21 Juli 2026

Rabiater Start in einen Western

Der Western ist ein Genre, das mehr mit der Fantasy zu tun hat als mit der wirklichen Historie; deshalb kümmert es mich nur selten, wenn die geschichtliche Seite arg holpert. Wichtig ist, dass die Geschichte stimmt und mich in ihren Bann zieht.

Mit dem neuen Western-Comic »Wyoming, 1863« liegt genau so ein Fall vor. Der erste Teil ist unter dem Titel »Fünf Tage zum Sterben« bereits erschienen, die anderen zwei Teile der Trilogie erwarte ich geradezu sehnsüchtig.

Sie spielt in einer eher abgelegenen Gegend; es gibt die übliche kleine Stadt und abgelegene Farmen, vor allem gibt es eine Bande ultrabrutaler Banditen, die alles terrorisieren, die morden und vergewaltigen. Eine junge Frau ist als Rächerin unterwegs und nimmt den Kampf gegen die Banditen auf – während die Bande stärker wird, kommt ein grausiger Showdown auf einer Ranch immer näher.

Historisch will ich das nicht werten. 1863 war Wyoming doch eher ein Territorium für Dakota und Cheyenne; Winchester-Gewehre waren sicher kein Allgemeingut, und eine richtige Ranch hatte sich in dieser Gegend wohl kaum angesiedelt.

Aber irgendwie stört das nicht angesichts der rabiaten und spannenden Geschichte. Jean-François di Giorgio und Fabrizio des Dorides, die mir beide bislang nicht bekannt waren, setzen auf Action und knallige Dialoge; das erinnert an einen alten Italowestern und ist entsprechend brutal. Humor findet man in diesem Comic keinen, dafür spritzt auch mal das Blut oder gibt es fürchterliche Schießereien.

Wer heftige Western-Comics wie »Durango« mag, sollte unbedingt einen Blick riskieren. Der erste Teil von »Wyoming, 1863« steigt richtig heftig ein und macht auf die Fortsetzung neugierig.

20 Juli 2026

Ein Anruf am Morgen

Das Telefon klingelte. Einmal, zweimal. Murrend wälzte sich Rainer auf die andere Seite. Nicht einmal am Samstag ließ man ihn ausschlafen.

Das Telefon läutete ein drittes Mal. Rainer hatte das Gefühl, nichts gegen die Hartnäckigkeit des Anrufers machen zu können. Er schlug die Decke zurück, stand auf, ging nackt – er hatte am Abend vorher ein heißes Bad genommen, was seine Trägheit erklären mochte – in das Arbeitszimmer seiner Zweizimmer-Wohnung. Neben das Telefon kauerte er sich auf den Fußboden, nahm den Hörer ab.

»Hier Rainer Norden«, meldete er sich.

»Wer ist bitte dran?« Eine Frauenstimme. Warm klang sie, leicht vibrierend.

»Hier spricht Rainer Norden«, wiederholte er, dieses Mal mit etwas mehr Betonung.

Am anderen Ende wurde kurz gelacht. »Oh, das kann nicht sein«, sagte die Frau. Der Stimme nach zu urteilen, musste sie Ende zwanzig sein. »Wo wohnen Sie denn?«, fragte sie.

»In Fellbach bei Stuttgart.«

Sie lachte erneut. »Das ist natürlich ganz falsch. Ich hoffe, ich habe Sie jetzt nicht aus dem Bett geworfen.«

»Doch. Aber ...«

»Oh, tut mir leid«, unterbrach sie ihn. »Dann müssen Sie Ihren Schlaf gleich nachholen. Wiederhören!«

»Halt!«, rief Rainer, bevor sie auflegen konnte. Die Stimme faszinierte ihn, wie er plötzlich feststellte, und er wollte sie weiter hören. »Warten Sie doch!«

»Was ist denn?«

Kurz war Rainer verlegen. Was nun? »Das macht gar nichts aus«, sagte er hektisch. »Dass Sie mich geweckt haben, meine ich.«

Die Stimme am anderen Ende klang äußerst amüsiert. »Warum? Müssen Sie etwa gleich arbeiten?«

»Samstags doch nicht.«

»Oder freuen Sie sich, dass Sie am frühen Morgen von einer Unbekannten angerufen werden?«

Die Hilfestellung kam zum rechten Moment. »Genau«, versetzte Rainer, »ganz genau.« Er merkte, wie ihn eine unerklärliche Spannung durchflutete. »Ich plaudere gerne mit netten Frauen«, behauptete er trocken.

»Und ich gerne mit netten Männern.« Wieder dieses Lachen. »Auch wenn das Ganze ein Zufall ist. Aber ich habe leider wenig Zeit.«

»Dann lassen Sie mir Ihre Nummer«, bat Rainer. »Ich rufe Sie zurück.«

»Keine Chance. Außerdem: Was soll da Ihre Frau dazu sagen?«

»Ich bin nicht verheiratet. In festen Händen allerdings trotzdem, wie man so schön sagt. Also geben Sie mir schon Ihre Nummer.«

»Wie ich schon sagte: keine Chance. Wenn Sie mir aber Ihre Nummer geben, kann ich Sie wieder anrufen, wenn ich zurück bin. Dann können wir weiterplaudern.«

Rainer stimmte zu – die einzige Chance, die Stimme der Unbekannten noch einmal zu hören. Er gab ihr seine Nummer, sie verabschiedete sich, er legte auf.

Dann ging er wieder ins Bett. Die Stimme ging ihm nicht aus dem Kopf, sie beschäftigte ihn. Eine Frau, Ende der zwanzig vielleicht. Schwer zu schätzen. Sicher humorvoll. Keine Spur von Dialekt zu vernehmen, lupenreines Hochdeutsch. Das hatte aber nichts zu sagen, seit immer mehr Norddeutsche in die Umgebung von Stuttgart zogen. Gehobener Sprachstil, analysierte er weiter. Wer war sie?

Als das Telefon erneut klingelte, wachte er auf. War er doch glatt eingeschlafen! Dieses Mal sprang er aus dem Bett, eilte an den Apparat.

»Rainer Norden«, meldete er sich wieder.

»Na endlich.« Sie klang immer noch amüsiert. »Ich dachte schon, Sie seien wieder eingeschlafen ...«



Diesem Gespräch folgten weitere. Immer wieder rief Irene – nach dem dritten Anruf hatte sie immerhin dieses Geheimnis gelüftet – bei Rainer an. Meist vereinbarten sie vorher den Termin des nächsten Gesprächs, damit es seine Freundin bei ihren Besuchen nicht mitbekam.

Die Gespräche waren immer amüsant und geistreich. Rainer genoss sie, er liebte den offenen, frechen Schlagabtausch, der nie unter die Gürtellinie ging. Sie unterhielten sich über alles, buchstäblich über Gott und die Welt, über Politik und Natur ebenso wie über seine Beziehungen zu Frauen.

Wollte er aber an diesem Punkt einhaken und mehr über Irene herausfinden, stieß er auf Granit. Die Frau wollte über sich nichts verraten. Weder rückte sie mit ihrem Nachnamen heraus, noch wollte sie sagen, aus welcher Stadt oder aus welchem Dorf sie anrief. Und natürlich sagte sie ihm auch nie, wie er sie erreichen konnte.

Sein altmodisches Festnetztelefon hatte kein Display, auf dem er er ihre Nummer erkennen konnte. Nicht, dass das etwas genutzt hätte, wenn sie von einem Mobiltelefon anrief.

Es war eine Einweg-Kommunikation: Sie wusste mehr über ihn als er über sie, auch über seine Eigenarten. Rainer wusste nichts über Irene, fast nichts zumindest. Ein bisschen über ihre Kindheit hatte sie erzählt, vom Leben im Sauerland, mehr nicht. Nicht mal die Angabe eines Geburtsorts war dabei.

Sie reizte ihn. Ihre Stimme machte ihn verrückt, brachte ihm immer wieder diese erotische Spannung, die er gleich beim ersten Mal verspürt hatte, als er nackt neben dem Telefon kauerte. Er wollte sie sehen, wollte sie vielleicht sogar berühren.

Nein, verliebt war er in sie nicht, dazu war Irene zu anonym. Aber sie reizte ihn. Das alles machte ihn neugierig auf diese Frau, von der er nur die Stimme kannte.

Längst duzten sie sich, ihr Verhältnis wurde offener und noch lockerer. Und Rainer zermarterte sein Gehirn, wie er es vielleicht schaffen konnte, sie kennenzulernen. Eine Fangschaltung installieren, damit er ihren Anschluss auf diesem Weg herausbekam? Unsinn. Dazu bräuchte er die Polizei, soweit er informiert war.

Er wusste nicht, was er machen sollte.



Das Telefon klingelte. »Wer kann das denn sein?«, fragte Tanja, die bei ihm übernachtet hatte. Sie frühstückten gerade.

»Keine Ahnung.« Rainer hob die Schultern, ging aber trotzdem sofort in sein Büro. Er nahm den Hörer ab.

»Ich bin's, Irene«, hörte er die Stimme, bevor er selbst etwas sagen konnte.

Rainer war irritiert. Sie hatte ihn nie angerufen, wenn Tanja anwesend war. Sie wolle keine Komplikationen, hatte Irene immer wieder versichert.

»Was ist?«, fragte er.

»Keine Sorge.« Irenes Stimme klang hektisch, als habe sie sehr wenig Zeit. »Das ist mein letzter Anruf. Ich dachte nicht, dass es schon so schnell aus sein würde.«

»Was ist denn?«

»Ich kann es dir nicht sagen. Nur soviel: Es hat mich gefreut, dich kennengelernt zu haben. Du hast mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben.« Sie legte auf.

Verunsichert hockte Rainer neben dem Telefon, den Hörer in der Hand.

»Wer war das?« Tanja stand in der Tür. Sie lächelte ihn an. »Eine Frau?«, spottete sie.

»Ja.« Hilflos schaute Rainer sie an. »Eine Frau.«

»Und?« Das Lächeln blieb. Sonst liebte er es, aber in diesem Augenblick spürte er, dass es ihm auf die Nerven gehen konnte.

»Ich glaube, sie hatte sich nur verwählt.«



(Die Geschichte entstand wohl zu Beginn der 90er-Jahre, abgespeichert auf meinem Rechner wurde sie 1994. Sie wurde meines Wissens nie publiziert, weil ich sie auch nie für eine Publikation eingereicht hatte. Für diese Veröffentlichung habe ich sie leicht bearbeitet und auf neue Rechtschreibung umgestellt. Anachronismen bei der Telefonverbindung – an Handys dachte damals niemand – habe ich versucht, schonend zu beseitigen, ohne damit die Geschichte zu zerstören.)

17 Juli 2026

Scharlachrot als Hörspiel

Sherlock Holmes als literarische Figur hat es in alle möglichen Bereiche der Unterhaltungskultur geschafft. Zahlreiche Filme und Comics basieren auf den klassischen Geschichten, die Arthur Conan Doyle schrieb, natürlich gibt es auch Hörbücher und Hörspiele.

Seit Ende 2025 mischt auch Zaubermond Audio in diesem Bereich mit. Das Label brachte mit »Studie in Scharlachrot« sein erstes Hörspiel mit dem Meisterdetektiv heraus; weitere sind mittlerweile gefolgt.

Es ist lange her, seit ich »Studie in Scharlachrot« las; ich kann deshalb nicht beurteilen, wie eng sich das Zaubermond-Team an die literarische Vorlage gehalten hat. Die Geschichte beginnt im Hörspiel in den Weiten des amerikanischen Westens, bevor es dann in London weitergeht. Wie sich Dr. Watson und Sherlock Holmes kennenlernen, ist allgemein bekannt, wird aber in diesem Hörspiel sehr gut und sehr klar geschildert.

Dann kommt es zum Mord, die Polizei ermittelt tölpelhaft, und am Ende hat Holmes den Fall erfolgreich gelöst. Die Handlung beleuchtet zwischendurch noch einmal die Situation in den USA, konzentriert sich ansonsten aber auf die Ermittlungen und die Geschehnisse in London.

Das alles wird im Hörspiel sehr gut geschildert. Die Stimmen der Figuren unterscheiden sich deutlich, so dass man der Handlung problemlos folgen kann. Vor allem die Polizisten mit ihren charakteristischen Stimmen sind gut gewählt, aber auch die anderen gefallen mir. Dazu kommen gut eingesetzte Geräusche, die aber eher im Hintergrund bleiben.

Mit »Studie in Scharlachrot« ist es Zaubermond Audio gelungen, eine klassische Detektivgeschichte in ihrer Zeit zu verankern und die Geschichte dort auch spielen zu lassen. Mir hat das viel Freude bereitet, und ich werde mir die weiteren »Sherlock Holmes«-Hörspiele vornehmen.

(Wer sich auch dafür interessiert: Es gibt sie bei den einschlägig bekannten Streamingdiensten.)

16 Juli 2026

Ein Drehbuch für »Ren Dhark«

Zu den Science-Fiction-Serien aus Deutschland, die immer ein wenig im Schatten von PERRY RHODAN standen, gehört »Ren Dhark«. Die Serie, die anfangs als Heftroman im Kelter-Verlag veröffentlicht wurde, wird seit Jahren vom HJB-Verlag herausgegeben. In den 90er-Jahren allerdings gab es eine Reihe von eher fannischen Versuchen, die Serie am Leben zu halten, und mit »Dharks World« stand ein lesenswertes Fanzine zum Thema zur Verfügung.

Die Ausgabe 5 fällt dabei besonders auf; sie wurde 1994 von Heinz Mohlberg herausgegeben, der später im Heinz Mohlberg Verlag viele Science-Fiction-Titel im Paperback veröffentlichen sollte. Enthalten ist nämlich das Drehbuch für einen »Ren Dhark«-Film, wobei ich sagen würde, dass es eher ein Konzept war.

Verfasst wurde es von Werner Kurt Giesa, lange Zeit einer der fleißigsten und erfolgreichsten Heftromanautoren im deutschsprachigen Raum. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeit für »Professor Zamorra«, aber er schrieb auch für andere Serien wie MYTHOR oder die PERRY RHODAN-Planetenromane.

Das Konzept war für einen Amateurfilm und trägt den Titel »Planetensperre«. Ob und wie das Abenteuer der POINT OF-Besatzung in die Serie gepasst hätte, kann ich nicht beurteilen; für »Ren Dhark«-Fans war es damals sicher eine spannende Lektüre. Für Fans des Schriftstellers Werner Kurt Giesa gibt's übrigens noch eine längere Geschichte, so dass der Löwenanteil des 40 Seiten umfassenden Fanzines durch Giesa-Material bestimmt wird.

Sieht man von zwei, drei Heften und Büchern ab, kenne ich vom »Ren Dhark«-Universum nicht viel. Solche Fanzines mag ich aber: Sie zeigen und zeigten immer, wie sehr sich Fans für ein fiktives Universum begeistern können und welche Ideen sie davon ableiten. »Dharks World« war ein richtig positives Heft!

15 Juli 2026

Popkultur und Autokraten

Der Autor Georg Seeßlen ist mir nicht persönlich bekannt, seine Texte lese ich aber seit vielen Jahren gern. Sie erscheinen in Zeitschriften und Zeitungen, und sie behandeln meist Themen, die im weitesten Sinne popkulturell sind. Mit seinem Buch »Trump & Co.« stellt er den amerikanischen Präsidenten und sein Umfeld in das Umfeld der Popkultur und macht klar, aus welchen Quellen sich die modernen Autokraten speisen.

In seinem aktuellen Buch stellt er natürlich auch die Absichten von Donald Trump und anderen Autokraten vor. Er zeigt, wie sie sich entwickelt haben und wo ihre Grundlagen sind. Sie sind für ihn Volkstribune, die dazu angetreten sind, angeblich für »das Volk« zu sprechen und dessen Willen umzusetzen. Seeßlen erläutert zudem, wie sehr ihr Aufstieg und ihr Auftreten verbunden sind mit Filmen und den wichtigen Figuren bekannter Kinofilme.

Als Beispiel zitiere ich Seeßlen: »Wie Jesse James oder Al Capone ist auch Trump nicht vorstellbar ohne eine Gang, die aus loyalen Mitkämpfern, Fußtruppen und Dolls besteht.« Trump und andere Autokraten inszenieren sich, sie reihen sich ein zwischen Outlaws, die gleichzeitig für »ihre Leute« streiten. Das machen sie seit Jahren so gut, dass ihre Propaganda bei Millionen von Menschen verfängt.

An manchen Stellen finde ich den Autor und seine Argumentation sehr verkopft; da braucht man das bildungsbürgerliche Vokabular von Leuten, die über ein abgeschlossenes Studium verfügen. An vielen Stellen finde ich seine Argumentation überzeugend. Ich mochte bei der Lektüre vor allem die Hinweise auf die Popkultur, ebenso die Parallelen zu anderen Autokraten etwa in Argentinien.

Wer nach einer Trump-Biografie sucht, ist hier ebenfalls falsch wie jemand, der die rein sachlichen Hintergründe der Trump-Politik erläutert haben möchte. Das Sachbuch erweitert aber bisherige Kenntnisse um originelle Sichtweisen – das fand ich unterhaltsam und erhellend zugleich.

14 Juli 2026

Spanischer Comic-Klassiker

Irgendwann in den 70er-Jahren fielen mir – wie vielen anderen Jugendlichen im deutschsprachigen Raum – einzelne Ausgaben der Comic-Zeitschrift »primo« in die Hände. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ein Verwandter von uns recht viele Comic-Hefte, und dort saß ich dann stundenlang und las darin. So stieß ich auf die Comic-Serie »El Cid«, die mich durch ihre Bilder faszinierte.

Im Avant-Verlag erschien vor mehreren Jahren eine dickleibige Gesamtausgabe der Serie. Leider ist sie im Verlag bereits vergriffen, man bekommt sie aber noch gut im Secondhand-Bereich. Wer wuchtige Comics mit Bildern mag, die einen nicht so schnell nicht loslassen, sollte einen Blick riskieren.

Der Schöpfer der Serie, die es nur auf vier Bände brachte, aber auf weit mehr angelegt war, war Antonio Hernández Palacios, von dem auch die Serien »Manos Kelly« und »Mac Coy« stammen. Man erkennt seine Geschichten sofort, vor allem aufgrund der extrem stark charakterisierten Figuren und auch wegen der zeitweise grellen Farbgebung. Damit schuf er ein ganz eigenständiges Werk, das über all die Jahrzehnte hinweg im Gedächtnis der Leserinnen und Leser blieb.

Und worum geht’s eigentlich? »El Cid« spielt im elften Jahrhundert im heutigen Spanien. Nachdem islamische Kämpfer aus Nordafrika den größten Teil der iberischen Halbinsel erobert haben, versuchen die christlichen Königreiche nun, die Mauren – wie man sie nennt – Schritt für Schritt zurückzudrängen. Dabei sind sich die christlichen Herrscher selten einig: Bündnisse werden geschlossen und gebrochen, Verwandte treten einander in brutalen Kämpfen gegenüber.

El Cid ist für die spanische Geschichte so etwas wie ein Nationalheld. Der Comic richtet sich also vor allem an ein spanisches Publikum, dem die Städte und Burgen, um die ständig gekämpft wird, eher etwas sagen als einem deutschen Leser. Ich guckte mir ab und zu auf der Landkarte an, wo die Handlung eigentlich spielt … aber das ist natürlich nicht nötig.

Die Geschichten sind abenteuerlich und realistisch, streckenweise ganz schön brutal. Es werden keine expliziten Grausamkeiten gezeigt, aber es wird klar, dass es zu Folter, Mord und Vergewaltigung kommt – Städte, Dörfer und Burgen werden geplündert und niedergebrannt, es herrscht ein ununterbrochener Krieg.

»El Cid« ist nichts für Leute, die vor allem leichte Geschichten bevorzugen. Es ist ein Comic-Werk, das in Spanien großen Einfluss hatte; ich fand’s toll. Aber man muss sich auf diese Art von Geschichten schon einlassen können …

13 Juli 2026

Drei-D im Supermarkt

Die Frau in der Supermarktschlange vor mir war um die vierzig Jahre alt, schätzte ich. Sie trug ein schwarzes Kleid und leichte Sommerschuhe, und sie hielt ein Smartphone so in der Hand, dass ich auf das Display sehen konnte: Anscheinend schaute sie sich Kurzvideos an, entweder TikTok oder Instagram.

Von wegen, es sind immer nur die Kids, die ununterbrochen Videos gucken, dachte ich.

Ich verstand die Frau nicht, die interessiert auf ihr Smartphone starrte. Wieso schauten sich die Leute ständig irgendwelche Filme an, wieso hielten sie es augenscheinlich nicht aus, auch nur fünf Minuten irgendwo anzustehen und keine bewegten Bilder in Zwei-D zu sehen?

Es gab ja genügend, was man sich anschauen konnte. Rings um uns spielte sich das wahre Leben ab, ein Drei-D-Fernsehen in bester Bild- und Tonqualität.

Ein bärtiger Mann um die dreißig, der mit einer rosafarbenen kurzen Hose und einem grünen T-Shirt viel Mut bei der Farbwahl seiner Klamotten bewies, ging mit einem Jungen, der vielleicht drei Jahre alt war und eine Kappe trug, an den Regalen entlang und erklärte ihm allerlei. Eine grauhaarige Frau in Jeans, Turnschuhen und leichter Bluse ließ sich an der Bäckereitheke von der Verkäuferin beraten.

Überall tobte das Leben. Wenn man auf die Straße geht, sieht man Leute. Ist man später unterwegs, sieht man auch in der Stadt irgendwelche Igel oder Marder, die über die Straßen huschen, von Katzen ganz zu schweigen. Es ist überall etwas los.

Und da verschwenden die Leute ihre Zeit, indem sie auf dass Display ihrer Smartphons starren. Vielleicht bin ich echt zu alt dafür ...

10 Juli 2026

Dead Bob knallten tatsächlich rein

Ist es eine Band, oder ist es ein Soloprojekt mit Begleitmusikern? Auf der Bühne sind Dead Bob auf jeden Fall eine echte Band, auch wenn John Wright die zentrale Person ist. Er hat jahrzehntelang bei No Means No getrommelt, seine Begleitung – eine Frau und drei Männer – ist zwar deutlich jünger, aber auch weit entfernt davon, junge Punks zu sein.

Im vergangenen Herbst sah ich Dead Bob schon einmal, am 7. Juli 2026 spielten sie wieder in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe. Das Konzert war unter der Woche, die Temperaturen immer noch recht hoch; ich schätzte, dass sich gut hundert Leute einfanden, nicht nur aus Karlsruhe, sondern auch aus Städten, die 100 oder 150 Kilometer entfernt waren.

Vom ersten Ton an hatte die Band ihr Publikum im Griff. Wright machte die Ansagen, ansonsten saß er hinter seinem Schlagzeug und trommelte, sang und hatte sichtlich Freude an alledem. Zwischendurch fischte er sein Smartphone aus der Tasche und telefonierte – ob das nun zur Show gehörte oder nicht, war mir nicht klar.

Die Frau und die drei Männer, die Wright begleiteten, ließen es ebenfalls krachen. Sie sangen mal einige Stücke mit, sie trommelten und bedienten Blasinstrumente, sie spielten Gitarre und Bass, sie bewegten sich und sprangen auf der Bühne hin und her.

Im Publikum hatten wir gleich ebenfalls Bewegung. Es war kein Pogo-Konzert, dafür herrschten schlicht zu viele grauhaarige Leute vor. Aber man bewegte sich, es wurde ein bisschen gehüpft, ansonsten frenetisch gejubelt, gejohlt und applaudiert. Es herrschte eine großartige Stimmung, die das gesamte Konzert über anhielt.

Leider war das Ganze auch unfassbar laut. Ich merkte nach einiger Zeit, dass meine Ohren zu pfeifen anfingen, blieb trotzdem noch recht lange vorne stehen und hüpfte ein wenig, bis ich später in den hinteren Teil des Konzertraums ging. Als ich später auf meinem Rad saß und quer durch Karlsruhe strampelte, hatte ich in meinen Ohren ein unaufhörliches Rauschen.

(Am nächsten Tag ging ich in die Ohrenklinik im Städtischen Klinikum, um meinen Hörschaden begutachten zu lassen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein geiles Konzert war's ja trotzdem.)

09 Juli 2026

Werbung für neue Science Fiction

Derzeit werde ich auf Facebook von Werbung für neue und aufregende Science-Fiction-Romane nur so überflutet. Schon klar, das ist bezahlte Werbung, und es spricht nichts dagegen – ich finde es ja auch interessant, auf diese Weise mitzubekommen, was rechts und links von meiner Arbeit sonst so in der Science-Fiction-Welt passiert.

Aber das ist stets Werbung für selbstverlegende Autorinnen und Autoren, auf deutsch – Vorsicht, Scherz! – also für Selfpublisher. Auch dagegen ist nichts zu sagen. Ich frage mich nur: Gibt es neuerdings einen Werbesprüche-Generator im Internet, den man dafür benutzen muss, um für sein eigenes Buch zu trommeln?

Manchmal kommt es mir echt so vor. Die ständigen Superlative führen auf jeden Fall nicht dazu, dass ich mir so einen Roman kaufen würde. Mich schreckt das ab, vor allem auch deshalb, weil es oft so austauschbar wirkt.

Ich halte es dann so wie früher und warte darauf, dass mir jemand so einen Roman empfiehlt, von dem ich weiß, dass seine/ihre Interessen zu den meinen zumindest kompatibel sind. (Was jetzt nicht heißt, dass mich alle mit ihren Vorschlägen überfluten sollen ... ich guck' ja schon, was sich so tut.)

Art Brut und ihr Bang

Im Herbst 2005 sah ich in Los Angeles in »The Echo« eine englische Band, von der ich mir kurz davor die erste Langspielplatte gekauft hatte. Art Brut spielten vor einem frenetisch feiernden Publikum – es waren vielleicht 200 Leute anwesend – und sorgten für eine grandiose Stimmung. Ich bekam während des ganzen Konzerts mein Grinsen nicht aus dem Gesicht, und so ging es wohl vielen der Anwesenden.

Dieser Tage hörte ich mir die Platte wieder an. »Bang Bang Rock & Roll« kam 2005 heraus und begeisterte mich vom ersten Ton an. Das war nicht unbedingt neu, aber es knallte gut. Ob man das in die IndieRock-Ecke steckte oder als Punk bezeichnete, war mir völlig egal. In Los Angeles traten Art Brut auf, als seien sie eine Punk-Band, obwohl sie allesamt eher unpunkig wirkten.

Zurück zur Platte, die ich mir immer noch mit Genuss anhören kann. Es gibt natürlich Stücke wie »My Little Brother« oder das »Formed A Banded«, die richtig zum Pogo einladen, aber es gibt auch ruhigere Stücke wie das Liebeslied »Emily Kane« – aber das ist natürlich kein einfaches Liebeslied, sondern die originelle Version davon. Die Band verarbeitet allerlei gewöhnlich wirkende Themen (in »Moving To L.A.« wird natürlich über das englische Wetter gejammert) zu schrägen Liedern, und das ist immer ironisch bis sarkastisch.

Der Sänger kann nicht singen, anders lässt sich das nicht sagen. Im Prinzip benutzt er eine Art Sprechgesang, die aber nichts mit HipHop oder dergleichen zu tun hat, sondern eben sehr rhythmisch ist; bei einem Konzert hüpft man dann mit dem Sänger mit … Seine Stimme ist gut, er kriegt die Stücke richtig gut rüber; wer aber einen Sangeskünstler erwartet, ist hier falsch.

Und die Band? Die ist richtig gut, man merkt den Herren die Spielfreude an. Klar wird hier weder die Rockmusik im Allgemeinen noch der Punk neu erfunden; der Sound ist ebenfalls sehr rhythmisch, hat aber auch ordentliche Melodien. Die Gitarren klingen angenehm, der Bass und das Schlagzeug poltern ordentlich durch die Stücke, und der Sänger muss dazu eigentlich nur noch ins Mikro schreien. Das alles ist meist schmissig und selbst in den langsamen Passagen immer auf den Punkt gebracht; weit entfernt von manch langweiligem IndieRock.

Ernsthaft: Art Brut waren live großartig. Und die »Bang Bang Rock & Roll« ist immer noch eine sehr gute Platte. Wer sie bisher nicht kennt: reinhören!

07 Juli 2026

Ein deutsch-amerikanischer Science-Fiction-Klassiker

Wer sich heute mit phantastischer Literatur im Allgemeinen und der Science Fiction im Besonderen beschäftigt, hat den Namen Willy Ley (1906 bis 1969) nicht unbedingt parat. Dabei zählte er zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschsprachigen und später amerikanischen Science Fiction, der als Konstrukteur von Raketen ebenso bekannt wurde wie als Schöpfer phantastischer Welten. Mit dem Buch »Die Invasion« liegt eine Sammlung der Erzählungen vor, die er zwischen 1931 und 1940 veröffentlichte.

»Am Perihel« zeigt beispielsweise seine meisterhafte Art, konkrete Wissenschaft mit einer spannenden und auch politischen Handlung zu verbinden. Die Erzählung erschien 1937 in »Astounding Stories«, zwei Jahr nach Leys Auswanderung in die Vereinigten Staaten, und erzählt vom Mars und den Konflikten der menschlichen Kolonien dort. Dabei verhehlt der Autor nicht, was er von der irdischen Politik jener Zeit hält: Die deutsche Kolonie auf dem Mars arbeitet mit rassistischen Kriterien – der Begriff »arisch« fällt –, während die sowjetische Kolonie in brutalem Stalinismus erstarrt ist.

Mit einem Raumschiff flüchten drei Menschen vom Mars; sie wollen zur Erde und müssen eine riesige Ellipse fliegen. Weil Flugbahnen im Sonnensystem nach festen Kriterien verlaufen, müssen sie dabei sogar dicht an der Sonne vorbei … eine dramatische Reise, die auch heute noch faszinierend zu lesen ist. Ley brachte das Kunststück fertig, die Geschehnisse wissenschaftlich korrekt und trotzdem spannend zu schildern. Heute würde man aus dieser Erzählung wohl einen Roman mit 500 Seiten zu machen.

Auch in »Orbit XXIII-H« – die Erzählung wurde 1938 in »Astounding Stories« veröffentlicht – geht es um die Bedeutung von Orbitalbahnen im Sonnensystem; das Thema faszinierte den Autor ganz offensichtlich, und er hatte Freude, es in Geschichten aufzubereiten. Bei diesem Text wird allerdings mehr geballert; Maschinengewehre und Handgranaten kommen zum Einsatz. Damals war das durchaus üblich, heute finde ich es schwach – trotzdem ist es sinnvoll, diese Erzählung in einem solchen Sammelband abzudrucken.

Viel geschossen wird ebenfalls in »Nebel«: In dieser Geschichte, die 1940 herauskam, also vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg, schildert der Autor den Versuch einer kommunistischen Revolution in naher Zukunft. Dabei zeigt er die Geschehnisse aus der Sicht eines »Zivilisten«, der die Ereignisse quasi aus der Nähe verfolgt, nicht aber in die Kämpfe verwickelt wird. Die Story hat nur einen winzigen Science-Fiction-Anteil, eine technische Erfindung quasi, überzeugte mich aber durch die dichte Art der Erzählweise.

Typisch für die damalige Zeit – ebenfalls 1940 – ist die Titelgeschichte des Buches: »Die Invasion« erzählt vom unwillkommenen Besuch seltsamer Außerirdischer und den vergeblichen Versuchen, sie zuerst mithilfe schwerer Artillerie abzuwehren. Am Ende siegt ein trickreicher Ingenieur …

Willy Ley verstand es in seinen Geschichten immer, gute Figuren mit technischen Entwicklungen zu verbinden. In der Science Fiction jener Tage verstand man unter »Science« vor allem Ingenieurswesen und Physik; davon hatte der Autor und Raketenforscher sehr viel Ahnung.

Die Erzählungen in diesem Band sind allesamt unterhaltsam geschrieben und auch heute noch sehr gut lesbar. Sie sind natürlich der damaligen Zeit verhaftet, was sich beispielsweise in der Darstellung der Frauen und »Mädchen« zeigt.

Ein kenntnisreiches Nachwort sowie einige andere Texte ergänzen das Buch, das ich all jenen empfehlen möchte, die sich für klassische Science Fiction interessieren. Veröffentlicht wurde »Die Invasion« im Memoranda-Verlag als hochwertiges Taschenbuch mit Klappbroschur; es umfasst 290 Seiten und kostet 24,00 Euro.

Mithilfe der ISBN 978-3-911391-02-3 kann man es überall im Buchhandel bestellen. Das E-Book gibt’s für 8,99 Euro. Weitere Informationen zum Buch und seinem Autor gibt es auf der Internet-Seite des Memoranda-Verlags.

(Die Rezension erschien im Juni auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie. Hier wiederhole ich sie aus dokumentarischen Gründen.)

06 Juli 2026

Zug-Abenteuer

Wer mal so richtig was erleben will, wer mal so richtig mitkriegen möchte, auf welch vorbildliche Weise die Republik verteidigt wird, für den gibt es eigentlich nur eines: Sonntag abend mal das Auto stehen lassen und in Freudenstadt den letzten Zug Richtung Karlsruhe besteigen. Das ist der Zug, mit dem aus der kleinen Schwarzwaldstadt und den umliegenden Ortschaften einige Dutzend junger Männer mit Sack und Pack Woche für Woche in die Garnisonen in Nordbaden, Hessen oder Rheinland-Pfalz abdampfen.

Dabei geht es in Freudenstadt noch recht gemütlich zu. Nur einige wenige der jungen Männer mit den kurzen Haaren pfeifen schrill und rufen ihre Lagemeldungen über den Bahnhof und durch den Zug, geben damit zu Gehör, wieviel Tage sie noch zu dienen haben. Man setzt sich gemütlich, und dann werden ebenfalls gemütlich, ruhig und bescheiden die ersten Sechserpacks Bier aus den Taschen geholt und gleich im Dutzend niedergemacht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass manche Rationen schon den Weg vom Freudenstädter Haupt- zum Stadtbahnhof nicht überstehen.

Aber gemach! Dort steigen schließlich nochmals zwei Dutzend Bundeswehr-Soldaten ein, es kommt zu rührseligen Begrüßungsszenen (»Wieviel Tage hast du noch?« – »Was, so viel? Ist das mehr oder weniger als eine Million?«) und freundlichen Zurufen, und die nächsten Sechserpacks, Dosen und Weinflaschen werden geöffnet. Immerhin sollte bis Baiersbronn, der ersten Station im Murgtal, ein gewisser Mageninhalt vorhanden sein, denn dort steigt wieder ein Dutzend Soldaten mit neuem Reiseproviant ein, und dieses Spiel wiederholt sich von Station zu Station bis Karlsruhe.

Das soll nicht interessant sein? Ist es auch nicht, das ist ja erst der Anfang. Eine zufällig allein mit demselben Zug reisende Frau wird nicht vernachlässigt. Es gibt garantiert mindestens einen Bundeswehrsoldaten, der sich lautstark über ihr Aussehen und ihre Figur auslässt oder ihr gleich mit schwerer Zunge erzählt, dass eigentlich ohnehin nur er der Richtige sei. Dezente Hinweise ihrerseits, dass in erster Linie ein Gewehr die Braut eines Soldaten zu sein habe, verbieten sich schon aus Sicherheitsgründen von selbst.

Von Station zu Station wird die Stimmung in den Abteilen amüsanter, die ersten Lieder werden gesungen, einzelne Soldaten patrouillieren schon durch die Gänge, zeigen jedem, wie wenige Tage sie noch dienen müssen, und freuen sich über Gleichaltrige, die noch ein Jahr vor sich haben. Es kommt zu den ersten Keilereien, die ersten Büchsen fliegen quer durch die Abteile, die Musik vom Kassettenrekorder wird noch ein bisschen lauter gestellt, der Schaffner wagt sich schon gar nicht mehr in die Gänge hinein, und ab und zu geht auch mal ein Fenster zu Bruch. Hält der Zug an einer Station, fliegen die üblichen humorvollen Bundeswehrsprüche zu Wartenden hinüber, werden Frauen aus sicherer Distanz mit allerlei Eindeutigkeiten überhäuft.

Im Karlsruher Hauptbahnhof verlassen dann Dutzende von Soldaten den Zug, die einen eher still und gedrückt, die anderen lautstark pfeifend und grölend, die Flaschen dabei immer in der Hand. Dort gibt es eventuell einen krönenden Abschluss des Zug-Abenteuers, wenn seltsame, grüngekleidete Herren mit weißen Pistolentaschen und roten Mützen auftauchen: Feldjäger, die ab und zu versuchen, Betrunkene abzuführen.

Leider bietet sich dieses Bild nicht allzu häufig, so dass sich das eigentliche Zug-Abenteuer meist auf die Fahrt allein beschränkt. Aber das dürfte dem Normalsterblichen voll und ganz reichen.

(Diesen Text veröffentlichte ich in der Freudenstädter Lokalausgabe der »Südwest-Presse«; der Artikel erschien am 8. Juli 1985, zu einer Zeit also, als ich selbst noch als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr war und die geschilderten Ereignisse an fast jedem Wochenende miterleben durfte. Im Jahr 1994 wurde der Text von mir in meinem Egozine ENPUNKT noch einmal nachgedruckt. Aber das ist ja schon wieder lange her …)

03 Juli 2026

Weniger Sex, mehr Fußball

Der Name des Schriftstellers Marthy J. Cannary ist selbstverständlich ein Pseudonym; wer sich hinter diesen Namen verbirgt, weiß ich leider nicht. Spekulieren könnte ich, aber so wichtig ist das ja letztlich nicht. Der Autor zeichnet für den Roman »Der Name des Spiels« verantwortlich, der als Band 2814 der Serie »Lassiter« erschienen ist.

Die Serie gehört zum Genre des Westerns, hat aber mit historisch korrekten Tatsachen nur wenig zu tun. Das stört nicht: Bei »Lassiter« werden schon immer Western-Elemente mit einer tüchtigen Prise Sex verbunden, und diese Mixtur macht sicher den Erfolg dieser schon sehr lange laufenden Reihe aus.

Diesmal aber geht es weniger um Sex – das bisschen Erotik dieses Romans besteht aus Andeutungen –, sondern vielmehr um Fußball. Ausgerechnet in der Kleinstadt Green River in Wyoming wird das erste Fußballspiel in den Vereinigten Staaten ausgetragen, und Lassiter passt auf, dass alles gut verläuft,

Sagen wir so: Die fußballerischen Details stimmen hoffentlich, die prüfte ich nicht nach. Die Szenerie an sich ist unterhaltsam, das Geschehen unterhaltsam erzählt. So richtig spannend fand ich den Roman allerdings nicht, aber ich zähle ja auch nicht zur Hauptzielgruppe dieser Serie.

Die Idee muss ich aber loben: Die Mixtur aus Fußball und Western ist sicher einmalig – und das haben die Kollegen bei Bastei gut platziert ...

02 Juli 2026

Schnappschuss in Freudenstadt

Aus der Reihe »Ein Bild und seine Geschichte«

Der FreuCon '92 im April 1992 hatte an die 800 Besucher aus gut zwanzig Ländern. Als »Chairman« der Veranstaltung bekam ich vom Ablauf gar nicht so viel mit, weil ich oft in unserem Büro saß und Einzelgespräche mit Helfern, Programmteilnehmern oder der Presse führte. Deshalb waren die Fotos für mich im Nachhinein eine wertvolle Dokumentation.

Das Bild hier zeigt den amerikanischen Science-Fiction-Autor Norman Spinrad, links im Bild, der damals in Paris lebte. Er unterhält sich mit Werner Fuchs, einer der Gründer des Rollenspielsystems »Das Schwarze Auge« und Chef des Verlags Fantasy Productions. Spinrad und ich verloren nach dem FreuCon den Kontakt zueinander, sieht man davon ab, dass ich seine Romane las; mit Fuchs traf ich mich im Verlauf der folgenden Jahrzehnte oft.

Im Vordergrund des Bildes ist eine Frau zu sehen, die zur offiziellen Delegation der Volksrepublik China gehörte. Die chinesische Delegation kam über eine Vermittlung von Wiktor Bukato nach Freudenstadt; Bukato war eine wichtige Person in der polnischen Science Fiction sowie in der European Science Fiction Society (ESFS).

Das Foto stammt von Peter Fleissner.

01 Juli 2026

Der beste deutschsprachige SF-Roman 2025

Derzeit ist Nils Westerboer wohl der deutschsprachige Science-Fiction-Autor, der am stärksten abgefeiert wird. Schon sein Roman »Athos 2843« erhielt Genre-Preise und wurde bereits verfilmt. Mit »Lyneham«, seinem aktuellen Werk, bekam er auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse den »Seraph« für den besten deutschsprachigen Phantastik-Roman des Jahres 2025.

Ich finde: Diesen Preis erhielt er zu Recht, und »Lyneham« sollte jeder Science-Fiction-Leser kennen.

Die Handlung läuft auf zwei Handlungsebenen ab, die durch Jahrtausende voneinander getrennt sind und doch in enger Beziehung zueinander stehen. Beide spielen auf Perm, einem Mond, der einen Planeten in einem fernen Sonnensystem umkreist. Dorthin flüchten Menschen, die auf der zerstörten Erde keine Zukunft mehr für sich sehen. Es handelt sich also um eine Kolonistengeschichte, wie wir sie in der Science Fiction schon sehr oft lesen konnten.

Der Autor greift das Thema aber in ungewöhnlicher Weise auf. Seine Hauptfigur ist ein zwölf Jahre alter Junge, der das eine oder andere Problem hat. Mit seinen Geschwistern und seinem Vater strandet er auf dem Mond; sie schaffen es nur mit viel Mühe in eine Überlebenskuppel. Dort müssen sie sich eine neue Existenz aufbauen. Während die Erwachsenen neue gesellschaftliche Strukturen entwickeln, versuchen die Kinder, sich auf ihre Weise einzurichten. Dabei erkennen sie, dass es Geheimnisse auf diesem Mond gibt, die man sorgsam vor ihnen verbirgt …

»Lyneham« gefällt mir auf verschiedenen Ebenen. Der Autor hat sich offensichtlich gut mit den biologischen und chemischen Grundlagen für Leben auf einer fremden Welt beschäftigt. Er schildert die seltsamen Lebewesen, auf die seine Figuren stoßen, mit viel Liebe zum Detail; sie wirken trotz aller Fremdartigkeit glaubhaft. Die Umwelt, in der sich die Kinder bewegen, ist teilweise sehr lebensfeindlich, und das macht Westerboer immer wieder deutlich.

Nicht nur die wissenschaftlich fundierte Ebene seines Romans überzeugt. Seine Figuren handeln stets nachvollziehbar, auch wenn man als Leser nicht alles gut finden kann, was sie denken, sagen und tun. Sie streiten miteinander, sie raufen sich zusammen, sie suchen nach den besten Wegen, sich in der Fremde zu behaupten. Dabei gelingt ihm die Perspektive seiner jungen Hauptfiguren ebenso wie die der Erwachsenen, die er ebenfalls zeigt.

Das Ganze ist zudem richtig spannend. Der Autor schildert, wie sich kritische Situationen entwickeln und wie sich seine Figuren in ihnen behaupten müssen. Auf beiden Handlungsebenen folgt man da mit großer Faszination; mich ließ das Schicksal der Figuren bei der Lektüre nicht kalt. Und je länger beide Handlungsebenen parallel laufen, desto klarer wird, wie sehr sie miteinander in einer Beziehung stehen.

Klasse!

Erschienen ist der Roman bei Klett-Cotta: ein schönes Paperback mit Klappumschlag. Auf der Internet-Seite des Verlags steht eine Leseprobe zur Verfügung.

(Diese Rezension platzierte ich im Mai 2026 auf die Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie. Hier wiederhole ich sie unter anderem aus dokumentarischen Gründen.)