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16 April 2026

Im Arusha-Nationalpark

Aus der Reihe »Ein Bild und seine Geschichte«


Im Januar 1998 versuchte ich Tansania zu bereisen. Ein großer Teil der Pläne fiel buchstäblich ins Wasser: Es regnete stark, Flüsse und Bäche traten über die Ufer, Straßen und Bahnlinien waren nicht mehr zu benutzen. Und so war auch der Aufenthalt im Arusha-Nationalpark zu einem großen Teil eine Wanderung im Nieselregen.

Das Bild ist typisch für den Wald, der sich im Naturpark erstreckt. Man sieht links den Wildhüter, mit dem wir durch den Wald und durch die Savanne wanderten; rechts gehen die zwei Männer, mit denen wir unterwegs waren. Mit gerade mal vier Personen war unsere Reisegruppe angenehm klein.

Wir sahen viele Tiere, von denen ich aber nur wenige Fotos machte. Giraffen im Regen sehen einfach nicht so klassisch aus wie Giraffen, die im strahlenden Sonnenschein durch die Savanne schreiten. Die dampfende Natur, die feuchte Schwüle und die würzige Luft im Wald fand ich trotzdem beeindruckend.

15 Januar 2026

Die Tage im Audi Camp

Als ich im November 2003 durch Boswana reiste, war klar, dass ich auch die Stadt Maun im Nordwesten des Landes ansteuern würde. Dort begannen die großen Parks, von dort aus konnte man gut ins Okavango-Delta reisen. Ich wohnte einige Tage in einem Zelt, das auf einer Plattform errichtet war – so war ich vor Ungeziefer einigermaßen geschützt, war mein eigener Herr und musste nicht zuviel für die Übernachtung bezahlen.

Das Audi Camp war richtig nett; die Leute, die dort arbeiteten, empfand ich alle als sympathisch. Ich trank abends an der Theke irgendwelche »Shots« und einheimisches Bier; ich aß dort auch, wenn ich nicht durch die kleine Stadt spazierte. Ich lernte Leute kennen, was wie immer nett war, und ich unternahm einiges.

Unter anderem machte ich eine geführte Tour durch das Delta mit: zuerst mit einem winzigen Boot hinein ins Delta, dann zu Fuß weiter, an meiner Seite ein einheimischer Wildhüter. Wir kamen zu Fuß bis an die Wasserstellen heran, Zebras, Affen, Gnus und Büffel waren fast zum Greifen nah.

Ich könnte über die Tage im Audi Camp viel schreiben, vielleicht mache ich das noch. Ich war so damit beschäftigt, durch die Gegend zu laufen, zu staunen und mit den Leuten zu reden, dass ich so gut wie keine Fotos machte. Aber die Bilder habe ich wohl für immer in meinen Gedanken.

05 Dezember 2025

Eine Folge über Malawi

Es ist sehr lange her, dass ich einige Wochen in Malawi verbrachte, gut ein Vierteljahrhundert, aber ich erinnere mich immer noch gern an die Reise zurück. Viele Bilder haben sich für alle Zeiten in mein Hirn eingebrannt – die freundlichen Leute, aber auch die Armut, die faszinierende Landschaft, aber ebenso die wirtschaftlichen Probleme, all die Gegensätze eines sogenannten Entwicklungslandes.

Der Podcast »55 countries« widmet sich dem afrikanischen Kontinent, und das macht er sehr gut. In der aktuellen Folge 61 geht es um Malawi; die Folge ist angenehm kurz und fasst die Themen gut zusammen. Man bekommt einen vernünftigen Eindruck von den Problemen und Hoffnungen des kleinen Landes in Südostafrika.

Was mir besonders gut gefiel: Als Interviewpartner wurden zumeist Einheimische vorgestellt. Ihr O-Ton wird nicht untertitelt; weil die englische Aussprache manchmal ein bisschen schwierig ist, muss man sich beim Zuhören sehr konzentrieren. Kein Problem – dafür ist das eben authentisch.

Ein guter Podcast, eine sehr gute Folge! Wer mehr über Afrika wissen will, sollte sich »55 countries« mal anschauen! Oder eher anhören, schon klar …

17 November 2025

Abgewürgt

Fred hielt den Geländewagen an und wies auf die Senke, die sich vor uns erstreckte. »Wir fahren da ganz langsam durch«, sagte er. »Achtet auf die Büsche rechts und links. Hier sieht man immer viele Tiere, in der Senke ist auch ein Wildwechsel.«

Vorsichtig fuhr Fred weiter. Der Wildhüter war für unsere Tour verantwortlich. Der gebürtige Sambier sprach sehr gut Englisch, kam aus einem Dorf in der Nähe und hatte uns schon eine Reihe von phantastischen Eindrücken verschafft. Wir hatten dösende Löwen in der Savanne gesehen, waren hautnah an Giraffen und Büffeln vorbeigekommen, und nun rollten wir mitten durch den Wald.

Ich fühlte mich bei Fred sicher. Es war nicht meine erste Fahrt in einen afrikanischen Wald, aber ich hatte das Gefühl, es könnte die interessanteste sein. Fred kannte sich gut aus, und er vermochte es, uns die Faszination für seine Heimat zu vermitteln. Das Gewehr, das er mit sich führte, lag gut sichtbar an zwischen Steuer und Windschutzscheibe des offenen Geländewagens. Er hatte es noch nie benutzt, um ein Tier zu töten, wie er uns erzählt hatte; es war vor allem dazu gedacht, im Ernstfall in die Luft zu schießen.

Wir waren eine gemischte Gruppe: sechs dänische Mädchen, die zwischen 19 und 22 Jahren alt waren und vor allem abends ununterbrochen kicherten, ein holländisches Geschwisterpaar Ende der 20, die ich sehr mochte, und ich als Alleinreisender aus Deutschland, zu diesem Zeitpunkt schon Ende der 30. Wir kamen gut miteinander aus, Konflikte hatten wir bislang keine gehabt.

Sehr langsam fuhr Fred den holperigen Weg hinunter. Die Piste bestand aus roter Erde, die man festgestampft hatte. Rechts und links wuchs undurchdringlich wirkender Wald, über uns berührten sich die Äste und Zweige der Bäume. Ich kam mir vor wie in einem Tunnel aus grünen Blättern, in dem es ununterbrochen raschelte und zwitscherte. Überall waren Tiere, aber ich sah keines von ihnen.

Ich hatte meine Baseballkappe so aufgezogen, dass sie mir Sonnenschutz gab, ich aber trotzdem ins Gebüsch spähen konnte. Einmal glaubte ich, links eine Bewegung zu sehen, und wollte schon aufgeregt »hier!« rufen. Aber ich ließ es sein, weil ich nicht sicher war, was wirklich durch das Unterholz krabbelte.

Als der Geländewagen die Senke erreicht hatte, gab der Motor mit einem röchelnden Geräusch auf. Nichts ging mehr, wir standen mitten im Wald, und das Auto fuhr nicht weiter. Fred betätigte einmal den Anlasser; der Motor orgelte und gab seltsame Geräusche von sich, sprang aber nicht an.

Der Wildhüter blieb gelassen. »Das kann vorkommen«, sagte er ruhig. »Das Auto ist alt, und wir müssten den Motor dringend reparieren, aber es fehlen Ersatzteile.« Er lachte. »Ein bisschen anschieben, und dann geht alles wieder.«

Anschieben? Mitten im Wald? Ich rief mir in Erinnerung, wo wir uns aufhielten. Der South Luangwa Nationalpark in Sambia war ein Paradies für Tiere aller Art, und wir sahen sie ständig. Elefanten, Nilpferde und Affen lebten direkt neben den Zelten, in denen wir untergebracht waren. Und Leoparden galten als die gefährlichsten Raubtiere; ich hatte in diesem November 2001 noch keinen gesehen, rechnete aber ständig mit einer Begegnung. Aber so?

Die dänischen Mädchen waren still; sie waren enger zusammengerutscht und sahen sich um. Fred nickte dem Holländer und mir zu. »Das ist ein Job für euch zwei Männer«, sagte er. »Springt ab und schiebt den Wagen an; ich versuche ihn zu starten.«

Wahrscheinlich sahen wir ihn entsetzt an. Auf dem Fahrzeug fühlte ich mich sicher; auf dem Boden wäre das nicht mehr der Fall.

Fred lachte erneut. »Macht schnell!«, riet er. »Es wird ja nicht gleich ein Leopard aus dem Busch springen. Der beobachtet uns vielleicht, aber er greift nicht an. Also los – macht schon!«

Der Holländer sah mich an. Ich sah ihn an. Wir sahen beide nicht fröhlich aus in diesen Augenblicken. Dann nickten wir uns zu. Jeder sprang auf seiner Seite vom Wagen herunter; dann stellten wir uns hinter das Fahrzeug.

»Und los!«, rief Fred. Er löste die Handbremse, wie ich am knarrenden Geräusch vernahm.

Der Holländer und ich stemmten uns gegen die Rückseite des Geländewagens. Das verdammte Ding war ziemlich schwer und bewegte sich nur langsam über den unebenen Untergrund. Ich hatte anfangs das Gefühl, wir würden es gar nicht schaffen, aber dann ging es doch: Zuerst rollte das Fahrzeug ganz langsam, buchstäblich Zentimeter um Zentimeter, dann etwas schneller.

Mir lief der Schweiß über das ganze Gesicht, mein T-Shirt klebte am Körper. Immer wieder blickte ich nach rechts und zu dem Holländer, der ebenso schwitzte und angestrengt aussah, und immer wieder blickte ich nach links und in das undurchdringliche Dickicht des sambischen Urwalds. Tiere sah ich keine, die versteckten sich offenbar.

Mein Atem ging laut, er rasselte geradezu in meinen Ohren. Ich hörte keine Vögel mehr, deren Lärm sonst allgegenwärtig war. Mein ganzer Körper konzentrierte sich auf meine Arme, mit denen ich mich gegen das Fahrzeug stemmte.

Dann betätigte Fred den Anlasser, und gleich beim ersten Versucht klappte es: Der Motor sprang an, der Geländewagen rollte einige Meter aus eigener Kraft; langsam rollte er durch die Senke und steuerte den Hang an.

»Springt schon auf!«, rief Fred. »Ich kann jetzt nicht anhalten.«

Der Holländer und ich grinsten uns an, dann rannten wir los. So schnell war ich in meinem ganzen Leben noch nie auf einen Geländewagen geklettert.

Als ich saß, merkte ich, wie nassgeschwitzt ich war. Ich atmete tief durch und beruhigte mich. Es bestand ja keine Gefahr, machte ich mir klar; die Tiere hatten sich alle versteckt, und kein Leopard hätte uns angegriffen.

Aber etwas zu wissen und etwas zu spüren – das waren eben doch zwei ganz verschiedene Dinge.

17 Juli 2025

Monsieur Velo in Avepozo

Als ich im Januar 1988 nach Avepozo kam, war ich ziemlich erschöpft. Ich hatte die Nacht zuvor in einer sehr schlichten Unterkunft am Nordrand von Lomé verbracht, der Hauptstadt von Togo, war dann am frühen Morgen wach geworden und mit meinem Rad quer durch die Stadt gefahren. Von der Hitze war ich ausgelaugt, von der Reise sowieso ein wenig überanstrengt.

Man hatte mir gesagt, »Chez Alice« in Avepozo sei ein guter Endpunkt für die Reise; dort würden sich viele Leute einfinden, die durch die Sahara und die Sahelzone gefahren waren. Ich erreichte das Lokal, das sich als »Bar au Rendez-Vous« bezeichnete, und wurde in einer sprachlichen Mixtur aus Französisch und Schweizerdeutsch empfangen.

Und weil ich mit einem klapprigen Rad angekommen war, bekam ich gleich den Spitznamen »Monsieur Velo«. Diesen Namen behielt ich in den folgenden Wochen.

Als »Monsieur Velo« wurde ich im Dorf bekannt, und wenn ich mit meinem Rad in die Stadt fuhr, riefen mir Leute auf der Straße den Namen zu. Vielleicht hielten sie mich einfach für bekloppt, vielleicht fanden sie es skurril, mit welchem Fahrzeug ich es von Mitteleuropa bis an die Küste von Westafrika geschafft hatte, irgendwie zumindest. 

Für einige Wochen war Avepozo mein Zuhause, und ich liebte es, dort zu sein. Dank meines Rads war ich unabhängig und konnte abends auch mal das eine oder andere Bier trinken – aber das sind dann andere Geschichten …

08 Juli 2025

Originelle Fantasy aus dem magischen Kairo

Der amerikanische Schriftsteller P. Djèlí Clark wurde in den vergangenen Jahren für so ziemlich jeden Preis in den Genres Science Fiction und Fantasy nominiert. Erfreulicherweise sind schon drei seiner Bücher in deutscher Sprache erschienen; ich las zuletzt »Der Spuk im Luftbahnwagen 015«. Dabei handelt es sich nicht um einen Roman, sondern um ein Buch mit zwei Erzählungen – diese spielen aber am selben Schauplatz, und eine Figur taucht in beiden Geschichten auf.

Clark hat ein eigenes Phantastik-Universum erschaffen, das eine Parallelwelt-Historie mit phantastischen Einflüssen verbindet. Schauplatz der Erzählungen ist Kairo zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: ohne europäische Kolonialmächte, dafür aber mit dem Einfluss von Zauberei und allerlei magischen Wesen.

Wer möchte, kann die beiden Erzählungen auch als phantastische Kriminalerzählungen betrachten. Beides Mal geht es um Beamte, die unheimliche Fälle aufklären müssen.

Die allerdings haben es in sich: In der Titelgeschichte geht es um einen Spuk, der einen Straßenbahnwagen angegriffen hat und diesen nun »bewohnt«. Beamte aus dem Ministerium für Alchemie, Zauberei und übernatürliche Wesen müssen sich darum kümmern. Während sie versuchen, erst einmal herauszufinden, um was es sich bei diesem Spuk eigentlich handelt, bewegen sie sich durch das quirlige Kairo des Jahres 1912, verhandeln mit Geheimagenten und treffen Lebewesen aus Blech … vor dem Leser entfaltet sich so das Panorama eines wunderbaren und originellen Universums.

Auch die Kurzgeschichte »Ein toter Dschinn« hat Polizisten des genannten Ministeriums als Hauptfiguren. In einer Welt, in der Dschinns zum Alltag gehören, ist es besonders knifflig, einen Mord an einem dieser Wesen aufzuklären. Vor allem, wenn auch noch mörderische Ghule und der Durchgang in ein anderes Universum eine wesentliche Rolle spielen … 

Beide Erzählungen sind sehr gelungen. Als Leser taucht man in eine magische Welt ein, die einem als selbstverständlich präsentiert wird. Für europäische Leser ist der islamische Hintergrund zudem spannend; das ist eine andere Art von Fantasy als der »Mainstream« dieser Literaturgattung, der sich vorrangig aus der keltischen und germanischen Sagenwelt speist. 

Clark schildert seine Figuren ebenso glaubhaft wie die Welt, durch die sie sich bewegen. Er präsentiert Kairo als eine Stadt, in der es längst moderne Technik gibt – die Luftbahnwagen gehören ebenso dazu wie die Metallwesen, also Roboter, die immer wieder auftauchen –, die aber von magischen Einflüssen durchzogen ist. Daneben zeigt er Frauen, die ihre Rechte einfordern, und Beamte, die sich mit der Bürokratie herumschlagen – es ist also keine Fantasy, die in der Vergangenheit schwelgt, sondern eine, die ein fiktives Universum erfindet. 

Beide Erzählungen sind absolut lesenswert und machen auf das weitere Werk des Schriftstellers neugierig. Wer ungewöhnliche Fantasy mag, sollte zugreifen! 

Das mit 176 Seiten schmale, aber schön gestaltete Taschenbuch gibt’s für 14,00 Euro überall im Buchhandel und bei allen Versendern, etwa dem PERRY RHODAN-OnlineShop. Die ISBN 978-3-98666-443-5 kann dabei behilflich sein. Wer das E-Book bevorzugt, wird ebenfalls bei allen relevanten Shops fündig – es kostet 9,99 Euro.

(Diese Rezension veröffentlichte ich im Juni auf der PERRY RHODAN-Seite. Hier teile ich sie der Vollständigkeit halber.)

13 Februar 2025

Eine Nacht im Victoria Guest Hotel

Bei meiner Reise durch Kamerun kam ich auch nach Limbe. Die kleine Küstenstadt liegt in der englischsprachigen Region des Landes. Trotz des Windes, der vom Meer her blies, empfand ich die Stadt als schwülwarm; bei jedem Schritt trieb es mir den Schweiß aus den Poren.

Ich übernachtete im Victoria Guest Hotel Limbe, wo ich ein schönes Zimmer bekam. Geplant hatte ich anfangs, vielleicht länger als nur eine Nacht zu bleiben – dann aber brach ein tropisches Unwetter über die Stadt herein. Der Regen drückte durch die geschlossenen Fenster, meine Klamotten und Bücher waren am nächsten Morgen nass. Im Gemeinschaftsraum des kleinen Hotels stand das Wasser; das Personal wirkte völlig überfordert.

Das Angebot des freundlichen Managers, der mich nach Douala mitnehmen konnte, weil er ohnehin dorthin fuhr, fand ich gut, und das nahm ich gern an. So blieb es bei einem halben Tag, einer Nacht und noch einmal einem halben Tag in einer kleinen Stadt am Meer und in einem kleinen Hotel, an das ich mich vor allem wegen des Unwetters erinnere ...

10 Januar 2025

Familienbesuch der besonderen Art

Ich steuerte mein Fahrrad langsam an den Straßenrand, stieg ab und schob es einige Meter ins Buschland hinein. Zwischen zwei großen Grasbüscheln stellte ich es ab. Sicherheitshalber prüfte ich, ob es stabil stand und der Seesack immer noch gut verstaut war. Alles wackelte, wie es sich gehörte, aber das Rad fiel nicht um.

Erst dann nahm ich den Rucksack ab, trank einen Schluck Wasser und suchte mir einen großen, flachen Stein am Straßenrand, auf dem ich mich niederlassen konnte. Die Sonne knallte vom Himmel, wir hatten sicher schon elf Uhr, und es wurde immer wärmer. Das Radfahren strengte an, mein T-Shirt war vom Schweiß getränkt, vor allem der Rücken klebte. Aber das konnte ich ignorieren.

Langsam aß ich eine Mohrrübe, die ich mir auf einem Markt gekauft hatte. In der Ferne erkannte ich einen Lastwagen, der langsam näher kam; die Straße in diesem Bereich des Nationalparks verlief streckenweise fast gerade. Der Fahrer schien mich zu sehen, er bremste ab und wurde langsamer. Grüßend hob ich die Hand, er grüßte und rollte vorbei, dann fuhr er schneller. Eine Wolke aus feinem Staub und Abgasen blieb in der Luft hängen.

Was der Fahrer wohl gedacht hatte? Ich war mir sicher, dass nicht viele weiße Radfahrer im Kandé-Nationalpark im Norden Togos unterwegs waren. In diesem Januar 1987 war ich womöglich der einzige. Die Straßensperre am Eingang des Nationalparks, an der sich alle Auto- und Lastwagenfahrer ausweisen musste, hatte ich einfach umgangen; seither war ich praktisch allein unterwegs.

Rechts und links von mir erstreckte sich Savanne, meist niedriges Buschland, ab und zu mal Bäume. Ich hatte Giraffen gesehen, die sich nicht um mich scherten, und einige Antilopen, sonst nichts. Gefährliche Tiere gab es nicht, wie man mir gesagt hatte; ich brauchte weder vor Löwen noch Leoparden irgendwie Angst haben.

Während ich kaute, sah ich mich ständig um. Warme Luft trieb nun den Geruch des Buschlands an meine Nase, Pflanzen und Tiere und Staub; ich konnte nicht alles richtig zuordnen, fand es aber faszinierend. Insekten krabbelten über den Boden, in einem Strauch in meiner Nähe raschelte es, wohl ein Kleintier. Alles wirkte harmlos, und ich genoss meine Pause.

Bis auf einmal die Affen auftauchten. Es waren vielleicht zwanzig Tiere, junge wie alte und sicher beiderlei Geschlechts. Ich kannte mich nicht aus, wusste also nicht, welche Art es war. Aber ich erkannte, dass ich keine Schimpansen vor mir hatte, dass sie eher Mandrills oder etwas in der Art waren. Die großen Angehörigen der Familie wirkten durchaus wehrhaft, und ich wusste aus Berichten, dass man Affen nicht unterschätzen sollte.

Sie sahen mir zu, wie ich in meine Mohrrübe biss und kaute. Immerhin blieben sie brav auf der anderen Straßenseite; vielleicht hatten sie vor der Straße Respekt, oder sie empfanden Scheu vor mir.

Mir aber war auf einmal unwohl.

Langsam aß ich zu Ende, dann packte ich meinen kleinen Rucksack zusammen und hievte ihn mir auf den Rücken. Vorsichtig schob ich mein Fahrrad auf die Straße, ließ die Affen dabei nicht aus den Augen. Auch sie betrachteten mich unaufhörlich; ich kam mir vor, als sei ich im Zoo und werde von den Tieren bestaunt.

Als ich auf meinem Rad saß und in die Pedale trat, blickte ich mich irgendwann um. Die Affen hatten sich mittlerweile über die Straße verteilt. Zwei große Tiere saßen an der Stelle, wo ich gerastet hatte, und schienen sie zu betrachten.

»Puh«, sagte ich, und ich wusste nicht, ob ich überhaupt einen Grund hatte, erleichtert zu sein. Aber ich wusste, dass ich noch einige Dutzend Kilometer vor mir hatte, die quer durch den Nationalpark führten …

22 Mai 2024

Völkermord im Sudan?

Nach allem, was ich über den Sudan mitbekomme – es ist ja beklagenswert wenig in der deutschen Presselandschaft –, tobt dort seit über einem Jahr ein Krieg zwischen zwei verfeindeten Armeen. Die Bezeichnung »Bürgerkrieg« halte ich angesichts der Tatsache, dass die hochgerüsteten Soldaten mitten in Wohngebieten mit schwerer Artillerie aufeinander schießen, nicht für angebracht.

Menschen starben seitdem zu Zehntausenden, Millionen sind auf der Flucht, das halbe Land wird von einer fürchterlichen Hungerkatastrophe bedroht. Vor allem in den westlichen Teilen des Landes gehen Experten mittlerweile von Verbrechen aus, die man als Völkermord bezeichnen müsste. Die versprochene Hilfe der sogenannten westlichen Welt kommt kaum und trifft nur in geringen Dosen ein. (Von den teilweise stinkreichen arabischen Ländern reden wir lieber nicht. Die liefern keine Nahrungsmittel, sondern Waffen an die unterschiedlichen Fraktionen, wie es aussieht.)

Das Thema findet hierzulande praktisch nicht statt. Es gibt keine Demonstrationen, in denen gegen den drohenden oder schon geschehenden Völkermord protestiert wird. Keine aufgeregten Studenten besetzen Hörsäle und machen wichtige Veranstaltungen, in denen sie lauthals Parolen rufen. Es gibt keine Sondersendungen in Talkshows, zumindest bekomme ich davon nichts mit.

Warum eigentlich? Mir fallen nur zwei Lösungen ein, und beide finde ich unangenehm.

Die eine: Im Sudan sterben Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Das interessiert im mehrheitlich weißen und vergleichsweise wohlhabenden Deutschland einfach nicht so.

Die andere: Die Täter sind keine jüdischen Menschen. Dann sind die Opfer auch nicht mehr so interessant.

03 Mai 2024

Akissi von der Elfenbeinküste

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2024«

Comics, die das Leben in Afrika zeigen, sind sehr selten. Umso begrüßenswerter ist es, dass im Programm des Reprodukt-Verlags die Kinderserie »Akissi« veröffentlicht wird. Zum Gratis-Comic-Tag 2024 gab’s zu dieser Reihe ein kostenloses Heft, das mir sehr gut gefallen hat. 

Die Hauptfigur ist Akissi, ein kleines Mädchen, das in der Elfenbeinküste wohnt. Es sieht so aus, als lebe Akissi in einem städtischen Umfeld: Es fahren Autos, es gibt einen Fernseher, man sieht ein Hochhaus im Hintergrund. Das Kind hält sich aber viel im Freien auf, wo es mit seinen Freundinnen allerlei Schabernack treibt. 

Beispielsweise nehmen die Kinder ein Kleinkind mit, weil sie unbedingt »Mama« spielen wollen. Natürlich tun sie das, ohne sich vorher bei den Eltern zu erkundigen; die wiederum glauben, ihr Baby sei entführt worden … Die kurzen Episoden in diesem Heft erzählen immer typische Kindergeschichten, die teilweise auch in Mitteleuropa spielen könnten, aber vor allem hervorragend in die afrikanische Umgebung passen.

Verantwortlich für die Geschichten sind Marguerite Abouet und Matthieu Sapin. Die Autorin stellt das Leben in einer westafrikanischen Gesellschaft sehr realistisch dar, ohne dass es »von oben herab« wirkt. Das Zusammenleben der Familien wird ebenso glaubhaft geschildert wie der Aufenthalt in auf den Straßen oder das Leben in einer recht bürgerlichen Familie – Akissis Vater trägt Anzug und Krawatte.

Bei den Zeichnungen bleibt Sapin realistisch, trotz aller witzigen Blicke auf Akissi und ihre Streiche. Die Bilder sind schlicht gehalten und sollten so bei den Kindern als potenzieller Zielgruppe sehr gut ankommen. 

»Akissi« ist ein empfehlenswerter Comic, der schöne Geschichten aus einem anderen Kulturkreis erzählt, aber in einer Art und Weise, die bei Kindern in Mitteleuropa »funktionieren« sollten. Sehr lesenswert!

10 Oktober 2023

Kinder-Fantasy mit afrikanischen Wurzeln

Tannicia ist ein aufmüpfiges Mädchen, das in einem afrikanischen Dorf wohnt. Vom Haus seiner Mutter aus ist es nicht weit bis zum Urwald. Durch eine Aktion, die Tannicia selbst nicht richtig versteht, gelangt das gerade mal acht Jahre alte Kind in eine andere Welt.

Zur Überraschung stößt Tannicia auf sprechende Tiere – darunter einen Löwen und ein Krokodil –, die menschliche Kleidung tragen. Mit ihnen freundet sie sich an und stolpert von einem Abenteuer ins andere. Dabei will sie doch eigentlich nur zurück zu ihrer Mutter …

Mit »Zibeline« hat der Toonfish-Verlag einen Zweiteiler veröffentlicht, der ganz andere Comic-Bilder liefert: Sowohl erzählerisch als auch zeichnerisch ist der Blick auf ein phantastisches Afrika gelungen. Die meisten Comics, die in Mitteleuropa erscheinen, haben einen europäischen oder amerikanischen Blick auf die Welt; die japanisch oder koreanisch geprägten Mangas ergänzen das auf ihre Weise. Afrika ist auf der Comic-Landkarte kein relevantes Thema, und das finde ich schade.

Die phantastische Geschichte, die sich vor allem am Kinder richtet, aber auch von Erwachsenen gut gelesen werden kann, stammt von Régis Hautière und Régis Goddyn, wobei mir vor allem Hautière durch diverse Comics bekannt ist. Die beiden erzählen die Geschichte aus der Sicht des Mädchens und bleiben so »kindgerecht«.

Für die Bilder zeichnet Mohamed Aouamri verantwortlich. Der algerische Künstler schafft es, afrikanisches Dorfleben mit allerlei phantastischen Elementen zu verknüpfen. Das ist originell und spannend; das kann man sich jederzeit anschauen.

Alles in allem sind die zwei Teile von »Zibeline« richtig gelungen – nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene! (Wer’s nicht glaubt, schaue sich die Internet-Seite des Splitter-Verlags an, wo es ja auch eine Leseprobe gibt.)

26 September 2023

Afrika als Chance

Ich bin weit davon entfernt, ein Experte für den afrikanischen Kontinent zu sein. Aber weil ich im Verlauf der Jahre die eine oder andere Reise durch verschiedene Länder unternommen habe, interessiert mich die politische und gesellschaftliche Entwicklung dort sehr. So habe ich mit Interesse gelesen, was sich beim Afrika-Klimagipfel in Nairobi tat. Das Thema wurde in der bundesdeutschen Presse nicht so »breit« behandelt, fürchte ich, wie es angebracht gewesen wäre.

William Ruto, der aktuelle Präsident von Kenia, wurde mit einer klaren Aussage zitiert: »Afrika ist der Kontinent mit 60 Prozent der weltweiten erneuerbaren Energieanlagen, darunter Solar- und Windenergie, Geothermie und Wasserkraft. Wir verfügen über zwei Drittel des unkultivierten Ackerlands der Welt, das eine intelligente Landwirtschaft in den Produktionsspeicher der Welt verwandeln kann.«

Tatsächlich finde ich den Blick, den »wir« aus dem reichen Norden auf den armen Kontinent im Süden richten, reichlich abgehoben und arrogant. Südlich des Mittelmeers leben Hunderte von Millionen Menschen, die meisten sind deutlich jünger als der durchschnittliche Europäer. Wir haben es also mit einem riesigen »Markt« zu tun, mit dem man partnerschaftlich zusammenarbeiten könnte. Die junge Bevölkerung in den afrikanischen Ländern ist hungrig auf ein Vorankommen, auf eine Entwicklung, auf eine bessere Zukunft.

Die Diskussion, die man in Europa über Afrikaner und ihre Heimat führt, kommt mir nicht nur rücksichtslos, sondern auch reichlich dumm vor. Man redet über Flüchtlinge und Militäreinsätze, gelegentlich auch mal über die Rohstoffe, die man in afrikanischen Ländern ausbeuten kann, und ab und zu wird das Thema Menschenrechte in die Kamera gehalten. Aber so richtig partnerschaftlich wirkt das auf mich alles nicht.

Warum reicht die Europäische Union der Afrikanischen Union mal so richtig die Hand? Es müssen gemeinsame Projekte angestoßen werden, von denen beide Seiten profitieren. Wenn wir über »grüne Energie« aus Afrika reden, muss die vor allem auch den Menschen dort zugute kommen. Wenn wir über Arbeitskräfte sprechen, müssen wir natürlich darüber sprechen, wie man die Migration sinnvoll steuert. Und es kann nicht sein, dass die profitablen Teile der Wertschöpfungskette immer nur in Europa sind, während die »einfachen Arbeiten« in Afrika bleiben.

Das ist nichts, was ich mir jetzt neu ausgedacht habe. Es fehlt nicht an klugen Leuten, die sich auskennen und die das seit vielen Jahren sagen. Aber zumindest im deutschsprachigen »Diskurs« bekomme zumindest ich davon nichts mit – es reden wohlgenährte weiße Menschen über die Probleme von eher schwarzen Menschen, und das gilt dann als Fortschritt …

08 August 2023

Flughafenhotel mit Waldblick

Wer vom Flughafen Düsseldorf aus in die weite Welt fliegen möchte und das Pech hat, dass die Reise schon in aller Herrgottsfrühe anfängt, kann sich verschiedene Optionen aussuchen. Die eine davon wählte eine Reisegruppe aus Süddeutschland, die ich lauthals klagen hörte: »Wir sind schon seit Mitternacht am Flughafen und warten immer noch« – sie mussten also die Stunden im Gebäude verbringen und saßen neben ihren Koffern, die sie noch nicht hatten aufgeben können, auf dem Fußboden herum.

Die andere Möglichkeit wählten wir: Wir fuhren in aller Ruhe am Vortag nach Düsseldorf und nahmen uns ein Zimmer im Hotel direkt am Flughafen. Es stehen mehrere zur Wahl, wir entschieden uns für das Sheraton, über das wir nicht viel wussten. Aber die Lage war sensationell: Wir fuhren mit der S-Bahn zum Hotel, und von dort aus hatten wir nur einen Spaziergang durch eine Garage, um in den Flughafen zu kommen.

Das Hotel befindet sich auf nur einer Etage, die Zimmer sind in einem riesigen Halbkreis angeordnet. Von den Fenstern aus sieht man entweder auf den Flughafen oder auf dessen Ränder; Romantik ist etwas anderes. Aber das war mir ja egal.

Interessant war das Restaurant. Das hat den hübschen Namen »Otto«, das Essen dort ist sehr ordentlich, und man genießt einen schönen Blick. Dieser fällt nicht auf den Flughafen, sondern richtet sich in die Ferne: bewaldete Hügel, vereinzelte Häuser. Dass man sich in der Nähe der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen aufhält, fällt einem da kaum auf.

Ich werde sicher nie ein Fan des Sheraton-Hotels werden. Für einen Aufenthalt am Flughafen von Düsseldorf fand ich es großartig.

03 August 2023

Mein Blick auf den Niger

Ende 1987 überquerte ich die Grenze zwischen Algerien und Niger, und danach hielt ich mich in Niger auf. Ich war einige Tage in Arlit, dann fuhr ich über Agadez und das weite Land dazwischen bis nach Niamey, wo ich mich einige Tage lang aufhielt. Ich bewegte mich zu Fuß und mit meinem klapprigen Fahrrad durch die Stadt, lernte so die einzelnen Viertel kennen, redete mit Einheimischen und Entwicklungshelfern, mit Journalisten und »einfachen Leuten«, die am Straßenrand Getränke oder Essen verkauften.

Die meisten Menschen in Niger waren arm, die sozialen Gegensätze traten offensichtlich zutage. Polizei und Militär waren oft zu sehen, und niemand schien sie als positive Kräfte wahrzunehmen. Trotzdem war die Situation in dem Land nicht so angespannt wie in Burkina Faso, wohin ich Mitte Januar 1988 weiterreiste; dort hatte kurz zuvor ein Militärputsch stattgefunden.

Ich erinnere mich oft an diese Tage und Wochen, wenn ich derzeit die Nachrichten verfolge und aus der Ferne mitbekomme, wie sich die Situation in Westafrika wieder verändert. Nachdem es einige Zeit lang so aussah, als würden die Länder stabil werden und die Demokratie zu einer Aufbruchstimmung führen, rückt in mehreren Ländern wieder das Militär an die Macht; zuletzt in Niger.

Es gibt genügend Gründe, warum die Menschen in Westafrika sich von den »westlichen« Nationen abwenden und vor allem von Frankreich enttäuscht sind. Dazu gibt es viele schlaue Bücher, dazu brauche ich nicht viel zu sagen – ich bin kein politischer Experte für diese Weltregion. Aber sehe ich die aktuelle Entwicklung, finde ich sie sehr traurig.

Ich habe damals viel mit den Leuten geredet. Sie wollten Demokratie und Wohlstand – klar wollten sie beides –, sie wollten eine Zukunft für sich und ihre Familien, sie träumten von einem besseren Leben. Das werden sie von den neuen Militärherrschern wohl kaum erhalten …

10 Juli 2023

Eine gefiederte Bande

Auf einmal waren Captain Hook und seine Bande wieder da: Ein Schwarm von kleinen Vögeln landete im Frühstücksbereich des Urlaubshotels. Ob es Spatzen waren, wusste ich nicht; sie waren viel kleiner als die Vögel in Deutschland, sahen ihnen aber sehr ähnlich – also bezeichnete ich sie als Spatzen. Sie waren frech, sie kannten keine Scheu vor Menschen, und sie wussten, was ihnen schmeckte.

Zuerst hüpften sie auf dem Boden herum und pickten das auf, was die Touristen beim Frühstück hatten fallen lassen. Krümel aller Art, Stückchen von Wurst und Käse, manchmal auch ein bisschen mehr. Nach kürzester Zeit gaben sie ihre Zurückhaltung auf und flogen auf die Tische, wo sie über die Teller herfielen. Wer seinen Tisch unbeaufsichtigt ließ, weil er sich einen Kaffee oder einen Saft holte, konnte sicher sein, dass sein Brot und sein Käse von der gefiederten Bande angefressen wurden.

Ich sah mir das jeden Morgen an. Und weil ich eh nichts zu tun hatte und im Gammelmodus war, nahm ich mir die Zeit, auf Details zu achten, die man sonst nicht wahrnimmt. Die Vögel bekamen von mir Namen, und nach kurzer Zeit konnte ich gut ein halbes Dutzend unterscheiden.

Captain Hook war einer, der nur ein Bein benutzen konnte. Er hüpfte einbeinig durch die Gegend, er hielt den anderen Fuß immer angewinkelt, als ob er verletzt sei. Beim Fliegen wirkte er elegant, beim Hüpfen war er nicht so schnell wie seine Kollegen.

Lurchi war einer, dem der Schwanz fehlte. Der kleine Vogel sah aus, als hätte ihm eine Katze oder ein Hund die Hälfte des Gefieders abgerupft, aber er sei davon gekommen. Er wirkte wie verstümmelt, gleichzeitig hatte ich den Eindruck, er sei besonders frech.

Eher jammernd war ein Vogel, der immer hinter einem anderen herhüpfte, sich aufplusterte und sich dann füttern ließ. Er war nicht kleiner als die anderen, wurde von einem aber mit Brosamen versorgt, die dieser ihm in den Schnabel steckten. Ich assoziierte: Das waren Vater und Sohn. Ich nannte sie Papa und Pieps.

Und so verbrachte ich mit Captain Hook und Lurchi, dem kleinen Pieps und seinem Papa einige Zeit. Es war spannender, als anderen Touristen bei ihren Morgengesprächen zuzuhören.

12 Juni 2023

Faul sein auf Sal

Sal ist eine der Inseln, die zu Cabo Verde gehören, hierzulande allgemein als »die Kapverden« bezeichnet; ein afrikanischer Staat, der vor der Küste Westafrikas liegt. Dort war ich in den vergangenen Tagen in einem Urlaub, der unglaublich entspannend und faul war, so ganz anders als frühere Urlaube in afrikanischen Ländern, die von Reisen und viel Kommunikation gekennzeichnet waren.

Es war nötig, und es war die klare Absicht, so faul wie möglich zu sein: keine Verpflichtungen, kein Stress, keine Hektik, keine unnötigen Aktivitäten. Ich verbrachte die Tage damit, am Strand entlangzuspazieren und den Wellen zuzuschauen – zeitweise sehr allein oder maximal zu zweit, weil es so viele Touristen gar nicht gab –, Bücher zu lesen oder im Pool zu planschen. Ab und zu sprang ich auch ins wunderbare Wasser des Atlantischen Ozeans; mithilfe der Schnorchel konnte ich immerhin einige Fische und einen Seestern betrachten.

Ich genoss das Essen im Hotel, ich ignorierte praktisch alle weiteren Angebote, die man dort unweigerlich bekommt, trank in einem überschaubaren Maß portugiesischen Weißwein und brach – immer mal wieder ein Stück Fisch essend – mal wieder meinen Vegetarismus. Und ich schaffte es schnell, bei all diesen tranfunzeligen Aktivitäten jeglichen Gedanken an die Arbeit aus dem Kopf zu bekommen.

(Ach ja: Smartphone und Fernseher blieben aus, den Computer und das Tablet hatte ich daheim gelassen. Ich guckte keine Nachrichten, ich las keine Zeitung, ich bekam nichts mit. »Wie früher«, wenn ich irgendwo unterwegs war.)

Ob und wie ich dazu irgendwelche Texte schreiben werde, weiß ich gar nicht. Viel erlebt habe ich schließlich nicht bei meiner »Mission Faulheit«. Was im übrigen auch ein guter Titel für diesen Text gewesen wäre …

19 April 2023

Lebensnaher Krimi aus Benin

Der Roman »Spiegelreflex« ist bereits in den Nuller-Jahren erschienen, doch damals ging er an mir vorüber. Erst dieser Tage las ich ihn und war von ihm sehr gefesselt. Lena Blaudez, so der Name der Autorin, gelingt mit ihm eine spannende Mixtur aus Kriminalroman und starkem Einblick in die Kultur Westafrikas.

Ihre Hauptfigur ist Reporterin von Beruf, und sie kennt sich sehr gut in Westafrika aus. Als sie nach Cotonou reist, die größte Stadt von Benin, geht sie davon aus, auf bekanntem Terrain eine Reportage zu fotografieren. Doch eines Abends wird vor ihren Augen ein guter Freund ermordet, und dann beginnt sie in einen Strudel aus Gewalt, Intrigen und Voudou zu rutschen. Sie selbst wird bedroht, während ihr langsam klar wird, dass europäische Interessen und afrikanische Machtmenschen zusammenwirken …

Man merkt bei der Lektüre ständig, wie gut sich die Autorin auskennt. Ich selbst war nie in Benin, sieht man von einer Zwischenlandung ab, habe dafür aber einige der Nachbarländer besucht; das dürfte vergleichbar sein.

Wenn Lena Blaudez von den Märkten schreibt, von dem quirligen Leben in Kneipen und Bars, von den Reisen über Land und den Menschen, denen ihre Heldin begegnet, wird immer wieder klar, wie gut sie sich auskennt. Sie vermittelt einen prallen Eindruck vom Leben in einem Staat der Gegensätze.

Stark fand ich bei der Lektüre auch, wie Voudou gezeigt wird. Die Autorin vermeidet europäische Klischees, auch wenn sie ihrer Hauptfigur einen europäischen Blick auf die westafrikanische Religion vermittelt. Das ist eindrucksvoll geschildert und zog mich bei der Lektüre in den Bann.

Der Roman ist nicht unbedingt »mainstream«; wer sich noch nie in Westafrika aufgehalten hat, wird mit manchen Szenerien vielleicht seine Schwierigkeiten haben. Aber er ist rundum unterhaltsam und spannend, hat streckenweise sogar den Charakter eines Road-Movies. Gelungene Lektüre!

(Zur Info noch: Die Hardcover-Version des Romans, die ich besitze, ist verlagsvergriffen; das Taschenbuch ist aber noch erhältlich. Wer sich dafür interessiert, kann sich über die Internet-Seite des Unionsverlags schlaumachen.)

12 April 2023

Von Tansania erzählt

»Ich habe einen guten Freund, und der war in Tansania«, erzählte mir der Bekannte, »und was der mir alles erzählt hat, das ist der Hammer. Ich will da unbedingt auch mal hin!«

Er geriet innerhalb kürzester Zeit in einen Strom von Wörtern, der nicht stoppen wollte. Sein Freund war zwei Wochen lang in Tansania gewesen, hatte an verschiedenen Safaris teilgenommen und war unter anderem am Fuß des Kilimanjaro gewesen. Das fand mein Bekannter beeindruckend.

»Ich war auch mal in Tansania«, wandte ich vorsichtig ein. »Ich bin vier Wochen lang durchs Land gereist, ich habe eine Safari zu Fuß unternommen, bei der’s leider die meiste Zeit geregnet hat, und ich war ebenfalls am Fuß des Kilimanjaro. Also …«

»Das ist ja alles schön und gut«, unterbrach mich mein Bekannter und redete weiter. »Mein Freund, der hat da echt Elefanten gesehen und Giraffen, sogar Löwen und Büffel, der war völlig begeistert. Und die Leute dort waren so nett, nicht nur die im Hotel, sondern auch die, die er sonst traf.«

Ich war ein wenig verzweifelt, wollte aber nicht kampflos aufgeben. »Mir hat’s in Tansania ebenfalls gut gefallen«, erzählte ich. »Fahrten mit der Fähre, mit dem Taxi und dem Bus, Unterkünfte in Camps und in bescheidenen Hotels und …«

Er ließ mich wieder nicht ausreden, widersprach mir aber auch nicht. Und so hörte ich mir an, was er mir erzählte, korrigierte ihn nicht, belehrte ihn nicht, schaffte es tatsächlich, die Klappe zu halten. Ich war einigermaßen stolz auf mich, dass ich so lange still bleiben konnte.

Einige Minuten später wechselte das Thema am Tisch, wir sprachen über aktuelle Musik, die derzeit im Radio lief. Davon verstand ich gar nichts, und ich hielt die Klappe. Das Bier schmeckte mir ja trotzdem.

20 Januar 2023

Vier Beignets bei Lagodo

Seit einiger Zeit hatten wir die Hauptstraße verlassen, wir rollten über eine gut ausgebaute Piste. In der Ferne glitzerte die Oberfläche eines Sees. Ich war ein wenig nervös, weil ich nicht einschätzen konnte, wo wir uns aufhielten. Die kleinen Karten in meinem Reiseführer zeigten solche Details nicht an, und die Kamerun-Karte, die ich auf dieser Reise mit mir führte, wollte ich nicht auspacken.

Aber noch behielt ich die Ruhe. Solange alle Passagiere im Minibus gelassen blieben, verlief alles nach Plan. Wenn sich die Leute aufregten, bestand auch für mich Grund zur Aufregung.

In einer Staubwolke kam der Minibus zum Halten. Der Fahrer rief etwas, das ich nicht verstand. Rings um mich bewegten sich die Leute; der Junge, der dem Fahrer half, machte die Seitentür auf, und die ersten Leute stiegen aus.

Mein Nebensitzer erklärte es mir in bestem Französisch: »Wir machen eine Pause, vielleicht eine Stunde. Bleiben Sie in der Nähe, gehen Sie nicht zu weit weg.« Er zwinkerte. »Aber man wird Sie im Zweifelsfall suchen.«

Ich grinste. »En dilla, ich weiß.« Das riefen die Fahrer im Norden Kameruns immer, bevor es weiterging. Wenn ich es richtig verstanden hatte, hieß das so viel wie »wir fahren«. Und wer das hörte, hatte sich beim Bus einzufinden. Allerdings war bisher immer ein Junge losgelaufen und hatte mich gesucht, auch wenn ich schon selbst auf dem Weg gewesen war.

»Bis später«, sagte mein Nebensitzer. Ächzend stieg er aus. Er war schon älter, ich schätzte ihn auf 60 Jahre, und er trug einen dunkelbraunen Anzug, der an seinem dürren Körper viel zu groß aussah.

Ich folgte ihm und sah mich um. Mein Seesack war auf dem Dach des Minibusses gut verstaut, wie mir ein Kontrollblick bestätigte. Der Fahrer und sein Gehilfe standen an der Frontseite des Wagens und öffneten die Luke. Vielleicht wollten sie etwas kontrollieren.

Mit meinem kleinen Rucksack in der Hand, in dem sich unter anderem eine Wasserflasche und mein Notizblock befanden, spazierte ich unter großen Bäumen die Straße entlang. Im Schatten ging ein vergleichsweise kühler Wind, den ich als angenehm empfand. Ich trank einen kräftigen Schluck Wasser.

»Soll ich zum See laufen?«, überlegte ich halblaut, ließ es aber dann sein. Ich schätzte, dass ich noch gut einen Kilometer zu gehen hätte, und das war mir zu riskant. Ich wollte in der Nähe des Busses bleiben.

Rechts und links standen einige bescheidene Häuser. Eine Frau zerstieß etwas in einem Behältnis, zwei Männer dösten unter einem Vordach. An einigen Verkaufsstände gab es Obst und Gemüse, Brot und anderes zu kaufen. Eine Frau briet Brochettes auf der Glut, ein kleiner Junge erhitzte Beignets.

Bei dem Jungen kaufte ich vier Beignets. Ich mochte dieses Teiggebäck, es erinnerte mich an die Fasnetsküchle im Schwäbischen. Der Junge strahlte mich an, als er mir die Beignets in einem Stück Zeitungspapier – der Ersatz für einen Teller reichte –, und ich gab ihm sein Geld. Mit den Teigbällchen ließ ich mich auf großen Stein nieder, der im Schatten eines Baumes stand. Sie schmeckten köstlich.

Ich ließ meinen Blick schweifen, während ich langsam kaute und immer mal wieder einen Schluck Wasser trank. Die Stimmung eines solchen kleinen Marktes hatte ich bei meinen Reisen in Afrika schon immer geschätzt. Dass in der Nähe der Lagodo-Stausee war, wie mir der Reiseführer nach kurzem Blättern verriet, war gar nicht so wichtig. Entscheidend war, dass ich in aller Ruhe durch ein fremdes Land gondelte und Eindrücke sammelte.

Am Minibus wurde gearbeitet. Der Fahrer und sein Gehilfe schraubten am Motor herum und ließen den Anlasser gelegentlich aufheulen, als ginge es darum, grundsätzlich alles zu reparieren. Ich hoffte, dass sie nur alles überprüften und nichts wirklich kaputt war.

Der kleine Junge, bei dem ich die Beignets gekaufte hatte, paradierte auf einmal über die Straße, begleitet von einem anderen Jungen. Die beiden taten so, als gingen sie im Stechschritt, sie schienen eine Parade nachzuahmen und hoben immer wieder die Hand grüßend an die Schläfe. Sie gingen hin und her, bestaunt und belacht von den Passanten.

Es war eine sehr ruhige und sehr angenehme Pause bei meiner Fahrt von Nagoundéré nach Garoua, und ich genoss den Aufenthalt an diesem warmen Novembertag des Jahres 1999 sehr. Als der Fahrer sein »en dilla« rief und sich die anderen Reisenden und ich auf den Weg zum Minibus machten, war ich fast ein wenig traurig.

11 März 2022

Das geheimnisvolle Rey Bouba

Wie immer brachten mich die Hitze und das unaufhörliche Schaukeln des Busses dazu, ein wenig zu dösen. Dabei war die Landschaft schön, und ich erfreute mich immer wieder des Blicks, den ich über das Buschland oder hinein in den Urwald hatte. Als ich wieder dabei war, den Kopf nach vorne kippen zu lassen, stieß mich der Fahrer an.

Ich ruckte hoch. »Was ist?«

Er grinste. »Ich hab Ihnen doch gesagt, dass ich Ihnen sage, wenn es etwas Interessantes gibt?«

Wir waren unterwegs zwischen Nagaoundéré und Garoua, und nach meiner Empfindung hatten wir so langsam die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht. Ich saß mit einem anderen Mann, der ständig im Tiefschlaf versackte, neben dem Fahrer und hatte so einen guten Blick auf alles, was sich vor uns abspielte. Und ab und zu hielt der Fahrer, ein breitschultriger Typ mit grauen Schläfen, mir einen kleinen Vortrag in hervorragendem Französisch, von dem ich wegen meiner schlechten Sprachkenntnisse nur die Hälfte verstand.

»Wir kommen gleich an die Stelle, wo die Leute aus Rey Bouba einsteigen«, erläuterte er mir und zeigte geradeaus.

Ich sah nur die Straße, eine gut ausgebaute Piste, die durch einen dichten Wald ging. Rechts und links wucherten Bäume und Büsche in die Höhe, über uns spannte sich ein knallblauer Himmel. »Wo?«, fragte ich. »Und was ist Rey Bouba?«

»Es ist ein geheimnisvoller Ort, weit abgelegen und im Busch. Doch es ist zugleich ein wichtiger Ort.« Er verlangsamte, ohne dass ich erkennen konnte, an was er sich eigentlich orientierte.

Auf einmal stand eine Frau auf der Straße. Sie war hager, und sie trug traditionelle Kleidung; auf der rechten Schulter hatte sie einen Sack. Sie hob die Hand, und der Fahrer bremste ab. Er hielt direkt neben der Frau an.

Weitere Frauen kamen aus dem Wald. Ich erkannte weder, wo ein Weg anfing, noch eine Stelle, an der man erkennen konnte, dass hier so etwas wie eine Bushaltestelle war.

»Rey Bouba ist eine alte Residenzstadt«, sagte der Fahrer. »Man kommt nicht mit dem Bus dorthin, und die Straßen sind extrem schlecht. Früher war Rey Bouba richtig wichtig, heute ist es sehr abgelegen und geheimnisvoll; kein Europäer reist dahin.«

Während er ausstieg, um das Gepäck zu verstauen, dass die Frauen mit sich führten, fischte ich den Reiseführer aus meinem kleinen Rucksack, den ich auf dem Schoß hatte. Der schwere Seesack lag auf dem Dach des Busses, gut verstaut zwischen den Transportgegenständen meiner Mitreisenden.

Laut den Angaben des Reiseführers war die Siedlung gut hundert Kilometer von der Hauptstraße weg, und es gab keinen öffentlichen Verkehr, der dorthin führte. Die Frauen hatten also hundert Kilometer durchs Buschland zurückgelegt, um nun mit dem Bus weiterfahren zu können.

Ich verstaute den Reiseführer wieder im Rucksack und sah zu, wie das Gepäck verladen wurde. Nur zwei Frauen fuhren mit, sie quetschten sich in den ziemlich vollen Bus und fanden tatsächlich noch einen Platz. Die anderen blieben am Straßenrand stehen. Gesprochen wurde kein Wort, man verständigte sich offenbar wortlos.

Der Fahrer kam wieder zu seiner Seite und klopfte aufs Dach seines Busses. »En dilla«, befahl er, der Begriff in Fulfulbe, den ich mittlerweile als sehr wichtig empfand und den man beim Busfahren im nördlichen Kamerun einfach kennen musste.

Er grinste mich an. »Geheimnisvoll«, sagte er. Er startete seinen Bus und ließ ihn langsam rollen.

Als ich zur Seite blickte, waren die anderen Frauen nicht mehr zu sehen. Sie waren zwischen den Bäumen und Büschen verschwunden, als hätte es sie nicht gegeben. Und wieder erkannte ich keine Markierung, die darauf hingewiesen hätte, dass es hier einen Haltepunkt für Busse gab.

Geheimnisvoll, dachte ich und setzte mich aufrecht hin. Es gab noch genügend zu sehen im nördlichen Kamerun in diesem November 1999.