05 Dezember 2019

Wie der Hohenheim-Verlag warb

In den frühen 80er-Jahre gab es im deutschsprachigen Raum einen unglaublichen Boom an Science Fiction: Viele Klassiker kamen in Neuübersetzungen auf den Markt, viele Verlage bauten ihr Angebot aus. Es gab ein Dutzend Heftromane, die regelmäßig in den Handel geschoben wurden, dazu kamen zahlreiche Reihen bei den einschlägigen Taschenbuchverlagen wie Heyne, Goldmann oder Bastei-Lübbe.

In dieser Zeit begann auch der Hohenheim-Verlag mit seinem Programm. Der Verlag veröffentlichte allgemeinen Literatur unterschiedlicher Qualitäten, setzte aber von Anfang an auf Science Fiction. Schaut man sich die Anzeigen aus dieser Zeit an, kann man hoffentlich noch verstehe, wie das anfangs der 80er-Jahre die Science-Fiction-Fans faszinierte. Die Bücher kamen als Hardcover mit Schutzumschlag – das war etwas ganz anderes als die sonst üblichen Heftromane und eher schlapp wirkenden Taschenbücher.

Einige der Bücher kaufte ich, einige erhielt ich als Rezensionsexemplare, manche davon stehen noch heute in meinem Regal. Der Roman von Lyon Sprague de Camp, der in der Anzeige genannt wird, war eher enttäuschend, den verschenkte ich irgendwann. Robert Sheckleys Kurzgeschichten mochte ich schon, also behielt ich das Buch – vielleicht sollte ich einmal wieder hineinschauen.

»Die besten SF-Stories der fünfziger Jahre« – damals schrieb man das englische Wort »Storys« in der englischen Originalversion und nicht eingedeutscht und mit deutschen Rechtschreibregeln. Das Buch wurde von Hans-Joachim Alpers und Werner Fuchs zusammengestellt und präsentierte in der Tat hervorragende Geschichten. Die Handvoll Anthologien, die anfangs der 80er-Jahre im Hohenheim-Verlag veröffentlicht wurden, prägten entscheidend mein Bild der englischsprachigen Science Fiction.

Großartig fand ich auch »Gestalter der Zukunft« von Charles Platt. Reportagen über die bekanntesten Science-Fiction-Autoren waren das, in einem journalistischen Stil geschrieben, also nicht einfache Frage-und-Antwort-Spielchen, sondern Reportagen, die einem auch einen Eindruck von den Menschen, ihren Gewohnheiten und Ansichten vermittelten. Das Buch hielt ich in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder in der Hand; mit solchen Büchern hat sich der Hohenheim für alle Zeiten in meinem Gedächtnis verankert.

Leider hat sich der Verlag ja irgendwann in der Mitte der 80er-Jahre aufgelöst. Was blieb, sind schöne Bücher, eine tolle Anthologie-Reihe und vor allem einige Anzeigen, die mir ab und zu aus alten Fanzines entgegenstrahlen …

Ein telefonbuchdickes Fanzine

Groß war meine Überraschung über die aktuelle Ausgabe des altehrwürdigen Fanzines »Andromeda Nachrichten«. Als ich vor vielen Jahrzehnten in den Science-Fiction-Club Deutschland e.V. eintrat, war das Fanzine ein Fanzine im A5-Format, das durch eher schlichtes Layout und einen überschaubaren Umfang auffiel.

Die nun vorliegende Ausgabe 267 ist unfassbare 216 Seiten dick, im A4-Format, und das Layout sieht bei alledem auch noch sehr ordentlich aus, vielleicht ein wenig langweilig, aber stets übersichtlich und gut lesbar. Das war früher in jeglicher Hinsicht anders.

Und ich finde, dass so ein Heft gerade in den Zeiten wichtig ist, in denen man jegliches Wissen aus dem Internet ziehen kann: In den ausführlichen Rezensionen und Artikeln kann ich Dinge in aller Ruhe nachlesen.

Leider sind nicht alle Beiträge richtig gut – damit war nicht zu rechnen. Der umfangreiche Artikel über die »Mark Brandis«-Serie ist extrem detailhuberisch, aber informativ und gut lesbar. Ob man allerdings unbedingt Romane rezensieren muss, die man als interessierter Kunde dann höchstens nur noch im Second-Hand-Handel bekommt, weiß ich nicht.

Bei einem solchen Umfang kann ich nicht alles gut finden. Lesenswert sind die umfangreichen Conberichte, interessant sind auch Berichte über aktuelle Computerspiele oder Rezensionen zu englischsprachiger Science Fiction. Gelesen habe ich nicht alles, dazu fehlen dann doch die Zeit und manchmal das Interesse.

Darum geht es nicht! Dieses Fanzine ist mehr eine Bestandsaufnahme der aktuellen Science Fiction, und diese ist notgedrungen sowohl lückenhaft als auch subjektiv geprägt. Wenn man das als Leser berücksichtigt, hat man ein gelungenes Heft vor sich, das den Science-Fiction-Club Deutschland e.V. definitiv schmückt.

Um es klar zu sagen: Es gibt derzeit wenige Science-Fiction-Magazine im deutschsprachigen Raum. Derzeit sind die »Andromeda Nachrichten« in diesem bescheidenen Reigen ein lesenswertes Fan-Magazin – finde ich gut!

04 Dezember 2019

Die Links-Rechts-Falle

In vielen aktuellen Diskussionen stelle ich fest, wie sehr sich die Maßstäbe verschoben haben. Wenn dem neuen Führungs-Duo der Sozialdemokraten allen Ernstes unterstellt wird, seine zwei Angehörigen seien »links«, und während allerlei Journalisten ebenso ernsthaft behaupten, die Republik sei »nach links gerutscht«, kann ich mir nur ans Hirn fassen.

Die Republik ist, wenn man schon bei diesen heute kaum noch stimmenden Begriffen bleibt, sowohl nach links als auch nach rechts gerutscht.

Wer durch das Grundgesetz begründete Dinge, die etwa für eine Gleichstellung von Lesben und Schwulen mit Heteros sorgen, für »links« hält, kann natürlich von einem »Linksrutsch« des Landes reden. Wer alle Versuche, weitere Schritte in Richtung Gleichberechtigung für Frauen zu erreichen, als »links« betrachtet, für den leben wir offenbar schon in einer Räterepublik oder im Früh-Sozialismus.

Wer Windräder als »links« betrachtet, einen »Veggie-Day« pro Woche auf freiwilliger Basis als Bestandteil einer Verbotskultur ansieht und in jeder selbstbewussten Frau ein Zeichen für die Unterdrückung von Männern sieht, wird womöglich ein Problem mit der aktuellen Kultur haben. Ähnliches gilt für Menschen, die es als Reduktion ihrer Rechte betrachten, wenn sie nicht mehr rassistische Begriffe benutzen sollen.

Man könnte sagen, die Republik sei mehr in Richtung Gleichberechtigung gegangen. Ob man das unbedingt als »links« bezeichnen muss, weiß ich nicht. Zum Ausgleich ist das Land nämlich wirtschaftspolitisch nach rechts gerutscht – in einer Weise, die mich heute schwindeln lässt.

In den 80er-Jahren wurde für die 35-Stunden-Woche gekämpft; heute sind unbezahlte Praktika für junge Leute, eine irrsinnige Leiharbeit-Szene und eine 40-plus-Stunden-Woche völlig normal. In zahllosen Betrieben gibt es keine Betriebsräte mehr. Die Steuerlast für die untere Hälfte der Bevölkerung ist gestiegen, während die reiche Oberschicht immer weiter entlastet wird. »Hartzer« sind in vielerlei Kreisen eine verspottete Unterschicht, während sich die sogenannte Mittelschicht lieber mit den Reichen solidarisiert.

Moderate Forderungen nach Steuererhöhungen, um beispielsweise in die Nähe der unter Helmut Kohl geltenden Steuern für Reiche zu kommen, werden mit massivem Druck abgelehnt. Um es klar zu sagen: Was unter Helmut Kohl in den 80er-Jahren als christdemokratische Wirtschaftspolitik galt, würde man heute als linksradikal geißeln.

Wir leben wirklich in seltsamen Zeiten. Aber in anderer Art und Weise, als uns suggeriert wird.

03 Dezember 2019

Krimis, verwirrend und leicht depressiv

Ich habe schon gelegentlich auf die Comicserie »Jessica Blandy« verwiesen. Sie startete in den späten 80er-Jahren, wurde hierzulande nie so richtig bekannt und liegt jetzt komplett in sieben dicken Sammelbänden beim Verlag Schreiber & Leser vor.

Ich las zuletzt den fünften Band der Gesamtausgabe, der mir wieder einmal sehr gut gefiel. Das etwas handlicher wirkende Kleinformat der Comicbücher finde ich sehr praktisch; die Bücher liegen gut in der Hand, und die kleineren Seiten schaden der Geschichte nicht. Ganz im Gegenteil: Die eher ruhigen Bilder kommen besser zur Geltung, und die teilweise krassen Geschichten werden so noch klarer.

Der Band fasst vier Abenteuer zusammen, die zuvor als Alben veröffentlicht worden sind. Die Geschichte »Kuba« erweist sich beispielsweise als ein verwirrender Agenten-Thriller, der auf Kuba spielt und in dem sich verschiedene Gruppierungen von Agenten bekämpfen. Das geht natürlich nicht ohne mehrere Leichen ab.

In »Ginny« wird die Obsession für eine tote Frau für verschiedene Männer – und letztlich auch für Jessica Blandy – immer intensiver. In dieser Geschichte vermengen sich Elemente des Psychothrillers mit denen eines konventionellen Krimis.

Bei »Bussard« geht es um einen alten Musiker und seine tief verborgenen Geheimnisse. Bekanntlich kommt immer etwas zum Vorschein, wenn man zu tief bohrt ... so auch in diesem Fall.

In »Ich bin ein Killer« schließt sich der Kreis zu den anderen Fällen. In einer Therapieanstalt für besonders schwere Fälle trifft die Detektivin und Schriftstellerin auf einen Mann, den sie jagt und der sie töten will. Das könnte ich mir auch gut in einer Verfilmung vorstellen.

Der fünfte Band der »Jessica Blandy«-Gesamtausgabe ist vergleichsweise normal. Die Abgründe, in die Jean Dufaux und Renaud normalerweise die attraktive Hauptfigur schicken, sind diesmal nicht ganz so tief wie in anderen Fällen. Spannende Comic-Unterhaltung mit einer zurückhaltenden, aber stets gelungenen Optik bietet der Band aber jederzeit!

(Wer's nicht glaubt, checke die Leseprobe. Man findet sie auf der Internet-Seite des Verlags Schreiber & Leser.)

NH3 zum Zehnjährigen

Bei ihrem Auftritt in Karlsruhe im Herbst 2017 konnte mich die italienische Band NH3 durchaus überzeugen. Sieht man davon ab, dass man zu oft versuchte, das Publikum zu Mitmachaktionen zu bewegen, wurde vor allem ein dynamischer und schneller Mix aus Ska und Punk, politischen Aussagen und viel Gezappel auf der Bühne präsentiert.

Die Platte »united we stand«, die 2012 aufgenommen wurde, spiegelt das gut wieder. Auf der EP, die zum zehnjährigen Bestehen der Band herauskam, sind vier Stücke, bei denen sie sich teilweise von Gastmusikern helfen ließ. Drei der Stücke sind Eigenkompositionen, mit »Police On My Back« gibt's aber auch eine Coverversion von The Clash.

Was die Band live bietet, liefert sie ebenso auf Platte – und andersrum. Die Texte wirken, sofern ich das Italienische nachvollziehen kann, stets politisch und »auf der richtigen Seite«, ohne dabei einen sauertöpfischen Charakter zu erhalten; die Musik ist dynamisch und flott – so etwas mag ich.

Wenn die Revolution je tanzen sollte, dann bitteschön mit NH3.

02 Dezember 2019

Verlags- und Autoren-Hickhack

Mit vor Staunen offenstehendem Mund habe ich übers Wochenende gelesen, wie sich in einer Facebook-Gruppe – also im öffentlichen Raum – der Konflikt zwischen einem Autor und einem Verleger hochgeschaukelt hat. Beide Personen sind mir seit Jahrzehnten bekannt; der Streit berührte persönliche und grundsätzliche Themen. Es ging um das liebe Geld, aber auch um Vertrauen und Freundschaft.

Ich könnte mich zurücklehnen und sagen, das gehe mich nichts an. Ich könnte mich einmischen und selbst eifrig kommentieren. Da ich beide Personen kenne, wäre das leicht möglich. Dass es sich bei dem Verlag um einen Kleinverlag handelt, ändert nichts daran, dass Bücher veröffentlicht worden sind. Es handelt sich um einen grundsätzlichen Streit, der an die Öffentlichkeit geraten ist.

Nur wäre es spannend, was wirklich vorgefallen ist. Wer hat recht? Welche Rechte werden angesprochen, welche werden oder wurden vielleicht verletzt? Gibt es Absprachen oder Diskussionen, die man nachvollziehen kann?

Ich stelle wieder einmal fest: Was angesichts solcher Konflikte fehlt, ist doch ein Medium, dass solche Themen sinnvoll aufbereitet. (So etwas wie der »Fandom Observer« in den letzten Jahren seiner Existenz.)

Es müsste nicht unbedingt ein gedrucktes Magazin sein, schon klar. Aber es wäre hilfreich, wenn es einen »zentralen Ort« gäbe – gedruckt oder digital, fast schon egal –, an dem mancher Konflikt und manches Thema in journalistischer Weise präsentiert würden: für interessierte Leser wie mich und vielleicht sogar für die Nachwelt.