15 Oktober 2026

Meine Rede über Doppelmoral

Die hier folgende Rede hielt ich im Frühjahr 1993 bei einer Demonstration in Freudenstadt. Es war einer meiner letzten »Auftritte« in meiner Heimatstadt. Der Applaus hielt sich in Grenzen, die meisten hörten nicht zu.

Bei der Demonstration gegen Rechtsradikale waren jugendliche Punks ebenso anwesend wie bürgerliche Menschen, die eher zu den Christdemokraten gehörten. Denen wollte ich den Spiegel vorhalten. Die Resonanz war allerdings gering.

Vieles aus dieser Rede würde ich heute nicht mehr sagen, einiges war sehr platt. Aber 1993 bot es sich meiner Meinung nach an, so zu argumentieren. Den Text brachte ich dann auch in der Ausgabe 22 meines Fanzines ENPUNKT, die im gleichen Jahr veröffentlicht wurde.

Die Morde von Solingen geschahen danach. Das sollte man zur Einordnung der Rede wissen, denke ich.

Eine Rede über Doppelmoral

Ich bin keiner von denen, die Vorträge gerne mit einem Manuskript halten – dieses Mal sei’s mir verziehen, weil das Thema zu ernst ist. Ich habe mein Manuskript mit dem eher programmatischen Titel »Rede über Doppelmoral« überschrieben, und in diese Richtung soll es auch gehen. Ich will kurz, nur kurz über die mehr als doppelte Moral sprechen, die seit gut einem Jahr die Auseinandersetzung mit den Faschisten bestimmt – auch diese Demonstration in Freudenstadt heute zeigt das.

Als am 31. Januar 1993 drei tamilische Flüchtlinge im hessischen Lambertsheim nach einem Brandanschlag verbrannten, interessierte das niemanden. Die Polizei verkündete voreilig, der Brand sei »zufällig« ausgelöst worden – und es gingen gut zwei Wochen ins Land, bis endlich auch offiziell durchsickerte, dass das Flüchtlingsheim von Nazis angezündet worden war. Das interessierte zu diesem Zeitpunkt so gut wie niemand – denn es waren ja nur drei Tamilen gestorben, braunhäutige Untermenschen, Asylanten, Menschen zweiter Klasse. Demonstriert hat kaum jemand.

Als im Januar 1993 im saarländischen Bexbach ein homosexueller Gastwirt von Nazi-Skinheads erstochen wurde, war das kein Thema. Warum auch? Es war nur ein Schwuler – und bei der Beurteilung von Schwulen sind in Deutschland Linke wie Rechte, Deutsche wie Türken einer Meinung: unwertes Leben. Wenn in Deutschland Obdachlose von randalierenden Nazis totgeprügelt werden, gibt’s in der »taz« eine Sechszeilenmeldung, in der rechtsgerichteten bis rechtsradikalen Bürgerpresse nicht mal einen Vermerk. Keine Frage: unwertes Leben eben.

Als am 23. Januar 1993 der Punkrocker Gamasche bei Mühlhausen in Thüringen von 15 Faschos abgestochen wurde, kamen 200 Leute zum Trauermarsch, alle aus der Punk-Szene. Der Mörder ist nach wie vor auf freiem Fuß, die Polizei ermittelte in Richtung »Todschlag unter randalierenden Jugendlichen« – und großartige Lichterketten gab’s natürlich nicht. Logisch: ein Punk, dann noch linksradikal-autonom – der hat’s verdient, das ist unwertes Leben.

Dabei sah es so aus, als würde die Republik nach dem 22. November 1992 aufwachen. Drei Menschen waren umgebracht worden, in Mölln, durch einen Brandanschlag, und die »Bösen« waren gleich zu orten: zwei offensichtlich knalldoofe Nazi-Glatzen, die von den anderen Glatzen nicht mal für voll genommen wurden.

Die Empörung war groß: Lichterketten bildeten sich, in jedem Kaff, sogar in Freudenstadt, Rastatt und ähnlichen Metropolen, gab es erschütternde Demos. Erschütternd vor allem wegen der Hirnlosigkeit der Teilnehmenden: »I mach halt mit, weil i schulfrei krieg«, sagte laut Angaben eines Pressevertreters in Freudenstadt eine Schülerin.

Warum gab’s solche Empörung nach den Möllner Morden? Warum keine nach den Lambertsheimer Morden? Logisch: In Mölln starben »drei unschuldige Frauen«. Die Formulierung ist aussagekräftig genug, um sie genauer zu analysieren. Waren die anderen Ermordeten in den Jahren seit der Wiedervereinigung etwa schuldig?

In Mölln starben »drei Türkinnen«. Stimmt ja, die Türkei ist ein wichtiger Handelspartner und ein Nato-Verbündeter – ganz schön scheiße für die Exportchancen der deutschen Industrie. Und, ganz entscheidend, liebe Leute: Zwei von den Ermordeten waren in Deutschland geboren worden. Die waren gewissermaßen schon richtig arisch. Fast echte Volksgenossen! Kein Wunder, dass sich da das Bürgervolk empört.

Jetzt muss ich einhaken, bevor die bürgerliche Betroffenheit in mir das neue Opfer findet. Es ist natürlich empörend, wenn drei türkische Frauen verbrennen – und es ist eine Schande für dieses Land, dass so etwas überhaupt geschehen kann. Es ist aber auch eine Schande für dieses Land, dass um diese drei Tote aus durchsichtigen Motiven ein dermaßiger Rabatz gemacht wird, die anderen Toten aber buchstäblich unter den Tisch fallen.

Krüppel und Obdachlose, Punks und Autonome, Asylanten oder überhaupt Schwarze – das sind eben im Weltbild des konservativ geprägten Bürgertums, das man heute auch gelegentlich mit betroffener Miene und rührseligem Schweigen auf der Straße angetroffen hat, keine wichtigen, keine wertvollen Menschen mehr. Wenn die verschwinden, ist’s zwar nicht gerade schön – aber schlimm ist es auch nicht.

Zudem lassen sich Mordopfer wie der Hausbesetzer Silvio Meier in Berlin oder die Punks Gamasche aus Verden oder Lampe aus Magdeburg wunderbar unter der Rubrik »jugendspezifische Gewalt« einordnen. Da liegen sie dann gut, und die Staatsanwaltschaft hat ebenso ihre Ruh’ wie die betroffene Bürgerseel’.

Heissa! Es ist etwas Schönes mit dem deutschen Obrigkeitsbürger.

Schön ist die bürgerliche Doppelmoral im Übrigen immer dann, wenn es darum geht, gegen die Nazis mal so richtig zu demonstrieren. So hat sich im hessischen Städtchen Immenhausen der SPD-Bürgermeister nicht etwa darüber empört, dass faschistische Mitglieder der Organisation »Blut und Ehre Immenhausen« Ausländer und Linke zusammenschlugen und terrorisierten, sondern darüber, dass bei einer Gegendemonstration »Hassparolen gegen praktisch jeden politisch Andersdenkenden verbreitet« worden seien.

Man kennt die Sprüche: »Schlag die Glatzen, bis sie platzen.« Das ist natürlich platt, aber ebenso ironisch. Aber da sind die bürgerlichen Politiker von CDU und SPD, FDP und Grünen immer gleich zur Hand: Der Widerstand gegen Nazis, so folgern sie, ist genauso faschistisch. Und deshalb schlecht.

Wer Eier auf Bundespräsident Weizsäcker schmeißt, ist mindestens so gefährlich wie jemand, der Asylantenheime abfackelt. Und wer sich einer Nazi-Bande auf der Straße mit dem Axtstiel in der Hand oder der bloßen Faust in den Weg stellt, ist in unseren ach so demokratischen Kreisen viel »faschistischer« als derjenige, der applaudierend dabeisteht, wenn Nazis eine Ausländer-Unterkunft angreifen.

Dass Täter von rechts weniger stark als Täter von links bestraft werden – dieses in linken Kreisen gerne verbreitete Pauschalurteil stimmt so nicht. Vor allem in letzter Zeit fällten Richter einige bemerkenswert harte Urteile gegen rechtsradikale Gewalttäter. Dass dies alles nicht nutzt, dass man den Faschismus nicht mit Gefängnis, sondern an ganz anderen Fronten bekämpfen muss, ist eine Binsenweisheit – aber sie ist unpopulär.

Die bürgerliche Moral fordert jetzt eines: härtere Gesetze, härteres Vorgehen. Das beruhigt zuerst das Gewissen und dann das Ausland.

So einfach ist das. Und während die Richter die Gewalttäter von Rostock und anderswo in den Jugend- oder gar Erwachsenen-Knast stecken, ohne über die Folgen eines solchen Knastes nachzudenken, brennen jedes Wochenende wieder Häuser und Wohnungen, werden Menschen angegriffen und umgebracht. Mit dem einen Unterschied: Die Meldungen sind wieder nur sechs bis acht Zeilen lang, sofern die Taten überhaupt registriert werden.

Doppelmoral zeigen sie doch alle. Mein liebstes Beispiel sind die Musiker, die zu all diesen ach so tollen Festivals anreisen, diese sozialdemokratischen Gefühlsduselheit-Rocker à la Bap und Münchner Freiheit, Herbert Grönemeyer und Prinzen. Man kann’s ihnen nicht mal verübeln: Auf diese Weise bekommen sie kostenlose Werbezeiten in Funk, Fernsehen und Presse, und sie erhalten gleichzeitig einen internationalen Persilschen in Sachen Zivilcourage und besonderem Mut.

Ich bitte darum, für diese Musikanten-Helden hinterher eine Schweigesekunde einzulegen. Eine wenigstens.

Da sind die rechtskonservativen Volksmusiktümler zumindest ehrlich: Bei ihren Konzerten sind biedere Lederhosenträger und gute Deutsche wenigstens »unter sich«. Ein Schwarzer, der sich da reinwagen würde, käme sicher lebend raus, und keiner würde ihm mit »Sieg Heil«-Rufen ein Messer an die Kehle setzen. Aber da traut sich schon aus musikalischen Gründen kein Schwarzer rein.

Der Spruch aber, »heute die morgen du«, den eines dieser so gut gemeinten Festivals vor sich hertrug, ist der Witz schlechthin. Ich hab’ mir die Musik im Radio angehört, und ich hab’ mir die Leute angeschaut: Diese Normalbürger, die dichtgedrängt in Frankfurt und Köln standen, um sich diese Langweilermusik, dieses teutonische Weinerlichkeits-Gesülze, anzuhören, anständig subventioniert von eben jenen Medien, die jahrelang den Ausländerhass und das Vierte Reich propagandistisch vorbereitet haben, diese Normalbürger mit ihren Schnauzbärten und 0815-Frisuren, die brauchen keine Angst haben vor den Nazis.

Macht euch doch um die keine Sorgen. Das sind ja keine Ausländer, das sind ja keine Schwule, das sind ja keine ausgewiesenen Linken, das sind keine Punks oder Waver, das sind anständige Deutsche, jawoll!

Und die wählen, wenn es sein muss, entweder gleich gar nicht oder zumindest die richtigen Parteien. Die ach so demokratischen Christdemokraten ebenso wie die ach so demokratischen Frei- und Sozialdemokraten oder die Grünen. Das ist staatstragend und gut.

Denn eins muss allen hier Anwesenden zum Schluss meiner Predigt sowieso klar sein: Wer sich als Antifa versteht, kann kein Mitglied in der CDU sein, denn die fördert den Faschismus heutzutage tatkräftig – und wäre es nicht verboten, würde ich sagen, dass unser Innenminister noch rechts von Franz Schönhüber steht. Ein Antifa kann auch nicht Mitglied der FDP sein, denn deren Liberalität erschöpft sich darin, dass jeder soviel Geld scheffeln darf, wie er will und kann.

Ein Antifa kann erst recht nicht Mitglied der SPD sein, denn deren Weichspülerkurs und deren Kuschen vor der faschistisch werdenden Gesellschaft, deren Kniefall vor all diesem lächerlichen »Sind doch alles verführte Jugendliche»-Gewäsch spielt den Faschisten in die Hände. Ein Antifa kann kein Grüner sein, denn ein Antifa muss irgendwann mal erkennen, dass Grüne Politik nur das Deckmäntelchen ist, unter dem diese vorgeblich bürgerliche Demokratie derzeit ihr braunes Süppchen köchelt.

Ein Antifa darf eigentlich nur eines sein, und das will ich jetzt durchaus weit ausgelegt haben, ein Antifa darf sich eigentlich nur derjenige oder diejenige nennen, wer antifaschistische Politik als autonome Politik und autonome Aktion versteht.

Denkt darüber nach.

Keine Kommentare: