In der Mitte der 90er-Jahre waren Man Or Astro-Man eine »Band der Stunde«, wie man so schön sagte. Die amerikanische Surf-Band wurde in Fanzines abgefeiert, und bei ihren Konzerten herrschte eine brodelnde Stimmung. Dieser Tage hörte ich wieder einmal die Platte »Your Weight On The Moon« an, die 1994 in Form einer Ten-Inch erschienen war, ein früher Tonträger der Band.
Für Science-Fiction-Fans ist das eigentlich optimal. Nach wie vor finde ich die Vermengung aus coolem Surf-Sound und Science-Fiction-Texten im Beiblatt – seltener in den Texten ... – sehr originell und auch witzig. Aber was soll man auch von einer Band erwarten, die unter anderem ein Theremin einsetzt und vor allem schräge Titel für ihre Stücke wählt?
»Space Patrol« ist ein typisches Surf-Stück, »Destination Venus« ist die Surfrock-Version eines alten Punkrock-Stückes, die aber sehr gut funktioniert. Bei »Teaser Guns Mean Big Fun« kann man den schrägen Charakter mancher Stücke gut heraushören.
Insgesamt ist »Your Weight On The Moon« ein typisch frühes Werk der Band, die mich damals sehr faszinierte. Der Sound ist schmissig, er geht gut ins Ohr, auch wenn er selten Hitqualitäten erreicht. Bei den alten Platten von Man Or Astro-Man wird mir auf jeden Fall nicht langweilig!
Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
06 Mai 2019
05 Mai 2019
Zwischen Natur und Selfies
Als Kind besuchte ich mit meinen Eltern zweimal die Wasserfälle in Allerheiligen. Ich fand sie steil, aber ich war stolz darauf, sie gesehen und die zahlreichen Stufen talabwärts bewältigt zu haben. Das war irgendwann in den frühen 70er-Jahren, und seither hat sich viel geändert, auch mein Verhältnis zu Dingen wie der »Heimat«.
Zuletzt war ich 1992 in dieser Ecke des Schwarzwaldes – damals zeigte ich dem britischen Science-Fiction-Schriftsteller John Brunner einige schöne Seiten meiner Heimatregion. Im selben Jahr zog ich ins Flachland, seitdem wohne ich nicht mehr »aufm Berg«, sondern »im Badischen«. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, in einem Dorf im Schwarzwald zu wohnen, aber ich fühle mich dieser Region immer noch sehr verbunden.
Und nach all diesen Jahren war ich dieser Tage endlich wieder einmal in Allerheiligen. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Man denke sich eine uralte Klosteranlage, die im zwölften Jahrhundert in einem schmalen Tal des Nordschwarzwaldes errichtet worden ist. Die Region sieht aus, als sei sie die Kulisse für einen Fantasy-Film: hohe Berge, große Bäume, schmale Straßen, überall Waldwege, teilweise recht anspruchsvoll von den Steigungen her.
Heute stehen von diesem alten Kloster nur noch Ruinen, daneben erhebt sich ein Gasthaus, in dem man schöne Desserts und Kuchen genießen kann und wohl auch ein vernünftiges Abendessen bekommt. Und unterhalb der Ruinen beginnen die Wasserfälle, zu denen ein schön ausgebauter Weg führt. Der ist anfangs breit, und es geht nur sanft abwärts; dann beginnt der Wasserfall, und man kann über Treppen hinweg nach unten klettern.
Für Touristen ist das alles sehr gut erschlossen. Man benötigt für den Wasserfall und die Anlage keine Wanderschuhe, ich trug nur Converse-Treter. Aber man sollte keine Höhenangst haben – obwohl es überall Geländer gibt, blickt man an manchen Stellen doch in die Tiefe. Und das kann beängstigend sein, es gibt dann Leute, die müssen umdrehen.
Überall schießt das Wasser in die Tiefe, überall wachsen Büsche und Gräser, überwuchern Moose die Felsen, liegen abgebrochene Baumstämme im Wasser. Ignoriert man die Treppen, könnte man meinen, man sei in der Wildnis.
Wäre nur nicht das Flackern von Blitzlichtern. Sehr viele Menschen sind unterwegs, vor allem an einem Wochenende, und sie schießen von sich und ihren Begleitungen sehr gern »Selfies«. Man stellt sich also einzeln oder gruppenweise vor ein besonders eindrucksvolles Naturschauspiel und fotografiert sich. Ob die Leute dann noch die Natur selbst wahrnehmen, wird mir dabei nicht klar.
Um es klar zu sagen: Die Wasserfälle von Allerheiligen und die alte Klosteranlage lohnen einen Besuch. Ich bin froh, mal wieder zu diesem Teil meiner Vergangenheit gereist zu sein. Man muss halt in der Lage sein, die vielen Leute mit ihren Mobiltelefonen zu ignorieren.
Zuletzt war ich 1992 in dieser Ecke des Schwarzwaldes – damals zeigte ich dem britischen Science-Fiction-Schriftsteller John Brunner einige schöne Seiten meiner Heimatregion. Im selben Jahr zog ich ins Flachland, seitdem wohne ich nicht mehr »aufm Berg«, sondern »im Badischen«. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, in einem Dorf im Schwarzwald zu wohnen, aber ich fühle mich dieser Region immer noch sehr verbunden.
Und nach all diesen Jahren war ich dieser Tage endlich wieder einmal in Allerheiligen. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Man denke sich eine uralte Klosteranlage, die im zwölften Jahrhundert in einem schmalen Tal des Nordschwarzwaldes errichtet worden ist. Die Region sieht aus, als sei sie die Kulisse für einen Fantasy-Film: hohe Berge, große Bäume, schmale Straßen, überall Waldwege, teilweise recht anspruchsvoll von den Steigungen her.
Heute stehen von diesem alten Kloster nur noch Ruinen, daneben erhebt sich ein Gasthaus, in dem man schöne Desserts und Kuchen genießen kann und wohl auch ein vernünftiges Abendessen bekommt. Und unterhalb der Ruinen beginnen die Wasserfälle, zu denen ein schön ausgebauter Weg führt. Der ist anfangs breit, und es geht nur sanft abwärts; dann beginnt der Wasserfall, und man kann über Treppen hinweg nach unten klettern.
Für Touristen ist das alles sehr gut erschlossen. Man benötigt für den Wasserfall und die Anlage keine Wanderschuhe, ich trug nur Converse-Treter. Aber man sollte keine Höhenangst haben – obwohl es überall Geländer gibt, blickt man an manchen Stellen doch in die Tiefe. Und das kann beängstigend sein, es gibt dann Leute, die müssen umdrehen.
Überall schießt das Wasser in die Tiefe, überall wachsen Büsche und Gräser, überwuchern Moose die Felsen, liegen abgebrochene Baumstämme im Wasser. Ignoriert man die Treppen, könnte man meinen, man sei in der Wildnis.
Wäre nur nicht das Flackern von Blitzlichtern. Sehr viele Menschen sind unterwegs, vor allem an einem Wochenende, und sie schießen von sich und ihren Begleitungen sehr gern »Selfies«. Man stellt sich also einzeln oder gruppenweise vor ein besonders eindrucksvolles Naturschauspiel und fotografiert sich. Ob die Leute dann noch die Natur selbst wahrnehmen, wird mir dabei nicht klar.
Um es klar zu sagen: Die Wasserfälle von Allerheiligen und die alte Klosteranlage lohnen einen Besuch. Ich bin froh, mal wieder zu diesem Teil meiner Vergangenheit gereist zu sein. Man muss halt in der Lage sein, die vielen Leute mit ihren Mobiltelefonen zu ignorieren.
04 Mai 2019
Wissende Perspektiven von 1984
Schaue ich mir Texte aus den frühen 80er-Jahren an, stelle ich oft fest, wie sehr mich manche Band wohl indirekt beeinflusste. Es ging erstaunlich häufig um den Tod oder die fehlende Perspektiven für das Leben – was mich heute deshalb überrascht, weil ich mich sonst als lebenslustig empfand und die Texte ja nicht zur Show und zur Veröffentlichung geschrieben wurde, also nicht zum »Angeben«, sondern für mich selbst.
Ein schönes Beispiel ist »Wissende Perspektiven«, das ich am 15. August 1984 notierte. Ich war mit der Schule fertig, die Bundeswehr stand vor der Tür; ich trampte durch Deutschland und das nahe Europa, ich traf überall Leute, war aber immer mal wieder unglücklich verliebt. Nichts untypisches für einen jungen Mann mit zwanzig Jahren ...
Vielleicht passt deshalb auch ein Text, der von der Machart ja eher schlicht ist – keine anspruchsvolle Lyrik, wirklich nicht – und mit den Zeilen »Zu wissen, wann man / denn endlich stirbt« beginnt? 1984 war nicht nur für mich eine seltsame Zeit, wenn ich so zurückblicke, und an solchen Texten kann man das heute noch festmachen.
Zur Dokumentation: Hier ist der gesamte Text. Seit 1984 habe ich nur zwei Schreibfehler verändert …
Wissende Perspektiven
Zu wissen, wann man
denn endlich stirbt,
zu erkennen, wann
denn endlich alles aus ist,
ist ein Wunsch für jeden,
dessen Perspektive sich bisher
im täglichen Morgen erschöpft.
Für den, der noch denkt,
was übermorgen sein könnte,
erschöpft sich die Perspektive
ein Stück weiter.
Er nämlich denkt an das,
was in den zwei Sekunden nach
seinem letztlichen Todesdatum
alles noch passieren kann.
Ein schönes Beispiel ist »Wissende Perspektiven«, das ich am 15. August 1984 notierte. Ich war mit der Schule fertig, die Bundeswehr stand vor der Tür; ich trampte durch Deutschland und das nahe Europa, ich traf überall Leute, war aber immer mal wieder unglücklich verliebt. Nichts untypisches für einen jungen Mann mit zwanzig Jahren ...
Vielleicht passt deshalb auch ein Text, der von der Machart ja eher schlicht ist – keine anspruchsvolle Lyrik, wirklich nicht – und mit den Zeilen »Zu wissen, wann man / denn endlich stirbt« beginnt? 1984 war nicht nur für mich eine seltsame Zeit, wenn ich so zurückblicke, und an solchen Texten kann man das heute noch festmachen.
Zur Dokumentation: Hier ist der gesamte Text. Seit 1984 habe ich nur zwei Schreibfehler verändert …
Wissende Perspektiven
Zu wissen, wann man
denn endlich stirbt,
zu erkennen, wann
denn endlich alles aus ist,
ist ein Wunsch für jeden,
dessen Perspektive sich bisher
im täglichen Morgen erschöpft.
Für den, der noch denkt,
was übermorgen sein könnte,
erschöpft sich die Perspektive
ein Stück weiter.
Er nämlich denkt an das,
was in den zwei Sekunden nach
seinem letztlichen Todesdatum
alles noch passieren kann.
03 Mai 2019
Wieder TV Smith im P8
Es war ein ungemütlicher Abend, kühler Regen fiel vom Himmel. Ich steuerte mein Rad in die Nordstadt von Karlsruhe, wurde dabei leicht nass und war sehr froh, als ich das P8 erreichte. Es war nicht gerade voll, aber einige Dutzend Leute hatten sich an diesem Abend eingefunden – trotz diverser »Konkurrenz« an anderen Veranstaltungsorten der Stadt.
Die erste Band hatte ich bereits verpasst. Auf der Bühne standen und saßen From 7 To 7 aus Frankfurt, wenn ich mich recht entsinne. Die Band nennt ihre Musik selbst »Acoustic Kitchen Sound«.
Im Prinzip nehmen Leute aus der Punk-Szene allerlei Klassiker der amerikanischen Folk- und Country-Szene, die sie mit Banjo und Mandoline, Akustik-Gitarre und Mundharmonika neu arrangieren; dazu kommen eigene Stücke. Der Sound, der dabei entstand, kam bei mir sehr munter und positiv an, das Publikum blieb in seinen Reaktionen noch eher verhalten.
(Ich musste mich erst mit einigen Bieren warmtrinken. Immer eine gute Ausrede bei schlechtem Wetter …)
Als TV Smith auf die Bühne kletterte, blieb die Stimmung anfangs noch recht ruhig, steigerte sich aber schnell. Er spielte viele alte Stücke, auch aus den Adverts-Zeiten, aber auch von den aktuellen Platten. Es wurde fleißig applaudiert, einige Leute tanzten, und die Stimmung wurde von Stück zu Stück besser. TV Smith, der seine Ansagen in britisch eingefärbtem Deutsch machte, freute sich sichtlich und grinste über das ganze Gesicht. Am Ende spielte er noch eine Zugabe.
Ich bin echt ein Fan des Sängers. Nicht wegen der alten Zeiten, die sind ja gut vierzig Jahre her, sondern wegen seiner kämpferischen Einstellung, die er sich bewahrt hat und die er auf der Bühne zum Ausdruck bringt. Das ist mehr als respektabel.
Nach dem Konzert kaufte ich mir noch die aktuelle Langspielplatte des Sängers und einen aktuellen Gedichtsband, den es jetzt von ihm gibt. Ob das bei meinem miesen Englisch eine gute Idee war, wird sich noch herausstellen. Und als ich mit dem Rad heimfuhr, regnete es nicht mehr – ein gelungener Abend also!
Die erste Band hatte ich bereits verpasst. Auf der Bühne standen und saßen From 7 To 7 aus Frankfurt, wenn ich mich recht entsinne. Die Band nennt ihre Musik selbst »Acoustic Kitchen Sound«.
Im Prinzip nehmen Leute aus der Punk-Szene allerlei Klassiker der amerikanischen Folk- und Country-Szene, die sie mit Banjo und Mandoline, Akustik-Gitarre und Mundharmonika neu arrangieren; dazu kommen eigene Stücke. Der Sound, der dabei entstand, kam bei mir sehr munter und positiv an, das Publikum blieb in seinen Reaktionen noch eher verhalten. (Ich musste mich erst mit einigen Bieren warmtrinken. Immer eine gute Ausrede bei schlechtem Wetter …)
Als TV Smith auf die Bühne kletterte, blieb die Stimmung anfangs noch recht ruhig, steigerte sich aber schnell. Er spielte viele alte Stücke, auch aus den Adverts-Zeiten, aber auch von den aktuellen Platten. Es wurde fleißig applaudiert, einige Leute tanzten, und die Stimmung wurde von Stück zu Stück besser. TV Smith, der seine Ansagen in britisch eingefärbtem Deutsch machte, freute sich sichtlich und grinste über das ganze Gesicht. Am Ende spielte er noch eine Zugabe.
Ich bin echt ein Fan des Sängers. Nicht wegen der alten Zeiten, die sind ja gut vierzig Jahre her, sondern wegen seiner kämpferischen Einstellung, die er sich bewahrt hat und die er auf der Bühne zum Ausdruck bringt. Das ist mehr als respektabel.
Nach dem Konzert kaufte ich mir noch die aktuelle Langspielplatte des Sängers und einen aktuellen Gedichtsband, den es jetzt von ihm gibt. Ob das bei meinem miesen Englisch eine gute Idee war, wird sich noch herausstellen. Und als ich mit dem Rad heimfuhr, regnete es nicht mehr – ein gelungener Abend also!
02 Mai 2019
Zwischen Orscha und Minsk
Der Wald dampfte an diesem Januartag. Trotz der kalten Jahreszeit waren die Temperaturen auf über zehn Grad geklettert, der Schnee war größtenteils geschmolzen. In der Sonne schien der Wald zu schwitzen.
Mein Vater nickte mir zu. »Pause«, sagte er und setzte die Motorsäge ab. Er zog die Handschuhe aus, legte sie daneben und dehnte sich.
»Pause«, bestätigte ich und stellte meine Axt zur Säge.
Wir arbeiteten im »Holzschlag«, einem Stück Wald, durch das bereits die Holzarbeiter gezogen waren. Sie hatten die Stämme der frisch gefällten Bäume mitgenommen, wir konnten nacharbeiten und genügend Holz für die eigene Heizung schlagen.
Wir gingen zu unserem Lager, setzten uns. Mein Vater öffnete eine Bierflasche für sich und eine für mich. Wir tranken. Um uns hörte ich den Wald, er atmete richtig. Holz knackte, Zweige raschelten im sanften Wind, irgendwo zwitscherten Vögel.
Unvermittelt fing mein Vater an. »Das war auch so ein Wald«, sagte er und starrte ins Leere. »Irgendwo zwischen Orscha und der Beresina.«
Ich starrte ihn an, sagte kein Wort. Offenbar drängte es aus ihm heraus.
»Wir waren auf dem Rückzug, aus einem Kessel raus, dann wieder eingekreist. Ich saß auf einer Lafette, da explodierte eine Mine unter uns.« Er schüttelte sich. »So ein verdammtes Partisanending, gefüllt mit allem Dreck, Nägel und Eisensplitter.«
Er wurde schwer verwundet und verlor das Bewusstsein. »Ein Fahrer hat uns mit dem Sanka quer durch das Partisanengebiet transportiert«, sagte er. Leichtverletzte Männer hätten sich außen an das Fahrzeug geklammert.
Sie erreichten Minsk, wo die Verwundeten auf offene Waggons verladen wurden. »Der Zug fuhr aus dem Bahnhof raus, da kamen die russischen Panzer schon von der anderen Seite rein. Das war knapp.«
Er hielt inne und nahm einen Schluck Bier. Ob er die Fahrt bei Bewusstsein erlebt hatte oder nicht? Ich fragte nicht.
»Wir fuhren durch Weißrussland«, erzählte er weiter. »Immer nach Westen. Überall waren Partisanen. Wer unterwegs starb, dessen Leiche hat man aus dem Waggon geworfen.«
So kam er nach Deutschland zurück, wo man ihn im Lazarett zusammenflickte, um ihn nach einigen Monaten wieder an die Ostfront zu schicken. Diesmal kam er in die Slowakei. Davon wusste ich etwas.
»Hast du den Mann eigentlich wiedergesehen?«, fragte ich ihn, nachdem er gut zwei Minuten lang geschwiegen hatte.
»Nach dem Krieg, beim Divisionstreffen in Tübingen.«
»Und wie war das so?«
Er stand auf. »Lass uns weiter arbeiten.« Er nahm seine Bierflasche und leerte sie in einem Zug. Dann ging er zu seiner Motorsäge. »Wir wollen ja nicht im Wald übernachten.«
Ich nickte nur.
Mein Vater nickte mir zu. »Pause«, sagte er und setzte die Motorsäge ab. Er zog die Handschuhe aus, legte sie daneben und dehnte sich.
»Pause«, bestätigte ich und stellte meine Axt zur Säge.
Wir arbeiteten im »Holzschlag«, einem Stück Wald, durch das bereits die Holzarbeiter gezogen waren. Sie hatten die Stämme der frisch gefällten Bäume mitgenommen, wir konnten nacharbeiten und genügend Holz für die eigene Heizung schlagen.
Wir gingen zu unserem Lager, setzten uns. Mein Vater öffnete eine Bierflasche für sich und eine für mich. Wir tranken. Um uns hörte ich den Wald, er atmete richtig. Holz knackte, Zweige raschelten im sanften Wind, irgendwo zwitscherten Vögel.
Unvermittelt fing mein Vater an. »Das war auch so ein Wald«, sagte er und starrte ins Leere. »Irgendwo zwischen Orscha und der Beresina.«
Ich starrte ihn an, sagte kein Wort. Offenbar drängte es aus ihm heraus.
»Wir waren auf dem Rückzug, aus einem Kessel raus, dann wieder eingekreist. Ich saß auf einer Lafette, da explodierte eine Mine unter uns.« Er schüttelte sich. »So ein verdammtes Partisanending, gefüllt mit allem Dreck, Nägel und Eisensplitter.«
Er wurde schwer verwundet und verlor das Bewusstsein. »Ein Fahrer hat uns mit dem Sanka quer durch das Partisanengebiet transportiert«, sagte er. Leichtverletzte Männer hätten sich außen an das Fahrzeug geklammert.
Sie erreichten Minsk, wo die Verwundeten auf offene Waggons verladen wurden. »Der Zug fuhr aus dem Bahnhof raus, da kamen die russischen Panzer schon von der anderen Seite rein. Das war knapp.«
Er hielt inne und nahm einen Schluck Bier. Ob er die Fahrt bei Bewusstsein erlebt hatte oder nicht? Ich fragte nicht.
»Wir fuhren durch Weißrussland«, erzählte er weiter. »Immer nach Westen. Überall waren Partisanen. Wer unterwegs starb, dessen Leiche hat man aus dem Waggon geworfen.«
So kam er nach Deutschland zurück, wo man ihn im Lazarett zusammenflickte, um ihn nach einigen Monaten wieder an die Ostfront zu schicken. Diesmal kam er in die Slowakei. Davon wusste ich etwas.
»Hast du den Mann eigentlich wiedergesehen?«, fragte ich ihn, nachdem er gut zwei Minuten lang geschwiegen hatte.
»Nach dem Krieg, beim Divisionstreffen in Tübingen.«
»Und wie war das so?«
Er stand auf. »Lass uns weiter arbeiten.« Er nahm seine Bierflasche und leerte sie in einem Zug. Dann ging er zu seiner Motorsäge. »Wir wollen ja nicht im Wald übernachten.«
Ich nickte nur.
30 April 2019
Ein Habitat für Eidechsen
Beim Radfahren stoße ich immer wieder auf Dinge, die mich überraschen. In diesem Fall ist es ein speziell errichtes »Eidechsenhabitat« in Karlsruhe, konkret im Stadtteil und dort im Ortsbereich Kirchfeld-Nord. Das gibt es seit einigen Jahren, mir fiel es aber nie auf.
Als ich vor 25 Jahren nach Karlsruhe zog, war in dieser Gegend alles entweder eine Wiese oder ein altes Militärgelände. Mittlerweile stehen dort viele Häuser, daneben entsteht seit vier, fünf Jahren ein neues Gewerbegebiet. Genau zwischen dem Wohn- und dem Gewerbegebiet hat man das Habitat errichtet. (Die Tiere hat man zuvor eingefangen, damit sie bei Bau des Gewerbegebietes nicht umkommen, danach im neuen Habitat ausgesiedelt.)
Errichtet wurden Steinriegel, ein großes, teilweise sehr sandiges Gelände, haufenweise Holzhaufen und dergleichen. Das Gelände sieht tatsächlich schön aus, Menschen kommen nicht so oft vorbei, und man kann nur hoffen, dass nicht ausgerechnet dieses Habitat zur Auslauffläche für Hunde wird ...
Die Federwelt erzählt vom Storytelling
Leider schaffe ich es nicht immer, die Zeitschrift »Federwelt« vollständig zu lesen, so richtig von vorne bis hinten. Dabei würde es sich bei der »Zeitschrift für Autorinnen und Autoren«, so die Selbstbeschreibung, stets lohnen. Immerhin kam ich dazu, die Ausgabe 135 der im Uschtrin-Verlag erscheinenden Zeitschrift komplett durchzuschmökern. Lesenswert finde ich beispielsweise den Bericht über die Autorin Lisa Keil. Ich bin sicher nicht die Zielgruppe für ihr Buch – irgendwas mit Pferden – und will es auch nicht lesen, finde aber interessant, wie die Zusammenarbeit mit dem Verlag, dem Lektorat und dem Marketing verlaufen ist. Das gibt einen guten Einblick in das Machen und Tun eines »seriösen« Buchverlages.
Für Science-Fiction-Fans ist eher das Interview mit Markus Rohde lesenswert. Er berichtet über »Star Trek«-Romane und dergleichen, gibt auch offen zu, dass beispielsweise eine bestimmte Trilogie ein »regelrechter Flop« gewesen sei.
Gut finde ich in der »Federwelt« immer, wenn gezeigt wird, die eine Arbeit am Text funktionieren kann. Wie kann man realistische Charaktere schreiben, wie lässt es sich – für einen Krimi natürlich nur – gut und wirklichkeitsnah jemand mit Gift umbringen, und was muss man bei einem Thriller beachten? Nicht mit allem bin ich da immer einverstanden, aber interessant ist das allemal.
Das Magazin bekommt in seiner aktuellen Ausgabe wieder einmal gut seinen Spagat hin: Es ist sowohl für Anfänger gut geeignet als auch für Leute, die schon länger schreiben und veröffentlichen. Ich empfehle allen, die selbst schreiben oder die gern mehr über die Arbeit von Autorinnen und Autoren wissen wollen, ein Abonnement. Weitere Informationen dazu gibt's dann auf der »Federwelt«-Seite im Internet.
29 April 2019
Der moderne Parallelwelt-Klassiker akustisch
Viele Science-Fiction- und Krimi-Leser kennen den Roman »Vaterland«. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hatte ich den Bestseller des britischen Schriftstellers Robert Harris nie gelesen – aber ich hörte mir jetzt endlich das Hörbuch an und war von diesem begeistert. Das lag selbstverständlich an der herausragenden Geschichte, ebenso aber an der Präsentation durch den Schauspieler und Sprecher Karlheinz Tafel (er ist leider schon verstorben).
»Vaterland« war tatsächlich der erste Roman, den der Autor veröffentlichte. Es ist eine klassische Alternativweltgeschichte, die zusätzlich Elemente eine spannenden Krimis aufweist. Das Thema liegt für Briten wohl auf der Hand: Gezeigt wird ein Europa, in dem die Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben (wie genau das geschehen ist, wird aber so gut wie nicht erzählt).
Die Handlung setzt im Jahr 1964 ein. Hauptfigur ist Xaver März, ein Sturmbannführer, der für die Kriminalpolizei tätig ist. Er wird als typischer Mitläufer eingeführt, der die Darstellungen des Regimes stets glaubt. Er weiß, dass an der Ostgrenze des Deutschen Reiches – also auf der Höhe des Ural-Gebirges – immer noch ein Kleinkrieg mit russischen Truppen tobt. Zwar hat er durchaus seine eigene Meinung, aber er fragt nicht nach.
Als er damit beauftragt wird, den Mord an einem Staatssekretär aufzuklären, wird er schnell in eine riesige Intrige verwickelt. In deren Verlauf trifft er auf eine junge Amerikanerin, er lernt Regimegegner kennen und erfährt, dass vieles von dem, was er bisher glaubte, einfach nicht stimmt.
Robert Harris stellt die Großmacht Deutschland im Jahr 1964 als ein starres Regime dar. An den Grenzen herrscht einerseits Krieg, während man andererseits mit den USA – unter Kennedy – in Verhandlungen steht. Widerstand im Innern wird nicht geduldet, die Gestapo hat eine eiserne Herrschaft errichtet. Riesige Prunkbauten zeigen die Pracht des Dritten Reiches.
Was mit den Juden geschehen ist, interessiert den normalen Deutschen nicht. Sie sind verschwunden, und niemand stellt Fragen. Allerdings kommt Xaver März dem monströsen Geheimnis der Wannsee-Konferenz auf die Spur ...
Es gibt eine Reihe von Kritiken, die Robert Harris vorwerfen, er habe schlampig recherchiert oder stelle das Nazi-Regime falsch dar. Das merkte ich kaum, als ich das Hörbuch anhörte – weil es derart spannend ist, dass ich kaum aufhören wollte.
Die Opfer der Mordserie, auf deren Spur Xaver März kommt, sind allesamt historisch verbürgt. Viele Details in diesem Roman basieren ebenfalls auf Plänen der Nazis oder historischen Tatsachen, die der Autor extrapoliert hat. Allein damit ist »Vaterland« ein Alternativweltenroman par excellence.
Das Hörbuch ist bei Random House Audio erschienen; ich fand es spannend und mitreißend. Bei diesem Stück könnte ich mir sogar vorstellen, dass ich es in einigen Jahren noch einmal anhören werde. Das liegt unter anderem an der ruhigen Erzählstimme: Karlheinz Tafel erzählt auch die härtesten Elemente seiner Geschichte in einem ruhigen Ton, der sie dadurch noch viel schlimmer erscheinen lässt.
Großartig!
»Vaterland« war tatsächlich der erste Roman, den der Autor veröffentlichte. Es ist eine klassische Alternativweltgeschichte, die zusätzlich Elemente eine spannenden Krimis aufweist. Das Thema liegt für Briten wohl auf der Hand: Gezeigt wird ein Europa, in dem die Deutschen den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben (wie genau das geschehen ist, wird aber so gut wie nicht erzählt).
Die Handlung setzt im Jahr 1964 ein. Hauptfigur ist Xaver März, ein Sturmbannführer, der für die Kriminalpolizei tätig ist. Er wird als typischer Mitläufer eingeführt, der die Darstellungen des Regimes stets glaubt. Er weiß, dass an der Ostgrenze des Deutschen Reiches – also auf der Höhe des Ural-Gebirges – immer noch ein Kleinkrieg mit russischen Truppen tobt. Zwar hat er durchaus seine eigene Meinung, aber er fragt nicht nach.
Als er damit beauftragt wird, den Mord an einem Staatssekretär aufzuklären, wird er schnell in eine riesige Intrige verwickelt. In deren Verlauf trifft er auf eine junge Amerikanerin, er lernt Regimegegner kennen und erfährt, dass vieles von dem, was er bisher glaubte, einfach nicht stimmt.
Robert Harris stellt die Großmacht Deutschland im Jahr 1964 als ein starres Regime dar. An den Grenzen herrscht einerseits Krieg, während man andererseits mit den USA – unter Kennedy – in Verhandlungen steht. Widerstand im Innern wird nicht geduldet, die Gestapo hat eine eiserne Herrschaft errichtet. Riesige Prunkbauten zeigen die Pracht des Dritten Reiches.
Was mit den Juden geschehen ist, interessiert den normalen Deutschen nicht. Sie sind verschwunden, und niemand stellt Fragen. Allerdings kommt Xaver März dem monströsen Geheimnis der Wannsee-Konferenz auf die Spur ...
Es gibt eine Reihe von Kritiken, die Robert Harris vorwerfen, er habe schlampig recherchiert oder stelle das Nazi-Regime falsch dar. Das merkte ich kaum, als ich das Hörbuch anhörte – weil es derart spannend ist, dass ich kaum aufhören wollte.
Die Opfer der Mordserie, auf deren Spur Xaver März kommt, sind allesamt historisch verbürgt. Viele Details in diesem Roman basieren ebenfalls auf Plänen der Nazis oder historischen Tatsachen, die der Autor extrapoliert hat. Allein damit ist »Vaterland« ein Alternativweltenroman par excellence.
Das Hörbuch ist bei Random House Audio erschienen; ich fand es spannend und mitreißend. Bei diesem Stück könnte ich mir sogar vorstellen, dass ich es in einigen Jahren noch einmal anhören werde. Das liegt unter anderem an der ruhigen Erzählstimme: Karlheinz Tafel erzählt auch die härtesten Elemente seiner Geschichte in einem ruhigen Ton, der sie dadurch noch viel schlimmer erscheinen lässt.
Großartig!
Superschmissiger Skacore aus Italien
Dynamisch, mitreißend, unaufhörlich nach vorne peitschend: Die Band NH3 ist live eine Granate und liefert auch großartige Tonträger ab. Ganz aktuell ist die Platte »Superhero« der italienischen Combo, die zwölf Stücke bietet, bei denen mir zumindest nicht langweilig wird.
Dabei ist die Band meist politisch, ob die Texte nun in italienischer oder englischer Sprache gesungen werden. Man ist für die Rechte von Flüchtlingen, findet die aktuelle Politik in Italien ziemlich beschissen und äußert sich zu all diesen Fragen sehr eindeutig. Manchmal ist das Englisch ein wenig wunderlich – aber jemand wie ich, dessen Englisch immer nach Schwäbisch klingt, darf über so etwas sowieso nicht lästern.
Meist knallen die Stücke ziemlich, selten gibt es langsamere Einlagen. Die Bläser treiben die Stücke voran, das Schlagzeug poltert, der Sänger hetzt durch die Zeilen. Erstaunlicherweise haben mir die zwei ruhigeren Stücke trotzdem sehr gut gefallen.
Interessant fand ich, dass sich die Band prominente Unterstützung geholt hat. Bei zwei Stücken sind Gastsänger dabei, die vor allem in Italien bekannt sein dürften. Das ist nicht aufdringlich, das macht richtig Spaß. Und so habe ich am Ende eine Platte, die sich als Autofahrten-CD in diesem Jahr sicher noch bewähren wird.
Dabei ist die Band meist politisch, ob die Texte nun in italienischer oder englischer Sprache gesungen werden. Man ist für die Rechte von Flüchtlingen, findet die aktuelle Politik in Italien ziemlich beschissen und äußert sich zu all diesen Fragen sehr eindeutig. Manchmal ist das Englisch ein wenig wunderlich – aber jemand wie ich, dessen Englisch immer nach Schwäbisch klingt, darf über so etwas sowieso nicht lästern.
Meist knallen die Stücke ziemlich, selten gibt es langsamere Einlagen. Die Bläser treiben die Stücke voran, das Schlagzeug poltert, der Sänger hetzt durch die Zeilen. Erstaunlicherweise haben mir die zwei ruhigeren Stücke trotzdem sehr gut gefallen.
Interessant fand ich, dass sich die Band prominente Unterstützung geholt hat. Bei zwei Stücken sind Gastsänger dabei, die vor allem in Italien bekannt sein dürften. Das ist nicht aufdringlich, das macht richtig Spaß. Und so habe ich am Ende eine Platte, die sich als Autofahrten-CD in diesem Jahr sicher noch bewähren wird.
28 April 2019
Die Pistols live
Wir standen vor der Tür. Die Luft war warm, mein T-Shirt dampfte. Ich musste Luft schnappen, der Typ neben mir wohl auch. Er rauchte eine Zigarette, blies den Rauch gedankenverloren in die Luft. Ich kannte ihn vom Sehen, wie so viele in der »Katakombe«, wusste aber nicht seinen Namen.
Er drehte sich zu mir um. »Findest du die Pistols eigentlich gut?«, fragte er und zeigte auf meine Haare. Sie waren kurz, aber ich hatte sie zu Stacheln aufgestellt, die sich noch nicht aufgelöst hatten.
»Du meinst die Sex Pistols?«
Der Typ war mir bisher nicht als Punkrocker aufgefallen. Er trug eine Jeansjacke ohne Anstecker oder Aufnäher, seine schwarzen Haare waren glatt und kurz.
»Wen denn sonst?«
»Klar«, meinte ich, »das war die erste Punk-Band, die ich überhaupt gehört hab. Ich finde die immer noch gut.«
»Ich hab die mal live gesehen.«
»Echt jetzt?« Ich starrte ihn an. »Bei der letzten Tour?«
Die Sex Pistols waren 1996 noch einmal auf Tour gegangen – eine Veranstaltung, die ich ignoriert hatte. Es wäre mir falsch vorgekommen, mir die Band so verspätet anzuschauen, quasi zwanzig Jahre danach. Vor allem Johnny Rotten hatte Punk nach dem Ende der Band derart öffentlich verachtet, damit wollte ich nichts zu tun haben.
»Nein, nein«, versicherte er mir stolz. »Schon damals.«
»Echt jetzt?«, wiederholte ich. »Wo denn? Warst du in England zu der Zeit?«
»Das weiß ich nicht genau. Irgendwo in Deutschland.«
Ich überlegte krampfhaft. Waren die Pistols jemals nach Deutschland gekommen? Da fiel mir der entscheidende Punkt ein.
»Du bist doch jünger als ich, oder?«, sagte ich.
»Was tut das zur Sache?«
»Ich bin Jahrgang 1963. Und du?«
Er machte ein wegwerfende Handbewegung. »Völlig egal. Viel jünger auf jeden Fall.«
Ich rechnete kurz. »Dann musst du zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, höchstens. Und du hast die Sex Pistols gesehen?«
»Na klar.« Lässig schnippte er seine Zigarette weg. Sie landete zwei Meter vor ihm auf dem Asphalt. »Du auf jeden Fall nicht.«
Er drehte sich um, beachtete mich nicht länger und stieg die Treppe zum Eingang der »Katakombe« hinunter. Ich starrte ihm nach.
Hatte er mich verarscht, war er nur ein Aufschneider, hatte er die Sex Pistols vielleicht wirklich als kleiner Junge gesehen? Ich überlegte kurz und entschied mich, ihn für ein Großmaul zu halten.
»Eh alles egal«, murmelte ich. Aus dem Keller drangen Lärm und Rauchschwaden, Hunderte von Leuten redeten durcheinander, aus den Lautsprecher bollerte ein neues Stück, das sich wie eine Mischung aus Hardcore, Metal und HipHop anhörte. Wie so oft in jenem Sommer.
Die Sex Pistols? Ich schüttelte den Kopf. Was für alte Kamellen! Warum machte ich mir darüber Gedanken? Das war über zwanzig Jahre her.
Ich verdrehte die Augen und ging die Treppe hinunter. Zurück zum Punk der 90er-Jahre, zurück in meine eigene Zeit.
Er drehte sich zu mir um. »Findest du die Pistols eigentlich gut?«, fragte er und zeigte auf meine Haare. Sie waren kurz, aber ich hatte sie zu Stacheln aufgestellt, die sich noch nicht aufgelöst hatten.
»Du meinst die Sex Pistols?«
Der Typ war mir bisher nicht als Punkrocker aufgefallen. Er trug eine Jeansjacke ohne Anstecker oder Aufnäher, seine schwarzen Haare waren glatt und kurz.
»Wen denn sonst?«
»Klar«, meinte ich, »das war die erste Punk-Band, die ich überhaupt gehört hab. Ich finde die immer noch gut.«
»Ich hab die mal live gesehen.«
»Echt jetzt?« Ich starrte ihn an. »Bei der letzten Tour?«
Die Sex Pistols waren 1996 noch einmal auf Tour gegangen – eine Veranstaltung, die ich ignoriert hatte. Es wäre mir falsch vorgekommen, mir die Band so verspätet anzuschauen, quasi zwanzig Jahre danach. Vor allem Johnny Rotten hatte Punk nach dem Ende der Band derart öffentlich verachtet, damit wollte ich nichts zu tun haben.
»Nein, nein«, versicherte er mir stolz. »Schon damals.«
»Echt jetzt?«, wiederholte ich. »Wo denn? Warst du in England zu der Zeit?«
»Das weiß ich nicht genau. Irgendwo in Deutschland.«
Ich überlegte krampfhaft. Waren die Pistols jemals nach Deutschland gekommen? Da fiel mir der entscheidende Punkt ein.
»Du bist doch jünger als ich, oder?«, sagte ich.
»Was tut das zur Sache?«
»Ich bin Jahrgang 1963. Und du?«
Er machte ein wegwerfende Handbewegung. »Völlig egal. Viel jünger auf jeden Fall.«
Ich rechnete kurz. »Dann musst du zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, höchstens. Und du hast die Sex Pistols gesehen?«
»Na klar.« Lässig schnippte er seine Zigarette weg. Sie landete zwei Meter vor ihm auf dem Asphalt. »Du auf jeden Fall nicht.«
Er drehte sich um, beachtete mich nicht länger und stieg die Treppe zum Eingang der »Katakombe« hinunter. Ich starrte ihm nach.
Hatte er mich verarscht, war er nur ein Aufschneider, hatte er die Sex Pistols vielleicht wirklich als kleiner Junge gesehen? Ich überlegte kurz und entschied mich, ihn für ein Großmaul zu halten.
»Eh alles egal«, murmelte ich. Aus dem Keller drangen Lärm und Rauchschwaden, Hunderte von Leuten redeten durcheinander, aus den Lautsprecher bollerte ein neues Stück, das sich wie eine Mischung aus Hardcore, Metal und HipHop anhörte. Wie so oft in jenem Sommer.
Die Sex Pistols? Ich schüttelte den Kopf. Was für alte Kamellen! Warum machte ich mir darüber Gedanken? Das war über zwanzig Jahre her.
Ich verdrehte die Augen und ging die Treppe hinunter. Zurück zum Punk der 90er-Jahre, zurück in meine eigene Zeit.
27 April 2019
Rogue Steady Orchestra mal wieder
Dass Ska mehr sein kann als fröhliche Hüpfmusik für Studenten und andere Junggebliebene, die ein wenig Zirkus-Atmosphäre verbreitet und ansonsten völlig harmlos ist, beweist das Rogue Steady Orchestra immer wieder. Live ist die Band aus Göttingen sowieso eine sichere Bank, aber auch auf ihren Schallplatten weiß sie zu überzeugen.
»Liveticker zum Aufstand« gibt's zum Download, als CD und auch als schöne Vinylscheibe. Es sind 13 Stücke drauf, die man mehrfach hintereinander anhören kann. Weil sie sehr abwechslungsreich ist, langweilt die Scheibe nicht. Und ich hörte sie mir in den vergangenen Tagen doch recht häufig an.
Bei der Musik setzt die Band erstaunlich oft die Orgel ein, die Bläsersätze sind sauber und nerven nicht durch eine Überpräsenz; ansonsten herrscht ein gelungener Mix aus traditionellen Ska-Klängen und einer Prise Punk vor. Die Stücke haben Schmiss und Melodie, sie gehen auch ins Ohr und regen live schnell zum Tanzen an.
Und textlich wissen die Göttinger sowieso, wo es lang geht. Ihre Aussagen sind politisch und kritisch, ohne Parolen zu dreschen oder durch Plattheiten zu nerven. Und mitzusingen sind sie ebenfalls, wenn man möchte ...
»Liveticker zum Aufstand« gibt's zum Download, als CD und auch als schöne Vinylscheibe. Es sind 13 Stücke drauf, die man mehrfach hintereinander anhören kann. Weil sie sehr abwechslungsreich ist, langweilt die Scheibe nicht. Und ich hörte sie mir in den vergangenen Tagen doch recht häufig an.
Bei der Musik setzt die Band erstaunlich oft die Orgel ein, die Bläsersätze sind sauber und nerven nicht durch eine Überpräsenz; ansonsten herrscht ein gelungener Mix aus traditionellen Ska-Klängen und einer Prise Punk vor. Die Stücke haben Schmiss und Melodie, sie gehen auch ins Ohr und regen live schnell zum Tanzen an.
Und textlich wissen die Göttinger sowieso, wo es lang geht. Ihre Aussagen sind politisch und kritisch, ohne Parolen zu dreschen oder durch Plattheiten zu nerven. Und mitzusingen sind sie ebenfalls, wenn man möchte ...
26 April 2019
Der Osterhase steckt im Schnee
Aus der Serie »Dorfgeschichten«
Es schneite seit Tagen. Das Dorf versank buchstäblich in Weiß. Meine Eltern mussten jeden Tag mit der Schippe in den Hof, um den Weg für das Auto freizuschaufeln; sonst hätte es mein Vater nicht zur Arbeit und meine Mutter nicht zum Einkaufen oder sonstigen Erledigungen geschafft. Es ging auf Ostern zu, aber die Welt sah nicht so aus, als bekämen wir bald Frühling.
»Was ist mit dem Osterhasen?«, fragte ich am Samstag verzweifelt. Ich war ein kleiner Junge, der zwar nicht mehr so richtig an den Osterhasen glaubte, der sich aber stets freute, wenn er am Ostersonntag im Garten nach bunten Eiern und anderen Kleinigkeiten suchen konnte.
»Der steckt im Schnee fest«, antwortete meine Mutter. Mehr verriet sie nicht.
Wir saßen in der Küche und sahen durch das Fenster hinaus in das Schneetreiben. Wir konnten gerade einmal bis zum nächsten Haus sehen, nicht weiter. Die Wiesen und Hügel verschwanden hinter einem weißen Schleier.
Als ich am Ostersonntag geweckt wurde, sah die Welt immer noch so aus, als habe jemand Tonnen von Schnee über die Häuser und Höfe geschüttet. Meine Eltern schippten den Weg frei, wir gingen in die Kirche.
Danach mussten meine Schwester und ich in den Kindergottesdienst, der sich direkt an den Gottesdienst für Erwachsene anschloss. In dieser Zeit bereitete meine Mutter das Mittagessen vor. Wir kamen also deutlich nach den Eltern nach Hause.
Es hatte zu schneien aufgehört. Den Garten bedeckte eine geschlossene Schneeschicht von gut fünfzig bis sechzig Zentimetern. Mein Vater hatte die Einfahrt sowie einen Fußweg zum hinteren Gartentor freigeschaufelt. Aber es gab keine Spur von versteckten Ostereiern oder einem Hasen.
Wahrscheinlich sah man uns Kindern an, wie enttäuscht wir waren. Deshalb wurden wir auch nicht aufgefordert, die Winterkleidung abzulegen, uns die Hände zu waschen und an den Esszimmertisch zu sitzen.
Während meine Mutter hörbar in der Küche hantierte, winkte uns mein Vater zu sich. »Geht mal auf den Dachboden«, sagte er. »Ich hab da vorher was gehört. Vielleicht ist da etwas passiert.«
Noch während ich überlegte, ob ich sagen sollte, was mir ins Hirn schoss, schrie meine Schwester auf. »Der Osterhase!«
Wir stolperten die schmale Treppe hinauf, die der Großvater vor Jahrzehnten selbst gebaut hatte. Die schlichte Tür zum Dachboden, sonst immer verschlossen, stand offen, und wir rannten hindurch. Hinter uns hörten wir die Schritte unseres Vaters.
Das erste Ei fanden wir gleich; es lag schräg hinter der Tür auf dem Fußboden. Dass es auf dem Dachboden kalt war, störte uns nicht. Dass unser Vater aufpasste, dass wir nicht über Werkzeug fielen oder auf den Berg aus Brennholz kletterten, den wir unter dem Dach aufbewahrten, bekamen wir nur am Rand mit.
Wir stießen auf bemalte Eier, wir fanden ein wenig Schokolade, es gab sogar Spielzeugautos. Die meiste Verstecke waren schlicht, und wir hatten schnell den Dachboden durchstöbert. Erfreulicherweise war nichts im Holz versteckt oder an Stellen, zu denen wir hätten hochklettern müssen.
Für uns war es ein wunderbares Osterfest, eines von der Sorte, an das wir uns viele Jahre danach erinnerten. Der Osterhase hatte uns nicht vergessen, sondern hatte seine Geschenke einfach an einer anderen Stelle für uns versteckt!
Es schneite seit Tagen. Das Dorf versank buchstäblich in Weiß. Meine Eltern mussten jeden Tag mit der Schippe in den Hof, um den Weg für das Auto freizuschaufeln; sonst hätte es mein Vater nicht zur Arbeit und meine Mutter nicht zum Einkaufen oder sonstigen Erledigungen geschafft. Es ging auf Ostern zu, aber die Welt sah nicht so aus, als bekämen wir bald Frühling.
»Was ist mit dem Osterhasen?«, fragte ich am Samstag verzweifelt. Ich war ein kleiner Junge, der zwar nicht mehr so richtig an den Osterhasen glaubte, der sich aber stets freute, wenn er am Ostersonntag im Garten nach bunten Eiern und anderen Kleinigkeiten suchen konnte.
»Der steckt im Schnee fest«, antwortete meine Mutter. Mehr verriet sie nicht.
Wir saßen in der Küche und sahen durch das Fenster hinaus in das Schneetreiben. Wir konnten gerade einmal bis zum nächsten Haus sehen, nicht weiter. Die Wiesen und Hügel verschwanden hinter einem weißen Schleier.
Als ich am Ostersonntag geweckt wurde, sah die Welt immer noch so aus, als habe jemand Tonnen von Schnee über die Häuser und Höfe geschüttet. Meine Eltern schippten den Weg frei, wir gingen in die Kirche.
Danach mussten meine Schwester und ich in den Kindergottesdienst, der sich direkt an den Gottesdienst für Erwachsene anschloss. In dieser Zeit bereitete meine Mutter das Mittagessen vor. Wir kamen also deutlich nach den Eltern nach Hause.
Es hatte zu schneien aufgehört. Den Garten bedeckte eine geschlossene Schneeschicht von gut fünfzig bis sechzig Zentimetern. Mein Vater hatte die Einfahrt sowie einen Fußweg zum hinteren Gartentor freigeschaufelt. Aber es gab keine Spur von versteckten Ostereiern oder einem Hasen.
Wahrscheinlich sah man uns Kindern an, wie enttäuscht wir waren. Deshalb wurden wir auch nicht aufgefordert, die Winterkleidung abzulegen, uns die Hände zu waschen und an den Esszimmertisch zu sitzen.
Während meine Mutter hörbar in der Küche hantierte, winkte uns mein Vater zu sich. »Geht mal auf den Dachboden«, sagte er. »Ich hab da vorher was gehört. Vielleicht ist da etwas passiert.«
Noch während ich überlegte, ob ich sagen sollte, was mir ins Hirn schoss, schrie meine Schwester auf. »Der Osterhase!«
Wir stolperten die schmale Treppe hinauf, die der Großvater vor Jahrzehnten selbst gebaut hatte. Die schlichte Tür zum Dachboden, sonst immer verschlossen, stand offen, und wir rannten hindurch. Hinter uns hörten wir die Schritte unseres Vaters.
Das erste Ei fanden wir gleich; es lag schräg hinter der Tür auf dem Fußboden. Dass es auf dem Dachboden kalt war, störte uns nicht. Dass unser Vater aufpasste, dass wir nicht über Werkzeug fielen oder auf den Berg aus Brennholz kletterten, den wir unter dem Dach aufbewahrten, bekamen wir nur am Rand mit.
Wir stießen auf bemalte Eier, wir fanden ein wenig Schokolade, es gab sogar Spielzeugautos. Die meiste Verstecke waren schlicht, und wir hatten schnell den Dachboden durchstöbert. Erfreulicherweise war nichts im Holz versteckt oder an Stellen, zu denen wir hätten hochklettern müssen.
Für uns war es ein wunderbares Osterfest, eines von der Sorte, an das wir uns viele Jahre danach erinnerten. Der Osterhase hatte uns nicht vergessen, sondern hatte seine Geschenke einfach an einer anderen Stelle für uns versteckt!
25 April 2019
Emanzipation und Revolution
Wie sehr die Science-Fiction-Szene der 70er-Jahre auch mit politischen Bewegungen verbunden war, belegen immer wieder Publikationen, die von Fans herausgegeben wurden, die aber nichts mit ihrer Lieblingsliteratur zu tun hatten. Ein schönes Beispiel hierfür ist »Emanzipation und Revolution – Kritik an Duhm«, das im April 1974 veröffentlicht wurde.
Herausgegeben wurde die 56 Seiten starke Publikation, die es für 2,80 Mark in der »Reihe Kulturkampf« im Arbeiterkulturverlag. Als Autoren traten Reinhard Merker und Frank Rainer Scheck hervor. Beide hatten sich zuvor einen Namen als kritische Autoren in der »Science Fiction Times« gemacht; sie hatten Artikel und Rezensionen veröffentlicht, teilweise auch Kurzgeschichten.
Der Mann, an dem sie sich abarbeiteten, also Dieter Duhm, war in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren in den politischen Zirkeln jener Zeit durchaus bekannt. Die zersplitterte Linke bekämpfte sich auch durch allerlei Schriftwerke, das genannte Heft »Emanzipation und Revolution« ist ein Beispiel dafür. Mithilfe von Lenin-Zitaten wird versucht, das Werk Duhms zu wiederlegen.
Heutigen Lesern kommt das durchaus seltsam vor, derlei Diskussionen sind außerhalb wissenschaftlicher Zirkel nicht mehr üblich, wie mir scheint. 1974 fanden solche Publikationen auch innerhalb der Science-Fiction-Szene ihre Verbreitung und wurden offenbar auch diskutiert.
Später traten sowohl Reinhard Merker als auch Frank Rainer Scheck – leider schon 2013 verstorben – als Herausgeber von phantastischer Literatur in Erscheinung. Unter anderem verantwortete Scheck die Reihe »Meisterwerke der dunklen Phantastik«, die von hoher Sachkenntnis geprägt war.
Herausgegeben wurde die 56 Seiten starke Publikation, die es für 2,80 Mark in der »Reihe Kulturkampf« im Arbeiterkulturverlag. Als Autoren traten Reinhard Merker und Frank Rainer Scheck hervor. Beide hatten sich zuvor einen Namen als kritische Autoren in der »Science Fiction Times« gemacht; sie hatten Artikel und Rezensionen veröffentlicht, teilweise auch Kurzgeschichten.
Der Mann, an dem sie sich abarbeiteten, also Dieter Duhm, war in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren in den politischen Zirkeln jener Zeit durchaus bekannt. Die zersplitterte Linke bekämpfte sich auch durch allerlei Schriftwerke, das genannte Heft »Emanzipation und Revolution« ist ein Beispiel dafür. Mithilfe von Lenin-Zitaten wird versucht, das Werk Duhms zu wiederlegen.
Heutigen Lesern kommt das durchaus seltsam vor, derlei Diskussionen sind außerhalb wissenschaftlicher Zirkel nicht mehr üblich, wie mir scheint. 1974 fanden solche Publikationen auch innerhalb der Science-Fiction-Szene ihre Verbreitung und wurden offenbar auch diskutiert.
Später traten sowohl Reinhard Merker als auch Frank Rainer Scheck – leider schon 2013 verstorben – als Herausgeber von phantastischer Literatur in Erscheinung. Unter anderem verantwortete Scheck die Reihe »Meisterwerke der dunklen Phantastik«, die von hoher Sachkenntnis geprägt war.
24 April 2019
Pogo am Karfreitag
Als ich am »P 8« in der Nordstadt von Karlsruhe eintraf, dachte ich zuerst, ich sei falsch. Ich stellte mein Fahrrad ab, niemand war zu sehen. Erst als ich mich dem Eingang näherte, erkannte ich einige Menschen, die ich aber nicht kannte.
Wie es sich herausstellte, war ich der dritte zahlende Gast an diesem Karfreitagabend, 19. April 2019. Es wurden übrigens auch nicht viel mehr – am Ende waren es vielleicht zwanzig Besucher, die dafür aber ordentlich Spaß hatten.
Als erste Band spielten Angebrachte Panik aus Bremen – im Bild –, wir waren als Publikum noch sehr zurückhaltend. Der Mann mit Mütze an der Orgel forderte ultimativ zum Tanzen auf: »Es gibt Gott gar nicht, glaubt nicht an den Unsinn. Ihr dürft heute also ruhig tanzen.« Trotzdem war das Publikum eher schlapp, ich stand auch vor allem herum und guckte sonstwohin.
Musikalisch bot die Band schon irgendwie Deutschpunk, recht abwechslungsreich und auch mit viel Spielfreude, nicht unbedingt hundertprozentig virtuos. Die Sängerin spielte ihren Bass wie eine Gitarre, das fand ich cool; gesungen wurde eh abwechslungsreich, und dazwischen erheiterten lustige Ansagen.
Als zweite Band traten Bernd Wand auf, ebenfalls aus Bremen. Die Musik gefiel mir besser, die Band lieferte schmissigen Deutschpunk mit guten Texten und einer durchaus knalligen Show; gesungen wurde ebenfalls abwechselnd. Sie schaffte es vor allem, auch müde Männer wie mich in Bewegung zu bringen. So bewegte sich das spärliche Publikum durchaus hektisch durch den Raum, bei einer sich ständig steigernden Stimmung.
Die Band lieferte einige Coverversionen. Wer »Riot Squad« von Cock Sparrer in einer derart knalligen Queer-Version mit lautem »Oi!«-Gebrüll bringt, hat das Herz auf jeden Fall auf der richtigen Seite. Ziemlich großartig!
Als ich zu vorgerückter Stunde auf mein Fahrrad kletterte, um nach Hause zu eiern, hatte ich richtig gute Stimmung. Noch nie hatte ich einen derartigen Karfreitag erlebt …
Wie es sich herausstellte, war ich der dritte zahlende Gast an diesem Karfreitagabend, 19. April 2019. Es wurden übrigens auch nicht viel mehr – am Ende waren es vielleicht zwanzig Besucher, die dafür aber ordentlich Spaß hatten.
Als erste Band spielten Angebrachte Panik aus Bremen – im Bild –, wir waren als Publikum noch sehr zurückhaltend. Der Mann mit Mütze an der Orgel forderte ultimativ zum Tanzen auf: »Es gibt Gott gar nicht, glaubt nicht an den Unsinn. Ihr dürft heute also ruhig tanzen.« Trotzdem war das Publikum eher schlapp, ich stand auch vor allem herum und guckte sonstwohin.
Musikalisch bot die Band schon irgendwie Deutschpunk, recht abwechslungsreich und auch mit viel Spielfreude, nicht unbedingt hundertprozentig virtuos. Die Sängerin spielte ihren Bass wie eine Gitarre, das fand ich cool; gesungen wurde eh abwechslungsreich, und dazwischen erheiterten lustige Ansagen.
Als zweite Band traten Bernd Wand auf, ebenfalls aus Bremen. Die Musik gefiel mir besser, die Band lieferte schmissigen Deutschpunk mit guten Texten und einer durchaus knalligen Show; gesungen wurde ebenfalls abwechselnd. Sie schaffte es vor allem, auch müde Männer wie mich in Bewegung zu bringen. So bewegte sich das spärliche Publikum durchaus hektisch durch den Raum, bei einer sich ständig steigernden Stimmung.
Die Band lieferte einige Coverversionen. Wer »Riot Squad« von Cock Sparrer in einer derart knalligen Queer-Version mit lautem »Oi!«-Gebrüll bringt, hat das Herz auf jeden Fall auf der richtigen Seite. Ziemlich großartig!
Als ich zu vorgerückter Stunde auf mein Fahrrad kletterte, um nach Hause zu eiern, hatte ich richtig gute Stimmung. Noch nie hatte ich einen derartigen Karfreitag erlebt …
Astronomen und Astronauten
Das finde ich gut: Eine deutsche Band macht ein Lied, in dem ein Astronaut und ein Astronom vorkommen und das mir darüber hinaus auch noch gefällt. (Da werden meine Instinkte als Science-Fiction-Fan und als Musikhörer angesprochen.)Ich habe heute mehrfach das gelungene Stück »Hoch hinaus« von Frau Wolf gehört. Im Prinzip handelt es sich dabei um gut gemachte Gitarrenmusik, die bei mir flott ins Ohr geht.
Wer mag, darf das sicher in eine Schublade stecken, auf der »Indie« steht. Früher hätte man vielleicht auch »Alternative« draufgeklebt. Ich bin mal gespannt, wie's mit der jungen Band weitergeht – den Anfang finde ich bei dem flotten Stück und dem guten Text schon mal gut. Auf dem Video sieht's ebenfalls cool aus.
23 April 2019
Ein magisches Kinderbuch, ein wunderbarer Comic
Ich muss gestehen, dass ich den englischen Kinderbuch-Klassiker »Der Wind in den Weiden« nicht kenne. Dieser stammt von Kenneth Grahame, hat schon ein wenig Staub angesetzt, zählt aber zu den absoluten Klassikern des Genres.
Dem Splitter-Verlag ist zu verdanken, dass die wunderbare Comic-Version des Werkes von Michel Plessix nun in einer gelungenen Hardcover-Gesamtausgabe im deutschsprachigen Handel bereit liegt. (Zuletzt war der Comic hierzulande bei Carlsen veröffentlicht worden.)
Wer sein Herz für das Staunen noch nicht verloren hat, wer noch in der Lage ist, sich in eine Tiergeschichte hineinzudenken, in der beispielsweise ein Maulwurf und ein Kröterich die Hauptrollen spielen – der sollte hier unbedingt einen Blick hineinwerfen. Ich war wirklich fassungslos, als ich die Geschichte las: so schön, so gelungen, so zauberhaft! Kein Wunder, dass das Werk bei seinem Erscheinen mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.
Die Hauptfiguren sind Tiere – sie verhalten sich zwar ein wenig »tierisch«, sprechen aber miteinander, tragen Anzüge und Schuhe, haben richtige Häuser oder zumindest prachtvolle Höhlen und verkehren untereinander wie seriöse Menschen. Am Fluss pflegen sie ihre persönlichen Rivalitäten, besuchen sich gegenseitig, streiten sich mal oder halten wieder zusammen. Menschen gibt es auch, aber die sind in der Ferne und tauchen nur höchst selten auf.
Immer wieder für Aufsehen sorgt Kröterich, der als Baron einen großzügigen Landsitz sein eigen nennt und stets für Experimente offen ist. Gibt man ihm beispielsweise ein Fahrrad, nutzt er es garantiert dazu, eine halsbrecherische Tour nach der anderen zu unternehmen. Er lügt ständig, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht – aber zu seinen Freunden ist er meist großherzig und freundlich, wenngleich immer ein wenig prahlerisch.
Die Geschichte an sich ist absolut gelungen: Es geht um Freundschaft zwischen Wesen, die sich eigentlich fremd und feindschaftlich gegenüberstehen sollten, um Solidarität und ein Miteinander. Streit und Konflikte gehören dazu, aber letztlich rauft man sich immer zusammen. Klar, es ist ein Kinderbuch, aber als Erwachsener wird man von der warmherzigen Stimmung angesteckt.
Richtig toll wird das Buch vor allem durch die Illustration. Michel Plessix zeichnet wirklich liebevoll, anders kann man es nicht bezeichnen. Seine Tiere, die er in akkurate Kleidung steckt, wirken fast lebensecht, die Umgebung des Flusses, die Landschaften und das Innere der Häuser ist voller Details. (Wer mir nicht glaubt, schaue sich bitte einfach die Leseprobe im Internet an.)
»Der Wind in den Weiden« ist ein Comic, den ich sicher ein zweites und ein drittes Mal lesen werde, einer von den Bänden, die man sich auch nach Jahren aus dem Regal fischt, um noch mal einen Blick auf einzelne Seiten zu werfen. Eine absolute Empfehlung – nicht nur für Fantasy-Fans!
Dem Splitter-Verlag ist zu verdanken, dass die wunderbare Comic-Version des Werkes von Michel Plessix nun in einer gelungenen Hardcover-Gesamtausgabe im deutschsprachigen Handel bereit liegt. (Zuletzt war der Comic hierzulande bei Carlsen veröffentlicht worden.)
Wer sein Herz für das Staunen noch nicht verloren hat, wer noch in der Lage ist, sich in eine Tiergeschichte hineinzudenken, in der beispielsweise ein Maulwurf und ein Kröterich die Hauptrollen spielen – der sollte hier unbedingt einen Blick hineinwerfen. Ich war wirklich fassungslos, als ich die Geschichte las: so schön, so gelungen, so zauberhaft! Kein Wunder, dass das Werk bei seinem Erscheinen mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.
Die Hauptfiguren sind Tiere – sie verhalten sich zwar ein wenig »tierisch«, sprechen aber miteinander, tragen Anzüge und Schuhe, haben richtige Häuser oder zumindest prachtvolle Höhlen und verkehren untereinander wie seriöse Menschen. Am Fluss pflegen sie ihre persönlichen Rivalitäten, besuchen sich gegenseitig, streiten sich mal oder halten wieder zusammen. Menschen gibt es auch, aber die sind in der Ferne und tauchen nur höchst selten auf.
Immer wieder für Aufsehen sorgt Kröterich, der als Baron einen großzügigen Landsitz sein eigen nennt und stets für Experimente offen ist. Gibt man ihm beispielsweise ein Fahrrad, nutzt er es garantiert dazu, eine halsbrecherische Tour nach der anderen zu unternehmen. Er lügt ständig, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht – aber zu seinen Freunden ist er meist großherzig und freundlich, wenngleich immer ein wenig prahlerisch.
Die Geschichte an sich ist absolut gelungen: Es geht um Freundschaft zwischen Wesen, die sich eigentlich fremd und feindschaftlich gegenüberstehen sollten, um Solidarität und ein Miteinander. Streit und Konflikte gehören dazu, aber letztlich rauft man sich immer zusammen. Klar, es ist ein Kinderbuch, aber als Erwachsener wird man von der warmherzigen Stimmung angesteckt.
Richtig toll wird das Buch vor allem durch die Illustration. Michel Plessix zeichnet wirklich liebevoll, anders kann man es nicht bezeichnen. Seine Tiere, die er in akkurate Kleidung steckt, wirken fast lebensecht, die Umgebung des Flusses, die Landschaften und das Innere der Häuser ist voller Details. (Wer mir nicht glaubt, schaue sich bitte einfach die Leseprobe im Internet an.)
»Der Wind in den Weiden« ist ein Comic, den ich sicher ein zweites und ein drittes Mal lesen werde, einer von den Bänden, die man sich auch nach Jahren aus dem Regal fischt, um noch mal einen Blick auf einzelne Seiten zu werfen. Eine absolute Empfehlung – nicht nur für Fantasy-Fans!
12 April 2019
Was war eigentlich Maerchenbraut?
Bei manchen Platten wundere ich mich echt, wie sie in meinen Schrank kommen – ein schönes Beispiel ist die Single »Bräuche der Vergangenheit«, die 1980 von der Band Maerchenbraut aufgenommen worden ist. Damals war das allerdings ein angesagter Sound, wenn ich mich düster erinnere ...Die zwei Stücke sind beide sehr synthesizer-lastig. Die Töne wabern ein wenig, der Gesang hat einen leichten Hall, die Texte sind ganz schön pathetisch. Es geht um Untergang und Trauer, alles ist düster – im Prinzip nimmt die Band den Wave-Sound, der in England zu der Zeit noch recht neu war, und bringt ihn nach Deutschland, wo 1980 Musikrichtungen wie Punk, Neue Deutsche Welle, New Wave, Ska oder Reggae gleichermaßen als neu und verwirrend galten.
Sowohl »Träume der Vergangenheit« als auch »Weite Felder« weisen eine pathetische Grundstimmung auf, die zur Zeit passte. Die Verbindung zu allerlei Fantasy-Mythen, auf die das Cover verweist, war um 1980 ebenfalls angesagt; immerhin kamen die ersten Fantasy-Filme ins Kino, und die Fantasy-Literatur erlebte einen ersten Höhenflug.
Über die Band weiß ich nichts, die Single entspricht nicht meinem Geschmack. Als Zeitdokument – so was galt vor vierzig Jahren als modern – finde ich sie trotzdem spannend. Interessant, was man so alles findet ...
Ich habe Dumbo gesichtet
Auch nach langem Nachdenken kann ich mich nicht daran erinnern, jemals so früh im Kino gewesen zu sein: Wir sahen uns »Dumbo« an, und weil der Film nur zu völlig bescheuerten Zeiten kommt, saßen wir an einem frühen Nachmittag im Filmpalast in Karlsruhe und ließen uns von einem fliegenden Elefanten bezaubern. Der Saal war fast leer: Vielleicht drei Dutzend Menschen waren anwesend, die Hälfte Kinder. Aber wir waren nicht die einzigen Erwachsenen, die ohne Kind angerückt waren …
Man muss klar sagen: Es war ein Film von Tim Burton, und die Filme dieses Regisseurs mag ich zumeist. Das gilt auch für »Dumbo« – der Streifen ist sehr liebevoll gemacht, steckt voller Details, ist ein Fest für die Freunde der Phantastik und unterhält sehr gut. Klar, es ist ein Disney-Film, und er richtet sich an Kinder. Als Erwachsener kann man dennoch sehr viel Freude an der Geschichten, den Effekten und dem schön animierten Elefanten haben. So ging es mir zumindest.
Die Geschichte dürfte bekannt sein; ich erzähle sie hier sehr kurz: Dumbo ist ein kleiner Elefant, der mit seinen großen Ohren ein wenig doof aussieht. Er kann aber fliegen, und das finden zwei Kinder heraus. In der Folge wird der kleine Provinz-Zirkus, in dem Dumbo bisher aufgetreten ist, von einem Unternehmer übernommen – die große Karriere wartet auf alle Beteiligten. Dann aber geht viel schief, und am Ende gelingt es den Helden, dem kleinen Elefanten eine positive Zukunft zu sichern.
Zum gelungenen Film trägt sicher die Besetzung teil. Colin Farrell als einarmiger Kriegsveteran, der seine Frau verloren hat und seine Kinder allein zu erziehen versucht, Danny DeVito als quirliger Zirkusdirektor, Michael Keaton als aalglatter Unternehmer und Eva Green als coole französische Artistin – das ist schon alles sehr gut gemacht. Klar, bei manchen Details fragt man sich, ob die wirklich so sein müssen, das Gesamtbild fand ich aber stimmig.
Im Kino wurde viel gelacht, dann aber auch wieder geschluchzt, wenn es traurig wurde. Wenn dann aber der kleine Elefant versucht, zu seiner Mutter zu kommen, die in einem Zirkuswagen eingesperrt ist, und die beiden Tiere sich mit den Rüsseln berühren, ist das schon sehr gefühlsnah produziert. Das kann man zu Recht kritisieren oder mit demselben Recht gut finden.
Alles in allem ist »Dumbo« ein Streifen, der mir gut gefallen hat. Ich würde ihn gnadenlos in die Fantasy-Ecke stecken und ihn weiter empfehlen. Ich bin sicher, dass er auf DVD oder im Fernsehprogramm auch funktioniert – die Drei-D-Effekte im Kino mochte ich allerdings sehr.
Man muss klar sagen: Es war ein Film von Tim Burton, und die Filme dieses Regisseurs mag ich zumeist. Das gilt auch für »Dumbo« – der Streifen ist sehr liebevoll gemacht, steckt voller Details, ist ein Fest für die Freunde der Phantastik und unterhält sehr gut. Klar, es ist ein Disney-Film, und er richtet sich an Kinder. Als Erwachsener kann man dennoch sehr viel Freude an der Geschichten, den Effekten und dem schön animierten Elefanten haben. So ging es mir zumindest.
Die Geschichte dürfte bekannt sein; ich erzähle sie hier sehr kurz: Dumbo ist ein kleiner Elefant, der mit seinen großen Ohren ein wenig doof aussieht. Er kann aber fliegen, und das finden zwei Kinder heraus. In der Folge wird der kleine Provinz-Zirkus, in dem Dumbo bisher aufgetreten ist, von einem Unternehmer übernommen – die große Karriere wartet auf alle Beteiligten. Dann aber geht viel schief, und am Ende gelingt es den Helden, dem kleinen Elefanten eine positive Zukunft zu sichern.
Zum gelungenen Film trägt sicher die Besetzung teil. Colin Farrell als einarmiger Kriegsveteran, der seine Frau verloren hat und seine Kinder allein zu erziehen versucht, Danny DeVito als quirliger Zirkusdirektor, Michael Keaton als aalglatter Unternehmer und Eva Green als coole französische Artistin – das ist schon alles sehr gut gemacht. Klar, bei manchen Details fragt man sich, ob die wirklich so sein müssen, das Gesamtbild fand ich aber stimmig.
Im Kino wurde viel gelacht, dann aber auch wieder geschluchzt, wenn es traurig wurde. Wenn dann aber der kleine Elefant versucht, zu seiner Mutter zu kommen, die in einem Zirkuswagen eingesperrt ist, und die beiden Tiere sich mit den Rüsseln berühren, ist das schon sehr gefühlsnah produziert. Das kann man zu Recht kritisieren oder mit demselben Recht gut finden.
Alles in allem ist »Dumbo« ein Streifen, der mir gut gefallen hat. Ich würde ihn gnadenlos in die Fantasy-Ecke stecken und ihn weiter empfehlen. Ich bin sicher, dass er auf DVD oder im Fernsehprogramm auch funktioniert – die Drei-D-Effekte im Kino mochte ich allerdings sehr.
11 April 2019
Tierfreundlicher Arbeitsplatz am Ort
Seit an den Arbeitsplätzen des Verlages, in dem ich tätig bin, ein eindeutiges Rauchverbot herrscht, sind die Raucherinnen und Raucher gezwungen, ihrer Sucht an der frischen Luft nachzugehen. Das Privileg, immer mal wieder fünf bis zehn Minuten eine kommunikative Pause einzulegen, wird rege genutzt. Der Verlag stellte irgendwann sogar Behälter für die Asche und die Glut im Hof auf.
Doch das bringt Probleme mit sich. Offenbar hat die Tierwelt in Rastatt ihre eigenen Pläne mit Aschenbechern. Das wiederum führt zu Einschränkungen für die Raucher: Manche Aschenbecher sind auf einmal nicht mehr zugänglich.
Ich bin gespannt, wann sich die ersten beschweren. »Vögel hindern uns am Rauchen«, oder so. Ich find's witzig.
Doch das bringt Probleme mit sich. Offenbar hat die Tierwelt in Rastatt ihre eigenen Pläne mit Aschenbechern. Das wiederum führt zu Einschränkungen für die Raucher: Manche Aschenbecher sind auf einmal nicht mehr zugänglich.
Ich bin gespannt, wann sich die ersten beschweren. »Vögel hindern uns am Rauchen«, oder so. Ich find's witzig.
Ichsucht aus Hamburg
Es gab mal eine Zeit, da kannte ich buchstäblich jede Deutschpunk-Band; das ist ja leider lange her. Umso begeisterter bin ich, wenn ich dann eine Platte wie die »Tristesse« von Ichsucht höre und merke, dass es immer noch kämpferischen und zugleich melodischen Deutschpunk gibt. Die Platte kam bereits 2014 heraus, verantwortlich dafür ist das Label Riot Bike Records aus Hamburg, das eine Reihe von neuen und interessanten Bands präsentiert.
Was Ichsucht machen, ist schneller Punkrock mit einer knalligen Grundnote. Die Sängerin hat eine klare Stimme, im Hintergrund hört man ab und zu die Männer der Band als Chor; die Stücke sind schnell, wenngleich sie kein rasendes Tempo erreichen, und sie gehen nach einiger Zeit gut ins Ohr. Es ist allerdings kein Ohrwurm-Melodiepunk, den man nach dem ersten Mal gleich mitsingen kann, dafür sind die einzelnen Lieder dann doch zu kratzig und zu widerspenstig.
Textlich fährt man eine klare Linie, konsumkritisch, szenekritisch, politisch und eindetig gegen die kranken Zustände der bundesrepublikanischen Gesellschaft. »Gedankenloser Einkaufswahnsinn wird rücksichtslos beworben«, heißt es in dem Stück »Konsument«, und: »Den Frust an den Schuhsohlen, Shoppingmeilen, Plastikhorden.«
Die zwölf Stücke sind allesamt gelungen und belegen für mich, dass es nach wie vor guten Punk aus deutschen Landen gibt. Ich habe mir die Langspielplatte gekauft, die auch ein schön gestaltetes Textblatt und sogar einen Aufnäher enthält (sie ist auf 500 Exemplare limitiert); man kann sich die Band natürlich ebenso digital anhören.
Was Ichsucht machen, ist schneller Punkrock mit einer knalligen Grundnote. Die Sängerin hat eine klare Stimme, im Hintergrund hört man ab und zu die Männer der Band als Chor; die Stücke sind schnell, wenngleich sie kein rasendes Tempo erreichen, und sie gehen nach einiger Zeit gut ins Ohr. Es ist allerdings kein Ohrwurm-Melodiepunk, den man nach dem ersten Mal gleich mitsingen kann, dafür sind die einzelnen Lieder dann doch zu kratzig und zu widerspenstig.
Textlich fährt man eine klare Linie, konsumkritisch, szenekritisch, politisch und eindetig gegen die kranken Zustände der bundesrepublikanischen Gesellschaft. »Gedankenloser Einkaufswahnsinn wird rücksichtslos beworben«, heißt es in dem Stück »Konsument«, und: »Den Frust an den Schuhsohlen, Shoppingmeilen, Plastikhorden.«
Die zwölf Stücke sind allesamt gelungen und belegen für mich, dass es nach wie vor guten Punk aus deutschen Landen gibt. Ich habe mir die Langspielplatte gekauft, die auch ein schön gestaltetes Textblatt und sogar einen Aufnäher enthält (sie ist auf 500 Exemplare limitiert); man kann sich die Band natürlich ebenso digital anhören.
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