16 Juli 2020

Ein Pogo-Foto von 1989

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Vor einiger Zeit schrieb ich schon einmal einige Zeilen über das Konzert der Neurotic Arseholes im Herbst 1989 in Waiblingen, das damals offizielle Abschiedskonzert der Band, an das ich mich noch sehr gut erinnern kann. Das Jugendhaus war überfüllt, der Saal kochte buchstäblich, der Pogo war schweißtreibend, und die Band spielte in einer kompakt-beeindruckenden Form.

Ich sprang im Pogo-Mob herum, versuchte aber ab und zu ein Foto zu schießen. Dabei entstand ein Pogo-Foto, direkt aus dem Getümmel. Zumindest eine der Personen auf dem Bild kannte ich vom Namen her, ihn traf ich vor einigen Jahren in Esslingen mal wieder. Wir erkannten uns sogar …

Eine Prise-Schunkel-Oi!

Immer mal wieder greife ich zu einer Oi!-Platte und stelle fest, dass mir der schwerfällige Bruder von Punkrock erstaunlich oft gefällt. Man muss über manchen Reim hinwegschauen, aber wenn die Musik schmissig ist, mag ich sie immer noch. Dieser Tage hörte ich mal wieder 4 Promille an und fand die Band nach wie vor gut.

Die Platte »Alte Schule« wurde Mitte der Nuller-Jahre bei Knock Out Records veröffentlicht, ich habe sie in einem schick gestalteten Digipack, und die Melodien darauf passen schon. Leider wird oft geschunkelt, das Tempo der Stücke ist moderat, und lang sind sie ebenfalls; die Oi!-Punker aus dem Ruhrgebiet wurden damals offenbar schon alt.

Manche Texte sind arg nachdenklich; Stücke wie »Aus dem Regen« oder »Cognac« könnten glatt von einer Emopunk-Band stammen, was ich hier positiv meine. Das Gejammer über alte Zeiten in Stücken wie »Alte Schule« oder »Export«, in denen es darum geht, dass früher halt alles besser war, verstehe ich nicht – gerade die Leute dieser Band sollten doch wissen, dass früher auch nix besser war.

Mein Eindruck von der Platte ist damit ein sehr zwiespältiger: Singt die Sängerin auf englisch, finde ich das aber klasse. Zumindest scheint man sich keine Ausfälle nach Rechtsaußen zu leisten und unterhält unterm Strich sehr schmissig. Okay so.

15 Juli 2020

Am Alten Hafen

Zu den Strecken, die ich immer mal wieder mit dem Rad zurücklege – und das seit vielen Jahren –, zählt die Fahrt zum Alten Hafen. Dieser gehört zur Verbandsgemeine Eggenstein-Leopoldshafen, nördlich von Karlsruhe gelegen, und war früher mal ein wichtiger Hafen am Rhein. Das ist lange her.

Als Ziel für eine Radtour ist das Gelände immer noch gut geeignet. Es gibt sehr stille Ecken, an denen man sich vorkommt wie in einem Urwald. Der träge fließende Rhein ist nur wenige Dutzend Meter entfernt, die Altrheinarme sind voller Tiere. Angler sitzen an manchen Stellen, gelegentlich fährt ein Boot vorüber.

Am liebsten habe ich die alte Fußgängerbrücke, die über den Pfinz-Entlastungskanal führt. Sie steuere ich gern an. Mit dem Rad kann man da kaum drüber fahren, man muss absteigen und schieben. Danach erst kann man sich zurück in besiedelte Gebiete bewegen oder sich zu Fuß über schmale Wege bis an den Rhein durchschlagen.

Dabei ist es allerdings hilfreich, nicht zu viel Angst vor Insekten zu haben, die in diesem sumpfig-warmen Umfeld sehr gut gedeihen …

Ein Erzählreigen mit klassischer Sword & Sorcery

In den Anfängen der Fantasy-Literatur herrschten Geschichten vor, in denen von tapferen Kriegern erzählt wurde, die sich in einer Welt voller Gefahren mit ihrem Schwert durchsetzen müssen. In dieser Tradition bewegt sich »Im Zeichen der Blutkrone«, verfasst von Andreas Groß: eine Sammlung von Erzählungen, die insgesamt aber einen Roman ergeben. Die Schublade der Sword & Sorcery ist hier absolut zutreffend.

Es handelt sich dabei um einen Roman – bleiben wir bei diesem Begriff –, der auf der Welt Magira spielt. Auf dieser Welt, die von realen Menschen in unserem Universum »simuliert« wird, entwickeln sich Völker, toben Kriege, gibt es Völkerwanderungen und Invasionen. Die Konflikte werden mit Schwert und Magie ausgetragen, und ein Ewiges Spiel sorgt dafür, dass auf Magira ein unaufhörlicher Reigen von Kriegen herrscht.

Klingt kompliziert, ist auch ein wenig kompliziert. Für die Lektüre des Romans ist das allerdings unerheblich. Den kann man nämlich lesen, ohne auch nur ansatzweise etwas von Magira zu wissen. Wer die Hintergründe für manches Volk kennt, ist natürlich schneller im Thema drin.

Für alle anderen gilt: Magramor ist eine uralte Stadt, bewohnt von zahlreichen Menschen. Nach vielen Kriegen wird die Stadt von den W’Ing’Tiu übernommen, die man auch als Nachtschatten bezeichnet. Sie sind blutrünstig und gefährlich, doch nach einiger Zeit erweisen sie sich als Schirmherren für die Bewohner Magramors. Es gibt interne Konflikte, ein menschlicher Ritter aus dem fernen Clanthon schließt sich den Nachtschatten an, und am Ende droht ein neuer Krieg, sie aus Magramor zu vertreiben ...

In seinem Roman erzählt Andreas Groß vom Aufstieg und Fall eines Reiches. Dabei geht es durchaus blutig zu. Er schildert viele brutale Kämpfe, ohne allerdings zu sehr in die Details zu gehen. Es gibt sogar eine Liebesgeschichte zwischen zwei sehr unterschiedlichen Wesen.

Sein Roman steht in der klassischen Tradition von Conan oder Kane, um zwei der populärsten Helden dieser Art von Fantasy zu nennen. Und Sword & Sorcery beherrscht der Autor, da kann man nicht meckern.

Ich hätte an der einen oder anderen Stelle noch mal ein wenig redigiert; allerdings hielten sich die früheren Fantasy-Autoren ja nicht gerade an eine saubere Erzählperspektive. Der Autor orientiert sich auch in solchen Fragen an den klassischen Vorbildern.

Alles in allem fand ich »Im Zeichen der Blutkrone« sehr unterhaltsam. Ich las den Roman in Episoden, was sich bei der Struktur der einzelnen Erzählungen gut anbot. Dabei langweilte ich mich nie – allerdings kenne ich einige der Hintergründe von Magramor und seinem Umfeld aus meiner langjährigen Verbundenheit mit der Fantasy-Welt Magira. Ich bin also sicher parteiisch.

Trotzdem: Wer viele Romane der aktuellen Fantasy zu lahm findet und den »alten Stil« mag, sollte Andreas Groß und seinen Roman antesten. Das könnte genau der Stoff sein, der vermisst wird ...

(Erschienen ist das Werk bei Emmerich Books. Es ist als Paperback und als E-Book erschienen. Ich habe das Paperback gelesen, das professionell gebunden und ausgestattet war – wie man das von einem vernünftigen »Kleinverlag« auch erwartet. Weitere Informationen auf der Internet-Seite des Verlages.)

14 Juli 2020

Alte Männer und die SF

Während der heißen Phase der Corona-Pandemie herrschte bei uns im Verlag ein Besuchsverbot, heute kam wieder einmal ein alter Freund vorbei. Hermann Ritter und ich kennen uns seit den frühesten 80er-Jahren. Wir produzierten gemeinsam Fanzines, wir veranstalteten Cons, wir gewannen sogar einmal einen Sängerpreis – eine sehr lange Geschichte –, wir machten einen Reader zum Thema »Wie faschistisch ist die Fantasy?«, und … ich könnte noch sehr viel mehr aufzählen.

Wir hatten allerlei Dinge zu besprechen, die sich mit meiner Arbeit in diesem Verlag beschäftigen, aber wir plauderten auch über Science Fiction und Fantasy. Wie es sich bei solchen Treffen gehört, warfen wir uns Begriffe an den Kopf, die keinem normalen Menschen etwas sagen dürften. Von Poul Anderson kamen wir zu E. E. Doc Smith, vom »Raumschiff Monitor« zu den »Terranauten«, von »Vampir«-Taschenbüchern zur Taschenbuchreihe TERRA FANTASY, von »Fantastrips« zu »Shazam« oder »Sagittarius« und so weiter.

Einem Außenstehenden hätte womöglich nach zwei Minuten der Kopf geraucht, und nach weiteren zwei Minuten hätte er uns kopfschüttelnd verlassen. Ich fand es großartig: Wir tauchten ein wenig in die 80er-Jahre ein, sprachen über alte Freunde und Bekannte, über die Menschen auf unserem Weg, die viel zu früh gestorben sind, und die Zukunft eines Genres, das sich immer stärker in Fernsehserien und Kinofilmen widerspiegelt.

Ab und zu brauche ich solche »Alte-Männer«-Gespräche über Science Fiction und Fantasy, die nicht direkt mit meiner Arbeit zu tun haben, aber natürlich trotzdem mit ihr in einer mehr oder weniger engen Beziehung stehen. (Vielleicht hätte ich doch einen vernünftigen Beruf ergreifen sollen, der nichts mit meinen privaten Interessen zu tun hat.)

Wenn eine Comic-Figur an die Hochzeit denkt ...

Zu den großen Klassikern der europäischen Comic-Geschichte zählen »Spirou & Fantasio«. Die beiden alterslosen Jungmänner erleben seit vielen Jahrzehnten ihre Abenteuer. Vor allem früher blieben irgendwelche Liebesgeschichten allerdings stets ausgespart. Bis heute: In dem Band »Fantasio heiratet«, den ich erst dieser Tage las, steuert der Journalist Fantasio den sogenannten Hafen der Ehe an.

Erschienen ist das Album in der Reihe »Spirou & Fantasio spezial«, in der immer wieder ungewöhnliche Comics veröffentlicht werden. Sie passen häufig weder optisch noch inhaltlich zum Mainstream der Serie, bieten aber oft sehr schöne Einblicke. Diesmal ist der Autor und Zeichner Benoit Feroumont für die Geschichte und die Bilder verantwortlich – und er macht es wirklich gut.

Klar, der Mann hat seinen eigenen Stil, der nicht zu den Klassikern von Franquin passen mag. Es gibt im Netz entsprechend viele Aussagen, die sowohl die Zeichnungen als auch den Inhalt kritisieren. Es sind die üblichen Äußerungen von Leuten, die keinerlei Änderungen möchten: Was in den sechziger Jahren von Franquin definiert worden ist, darf ihrer Ansicht nach nicht verändert werden. Ich finde das albern, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass ich die Franquin-Klassiker schätze.

Die Geschichte um den verliebten Journalisten Fantasio, der sich auf eine Ehe mit einer reichen Erbin einlassen möchte, ist ausgesprochen turbulent. Gleichzeitig zieht die junge Journalistin Steffani bei Spirou ein – es geht also in Sachen Frau ziemlich hektisch zu. Dazu kommt die Herkunft des Geldes, von dem Fantasio gern profitieren würde und das mit Nazi-Deutschland in Verbindung steht ...

Man kann sich über Details der Geschichte durchaus streiten (müssen magische Elemente wirklich sein?), flott erzählt ist sie allemal. Fantasio wirkt häufig sehr trottelig, auch Spirou hat seine Probleme mit den Frauen; es gibt schnelle Verfolgungsjagden und zugespitzte Dialoge. Langeweile kommt bei dieser Lektüre keine auf.

Rein optisch entfernt sich Feroumont weit von den Originalen. Man kann die beiden Helden, das Eichhörnchen Pips und Steffani jederzeit erkennen, aber sie sehen halt nicht mehr so aus wie früher. Hat man sich an die neue Optik gewöhnt, ist sie allerdings sehr frisch und gelungen. Würde man die Serie starten, sähe sie vielleicht genau so aus ...

Wer nicht in Erinnerungen an »gestern« verharrt und sich gern die gelungene Neu-Interpretation eines Comic-Klassikers zu Gemüte führen möchte, ist bei »Fantasio heiratet« absolut richtig. Diesen Comic kann man auch mehrfach lesen – er ergänzt die Klassiker in wunderbarer Weise.

13 Juli 2020

Gedenkstein beim Forschungszentrum

Ich flitzte wieder einmal mit meinem Rad durch den Wald, wollte in relativ flottem Tempo das ehemalige Kernforschungszentrum umrunden und dann wieder heimfahren. Weil ich diesmal einen anderen Weg eingeschlagen hatte, kam ich auf einmal an einem Gedenkstein vorüber – es wundert mich eh, was ich nach all den Jahren der Radlerei in der Gegend immer noch entdecke.

Man muss Linkenheim nicht kennen. Der ehemals kleine Ort ist heute Teil einer Verbandsgemeinde nördlich von Karlsruhe, in dem unzählige von Neubauten einen alten Ortskern umgeben. Ich komme recht oft mit dem Rad hindurch oder fahre daran vorbei.

Die Bürger des Dorfes stellten zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Gedenkstein für ihren damaligen Markgrafen auf. Der gute Mann hatte dem Gemeindewald den Zehnten erlassen. Erstaunlicherweise ist das Denkmal in all den Jahren gut gepflegt worden und nach mehr als 200 Jahren noch auffindbar; es gibt sogar eine Tafel, die alles erläutert.

Wobei sich schon die Frage stellt: Die Befreiung erfolgte im Jahr 1801 – inwiefern hatten die revolutionären Ereignisse im sehr nahen Frankreich dazu beigetragen, dass ein Graf an der Rheingrenze seine Politik gegenüber den einfachen Leuten ein wenig anpasste?

Dezolat verwirren mich

So richtig schlau werde ich aus der Band Dezolat nicht. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum ich die CD »Fassade« der Münchener immer mal wieder hörte, sie dann nicht bis zum Ende brachte und aus dem Player holte, um sie dann später erneut einzulegen. Mittlerweile habe ich sie einige Male durchgehört und traue mir ein halbwegs zutreffendes Urteil zu.

Die Band spielt einen Sound, der an die späten 70er-Jahre erinnert, zumindest am Anfang. Wer mag, kann hier die Postpunk-Schublade aufmachen: Die Stücke sind sehr rhythmisch, orientieren sich weniger an Melodien; teilweise ist der Sound sehr knackig, vorangetrieben durch einen monotonen Bass. Die Gitarre orientiert sich manchmal ebenfalls am Postpunk, klingt aber auch mal nach moderner Popmusik.

Stücke wie »Auf und ab« sind treibend, fast punkig, bei »Ehrlich« wird ein leichter Offbeat eingesetzt, und bei »Geträumt« fühle ich mich an den jammerigen Deutschpop erinnert, der ständig im Radio läuft. Musikalisch kann man das als vielseitig betrachten, oder aber als verwirrend:

Zwischen starken Stücken und großen Langweilern verläuft halt hier die Bandbreite – je nach Geschmack. Wenn ich allerdings bedenke, dass die Band aus nur zwei Menschen besteht, ist das doch wieder respektabel.

Die Band ist allerdings sehr textlastig, und da kann sie durchaus punkten. Die Texte sind sarkastisch und ironisch, sie strotzen vor Wortwitz, sie gefallen mir auch dann, wenn ich die Lieder eher schlaftablettenmäßig finde.

Dezolat verwirren mich echt. Aber vielleicht ist das Absicht. Wer weiß?

(Erschienen ist die Platte bei Ragged Glory Records. Es gibt sie als DC und als Vinylscheibe und natürlich auch digital. Ich habe die schön gestaltete CD, der sogar ein Textheft beiliegt.)

12 Juli 2020

Skater in der Mitte der 90er-Jahre

Als eine erstaunliche Perle erwies sich für mich der Film »Mid90s«, den es bei diversen Streaming-Portalen gibt. Hierzulande wurde er 2019 veröffentlicht, ich bekam aber nicht einmal mit, dass er in den Kinos lief. Es ist ein Film über Jugendliche in den 90er-Jahren, zu einer Zeit also, in der ich schon über dreißig Jahre alt war …

Es geht um eine Clique von jugendlichen Skatern, die in Los Angeles das tun, was viele Jugendliche eben so machen: Sie lungern herum, sie suchen sich Abenteuer – in diesem Fall eben mit Skateboards –, sie haben Ärger mit der Polizei, sie interessieren sich für Mädchen, sie trinken Alkohol und konsumieren Drogen, sie sind generell nicht gerade die Schlauesten, stecken voller Unsicherheiten und kompensieren das mit einem Verhalten, das sie für cool halten. (Dazu zählen Prahlereien, Schimpfwörter und sexistische Sprüche.)

Ich fühlte mich bei diesem Film oft ertappt, obwohl ich selbst nie Skateboard gefahren und in einem Dorf aufgewachsen war. Aber das Gefühl eines Jugendlichen, der sich einen Platz im Leben sucht und nicht so richtig weiß, wohin er gehört, das kennen wohl viele. Ich fand den Film wirklich gut, auch wenn er gar keine echte Geschichte mit Höhepunkten erzählt.

»Mid90s« erzählt eben vom Herumlungern, von der Ziellosigkeit der Jugend und von all diesen Dingen, die eine Jugend ausmachen. Das schafft der Film in einer sehr glaubhaften Weise, weshalb ich ihn empfehlen kann.

11 Juli 2020

Millionaires Against Hunger vom Neckar

Aus Heidelberg stammen die Millionaires Against Hunger, eine Band, über die ich nur wenig weiß und die ich noch nie live gesehen habe. Mit ihrer ersten EP, die 2010 aufgenommen wurde und die 2011 herauskam, machte ich erst kürzlich Bekanntschaft; vorher ging der Sound der drei Musiker an mir vorüber.

Was sie auf dieser EP machen, ist auch nicht sonderlich spektakulär: Neunmal schrabbelt ein rotziger Punkrock vor sich hin, dazu englische Texte, die ebenso rausgerotzt werden. Das ist Punk, da gibt es kein Vertun, und da wird erst gar nicht viel drumrum geredet. In ihrer rotzig-schlichten Konsequenz hat mir die Platte dann doch ganz gut gefallen ...

10 Juli 2020

Capricorn

Ein Pferderennen als Ausgangspunkt für eine Horror-Geschichte – darauf muss man erst einmal kommen. Das Hörspiel »Capricorn« bildet den Teil 31 der »Dorian Hunter«-Serie und basiert auf dem Roman »Der Schwarze Hengst«.

(Die ganzen Hintergründe zur Serie und ihren Zusammenhängen lasse ich an dieser Stelle erst einmal weg. Wer sich dafür interessiert, möge bitte nach »Dämonenkiller« oder »Dorian Hunter« googeln.)

Dorian Hunter, der den Kampf gegen die Dämonen mit erbitterter Wut führt, hat es geschafft, seine Freundin Coco Zamis vor einer Hochzeit mit einem monströsen Grafen zu bewahren. Doch nach wie vor hat sie nur einen Teil ihrer Erinnerungen wieder; niemand weiß so recht, ob man ihr trauen kann.

Deshalb fahren Dorian und Coco nach Nizza; dort wollen sie zu einem Pferderennen, bei dem auch der Graf Behemoth erwartet wird. Wenn sie diesen töten, könnte Coco ihre Erinnerung wieder erlangen … Soweit der Ausgangspunkt für eine sehr packende und abwechslungsreiche Geschichte, in der das Pferderennen nur am Rand eine Rolle spielt.

Sowohl Dorian Hunter und seine Begleiter als auch die Gegenseite werden durch viele Dialoge charakterisiert, das ist sehr spannend und sehr dynamisch gemacht. Die Dialoge sind mal witzig, mal spannend. Es gibt genügend Action und Dramatik, vom Autor hervorragend in Szene gesetzt.

Wie immer sind die Sprecher sowie die Geräusche ebenfalls auf hohem Niveau. Die »Dorian Hunter«-Hörspiele sind jederzeit zu empfehlen; so spannend kann Horror also sein. Mit einer Laufzeit von gut einer Stunde ist »Capricorn« dabei ein echter Kracher.

Für Fans dürfte das unverzichtbar sein, Neulinge sind damit allerdings sicher überfordert. Sie sollten zum ersten »Dorian Hunter«-Hörspiel greifen.

I Never Ask No Favors

Aus der Serie »Alte SF-Geschichten neu gelesen«

Cyril M. Kornbluth ist keiner der Autoren, die einem sofort einfallen, wenn man an die klassische Science Fiction denkt. Er lebte von 1923 bis 1958, wurde also gerade einmal 34 Jahre alt. Seine Kurzgeschichten und Romane sind größtenteils vergessen, was ich sehr schade finde.

Dieser Tage las ich seine Kurzgeschichte »I Never Ast No Favors« in deutscher Übersetzung mal wieder. Sie wurde im Original bereits 1954 veröffentlicht und kam unter dem Titel »Ich bitte nie um einen Gefallen« in der Anthologie »Sternenpost: 1. Zustellung« heraus, die 1983 im Moewig-Verlag publiziert wurde.

Im Prinzip ist die Geschichte ein Brief, den ein jugendlicher Rabauke, der sich selbst »der harte Tony« nennt, verfasst hat. Zur Bewährung wird er aufs Land geschickt, wo er einer alten Dame helfen muss – die Alternative wäre, dass er in den Knast wandert. Um die Pointe vorwegzunehmen: Er bittet darum, ins Gefängnis zu dürfen.

Doch wie sich die Geschichte bis zu diesem Punkt bewegt, ist wunderbar, vor allem auch zeitlos. Tony schreibt in einer verschrobenen Art, er ist nicht gerade der Hellste, und dass er in einem Dorf auf Zeichen von Magie stößt, verwirrt ihn hat völlig. Entsprechend verhält er sich …

Science-Fiction-Puristen würden bei »I Never Ast No Favors« heute sicher sagen, das sei doch keine Science Fiction, sondern Fantasy. Damit haben sie sicher recht. Als die Geschichte im Magazine of Fantasy and Science Fiction erschien, interessierten solche Unterschiede weder die Herausgeber noch die Leser. Seltsame Zeiten!

Und ich bin froh, dass es solche wunderbaren Kurzgeschichten gab, die ich mir auch Jahrzehnte danach noch mit Genuss zu Gemüte führen kann …

09 Juli 2020

Las Vegas und ein Gedicht

Den Text »Offener Himmel in Klein-Paris« schrieb ich am 19. Juni 2006, gut ein halbes Jahr, nachdem ich in Las Vegas gewesen war. Die Bilder der Stadt wirkten in mir nach; ich war immer noch fasziniert und gleichzeitig angeekelt von dem Trubel, den ich in Las Vegas gesehen und verspürt hatte. Die Stadt hatte mich gereizt und abgestoßen zugleich. Doch lest selbst ...

Offener Himmel in Klein-Paris 

Strahlend blau spannt sich der Himmel über Paris,
kleine Wolken sehen aus wie zweidimensionaler Puderzucker,
attraktive Häuser in französischer Optik mit Stuck und Schick,
der Bahnhof Montmartre ein Gesamtkunstwerk en miniature,
und die Stützen des Eiffelturms stehen mitten im Raum.

Rings im riesigen Saal fiepen die grellen Automaten,
stieren Spieler und Spielerinnen mit roten Augen auf
rotierende Scheiben, blinkende Lichter und ihr Spiegelbild,
warten auf ein Glück, das sie im Casino »Paris« verzweifelt suchen,
in einer Kunstwelt, ausgedacht von Architekten voller Hohn.

Sanft haucht die schwarze Sängerin ihr Lied ins Mikro,
eine Band mit dezentem Mix aus Funk und Jazz im Hintergrund,
zwischen Spielautomaten und Bar und gelangweilten Männern,
die ihre Wänste in die Stühle an der Theke zwängen,
das Bier vor und die Angst vor dem Pech in sich.

Es fiept und rasselt, die Maschinen schreien ihre Verheißung,
und die Männer stieren ins Leere, mit Gedanken ans Geld,
immerhin mit freiem Blick auf die kaum verhüllten Brüste der Sängerin,
die sich nach vorne beugt und tänzelt, mit knallrotem Mund
das Mikrofon umschmeichelt und Klassiker schmachtet.

Sex und Stuck und alte Häuser, blauer Himmel und Wolken,
dezente Musik und tuntig wirkende Barmänner – alles gemacht
für Hunderte von Touristen, seit Stunden und Tagen im Casino,
abgeschnitten von der Außenwelt der Spielerstadt,
weg von der Wüstenhitze des Tages und der Kälte der Nacht.

Las Vegas frisst, und man kann es sehen, ja spüren,
im Innern des kleinen Paris, unter dem blauen Himmel
der nachgebauten Stadt, mit ihren reizenden Cafés und Bars,
mit der Sängerin und ihren endlos langen Beinen,
mit runzligen Spielern und gierig blitzenden Augen.

Und wer die Augen schließt, fliegt weg,
hört nur noch die Musik, so dezent und klassisch,
so heftig bekämpft von den Spielautomaten,
unglaublich ignoriert von den meisten Spielern,
das einzige Lebenszeichen in der Halle der lebenden Leichen.

08 Juli 2020

Zappeln auf dem Viehweg

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Etwas bewegte sich hektisch vor mir, keine fünf Meter entfernt. Ich erkannte es nicht gleich, nahm nur ein Zappeln wahr, wie ein Haufen aus grauem Dreck, der sich verwirrenderweise bewegte. Was ist das?, dachte ich.

»Bleib stehen!«, sagte Kurt neben mir. Ich hielt inne.

Mit dem Bauer war ich auf dem Viehweg unterwegs, der von unserem Weg hoch zur Weide führte. Es war ein heißer Tag, er wollte nach den Tieren sehen, und ich sollte ihm am Zaun etwas helfen. Ich führte ein wenig Werkzeug mit mir, er trug einen stabilen Stock in der Rechten.

»Ein Vogel«, sagte Kurt leise, fast andächtig. »Er ist gegen den Zaun geflogen, und irgendwie hat er's geschafft, einen Stromschlag abzukriegen.«

Nun erkannte ich es auch. Vor uns auf dem Weg lag ein Vogel. Die Flügel zappelten, sein Schnabel stand offen. Das Tier sah verzweifelt und hilflos aus. Wie war das geschehen? Wie konnte ein Vogel so gegen einen Weidezaun knallen, dass ihn ein Stromschlag erwischte? Aber es war letztlich nicht so wichtig, wie es geschehen war. Das Tier lag auf dem Boden und quälte sich.

»Na gut«, sagte Kurt trocken und ging die paar Meter bis zu dem Vogel. Dann holte er mit dem Stock auf und schlug zwei-, dreimal auf das Tier ein.

Ich hörte das hässliche Geräusch, ich sah den Stock, der auf den Kopf des Vogels knallte. Dann hörte das Zappeln auf. Kurt bewegte mit dem Stock den Vogel. »Tot«, sagt er. Dann schob er den Leichnam zur Seite: weg vom Viehweg, hinein ins hohe Gras außerhalb des Viehzauns, wo die Kühe nicht hinkommen würden.

Entsetzt starrte ich ihn an. Warum hatte er das getan?

Er sah mir die Frage wohl an. »Hätte ich ihn leiden lassen sollen?«, fragte er ruhig. »Der arme Kerl wäre sowieso gestorben. Entweder hätte er sich totgezappelt, oder die Raben hätten ihn zerhackt. Ich habe ihn erlöst.«

Dann ging er weiter, als sei nichts geschehen. Ich blieb noch einen Augenblick lang stehen und folgte ihm. Es war ein heißer Tag.

Macho trifft auf Feministin

Ich lese die Spenser-Krimis des amerikanischen Schriftstellers Robert B. Parker sehr gern; darüber habe ich schon gelegentlich geschrieben. Ich schmökere sie nicht in einer bestimmten Reihenfolge durch, weil jeder Roman für sich steht, und komme eher unregelmäßig zur Lektüre. Zuerst nahm ich mir »Bodyguard für Rachel Wallace« vor, der in den USA erstmals 1980 veröffentlicht wurde und seit 2015 in einem schönen Taschenbuch im Pendragon-Verlag erhältlich ist.

Die Handlung ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Man erfährt viel über die Figur des Privatdetektivs (er war offenbar im Korea-Krieg als Soldat dabei, ist zur Handlungszeit also kein junger Mann mehr – das passt natürlich nicht zu den späteren Spenser-Romanen, die komplett ohne zeitliche Verortung zu lesen sind), und man bekommt einen klaren Blick in die Moral des Detektivs.

Spenser ist kein »Linker«, sondern ein konservativer Mann, der aber liberal im positiven Sinn ist. Er verhält sich wie ein Macho, viele seiner Ansichten sind auch im Jahr 1980 nicht gerade modern – und wären es heute erst recht nicht –, und doch nimmt er den Auftrag an, als Leibwächter für Rachel Wallace zu arbeiten. Sie ist eine feministische Schriftstellerin und auch noch lesbisch, wird von allerlei Gegnern bedroht und benötigt Schutz.

Natürlich geht das schief, weil Spenser seine freche Klappe nicht halten kann. Wallace feuert ihn, man trennt sich schnell und knallig. Kurze Zeit später wird die Feministin aber entführt, mutmaßlich von Rechtsradikalen. Spenser fühlt sich persönlich angegriffen und beginnt einen Ein-Mann-Feldzug, um Wallace zu befreien.

Der Krimi ist knallig erzählt. Es gibt Schlägereien und Schießereien, Spenser setzt sich über allerlei Gesetze hinweg, und zwischendurch führt er politische Diskussionen mit seiner Freundin, einer Intellektuellen.

Dabei macht er immer wieder seine moralische Weltsicht klar: Es ist ihm völlig egal, welche Ansichten Rachel Wallace hat – wenn sie Frauen liebt und für Frauenrechte ist, hat ihr das niemand streitig zu machen. Also hilft er ihr. Ganz altmodisch, ganz konservativ, ganz klar.

Und so wird ein packender Krimi, in dem ein Held voller »Machismen« sich durchsetzen muss, zu einer Auseinandersetzung um moralische Fragen. Robert B. Parker war ein Autor, der spannende Geschichten schreiben konnte wie sonst kaum ein anderer. Man vergisst immer wieder, dass er seine Figur auch politisch-gesellschaftlich platzierte – ohne sich um irgendwelches Rechts-Links-Gedöns zu kümmern.

Großartig!

07 Juli 2020

Zum Start von Plan 9

Ich lese regelmäßig die Zeitschrift »Buchmarkt«, die monatlich erscheint und sehr gut über das Thema informiert, das sie auch im Titel trägt. In der aktuellen Ausgabe schreibt die Redaktion über den Science-Fiction-Start von Bedey Media und Plan 9.

Neben den Kollegen Andreas Eschbach und Andreas Suchanek, die ich kenne, bin erfreulicherweise auch ich in dem kleinen Text erwähnt. Und die Verlegerin zeigt das Prospekt sowie ein Dummy eines kommenden Romans. Das möchte ich an dieser Stelle dann doch zeigen ...

Krasser SF-Action-Comic

In einer Zukunft, die nicht zu weit von unserer Gegenwart entfernt zu finden ist, keine hundert Jahre: Weil in den Vereinigten Staaten das Wasser knapp wird, kommt die dortige Regierung auf eine naheliegende Idee – man greift Kanada ein, um das dortige Wasser für die eigene Bevölkerung zu nutzen. Kanada wird von amerikanischen Truppen besetzt, ein Teil der Bevölkerung geht in den Untergrund.

Der Comic »We Stand On Guard« erzählt am Beispiel einer kanadischen Familie, wie die Herrschaft der Amerikaner aussieht und mit welchen Mitteln eine Gegenwehr geleistet wird. Es wird viel Technik eingesetzt, gleichzeitig wird vor allem mit altmodischen Gewehren getötet. Es tobt ein unerbittlicher Kampf, in dem es zahlreiche Tote gibt.

In den USA erschien der Comic in Form einer Miniserie. Hierzulande wurde er von Cross Cult als schöne Hardcover-Version veröffentlicht, die sich gut lesen lässt. Sie ist schon einige Jahre alt, ich kam erst dieser Tage zur Rezension. Empfehlen möchte ich diesen Science-Fiction-Comic aber nur eingeschränkt.

Brian K. Vaughan ist ein bekannter Comic-Autor. Er weiß eigentlich schon, wie man eine Geschichte erzählt. Sein »We Stand On Guard« funktioniert auch in gewisser Weise: Die Darstellung der Kämpfe, das Elend der Zivilbevölkerung, die Tricks der Widerständler – das wird alles spannend erzählt und in Szene gesetzt.

Steve Skroce ist für die Zeichnungen verantwortlich. Der kanadische Künstler steht auf realistische Darstellungen, auch dann, wenn riesige Roboter oder fliegende Festungen im Bild sind. Vor allem seine Action-Bilder sind zeitweise arg derb: Gedärme quellen einem Mann aus dem Bauch, Köpfe zerplatzen unter Schüssen. Das muss man echt mögen, ich fand es häufig völlig überzogen.

Insgesamt kann man »We Stand On Guard« gut lesen; unterhaltsam und spannend ist dieser Comic. Die Science-Fiction-Ideen sind eher zurückhaltend, es wird mehr auf Action und ein wenig Psychologie gesetzt. Story und Bilder empfand ich als unnötig brutal. Eine dringliche Empfehlung für den schönen Hardcover-Band kann ich nicht aussprechen ..

(Die 144 Seiten kosten im Laden übrigens 25 Euro. Mit der ISBN 978-3-86425-836-7 kommt man im Zweifelsfall weiter.)

06 Juli 2020

Frau Wolf macht poppige Musik

»Was hörst du denn für Musik?«, wurde ich gefragt. »Das klingt ja wie die derzeit aktuelle deutschsprachige Popmusik.«

Tatsächlich macht Frau Wolf Popmusik mit deutschen Texten, die mir sehr gut gefällt, die gut ins Ohr geht und die komplett radiotauglich ist. Allerdings finde ich nicht, dass die Band – es ist ja nicht nur eine Sängerin – mit den anderen Deutschpop-Sachen unbedingt in eine Schublade gesteckt werden sollte.

Klar, wir haben eine saubere Frauenstimme, wir haben gut gemachte Musik, wir haben Texte, die sofort verständlich sind und nicht zu kryptisch wirken; damit passt Frau Wolf zu bekannteren deutschsprachigen Bands, die einem oft aus dem Radio entgegen plärren. Manchmal glaube ich aber einen anderen Hintergrund zu spüren: Da klingt die Gitarre eben mal so, als hätte ich eine Emopunk-Band vor mir, da ist das Schlagzeug immer mal wieder doch kräftiger, als von allgemeiner Popmusik gewöhnt.

Die Platte »Legenden lügen nicht« kam Anfang 2020 heraus, ich hörte sie mehrere Tage hintereinander immer im Autoradio und finde sie richtig gut. Die Melodien sind eingängig, die Texte ebenfalls. Es ist Gute-Laune-Musik, die nicht in Plattheiten verfällt – die aber auch nicht zum Widerspruch auffordert oder irgendwie anstrengend ist.

Wer nur beinharten Punkrock hört, für den ist diese Platte sicher nichts. Dafür ist es zu sehr Melodie und Pop, zu sauber produziert und insgesamt schon kommerziell – was ich nicht negativ finde. Texte wie »Mephisto lacht« oder auch »Hoch hinaus« transportieren eine Stimmung, keine politische Botschaft.

Insgesamt sind die Stücke aber kraftvoll, nicht weinerlich, abwechslungsreich und nicht langweilig. Schöne Platte, gut gemacht!

Blueberry als Gratis-Comic

Zu meinen großen Comic-Favoriten seit Jahrzehnten zählt die Serie »Leutnant Blueberry«, die ich nach wie vor für den besten Western-Comic halte. In der Egmont Comic Collection erscheint eine neun Bände umfassende »Collector's Edition«, und auf diese macht ein Heft aufmerksam, das zum Gratis Comic Tag veröffentlicht worden ist. (Ich habe es quasi vorab erhalten – danke auch dafür!)

Für die Veröffentlichung im kostenlosen Comic-Heft hat sich der Verlag die Episode »Der Sheriff« ausgesucht. Kein schlechter Kniff: Diese ist in sich abgeschlossen, erzählt eine typische Westerngeschichte und hat nichts mit den umfangreichen Handlungsbögen zu tun, die sich ansonsten über mehrere Alben ziehen.

Der Comic spielt in der kleinen Stadt Silver Creek, wo die Bürger von Banditen geplagt werden. Der aufmüpfige Leutnant Blueberry wird in Zivilkleidung gesteckt und in die Stadt geschickt, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Es gibt viele Tote, am Ende ist er erfolgreich – so viel kann ich an dieser Stelle sicher verraten.

Die Geschichte funktioniert immer noch. Jean-Michel Charlier konnte packend erzählen, Jean Giraud lieferte lupenreine Action-Bilder. Es ist ein Höhepunkt des frankobelgischen Abenteuer-Comics und macht sich in der »Collector's Edition« sicher gut.

Im kleinen Format des Gratis-Heftes finde ich es allerdings manchmal heikel: Weil es so viel Text gibt und die Sprechblasen durch die Verkleinerung arg gequetscht wirken, fällt das Lesen streckenweise schwer. Aber wer »Blueberry« bisher nicht kannte – hier übrigens ohne »Leutnant« –, sollte auf diesen Comic unbedingt einen Blick werfen.

05 Juli 2020

Zum kleinen Bodensee

Eine Fahrt, die ich im Sommer immer wieder gern unternehme: Ich radle von daheim los, durchquere recht flott die West- und den Rand der Nordweststadt von Karlsruhe, kreuze ebenso schnell den Rand von Neureut und bin dann draußen in relativer Natur. Relativ heißt: Wenn ich auf einem speziellen Weg fahre, habe ich auf der linken Seite die Ölraffinerie, auf der anderen Seite des Naturschutzgebietes.

Aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen biege ich in das Naturschutzgebiet ab. Dort kann ich mit dem Rad auf einem Hochwasserdamm oder auf mehr oder weniger guten Wegen fahren. Und wenn ich an einem schönen Punkt ankomme, bleibe ich stehen und warte ab.

Es ist da meist ruhig. Ich höre keinen Verkehr, sondern das Rauschen der Bäume und Büsche. Irgendwo hinter mir fließt der Rhein träge dahein. Ich beobachte Gänse und Enten, Insekten schwirren mir vor dem Gesicht herum – erstaunlicherweise selten Stechmücken –, der Duft von Pflanzen oder von modrigem Wasser oder beidem gleichzeitig steigt mir in die Nase.

Und dann habe ich manchmal das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Am kleinen Bodensee, wie das Gewässer heißt, der nur acht Kilometer von meiner Haustür entfernt ist, bin ich dann sehr weit weg von der Stadt und ihrer Hektik.

04 Juli 2020

Die Minions auch in Comic-Form

Als ich die kleinen gelben Minions im Film »Ich – einfach unverbesserlich« zum ersten Mal sah, fand ich sie großartig. Mit ihrer chaotischen Art, mit den teilweise sackdoofen Gags und mit den albernen Geräuschen waren sie für mich die heimlichen Helden des Zeichentrickfilms. Auch in den folgenden Filmen der Reihe fand ich sie witzig und cool.

Im eigenen »Minions«-Film war's mir dann doch zu viel des Guten. Das ist vielleicht auch das Problem, das ich mit dem »Minons«-Comic habe. Der erscheint in der Egmont Comic Collection, und zum Gratis-Comic-Tag 2020 gab es hierfür ein Sonderheft. Das habe ich erfreulicherweise erhalten und mittlerweile gelesen.

Sagen wir es so: Die Gags, die sich Didier Ah-Koon ausgedacht hat, passen zum bisherigen Charakter der Minions. Sie sind albern und überzogen, knallig und teilweise echt lustig. Auch die Zeichnungen von Renaud Collini passen dazu, wenngleich sie mir manchmal zu glatt sind – sie erinnern an Computergrafiken und wirken damit nicht so lebendig.

Manche Cartoons empfand ich als lahm, andere durchaus als klasse. Das Wimmelbild, in dem die geheime Welt der Minions gezeigt wird, kann ich mir gut als Poster vorstellen – mit all diesen Details, die es präsentiert! Aber ich werde mit dem Heft nicht warm.

Das wiederum kann schlichtweg daher liegen, dass ich zu alt bin. Der Comic ist eindeutig für eine jüngere Zielgruppe gedacht, für Kinder eben, die sich über die Minions in den Filmen amüsiert haben. Sie haben hoffentlich auch ihre Freude an diesem Gratis-Comic!

03 Juli 2020

Naifa lassen's knallen

Was für eine knallige Platte! Naifa ist eine Band aus Brasilien, genauer gesagt aus Sao Paolo, und sie besteht aus drei Leuten. Laut Label-Info – wenn ich das Brasilianisch richtig verstanden habe – hat sich die Band 2005 gegründet, und einer von den drei Leuten spielte vorher bei der Band The Flicts mit. 2001 wurde die Platte »Naifa« veröffentlicht, die ich mir als Vinylscheibe gegönnt habe.

(Ich kannte bislang nur eine CD von der Band, die sie zusammen mit den Partnern von Morto Pela Escola aufgenommen hat. Das hier ist ein eigenständiges Werk.)

Insgesamt sind acht Stücke auf der Langspielplatte drauf, die man auf 45 Umdrehungen laufen lassen muss, und die haben es echt in sich. Der Sänger treibt mit seiner rauen Stimme die Songs nach vorne, das Schlagzeug, der Bass und die Gitarre sorgen für einen schmissigen Rhythmus, der manchmal wie eine Rock'n'Roll-Maschine rattert und knattert und nur in ganz seltenen Fällen gitarrentechnische Eleganz aufblitzen lässt.

Vergleiche sind schwer, es gibt schließlich viele Bands, die diesen knalligen Punkrock spielen, der ungestüm und wild klingt und mir immer noch gefällt. Die acht Stücke werden von den drei Musikern auf jeden Fall mit viel Energie und hoher Spielfreude rausgebollert, dass es eine wahre Pracht ist. Eine richtig gute Pogo-Platte – klasse!

Vom Wald in den Jazzkeller

Die Ausgabe 150 des OX-Fanzines bezeichnet sich selbst als »linksgrünversifftes Propagandablatt«, was mich zum Schmunzeln brachte. Ich finde es großartig, dass es die Zeitschrift immer noch gibt, und ich hoffe, dass die aktuelle Krise überstehen wird. 150 Ausgaben sind ja noch lange kein Grund, auf die Bremse zu treten.

Ich bin als freier Mitarbeiter seit vielen Jahren an Bord. Früher schrieb ich auch mal andere Beiträge, seit mehreren Jahren reicht es nur zu meiner Fortsetzungsgeschichte. Die heißt »Der gute Geist des Rock'n'Roll«, und in der Ausgabe 150 ist meine Fortsetzung mit der Nummer 25 enthalten – das ist ja schon wieder ein kleines Jubiläum.

Worum geht es? Peter Meißner, früher allgemein nur Peter Pank genannt, erfährt bei einem Gespräch im Wald einiges über die Vergangenheit von Personen, die in diesem Roman schon eine Rolle spielten. Er beschließt, sich abends ein Fußballspiel anzugucken: Der Jazzkeller, in dem früher viele Konzerte stattfanden, ist längst der Nebenraum einer Pizzeria, mehr nicht.

Und so begibt sich der nicht mehr ganz so junge Held auf ins »Vesuvio«. Wie es dort weitergeht, muss ich noch schreiben; die darauf folgende Fortsetzung habe ich nämlich noch nicht fertig.

02 Juli 2020

Verrückt und unter heißer Sonne

Nachdem ich 1983 in Marokko gewesen war, fing ich an, erste Texte zu schreiben, in denen ich meine Reise verarbeitete. Einer davon trug den Titel »Verrückt und unter heißer Sonne« und wurde nie veröffentlicht. Es war eine längere Erzählung, die 39 Schreibmaschinenseiten umfasste; sie könnte um die 80.000 Zeichen umfassen.

Die Geschichte spielt an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien, sie erzählt davon, wie der Ich-Erzähler auf zwei seltsame Männer trifft, die sich in dieser Region eingenistet haben. Sie sind ausgesprochen merkwürdig, aber sie verhalten sich dem Erzähler gegenüber nett und aufgeschlossen. Nach einer Nacht, die er bei den zwei Unbekannten verbringt, reist der Ich-Erzähler weiter.

Die Geschichte fing ich im Mai 1984 an, fertig wurde sie erst im April 1985, also während meiner Bundeswehrzeit. Ich bot sie, wenn ich mich recht erinnere, dem Fanzine »Chrysalis« an, wo sie aber nicht erschien. Das Fanzine wurde dann ohnehin eingestellt.

Als ich mit später in meinen Peter-Pank-Geschichten meinen Helden durch Südfrankreich jagte, kam ich auf die Idee, diese alte Geschichte quasi zu verwerten. Also flossen ganze Szenen aus dieser Geschichte in meinen Punkrock-Roman ein und wurden so auch gedruckt. Auf diese Weise führte ich eine alte Geschichte einer sinnvollen Verwendung zu.

Das Manuskript der Original-Geschichte habe ich übrigens noch. Vielleicht kann man das doch einmal sinnvoll verwenden? Wer weiß.

01 Juli 2020

Sag mir keiner was von Nachhaltigkeit

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Zu den modischen Wörtern unserer Zeit zählt auch die »Nachhaltigkeit«. Alles ist nachhaltig: Automobilkonzerne, Werbeagenturen, Fußballvereine, wahrscheinlich sogar die Bundeswehr und der Polizeisportverein.

Ich habe von all diesen Dingen ja keine Ahnung, weil ich mich Zeit meines Lebens eher für Krachmusik, Raumschiffe und knallige Bildergeschichten interessiert habe. Aber ich würde sagen: Am nachhaltigsten ist ein Schwabe, der seine Sachen einfach ewig lang benutzt.

Also jemand wie ich.

Ein schönes Beispiel sind meine karierten Converse-Treter. Die Dinger kaufte ich mir irgendwann in den späten 90er-Jahre, es gab sie preiswert beim Ausverkauf irgendwo. Ich trug sie im Büro, weil ich das als nettes Statement empfand: ein Chefredakteur in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Damals trug man als Chefredakteur meist noch Anzug und Krawatte …

Irgendwann nahm ich sie nur noch ins Training mit. Das heißt, dass die Schuhe den größten Teil ihrer Existenz in einer Sporttasche zubrachten und nur dann getragen wurden, wenn ich im Trainingsraum war. Trotzdem lösen sie sich langsam auf, die Sohle wird immer dünner.

Ich fürchte, in diesem Jahr werden sie das Zeitliche segnen. Trotz aller Nachhaltigkeit …

Seenotretter in Lebenskrisen

Bei manchen Büchern bin ich mir nicht so sicher, wie man sie einordnen soll. »Lass uns mit den Toten tanzen« betrachte ich als ein sehr gutes Beispiel dafür: Es ist ein Roman, klar, denn der Stil ist nicht der eines Sachbuches; es gibt Dialoge und Beschreibungen, es gibt Sex und Drogen und Alkohol. Doch der Roman orientiert sich derart eng an Fakten und Tatsachen, dass es beispielsweise schwerfällt, die Autorin gedanklich von der Hauptperson zu trennen.

Aber das ist eigentlich egal: Bei dem Roman handelt es sich um ein ausgesprochen lesenswertes Buch, das eindrucksvoll von den Seerettungsmissionen im Mittelmeer erzählt. Wer eine Vorstellung davon haben möchte, was sich dabei abspielt, sollte diesen Roman lesen.

Und wer ist Pia Klemp? Bei ihr handelt es sich um eine Kapitänin, die mit einem Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten, die mit irgendwelchen Ruderbooten versuchen, nach Europa zu kommen. Manchmal schafft sie es mit ihrer Mannschaft rechtzeitig und kann Menschen aus dem Wasser fischen, manchmal treffen sie nur Reste eines Bootes und Leichen an. Und immer wieder gibt es Ärger mit ignoranten Beamten und arrogantem Militär.

Die Autorin erzählt aus einer krass-subjektiven Perspektive heraus; das ist extrem lebensnah. An Bord des Schiffes oder im Hafen wird auch mal gefeiert, es wird Alkohol getrunken, es wummert Punkrock übers Deck, und das Thema Sex spielt ebenfalls eine Rolle. Klemp hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg; sie ist Anarchistin, Veganerin und Tierrechtlerin, was bei Beziehungen dann eben mal zu Konflikten führen kann. Ihre politischen Vorstellungen vertritt sie knallig, und das wird im Roman immer wieder thematisiert.

Wer an dieser Stelle einen feinfühligen Roman erwartet, in dem zartbesaitete Menschenfreunde gemeinsam versuchen, die Welt zu verbessern, ist völlig falsch. »Lass uns mit den Toten tanzen« ist ein Stück praller Literatur, das eine konsequente Weltsicht mit viel Lebensfreude vermittelt. Die Autorin lässt ihre Leserinnen teilnehmen an ihren Missionen und an ihren Versuchen, ihr eigenes Leben zu leben.

Wer dem nicht folgen möchte, muss das auch nicht – aber er (oder sie) erhält einen spannenden Blick auf Menschen, die versuchen, Haupt- und Nebenwidersprüche irgendwie im eigenen Kopf und darüber hinaus so zu sortieren, dass sie den eigenen Blick in den Spiegel noch ertragen. Erschienen ist das Buch im Maro-Verlag; es ist ein schöner Hardcover-Band (ohne Schutzumschlag), den ich jederzeit empfehlen kann.

Echte Realität in Form von Literatur gewissermaßen!