19 April 2016

Grimmelshausen und ich

Ich kann’s ja nicht anders sagen, aber ... Die Tatsache, dass ein Text von mir allen Ernstes im Unterricht behandelt wird, erfüllt mich gleichermaßen mit Stolz und Irritiation. Und ich war sehr verblüfft, als ich davon hörte, stellte dann aber gern Texte zur Verfügung. Der Reihe nach ...

Die Lehrerin Alexandra Trinley hat mein Buch und den klassischen Roman »Simplicius Simplicissimus« von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen gemeinsam im Unterrricht behandelt. Wer sich dafür interessiert, findet im Blog »blaetterfluggedankenschnuppendotcom« diverses Material.

Wer übrigens meint, dass der olle Grimmelshausen und ich nicht viel gemeinsam haben, der irrt sich sehr. Im »Simplicius« spielt der Schwarzwald eine Rolle, in dem ich aufgewachsen bin; der Held ist beispielsweise mal am Mummelsee zugange, an dem ich als Kind mit meinen Eltern oft spazieren »durfte«. Zudem ist Grimmelshausen im Schwarzwald gestorben – also alles in relativer Nähe zu mir.

Wenn’s also keinen ernsthaften literarischen Zusammenhang gäbe, wäre zumindest der geografische Zusammenhang gegeben. Da bin ich ja nicht kleinlich. Alexandra Trinley schafft es in ihrem Unterrichtsentwurf darüber hinaus aber, auch zwischen den zwei Romanen sinnvolle und glaubhaft klingende Zusammenhänge zu erstellen, mit denen die Schüler arbeiten können.

»Der Punker Peter Punk, der in den 80er Jahren lebt, und Grimmelshausens namenloser Bauernjunge Simplicius Simplicissimus haben entscheidende Grundzüge gemeinsam«, schreibt Alexandra in ihrem Blog. »Beides sind Antihelden, beide Außenseiter, die von Situation zu Situation schlittern und hierdurch Einblicke in ihre jeweilige Gesellschaft ermöglichen.« Na gut!

Wenn bei einem Text, den ich verfasst habe, Aufgaben wie »Unterstreichen Sie die Personifikationen und erläutern Sie ihre Wirkung« auftauchen, finde ich das irritierend. Oder auch: »Markieren Sie Verben und Adjektive, die zusätzliche Bildlichkeit einbringen.« Da kann ich nur hoffen, dass die Schüler nicht gar zu sehr abgeschreckt werden.

(Wer sich in das Thema ernsthaft einlesen möchte, findet auf ihrem Blog sowohl die Unterrichtsanalyse als auch die Arbeitsblätter.)

18 April 2016

Punk in der Scheune

Karl Nagel ist ein Phänomen: Der Mann ist auch schon Mitte fünfzig, und er sprang am Sonntagabend, 17. April 2016, auf der Bühne herum, als sei er zwanzig oder gar dreißig Jahre jünger. Vor allem angesichts eines doch eher müde und verfroren wirkenden Publikums war das eine enorme Leistung.

Seien wir fair – ich musste mich auch aus dem Haus und auf die Straße quälen. Das Wetter am Sonntag war feucht und kalt, und ich hatte keine so richtig große Lust auf ein Punk-Konzert. Aber die Aussicht, mir die Ohren freiblasen zu lassen und einige alte Bekannte mal wieder zu treffen, riss dann doch alles heraus,

8 Jahre KEIN HASS DA – 2016 geht’s weiter!
Bis ich aber in Jöhlingen eintraf, einer Landgemeinde bei Karlsruhe, war es schon fast zu spät. Ich hatte Blutwurst verpasst, die Lokalhelden aus dem Raum Karlsruhe, aber als ich eintraf, legten gerade Kein Hass Da los. Die Scheune, in der alles stattfand, erwies sich als eine echte Scheune: recht staubig, ein wenig verfallen und angegammelt, damit ideal geeignet für ein Punkrock-Konzert.

Viel Publikum hatte sich nicht eingefunden, vielleicht zwei Dutzend waren es. Kein Hass Da ließen es trotzdem knallen: Die Band ist richtig gut, die Musiker wissen genau, was sie tun, und Karl Nagel tobt auf der Bühne herum, dass es eine wahre Pracht ist. Man muss natürlich in gewisser Weise die alten Bad Brains mögen, um Kein Hass Da wirklich zu verstehen.

Aber auch jemand, der das Original nicht kennt, dürfte seine Freude an der Band haben. Mir machte der Abend viel Spaß. Pünktlich um halb zehn Uhr kam die Polizei und nervte – es hat sich seit den 80er-Jahren noch nicht so viel geändert. Aber das konnte einen schönen Punkrock-Abend dann auch nicht mehr trüben ...

17 April 2016

Der aktuelle SF-Boom

Ob die Science Fiction jemals wieder boomen wird, weiß kein Mensch. Derzeit versuchen aber diverse Verlage, das Genre wieder nach vorne zu hieven. Seit dem vergangenen Herbst hat Piper wieder ein eigenes Science-Fiction-Programm, und im Herbst 2016 feiert Lübbe sein 45-jähriges Science-Fiction-Jubiläum mit einem eigenständigen Auftritt. Zudem startet Droemer-Knaur erneut in das Science-Fiction-Genre, und mit Fischer Tor setzt ein amerikanischer Verlag zm direkten Vorstoß auf den deutschsprachigen Markt an.

Die Zeiten müssten also vorüber sein, als Science Fiction im Buchhandel vor allem durch Heyne und Lübbe vertreten war; dazu kamen die einschlägigen Heftromanserien mit ihren Ablegern. Vor allem aber kleinere Verlage wie Atlantis oder CrossCult tummelten sich in den vergangenen Jahren in einem Markt, der von Schrumpfung bedroht war.

Die anspruchsvollere Science Fiction fand zuletzt vor allem in Verlagen wie Septime oder Golkonda statt, die schlichtere Science Ficiton wiederum tummelte sich in gut einem Dutzend kleiner Verlage verschiedenster Güteklasse. Wer sich mit dem Genre intensiv beschäftigte, fand in den vergangenen Jahren genug zu lesen. Man musste halt im Internet recherchieren oder gar auf Cons fahren; in einer regulären Buchhandlung wurde diese Art von Science Fiction nicht präsentiert.

Machen wir uns nichts vor: Der aktuelle Science-Fiction-Boom findet an anderen Stellen statt. Das Genre ist im Kino erfolgreich, es feiert im Fernsehen große Erfolge, und im Computerspiel oder Online-Gaming ist das Genre sogar ein Trendsetter. Wer sich heute für Science Fiction begeistert, muss keine Romane oder Kurzgeschichten mehr lesen. Die Auswahl außerhalb der Buchhandlungen ist riesig.

Ich finde die aktuelle Entwicklung trotzdem super. Aus eigensüchtigen Motiven: Wenn mehr Science Fiction in den Buchhandlungen liegt, ist die Auswahl für mich größer. Und aus beruflichen Motiven – aber die gehören nicht in diesen privaten Blog hier ...

16 April 2016

Mein Motorrad-Magazin

Ich habe keinen Motorrad-Führerschein, und die Gelegenheiten, auf einem Motorrad »hinten drauf« mitgefahren zu sein, kann ich wahrscheinlich – wenn ich mir Mühe gebe – an einer Hand abzählen. Ich bin also alles andere als dafür geeignet, für eine Zeitschrift zu arbeiten, die sich mit Motorrädern beschäftigt.

Und doch machte ich das zu Beginn des Jahres 1992. Mehrere Ausgaben der Zeitschrift »Zweirad aktuell«, die den schönen Untertitel »Informationen für Motorradfahrer« trug, wurden von mir redaktionell betreut. Das Heft umfasste im Schnitt zwölf Seiten im A4-Format, war durchaus hochwertig aufgemacht und wurde kostenlos in Aral-Tankstellen abgegeben.

Selbstverständlich verfasste ich keinen einzigen der Texte; nur das Vorwort stammte von mir. Ich konnte schlecht über ein neues Yamaha-Modell schreiben und noch schlechter von einer Motorrad-Tour berichten. Aber ich konnte freie Autoren damit beauftragen, die Texte zu liefern, und ich konnte Fotografen um Fotos bitten; dazu kam die Zusammenarbeit mit der Grafik, dem eigentlichen Verlag – in diesem Fall das Marketing der Mineralölfirma – und der Druckerei.

Das kann sich heute wahrscheinlich kaum noch jemand vorstellen, aber es machte mir Spaß. Die Themen waren abwechslungsreich, und sie passten sich innerhalb der Agentur, für die ich tätig war, wunderbar in das Konzept ein. Immerhin schrieb ich auch über Reifen, Motorradhelme, Immobilien oder Schmieröle ...

15 April 2016

Der Auftakt für Jesse Stone

Warum ich erst dieser Tage den Roman »Das dunkle Paradies« las, kann ich selbst nicht richtig begründen. Die mir vorliegende Taschenbuchausgabe besitze ich seit 2013, die erste deutschsprachige Veröffentlichung gab es bereits 1998 – ich bin also ziemlich spät dran. Was allerdings nichts macht, denn gute Romane haben kein Verfallsdatum.

Bei »Das dunkle Paradies« handelt es sich um einen Roman des amerikanischen Schriftstellers Robert B. Parker, der vor allem durch seine Krimis um den wortkargen Ermittler Spenser bekannt geworden ist. Mit diesem Roman begründete er eine neue Serie, in der er den Polizisten Jesse Stone in der kleinen Stadt Paradise in Massachusetts ermitteln ließ. (Verfilmt wurden die Romane dieser Serie teilweise mit dem »Magnum«-Schauspieler Tom Selleck, sie werden immer mal wieder in obskuren Fernsehkanälen gezeigt und sind besser, als man angesichts des Schauspielers denken könnte.)

Jesse Stone ist Alkoholiker; deshalb wirft ihn die Mordkommission in Los Angeles auf die Straße. Seine Frau hat ihn sowieso schon verlassen, auch wenn er sie noch liebt – aber er weiß mit seinem Leben nichts anzufangen und ist heilfroh, als man ihm einen Job auf der anderen Seite des Kontinents anbietet. In Paradise hievt man offenbar auch einen versoffenen Polizisten ins Amt, was ihn anfangs ein wenig wundert.

Recht schnell wundert er sich noch mehr. In der Stadt gibt es seltsame Verbindungen zwischen einem gefährlichen Muskelmann, einer selbsternannten Miliztruppe und den »guten Bürgern« der Oberschicht, hinter die Jesse Stone nur langsam kommt. Als ihm auch noch bewusst wird, dass sein Vorgänger im Amt in die Luft gesprengt worden ist, wird ihm klar, dass in Paradise so einiges nicht stimmt ...

»Das dunkle Paradies« ist ein klassischer Krimi: Es gibt Morde und Verbrechen, und ein tapferer Ermittler tut alles, um die Bösewichte hinter Gittern zu bekommen. Dass der Ermittler mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, dass er ein Alkoholiker ist und den Griff nur mit Mühe von der Flasche halten kann – das ist nicht unbedingt originell, das kennt man sogar von Fernsehkrimis her.

Die Meisterschaft bei Robert B. Parker liegt – wie so oft – in den knappen Dialogen und ebenso knappen Beschreibungen. Er hält sich nicht bei ausuferndem Gerede auf, seine Figuren handeln klar und zielbewusst, und vor allem seine Hauptperson agiert immer glaubwürdig.

An der Übersetzung habe ich nichts auszusetzen, die schnellen Szenen kommen in der deutschen Sprache rasant herüber. Einige merkwürdige Absatzstellungen schiebe ich auf das amerikanische Original; da unterscheiden sich die Lesegewohnheiten auf den beiden Seiten des Atlantiks manchmal doch sehr. Aber außer mir wird das wohl auch kaum jemand auffallen.

»Das dunkle Paradies« ist ein spannender Roman, der mir richtig viel Freude bereitet hat. Ich konnte ihn streckenweise kaum aus der Hand legen und werde mir jetzt – endlich! – die anderen Romane der Reihe besorgen. Wer auf knallige Krimis mit klaren Strukturen steht, ist hier auf jeden Fall bestens beraten.

(Ach ja: Erschienen ist der Roman im Pendragon-Verlag. Es handelt sich um ein Taschenbuch, das 348 Seiten umfasst und 10,95 Euro kostet. Und natürlich kann man es überall im Buchhandel kaufen, ebenso das E-Book.)

14 April 2016

Dreimal Jessica Fletchers

Weil ich die Platte eh im Radio spielte – also eines der drei Stücke –, hörte ich die CD »Bloody Seventies Love« von den Jessica Fletchers nach vielen Jahren mal wieder an. Sie war bereits 2004 erschienen, und ich hatte sie damals in meinem Fanzine ENPUNKT besprochen; damals ging ich davon aus, dass die Band bald ihren kommerziellen Durchbruch erleben würde.

Irgendwie wurde daraus nichts. Und so blieben von der Band halt eine Reihe von schönen Platten und herrlicher Stücke zwischen Pop und Rock, mit gelungenen Melodien und einem augenzwinkernden Blick in die späten 60er- und frühen 70er-Jahre. Da quäkt die Orgel, da schnoddert die Gitarre, da wird dazu gesungen, als stünden die Beatles aus ihrer »Sergeant Pepper«-Phase dafür Pate.

Die CD ist meilenweit von Punkrock entfernt, macht mir aber großen Spaß. Die knackigen Melodien gehen rasch ins Ohr – schade, dass ich von dieser Band nur wenige Tonträger habe.

13 April 2016

Digitale Zahlen 2015

Die Diskussion über den Sinn und Unsinn von E-Books reißt erstaunlicherweise nicht ab; immer mal wieder tauchen in dieser Diskussion dann auch mal Zahlen auf, die nicht unbedingt überzeugen. Deshalb schaue ich diesmal ein wenig kritisch auf die aktuellen Zahlen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf Basis einer Studie für das Jahr 2015 erhoben hat.

Glaubt man diesen Angaben, liegt der E-Book-Anteil bei den größten Verlagen derzeit 8,2 Prozent – also der Anteil am Umsatz, nicht an den Titeln. Dabei nimmt die sogenannte Belletristik – also erzählte Literatur im weitesten Sinne – einen Anteil von 12,2 Prozent ein, wobei die Streuung enorm sein dürfte. Sachbücher liegen deutlich darunter, ebenso Ratgeber oder der Bereich Kinder- und Jugendbücher.

Solche Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Selfpublisher fließen hier ebensowenig ein wie engagierte Kleinverlage, bei denen der E-Book-Anteil häufig weit über fünfzig Prozent liegt. Ausgewertet wurden hier nur die größten Verlage, von denen manche erst seit kurzem überhaupt im Digitalgeschäft mitmachen.

Fakt ist dennoch: Die E-Books sind da. Die Zahlen wachsen nicht in schwindelerregende Höhen. Aber von einer Krise der E-Books zu sprechen, wie es derzeit manche tun – das wäre sicher völlig falsch. Es spricht ja auch niemand von der Krise des Taschenbuches ...

12 April 2016

ProgRock in der heutigen Zeit

Nennt es ArtRock, nennt es ProgRock – in den 70er-Jahren zählten die entsprechenden Bands zu dem, was man unter anspruchsvoller Rock-Musik verstand. Ich hasste diese Musik und konnte damit größtenteils nichts anfangen. Deshalb war ich anfangs auch irritiert, als ich die Platte »Home« der aus Norddeutschland stammenden Band Sylvan zum ersten
Mal hörte.

Bei der Band handelt es sich um ein aktuelles Aushängeschild des ArtRock; die vier Musiker haben seit 2006 diverse Tonträger veröffentlicht. Und was sie machen, erinnert mich stark an Genesis (da allerdings eher an das gelungene »The Lamb Lies Down On Broadway«) und andere Klänge aus den 70er-Jahren. Was ich damals grässlich fand, kann ich mir heute aber gut anhören.

Die Band instrumentiert ihre Stücke recht aufwendig. Da werden Streichersätze reingebaut, da quält die Orgel, zwischendurch wird es aber auch mal krachig. Der Sänger hat eine ausdrucksstarke Stimme, er kann richtig gut singen – das muss bei dieser Art von Musik wohl sein.

Die Musik ist bei alledem meist »episch«, die Stücke sind arg lang (eins hat über zehn Minuten), dabei aber durchaus abwechslungsreich. Bei mancher Autofahrt konnte ich mir das gut anhören. Wenn man sich darauf einlässt, was ich beispielsweise nicht immer kann, ist das sehr angenehm und langweilt überhaupt nicht.

Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben noch mal so ein richtiger Fan der Musikrichtung werde. Sylvan sind mit ihrer epischen Musik, mit ihren nach Fantasy und Science Fiction klingenden Texten und ihrem durchaus anspruchsvollen Konzept etwas, das Phantastik-Fans mögen könnten – und ich werde mir die CD bestimmt mal wieder anhören, wenn eine lange Autofahrt ansteht.

11 April 2016

Gedichte in der Kaserne

Warum ich ausgerechnet am 30. Oktober 1985 gleich mehrere Gedichte verfasste, die ich auch heute noch ganz gut finde, ist wohl nur damit zu erklären, dass ich in der Bundeswehr-Kaserne in Bruchsal saß und zu viel Zeit hatte. Wahrscheinlich musste ich Wache schieben und tat das, was ich an solchen Tagen oft machte: Ich notierte mir das, was mir durch den Kopf ging, oder schrieb gleich »vernünftige« Texte.

Dabei kamen unter anderem die zwei Gedichte »Jagdfieber« und »Fiebertage« heraus, die ich schwäbisch-sparsam auf eine Seite tippte; ich benutzte dazu die alte Kofferschreibmaschine, die ich in meinem Kinderzimmer im elterlichen Haus stehen hatte. Wahrscheinlich hatte ich die Gedichte in der Kaserne handschriftlich notiert und daheim abgetippt.

»Die Träume waren schwer / und quälten« – so klingt es bei »Fiebertage« fast existenzialistisch. Eher in die Freiheit ging es im »Jagdfieber«, bevor der Text am Ende ebenfalls negativ endete: »Flog westwärts / über den großen Fluss / hinein ins Neuland.«

Manche meiner frühen Texte sind mir peinlich. Bei diesen zwei Gedichten erkenne ich, dass sich da jemand echt Gedanken gemacht hat, bevor er schrieb. Da kann ich also glatt mein jüngeres Ich loben ...

10 April 2016

Besuch beim Syrer

Wann immer ich in Hamburg bin und ein wenig Zeit dabei habe, besuche ich »Saliba«. Das syrische Restaurant liegt in den schicken Alsterarkaden, bietet leckeres Mittagessen und ebenso hervorragende Hauptspeisen für den Abend an. Das schmeckt alles – und das bisher bei jedem Besuch!

Diesmal lag meine Zeit ein wenig ungünstig. Deshalb nahm ich mit einem Teller »Süßes« und Kaffee vorlieb: arabische Leckereien auf einem Teller, schön serviert und absolut schmackhaft. Ich genoss es.

Neben mir saß ein älteres Ehepaar, er knapp über, sie knapp unter siebzig. Beide hatten ein Glas Weißwein vor sich stehen und wohl bereits gespeist. Als der Kellner kam und die Teller abräumte, versuchte der Mann, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

»Wie ist denn die Lage in Syrien derzeit?«, fragte er.

Der Kellner reagierte nicht. Er räumte die Teller und das Besteck zusammen. Dass er gut deutsch sprach und verstand, hatte er kurz zuvor noch bewiesen.

»Wie ist denn die Lage in Syrien?«, fragte der Mann ein zweites Mal, ein wenig drängender diesmal. »Na? Die Lage in Ihrer Heimat.«

Der Kellner sah ihn an. »Beschissen ist sie«, sagte er ziemlich ruhig, auch höflich. »Da ist immer noch Krieg.« Er wollte sich zum Gehen wenden.

Der Mann gab noch nicht auf, er wollte wohl ein Politikgespräch erzwingen. »Da gibt es so unterschiedliche Ansichten, nicht wahr?«

Der Kellner reagierte nicht mehr, er flüchtete geradezu. Ob und wie sich das Gespräch sich später fortsetzte, als er irgendwann zum Kassieren kam, erfuhr ich leider nicht mehr ...

09 April 2016

Die Comixene in der vierten Phase

Ich könnte ja behaupten, dass ich ein Leser der »Comixene« von Anfang an war – aber das wäre gelogen und ließe sich als Lüge leicht nachprüfen. Das Heft startete 1974 als Fanzine, ich abonnierte es zu Beginn der 80er-Jahre, bis es 1982 eingestellt wurde.

Es war das erste Comic-Magazin im deutschen Sprachraum, das regelmäßig erschien und der damals neuen Welle an erwachsenen Comics als Sprachrohr diente. Mein Comic-Geschmack wurde damals maßgeblich durch die »Comixene« geprägt. Einen zweiten Versuch gab es ab 1994, einen dritten Versuch von 2003 bis 2012.

Mit der neuen Ausgabe 116 startete im Herbst 2015 dann der vierte Versuch; ich kam leider erst dieser Tage dazu, das Heft gründlich zu lesen. Ein Fanzine ist die »Comixene« selbstverständlich nicht mehr: Das von Martin Jurgeit verantwortete Heft präsentiert sich als vierfarbig illustriertes und hochwertig gestaltetes Magazin, das hundert Seiten umfasst und mir wirklich sehr gut gefällt.

Durchgehend herrscht ein journalistischer Stil. Interviews und Artikel sind sauber geschrieben; so werden beispielsweise der deutsche Zeichner Nic Klein und der populäre Künstler Lewis Trondheim porträtiert, es geht um die Zeitschrift »Charlie Hebdo«, und natürlich werden haufenweise aktuelle Comics besprochen. Alle Artikel sind reichhaltig illustriert, die textliche Ausrichtung ist kritisch und zugleich positiv.

Mit »Rainhill« gibt's einen starken Schwarzweiß-Comic von Nic Klein zu lesen, dazu kommen Cartoons. Alles in allem macht das erste Magazin der neuen Ära einen sehr guten Eindruck, und ich würde mich sehr freuen, wenn es lange und erfolgreich weiterginge.

Zu beziehen ist das Magazin im gut sortierten Zeitschriftenhandel, im Comic-Fachgeschäft und natürlich direkt über den Verlag; die Website hilft hier weiter. (Ob einem der Preis von 9,80 Euro gefällt, muss jeder Mensch selbst entscheiden.) Dort gibt es auch Leseproben, die mehr über den Inhalt verraten.

08 April 2016

Krankenhaus-Museum

Eigentlich bin ich nicht der große Fan von Museen. Aber wenn man schon in der wunderschönen Stadt Beaune in Burgund ist, in der man auch nett durch die Gassen und Straßen bummeln, guten Wein trinken und allerlei Krimskrams einkaufen kann, dann sollte man wohl auch das »Hotel Dieu« besichtigen.

Im 15. Jahrhundert war der Gebäudekomplex errichtet worden, ursprünglich als reines Armenkrankenhaus. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Komplex noch als Krankenhaus genutzt worden – es ist nach wie vor ein beeindruckendes Gebäude mit schönem Dach, mit toller Architektur, mit vielen alten Ölgemälden an den Wänden und verzierten Deckenbalken.

Heutzutage ist es ein Museum. In den einzelnen Räumlichkeiten wird erklärt, wie sich beispielsweise das Leben dort vor Jahrhunderten abspielte, aus welcher Motivation heraus der Herzog damals auf die Idee kam, sich für die Kranken und Armen zu engagieren – um dem Fegefeuer früher zu entrinnen ... –, und wie beispielsweise in früheren Jahrhunderten eine Apotheke funktionierte.

Ich fand das gut gemacht. Mithilfe der Erläuterungen, die es nicht nur in französischer Sprache, sondern auch auf Englisch und Deutsch gab, konnte ich alles gut nachvollziehen. Wer wollte, konnte mit dem »Audio Guide« noch richtig tiefschürfen und weitere Informationen zu den Details abfragen. Das machte ich nur selten, so engagiert war ich dann doch nicht – die Erfahrung lehrt, dass man das meiste eh schnell wieder vergisst.

Museumsbesuche sind oft langweilig. Der in Beaune war es nicht, er lohnte sich Vor allem war nach den Stunden im Museum das Wetter wieder besser; den zwischendurch herunterkommenden Regen hatten wir größtenteils verpasst.

07 April 2016

Die Zukunft in der Hand?

»Wir sind doch alle fasziniert und begeistert von diesen kleinen Geräten«, sagte die Frau in dem eleganten Kostüm und hielt ihr Smartphone in die Höhe. »Und eigentlich können wir nicht ohne sie leben.«

»Ich kann das sehr gut«, gab ich zurück. »Mein Handy ist mehr als zehn Jahre alt, und ich benutze es nur in Notfällen. Ein Smartphone besitze ich erst gar nicht.«

Sie sah mich fassungslos an. Wir saßen in den Räumlichkeiten einer Agentur, die anscheinend gut Geld verdiente. Alles sah sehr ordentlich aus, der Erfolg strahlte aus allen Ritzen. Die Frau, mit der ich sprach, war jünger als ich, aber sie hatte die vierzig schon überschritten, war alles andere als ein Teenager oder »Digital Native«.

»Aber Sie sind doch Science-Fiction-Redakteur«, sagte sie dann. »Sie müssen doch ein solches Smartphone haben, sie müssen auf dem Laufenden sein, solche Geräte sind Science Fiction. Man muss doch mit den Entwicklungen laufend Schritt halten.«

Ich erklärte ihr, dass ein Smartphone mitnichten Science Fiction oder gar Zukunft sei. »Die Dinger sind Gegenwart, die sind schon da. Sie waren vor zwanzig Jahren noch Science Fiction.« Und ich sei sehr froh, wenn ich in meiner Freizeit aus dem dauernden Termindruck und aus der Informationsflut so weit aussteigen könne, wie ich es für mich gut befinde.

Sie verstand mich nicht. Wir verstanden einander nicht. Sie stellte dar, wofür sie ihr Smartphone benötigte. Ich stellte fest, dass mich das alles auf einer theoretischen Basis interessierte, dass ich das aber für mein Leben nicht brauchte. Ich sagte ihr nicht, dass ich sehr wohl mit dem Gedanken spielte, mir ein Smartphone zu kaufen – vor allem deshalb, weil sich mein Handy in seine Bestandteile auflöste.

Wir trennten uns in beidseitiger Irritation. Parallelgesellschaften ... überall!

06 April 2016

Schokolade beim Klaus

Seit meinem ersten Gang durch die Rue Jean Jacques Rousseau in Dijon wollte ich ein ganz bestimmtes Geschäft betreten. Es trug den schlichten Namen »Klaus«, und in seinem Schaufenster fand ich nur allerlei Schokolade – allerdings dauerte es mehrere Tage, an denen ich stets außerhalb der Geschäftszeiten in diese Ecke der Stadt kam, bis ich das Geschäft endlich betreten konnte.

Der Mann an der kleinen Kasse, der für den Laden verantwortlich war, konnte mein Dauergrinsen natürlich nicht verstehen. Er trug einen kräftigen Vollbart, einen rundlichen Bauch, ein »Harley Davidson«-Shirt und einige schlichte Tätowierungen auf den Armen, passte auf den ersten Blick also überhaupt nicht in einen Laden, der im Prinzip nur Schokolade anbot.

Und was für Schokolade! Natürlich gab es die üblichen Tafeln in der bekannten Verpackung, aber die »Plaisirs Gourmands« boten darüber hinaus allerlei Leckereien an. Besonders witzig fand ich allerlei Werbetafeln, teilweise modern, teilweise im Design aus dem 19. Jahrhundert abgeleitet. Da überall mein Vorname draufstand, kam ich aus einem debilen Grinsen nicht heraus.

Selbstverständlich kaufte ich ordentlich ein. Ich kaufte Postkarten und Schokoladetafeln, »Café Cardamone« in schokoladiger Hülle und Kakaopuder mit dem »Klaus«-Logo; wie die Sachen schmeckten, wusste ich nicht einmal. Aber wann hat man schon mal die Chance, in einem Laden einzukaufen, der einen so passenden Namen trägt?

05 April 2016

Illegale Farben im 21. Jahrhundert

Es gibt Bands, die hört man einmal, und dann hauen sie einen um. So ging es mir tatsächlich mit Illegale Farben. Die Band besteht aus Leuten, die ich alle mal mit ihren früheren Bands schon auf irgendwelchen Bühnen gesehen habe, macht aber eine Musik, die ganz anders als frühere Kapellen klingt.

Wenn man so will, hören sich Illegale Farben schon ein wenig nach Fehlfarben an, von denen sie eindeutig den Namen entliehen haben. Sie sind zackig, sie haben einige »funkige« Elemente, sie sind irgendwie schon Punk, und ihre knalligen Melodien sol
lten zum Tanzen anregen.

Der Sänger knödelt laut, die Textzeilen in deutscher Sprache sind abgehackt und gleichzeitig klar; die Gitarre zupft und knarrt, das Schlagzeug wummert häufig vergleichsweise abgehackt im Hintergrund; das ist auf gar keinen Fall ein Uffta-Uffta-Punkrock. Die Band ist originell, aber nicht in einer Art, die einen abschrecken könnte.

Wenn man die CD zum ersten Mal hört, packt sie einen. Wenn man sie ein paarmal hört, entwickelt sich zudem ein echter Hit-Charakter, den ich richtig stark fand. Tolle Platte!

Ich möchte sie jetzt tatsächlich live sehen. Aber so lange tröste ich mich damit, dass ich die Platte super finde und dass man bei YouTube schon das eine oder andere Video angucken kann.

Für Trekkisten

Bekanntlich wird die Fernsehserie »Star Trek« mit allem Drumherum in diesem Jahr fünfzig Jahre alt; das muss entsprechend gefeiert werden. Der amerikanische Verlag Pocket Books, eine Tochterfirma von Simon & Schuster, haut dabei besonders auf die Pauke: Rund 700 Romane und andere »Begleitbücher« zu dem Science-Fiction-Kosmos gibt es jetzt als E-Books.

Das Besondere dabei: Man verzichtet endlich auf DRM, man verkauft sie auch über eine eigens dafür erstellte Shop-Seite. Zitat von dieser speziell eingerichteten Website des Verlages: »the entire DRM free library at StarTrekBooks.com where you’ll find special offers«. Zu den »special offers« zählt in diesem Fall auch, dass ein Kunde, der sich auf dieser Seite registriert, ein kostenloses E-Book abstauben kann.

Wäre ich »Star Trek«-Fan, würde ich mir diese Gelegenheit ja nicht entgehen lassen. Aber auch als Nicht-Fan der Serie freue ich mich über alles, was dazu führt, dass die Science Fiction wieder ein Stück mehr in die Popularität zurückkehrt.

04 April 2016

Viel Geboller aus Norwegen

Sieht man von ganz wenigen Zwischentönen ab, hatte die ENPUNKT-Radiosendung am Sonntag, 3. April 2016, einen ganz deutlichen Schwerpunkt auf Hardcore-Punk. Das Thema war Norwegen, und irgendwie hatte ich es nicht geschafft, einige Melodie-Perlen auf den Plattenteller zu zaubern. Für die Hörerinnen und Hörer war’s hoffentlich trotzdem abwechslungsreich genug.

Wobei ich mit den Trashcan Darlings immerhin eine Band hatte, die nach 1977 klang, und mit den Jessica Fletchers sogar eine, die eher »Indie«-Musik machte. Die rissen’s allerdings kaum heraus.

Dangerman bollerten ebenso im Hardcore-Sound, wie man ihn Ende der 80er-Jahre gewissermaßen erfunden hatte, wie es auch Drunk taten; beide Bands stammten aus Oslo und bestanden aus alten Szenegängern. Auch Kolokol spielten die Art von Musik, die ich vor gut dreißig Jahren mit Punk aus Norwegen verbunden hatte.

Moderner klang der Hardcore bei Silence The Foe, bei denen heftig gebrüllt wurde, sowie bei Common Cause, die schwer nach New York klangen. Immer noch originell finde ich Rifu, die mich anfangs der Nuller-Jahre auch mit ihren Live-Auftritten überzeugten.

Lustig fand ich, dass die einzige Band aus den 80er-Jahren, die ich dann doch spielte, gar nicht so klang wie der typische Norwegen-Sound dieser Jahre: Within Range waren eher rockig, hauten nicht so auf den Sack und überraschten mich dadurch sehr. Die Platte dieser Band hatte ich seit gut zwanzig Jahren nicht mehr angehört, das werde ich wohl bei Gelegenheit nachholen müssen.

03 April 2016

Zwischen den Weinbergen

Es war nicht das erste Mal, dass wir die schöne Gegend des sogenannten Maconnais ansteuerten; dabei handelt es sich um die hügelige Landschaft, die sich hinter der französischen Stadt Mâcon in der Region Burgund erstreckt. Es war auch nicht das letzte Mal gewesen sein, da bin ich mir sicher. Ein Grund ist sicher, dass wir dort eine so schöne Unterkunft gefunden haben, ein anderer ist sicher, dass aus dieser Gegend leckere Weißweine kommen, die sich vor Ort gut verkosten und einkaufen lassen.

Clessé ist so winzig, dass es nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Das Dorf besteht aus wenigen Straßen, dürfte nicht mehr als einige hundert Einwohner haben – sicher weniger als tausend – und liegt zwischen den Weinbergen. Wenn man dort spazierengeht, ist man immer zwischen irgendwelchen Reben unterwegs; das lässt sich praktisch nicht vermeiden ...

Ich kannte den Ort nicht, bevor ich im vergangenen Jahr dort zum ersten Mal nächtigte. Es handelt sich um das Zentrum eines kleinen Weingebietes, der Viré-Clessé – von der Region hatte ich zuvor auch nichts gehört. Kein Wunder, ich bin alles andere als ein Weinkenner. Der Viré-Clessé gehört zu den Chardonnay-Weinen, ist sehr fruchtig (aber trotzdem nicht süß) und nicht immer so richtig preiswert. Man kann da also richtig Geld liegen lassen, wenn man möchte.

Aber man kann halt auch einigermaßen preiswert einkaufen, durch die Straßen und Wege spazieren und die »Seele baumeln« lassen. Das ist nicht das schlechteste Programm für einen kurzen Urlaub, denke ich.

02 April 2016

Das Parker-Orakel

Wenn es darum geht, die Qualität von Weinen zu bewerten, greifen viele Menschen auf öffentlich zugängliche Listen und Bücher zurück. Unter anderem wird gern der »Parker« zitiert, den ich nur vom Namen her kenne. Offenbar handelt es sich um eine Institution unter Wein-Experten, die alles Relevante weiß.

In Dijon zitierte ich irgendwann einen anderen Parker, wenn es darum, Dinge zu beurteilen. Ich las – wie so oft – einen Roman des amerikanischen Krimi-Schriftstellers Robert B. Parker, und dieser lag praktisch ständig griffbereit. Ich wurde auch sehr oft dabei ertappt, wie ich ein Kapitel las, anstelle beispielsweise in der Küche unserer Ferienwohnung zu helfen ...

Ging es in einer Unterhaltung darum, einen Rat einzuholen, griff ich nach dem Taschenbuch aus dem Pendragon-Verlag, schlug es an einer x-beliebigen Seite auf und sagte, »dann lasst uns mal bei Parker nachlesen«. Das funktionierte erstaunlich oft: Da die Dialoge in diesen Romanen meist knapp und direkt sind, kann man eine Dialogzeile hervorzerren und in eine ganz normale Unterhaltung einbauen – das passt meist irgendwie.

Das erinnerte mich oft an die religiösen Unterweisungen meiner Kindheit. Wenn die »Hauspriester« zu Besuch kamen, wurde die »Heilige Schrift« an einer x-beliebigen Stelle aufgeschlagen und zu Rate gezogen. Was man dann als »Heiliges Wort« fand, diente als Grundlage für eine kleine Predigt.

So ähnlich ging es mit mir und dem Parker in Dijon. Wobei es sich der amerikanische Autor, der leider schon verstorben ist, sicher nie hätte träumen lassen, dass er quasi als Bibel-Ersatz dienen sollte ...

01 April 2016

Demonstration in Dijon

Dass die Bürger in Frankreich die sozialen Kürzungen und sonstigen Grausamkeiten, die ihre Regierung derzeit auf sie herunterprasseln lässt, nicht einfach so hinnehmen, ist allgemein bekannt. Einen Eindruck davon bekam ich am Donnerstag, 31. März 2016, in Dijon: Aus verschiedenen Richtungen strömten die Demonstranten auf den zentralen Place de la Liberation.

Rote Fahnen wehten, Sprechchöre dröhnten durch die Straßen. Transportarbeiter trugen ihre gelben und roten Warnwesten, Bürger liefen dazwischen, einige in Anzügen, dazwischen vereinzelte Leute, die ich dem autonomen Spektrum zugezählt hätte. Es waren sicher Tausende von Menschen, die sich auf dem Platz versammelten, keine fünfzig Meter von der Wohnung entfernt, in der wir eine Woche lang gelebt hatten.

Eindrucksvoll war eine Demonstration von Schülern, einige hundert waren es sicher. Sie kamen als ein Pulk durch eine der Nebenstraßen, Transparente und Plakate in der Hand. Ihre Slogans hallten zwischen den alten Häusern der Stadt wieder, sie wirkten machtvoll und mutig.

In den Seitenstraßen sah ich wenig Polizei. Vereinzelt standen Männer herum, die mir auf einige Schritt Entfernung so vorkamen, als seien sie schlecht getarnte Zivilpolizisten; es blieb alles sehr ruhig. (Erst später schien es ein wenig gekracht zu haben.)

Ich wurde irgendwann ein wenig nervös. Letztlich richtete sich auch diese Demonstration nicht nur gegen ein einzelnes Regierungsprojekt, sondern gegen die Sparpolitik, die unter anderem von Deutschland vorangetrieben wurde. Und da wäre ein deutsches Auto, das direkt bei dem Platz um die Ecke parkte, vielleicht gar nicht so sicher gewesen. Ich war dann tatsächlich ganz froh, als wir die Stadt verließen ...

23 März 2016

Komplette Musketier-Geschichten

Über die frankobelgische Serie »Caline und Calebasse« hätte ich vor einem Jahr keine Zeile schreiben können. Ich hatte vergessen, dass ich einige dieser Comics in meiner frühen Jugend gelesen hatte – irgendwann in den 70er-Jahren –, und erst die Gesamtausgabe von Salleck Publications hatte mich darauf gebracht. Mittlerweile habe ich die drei dicken Bücher allesamt durchgeschmökert.

Man muss klar sagen: Es ist keine der wirklich wichtigen Serien aus der klassischen Zeit des frankobelgischen Comics. Die amüsante Serie um einen französischen Musketier und sein eigensinniges Pferd war und ist hierzulande nur den Experten ein Begriff. Dabei muss sie sich zeichnerisch wie textlich nicht hinter den bekannten Serien verstecken.

Die ersten Comics erschienen in den späten 60er-Jahren, vor allem in den 70er-Jahren hatte die Serie einen ersten Höhepunkt. Raoul Cauvin schrieb die Texte, die gelungenen Zeichnungen stammten von Luc Mazel. In der späteren Phase verfasste Mazel auch die Texte.

Und wenn ich mir die drei Bände jetzt anschaue, bin ich durchaus froh, sie zu haben – da schaue ich sicher noch oft hinein –, und stelle darüber hinaus fest, dass die Serie am Ende erst richtig gut wurde. Da schrieb der Autor und Zeichner schließlich albenlange Geschichten, nicht nur kurze Abenteuer; es entwickelten sich längere Handlungsbögen, und die Gags wurden besser gesetzt.

Was ich aber tatsächlich schlimm finde: Lese ich die redaktionellen Ergänzungen zu den jeweiligen Comics, die in den drei Büchern der Gesamtausgabe abgedruckt worden sind, merke ich, wie viele frankobelgische Comics noch einer Entdeckung harren. Allein die Serien, für die Cauvin und Mazel gearbeitet haben, verdienen eine schöne Neuauflage.

Aber wo stelle ich mir dann die noch zu erwartenden Gesamtausgaben alle hin? Das sind echt Luxusprobleme!

(Ernsthaft jetzt: Dieser Comic-Klassiker richtet sich vor allem an Leute in meinem Alter, fürchte ich. Wer mit diesem Stil nicht aufgewachsen ist, wird ihn 2015 oder 2016 auch nicht mehr ansprechend finden. Wer aber früher mal »Zack« oder »Spirou« gelesen hat, wird sich daran erfreuen können. Schaut nach bei Salleck!)

22 März 2016

Alternativlos gegen Menschen

Man sollte nicht glauben, dass die sogenannte Alternative für Deutschland eine »normale Partei« sei. Wer das allen Ernstes annimmt, muss nur ab und zu ins Internet gucken. So hat sich die AfD im Land Rheinland-Pfalz nicht entblödet, gleich nach den Anschlägen von Brüssel am 22. März 2016 eine Kampagne zu starten, die klarmacht, wes Geistes Kind sie ist. 

Das Motiv, das die AfD verbreitet, möchte ich in diesem Blog nicht zitieren; es lässt sich im Netz leicht finden. Grundaussage des Plakates und der Kampagne: »Merkels Politik der offenen Scheunentore« sei an allem Schuld, sie mache »die Radikalisierung von Islamisten erst möglich«. Dass ist nicht erst seit dem »Nine Eleven« islamistische Anschläge gibt, scheint den strammen AfDisten nicht bekannt zu sein. Ihnen geht es um die »unkontrollierte Einwanderer«, sie kämpfen gegen eine Politik, die den »Nährboden für solch ein Umfeld« schaffen. 

Widerlich ist das »Gedenken«, das die Partei in ihrem Pamphlet ausdrückt; man fordert die anderen Parteien auf, »der Wahrheit endlich ins Gesicht zu blicken«. Angeblich opfern »wir« – wer immer das sein mag – »unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unsere Kultur« einem angeblichen »Willkommenskult einer Bundeskanzlerin«. 

Dass Merkel gerade mit den Politikern aus den anderen EU-Ländern eine beinharte Abschottung des Kontinents beschlossen hat und die unhaltbaren Zustände in Griechenland aussitzen will, das scheint die AfD-Leute nicht zu interessieren. Denn selbstverständlich glauben sie, dass die Kanzlerin »längst den Bezug zur Realität verloren hat«.

Ich weiß bei solchen Texten nicht so recht, was ich sagen und denken soll. Aber eigentlich stehen sie eh für sich ...

21 März 2016

Todesnachrichten

Irgendwann sagte jemand zu mir, »Westerwelle ist tot«, ich verstand aber im Lärm der Messe nur »Westerwelle ist da«. Und spontan sagte ich, »das ist auch so eine überflüssige Person« und vergaß die Bemerkung wieder. Erst gut zwei Stunden bekam ich mit, dass der Politiker Guido Westerwelle gestorben war – und da tat mir die Bemerkung tatsächlich leid.

Vielleicht kommt echt eine gewisse Milde in einem auf, wenn man vom Tod eines Menschen erfährt. Guido Westerwelle, der nicht viel älter war als ich, gehörte quasi zur selben Generation wie ich. Über Jahrzehnte hinweg bekam ich also mit, wie er als Politiker aufstieg und wieder fiel. Ich kann nicht sagen, dass ich ihn hasste, aber ich mochte weder sein großspuriges Auftreten noch seine neoliberale Politik.

In der Filterblase der Buchmesse bekam ich seinen Tod nur am Rand mit. Und da fand ich es tatsächlich traurig, dass er gestorben war. Was mich wunderte, weil ich ihn ja nie gemocht hatte. Aber vielleicht liegt es in solchen Fällen schlichtweg daran, dass er quasi mein Leben so lang begleitete. Seltsame Anwandlung.

Irritierenderweise machte mich der Tod von Lothar Späth nicht traurig. Den Politiker mochte ich in gewisser Weise, obwohl er von der CDU war und stets eine sehr konservative Politik betrieben hatte. Aber wahrscheinlich hatte er sein Macher-Image so gut in die Öffentlichkeit gestellt, dass ich es glaubte und deshalb irgendwie Respekt vor ihm hatte. Schwaben unter sich gewissermaßen.

Die Buchmesse ist eine Blase, Eindrücke und Nachrichten von außen kommen gefiltert. In all dem Gesprächswirrwarr über E-Books, Facebook-Aktionen, neue Manuskripte, Agenturwechsel, Verlagspersonalia und privatem Tratsch fällt sogar eine Todesnachricht unter den Tisch, ebenso die Information über Terroranschläge oder Politikerauftritte. Schon seltsam, wie man sich ablenken lässt ...

20 März 2016

Messe-Blues 2016

Es ist jedes Mal dasselbe: Während eine Buchmesse läuft, ist sie Arbeit, und manchmal nervt sie auch. Geht sie langsam zu Ende, werde ich traurig – denn eigentlich bin ich gern auf der Buchmesse und mache dort meine Arbeit. Also kriege ich am Ende stets den Messe-Blues.

Während einer Buchmesse bin ich in einer Filterblase der besonderen Art. Ich treffe haufenweise Leute, die ähnliche Interessen haben, rede mit Autoren über ihre Arbeit, rede von meinen Plänen und Absichten – und nach drei Tagen mit viel Reden und gemeinsamem Berauschen stelle ich fest, dass mir das in gewisser Weise in der Woche danach fehlen wird.

Eine Buchmesse ist wie ein Ausnahmezustand, und ich erlebe ihn zweimal im Jahr, in Frankfurt und Leipzig. Da freue ich mich dann schon aufs nächste Mal!

Messebegegnungen in Leipzig

Was ich an Buchmessen immer wieder schön finde: Man trifft Menschen aus anderen Zusammenhängen. Ich treffe selten ehemalige Schulkameraden, aber immer wieder schlagen Leute an so einem Messestand auf, mit denen mich Teile meiner Vergangenheit verbinden. Weil wir vielleicht mal auf demselben Punkrock-Konzert waren oder weil wir vielleicht selbst einmal an einer nicht hundertprozentig legalen Aktion teilgenommen hatten.

Das ist dann witzig. Gestern strandete Torsun Burkhardt bei mir, den ich seit gut zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. In den frühen 90er-Jahren hatten wir häufig in Heidelberg und Mannheim miteinander zu tun, mittlerweile ist er mit seiner Band Egotronic und seinem Buch »Raven wegen Deutschland« recht erfolgreich. Damit rechnete ich nicht, und so laberten wir uns in einen Rausch aus »weißt du noch?« und »was macht eigentlich der?« – vor größerem Publikum wäre das sicher eher verwirrend gewesen, für uns war es ein riesiger Spaß.

Andere Leute, die ich traf, kannte ich von Karlsruhe her; dort hatten sie mal gelebt, bevor sie ein Studium oder die Liebe in eine andere Stadt getrieben hatte. Aber beim Stand der Raketenheftchenserie, für die ich arbeite, traf ich sie dann wieder. »Wir dachten, du machst doch sicher immer noch diesen Perry-Kram, und wollten mal nach dir schauen.« Na dann ...

19 März 2016

Dudelsack am Morgen

Eine Buchmesse hält immer wieder ihre ganz eigenen Höhepunkte bereit. So auch am vorletzten Messetag – Samstag, 19. März 2016 – in Leipzig. Während der Kollege und ich dabei sind, unseren Messestand in einen attraktiven Zustand zu versetzen, beginnt am Stand gegenüber ein besonderes Konzert: Ein Dudelsackspieler ist aufmarschiert und trötet los.

Es ist laut, es ist dudelig, und es nervt. Aber es gibt Leute, die finden das gut; einige tun zumindest so, als würden sie tanzen, und als der Dudelsackspieler zu Ende gepfiffen hat, gibt es Applaus. Nicht von mir: Ich starre entsetzt auf das Schauspiel und bekomme den Mund nicht zu.

Wie ich höre, hat sich das Schauspiel am Vortag einige Male abgespielt, und ich habe es wohl immer verpasst. Ich kann mich also auf unerwünschte Musik-Darbietungen einstellen. Na dann ...

18 März 2016

Warum gegen Merkel?

»Merkel muss weg!«, blöken sie im Netz. Die Bundeskanzlerin wird als »geisteskrank« bezeichnet, manche Leute schreiben auf öffentlichen Plattformen davon, dass man einen Aufstand gegen sie beginnen müsse. Sie labern von einer »Merkel-Diktatur«, vergleichen ihre Regierung mit der DDR oder gar dem Nazi-Regime.

Darüber hat man sich oft genug öffentlich geärgert, das Thema ist bekannt. Was mir allerdings immer wieder auffällt: Der Hass richtet sich vor allem gegen die Kanzlerin, nicht gegen den Bundespräsidenten oder gegen einen der Minister. Woran das wohl liegt?

Als die Kanzlerin im Spätsommer 2015 in einer außergewöhnlichen Aktion beschloss, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, tat sie ausnahmsweise einmal etwas, das richtig war. Ob sie da ihrem »moralischen Kompass« folgte oder alles klar durchplante, ist mir egal. Sie tat das Richtige. (Derzeit ist ihr die menschliche Katastrophe an der griechisch-mazedonischen Grenze offenbar nicht so wichtig wie das Chaos, das im Sommer 2015 in Ungarn herrschte.)

Warum dieser Hass? Warum richtet er sich so gegen sie, vor allem seit dem September 2015? Ich weiß es nicht. Meine einzige Vermutung ist die: Angela Merkel ist eine Frau. Die Kleingeister, die Angst vor Veränderung haben, wozu eben die Flüchtlinge auch gehören, die haben natürlich auch Angst davor, dass eine Frau die Regierungsgeschäfte führt.

Wäre ein Mann an der Regierung und würde die Flüchtlingskrise mit einer »Basta«-Politik durchziehen, hätten viele Leute sicher nicht diesen Hass. Einem Mann würden sie sich vielleicht unterordnen. Zumindest klammheimlich. Spießbürger sind ja nichts anderes gewöhnt ...

17 März 2016

Unmoderne Firmen

Glaubt man den Umfrageergebnissen von Bitkom – und meinen eigenen Beobachtungen –, sind die Firmen hierzulande oftmals gerade mal mit Müh' und Not in den 90er-Jahren angekommen. Laut Bitkom, die 1100 Firmen befragt haben, benutzen 79 Prozent immer noch häufig und sehr häufig das Fax.

Das Fax? Das war 1980 eine top-aktuelle Kommunikationstechnologie. Ich erinnere mich noch gut an die Tage meiner angefangenen Lehre – da war ein Fax richtig toll. Und auch 1983, als ich bei der Zeitung jobbte, war ein Fax essentiell. Aber 2016?

Laut Bitkom benutzen nur 15 Prozent irgendwelche sozialen Netzwerke. Und da will ich nicht einmal wissen, wie diese Dienste genutzt werden. Ob da nur der Praktikant ab und zu mal ein Foto bei Facebook einstellen darf oder ob da mehr geschieht?

Klar, Bitkom verfolgt mit solchen Ergebnissen die eigenen Interessen, man sieht sich als Hightech-Verband und hofft natürlich auf staatliche Förderung. Trotzdem sind die Zahlen verwirrend.

Gleichzeitig bestätigen sie halt meine Weltsicht: Während sich unsereins in einer Filterblase von Leuten bewegt, die alle permanent online zu sein scheinen, sind viele Firmen eben noch in den 90er-Jahren hängen geblieben. Das ist nicht schlimm, fällt aber auf ...

16 März 2016

IFA Wartburg in den 90er-Jahren

Als ich Ende der 90er-Jahre zum ersten Mal von der Band IFA Wartburg hörte, war ich echt verblüfft. Angeblich handelte es sich um zwei Schweden, die mithilfe eines alten DDR-Wörterbuches und eines Reimlexikons ihre Texte schrieben und skurrile Lieder mit einer ebenso skurrilen Musikmixtur aus Schlagzeug und Orgel verbanden.

Wer sich wirklich hinter der Band verbarg und wieviel »Fake« hinter allem steckte, war mir ziemlich egal: Die Musik fand ich super. Stücke wie »Frau Gorbatschowa tanzt Bossanova« gingen mir sehr schnell ins Hirn und auch – wenn sie bei Veranstaltungen liefen – durchaus in die Beine. Vierzehnmal wurde auf der Platte »Im Dienste des Sozialismus« eine charmante Musik zwischen Schlager und Elektro, zwischen Polka und Schunkel-Pop geboten, und das war ziemlich großartig.

Wie es oftmals ist, nagte der Zahn der Zeit auch an dieser Platte. Irgendwann hatte ich mich sattgehört, und ich fasste sie jahreang nicht mehr an. Doch dann packte ich die CD mal wieder ins Auto, hörte sie – und war ziemlich begeistert. Ich fand sie immer noch klasse.

Okay, es gibt Ermüdungserscheinungen ... läuft die CD zum zweiten Mal durch, kann das sogar ein wenig nerven. Aber sie ist absolut geeignet, bei längeren Autofahrten für gute Laune zu sorgen. Und so werde ich sie in den nächsten Jahren sicher immer wieder »einsetzen«.

Women-Not-Objects

Früher habe ich mir über Sexismus keine Gedanken gemacht. Klar – als weißer Mitteleuropäer männlichen Geschlechtes hat man damit kein Problem, sondern plagt sich mit anderen Sorgen herum. Seit vielen Jahren stößt mir aber Sexismus ziemlich stark auf, und ich sitze oft kopfschüttelnd und ratlos vor mancher Werbung.

Es gibt jetzt eine aus den USA stammende Kampagne, die sich gegen sexistische Werbung engagiert. Die Dame dahinter heißt Madonna Badger und ist Chefin einer amerikanischen Agentur, die sich selbst als »female powered« bezeichnet. Sie hat die Kampagne #womennotobjects ins Leben gerufen, die sie über die bekannten sozialen Netzwerke zu verbreiten sucht.

Es geht ihr auch gegen bescheuerte Schönheitsvorstellungen. Hierzu hat sie eine Plakataktion namens #istandup ins Leben gerufen. Es geht darum, in Statements gegen »Schönheits-Terrorismus« zu protestieren.

Keine Ahnung, wie das laufen wird. Solange die Medien von unnötigen Sachen wie »Germany’s Next Top Model« – oder wie immer der Quatsch genau heißt – beherrscht werden, wird es eine Kampagne gegen Sexismus naturgemäß schwer haben ...

15 März 2016

Werbung und Zielgruppen

Wenn man jung ist, geht man auf Veranstaltungen, bei denen laute Musik tost, bei denen es viel Alkohol gibt und bei denen einem Betrunkene ins Ohr brüllen. Wenn man älter wird, bemerkt man, dass man erwachsen wird, und trinkt eher Schweppes.

So zumindest sagt es ein neuer Werbespot, den die Firma Schweppes gerade starten lässt. Der Spot ist nett, die Geschichte ist es auch – und sie lässt mich ratlos zurück: Was zum Teufel mache ich denn denn jetzt?

Ich bin deutlich älter als der Bartmichel, der in dem Spot die Hauptrolle spielt. Auch wenn ich keinen Bart habe, bin ich definitiv kein Jugendlicher mehr und ein Heranwachsender ebensowenig.

Aber mit lauter Musik, viel Alkohol und anderem Unfug kann man mich immer noch dazu bringen, den Abend sehr zu verlängern. Seufz. Mit mancher Werbung kann ich einfach nichts anfangen ...

14 März 2016

Unterdrückte Mehrheit

»Ich glaube nicht, einer unterdrückten Minderheit anzugehören, sondern einer unterdrückten Mehrheit«, schrieb mir im Februar eine Person, die ich einmal sehr geschätzt hatte. Diese Person zählte in den 80er-Jahren zu den »Linken« und schreibt heute eher rechts Zeugs – ich wollte ihr noch einmal eine Mail schreiben und dann begründen, warum ich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte.

Die Person begründete sehr klar, welches Problem sie mit mir hatte: »Soziale Entrechtung, Kriegstreiberei, Diktatur und Wertezerstörung sind nicht nur ein Nebeneffekt der Ignoranz von Dir und Deinesgleichen, sondern der Nährboden auf dem Du derzeit noch Deine persönlichen mentalen und ökonomischen Vorteile wachsen lässt.«

So sei ich »subjektiv« ein »Gutmensch, doch objektiv ein (klitzekleiner) Funktionär des Bösen«; die Person schrieb dazu, dass sie nicht erwartete, »dass Du das verstehst« ... Mir gegenüber empfinde die Person jetzt nur noch »Mitleid, Fassungslosigkeit und Beklemmung«.

Aber ich solle wohl vor der Zukunft Angst haben: »Auch die SA ist nur solange marschiert, bis sie von ihren Kindern gefressen wurde.« Ich verzichtete dann auf eine weitere Mail.

Es mag ja sein, dass mancher Wähler einer rechtsradikalen Partei nicht weiß, was er oder sie tut. Bei Menschen, die sich selbst als intellektuell verstehen und die mit Fremdwörtern nur so um sich schmeißen, ist es meiner Ansicht nach noch viel schlimmer, wenn sie sich rechtsradikal äußern.

13 März 2016

Spaziergang in Yaoundé

Tagebuch-Notiz vom Samstag, 6. November 1999

Mein nächster Spaziergang war geradezu »normal«, nach den bisherigen Märschen eine wahre Erholung: Ich ging einfach in die Innenstadt, mein Magen machte mir nämlich gründlich klar, dass ich starken Hunger hatte und die ganze Wanderung über nichts zu mir genommen hatte – außer der Cola zwischendurch und viel Wasser aus meiner Trinkflasche.

Allerdings verging mir fast der Appetit, als ich an dem kleinen Markt vorbeikam, der sich vor dem Bahnhof erstreckte. Zwischen den zahlreichen Verkäufern, die Heilkräuter und irgendwelchen Sud in schmutzigen Flaschen anboten, hatten sich einige weitere Verkäufer breitgemacht. Sie hatten Affenkörper ausgelegt, die vor sich hinstanken und von Fliegen umschwirrt waren. Die kleinen schwarzen Körper wirkten auf den ersten Blick wie die toten Körper von Kleinkindern. Mich schüttelte es, und ich ging weiter.

Auch die halbnackte Frau lag noch neben ihrem kleinen Feuer. Wieder erinnerte sie mich an einen gestrandeten Wal: schwabbeliges Fleisch, das sich in für Afrika unglaublichen Bergen wölbte. Mit verwirrtem Blick schaute sie mich an, als ich vorbeiging, während sie sich mit der einen Hand schmierigen Reis in den Mund stopfte.

Unweit des Place John Kennedy futterte ich leckere Brochettes, die ich zwei Jungen abkaufte. Langsam bummelte ich weiter, kam vorbei an einer der Banken unweit des Restaurants »La Challenge«. An der Stelle, wo tagsüber irgendwelche Burschen die Taxis wuschen, saßen jetzt ganz viele Frauen auf dem Gehsteig. Jede von ihnen hatte einen Korb mit Erdnüssen vor sich, sie unterhielten sich laut und lachen.

Als ich an ihnen vorbeiging, eifrig mein Essen kauend, rief mich eine Frau an, die am Boden saß. »Pistache!« rief sie, und wies auf ihre Erdnüsse im Korb. »Monsieur, Pistache!« Die Körbe waren noch nahezu voll, sie hatte wohl nicht viel verkauft an diesem Tag. Und dann fielen alle Frauen ein, die an dieser Stelle saßen, und schrien und kreischten und zeterten. Das »Pistache, Monsieur, Pistache!« gellte mir noch in den Ohren, als ich bereits hundert Meter weiter war und die Frauen nicht mehr sehen konnte.

Später setzte ich mich vor eine Bar in der Avenue Ahidjo, wo ich mich zu einigen Männern setzte. Anfangs saß ich still und schweigsam daneben, trank das erstaunlich gut schmeckende »Baobab«-Bier, schaute dem Verkehr auf der Straße zu, wo es langsam dunkel wurde. Immer mehr Fußgänger waren unterwegs, die Autos mußten sich durch die Menge zeitweise fast im Schrittempo quälen.

Überall wurden eilig die Marktstände abgebaut, an ihrer Stelle machten sich zahlreiche kleine Stände breit, an denen es Brochettes und andere Leckereien gab. In der Stadt erwachte das Nachtgeschäft, durch die Straßen zog der Geruch von gebratenem Fleisch und glimmender Holzkohle, der sich mit dem Benzingestank der vorbeifahrenden Autos vermischte.

Irgendwann verwickelten mich die Männer am Tisch in ein Gespräch, dem ich trotz meiner schlechten Französischkenntnisse leicht folgen konnte: Es ging um Bier. Die Männer, die so aussahen, als ob sie sich nach einem harten Arbeitstag noch den einen oder anderen Drink gönnen wollten, bevor sie zu ihren Familien gingen, waren der Meinung, dass aus Deutschland das beste Bier komme. Ich pflichtete in solchen Fällen gerne bei.

Sie erklärten mir, daß es sich auch bei dem »Baobab«-Bier um ein deutsches Lizenzprodukt handle. Ich sollte nicht das »33« trinken, weil das von den Franzosen lizensiert worden sein, sondern mich lieber an die Produkte der »Isenbeck«-Brauerei halten; die würden nämlich gutes deutsches Bier herstellen.

Das Gespräch war nicht so ernst gemeint, wir lachten viel und stießen immer wieder an. Gelegentlich kamen Bettler an den Tisch, sie wurden von den Männern ignoriert, und ich entschloss mich, ihrem Beispiel zu folgen. Auch Schuh- und Hemdenverkäufer tauchten auf, gingen an uns vorbei, blieben vor dem Tisch stehen, zeigten ihre Kollektion. Einer der Männer interessierte sich für Kleidung für Kleinkinder, schaute sich eine solche Kollektion sehr genau an, ließ es dann aber lieber sein.

Irgendwann standen die Männer auf. »Wir müssen zu unseren Frauen«, sagte einer von ihnen lachend. Wir gaben uns die Hände, sie verschwanden; ich sah ihre weißen Hemden noch eine Weile in der Dunkelheit schimmern, dann waren sie zwischen den anderen Menschen nicht mehr auszumachen. Ich trank mein Bier aus und ging durch das nächtliche Yaoundé zurück zum Hotel.

12 März 2016

Wanderungen mit Literatur

Die Literaturzeitschrift »Am Erker« schätze ich seit vielen Jahren; ich hatte sie schon zu Beginn der 80er-Jahre abonniert und lese sie seit gut zehn Jahren wieder regelmäßig. Es bleibt nicht aus, dass ich aus Zeitgründen einzelne Ausgaben nur in Bruchstücken lese; die aktuelle Ausgabe 70 nahm ich mir wieder einmal sehr genau vor. Das Thema »Wanderungen« sprach mich tatsächlich an.

Wobei ich mit dem eigentlichen Schwerpunkt des Magazins nichts anfangen konnte. Der Dichter Hans Jürgen von der Wense war mir schon vorher unbekannt, und auch nach Lektüre des Sonderteils wurde mir nicht klar, worin denn nun seine Bedeutung liegen könnte. Die veröffentlichten Briefwechsel sind sicher für Literaturfreunde interessant, womöglich auch für Forscher und Studenten von höchstem Interesse – mir erschlossen sie sich nicht.

Das macht aber nichts. Es gibt in einem solchen Magazin schließlich einen Berg an Texten – sowohl Gedichte als auch Geschichten –, die sich gut lesen lassen, die manchmal auch ein wenig kryptisch sind, die aber eine sehr abwechslungsreiche Mischung ergeben. Richtig gelungen fand ich beispielsweise die Gedichte von Matthias Kehle, und das liegt nicht nur daran, dass ich den Autor kenne.

Wie es sich für ein solches Magazin gehört, sind zudem zahlreiche Rezensionen enthalten. Besprochen werden Gedichtsbände und Krimis, ebenso allgemeine Literatur – allerdings wenig aus großen Verlagen und wenig Phantastik. Science Fiction und Fantasy existiert für »Am Erker« praktisch nicht, was ich sogar als erholsam empfinde.

Allerdings schießt Anne Smiresco den Vogel ab, auch und gerade für Leute, die Science Fiction mögen. In der 24. Folge der Reihe »Fischwickel« legt sie den Nachweis vor, dass die »Gruppe 47« in Wirklichkeit das Werk einer weltweiten Verschwörung war, zu der auch Reichsflugscheiben und Chemtrails gehören. Das fand ich sehr witzig – so kann man Literatur schön aufgreifen und mit zeitaktuellen Verschwörungstheorien verbinden.

»Am Erker 70« ist wieder eine literarische Wundertüte, an der mit nicht alles gefallen kann und will. Das wird jedem Leser so gehen, aber allein das macht schon mal den Reiz aus. Das Magazin umfasst 148 Seiten im Großformat; man kann es mithilfe der ISBN 978-3-89126-308-2 in jeder Buchhandlung bestellen, aber auch direkt über den Verlag. Es kostet neun Euro, ich empfehle aber jederzeit ein Abonnement, wie ich es ebenfalls habe.

11 März 2016

Klugscheißer unter sich

Ich stand in der Apotheke am Tresen, ich brauchte neue Medikamente, und die Apothekerin hatte ein bestimmtes Medikament nicht vorrätig. »Soll ich es Ihnen bestellen?«, fragte sie.

»Von diesem Medikament gibt es auch ein Generikum«, sagte ich. »Vielleicht haben Sie das vorrätig.«

»Das mache ich gern«, sagte sie. »Ich schau mal, ob es da ein Generika gibt.« Sie betonte das »a« im Klugscheißermodus. Und als sie mir das Medikament dann über den Tresen reichte, fügte sie deutlich hinzu: »Hier haben Sie Ihr Generika.« Wieder betonte sie den letzten Laut, damit ich es auf jeden Fall kapierte.

Ich verzichtete darauf, ihr einen Vortrag über Einzahl und Mehrzahl zu halten, wollte ihr nicht zum Kauf eines Dudens oder der Besichtigung der Wikipedia raten und war hinterher ganz stolz auf mich, die Klappe gehalten zu haben. Leider zucke ich nochzusammen, wenn jemand sagt, »hast du das Graffiti da gesehen?«, aber das gewöhne ich mir auch noch ab.

Ich will den Lektoren- und Redakteursmodus zumindest aus dem Privatleben verbannen. Und wenn ich es irgendwann schaffe, die Klugscheißerei soweit zu verdrängen, dass sie nur in meinem Beruf auftaucht, bin ich auch froh ... Die Apotheke war ein Schritt in die richtige Richtung.

10 März 2016

Sinclair und die Buchmesse

»Jessika fröstelte, als sie die Fassade des heruntergekommenen Luxushotels betrachtete.« So beginnt der »John Sinclair«-Roman mit der Bandnummer 1966 und dem Titel »Das Horror-Hotel«. Verantwortlich für den Roman, der zu einem großen Teil in Leipzig spielt, ist der Autor Logan Dee.

Neben einem alten Hotel spielt auch die Leipziger Buchmesse eine wichtige Rolle in diesem Roman. Im Roman taucht zudem ein Unternehmer namens Udo Schimunek auf, der dem Autor Uwe Schimunek allerdings nur dem Namen nach gleicht. Die Namensähnlichkeit fand ich trotzdem witzig; wer sich hinter Kerstin Witt verbirgt, fand ich bislang nicht heraus.

Dass John Sinclair am Ende des Falles auch noch in »Auerbachs Keller« speist, fand ich eine wunderbare Abrundung des Heftromans, den ich ansonsten nicht gelesen habe – aber ich mag es, wenn die Kollegen bei den anderen Serien solche aktuellen Bezüge in ihre Romane einfließen lassen ... Ideale Vorbereitung für die Leipziger Buchmesse also ...

Tolles Punk- und Foto-Projekt

Eine echt schöne Idee für Punks, ehemalige Punks und Leute, die Punkrock zumindest mal gut fanden: Das Buch »Yesterday's Kids« kommt im Mai 2016 in der Hirnkost KG heraus – wenn alles gut geht, versteht sich. Es handelt sich um ein ambitioniertes Projekt, nicht nur wegen des Umfangs von gut 500 Seiten, des Großformats von 210 auf 280 Millimetern und des davon abzuleitenden Preises; auch der Inhalt ist ambitioniert.

Der Fotograf Tim Hackemack porträtierte insgesamt 77 Personen; dafür benötigte er vier Jahre. Er präsentiert vor allem Punks, die älter als vierzig Jahre sind, ist also auch für jemanden wie mich interessant, der viele Jahre mit Punk verbracht hat.

»Die Bilder zeigen Menschen mit Ecken und Kanten«, schreibt der Verlag in seiner Ankündigung. »Sie bestätigen und widerlegen zugleich den Mythos der Jugendkultur.« Ich bin schon sehr gespannt auf das Buch, freue mich geradezu und kann nur dazu auffordern, es vorzubestellen: Die Auflage ist dann doch sehr begrenzt, es sollen nur 500 Exemplare gedruckt werden ...

09 März 2016

Zur Schreibwoche in Mallorca

Im Februar 2016 war ich für eine Woche auf der Ferieninsel Mallorca. Vor allem ging es mir darum, viel zu schreiben – das habe ich tatsächlich ganz gut hinbekommen. Ich hatte mir einen strammen Plan gezurrt, der aus einem Pflichtteil und einer »Kür« bstand. So ganz nebenbei wollte ich mich aber auch bei langen Spaziergängen und gemütlichem Essen gut erholen; das klappte sehr gut.

Die Qualität eigener Texte kann ich schlecht beurteilen. Ich denke, dass ich ganz gut darin bin, die Werke von anderen Autorinnen und Autoren zu lesen und dann zu sagen, was ich aus welchen Gründen für gelungen oder weniger gelungen finde. Bei eigenen Texten klappt das nur, wenn sie einige Jahre alt sind und idealerweise schon gedruckt vorliegen.

Deshalb fällt mir schwer, mich konkret zur Qualität dessen zu äußern, was ich geschrieben habe. »Hast du gute Texte geschrieben?«, kann ich weder mit einem »Ja« noch einem »Nein« beantworten. Ich kann sagen, dass ich fleißig war, dass ich das Minimalziel an zu schreibenden Zeichen erreichte und dass ich grundsätzliche Gedanken zu den Motivationen meiner »Helden« anstellte.

Im Urlaub schrieb ich im Wesentlichen fünf bis sechs Kapitel eines Romans. Das klingt nicht nach viel. Ich bearbeitete auch die fünf Kapitel des Romans, die bereits vorliegen. Damit kommen wir auf rund zehn Kapitel – das wiederum macht nach der Kapitelplanung etwa ein Drittel des Romans aus. Das klingt dann schon nach mehr.

Wenn ich allerdings bedenke, dass ich bis Ende des Jahres damit fertig sein sollte, wird mir ein wenig schummerig. Es ist zu schaffen, meine Pläne halte ich für nachvollziehbar und zu erreichen – aber ich muss mich ranhalten. Aber wenn alles so klappt, wie es von mir geplant ist, wandert zum Anfang des Jahres 2017 ein umfangreiches Manuskript an einen Verlag.

Welcher Verlag das ist und worum es sich eigentlich inhaltlich handelt, dazu werde ich mich erst dann äußern, wenn alles so weit auf den Schienen ist, dass man eh nichts mehr daran ändern kann. Die Schreibwoche gab aber wesentliche Impulse, um an dem Romanprojekt einen ordentlichen Sprung nach vorne zu machen.

08 März 2016

Lesenswerte Blätter für Volksliteratur

Seit vielen Jahren bin ich ein Leser der Zeitschrift »Blätter zur Volksliteratur«, deren aktuelle Ausgabe vom »Jänner 2016« wieder auf beeindruckende Themen kommt. Daas Heft erscheint im 55. Jahrgang, es geht letztlich immer um diverse Trivialhelden aus der Vergangenheit.

Diesmal geht's in einer Zeitreise zu »Rolf Torring's Abenteuer«, die schon zwischen den Weltkriegen geschrieben wurden und heute so gut wie vergessen sind. Die Abenteuer-Heftromane begeisterten vor allem Jungs, wurden nach dem Krieg noch einige Male aufgelegt, sind aber letztlich so altmodisch, dass sie auch bei großer Heftroman-Begeisterung – wie ich sie ja habe – kaum noch lesbar sind. Den Artikel von Peter Soukup über diese alte Serie fand ich trotzdem klasse.

Das spricht übrigens immer für die »Blätter«: Sie schwanken zwischen fannischer Begeisterung und ernsthaft-wissenschaftlichem Anspruch, dabei sind sie reichhaltig illustriert. Über den herausgebenden Verein der Freunde der Volksliteratur«, dessen Internet-Seite nach wie vor sehr puritanisch wirkt, weiß ich nicht sonderlich viel; er sitzt in Wien und trifft sich regelmäßig.

Auf den 48 Seiten des Fanzines geht es auch um »Jules Vernes Mondreise als Comic«oder den verstorbenen Titelbildkünstler Rudolf Sieber-Lonati, dessen Cover mich auch heute noch faszinieren. Sie wirken vor allem im Original, sind aber auf einem gedruckten Romanheft ebenso eindrucksvoll.

Völlig unbekannt für mich war der Westernautor Llewellyn Perry Holmes, ich kannte bislang auch den Schriftsteller Karl-Heinz Berndt alias Berndt-Guben nur vom Namen her. Wenn in solchen Artikeln die Literatur der 30er- und 50er-Jahre lebendig wird, finde ich das stets sehr spannend. Das Heft überzeugt mich so auch zum wiederholten Mal.