25 April 2022

Option Weg und die Frage nach dem Hass

Eine der vielen Deutschpunk-Bands, die aus politischen Zusammenhängen stammen und ihre politischen Inhalte in durchaus witzigen Punk übertragen, sind Option Weg aus Berlin. Inhaltlich merkt man die Herkunft aus dem Politischen an, wenngleich nie der erhobene Zeigefinger gezeigt wird, und musikalisch ist die Musik durchaus augenzwinkernd und weit entfernt von irgendwelchen Punkrock-Machismen.

2018 kam die EP mit dem schönen Titel »Kein Hass ist auch keine Lösung« heraus: drei flotte Punk-Stücke mit wechselndem Tempo, mit Akkordeon-Einlagen und allerlei schwungvollen Effekten, die bei einem Live-Konzert sicher zum Hüpfen anregen. Da verbindet sich die Party mit dem Polit-Inhalt, und das finde ich in Textzeilen wie »Literweise kein Frieden in Sicht« sehr gut gelöst.

Die Band wirkt sympathisch, die Platte macht einfach Spaß. Deutschpunk, der sich an den frühen Zeiten orientiert und alles nicht so verbissen sieht – sehr gut! (Erschienen ist die Platte bei Elfenart Recods.)

22 April 2022

Der Atom-Comic von 1980

Als ich zu Beginn der 80er-Jahre damit anfing, mich stärker zu politisieren, war die Atomkraft ein permanentes Thema in Diskussionen und persönlichen Gesprächen: Mir leuchtete zwar aus rein technokratischen Gründen ein, warum sich viele Leute für diese Art der Energieerzeugung begeisterten, hatte aber meine Bedenken, was den Müll anging, von den ganzen politischen Dingen drumherum – Stichwort Überwachungsstaat – ganz zu schweigen.

Und weil ich mich auch für Comics begeisterte, kaufte ich mir etwa 1981 das Heft »Atom Comic«. Dieser Tage hatte ich es wieder in den Händen: ein eher schwach gedrucktes Heft im A4-Format, 28 Seiten dünn, mit einem farbigen Umschlag. Es bestand aus einer Mixtur von Comics und kurzen Artikeln.

Veröffentlicht wurde das Heft im Jahr 1980 im Nexus Verlag in Frankfurt. Für die englischsprachige Ausgabe zeichnete ein gewisser Leonard Rifas verantwortlich, der es offenbar im Jahr 1976 hergestellt hatte. Ein typisches Produkt der Underground-Literatur jener Tage also.

So sieht es auch aus: Die Comics selbst sind eher einfach gezeichnet, das Handlettering wirkt arg krakelig. Die Artikel sind knapp und kurz, machen aber einen sauber recherchierten Eindruck. Alles in allem könnte man damit heute niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken.

1981 fand ich das Heft klasse. Ich mochte auch »Asterix und das Atomkraftwerk«, das ich beim selben Händler bezogen hatte. Solche Hefte trugen dazu bei, mein eigenes Weltbild zu festigen. Und da störte es mich nicht, dass die Zeichnungen eher schlicht waren ...

21 April 2022

Mit dem Motorrad nach Triberg

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Meine Eltern heirateten 1954, in den Jahren davor unternahmen sie immer wieder Ausflüge mit dem kleinen Motorrad. Das Bild zeigt meine Mutter am 1. Mai 1951, den Geburtstag meines Vaters. Sie posiert direkt vor den Triberger Wasserfällen.

Die kleine Stadt Triberg im Schwarzwald war in meiner Kindheit ein beliebter Ausflugsort für die Familie. Triberg war weit genug von Dietersweiler entfernt, so dass schnell der Charakter einer »echten« Reise entstand, die wir mit unserem VW Käfer zurücklegten. Es fielen aber keine Übernachtungs- oder spezielle Essenskosten an; wir hatten immer ein Vesper und Getränke dabei und verzichteten auf den Besuch eines Gasthauses. Für solchen Luxus hatte man kein Geld.

Es gibt ein Foto, das meine Schwester und mich im Mai 1971 zeigt: an praktisch derselben Stelle, wo mein Vater zwanzig Jahre zuvor meine Mutter fotografiert hatte ...

Neu-Ronz bolzen sechsmal

Kein Textblatt, keine vernünftige Information: So mag ich das ja, wenn Bands ihre erste Platte herausbringen. Dabei waren die Neu-Ronz aus Stockholm keine Anfänger. Die vier Punks hatten vorher schon in anderen Bands zusammengespielt, bevor sie 2015 ihre selbstbetitelte erste EP veröffentlichten.

Sechs Stücke sind darauf enthalten, alle in einem rasenden Punk-Stil gehalten. Das ist dann Hardcore in der ursprünglichen Bedeutung: schnell gespielt, absolut ruppig, keinerlei Anleihen an Metal oder Emo, stattdessen ein knalliger Auf-die-Fresse-Sound mit entsprechenden Texten. Kein Stück ist länger als 80 Sekunden, und das hat auch eine gewisse Konsequenz.

Schnell ins Ohr geht das nicht, Melodien findet die Band offensichtlich eher unwichtig. Der Sänger schreit, das Schlagzeug poltert wild, Gitarre und Bass schraddeln dazu – die Platte gefällt allerdings immer besser, je öfter und je lauter man sie anhört. Hardcore-Punk halt.

20 April 2022

Was der Bub soll

Meine Lehrer waren sich in der vierten Klasse einig: Ich sollte aufs Gymnasium wechseln. Ich hatte gute Noten, und mir machte in Deutsch niemand etwas vor. Ich hatte die vorher unbekannte Hochsprache richtig gut gelernt und schrieb Aufsätze, die allgemein gelobt wurden.

»Es wäre schade, wenn du nicht aufs Gymnasium gehen könntest«, sagte mein Klassenlehrer und suchte das Gespräch mit meinen Eltern. Diese ließen sich nur nach gutem Zureden darauf ein.

Beide fanden die Aussicht, ihr Sohn könnte auf das Gymnasium wechseln, eher befremdlich. Mein Vater war Elektriker in einer Fabrik, meine Mutter arbeitete als Putzfrau. Wir empfanden uns als »einfache Leute vom Dorf«, und so ein Gymnasium kam uns fremd vor. Auch ich fand die Aussicht, jeden Tag mit dem Bus in die Stadt zu fahren, wo ich auf Lehrer treffen würde, die sogar Latein unterrichteten, eher unheimlich.

Die Verwandtschaft hatte sowieso eine klare Meinung: »Der hat eh schon zu viele Flausen im Kopf«, sagte eine Tante, »auf der Oberschule wird alles nur noch schlimmer.«

Ein Onkel, der immerhin die Handelsschule absolviert hatte, warnte mich: Wer aufs Gymnasium gehe, müsse sehr viel lernen Das sei anstrengend und nicht gut für den Kopf. Ich solle doch erst mal die Hauptschule abschließen und eine Lehre machen – und dann sehe man weiter. Wenn dort alles klappe, könnte ich später weitermachen, eine weiterführende Schule besuchen beispielsweise. »Aber Handwerk hat immer goldenen Boden.«

Das wiederum brachte meine Eltern zum Nachdenken. Während ich zum Handwerkern, sehr zu ihrem Leidwesen, nur eingeschränkt taugte, schrieb ich ganze Schulhefte mit erfundenen Geschichten voll. Es war offensichtlich, dass ich eher ein Schreiberling als ein Bastler war. Ich las dicke Bücher und unterhielt meine Freunde aus der Nachbarschaft mit erfundenen Gruselgeschichten; so richtig normal fanden mich wohl viele nicht.

Es dauerte recht lange, bis man sich einig wurde. Unser soziales Umfeld bestand aus Arbeitern, Handwerkern und einigen wenigen Angestellten. Niemand studierte, niemand ging aufs »Gymmi« oder die »Oberschule«, und man hatte eher eine Abneigung gegenüber den »besseren Leuten«. Schon Kinder, die auf die Realschule gingen, galten als etwas Besonderes.

Meine Mutter sprach mit dem Priester unser örtlichen Gemeinde. Der hatte ohnehin ein Problem mit mir. Ich gehöre zu jenen, die immer meinten, sie wüssten alles. Dabei hatte ich nur immer wieder – ich war extrem bibelgläubig – kritische Fragen zu Stellen in der Heiligen Schrift gestellt, die mir unlogisch vorkamen.

Letztlich gab meine Mutter den Ausschlag. »Wir probieren‘s«, sagte sie. »Wenn’s nicht klappt, kann er ja immer noch auf die Hauptschule gehen.« Und so begann ich im Sommer 1974 mein erstes Schuljahr auf dem Kepler-Gymnasium …

Ein Gesellschaftsroman voller Drama und Sarkasmus

Seltsame Dinge geschehen in Opunake, einer kleinen Stadt in Neuseeland: Ein Mädchen gibt an, von Außerirdischen entführt und geschwängert worden zu sein. Weitere Mädchen sind auf einmal schwanger. Eine Kuh wird auf einem Acker gefunden, von einem immensen Gewicht zerquetscht – von einem Raumschiff? Das alles hängt möglicherweise damit zusammen, dass ein junger Mann die örtliche Bibliothek übernommen hat, beseelt von dem Auftrag, mehr Bildung in den abgelegenen Ort zu bringen …

So ließe sich der Anfang von »Liebe am Ende der Welt« zusammenfassen. Der Roman ist schon 2011 im deutschsprachigen Raum erschienen (und davor 1999 im englischsprachigen Raum – das merkt man übrigens deutlich daran, dass es im Roman kein Internet und keine Smartphones gibt …), ich las ihn erst dieser Tage.

Verfasst wurde er von Anthony McCarten, der die Gegend sehr gut kennt, in der sein Roman spielt – er wuchs in New Plymouth auf, der nächstgelegenen Stadt. Es war sein erstes großes Werk – danach wurde er vor allem dadurch bekannt, dass er Drehbücher schrieb.

»Liebe am Ende der Welt« hat sehr skurrile Züge, manchmal ist es wirklich lustig. Gleichzeitig aber zeigt der Autor auch, wie eng und beschränkt so eine Kleinstadt sein kann; wie sich Hass gegen eine junge Frau entwickelt, wie gewalttätig Eltern sein können und wie schwierig es ist, den Zwängen zu entkommen, die sich unweigerlich entwickeln. Er hält dabei bewusst keine saubere Erzählperspektive ein, springt manchmal von Kopf zu Kopf – und weil er das gut macht, stört es mich ausnahmsweise nicht.

McCarten zeigt nicht nur die junge Frau, die ungewollt schwanger wird, sondern gibt auch weitere Einblicke in die kleine Stadt: ein überlasteter Sheriff, ein Bürgermeister, der große Pläne hat, eine Fleischfabrik, die wie eine Maschine auch die Bürger der Stadt zu verschlingen droht. Somit entstand ein Roman, der nicht so dick ist wie manch moderner Gesellschaftsroman, in seiner Mixtur aus dramatisch und komisch mich durchgehend fesseln konnte.

(Erschienen ist das Werk bei Diogenes. Ich habe die Hardcover-Version gelesen; es gibt den Roman auch als Taschenbuch und E-Book.)

19 April 2022

40 Tage ohne Alkohol

Irgendwann stellte ich fest, dass ich seit vielen Jahren praktisch an jedem Tag etwas konsumiere, das Alkohol enthält: kein Abend ohne Bier oder Wein, Whisky oder Gin. Irgendwann als Teenager fing ich mit einem regelmäßigen Alkoholkonsum an, und im Erwachsenenalter setzte ich das fort.

An fünf bis sechs Tagen einer Woche konsumierte ich Alkohol. Vor allem in den Monaten der Pandemie hatte es sich eingebürgert, an jedem Abend etwas zu konsumieren, das man als alkoholisch bezeichnen konnte.

Es war also an der Zeit, mal auf die Bremse zu treten. Ich wollte nicht Straight Edge werden, hatte keine Lust, komplett auf Bier oder Wein zu verzichten. Aber die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bot sich dafür an: vierzig Tage ohne Alkohol.

Um es klar zu sagen: Das ging sehr gut. Mit körperlichem Entzug rechnete ich nicht, es gab auch keinen. Ich hatte immer wieder »G’lüste«, wie man im Schwäbischen sagt. Der Griff zur Bierflasche oder zum Weinglas gehört einfach zum Alltag eines Abends dazu, weshalb ich oft das Empfinden hatte, es müsse endlich wieder sein.

Wichtig war, dass wir abends trotzdem Getränke mit Geschmack hatten. Mit Crodino und San Bitter lassen sich schöne Mixgetränke mischen, die superlecker schmecken und garantiert ohne Alkohol sind. Und vielleicht behalte ich das auch bei, wenn ich eigentlich wieder trinken »darf«. Es muss ja echt nicht immer Alkohol sein …

14 April 2022

Kurz vor der FreuCon-Eröffnung

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Vom 24. bis 26. April 1992 veranstalteten wir den FreuCon '92 im Kongresszentrum Freudenstadt. »Wir«, das war in diesem Fall eine große Gruppe von Science-Fiction-, Rollenspiel- und Film-Fans aus ganz Deutschland, die über einen langen Zeitraum engagiert und intensiv zusammenarbeiteten. Die wesentlichen Spielarten der Phantastik fanden ihren Raum – und ich habe die drei Tage immer noch in einer rauschhaften Erinnerung.

Das Bild, bei dem ich leider nicht weiß, wer es aufgenommen hat (womöglich Peter Fleissner), wurde am Freitag, 24. April 1992, geschossen. Es gibt eine winzige Szene wieder, kurz vor der eigentlichen Eröffnung des Cons – eine kleine Vorbesprechung, bevor wir in die eigentliche Eröffnung gehen sollten.

Weil wir so viele ausländische Besucher hatten – sie kamen aus Großbritannien und Rumänien, aus der Ukraine und aus Russland, aus Ungarn und Frankreich, aus China und Polen, aus den USA und Japan, aus Belgien und den Niederlanden, aus Österreich, der Schweiz, der Slowakei und Italien ... –, hatten wir uns entschlossen, einige der Reden zweisprachig anzulegen: deutsch und englisch. Deshalb baten wir Dr. Florian F. Marzin, die Eröffnungsreden zu übersetzen.

Das Bild zeigt (von links) Dr. Florian F. Marzin, damals Chefredakteur der PERRY RHODAN-Serie und Programmleiter der Moewig-Buchverlage, mich sowie Hermann Ritter, der damals das Programm für den FreuCon leitete. Marzin hält die Con-Zeitschriften in seinen Händen, die an diesem Wochenende alle Besucher erhielten und die von Manfred Müller zusammengestellt worden war.

Koop mit coolem Pop

Es ist schon einige Jahre her – es war 2006 –, seit die schwedische Band Koop ihre Platte »Koop Islands« veröffentlichte. Seither läuft die bei uns daheim immer mal wieder, meist im Sommer und meist in einer Situation, in der sich warmes Wetter und kühler Wein paaren und ich eher in einer »Relax«-Lage bin. Zu Stress passt die Musik nämlich nicht.

Bei »Koop Islands« handelte es sich um die dritte Platte der Band; die anderen kenne ich nicht. Im Prinzip mixt die Band allerlei elektronische Klänge mit einem kräftigen Schuss Swing aus den Jahren zwischen den Weltkriegen und vor allem einigen mittelamerikanischen Rhythmen. Ich bin kein Experte, aber für mich hört sich das nicht nur einmal nach Bossanova und anderem Kram an.

Eine Frau singt angenehm und sehr locker, gelegentlich tröten Blasinstrumente dazwischen, dann wieder glaubt man Steeldrums zu hören. Insgesamt ist die Musik so, dass ich automatisch anfange, mit dem Kopf zu wackeln – und viel weiter von Punk entfernt könnte eine Band ja wirklich nicht sein.

Aber es gibt Tage, da mag ich das, und dann sind mir Koop gern dabei behilflich, in eine Stimmung zu kommen, die sich eher nach Strand und weniger nach Arbeit anfühlt. Das ist ja nicht das Schlechteste …

13 April 2022

Die Welt aus Eisen und ein Vorwort

Über lange Zeit hinweg gehörte Hans Kneifel zu den Autoren, die mich begleiteten: Als Jugendlicher mochte ich seine Science-Fiction- und Fantasy-Romane, als Redakteur arbeitete ich an vielen Projekten mit ihm zusammen. Als der Verlag Peter Hopf beschloss, eine Gedenkedition zu dem vor zehn Jahren verstorbenen Schriftsteller zu veröffentlichen, war ich sehr schnell damit einverstanden, daran mitzuarbeiten.

Das Ergebnis liegt mittlerweile in gedruckter – und limitierter – Form vor. Das Buch »Shindana – Welt aus Eisen« sieht toll aus, kam in einer limitierten Sammlerauflage heraus, und das Vorwort dazu stammt von mir.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich den Zugang zum Thema gefunden habe. Es wäre falsch, Hans Kneifel zu verherrlichen; das hätte er wohl selbst nicht gemocht. Also habe ich versucht, eine durchaus kritische Sicht auf sein Werk zu finden, aber eben zu zeigen, warum er für die deutschsprachige Science Fiction wichtig war und warum ich ihn immer schätzte.

Der Autor war ein typischer Vertreter der Science Fiction in einer Zeit, in der diese Literatur vor allem in Form von Heftromanen veröffentlicht wurde. Das wurde teilweise erbärmlich schlecht bezahlt, und das führte dazu, dass Autoren schnell und viel schreiben mussten, um ein halbwegs vernünftiges Einkommen zu erwirtschaften. Das darf man halt nicht vergessen …

Kein Sachbuch, eher eine Streitschrift

Mir ist der Autor Bernhard Heinzlmaier seit Jahren bekannt, nicht persönlich, aber vom Namen her. Wir veröffentlichen letztlich im gleichen Verlag; er ist Jugendforscher und leitet ein Marktforschungsunternehmen. Mit »Generation Corona« legte er im Herbst 2021 ein Buch vor, das – wie der Titel schon klar sagt – von Jugendlichen während der Corona-Pandemie handelt.

Der Autor zeigt klar, am Ende auch durch Statistiken belegt, welche Folgen die Corona-Pandemie für Jugendliche hat. Junge Leute, die sich an die »Maßnahmen« halten, sind von ihren Freunden isoliert; sie sitzen im Elternhaus fest und können nicht auf Konzerte, in Clubs oder zu Sportveranstaltungen gehen.

Dabei müsse man aber klar die sozialen Unterschiede beachten, so Henzlmaier: Während Jugendliche aus wohlhabenden Elternhäusern weniger Probleme mit alledem haben – weil sie daheim beispielsweise genügend Raum zu Lernen haben –, sind Jugendliche aus ärmeren Elternhäusern von den Folgen der Pandemie viel stärker betroffen.

Weite Teile des Buches verbringt Heinzlmaier damit, die Ober- und die Unterschichten auseinanderzudividieren. Dabei nimmt sein Buch einen unangenehmen Sound ein; es klingt zeitweise so, als habe der Autor die Reden von Sahra Wagenknecht genommen und auf sein Thema übertragen: Reichere Jugendliche könnten sich den Luxus leisten, sich für allerlei Themen einzusetzen (er nennt ausdrücklich »Fridays For Future«), während ärmere Jugendliche sich früher als andere für einen Beruf und für das Geldverdienen entscheiden müssten.

Rein inhaltlich stimme ich dem Autor in mancher Frage zu. Wer mit 16 eine Lehre anfangen muss, hat eine andere Perspektive auf das Leben als Leute, die mit 25 noch studieren. (Dass dies wiederum vom Großteil der Journalisten und Wissenschaftler nicht gesehen wird, ist peinlich genug.) Ärgerlich ist das Buch dann, wenn es jegliche Objektivität vermissen lässt und in ein »Bashing« der Oberschichtenjugendlichen übergeht.

Mehrfach spricht der Autor sich gegen die Diskussion über Gleichstellungsthemen aus. Das sagt er harmlos und ein wenig »waberig«, aber er bleibt stets im Wagenknecht-Sound des besorgten Links-Bürgers: »Wir reden lieber im Übermaß über Anerkennungsprobleme von Kleingruppen anstelle über Lösungen, die das Leben aller Menschen in äußerst herausfordernden Zeiten erleichtern könnten.« (Seite 123)

Er hat recht, wenn er schreibt, dass Jugendliche aus der Arbeiterschicht oder aus dem Subproletariat – der untersten Ebene der Dienstleistungsgesellschaft – in allen medialen Diskussionen an den Rand gedrängt werden und man sie kaum wahrnimmt. All diese Ungerechtigkeiten werden durch Corona noch extrem verstärkt; die Unterschiede zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Haushalten haben sich irrsinnig vergrößert.

Aber hilft man dem Thema wirklich weiter, wenn man die heutige Jugend mehrheitlich als »unselbständig, zaghaft und konformistisch« (Seite 123) bezeichnet? Ich glaube nicht. Somit ist »Generation Corona« ein durchaus lesenswertes Buch, aber halt in weiten Teilen kein Sachbuch, sondern eine Streitschrift, die sich liest, als stamme sie aus einem Labor der Linkspartei.

12 April 2022

Alte Männer vorne und innen

Die Band Hot Water Music aus Florida habe ich in vergangenen Jahrzehnten einige Male gesehen; ich erinnere mich unter anderem an ein fulminantes Konzert in Köln. Dabei hatte ich die Band immer als »jung« eingeschätzt. Schaue ich mir die Musiker auf dem Titelbild der OX-Ausgabe 161 an, sehe ich doch eher graue Haare – aber klar, seit dem Ende der 90er-Jahre ist doch einiges an Zeit vergangen.

Das gilt ebenso für mich, schon klar, und auch für die Figur meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock'n'Roll«, um die es in dieser Ausgabe geht. Es ist die Folge 36 des Romans, der im OX erscheint, und ich thematisiere darin einen eigentlich netten Cafébesuch. Das Problem: Für Peter Meißner alias Peter Pank ist so ein Café nicht das, was er normalerweise besucht, und so verhält er sich ein wenig verkrampft.

Hier spiegeln sich natürlich meine eigenen Erinnerungen an die 90er-Jahre. Viele Dinge, die für andere Leute selbstverständlich waren, empfand ich als fremd. Ich trieb mich unaufhörlich auf Punk-Konzerten, in besetzten Häusern, auf der Straße oder sonstwo herum, ging ansonsten arbeiten und hatte nicht viel mit dem »normalen Leben« zu tun. Ich fremdelte über viele Jahre mit der »wirklichen Welt« – das ist heute zwar besser geworden, aber seit 1996 sind ja doch einige Jahre vergangen.

Schon klar, die »Peter Pank«-Geschichten sind erfunden: nicht nur die Dialoge und Figuren, sondern auch die Szenen. Aber völlig losgelöst von meinen eigenen Erinnerungen und Empfindungen sind sie bei alledem nicht ...

Der vierte Band zu Enola Holmes

Ich kenne die Romanvorlage nicht, mag aber mittlerweile die Comic-Umsetzungen sehr: »Enola Holmes« stammt ursprünglich von der Autorin Nancy Springer, und Serena Blasco macht daraus Comics. Diese erscheinen hierzulande bei Toonfish, und ich las dieser Tage den vierten Band der Serie.

Klar bin ich nicht die Zielgruppe. Schon der Verlagsname macht klar, dass man sich an ein jüngeres Publikum richtet. Die flott erzählte Geschichte, die gut gezeichnet und mit schönen Effekten ausgestattet ist, sollte auf jeden Fall die Jugendlichen aller Geschlechter ansprechen, und als Erwachsener kann man ebenfalls seinen Spaß daran halten.

Enola Holmes ist die schlaue Schwester des bekannten Detektivs Sherlock Holmes. Sie hat keine Lust, sich den bürgerlichen Konventionen im England des Jahres 1889 zu beugen, und spielt lieber selbst Detektiv. Eigentlich sucht sie ihre verschwundene Mutter, aber sie schreckt auch nicht vor anderen Fällen zurück.

Band vier trägt den Titel »Der Fall des geheimnisvollen Fächers«. Ausgerechnet in einer öffentlichen Toilette für Damen – eine echte Neuerung in dieser Zeit! – lernt Enola die junge Cecily kennen, die von zwei Anstandsdamen begleitet wird. Wie sich herausstellt, soll Cecily gegen ihren Willen an einen jungen Mann verheiratet werden.

Die beiden Mädchen kommunizieren mithilfe ihrer Fächer, und Enola hat auf einmal einen neuen Fall: Sie muss Cecily retten und herausfinden, was eigentlich hinter alledem steckt. Verwirrenderweise kommt ihr Bruder ihr dabei in die Quere – und so muss das Mädchen tatsächlich einmal den berühmten Sherlock Holmes retten!

Es gibt bekanntlich beinharte Sherlock-Holmes-Fans. Für die ist dieser Comic sicher eine große Freude. Alle anderen sollten sich darauf einlassen – ganz nebenbei ist das Ganze ja auch noch ein feministischer Blick auf die Rolle der Frau gegen Ende des 19. Jahrhundert.

Toll erzählt, toll gezeichnet, sehr eigenständig umgesetzt – auch der vierte Band von »Enola Holmes« ist richtig gut!

11 April 2022

Schalko rockern aus Freiburg

Wenn sich drei mehr oder weniger junge Männer zu einer Band zusammentun und diese dann ausgerechnet Schalko nennen, kommen einem seltsame Assoziationen. Das war tatsächlich einer der Gründe, warum ich mich anfangs nicht so richtig an die Band herantraute. Dabei ist die Platte »cool«, die im Herbst 2020 veröffentlicht wurde, richtig gut.

Man merkt dem Tonträger an, dass das Trio aus Freiburg viel Dackelblut und andere Bands aus dieser Tradition gehört hat. Dieser Einfluss macht sich in der Musik ebenso bemerkbar wie in den Texten, die mit einer entsprechend übersteuerten Stimme vorgetragen werden. Aber das ist ja nicht die schlechteste Vorlage …

Der Sound ist treibend, beim Anhören juckt es mich in den Füßen, und mein Kopf fängt an, eifrig mitzuwippen. Das ist schon irgendwie Deutschpunk, meinetwegen mit einer strammen Emo-Kante, aber ohne jegliche Weinerlichkeit: flott gespielt, mit dem einen oder anderen Geschwindigkeitswechsel, mit Melodien, die ein wenig vertrackt sind, dann aber auch ins Ohr gehen. Okay, ein Hit für die Ewigkeit ist nicht dabei, aber das kann man nicht unbedingt erwarten.

Textlich ist die Band sarkastisch bis intellektuell unterwegs. Es geht um Beobachtungen aus dem Alltag und den entsprechenden Kommentar dazu, nicht um Aussagen zur Tagespolitik oder zu Szene-Diskussionen. Das überzeugt mich dann auch inhaltlich – eine überraschend gelungene Platte!

Sonderedition zum Phantastik-Klassiker

Leider haben es Generationen von Deutschlehrern verstanden, den Schülerinnen und Schülern den Spaß an der Literatur zu verderben. Dabei lohnt es sich durchaus, immer mal wieder nach einem Klassiker der deutschsprachigen – oder fremdsprachigen – Literatur zu schauen und ihn nachzulesen. Ich tu's leider selbst viel zu selten.

Vielleicht mache ich in diesem Sommer eine Ausnahme. Der Autor E.T.A. Hoffmann ist am 25. Juni vor 200 Jahren gestorben. Aus Gründen dieses 200. Todestages hat der Reclam-Verlag eine Sonderedition ins Leben gerufen.

Die wichtigsten Werke des Phantastik-Klassikers kommen in schönen Hardcover-Bänden heraus, die zudem mit Nachworten und allerlei Anmerkungen ausgestattet sind. Die Gestaltung ist echt ansprechend, und die Preise sind vernünftig.

Mit »Der Sandmann« ist einer der absoluten Phantastik-Klassiker enthalten, aber auch Werk wie »Das Fräulein von Scuderi«, das ich beispielsweise nicht kenne. Da werde ich sicher das eine oder andere Werk kaufen ... (Und allen Menschen, die sich für phantastische Literatur interessieren, empfehle ich zumindest den Blick auf die Edition.)

10 April 2022

Leonid Kourits ist tot

Es ist nun dreißig Jahre her, seit wir in Freudenstadt den FreuCon '92 veranstalteten, der in diesem Jahr zugleich der EuroCon Jahr war. Unter den vielen internationalen Besuchern war auch eine Delegation aus der Ukraine. Ich erinnre mich nicht mehr an die Namen der Besucher aus Kiew und Odessa, weiß aber noch, dass ich mit Boris Sydiuk korrespondierte. 

(Telefonate mit ukrainischen, belarussischen und russischen Besuchern fanden nachts statt, oft mit Hilfe von Englisch-Wörterbüchern, weil zu dieser Zeit die Telefongebühren nicht so hoch waren. Ich sollte darüber mal ein Buch schreiben, aber das wird halt niemanden interessieren ..)

Ob auch Leonid Kourits zu den ukrainischen Besuchern in Freudenstadt gehörte, weiß ich also nicht. Ich muss ihn aber getroffen haben; er besuchte mehrere internationale Cons, bei denen ich ebenfalls war, und ich wurde – zusammen mit Hermann Ritter – einmal in Glasgow von russischen und ukrainischen Science-Fiction-Fans, die gemeinsam feierten, ziemlich mit Wodka abgefüllt.

Leonid war ein Science-Fiction-Fan, der die internationale Zusammenarbeit liebte und für sie lebte. 1988 organisierte er einen internationalen Science-Fiction-Con in der Sowjetunion, der in einer kleinen Stadt am Schwarzen Meer stattfand – am 6. März 2022 fiel er dem russischen Angriffskrieg gegen seine Heimatstadt zum Opfer.

09 April 2022

Eine Nacht im April

Auf einmal lief ein Paar durch den Park. Auf die Entfernung konnte ich nicht sehen, wie alt die beiden waren, auch nicht, ob es ein Mann und eine Frau oder zwei Frauen oder zwei Männer waren. Die beiden trugen Winterkleidung, sie hüpften herum, und dann warf sich eine der zwei Personen auf den Rücken und machte »Engelchen«.

Es war die Nacht vom 8. auf den 9. April 2022, und in Karlsruhe schneite es. Karlsruhe ist die zweitwärmste Stadt in Deutschland, und Schnee gibt es hier nur selten. Vor allem hatte es im vergangenen Winter nicht geschneit, sieht man von wenigen vereinzelten Flocken ab.

Doch in dieser Nacht verwandelte sich für einige Stunden die Stadt in ein Schneeparadies. Wie weißer Samt legte sich ab Mitternacht das Weiß auf die Häuser, die Plätze und die Straßen. Weil kein Auto fuhr,  war es still. Unaufhörlich fielen weiße Flocken aus der stockfinsteren Nacht auf die Stadt herunter.

Ich stand am Fenster, war fast andächtig in dieser Stelle. Dann zückte ich doch mein Smartphone und machte eine Sekundenaufnahme. »Das glaubt mir niemand«, sagte ich zu mir selbst.

08 April 2022

Werbeblindheit und so

In einer Fachzeitschrift las ich einen Übersichtstext, der mich verblüffte. Glaube ich diesem Text, wurde mein Hirn in den 80er-Jahren schon von 750 Werbebotschaften pro Tag erreicht. Wahrscheinlich zählen die Plakate an den Bauzäunen ebenso dazu wie Aktionspackungen im Supermarkt.

Als die Internet-Werbung aufkam, erhöhte sich diese Zahl um das Jahr 2000 herum auf rund 5000. Heute prasseln anscheinend um die 12.500 Werbebotschaften pro Tag auf einen Konsumenten ein. Klar, man ist über den Computer und über sein Handy mit einer Flut von Botschaften konfrontiert.

Aber so viel? Echt jetzt? Man mag es sich nicht vorstellen. Und angeblich tritt die sogenannte Werbeblindheit ein, wenn man 5000 Botschaften dieser Art am Tag erhält.

Es gibt Werbung, die übersehe ich ständig, und es gibt Produkte, die müsste ich kennen, die mir aber nicht präsent sind. Mein Hirn scheint Werbung aus der Wahrnehmung zu sortieren. Trotzdem werde ich ständig von Werbebotschaften bombardiert.

Die Vorstellung aber, wie viele es wirklich sind, macht mich geradezu schwindlig. Und es wird alles in der nahen Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit noch schlimmer werden …

Internationales SF Magazin auf deutsch

Ian McDonald ist ein profilierter Autor, und seine Geschichte »Die List« zeigt, was er kann: Es handelt sich um eine klassische Trickbetrügergeschichte, wie man sie seit vielen Jahren aus Filmen und Romanen kennt. Der Unterschied: Als Gegner der Trickbetrüger tritt eine Künstliche Intelligenz auf, die in einem Spielcasino alles kontrolliert, alles sieht und alles weiß – aber trotzdem vielleicht hereingelegt werden kann … McDonald schreibt spannend, seine Geschichte steuert auf einen klaren Höhepunkt zu, und sie macht richtig Spaß.

Sie ist der Höhepunkt in der ersten Ausgabe des »Future Fiction Magazine« in deutscher Sprache. Enthalten sind weitere Geschichten von Angela und Karlheinz Steinmüller – wieder einmal sehr mit unserer Gegenwart und einem knappen Ausblick in die nahe Zukunft verbunden – sowie Robert Corvus aus Deutschland. Ein wenig kryptisch und erzählerisch nicht so meine Sache ist die Geschichte »Algenbiografie« der Autorin Martha Riva Palacio Obón aus Mexiko. Es gibt sogar einen wissenschaftlichen Artikel über Weltraumfahrt.

In einem grundlegenden Artikel unter dem Titel »Der neue ›Sense of Wander‹« schreibt der italienische Autor und Herausgeber Francesco Verso – von seinem Verlag aus wird die deutschsprachige Ausgabe des »Future Fiction Magazine« lizenziert – über die Möglichkeiten und Wege, Science Fiction auch aus Ländern zu veröffentlichen, die nicht englischsprachig sind. Dabei kommen allerdings keine Erkenntnisse heraus; der Text hätte Wort für Wort schon vor vierzig Jahren veröffentlicht werden können. Aber gut, ab und zu hilft es ja, altbekannte Tatsachen zu wiederholen.

Lavanya Lakshminarayan ist eine Autorin aus Indien. Ihre Geschichte »Moksha Quest« wurde quasi exklusiv für das Magazin geschrieben; dazu kommt noch ein Interview. Solche Präsentationen finde ich gut, den Text fand ich auch interessant – wenngleich er nicht lange im Gedächtnis blieb –, und in dieser Richtung könnte das Magazin weitermachen.

Die erste Ausgabe fand ich vom Layout her schwach, hier besteht deutliches Verbesserungspotential. Auch inhaltlich wusste mich das Magazin noch nicht zu überzeugen, das ist aber Geschmackssache. Ich finde den Ansatz auf jeden Fall sehr gut und hoffe, dass bald eine zweite Ausgabe erscheint, in der vielleicht die eine oder andere Schwäche vom Anfang ausgeglichen werden kann.

07 April 2022

Ausflug im Sommer 1950

Eines der frühesten Bilder, die meine Eltern gemeinsam zeigen, stammt von der Insel Mainau und wurde im Sommer 1950 aufgenommen. Für meine Mutter war die Insel immer ein Sehnsuchtsort; immer wieder fuhr sie dorthin, auch mit uns Kindern. Die Bodenseeinsel mit ihrem milden Klima und mit ihren wunderschönen Pflanzen war auch für Leute mit sehr kleinem Geldbeutel gut zu erreichen.

Mein Vater war zwei Jahre davor aus der Gefangenschaft gekommen, meine Mutter arbeitete als Hilfsarbeiterin; beide waren also nicht gerade wohlhabend. Es reichte zu einem Tagesausflug mit dem Moped, was nicht so leicht zu bewältigen war: Eine direkte Straße zwischen Dietersweiler und der Insel Mainau gab es nicht, und so mussten sie die Strecke auf Landstraßen zurücklegen.

Leider weiß ich viel zu wenig über das frühe Leben meiner Eltern. Vor allem war mir nicht bewusst, dass sie doch längere Zeit miteinander »gegangen« waren. Dieses Foto ist eine schöne Erinnerung an sie.

Disorder mit spätem Wave-Sound

Warum ich mir eine EP der Band Disorder aus Trier gekauft habe, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht verwechselte ich die Wave-Kapelle mit der klassischen Punk-Band aus Bristol? Es ist lange her: Die EP mit dem komplizierten Titel »Ventriloquist« und dem komplizierten Cover kam 1991 heraus und hat so gar nichts mit Punkrock zu tun.

Die jungen Männer der Band – auf der Platte posieren sie mit schwarzen Klamotten und kurzen Haaren – machen einen Wave-Sound, der Ende der 80er-Jahre durchaus normal war. Der Gesang klingt traurig und verloren, die Musik macht einen sphärischen Eindruck, mit wabernden Synthie und schleppender Melodie.

Schlecht ist das nicht, in die damalige Zeit passt es auch, aber anhören kann ich mir das nur alle zehn, zwölf Jahre. Beim nächsten Mal bin ich vielleicht also im richtigen Alter und habe die richtige Stimmung für den eher getragenen Ton der vier Stücke.

06 April 2022

Schnorcheln am Grecian Park

Unter Wasser fühlte ich mich nie sonderlich gut. Vielleicht lag es daran, dass ich im Schwarzwald aufgewachsen war und mich eher zu Bergen und Wäldern hingezogen fühlte – Wasser war nicht mein bevorzugtes Medium. Daran konnten auch ein Schnorchel und eine Taucherbrille nicht viel ändern.

Wenn ich mich darauf einließ, ging es allerdings. Und so schnorchelte ich an diesem Sonnentag in aller Gemütsruhe aus der kleinen Bucht hinaus, die sich unterhalb des Hotels erstreckte, blickte mit dem staunenden Blick eines Kindes auf Fische oder den steinigen Untergrund, der sich tief unter mir erstreckte. Ich schwamm so diszipliniert, wie mir das möglich war, bewegte meine Arme und Beine gleichmäßig und kam auf diese Weise gut voran.

Nachdem ich weit genug geschwommen war, hielt ich inne und blieb wassertretend an der gleichen Stelle. Ich nahm meine Brille ab, putzte sie aus, steckte mir dann das Mundstück wieder rein und machte mich bereit, erneut ins Wasser abzutauchen. Dann aber hatte ich doch Lust, mich umzudrehen und zu sehen, wo ich eigentlich herkam.

Hinter mir erstreckte sich der kleine Strand in der ebenfalls kleinen Bucht. Sie wurde von einer Steilwand vom Rest der Insel abgegrenzt, eine Treppe verband die Bucht mit der oberen Kante. Und dort thronte das Hotel Grecian Park, in das wir für uns zehn Tage einquartiert hatten, wie eine Burg, von deren Fenstern aus man weit über das Meer blicken konnte. Manchmal packte mich ein schlechtes Gewissen, mich auf ein Hotel der Luxusklasse eingelassen zu haben, dann wieder verdrängte ich es erfolgreich, vor allem dann, wenn ich im Wasser unterwegs war.

Noch einmal justierte ich den Schorchel aus, setzte das Mundstück neu ein und schwamm weiter. Rechts von der Bucht erstreckte sich die Landzunge bis zu einem militärischen Sperrgebiet am Ende, links gab es eine Felsformation, die aussah, als sei hier irgendwann einmal Lava erstarrt. Ob das so war, wusste ich nicht. Kleine Fische in allen Farben tummelten sich entlang der Felsen, und dieser schöne Anblick war mir lieber als der von fast nackten Touristen, die ihre weißen Bäuche in der Sonne zu bräunen versuchten.

Mir war, als sei ich in einer anderen Realität. Mein Hinterkopf und mein Hintern guckten noch aus dem Wasser heraus, was aus der Ferne oder aus der Luft sicher albern aussah, doch mit dem Rest meines Körpers war ich unter der Wasseroberfläche. Unter mir flirrte die von der Sonne bestrahlte Welt des Mittelmeers. Felsen und allerlei Pflanzen, dazwischen Fische, die sich durch mich offenbar nicht gestört fühlten.

In meinen Ohren gluckerte und blubberte es, fast wie eine Musik, die nur ich hören konnte. Ich hatte in den 80er-Jahren mit der damaligen Mode, Walgesänge auf Schallplatte herauszubringen, nichts anfangen können. An diesem Tag, bei diesem Schnorcheln aber hatte ich das Gefühl, dazu erstmals eine Beziehung aufzubauen. Unterwassergesänge, Geräusche von jenseits meiner Wirklichkeit – ich hätte träumen können.

Als ich wieder zurück an die Oberwelt kam, ein einfacher Vorgang, zu dem ich nur den Kopf aus dem Wasser heben musste, hatte ich ein anderes Bild vor den Augen. Ich schwamm mit dem Rücken zur Insel und dem Gesicht zum offenen Meer. Irgendwo vor mir musste die Küste von Syrien sein, vielleicht auch schon die des Libanon, ich war mir bei dem Winkel nicht ganz sicher. Doch ich sah nicht nur den Horizont, an dem der Ozean und der Himmel ineinander übergingen, sondern ebenso eine Gruppe von Schiffen.

Ich musste keine Kennzeichen und keine Flaggen erkennen, um zu erfassen, dass vor mir Militärschiffe unterwegs waren. Als dunkelgrüne oder dunkelgraue Klötze schwammen sie am Horizont, rechteckig fast, wie knapp unter den Himmel getackert und in meiner Wahrnehmung fast stillstehend. Dünne Striche reckten sich von den Kästen zur Seite und in die Höhe: wahrscheinlich Geschütze, vielleicht die eine oder andere Antenne.

Die Schiffe hatten verschiedene Größen, und weil ich keine Ahnung von der Marine und ihren Begriffen hatte, wusste ich nicht, ob es Zerstörer oder Korvetten waren oder man sie in sonst eine Schublade hätte stecken können. Sie gehörten offenbar einer Flotte an, die im Meer zwischen Zypern und Syrien operierte. Ob es Amerikaner oder Briten waren, vielleicht auch Russen, war mir nicht klar. Ich würde es sicher nie erfahren. Sie kündeten von Krieg und Tod, von Granaten und Raketen, von blutigen Leibern und brennenden Städten.

Wassertretend starrte ich auf die Schiffe, fixierte sie mit brennenden Augen, als könnte ich sie so aus meiner Welt drücken. Ich wollte die Natur sehen, ich wollte im kühlen Wasser schwimmen und treiben, und ich wollte keine Gedanken an Krieg und Vernichtung verschwenden. Doch all diese Gedanken und Bilder lösten die Schiffe vor mir aus.

Ich resignierte und wandte mich ab. Vor mir erkannte ich nun wieder den kleinen Strand, die Lavafelsen, die Steilwand mit der Treppe und darüber das Hotel. Ich wollte nur noch zurück – der Einbruch dieser Realität hatte meinen Tag gründlich verdorben …

 

Ein irrwitziges Stück

Ich hatte einen Termin beim Arzt, und weil man dort immer recht lange warten muss, überlegte ich nicht lang und nahm mir ein kleines Buch mit: »Palmström, Korf und Kunkel« von Anja Tuckermann hat einen Umfang von nur 84 Seiten – aber im Hardcover! –, ist im Kleinformat erschienen und sollte sich flott lesen lassen. Dachte ich.

Aber bei dem Büchlein handelt es sich im Prinzip um ein Theaterstück, und in der Lektüre von solchen Texten bin ich extrem ungeübt. Also brauchte ich einige Zeit, bis ich ins Thema reinkam, und dann saß ich beim Arzt, grinste bei der Lektüre, wunderte mich mehrfach und war kurz davor, schallend loszulachen. Umgeben von Menschen, die echte Probleme hatten, erschien mir das nicht angebracht.

Also blieb ich ruhig und las das Büchlein daheim zu Ende. Ich bereute es nicht. »Palmström, Korf und Kunkel« ist tatsächlich ein Theaterstück, das offenbar Gedichte von Christian Morgenstern als Grundlage nimmt. Und ich fand die Lektüre recht erfrischend.

Die Autorin zeigt das Leben von drei Langzeitarbeitslosen, die sich beim langwierigen Herumsitzen auf dem Arbeitsamt – ooops, die Agentur für Arbeit natürlich – kennenlernen und ein wenig anfreunden. Sie entwickeln allerlei Tricks, mit ihrer Situation umzugehen, und erfinden diverses Zeugs. Unter anderem gründen sie eine Agentur für Lebensfreude.

Das hat immer wieder skurrile Aspekte, wirkt manchmal fast schon dadaistisch. Ich bin sicher, dass das Theaterstück auf der Bühne sehr witzig rüberkommt, mochte aber bei der Lektüre auch das kleine Buch sehr. Ganz nebenbei macht es ja auch nachdenklich: Wie behandelt unsere Gesellschaft eigentlich Leute, die arbeitslos sind?

05 April 2022

Selfpublisherin mit erfolgreicher Fantasy

Ich weiß nicht, welche Person sich hinter dem Pseudonym Marah Woolf verbirgt, aber ich finde den Erfolg, den diese Autorin hat, sowohl überraschend als auch sensationell: Ihr aktueller Roman trägt den Titel »Krone aus Asche«, ist im Eigenverlag erschienen und landete Ende März gleich – aus dem Sprung heraus – auf dem siebten Platz der Bestsellerliste.

Es geht um Atlantis, ein Thema, mit dem ich mich dieser Tage ja ebenfalls beschäftige, einen große Liebe wird erwähnt, und irgendwie spielen Unsterbliche eine wichtige Rolle. Es handelt sich eindeutig um einen phantastischen Roman, den man in früheren Jahren schlicht als Fantasy bezeichnet hätte. Heute steckt man solche Werke in die Ecke mit Romantasy, was ein bisschen moderner klingt.

Die Autorin ist seit Jahren als Selfpublisherin erfolgreich. Es handelt sich bei »Krone aus Asche« um ihren vierzigsten Roman. Eines ihrer Werke soll als Serie über Netflix verfilmt werden.

Ich bin sicher nicht die Zielgruppe, finde diesen Erfolg aber großartig. Hätte man mir vor vielen Jahren, als ich mit jungen Jahren als Redakteur anfing, bei einem Con erzählt, dass solche Erfolge einmal möglich sein könnten, hätte ich ungläubig den Kopf geschüttelt. Heute hat Phantastik aus dem deutschsprachigen Raum seine Chancen, sogar auf eine Verfilmung, und das, ohne dass ein großes Verlagshaus hinter allem steckt.

Respekt!

04 April 2022

Lyvten und ihr Offbeast

Der Name ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, was schlicht an der Schreibweise liegt; man gewöhnt sich aber schnell daran: Lyvten aus Zürich machen eine Musik, die man problemlos als Emopunk bezeichnen kann, die sich aber auch in Schubladen wie Postpuk oder Indierock stopfen lässt. Ganz aktuell erschien die Platte »Offbeast« dieser Band, die ich mir seit Tagen immer wieder anhöre. (Als Vinyl, sehr gut!, und zum Download.)

Die Band hat einen neuen Sänger und Gitarristen, mit dem sie auch diese Platte aufgenommen hat. Ob und wie sich der Sound des Quartetts dadurch verändert hat, kann ich noch nicht sagen; dazu müsste ich erst einmal die Backlist der Band durchhören, die auf Bandcamp gut dokumentiert ist. Ohne jegliche Vorbereitung kann ich aber sagen: Das klingt alles druckvoll und wuchtig, mit einer singenden Gitarre und einem knallig klingenden Sänger – das möchte ich dann auch mal live sehen.

Die »Offbeast« lebt von ihrem treibenden Sound; die Stücke wirken kompakt, die deutschsprachigen Texte sind intelligent, ohne sich in intellektuellen Spielereien zu verlieren. Das gilt ebenso für die Musik: Man merkt, dass die vier Musiker mit ihren Instrumenten umgehen können, aber sie zelebrieren kein Gitarrenheldentum und lassen sich nicht zu übertrieben vielen Temopwechseln hinreißen.

Für mich ist das, was Lyvten machen, dann unterm Strich doch Emopunk der guten Ausrichtung: kein Gejammer, kein Metall, stattdessen wuchtige Melodien und kluge Texte. Sehr guter Tonträger!

03 April 2022

Verblüffend stiller Film

Ohne große Erwartungen begann ich damit, den Spielfilm »Pig« anzusehen, den es derzeit bei Streamingportalen zu gucken gibt. Mit Nicolas Cage hat der Film, der 2021 veröffentlicht wurde, schließlich einen Hauptdarsteller, dessen Werk – um es vorsichtig zu sagen – nicht über einen Kamm zu scheren ist. Doch ich wurde positiv überrascht, und so würde ich das eher stille Werk, das vor allem um seine Hauptperson kreist, gern weiterempfehlen.

Es geht um einen Mann, der mit einem Schwein im Wald lebt.. Das Schwein ist in der Lage, Trüffeln aufzustöbern, und mit diesen Trüffeln verdient der wortkarge Mann sein Geld. Das wird in sehr schönen Einstellungen gezeigt. Dann tauchen irgendwelche Leute auf, entführen das Schwein, und der Mann fährt in die große Stadt, um sein Tier zurückzuholen. Dort fällt der Typ in seinen zerschlissenen und dreckigen Klamotten und mit dem zerschlagenen Gesicht natürlich auf – aber es gibt immer wieder Leute, die sich an ihn erinnern …

Nicolas Cage spielt den Einsiedler sehr wortkarg und sehr zurückhaltend. Ab und zu bricht es aus ihm heraus, die meiste Zeit aber verhält sich der Einsiedler sehr zurückhaltend. Die Begegnungen mit der Glitzerwelt der großen Stadt und die Dialoge passen zum ruhigen Geschehen, der melancholische Abschluss ebenfalls.

»Pig« ist ein Film, den man nicht immer angucken kann. Er passt nicht zum übrigen Werk des Hauptdarstellers, kommt mir eher vor wie ein Arthouse-Film, der mit geringem Budget zusammengedreht worden ist. Kein Spannungskracher, echt nicht, aber auch alles andere als langweilig. Wer die Chance dazu hat, sollte ihn sich ansehen.

01 April 2022

Der eigene Stempel kommt …

Als Sylvana Freyberg im Sommer 2021 die Redaktion der altehrwürdigen »Andromeda Nachrichten« übernahm, war ich überrascht: Ich hatte von ihr noch nie gehört, war dann aber mit dem Ergebnis recht zufrieden. Sie hielt sich an die Layout-Vorgaben ihres Vorgängers – das war Michael Haitel – und änderte auch am Inhalt des Fanzines nicht viel.

Mittlerweile liegt die Ausgabe 276 vor, die ich endlich gelesen habe, und bei dieser hat die neue Chefredakteurin dem Heft schon stärker ihren Stempel aufgedrückt. Das Layout des 128 Seiten starken Heftes – sehr viele Abbildungen, viel Farbe – hat sich deutlich verändert, die Schrift hat beispielsweise weniger Durchschuss. Es sieht schon einmal anders aus, und das ist gut so. (Es geht mir nicht darum, ob es besser oder schlechter ist, aber es ist richtig, dass die neue Chefredakteurin die Optik des Heftes anpasst.)

Inhaltlich entfernt sich »AN« 276 noch nicht so weit von den Ausgaben davor. Es gibt ausführliche (zu ausführliche!) Berichte von Cons, es gibt Berichte über Autoren (Robert Brenner war mir bislang praktisch nicht bekannt) und über das Konservieren von Actionfiguren, es gibt haufenweise Rezensionen zu Spielen und Büchern sowie zu Fanzines, und es gibt eine – nach wie vor unlesbare – Reihe von Texten über die Science-Fiction-Serie, für die ich beruflich verantwortlich bin.

Die aktuelle Ausgabe hat mir gut gefallen. Dass ich nicht alle Beiträge gleichermaßen lesenswert finde, liegt in der Natur der Sache; daran kann Sylvana Freyberg nichts ändern. Ich bin gespannt darauf, wie sie dem Heft bei künftigen Ausgaben auch inhaltlich einen stärkeren Stempel aufdrücken kann.

(Ach ja: Weitere Informationen zu den »Andromeda Nachrichten« und woher man sie bekommt, stehen auf der Internet-Seite des Science Fiction Clubs Deutschland e.V., in dem ich ja kein Mitglied bin. Man kann das Heft sogar herunterladen.)