie nicht einmal auf die Idee, jemand könnte sie auf Kreta verstehen, oder es war ihnen schlicht egal, dass ich zuhörte.
»Komm jetzt!«, sagte sie barsch. »Wir schauen uns die Anlage an. Da stört sich niemand an deinem Aussehen, sind ja nur alte Steine hier.«
Er erhob sich. »Ist doch nur Wasser«, sagte er lahm.
»Zu blöde zum Trinken und dann auch noch Ausreden finden!« Theatralisch warf sie die Arme in die Luft. »Warum habe ich so einen dummen Mann geheiratet? Das gibt es doch nicht.« Sie ging an mir vorbei, ohne mich zu beachten, und schlug den Weg zum Zentrum der Zitadelle ein.
»Das liegt an meinem guten Aussehen«, behauptete der Mann. Schwerfällig erhob er sich, nahm einen Rucksack auf, der neben ihm gelegen hatte, und folgte ihr.
Ich sah den beiden fasziniert nach. Sie schimpfte ununterbrochen über ihn, er gab maulige Antworten. Irgendwie schienen sie sich gut zu verstehen. Während ich einen Schluck aus meiner Wasserflasche nahm, wünsche ich ihnen in Gedanken einen schönen Aufenthalt in der Zitadelle.
09 Juli 2025
Dampfkessel
Ich stellte mein Rad auf dem Platz zwischen Kirche und Theater ab und betrat das mehrstöckige Haus. Als ich dann die Tür zum Kieser-Training aufdrückte, entwich mir ein erleichterter Seufzer: Die Klimaanlage lief. Das hieß: Ich würde zwar schwitzen, aber es war nicht so heiß.
Als ich in meinen Trainingsklamotten und miz meinem Trainingsplan die erste Maschine ansteuerte, sah ich, dass es tatsächlich ein bisschen regnete. Es sah aus wie der Tropfen auf dem heißen Stein: Wenn die Tropfen auf den Asphalt trafen, verdampften sie sofort.
»Wir lüften!«, rief eine der jungen Frauen, die an diesem Tag im Studio arbeiteten. Sie riss die Fenster zum Platz auf. Die andere Frau lief los und öffnete die Tür zum Innenhof.
Ich wollte schon aufspringen und sie warnen, ließ es aber sein. Es gab genug alte weiße Männer, die ständig junge Frauen belehrten; da wollte ich in diesem Moment nicht dazu gehören. Stattdessen ging ich auf die Maschine und begann mit der Beinpresse.
Vielleicht hätte ich doch etwas sagen sollen, dachte ich wenige Sekunden später. Innerhalb kurzer Zeit verwandelte sich die anfangs so kühle und angenehm trockene Luft in die feuchte Schwüle, die auch außerhalb herrschte. Ich kam mir vor, als sitze ich am Rand eines Dampfkessels oder auch schon einige Zentimeter weit drin.
Aber ich sagte weiterhin nichts. Und darauf war ich dann doch ein bisschen stolz …
13 Mai 2025
Das Schwarze Brett der Kompanie
Aber ich war Gefreiter in der Ausbildungskompanie und er ein Rekrut im zweiten Monat. Wir waren beide wehrpflichtige Soldaten, aber ich war sein Vorgesetzter. Er gehörte zu den Rekruten, deren Zimmer in direkter Nähe zu den Offiziersbüros lagen; sie wurden öfter kontrolliert, bekamen aber auch viel mit.
Ich hielt an. »Ja?«
Eigentlich war bereits Dienstschluss, die Zeit zwischen Abendessen und verordneter Bettruhe. Die Rekruten hatten frei, ich hatte ebenfalls frei. Und eigentlich wollte ich in das Zimmer, das ich mit einigen anderen Gefreiten bewohnte, um dort ein wenig zu lesen. Doch der Rekrut, der vor mir stand, wirkte unsicher und stur zugleich.
»Der Oberleutnant …«, fing er an, unterbrach sich dann, als ob er nicht wüsste, was er sagen sollte.
Ich ahnte es. »Hat er wieder etwas ans Schwarze Brett gepinnt?«, fragte ich.
Der Rekrut nickte nur.
»Ich kümmere mich«, versprach ich. »Danke, dass Sie mir das gesagt haben.« Ich nickte ihm zu und drehte mich um.
Bis zum Schwarzen Brett waren es nur ein Dutzend Meter. Es war im Eingangsbereich des Gebäudes befestigt, direkt neben dem Treppenhaus. Hier wurden Aushänge angebracht, die die gesamte Kompanie betrafen; hier hing gelegentlich auch ein offizielles Schreiben des Verteidigungsministeriums.
Es war streng verboten, private Aushänge am Schwarzen Brett anzubringen. Es war ebenso streng verboten, Dinge abzuhängen, ohne dafür einen offiziellen Befehl des Kompaniechefs zu erhalten. Die Regeln waren eindeutig; in diesem Frühsommer 1985 herrschte noch die Wehrplicht, und niemand konnte sich vorstellen, dass der Warschauer Pakt bald zusammenbrechen würde.
Ich blieb vor dem Schwarzen Brett stehen. Links unten hing ein Zeitungsartikel, der am Nachmittag nicht dort angebracht gewesen war. Schriftart und Inhalt wiesen darauf hin, dass er aus der »Nationalzeitung« stammte, dem rechtsradikalen Blatt, das ich gelegentlich bei den Unteroffizieren und auch bei den Offizieren gesehen hatte.
Mir war der Oberleutnant oft durch seine Sprüche aufgefallen. Jeder wusste, dass er Naziblätter las, und jeder wusste, dass er immer wieder heimlich Ausschnitte aus der Zeitung am Schwarzen Brett befestigte. So wie auch jeder zu wissen schien, dass ich sie immer abnahm, wenn ich davon erfuhr. Ein Rekrut traute sich noch nicht, das Schwarze Brett zu »säubern«, was mir einleuchtete, ich sah es mittlerweile als meine Aufgabe an.
Ich las den Dreck nicht, den der Oberleutnant für wichtig gehalten hatte, sondern riss ihn herunter, zerknüllte ihn und warf ihn einige Meter weiter in einen Mülleimer.
Als ich die Treppe hinaufging, hörte ich ein leises »Danke« aus dem Flur. Dann wurde die Tür zu einem Zimmer geschlossen. Achselzuckend ging ich weiter.
28 April 2025
Wie ein Lehrer
In der kleinen Bäckereifiliale, die ich in der Mittagspause angesteuert hatte, war viel los. Vor mir standen drei Mädchen, die sich Brötchen oder Brezeln kauften; einige Jungs drückten sich vor der Tür herum und zeigten sich gegenseitig Bilder auf ihren Smartphones. Ich hatte das nahe gelegene Gymnasium nicht vergessen, den Andrang in der Mittagspause aber verdrängt.
Als ich an der Reihe war, atmete die Verkäuferin sichtlich durch. »Was möchte Sie bitte?«, fragte sie.
Ich gab meine Bestellung auf. Während sie zusammenpackte, was ich haben wollte, sagte ich: »Man merkt, dass die Ferien vorüber sind, oder?«
»Ganz eindeutig.« Sie seufzte. »Auf einmal ist der Laden mit Schülern voll.« Dann lachte sie. »Aber es ist ja gut fürs Geschäft.«
Sie gab mir die Bäckertüten, ich bezahlte den geforderten Preis. Auf einmal sah sie mich an. »Sind Sie eigentlich Lehrer?«
Ich schüttelte den Kopf. »Sicher nicht. Wie kommen Sie darauf.«
»Na ja.« Sie lachte verlegen. »Sie haben eine Brille und so, und Sie sind halt nett. Das sind die meisten Lehrer ja auch, wenn die von der Schule rüberkommen.«
Ich versicherte ihr, kein Lehrer zu sein; wir lachten ein bisschen und wünschten uns gegenseitig einen schönen Tag. Dann trat ich hinaus in die Sonne und begab mich auf den Weg in Richtung Büro.
Ich und ein Lehrer? Ich schüttelte den Kopf. So weit war es schon mit mir gekommen? Vor zwanzig oder dreißig Jahren wäre niemand auf diese Idee gekommen. Ich fühlte mich auf einmal sehr bürgerlich.
20 März 2025
Fußballfans aus Baden
»Wie war’s denn beim KSC?«, fragte der eine, sicher schon über siebzig Jahre alt.
»Eigentlich ganz gut, aber halt wieder unentschieden«, sagte der andere, der wohl ein ähnliches Alter aufwies. Beide sprachen den weich klingenden Dialekt der Region. »Aber was ich interessant fand: Ich bin mit Fans ins Gespräch gekommen, die aus Whyl waren.«
»Aus Whyl? Aus dem Whyl, wo die damals das Atomkraftwerk bauen wollten.«
»Ja, genau das Whyl im Südbadischen.« Er lachte leise. »Eigentlich hätten bei uns schon vor vierzig Jahren die Lichter ausgehen müssen; so haben sie’s uns versprochen.«
»Ja ja. Aber was machen Leute aus Whyl beim KSC? Die könnten doch in Freiburg ins Stadion gehen. Das wäre näher.«
Mittlerweile stand ich nackt da, das Handtuch in der einen, das Duschgel in der anderen Hand. Aber ich wollte noch ein wenig zuhören, die Neugier war zu groß.
»Das sind echte Badener, die wollen unbedingt zu einem badischen Verein halten. Aber in Freiburg ist’s denen zu brav. Da wird geklatscht, wenn ein Tor fällt, ansonsten verhält man sich zivilisiert.« Das Wort klang, als ekle er sich. »Die fahren nach Karlsruhe – weil bei uns im Stadion geschrien wird. Wenn die zum Fußball gehen, wollen die halt auch schreien.«
Das klingt schlüssig, dachte ich. Dann machte ich, dass ich in die Dusche kam.
10 Januar 2025
Familienbesuch der besonderen Art
Erst dann nahm ich den Rucksack ab, trank einen Schluck Wasser und suchte mir einen großen, flachen Stein am Straßenrand, auf dem ich mich niederlassen konnte. Die Sonne knallte vom Himmel, wir hatten sicher schon elf Uhr, und es wurde immer wärmer. Das Radfahren strengte an, mein T-Shirt war vom Schweiß getränkt, vor allem der Rücken klebte. Aber das konnte ich ignorieren.
Langsam aß ich eine Mohrrübe, die ich mir auf einem Markt gekauft hatte. In der Ferne erkannte ich einen Lastwagen, der langsam näher kam; die Straße in diesem Bereich des Nationalparks verlief streckenweise fast gerade. Der Fahrer schien mich zu sehen, er bremste ab und wurde langsamer. Grüßend hob ich die Hand, er grüßte und rollte vorbei, dann fuhr er schneller. Eine Wolke aus feinem Staub und Abgasen blieb in der Luft hängen.
Was der Fahrer wohl gedacht hatte? Ich war mir sicher, dass nicht viele weiße Radfahrer im Kandé-Nationalpark im Norden Togos unterwegs waren. In diesem Januar 1987 war ich womöglich der einzige. Die Straßensperre am Eingang des Nationalparks, an der sich alle Auto- und Lastwagenfahrer ausweisen musste, hatte ich einfach umgangen; seither war ich praktisch allein unterwegs.
Rechts und links von mir erstreckte sich Savanne, meist niedriges Buschland, ab und zu mal Bäume. Ich hatte Giraffen gesehen, die sich nicht um mich scherten, und einige Antilopen, sonst nichts. Gefährliche Tiere gab es nicht, wie man mir gesagt hatte; ich brauchte weder vor Löwen noch Leoparden irgendwie Angst haben.
Während ich kaute, sah ich mich ständig um. Warme Luft trieb nun den Geruch des Buschlands an meine Nase, Pflanzen und Tiere und Staub; ich konnte nicht alles richtig zuordnen, fand es aber faszinierend. Insekten krabbelten über den Boden, in einem Strauch in meiner Nähe raschelte es, wohl ein Kleintier. Alles wirkte harmlos, und ich genoss meine Pause.
Bis auf einmal die Affen auftauchten. Es waren vielleicht zwanzig Tiere, junge wie alte und sicher beiderlei Geschlechts. Ich kannte mich nicht aus, wusste also nicht, welche Art es war. Aber ich erkannte, dass ich keine Schimpansen vor mir hatte, dass sie eher Mandrills oder etwas in der Art waren. Die großen Angehörigen der Familie wirkten durchaus wehrhaft, und ich wusste aus Berichten, dass man Affen nicht unterschätzen sollte.
Sie sahen mir zu, wie ich in meine Mohrrübe biss und kaute. Immerhin blieben sie brav auf der anderen Straßenseite; vielleicht hatten sie vor der Straße Respekt, oder sie empfanden Scheu vor mir.
Mir aber war auf einmal unwohl.
Langsam aß ich zu Ende, dann packte ich meinen kleinen Rucksack zusammen und hievte ihn mir auf den Rücken. Vorsichtig schob ich mein Fahrrad auf die Straße, ließ die Affen dabei nicht aus den Augen. Auch sie betrachteten mich unaufhörlich; ich kam mir vor, als sei ich im Zoo und werde von den Tieren bestaunt.
Als ich auf meinem Rad saß und in die Pedale trat, blickte ich mich irgendwann um. Die Affen hatten sich mittlerweile über die Straße verteilt. Zwei große Tiere saßen an der Stelle, wo ich gerastet hatte, und schienen sie zu betrachten.
»Puh«, sagte ich, und ich wusste nicht, ob ich überhaupt einen Grund hatte, erleichtert zu sein. Aber ich wusste, dass ich noch einige Dutzend Kilometer vor mir hatte, die quer durch den Nationalpark führten …



