Die Geschichte beginnt im Hier und Jetzt: Eine Frau schreibt einen Brief an ihren Bruder, zu dem sie nur noch losen Kontakt hat. Dabei war er in ihrem Leben einmal wichtig, vor allem war er in den 70er-Jahren für eine gewisse Zeit ein kleiner Star. Er veröffentlichte Musik, und seine Schallplatten werden zur aktuellen Zeit im Oldie-Radio gespielt. Und während die Ich-Erzählerin schreibt und über ihr Leben nachdenkt, plaudert sie eben auch über das Jahr 1975 und über die Suche nach ihrem Bruder.
Die Geschichte innerhalb der Geschichte hat es in sich: Im November 1975 verlässt die vierzehn Jahre alte Schülerin ihr Elternhaus in Norddeutschland und begibt sich auf die weite Reise nach München. Dort ist ihr Bruder als Musikproduzent tätig, und sie muss ihn unbedingt treffen – ihrer Ansicht nach muss er zurück ins Elternhaus, um bei der Beerdigung der Mutter dabei zu sein.
Das Mädchen hat keinen Plan, schafft es aber trotzdem nach München. Dort stolpert die Vierzehnjährige durch die Nacht, trifft Leute aus der Szene, bei denen sie auch übernachten kann, lernt das Innere von Diskotheken und Tonstudios kennen und kommt so langsam ihrem Bruder näher. Am Ende trifft sie ihn endlich, doch die Begegnung verläuft nicht ganz so, wie sie es sich ausgemalt hat …
»Disko« ist ein gelungenes Werk, das nicht nur Leserinnen und Leser ansprechen sollte, die in den 70er-Jahren bereits alt genug waren, um die damalige Musik mitbekommen zu haben. Stilistisch zielt das Werk nicht unbedingt auf locker-leichte Lektüre ab: Es gibt praktisch keine Dialoge, viel wird in indirekter Sprache vermittelt.
Dadurch ergibt sich ein distanzierter Blick auf die jugendliche Hauptfigur und ihre Erlebnisse, was anfangs verwirren kann – ich war das so schlichtweg nicht gewohnt –, dann aber sehr fasziniert. Das Geschehen liest sich oft amüsant, wenngleich der Roman nie einen schenkelklopfenden Humor vermittelt.
Das München, das Till Raether präsentiert, ist voll von interessanten Charakteren, die aus der manchmal naiven Sicht eines Mädchens geschildert werden. Man bekommt bei der Lektüre einen lesenswerten Einblick in die Diskotheken-Szene der 70er-Jahre, die vielleicht wirklich so war, die man sich aber so auf jeden Fall gut vorstellen kann. Wer möchte, kann sich auf der Internet-Seite des Verlags mit einer Leseprobe einen Eindruck verschaffen.
Erschienen ist »Disko« als Hardcover-Band mit Schutzumschlag (das Taschenbuch kommt in diesem Herbst) bei btb; er ist 240 Seiten stark und kostet 24,00 Euro. Mithilfe der 978-3-442-75926-2 kann man ihn überall im Buchhandel bestellen. Das E-Book gibt’s für 18,99 Euro.
(Die Rezension wurde auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie veröffentlicht, bereits im Juni. Hier teile ich sie aus dokumentarischen Gründen.)
