05 November 2026

Pogo zu Antiseen

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte« 

Ob man die amerikanische Band Antiseen nun in die Punkrock-Kiste packen will oder das Ganze eher als Rock’n’Roll oder sonstwie Rock-Musik bezeichnet, ist ziemlich egal: Im März 1992 spielte die Band in Schorndorf, und für mich waren die langhaarigen Typen auf der Bühne sehr »punkig«, auch wenn sie weder bunte Haare hatten noch nach einem Punkrock-Klischee aussahen.

Der Sound war rüpelig und ruppig zugleich. Es klang, als hätte man die guten alten Ramones genommen und auf einen schnelleren Zug gesetzt, den man mit ordentlich Gestank geimpft hätte. Das knallte und schepperte, das war laut und bassig, das klang nicht fröhlich, sondern immer böse und aggressiv.

Entsprechend trat vor allem der Sänger auf. Er stand stoisch da, bewegte sich kaum und brüllte ins Mikrofon. Dazu hatte er eine Art Waschbrett in der Hand, mit dem er sich gelegentlich selbst ins Gesicht schlug. Nach einiger Zeit blutete er aus der Stirn, was ihn nicht davon abhielt, sich weiter zu schlagen. Blut lief, aber das störte ihn nicht; er brüllte voller Aggression weiter in sein Mikrofon.

Für das Publikum war das verwirrend und faszinierend zugleich. Weil die Band zu der Zeit recht angesagt war, hatten sich vielleicht 200 Besucher eingefunden, der größte Teil davon war eher so »Indie«-Publikum. Diese Leute standen da, starrten auf die Bühne und bewegten sich minimal. »Die sind damit beschäftigt, cool auszusehen«, sagte einer meiner Bekannten.

Wir waren vielleicht ein Dutzend Leute aus der Punk-Szene und sorgten durch wilden Stiefel-Pogo dafür, dass sich ein ordentlicher Halbkreis vor der Bühne bildete. Die Band schien das nicht zu beeindrucken, wie sie sowieso wenig Interesse an Interaktion mit dem Publikum hatte.

Alles in allem war’s ein Konzert, das mir gut in Erinnerung blieb. Nicht nur wegen des blutenden Antiseen-Sängers und des wütenden Sounds, sondern ebenso wegen des lahmen Publikums und unserem bösartigen Pogo-Mob.

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