08 Mai 2020

Gratulation an Le Monde Diplomatique

Seit einem Vierteljahrhundert bereichert eine Zeitung mein Leben, die nur einmal im Monat erscheint: Gemeint ist »Le Monde Diplomatique«, die ich in der deutschsprachigen Ausgabe lese. Sie liegt der »taz« bei, und ich lese »LMD«, so die Abkürzung, immer nahezu komplett. Das ist gar nicht so einfach, weil die Zeitung manchmal sehr umfangreiche und durchaus komplexe Artikel hat.

Aber so sonst bekomme ich derart ausführliche und journalistische sauber recherchierte (es sind Quellen angegeben) Artikel zu allerlei Themen aus der ganzen Welt? Aus dem Iran und aus Bolivien wird berichtet, aus Russland und aus Südafrika. Die Artikel sind oft zwei, drei Seiten lang und eher sparsam bebildert. Nicht alles interessiert mich, aber ich lese jeden Beitrag an und bleibe erfreulich oft auch bei Themen hängen, die sonst nicht mein Ding sind.

Viele Artikel haben eine französische Herkunft, stammen aus der Originalausgabe. Gerade diesen französischen Blick auf die Welt finde ich spannend. Ich stimme nicht immer mit den Schlussfolgerungen überein, mag aber diese andere Sicht. Aber auch die Artikel aus dem deutschsprachigen Raum mag ich. Insgesamt spricht mich jeden Monat vor allem die Mixtur an.

Ich wünsche der Zeitung weiterhin ein erfolgreiches Erscheinen, bitteschön weiterhin in Print-Form. Und möchte an dieser Stelle alle Menschen, die sich für Politik interessieren, noch mal ausdrücklich darauf aufmerksam machen!

Gratulation zum Vierteljahrhundert!

07 Mai 2020

Werbung für das zweite Fanzine

Nachdem die erste Ausgabe meines Fanzines SAGITTARIIUS so gut angekommen war und ich praktisch alle Hefte verkauft oder getauscht hatte, war für mich klar, dass ich gleich weitermachen würde. Im Frühjahr und Sommer 1980 stellte ich das zweite Heft zusammen, und noch während ich an der Arbeit war, bastelte ich bereits an der Werbung dafür.

Rainer arbeitete in einer Druckerei, ein vergleichsweise kleines Unternehmen in der Nordstadt von Freudenstadt. Wir vereinbarten, dass er mir eine professionelle Werbung gestalten könnte. Ich schrieb einige Namen und Informationen zusammen, von denen ich dachte, dass sie Leser interessieren könnten – heute würde ich das ja alles anders sehen –, und brachte die Unterlagen zu Rainer. Auf Basis all dieser Dinge bastelte er dann die Werbung für mein zweites Fanzine.

Ich war extrem stolz darauf und verdoppelte die Auflage. Bei der ersten Ausgabe 100, bei der zweiten dann 200 Exemplare. Im Kopf überschlug ich, dass ich so bald auf tausend Exemplare kommen würde. Ich sah mich schon in der Riege der großen Fanzine-Verleger. Aber im Sommer 1980 war ich 16 Jahre alt, wechselte aus der zehnten Klasse des Gymnasiums in eine berufliche Ausbildung und träumte lieber von einer Karriere als Science-Fiction-Profi.

Missiles of October röhren

Ich gestehe, dass es mich nicht gerade umhaut, einen Begriff wie »Stoner punk sludge noise rock« zu lesen. Normalerweise geht bei mir da die Klappe zu, da wirft mich der Begriff sofort aus jeglichem Zusammenhang. Glücklicherweise hilft es da, sich zuerst die Musik anzuhören und dann den Begriff zu betrachten.

Mit dem umständlichen Wortungetüm umschreibt die Band Missiles of October aus der belgischen Hauptstadt Brüssel ihren Sound. Die Platte »Better Days« wurde bereits 2016 veröffentlicht, ich habe allerdings nur die digitale Version via Bandcamp gehört. Zur Optik der Vinylscheibe oder der CD kann ich also nichts sagen.

Die dreiköpfige Band, die bei einigen Aufnahmen von einem Gitarristen verstärkt worden ist, lässt es durchaus krachen, und bei manchen Stücken würde ich auch sagen, dass sie Punkrock spielt. Bei manchen Stücken aber wird so gerockt oder wird es so langsam, dass der Punkvergleich kaum noch passt. Da wird es zäh und ruppig zugleich, mit der röhrenden Stimme des Sängers aber nie schlapp oder lasch.

Klar, manche Stücke sind länger, als ich das sonst gewöhnt bin – »Everyday« kommt auf sieben Minuten –, manchmal lässt man die Gitarre auch ganz schön fiedeln. Insgesamt aber bleibt der punkige Charakter der Band durchaus erhalten.

Die Missiles of October – eine Band, die knackige Melodien zwischen wuchtigem Schlagzeug und manchmal fiesen Gitarren versteckt. Manchmal ist es zäher NoiseRock, dann wieder könnte mich der Sound zu Pogo verführen. Das hat echt was!

06 Mai 2020

Abschluss einer »Doctor Who«-Tetralogie

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe keine Ahnung von »Doctor Who«, habe noch keinen einzigen Film der jeweiligen Fernsehserien gesehen. Ich kenne die Serie nur von einigen Comics, einem Taschenbuch und einer vier Teile umfassenden Hörbuchserie her. Diese trägt den Titel »Die Dynastie der Winter«, und ich habe den vierten Teil dieser Tage endlich angehört.

Es handelt sich um eine Doppel-CD, die bereits 2016 von Lübbe-Audio veröffentlicht worden ist. Ich will da nicht zu viel spoilern – aber dieses Hörbuch schafft tatsächlich den Abschluss der gesamten »Winter«-Handlung, auf eine Art, die nicht schreiend originell ist, aber inhaltlich passt.

Diesmal führt die Zeitreise in die Vergangenheit. Der Doctor und seine Begleiterin Clara landen im Hundertjährigen Krieg; sie stoßen auf eine junge Frau namens Jeanne, die sich in den Kampf gegen die Engländer stürzen soll. Auf ihrem Weg zum Hof des französischen Königs erleben die Gefährten allerlei Abenteuer, und am Hof selbst kommt es zu einer Begegnung mit einem Außerirdischen.

Tatsächlich geht es diesmal ans Eingemachte: Man erfährt ein wenig über die Timelords und ihre Vergangenheit, über ein technisches Hilfsmittel, das sie anscheinend einmal besessen haben, und die Macht der Erinnerungen. Für echte Fans von »Doctor Who« dürfte das sogar von großem Interesse sein, für mich war es auf jeden Fall unterhaltsam.

Die Geschichte ist gut erzählt: keine brillante Science Fiction, aber eine flotte Zeitreisegeschichte mit allerlei Action und skurrilen Dialogen, die vor allem den gesamten Themenkomplex um die Familie Winter zu einem begründbaren Ende bringt.

Lutz Riedel liest gut, wenngleich ich seine Stimme manchmal als »zu alt« empfinde. Er moduliert die einzelnen Figuren so, dass man beispielsweise den Doctor und seine Begleiterin Clara immer auseinanderhalten kann, und hielt mich als Zuhörer so sehr gut bei der Stange.

Für mich ist das ein gelungener Abschluss der Vierer-Staffel – nicht nur für echte Fans der Serie durchaus zu empfehlen!

05 Mai 2020

Ein Insekt gegen die Macht des Kapitals

Aus guten Gründen ist die Serie »Die alten Knacker« zu einem der beliebtesten Comics der jüngeren Zeit geworden. Die Serie wird vom Splitter-Verlag veröffentlicht und begeistert mit ihrer umwerfenden Komik und den unfassbar coolen Helden: Dabei handelt es sich um alte Männer, die längst mit ihrem Leben abschließen könnten, aber viel Freude daran haben, in anarchistischer Weise die Kreise der Machthabenden zu stören.

Das sieht man auch am vierten Band, der den schönen Titel »Die Zauberin« trägt und den ich dieser Tage endlich gelesen habe. Bei der »Zauberin« handelt es sich um eine Insektenart, die extrem selten ist und unter Naturschutz steht.

Ausgerechnet in einem Gebiet, in dem sich ein Industriebetrieb ansiedeln möchte, wurde die »Gezackte Zauberin« gefunden. Naturschützer errichten ein Camp, um das bedrohte Tier zu schützen. In der französischen Provinz beginnt ein Konflikt zwischen moderner Industrie und ebenso modernen Industriegegnern.

Mittendrin: Sophie, die coole Marionettenspielerin, und ihre Tochter Juliette, über deren Vater nichts zu erfahren ist. Sophie hat alle Probleme einer alleinerziehenden Mutter und ist darüber hinaus mit einem Großvater gestraft, der zwar einen Sinn für schrägen Humor hat, sie aber in ihrem Leben nicht unbeeinflusst lässt ...

In gewohnt witziger Art steuert Wilfrid Lupano seine Hauptfiguren durch einen Comic, der mit schlagfertigem Humor und anarchistischem Charme ausgestattet ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man »Die Zauberin« wirklich verstehen kann, ohne die anderen Bände der Serie zu kennen, und möchte sie deshalb lieber komplett empfehlen.

Ein großartiger Comic, der es schafft, Humor und Politik zu verbinden, der zudem eine schöne Eigenironie aufbringt und die »alten Knacker« nicht zu strahlenden Helden werden lässt!

Widerständler im Keller

Es war an einem Abend in der Haifischbar im besetzten Haus in Karlsruhe. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema kamen. Ich hatte schon einige Biere getrunken, war aber noch nicht betrunken, artikulierte mich für meine Verhältnisse relativ verständlich und klar. Aber wir kamen auf das Thema des Dritten Reiches und den Widerstand.

»Ich hab keine Ahnung, was ich gemacht hätte«, gab ich zu. »Wenn ich in dieser Zeit gelebt hätte und wäre ein Durchschnittsdeutscher aus einem Schwarzwalddorf gewesen, wäre ich wohl so ein Mitläufer geworden. Aber ich weiß es nicht.«

Mein Gegenüber in der Gruppe starrte mich an. »Echt jetzt?« Sie gehörte zur Autonomen Szene in Heidelberg und war politisch sehr aktiv: bei allem Demos und sonstigen Aktionen dabei, bei Plena anwesend und nie verlegen, in einer Diskussion mit knalligen Argumenten aufzuwarten.

Ich hob die Schultern. »Ich weiß es nicht. Es war eine andere Zeit, ich wäre anders erzogen worden, es galten andere Regeln. Und die Bullen waren anders unterwegs als die heute.«

Die anderen in der Runde hielten die Klappe, während sie es nicht fassen konnte. »Du wärst also ein Nazi gewesen? Das willst du sagen?«

»Nein, nein«, versuchte ich sie zu beschwichtigen. »Ich sag nur, dass ich es nicht weiß. Oder könntest du heute sagen, wie du dich beispielsweise 1942 verhalten hättest?«

»Ich wäre garantiert im Widerstand gewesen«, behauptete sie. »Da gibt es keinen Zweifel. Ich hätte die Nazis mit allem bekämpft, was ich hätte aufbringen können.«

Da war ich verblüfft. »Echt jetzt? Ich meine, das kannst du doch nicht wissen.«

»So wie ich heute drauf bin, so wäre ich auch damals drauf gewesen. Und deshalb hätte ich im Widerstand gegen die Nazis gekämpft.«

Ich ging dann mit einigen Höflichkeitsfloskeln aus dem Gespräch. Mir wurde klar, dass die junge Frau und ich an diesem Abend keine Freunde mehr werden würden. Weder politisch, noch gesellschaftlich.

»Widerstand gegen die heutigen Nazis ist wichtig«, hätte ich ihr gern gesagt. »Aber das kann man nicht mit dem Dritten Reich und den damaligen Nazis vergleichen.« Aber ich ließ es sein. Vielleicht war es feige, die Diskussion abzubrechen, vielleicht auch faul.

Aber ich hatte nie eine große Lust, mit Leuten lange zu reden, die mich für blöde oder die ich für borniert hielt. Da stellte ich mich lieber allein an die Theke und trank mein Bier.

04 Mai 2020

Vertrackte Melodien aus Berlin

Wie man eine Band umschreiben soll, die sich den sperrigen Namen Diving For Sunken Treasure gegeben hat, weiß ich auch nicht: Die Musik ist schon irgendwie Punk, sie ist aber auch mit allerlei anderen Sounds unterlegt, vermengt rotzige Gitarren mit anderen Instrumenten und wirkt manchmal sperrig, geht mir aber dann doch gut ins Ohr. Das Label spricht von »Seemanns-Gipsypunk«, und vielleicht trifft das tatsächlich am besten zu.

Ich hörte mir dieser Tage die Platte »Motherfucker Jazz Bar« an, die mir von Mal zu Mal besser gefällt. Aufgenommen wurde sie bereits Ende 2012 in Berlin, woher die Band auch kommt. Die englischsprachigen Texte sind clever, sie erzählen Geschichten und bringen keine Parolen, erschöpfen sich vor allem nicht in Belanglosigkeiten – es macht durchaus Spaß, sie sich noch mal durchzulesen.

Wobei mir die manchmal vertrackte Stücke wirklich gut gefallen. Ein Lied kann behutsam anfangen, mit einem holperigen Schlagzeug und einer verträumt klingenden Stimme, um dann in einen Punkrock zu verfallen, der sich wiederum anhört wie eine beschleunigte Polka. Die Platte ist nicht berechenbar, sie hält immer wieder Überraschungen bereit.

Da klampft mal eine Akustikgitarre dazwischen, da poltert ein Kontrabass, dann setzt eine rasante E-Gitarre ein, und das alles wird in flotten Melodien serviert, die nicht gleich ins Ohr gehen, die aber echt gelungen sind. Die Stimme des Frontsängers ist rau, die anderen Musiker machen gelegentlich einen knalligen Chor – das ist alles in allem richtig gelungen. Respekt!

Noch einmal Urlaub gemacht …

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir im Februar sehr spontan noch einmal einen kurzen Urlaub unternahm. Niemand wusste zu der Zeit, wie es mit dem Coronavirus weitergehen würde. Es gab bereits die ersten Fälle in Europa, aber zumeist ging man noch davon aus, dass sich die Krankheit auf China beschränken würde. Ich war ebenfalls entsprechend optimistisch.

Nach anstrengenden Monaten seit der Frankfurter Buchmesse war ich tatsächlich auch urlaubsreif. Also entschlossen wir uns sehr spontan und ohne großes Trara, für ein verlängertes Wochenende in die Schweiz zu fahren. Wir steuerten den Thunersee an, checkten in einem schönen Hotel ein, wo es gutes Essen gab, und verbrachten sehr angenehme Tage: Wir gingen in der Sonne oder im Schneetreiben spazieren, wir gammelten viel herum, wir fuhren mit dem öffentlichen Bus durch die Gegend, wir lasen, und wir sahen zum Fenster hinaus,

Das ist gerade mal einige Wochen her. Kurz danach schossen die »Fallzahlen« in die Höhe. Zwei Wochen danach hätte ich diesen Kurzurlaub schon nicht mehr angetreten. Und deshalb bin ich so froh, dass das im Februar noch geklappt hat.

03 Mai 2020

Eine Lederjacke in Andernach

(Aus der Serie »aus dem Gedruckten ins Digitale« ...)

Man muss die Stadt Andernach nicht unbedingt kennen. Anders gesagt: Wer noch nie von ihr gehört hat, braucht sich nicht wegen seiner Bildungsferne zu grämen. Noch mal anders: Ich war unlängst dort, es war eine berufliche Reise, und privat hätte mich das Ganze nicht so sehr interessiert. Aber es reichte für einen kleinen Blick auf die Realität.

Irgendwann stand ich am Bahnhof der reizenden Stadt am Rhein. Es war ein hässlicher, kalter Tag, an dem ein grauer Himmel wie vergammelnde Kotze über den Köpfen der geduckt gehenden Menschen hing. Ich bummelte ein bisschen herum, wartete auf den Menschen, den ich besuchte und der mich abholen wollte; aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen war ich zu früh eingetroffen.

Der Witterung entsprechend war ich recht warm gekleidet, in genau den Klamotten, die ich sonst auch ins Büro anziehe: eine schwarze Stoffjacke, darunter ein roter Kapuzenpullover, Hemd und T-Shirt, Jeans, Stiefel. Also eher bürgerlich, nicht gerade punkrock-mäßig, aber eben auch nicht unbedingt so, wie man sich einen Chefredakteur vorstellt. In meiner Hand hielt ich die Tasche, die ich stets auf solchen Reisen dabei habe: ein bisschen abgewetzt, aus Kunststoff und schwarz, darin Manuskripte und Datensammlungen.

So bummelte ich hin und her, ging an einer Pizzeria unweit des Bahnhofs vorbei, die von außen so wirkte wie eine typische Bahnhofskneipe, ein wenig schmuddelig, leicht altmodisch und vor allem mit dem Charme der schlechten siebziger Jahre ausgestattet. Und dort sah ich die drei älteren Männer, die dort im Schnee standen, Bierflaschen und Dosen in den Händen, schlecht rasiert, um es mal vorsichtig zu formulieren, und mit einer eher undeutlichen Aussprache.

Ich hätte sie nicht beachtet, hätte sie mit ihren langen Haaren und den Bärten schlicht in Gedanken zur Gattung »Penner« gesteckt. Einer von ihnen war aber anders: Er trug eine schwarze Lederjacke, auf deren Rücken einige Killernieten steckten, dazu waren einige Aufnäher angebracht, die zwar sehr verschmuddelt aussahen, bei denen ich aber ganz klar erkennen konnte, dass es sich um Punk-Aufnäher handelte. Ich schaute genauer hin: Es waren Zeichen alter Punkrock-Bands und der obligatorische Anti-Nazis-Aufnäher.

Der alte Penner, der wahrscheinlich nicht ganz so alt war, wie er aussah, war mit hoher Wahrscheinlichkeit mal ein Punkrocker gewesen. Vielleicht hielt er sich noch für einen, vielleicht hatte er mit der Szene nicht einmal mehr das Geringste zu tun. Es war mir in diesem Augenblick auch völlig gleichgültig.

Ob der Mann wirklich mal Punk war?, überlegte ich mir, während ich die Männer im Vorbeigehen betrachtete. Andernach war nicht weit von Bonn weg. Ich versuchte mir vorzustellen, wie der langhaarige, bärtige Penner in den 80er Jahren als junger Mann mit bunten Haaren und wilden Idealen auf dem Kaiserplatz in Bonn herumsaß, wie er an der Punk-Olympiade teilnahm, wie er vielleicht auf die verschiedenen Konzerte im »Bla« und andere Läden ging. Es gelang mir nicht.

Ich schüttelte den Kopf, während ich weiterging. Die Männer beachteten mich nicht; wahrscheinlich hielten sie mich für einen langweiligen Geschäftsmann oder einen Berufspendler, der sich langweilte. So ganz unrecht hatten sie damit nicht. Wahrscheinlich nahmen sie mich nicht einmal wahr.

Theoretisch könnte ich den Mann mit der Punk-Lederjacke ansprechen und ihn fragen, ob er die Jacke geschenkt bekommen hatte oder ob er sie von früher her besaß. Aber das wäre albern gewesen, und das wusste ich. Also ließ ich es sein. Er hätte mich nicht verstanden, hätte ich möglicherweise nur angegriffen gefühlt. Und auf diese Reaktion hatte ich keine Lust.

Die 80er-Jahre sind einfach vorüber, dachte ich zum wiederholten Male und stapfte die Treppen neben der hässlichen Pizzeria hinunter. Es wurde Zeit, dass ich meinen Besuch absolvierte.

(Dieser Text wurde im Enpunkt 42 veröffentlicht, im April 2005.)

01 Mai 2020

95 wäre ein starkes Alter

Heute könnte mein Vater seinen Geburtstag feiern. Für immer ist für mich der 1. Mai ein Geburtstag und ein Hochzeitstag gleichermaßen: Am 1. Mai 1925 wurde mein Vater geboren, am 1. Mai 1954 heirateten meine Eltern. Wenn ich diese Zahlen heute schreibe, kommen sie mir vor, als schriebe ich eine Text über historische Ereignisse.

Vielleicht ist es so.

Mein Vater wuchs in einer sehr christlichen und eher armen Familie auf. Er wurde in jungen Jahren zum »bewaffneten« Reichsarbeitsdienst nach Frankreich geschickt und im Sommer 1943 nach Russland. Er wurde an der Ostfront zweimal schwer verwundet, was beides Mal aber Glück war: So entrann er der Vernichtung seiner Division jeweils im Lazarett und kam erst 1948 nach Hause zurück.

Wir hatten nicht immer ein gutes Verhältnis, um es vorsichtig zu sagen. Erst spät erkannte ich, wie unfair ich ihm gegenüber oft war. Während ihm seine Jugend vom Krieg buchstäblich gestohlen worden war, trieb ich mich auf der Straße herum, reiste per Anhalter kreuz und quer durch Deutschland und auch Westeuropa, fuhr nach Marokko oder hüpfte auf irgendwelchen Krachkonzerten herum.

Seinen achtzigsten Geburtstag erlebte er noch, wenige Wochen danach starb er. Viele Begegnungen mit ihm stehen mir noch in bester Erinnerung, wie grelle Blitze aus der Vergangenheit. Ich stelle fest, wie oft ich an ihn denke. 95 Jahre wäre auch ein starker Geburtstag gewesen ...

30 April 2020

Werbung für Eternal Peace

Es mangelte zu Beginn der 80er-Jahre nicht an neuen Konzepten für Fanzines, an denen ich mich beteiligen konnte. Ich war 1979 gerade mal 16 Jahre alt geworden und stieß im selben Jahr mit voller Begeisterung auf eine Szene voller Clubs und Fanzines. Nachdem im Februar 1980 mein erstes eigenes Heft erschienen war, wurden meine Kontakte enger und vielseitiger.

Ich reagierte begeistert auf den Vorschlag, an einer fannischen Science-Fiction-Serie mitzumischen. Robert Goetzke sprach mich darauf an, ich willigte ein, fühlte mich geehrt und wartete dann auf die ersten Exposés. Im Sommer 1980 wurde die Werbung für »Eternal Peace« verschickt.

Man sparte nicht an stark klingenden Aussagen: »Die Geschichte einer Menschheit, die die Erde nicht kennt, aber von ihr stammt.« Wenn man sich das genau ansieht, merkt man schon, dass die Mitwirkenden alle von einer bestimmten Science-Fiction-Heftromanserie geprägt waren ... Immerhin sollte die »Gemeinschaftsarbeit vier junger Leute« viele neue Leser finden.

Im Oktober 1980 erschien immerhin eine erste Ausgabe, die sich in den Untiefen meiner Sammlung befindet; dann ging es wohl nicht weiter. Immerhin blieben zwei der vier Mitstreiter über längere Zeit an ihrem eigenen Projekt gebunden: Monika Herrmann und Robert Goetzke gehörten zu den Leuten, die das Fanzine »Capricorn« mit seinen verschiedenen Ablegern herausbrachten. Und dieses Fanzine mit all seinem »Drumherum« sollte dann mehrere Jahr auf einem guten Niveau existieren.

Vice Squad mit der Zweitsängerin

Ich habe die englische Band Vice Squad in ihrer klassischen Zeit nie gesehen; das werde ich auch nie nachholen können. Und natürlich besitze ich kaum eine der Platten in der Originalversion, was mich weniger stört. In den vergangenen Tagen hörte ich häufig die Platte »Shot Away«, die 1984 erstmals veröffentlicht und 2016 von Mad Butcher Records aus Göttingen neu aufgelegt wurde – diese Version habe ich mir gekauft.

Es handelt sich um die zweite Langspielplatte der Band; sie kam heraus, nachdem die ursprüngliche Sängerin die Band verlassen hatte. Daraufhin wurde die Band beim Kommerzlabel hinausgeworfen und veröffentlichte auf Anagram Records. Mit der Sängerin Lia konnte aber ein guter Ersatz für Beki Bondage gefunden werden, finde ich heute.

Die insgesamt elf Stücke sind teilweise auf »kleinen Platten« veröffentlicht werden; streng genommen handelt es sich also um eine Compilation. Die Stücke bieten keinen Hochgeschwindigkeits-Punkrock, sie sind weit entfernt vom Hardcore, der zu dieser Zeit immer stärker brodelte. Im Prinzip bietet die Band melodisch-rockigen Sound in einem angenehmen Durchschnitts-Tempo, den ich mir stets anhören kann.

1984 machten Vice Squad keinen Sound für die Straßenschlacht, sondern offenbar schon damals für den gesetzten Punkrocker, der seine wilden Zeiten entweder bereits hinter sich gelassen oder nie welche erlebt hatte. Um es klar zu sagen: Die »Shot Away« ist keine Platte aus den frühen 80er-Jahren, die man unbedingt haben müsste. Wer aber die Bands der zweiten Generation der englischen Punk-Szene mag, wird an diesem Album viel Freude haben.

29 April 2020

Buchmesse im Herbst?

Ich weiß noch, wie heikel die Situation im März war: Wir saßen in der Redaktion zusammen und überlegten, ob wir es uns leisten konnten, auf die Buchmesse nach Leipzig zu fahren. Wir empfanden die Lage als heikel, die gesundheitlichen Risiken erschienen uns zu hoch. Als die Buchmesse abgesagt wurde, war ich richtig froh – auch wenn wir unnütze Kosten hatten. Es ging uns ja nicht anders als allen anderen Verlagen.

Derzeit läuft die Diskussion um die Buchmesse im Herbst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Zigtausende von Menschen in stickigen Messehallen unterwegs sein werden. Das Virus ist bis Oktober nicht aus der Welt – ich persönlich würde im Moment von einem Besuch der Messe in Frankfurt absehen. Und die gehört seit den 80er-Jahren zu den Höhepunkten des Literaturjahres für mich.

Übrigens gibt es schon die erste Absage einer Messeparty: Der Verleger Joachim Unseld hat seine traditionelle Party, die er sonst immer donnerstags veranstaltet, bereits abgesagt. Das ist ein deutliches Zeichen.

(So ganz nebenbei: Ich kann mir derzeit nicht einmal eine Leipziger Buchmesse im März 2021 vorstellen. Glaubt jemand ernsthaft, dass es bis dahin a einen Impfstoff gibt und wir b bis dahin alle durchgeimpft sind?)

Melancholischer Krimi aus Nordirland

Die frühen 80er-Jahre in Nordirland: Täglich explodieren Bomben und werden Menschen erschossen, nach wie vor brodelt der Bürgerkriegt zwischen Katholiken und Protestanten. Sean Duffy ist Polizist und versucht eigentlich nur, seine Arbeit zu machen – doch weil er als Katholik für die britische Polizei arbeitet, betrachten ihn viele Iren als Verräter und hassen ihn, während ihm seine mehrheitlich protestantischen Kollegen nicht über den Weg trauen.

Adrian McKinty wurde mit seiner Serie über den Polizisten Sean Duffy erfolgreich. Zu Recht: Ich habe mittlerweile drei Romane der Serie gelesen, will mir alle anderen noch besorgen und schreibe diesmal über den dritten Band. Man braucht für »Die verlorenen Schwestern« übrigens keinerlei Vorkenntnisse, man versteht die Handlung jederzeit, auch ohne den gesamten Serienkosmos zu kennen – aber klar ist es immer gut, wenn man die Figuren schon einzuschätzen weiß.

Die inhaltlichen Zusammenhänge zwischen den Romanen lassen sich problemlos verstehen, ohne dass man zu viele Anspielungen erkennen muss. (Wahrscheinlich ist es eher sinnvoll, einige Grundkenntnisse zur britischen Geschichte der frühen 80er-Jahre zu haben, um die politischen Hintergründe zu verstehen.)

Ausgangspunkt für die Geschichte ist ein Massenausbruch. Zahlreichen irischen Terroristen gelingt es, aus einem Gefängnis zu fliehen. Als klar wird, dass Sean Duffy mit einem der Flüchtigen – einem gefährlichen Bombenleger – als Jugendlicher befreundet war, muss er sich um diesen Fall kümmern.

Bloß blöd, wenn man eigentlich einen Mordfall behandeln möchte, den andere Ermittler längst zu den Akten gepackt haben ... Noch blöder wird das Ganze, wenn beide Fälle in einem Zusammenhang stehen, der mehr als unangenehm ist.

McKinty kriegt es hin, einen sehr ernsten Fall mit familiären Bezügen zu verbinden, dazu ein ganz klassisches Krimirätsel einzubinden (ein Mordopfer in einem Raum, der von innen verschlossen ist ...), das Ganze mit viel Melancholie und Tragik zu verbinden und bei alledem stets Mitgefühl für die Hauptfigur zu erzeugen.

»Die verlorenen Schwestern« zeigt die tragische Seite eines Konflikts, bei dem sich viele Beteiligten untereinander kennen, wo es familiäre und persönliche Bezüge gibt, die Jahrzehnte überdauern. Sean Duffy überzeugt als Polizist sowieso, als Mensch mit Gefühlen und Problemen wird er vom Autor ebenso klar und realistisch geschildert.

Wieder ein packender Roman in einer Serie, die mir seit der ersten Seite des ersten Bandes richtig gut gefällt – da sind halt Sozialkritik und Popkultur drin, ohne dass mit dem erhobenen Zeigefinger gefuchtelt werden müsste.

28 April 2020

Reden in Zeiten der Pandemie

Wer öffentlich darüber redet, dass man Leute, die »vielleicht eh bald sterben« werden, nicht unbedingt retten müsse, redet nicht nur grob fahrlässig, sondern auch jenseits jeglicher Menschlichkeit. Ich finde manche Diskussionen in Zeiten der Corona-Pandemie hierzulande schwer auszuhalten.

Es ist meiner Ansicht nach schlimm genug, dass wir uns derzeit so stark auf Deutschland konzentrieren und maximal noch nach Amerika, Italien, Frankreich oder England schauen. Was in den Flüchtlingslagern in Griechenland oder in den Slums von Afrika passiert oder eben bald passieren dürfte, interessiert uns weniger.

Ich nehme mich da nicht aus: Mein Denken an Corona ist sehr auf mich und mein soziales Umfeld zentriert und damit eben auch auf Mitteleuropa. Dafür kann ich mich selbst durchaus tadeln. Mir ist das tatsächlich unangenehm, aber ich stelle fest, wie sich mein Denken in diesen Punkten verändert.

(Mein Spendenbereitschaft ist in den vergangenen Wochen drastisch zurückgegangen. Nicht aus Bösartigkeit, sondern wohl deshalb, weil das Hirn so blockiert ist.)

Dieses Ausklammern von Problemen in anderen Ländern ist schlimm genug, aber nachvollziehbar. Bewusst davon auszugehen, dass man hier Leute sterben lassen »muss«, ist allerdings – egal, wie vorsichtig die betreffenden Leute das formulieren – nicht diskutabel. Auch Risikopatienten und »alte Leute« haben ein Recht darauf, so alt wie möglich zu werden und das bitteschön mit Würde.

Ich bin kein Virologe, ich habe keine Ahnung vom Coronavirus, ich bin ein nur indirekt Betroffener wie 80 Millionen andere. Aber ich möchte in einem Land leben, in dem man Verantwortung übernimmt – auch für Menschen in hohem Alter und mit Vorerkrankungen.

Man muss für alles einen Preis bezahlen. Das ist so nun einmal im Kapitalismus. Aber der Preis für eine florierende Wirtschaft kann nicht sein, dass man – getarnt hinter schönen Sprüchen – damit anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, ob der Preis für die Wirtschaft nicht einfach einige tausend tote Menschen sein könnten.

Beinharter Krimi mit knalligen Szenen

Frank Kitchen hat als Auftragskiller keine Probleme damit, Menschen zu töten. Doch dann geht bei einem Auftrag etwas schief, er wird niedergeschlagen. Als er wieder zu sich kommt, muss er feststellen, dass er offensichtlich über Monate hinweg operiert und neu gestaltet worden ist. Aus dem Mann wurde eine Frau …

Mit diesem durchaus bizarren Einstieg geht der Comic »Tomboy« los, den ich dieser Tage endlich las. Er basiert auf einem Drehbuch des Regisseurs und Produzenten Walter Hill, das von einem Autor und einem Zeichner in einen sehr spannenden Comic verwandelt wurde. (Auf Basis des Drehbuches wurde der Film »The Assignment« gedreht, den ich nicht kenne.)

Zumindest fand ich den Comic spannend: Ich konnte die rasant erzählte Rache- und Action-Geschichte kaum aus der Hand zu legen. Sie ist schnell erzählt, sie hat genügend knallige Elemente, und sie endet einigermaßen offen.

Dabei hat sie durchaus ihre Schwächen. Schon die Optik weiß mich nicht zu überzeugen. Die Gesichter der einzelnen Figuren sind verzerrt, viele Figuren wirken wie Schattenrisse. Ich vermute, dass der Zeichner – Jef – hier mit Absicht versucht hat, eine künstlerische Distanz in die Optik zu bringen. Ich mag Krimi-Comics vor allem dann, wenn sie möglichst realistisch wirken – das war bei »Tomboy« nicht der Fall.

Aber auch die Handlung überzeugte mich nicht komplett. Ein Auftragskiller, der auf einmal in eine Frau verwandelt worden ist und während der ganzen Zeit der Operationen und Wiederherstellung offenbar bewusstlos war, ist dann auf einmal und ansatzlos in der Lage, körperliche Leistungen zu erbringen? Sein oder ihr Charakter verändert sich nicht?

Das kommt mir zu schlicht und zu einfach vor. Jegliche Auswirkung auf den Charakter, die so ein verändertes Geschlecht mit sich bringen müsste, wird einfach ausgeblendet. Die Sex-Szenen zwischen zwei Frauen finde ich zudem ein wenig bemüht.

Mir ist nicht klar, wie der Film aussieht und erzählt wird; vielleicht sollte ich ihn mir anschauen. Als Comic konnte mich »Tomboy« Fall nicht gerade überzeugen. Ich bin aber überzeugt, dass viele Leser die rasante Thriller-Sex-und-Gewalt-Mixtur cool finden werden.

Erschienen ist der Comic-Thriller bereits 2016. Es ist ein beeindruckendes, 128 Seiten dickes Buch, das der Splitter-Verlag in gewohnt starker Optik veröffentlicht hat. (Auf der Internet-Seite des Verlages steht eine Leseprobe zur Verfügung.)

27 April 2020

Die Kumbia Queers auf dem Cover-Trip

Seit ich die Kumbia Queers im Sommer 2019 in Karlsruhe gesehen habe, höre ich die CDs der argentinischen Band immer wieder gern an. Der spezielle Cumbia-Sound der rotzig auftretenden Frauen gefällt mir nicht immer, es ist von meiner jeweiligen Stimmung abhängig. Besonders schön ist die Platte »La Gran Estafa de Tropipunk«.

Die kam Ende 2010 heraus und enthält zwölf Stücke. Man erkennt es kaum, aber es sind einige Coverversionen enthalten. Bei den meisten Stücken erkenne ich Grundzüge der Melodie, ich komme aber nicht darauf, welches Original – etwa von Pink Floyd – verwendet worden ist. Das spricht für die Kunst der Veränderung.

Aber gut, letztlich ist es eh der spezielle Sound der Band, der die Stücke aufwertet. Der Cumbia-Sound ist immer ein wenig verschleppt, er wird mit allerlei Effekten aufgepeppt, wirkt auf mich aber immer hippelig und ein wenig aus der Spur. Die Stücke klingen nie so richtig »sauber«, die Gitarre schrabbt manchmal, dann wieder quiekt eine Orgel oder wird ein Akkordeon eingesetzt.

Das ist alles ziemlich rhythmus-orientiert, mal schneller, mal eher in dem durchschnittlichen Tempo, das die Band auch bei ihren Konzerten anschlägt. Ich sitze nach einiger Zeit unweigerlich da und wackle mit dem Kopf. Auch wenn das nicht die typische Musik ist, die ich tagtäglich höre, mag ich die CD sehr.

Ein Autor, dem ich mit Respekt begegnete

(Zur Dokumentation nachgereicht ... der Text wurde in dem Buch veröffentlicht, dass zum Jubiläjum erschienen ist.)

Thomas R. P. Mielke zählte zu jenen Science-Fiction-Autoren, auf deren Romane ich anfangs der 80er-Jahre aufmerksam wurde. Ich hatte – wie zu jener Zeit üblich – meinen Einstieg in die Science Fiction mit der PERRY RHODAN-Serie begonnen, hatte nach einiger Zeit auch andere Heftromane gelesen und fand streckenweise »Die Terranauten« spannender und ansprechender.

In den einschlägigen Fan-Zeitschriften stand, dass ein gewisser Thomas R. P. Mielke zusammen mit einem anderen Autor die Konzeption für diese Serie entwickelt hatte. Und weil »Die Terranauten« mit einem ganz anderen Konzept erzählt wurden als beispielsweise die PERRY RHODAN-Serie – die Serie galt zeitweise sogar als sogenannte Öko-SF –, wollte ich wissen, was dieser Autor darüber hinaus veröffentlicht hatte.

Erfreulicherweise wurden zu dieser Zeit einige Science-Fiction-Taschenbücher von ihm bei Heyne veröffentlicht. Wenn ich bedenke, dass ich diese Romane teilweise noch sehr gut im Gedächtnis habe, obwohl ich sie seitdem nicht mehr gelesen habe, belegt das in gewisser Weise, wie eindrucksvoll sie für mich waren.

»Grand Orientale 3301« spielt in einer vergleichsweisen nahen Zukunft, nachdem ein Atomkraftwerk außer Kontrolle geraten ist. Es geht um Stromleitungen, die die halbe Welt umspannen; letztlich behandelt also dieser Roman, der im Jahr 1980 veröffentlicht wurde, das Thema der Energiekrise.

Auch »Der Pflanzen Heiland« empfand ich als beeindruckend, so sehr, dass ich darüber einen Aufsatz in der Schule verfasste – dieser ist leider verschollen. Auch dieser Roman spielt in der Zeit nach einer Umweltkatastrophe; ich erinnere mich an Szenen in Sibirien, das der Autor sehr plastisch schilderte.

Am stärksten fand ich stets »Das Sakriversum«; der Untertitel »Roman einer Kathedrale« trifft absolut zu. Unter dem Dach einer Kathedrale hat sich eine Zivilisation ausgebildet, die der Autor phantastisch und abwechslungsreich schilderte.

Es brauchte nach der Lektüre dieser Romane einige Zeit, bis ich den Autor persönlich kennenlernte. Grund dafür war das »Karl der Große, der Roman seines Lebens«, ein dicker historischer Roman, der anfangs der 90er-Jahre bei Schneekluth veröffentlicht wurde. Er trug dazu bei, mein Bild von Karl dem Großen zu erweitern; der Roman war »breit« erzählt, mit einer Schreibe, die man damals als »süffig« bezeichnete. Ich war ziemlich beeindruckt.

Weil ich darüber in meinem Fanzine SAGITTARIUS etwas schreiben wollte, fragte ich bei dem Autor an, ob ich ein Interview machen könnte. Ich konnte, der Autor antwortete rasch.

Wir verabredeten uns zu einem Termin, als ich wieder einmal in Berlin war. Wir trafen uns in einer Kneipe unweit des Kurfürstendamms, in der Mielke, wie er mir erzählte, als Stammgast immer an aktuellen Romanen schreibe. Er zeigte mir den Platz an der Theke, wo er stand und schrieb; die Agentur, in der er tätig war, lag ganz um die Ecke. Ich hatte großen Respekt vor dem Autor und Werbefachmann, der viele Dinge zu erzählen wusste und auf mich sehr selbstbewusst und zugleich korrekt wirkte, ein Mensch mit klaren Überzeugungen und Standpunkten.

Wir führten ein schönes Interview, in dem es um die Science Fiction und den historischen Roman ging, um Karl den Großen und eine gewisse Heftromanserie, und wir schieden in bestem Einvernehmen. Mein Artikel wurde veröffentlicht, und seither kannten wir uns.

Wir trafen uns immer wieder: in Wolfenbüttel an der Bundesakademie oder auf der Buchmesse. Seltsamerweise kam ich nicht dazu, weitere Romane von Thomas R. P. Mielke zu lesen; zwei oder drei davon liegen in einem der vielen Stapel ungelesener Bücher in meiner Wohnung und warten darauf.

Ich habe nach wie vor großen Respekt vor dem Autor und seinem Lebenswerk, von der Art und Weise, wie er sich jahrzehntelang im Literaturbetrieb positioniert hat, eigenwillig und eigensinnig, auf einem erheblichen literarischen Niveau. Zu seinem Jubiläum am 12. März 2020, das ich kaum glauben kann – so alt wirkt er ja nicht! –, gratuliere ich mit ebensolchem Respekt. Ich wünsche weiterhin erfolgreiche Schaffenskraft!

25 April 2020

Die Träne des Teufels

Hexen, Monster, Diamanten: Ich hörte wieder ein Hörspiel aus der »John Sinclair«-Serie an, die bei Lübbe-Audio veröffentlicht wird. Es handelte sich um die Folge 110, die den schönen Titel »Die Träne des Teufels« hat. Und sie ist richtig komplex – wer die vorherigen Folgen nicht kennt, dürfte mit dem Ding seine Schwierigkeiten haben.

Man kann sich natürlich auf die üblichen Effekte verlassen, die unweigerlich eintreffen. Auf der einen Handlungsebene geht es um den Journalisten Bill Connolly, dessen Frau entführt wurde und der feststellen muss, dass auch sein Sohn verschwunden ist. Auf der anderen Handlungsebene wird von einem Diamantenhändler erzählt, der einen magischen Stein in seinem Besitz hat.

John Sinclair und sein Partner Suko kümmern sich um den Händler und dessen Feinde, telefonieren dabei ab und zu mit ihrem Freund und allerlei Polizisten. Es wird geschossen und gekämpft, glühende Bälle fliegen durch die Luft, und magische Dolche spielen eine Rolle. Am Ende gibt's einen Cliffhanger.

Ganz klar: Für alle Fans der Serie ist die Handlung glasklar. Für mich, der ich immer wieder bei »John Sinclair« reinhöre, ist alles auf jeden Fall gut verständlich. Dank der tollen Geräusche und der starken Sprecher folge ich der Handlung bei aller Skurrilität mit großem Genuss. Das ist alles hervorragend aufgenommen und macht mir echt Spaß.

Wer sich nicht auskennt, wird allerdings nur Teile verstehen ...

24 April 2020

Die üblichen Verdächtigen

Weil die Dinge, die ich sonst gern abends betreibe, wegen der aktuellen Pandemie gezwungenermaßen ausfallen, ich also nicht in Kneipen herumhängen oder auf Punk-Konzerten herumhüpfen kann, verbringe ich erschütternd viel Zeit auf dem Sofa und gucke Filme an. Diese beziehe ich von einem Streamingportal, mit dem ich bislang sehr zufrieden bin, auch wenn ich die Konzernpolitik des Betreibers ansonsten geringschätze – eine der vielen Unklarheiten in meinem Leben.

Aber das passt zu dem Streifen, den ich zuletzt nach vielen Jahren wieder einmal ansah. Gemeint ist »Die üblichen Verdächtigen«, der 1995 mit dem Originaltitel »The Usual Suspects« in die Kinos gekommen war. Der Regisseur Bryan Singer verblüffte mich damals, Kevin Spacey und die anderen Schauspieler fand ich überzeugend, und so war ich gespannt darauf, ob der Film noch funktioniert.

Tatsächlich ist die Geschichte immer noch super. Obwohl ich wusste, wie der Film ausgeht und ich die ganze Zeit nach Hinweisen auf die Pointe suchte, fand ich das Geschehen sehr spannend. Die Schauspieler wirkten auf mich glaubhaft, die verschachtelte Handlung kam mir völlig schlüssig vor. Wie der Hauptdarsteller sich in einen Körperbehinderten verwandelt, das fand ich stark – auch nach 25 Jahren. Der Film ist immer noch klasse!

Kritisch ist natürlich mittlerweile die Rolle des Hauptdarstellers. Bei dem von mir genannten Streamingportal werden die Herren Gabriel Byrne, Stephen Baldwin und Chazz Palminteri genannt, nicht aber Kevin Spacey selbst. Der Grund liegt auf der Hand: Wegen diverser Verfehlungen – Stichwort sexuelle Belästigung – hatte sich Spacey ins Aus geschossen, wenngleich er sich gegen die Vorwürfe wehrte.