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15 Juni 2026

Der Abschluss für den Commissario

Über Jahrzehnte hinweg war der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri eine verlässliche Größe nicht nur für den deutschen Buchhandel. Er schrieb Kurzgeschichten und Essays, Krimis und historische Romane; seine Werke wurden hierzulande bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht. Besonders beliebt war vor allem seine Serie um den Commissario Montalbano, der in Sizilien ermittelt, der eigentlichen Heimat des Schriftstellers.

Im Alter von über neunzig Jahren starb der Autor erst vor einiger Zeit. Und 2025 wurde dann auch sein letzter »Montalbano«-Roman veröffentlicht. Er trägt den Titel »Riccardino«, fällt damit völlig aus dem Rahmen – die Serie zeichnete sich immer durch eher poetische Titel aus – und unterscheidet sich inhaltlich von den anderen Werken der Serie. Man kann ihn problemlos ohne Vorkenntnisse lesen, aber wer sich in der »Montalbano«-Welt auskennt, hat natürlich die größere Freude.

Spannend bei alledem ist: Den Roman verfasste Camilleri schon vor vielen Jahren; er verfügte, dass er nach seinem Tod und als letzter Band der Serie veröffentlicht werden sollte. Ohne auf die Details der Handlung eingehen zu wollen: Es gibt für diese Entscheidung einen inhaltlichen Grund – gleichzeitig sorgt dieser Grund dafür, dass »Riccardino« mehr ist als »nur« ein Kriminalroman, sondern streckenweise ein doppelbödiges Spiel mit der Literatur.

Die eigentliche Krimi-Handlung ist geradezu typisch. Commissario Montalbano hat es mit einem verworrenen Fall zu tun, während er wieder in einem Konflikt mit seinen Vorgesetzten steckt. Die üblichen Streitereien mit Kollegen und Vorgesetzten gehören zu dieser Serie dazu, und das gilt auch für den letzten Roman. 

Sie werden allerdings durch einen Umstand gesteigert, der früher nicht dabei war: Mittlerweile gibt es eine Serienverfilmung, und der reale Montalbano wird ständig mit dem Schauspieler verglichen, der deutlich jünger und agiler als er selbst ist. Das sorgt für zusätzliche Spannung und auch amüsante Konflikte.

Der Autor setzt noch eine weitere Ebene auf die Handlung drauf: Er selbst spielt mit. Montalbano telefoniert mit seinem Schöpfer. Der Commissaro hadert mit seiner Rolle, die ihm der Autor vorgibt, und er hat Probleme mit der Darstellung des Schauspielers, er steckt also in einer mehrfachen Identitätskrise. Das wiederum macht den Roman ausgesprochen originell.

Ich mochte »Riccardino« deshalb sehr, weil es eben kein typischer »Montalbano«-Roman ist, sondern über den Horizont dieser Serie hinausreicht. Der Autor spielt mit seiner Figur, und er spielt mit den Erwartungen des Lesers – damit ist der Roman ein literarisches Verwirrspiel mit verschiedenen Erzählebenen, das auch Leute interessieren sollte, die sonst kein großes Interesse an Krimis haben.

Gut erzählt ist der Roman allemal, unterhaltsam ist er sowieso. Wen ein origineller Roman mit verschiedenen Identitäten einer Hauptperson ansprechen könnte, sollte »Riccardino« zumindest mal anschauen. Auf der Internet-Seite des Verlags steht unter anderem eine Leseprobe zur Verfügung.

Erschienen ist der Roman als Hardcover mit Schutzumschlag bei Bastei-Lübbe. Er umfasst 304 Seiten und kostet 25,00 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-7577-0099-7 kann man ihn überall im Buchhandel kaufen; die E-Book-Version kostet derzeit 9,99 Euro. 

(Diese Rezension kam bereits im April 2026 auf der Internet-Seite von PERRY RHODAN. Hier wiederhole ich sie aus dokumentarischen Gründen.)

08 Oktober 2025

Ein »Montalbano«, der keiner war

Ich mag die Reihe der »Montalbano«-Krimis, die der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri verfasste. Der Autor ist bereits vor einigen Jahren verstorben, aber nach wie vor erscheinen neue Romane von ihm in deutscher Sprache – Bastei-Lübbe hinkt der Veröffentlichung einfach einige Jahre hinterher. Dass dabei auch Romane herauskommen, die nicht so gelungen sind, belegt »Die Mission des Kochs«, der 2024 in den Handel kam.

Es ist kein typischer Roman um den häufig griesgrämigen Ermittler aus Sizilien, wie der Autor in seinem Nachwort erläutert. Der Roman basiert auf einem Konzept, das Camilleri für einen Kinofilm geschrieben hatte. Weil dieser nie verwirklicht wurde, machte er daraus eben einen »Montalbano«-Roman – der ist natürlich unterhaltsam und lässt sich leicht lesen, strotzt aber in einem Maß von Übertreibungen, dass einem die Lektüre schon ein bisschen schwer werden kann.

In der wilden Räuberpistole gibt es allerlei Verwicklungen und Ränkespiele. Montalbano wird in den Zwangsurlaub versetzt, sein Kommissariat offiziell aufgelöst, dann wird er ebenfalls offiziell entlassen. Das alles dient nur dazu, um auf die Spur eines Schiffes zu kommen, auf dem sich internationale Bosse treffen.

Das FBI spielt eine wesentliche Rolle; attraktive Frauen und Drogenhändler sind mit von der Partie ... am Ende hätte eigentlich nur noch ein Raumschiff gefehlt, das die Geschichte »abgerundet« hätte.

Wie eingangs erwähnt: Unterhaltsam ist die Geschichte dennoch; die Figuren aus den anderen »Montalbano«-Romanen spielen schließlich wichtige Rollen, und der dauernde Streit mit Vorgesetzten oder Journalisten gehört einfach dazu. Innerhalb der gesamten Reihe handelt es sich bei »Die Mission des Kochs« aber ganz eindeutig um ein Werk, das schwach ausfällt und das man nur als Fan lesen sollte. Leider ...

07 Mai 2025

Ein Literatur-Krimi im besten Sinn

Zu den ungewöhnlichsten Krimis, die ich in den vergangenen Jahren lesen konnte, zählt »Die Seele aller Zufälle«. Es ist der zweite Band einer kleinen Serie, was ich erst erkannte, als ich zu lesen begonnen hatte – aber man kommt sehr gut in die Geschichte hinein. Es gibt so gut wie keinen Fortsetzungscharakter, auch wenn es einige Hinweise auf den ersten Band gibt.

Die Hauptfigur ist ein gewisser Vince Corso, und er geht einem ungewöhnlichen Beruf nach. Er versteht sich als Bibliotherapeut – zu ihm kommen Menschen mit ihren Nöten, und er hilft ihnen unter anderem damit, dass er ihnen die richtige Literatur für ihr Leiden verspricht. Das klingt an dieser Stelle sicher sehr ungewöhnlich, wird im Roman aber glaubwürdig dargestellt. Als eine Frau auftaucht, die ihn eher als Detektiv beschäftigen will und nicht als Therapeuten, begibt sich Corso auf die Spur … er muss ein literarisches Rätsel lösen.

»Die Seele aller Zufälle« ist ein Roman, der sich nicht an die Regeln eines Krimis hält. Es gibt praktisch keine Action, die Polizei spielt so gut wie keine Rolle. Erzählt wird von einem Rätsel, und dessen Lösung ist in Büchern verborgen. Die werden dann ausgiebig zitiert, und auf sie wird hingewiesen.

Wer sich für Literatur interessiert, kommt in diesem Roman auf seine Kosten. Fabio Stassi zitiert viele italienische Autoren, von denen ich teilweise noch nicht einmal die Namen kannte,bringt aber auch deutschsprachige Autoren wie Franz Kafka oder Elias Canetti ins Spiel. Es wird ausgiebig zitiert, und man bekommt den Eindruck, es mit einem selten belesenen Autor zu tun zu haben.

Übrigens ist der Roman auch politisch. Er spielt in Rom, und es geht unter anderem um Migranten und deren Stellenwert in einer Gesellschaft, die immer rassistischer wird. Die einzige Action-Szene, sofern man das so nennen kann, ist dann auch eine Demonstration, die außer Kontrolle gerät und von der Polizei angegriffen wird.

Ich mochte »Die Seele aller Zufälle« sehr. Die Lektüre ist nicht immer einfach, und spannend ist das Buch nur in Maßen. Aber es steckt voller lesenswerter Details, die mir Freude bereitet haben.

Erschienen ist das Buch als Hardcover in der Edition Converso. Die sitzt in Karlsruhe, und ich stellte schamhaft fest, dass ich von diesem literarischen Verlag zuvor nie gehört hatte … Seit ich das weiß, habe ich mir vorgenommen, mehr von ihnen zu lesen – das Verlagsprogramm sieht interessant genug aus.

12 Februar 2025

Sehr kurze Tiergeschichten

Bekannt geworden ist der italienische Autor Andrea Camilleri vor allem durch seine Romane um den Commissario Montalbano. Sie verkaufen sich in vielen Ländern erfolgreich, sie wurden mehrfach verfilmt. Daneben schrieb der 2019 verstorbene Schriftsteller aber auch Kurzgeschichten und Romane, die alle möglichen Genres abdecken. Zuletzt las ich von ihm »Rendezvous mit Tieren«, eine Sammlung von Kurzgeschichten.

Es sind lockere Geschichten, die der Autor in einem plaudernden Ton erzählt. Sie spielen in seinem Landhaus in der Toskana, in einem Zoo oder in einem privaten Gelände. Sie handeln von Katzen, von einer Tigerdame, von Papageien und Hunden. Sie erzählen von Tieren, die im Haus des Schriftstellers leben, und von Tieren, die er anderswo antrifft.

Die Geschichten sind vor allem sehr menschlich. Camilleri zeigt die Beziehungen zwischen den Tieren und den Menschen in einer sehr angenehmen Art. Wie integriert sich eine Schlange in einen Haushalt? Wie kann eine schwächliche Katze zum Mittelpunkt einer Familie werden? Und wie begrüßt eine Tigerdame im Zoo einen neugierigen Besucher?

Zu den Geschichten gibt es nette Illustrationen, so dass der Eindruck eines unterhaltsamen Lesebuches entsteht. Machen wir uns nichts vor: Das ist ein Buch für Fans. Wer Camilleri noch nicht so gut kennt, wird es vielleicht lahm finden.

Ich mochte es sehr – und wer nach einem Kontrastprogramm für die Montalbano-Krimis sucht, wird mit schönen Kurzgeschichten belohnt, die sich immer mal wieder angenehm lesen lassen.

13 März 2024

Der Commissario altert

Ein toter Mann wird aufgefunden, ganz offensichtlich ein Mordopfer. Commissario Montalbano und sein Team beginnen mit ihren Ermittlungen. Schnell stellt sich heraus: Das Opfer war durchaus wohlhabend und verlieh Geld »auf privater Basis« zu hohen Zinsen an andere Menschen. Zugleich war der Ermordete zu Lebzeiten vom Theater begeistert und brachte mit einer Truppe von Laienschauspielern ambitionierte Stücke auf die Bühne.

Es gibt – so viel lässt sich feststellen – eine Reihe von Kontakten, die für eine Mordtat in Frage kämen. Aber es gibt keinerlei konkreten Hinweise, und so stochert die Polizei im Dunkeln. Für Montalbano, der sich langsam mit der Schauspielerei und einem bestimmten Theaterstück vertraut macht, kommt erschwerend hinzu: Seine Gefühle sind verwirrt, weil seine langjährige Beziehung kriselt und er eine neue Kollegin unglaublich begehrenswert findet ...

Die Rede ist von »Ein tiefer Blick in die Seele«, dem aktuellen Band der »Montalbano«-Serie des italienischen Schriftstellers Andrea Camilleri. Der Autor ist zwar schon verstorben, aber es gibt noch eine Reihe von unveröffentlichten Bänden – die »Montalbano«-Krimis sind immer gut geeignet für eine lockere Unterhaltung, die aber mit deutlichen Spuren von Tiefgang kombiniert wird ...

Im aktuellen Fall ist der eigentliche Mord fast eine Nebensache. Interessanter lesen sich die Verwirrungen des Commissarios und seine Probleme mit den Veränderungen in seinem Leben. Der erfolgreiche Polizist kommt nicht damit klar, dass er älter wird, und er schämt sich nicht nur einmal für die Politik seines Landes.

In solchen Szenen lässt sich feststellen, dass Andrea Camilleri alles andere als ein Autor oberflächlicher Urlaubskrimis war – in seinen Werken ging es immer auch um die Politik und ihre Auswirkung auf die einzelnen Menschen. Diesmal kommt eine philosophische Note hinzu, ausgelöst durch die Diskussion um das Theater und die Figuren, die darin auftreten.

Seien wir realistisch: Wer ein regelmäßiger Leser der »Montalbano«-Serie ist – so wie ich –, wird an diesem Buch seine Freude haben. Wer die Serie bisher nicht kennt, muss nicht unbedingt bei diesem Alterswerk einsteigen; viele Hinweise zur psychologischen Seite des Helden sind ohne Vorkenntnisse nicht so leicht zu verstehen, denke ich ...

(Ich habe mir die Hardcover-Version gekauft. Es gibt natürlich auch ein E-Book. Und mit dem Taschenbuch ist in absehbarer Zeit ebenfalls zu rechnen. Und alles gehört zum Programm von Bastei-Lübbe.)

21 Dezember 2023

Hardcore made in Italien

Ein Blick auf Punkrock-Klassiker – Teil 2

Als ich die italienische Band Negazione zum ersten Mal hörte, war ich hin und weg. Die Energie, die von der Bühne ins tobende – wenngleich zahlenmäßig geringe – Publikum gepfeffert wurde, war unglaublich. Und mit »Lo Spiritua Continua« knallte die Band im Jahr 1986 hinaus, die ihresgleichen suchte. Für mich ist sie eine der wichtigsten Platten des sogenannten Euro-Hardcore.

Bis heute zählt diese Platte zu meinen liebsten Tonträgern. Das Titelstück selbst beginnt behutsam, steigert sich langsam und wird dann zu einem furiosen Gebratze. Es ist nicht so räudig und wüst wie die Stücke der ersten Negazione-Single, sondern hat Melodie und wirkt komponiert. Aber die Energie steckt von Anfang bis Ende drin.

So waren ja auch die Auftritte der Band, bevor sie sich im Metal quasi auflöste: Sie waren turbulent, die unglaubliche Energie der Band ließ sich auf Platte kaum vermitteln. 

Trotzdem ist und war »Lo Spiritua Continua« ein echter Hit der Band ...

22 November 2023

Schmales Buch mit historischem Inhalt

Man kann nicht behaupten, dass im deutschsprachigen Raum über die Zeit des Faschismus in Italien viel bekannt ist. Da kommt mir ein Büchlein wie »Die Inschrift« gerade recht. Es stammt von Andrea Camilleri, dem italienischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Krimis um den Commissario Montalbano bekannt geworden ist.

»Die Inschrift« spielt im Jahr 1940, kurz nachdem Italien offiziell an der Seite der Deutschen in den Weltkrieg eingetreten war. In dem sizilianischen Ort, in dem auch die Montalbano-Romane spielen, kommt es zu einer Konfrontation im Haus des Vereins »Faschismus und Familie«, an dessen Ende ein alter Mann tot auf der Erde liegt. Er gilt als Held des Faschismus, er wird geehrt, seine junge Witwe erhält eine Rente, und eine Straße wird nach ihm benannt. Doch dann tauchen Fragen auf …

Camilleris Novelle erschien als Hardcover-Bändchen bei Kindler, extrem großzügig gesetzt und somit echt nur für beinharte Fans interessant. Es sind keine 80 Seiten, und die werden durch reichlich »leere« Seiten sehr luftig präsentiert. Ich las das sehr gern und werde das Büchlein sicher mal wieder lesen – aber …

Dabei lohnt sich die Lektüre durchaus: Der Autor zeigt die bizarren Seiten des Faschismus mit einem augenzwinkernden Humor, der viel Freude macht. Es ist eine Satire auf eine düstere Zeit und verrät mehr über die Jahre unter dem »Duce« wie manch dickleibiges Werk.

Als »historischer Roman« taugt das nichts, es ist letztlich eine gelungene Erzählung, verfasst von einem meisterhaften Autor. Und Fans wie ich mögen das …

19 Juli 2023

Waffenschmuggler und Herzensbrecher

Dass der sizilianische Erfolgsautor Andrea Camilleri zeit seines Lebens in seinen Romanen nicht nur seine eigene Heimat »verarbeitete«, sondern stets auch politische Themen verhandelte, ist allgemein bekannt. Die Mischung aus realistischer Schilderung alltäglicher Probleme sowie Kriminalfällen dürfte auch zu seiner Beliebtheit beigetragen haben. Der aktuelle Roman zeigt das sehr deutlich.

In seiner Heimat erschien »Die Spur des Lichts« bereit 2012: Die Welle von Flüchtlingen, die versuchen, über das Mittelmeer in eine bessere Zukunft in Europa aufzubrechen, hatte bereits angefangen; der sogenannte arabische Frühling beschäftigte die Bevölkerung in den nordafrikanischen Staaten. Sizilien stand als südlicher Teil der Europäischen Union immer in direkter Nähe der Krisenregion.

Liest man den Roman heute – er wurde 2017 von Bastei-Lübbe veröffentlicht –, wirkt er in mancherlei Hinsicht wie ein Vorbote auf darauf folgende Ereignisse.

Das bezieht auch Commissario Montalbano ein. Vordergründig geht es um einen Raubüberfall und seine Folgen. Parallel ist Montalbano auch in Sachen Frauen wieder einmal in allerlei Komplikationen verwickelt. Und im Hintergrund geht es um Flüchtlinge und die daraus abzuleitenden Probleme: Die Mafia und private Machtmenschen kochen ihre eigene Suppe, die Menschen in ihrer Not werden von verschiedenen Seiten bedroht und missbraucht.

In diesem Roman gibt es die üblichen Montalbano-Spielchen: lustige Dialoge mit den Kollegen, leckeres Essen daheim und im Restaurant, eine kleine Prise Philosophie und einige Anmerkungen zur Politik in Sizilien. Das konnte Camilleri einfach, und das zeigt dieser Band, der innerhalb der Serie recht durchschnittlich ist: keiner der Höhepunkt, aber definitiv nicht schlecht.

»Die Spur des Lichts« ist der neunzehnte Band der Serie. Man kann ihn ohne jegliche Vorkenntnisse lesen – aber natürlich ist es immer interessanter, einige der bisherigen Romane zu kennen, denn nur dann lassen sich manche Dialogsätze des Helden besser einordnen.

Wer bisher keinen »Montalbano«-Krimi kannte, wird trotzdem keine Schwierigkeiten haben: Die Geschichte ist leicht verständlich, sie »flutscht« geradezu, und sie liefert schöne Einblicke in die Lebenswelt von Sizilien.

22 Juni 2023

Mouse Blasters zwischen Grunge und Hardcore

Anfangs bis Mitte der 90er-Jahre wurde allerlei Musik als Punk oder Hardcore vermarktet, die man eigentlich nur mit Mühe in die jeweiligen Schubladen stecken konnte. Kein Wunder: Krachige Klänge waren eine gewisse Zeit lang so modern, dass sie viele Leute ansprachen; nicht nur Nirvana hatten für viele andere Bands die Türen geöffnet.

Deshalb verwundert es mich kaum, dass eine Band namens Mouse Blasters in der Hardcore-Schublade steckten. Was die fünf langhaarigen Männer aus dem Großraum Turin machten, konnte man eher als eine Mixtur aus Grunge und Indie-Rock betrachten, meinetwegen noch mit einem Schuss Hardcore; vom Hardcore-Punk italienischer Prägung waren sie allerdings recht weit entfernt.

Ihre EP »Strange Reaction«, die auf einem eher unbekannten deutschen Label namens Unique Records veröffentlicht wurde, ist dafür sehr typisch: Die Stücke sind eher lang und ein wenig zäh, die englischsprachigen Texte wirken kryptisch, und unterm Strich ist es eine Platte, die höchstens noch als Zeitdokument etwas taugt.

29 März 2023

Wilde Dreharbeiten und eine seltsame Mauer

Ich mag die Geschichten um den Commissario Montalbano, die der sizilianische Schriftsteller Andrea Camilleri über viele Jahre hinweg verfasste. Zuletzt las ich den Roman »Die Botschaft der verborgenen Bilder«, der zu Beginn des Jahres 2023 in deutscher Sprache erschienen war.

Wie es bei manchen der Montalbano-Bände durchaus üblich ist, gibt es wieder einen skurrilen Hintergrund, vor dem gewissermaßen die Ermittlungen ablaufen. Der Hintergrund sind Dreharbeiten: Ein schwedisches Team ist in der Stadt, um einen Film zu drehen, der in der Vergangenheit spielt.

Dieser Blick in die Jahrzehnte wiederum löst in einem Mann allerlei Erinnerungen auf, und er schaut sich alte Schwarzweiß-Filme an. Das wiederum führt zu Ermittlungen und zum Stochern in einem halb vergessenen Fall …

Seien wir ehrlich: Der eigentliche Kriminalfall oder die Verkettung von Fällen sind nicht so wichtig bei diesem Roman. Er zeigt Montalbano in seinem sozialen Umfeld, er schildert die Beziehungen zwischen ihm, seinen Kollegen und seiner Freundin, und er macht immer wieder klar, wie moralisch die Figur eigentlich ist.

In einer Passage macht sich Montalbano beispielsweise seine Gedanken über die Flüchtlinge, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen und oft in Sizilien an Land gehen. Seine Abneigung gilt den Mächtigen und der Mafia – häufig identisch –, sein Mitgefühl gilt den »kleinen Leuten« und den Menschen am Rand der Gesellschaft.

Am Ende sind natürlich alle Probleme gelöst, die Filmleute ziehen ab, und die kleine sizilianische Stadt kann weiterhin so quirlig bleiben, wie sie ist. Das alles schildert Camilleri in unterhaltsamer und gleichzeitig klarer Weise. Manche Dialoge sind lustig, andere sind sehr ernsthaft; immer wieder gibt es Szenen voller Wehmut und Melancholie.

Auch wenn »Die Botschaft der verborgenen Bilder« sicher keiner der besten Montalbano-Romane ist, hat er doch wunderbar unterhalten. Bewundernswert, wie der – damals schon alte – Schriftsteller noch zu arbeiten vermochte, auch wenn er diesen Roman schon nicht mehr schreiben konnte, sondern diktieren musste.

08 März 2023

Trotz des Klamauks ein spannender Fall

Weil sich zwei Männer am Badestrand vor seinem Haus prügeln, mischt sich Commissario Montalbano in die Schlägerei ein. Und weil die normalen Streifenpolizisten drei Männer dabei ertappen, wie sie sich prügeln, wird der Ermittler gleich mal verhaftet: Alle sind in Badekleidung, und er kann sich nicht ausweisen … Während er in der Polizeiwache sitzt und die peinliche Situation zu entschärfen versucht, schlägt seine Haushälterin einen harmlosen Besucher nieder, weil sie ihn für einen Einbrecher hält.

So skurril und durchaus witzig beginnt der Roman »Das Karussell der Verwechslungen«. Verfasst wurde der Krimi von Andrea Camilleri, und der italienische Bestsellerautor lässt seine Leser wieder einmal intensiv am Leben in Sizilien teilnehmen. Sein Commissario isst gern, er geht am Strand spazieren, er schlägt sich mit seinen teilweise unfähigen Vorgesetzten und Mitarbeitern herum, und nebenher versucht er einen Fall zu lösen.

Das Erstaunliche ist ja: Obwohl dieser Roman so randvoll mit Klamauk steckt und obwohl es so viele Gags enthält, die vor allem die Stammleser erheitern dürften, ist die Kriminialgeschichte doch recht trickreich und vor allem sehr unterhaltsam. Drei junge Frauen werden nacheinander entführt und dann wieder freigelassen, die ersten zwei, ohne dass ihnen ein Haar gekrümmt wird, die dritte durch Messerstiche verletzt. Dann wird eine männliche Leiche gefunden, in Folie eingewickelt und in einem leerstehenden Gebäude abgelegt.

Das alles hängt zusammen, die Polizei ermittelt fieberhaft. Es werden Gespräche geführt, und am Ende findet sich auch ein Schuldiger – nach den üblichen falschen Fährten.

Seien wir fair: Wer Montalbano-Krimis mag – dazu zähle ich ja durchaus –, wird seine Freude an dem Werk haben, selbst wenn es zu den schwächeren Büchern der Serie zählt. Alle anderen sollten mit einem der früheren Montalbano-Romane anfangen …

30 November 2022

Späte Aufklärung eines fiesen Dramas

In Sizilien sind die Sommer oftmals schrecklich heiß. Die Menschen schwitzen, sie können kaum vernünftig arbeiten, viele einfach nicht denken. Vor allem im August ist während der Tageshitze fast nichts mehr möglich. Das ist der Ausgangspunkt für den Roman »Die schwarze Seele des Sommers«, den der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri verfasst hat.

In einem Schrankkoffer wird die Leiche eines 16 Jahre alten Mädchens gefunden; der Mord liegt einige Jahre zurück. In drückender Hitze muss die Polizei ermitteln; Spuren gibt es nur wenige, und viele Beteiligte halten den Mund. Schnell verdächtigt man einen bekannten Mitbürger, aber es mangelt an Beweisen. Commissario Montalbano, der den Mord immer persönlicher nimmt, beginnt mit einem riskanten Spiel …

In seinen Romanen um den Ermittler Montalbano geht Andrea Camilleri selten den einfachen Weg. Häufig lässt er seine Romane ganz locker beginnen, führt die Figuren ein, erzählt ein wenig vom Drumherum, um dann nach einiger Zeit mit den fiesen Szenen zu kommen. Das ist bei diesem Roman nicht anders.

Vor allem am Anfang geht es um den Sommer und um Beziehungen. Eingebettet ist alles in eine familiär-lustige Geschichte, die nebenbei verrät, wie in Sizilien der Hausbau betrieben wird – da wird halt auch mal beinhart betrogen und auf eine Amnestie gehofft. Dann schmeißt sich eine unglaublich attraktive junge Frau an den Commissario ran, und es dauert seine Zeit, bis der Autor seinen Lesern einige Zusammenhänge darlegt.

Letztlich kommt »Die schwarze Seele des Sommers« nicht ganz ohne die Mafia und ihre Machenschaften aus. Aber vor allem ist es ein Krimi, in dem es um menschliche Verfehlungen und Niedertracht geht.

Dass am Ende ein frustrierter Montalbano zurückbleibt, passt nicht so ganz zum Klischee eines gemütlichen Romans, macht die packende Geschichte irgendwie aber sehr »rund« …

23 November 2022

Zwei Nächte in Marseille

Die Romane des italienischen Schriftstellers Gianrico Carofiglio mag ich seit Jahren. Der Autor aus Bari veröffentlichte verschiedene Krimis, in denen er immer wieder die Mafia thematisierte. Kein Wunder: Carofiglio hat sich als Staatsanwalt häufig mit dem organisierten Verbrechen auseinandergesetzt.

Mit dem Roman »Drei Uhr morgens« legt er aber ein Werk vor, das so gar nichts von einem Krimi hat. Im Prinzip geht es um einen Vater und einen Sohn, die in Marseille auf einer ungewöhnlichen Reise zur Selbsterfahrung sind. Die ruhig erzählte Geschichte zog mich bei der Lektüre immer mehr in ihren Bann – sie ist spannend, ohne auch nur ansatzweise Krimi-Aspekte oder dergleichen aufzuweisen.

Hintergrund für alles ist eine Epilepsie, die bei dem Sohn diagnostiziert wurde. Weil die Spezialisten für diese Krankheit in Marseille sitzen, reisen Vater und Sohn dorthin. Dort muss der Sohn an einem Experiment teilnehmen, das die Ärzte anordnen: Dazu gehört, dass er zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf verbringen muss. Sein Vater beschließt, diese Zeit mit ihm zu teilen, was letztlich bedeutet, dass sie sich gegenseitig wachhalten müssen.

Daraus könnte man eine Klamotte machen, einen skurrilen Roman mit vielen schrägen Begegnungen. Der Autor verzichtet darauf. Er erzählt in einem ruhigen Ton, wie der Jugendliche mit seinem Vater diese Zeit verbringt. Die beiden trinken irrsinnig viel Kaffee, sie gehen stundenlang durch die nächtlichen Straßen, und sie reden.

Das könnte man elend langweilig erzählen, aber der Autor kann halt schreiben. Die Spannungen zwischen Vater und Sohn, die Begegnungen mit anderen Leuten, die Angst vor der Krankheit, das alles vermengt er in einem Erzählreigen, der fasziniert.

»Drei Uhr morgens« ist ein stiller literarischer Roman, der sich leicht lesen lässt und der im Leser nachwirkt. Zwischen all der Genre-Literatur, die ich ansonsten bevorzuge, ist das eine gelungene Abwechslung.

02 November 2022

Der zweite Montalbano-Fall ist klasse

Im Verlauf der Jahre habe ich von den Montalbano-Krimis gut ein Dutzend gelesen. Unterhaltsam waren sie alle. Der sizilianische Autor Andrea Camilleri hat sich mit diesen Romanen ein Denkmal gesetzt; viele Leute mögen die Bücher, sie standen immer wieder auf den Bestsellerlisten.

Zuletzt las ich den zweiten Fall der Serie, der den kryptischen Titel »Der Hund aus Terracotta« trägt. Er beginnt recht gewöhnlich: Ein geflüchteter Mafia-Killer möchte verhaftet werden. Das geschieht auch, und der Killer weist Montalbano auf einen Doppelmord hin, der fünfzig Jahre zurück liegt. Damit löst er eine Reihe von Ermittlungen aus, die sehr verwickelt sind und ungewöhnliche Themen miteinander verknüpfen.

Ich will an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen; der Roman ist vielseitig und erweist sich als ein echter Krimi. Das ist bei einem Montalbano-Band nicht unbedingt üblich; da der Autor immer gern ironische Seitenhiebe auf die Polizei und auch die italienische Kultur austeilt, arten manche Szenen seiner Romane in Klamauk aus. Manche Montalbano-Romane enthalten mehr Klamauk als Krimi.

Bei diesem Werk bringt der Autor auch noch arabisch-muslimische Einflüsse unter, gleichzeitig spielt die Mafia mit all ihrer Brutalität eine Rolle. Die Landung der Alliierten in den Jahren 1942 und 1943 ist ein wesentlicher Hintergrund für einen Doppelmord – und das alles gehört zusammen und sorgt so für einen Roman mit viel Kultur und viel Geheimnis.

Ganz nebenbei ist »Der Hund aus Terracotta« also ein Streifzug durch die sizilianische Kultur und Geschichte, vor allem erzählt der Krimi aber eine höchst tragische Geschichte, die im Leser nach der Lektüre ein wenig nachwirkt. Ein echt guter Roman, der wieder einmal belegt, dass Andrea Camilleri bei allem Klamauk und aller Satire eben auch die melancholischen Teile seiner Geschichten hervorragend beherrscht.

Sehr spannend, sehr gut!

26 Oktober 2022

Kurzer Moment der Erkenntnis

Die Piazza della Bors war ein von der Sonne aufgeheizter Platz, an dessen einem Rand sich der Verkehr vorüberquälte und an dessen anderer Seite die Menschen so schnell wie möglich in die schmaleren Straßen und damit in den Schatten eilen konnten. Es war am frühen Nachmittag an diesem Tag im August, und die Hitze in Triest schien immer noch zuzunehmen.

Trotz der hochsommerlichen Temperaturen gefiel mir Triest sehr gut. Die Hafenstadt zeigte sich an diesem Tag von ihrer schönen Seite: viele alte Gebäude, zahlreiche Cafés und kleine Läden, Mengen von gutgelaunten Menschen auf der Straße. Wenn ich mich in den schmalen Straßen aufhielt, kam ich mit den Temperaturen sogar gut klar; dort ging ein Wind, der zwar ziemlich warm war, aber ein wenig Kühlung verschaffte.

Als mir ein großer Mann entgegenkam, hätte ich ihn eigentlich nicht beachtet. Er schwitzte, sein runder Kopf glänzte feucht und schimmerte in einem ungesunden Rot. Der graue Haarkranz, der eine rötliche Glatze einsäumte, klebte auf der Haut. Auch das T-Shirt, das er recht figurbetont auf dem rundlichen Körper trug, schien mit der Haut verwachsen zu sein.

Trotzdem erkannte ich das Motiv, es zog meinen Blick geradezu an. Es war der Schriftzug der englischen Punkrock-Band THE CLASH, eine der Bands, die ich schon seit Jahrzehnten liebte. Von Clash hatte ich mehrere Platten, ich hatte mir sogar Aufnahmen von Live-Konzerten besorgt, die belegten, dass die Band live wesentlich ruppiger und »punkiger« war als auf den offiziellen Vinylscheiben.

Ich war entsetzt. Wir schrieben 2022, 45 Jahre nach dem »Punkrockjahr« 1977, und der Punkrock wurde an diesem Tag von einem weißen Mann mit dickem Bauch und grauem Haar verkörpert. Was war aus Punk geworden? Wohin hatte es diese ehemalige Revolte wütender Jugendlicher getrieben? Ich ging weiter, schüttelte in Gedanken den Kopf und machte, dass ich wieder in den Schatten kam.

Dann blieb ich stehen. Ein Moment der Selbsterkenntnis überflog mich.

Ich war auch weiß, ich ging ebenfalls stramm auf die sechzig zu, ich hatte Haare mit vielen grauen Stellen, und mein Bauch war weit davon entfernt, ein »Sixpack« zu sein. Jemand, der 20 oder 30 Jahre alt war, würde mich genauso alt und optisch daneben finden wie den Typen, den ich gerade in Gedanken belächelt hatte.

Diesmal schüttelte ich nicht nur in Gedanken den Kopf. Ich drehte mich um, sah den dicken Mann mit dem schwarzen T-Shirt nicht mehr. Niemand sah mehr so aus wie vor zehn, zwanzig, dreißig oder gar vierzig Jahren. Ich schämte mich ein wenig für meinen inneren Spötter.

Sicherheitshalber zog ich meinen Bauch ein wenig ein, bevor ich weiterging …

12 Oktober 2022

Wie mich ein sogenannter Frauenroman packte

Der unglaubliche Erfolg der Neapolitanischen Saga fasziniert mich seit Jahren. Ich bekam mit, wie Elena Ferrantes erster Roman in deutscher Sprache erschien, wie ihn die Kritik bejubelte und ihn die Massen kauften. Ich wurde neugierig, las ihn aber nie. Dass es sich bei »Meine geniale Freundin« um einen sogenannten Frauenroman handelt, schreckte mich tatsächlich ab. Dieser Tage griff ich dann doch danach und war davon sehr gefesselt – die weiteren Bände dieser Saga werde ich auch noch lesen.

Die Geschichte beginnt in einem Arme-Leute-Viertel in Neapel. Zwei Mädchen werden beste Freundinnen. Aus ihrer Sicht erzählt die Autorin von den fünfziger Jahren, von der Gewalt im Viertel, von der Armut und von den Versuchen, sich nach oben zu arbeiten. Die beiden Mädchen werden älter, sie gehen zur Schule, sie entwickeln sich unterschiedlich, und sie bleiben dennoch Freundinnen.

Im Mittelteil des Romans zog sich dieser für mich ein wenig. Ich verlor streckenweise den Überblick, wer denn nun wer ist – immerhin gibt es ein Personenverzeichnis am Anfang, das sehr hilfreich war – und wer mit wem verwandt ist. Nachdem ich mich durch diesen Teil gebissen hatte, fesselte mich der Roman aber stärker.

Am Ende konnte ich mit »Meine geniale Freundin« kaum aufhören und wollte wissen, wie es ausgeht. Um es anzudeuten: Der fiese Cliffhanger am Ende – es sind nur zwei Sätze, wenn man es genau nimmt – brachte mich fast dazu, gleich das nächste Buch der Saga anzufangen.

Die Autorin schafft es, dass man die Figuren sympathisch und unsympathisch findet, sie aber auf ihre Weise zu mögen beginnt. Ich verfolgte gebannt die Entwicklung der Familien, das Entwickeln der ersten Liebe, die Begegnung der Leute aus dem Arme-Leute-Viertel mit den wohlhabenden Menschen, das langsame Aufblühen der Camorra. Geschickt zeigt die Autorin die sozialen Entwicklungen, ohne unangenehm den Zeigefinger zu einer moralischen Anklage zu erheben.

Der Stil des Romans gefällt: klare Dialoge, überschaubare Beschreibungen, keine unnötigen Eskapaden und Experimente. Das lässt sich alles wunderbar »weglesen«, was sicher dazu beigetragen hat, dass das Buch ein solcher Erfolg war. »Meine geniale Freundin« ist Lesefutter der besten Art – und sicher ein Roman, das man auch als Mann gewinnbringend lesen kann. (Ein weiterer Beleg dafür, wie blödsinnig der Begriff »Frauenliteratur« ist.)

01 September 2022

Negazione und ihr Meisterwerk

In den 80er-Jahren sah ich Negazione vier- oder fünfmal, so genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren. Die Band aus Italien brachte die kleinen Jugendzentren in Geislingen, Nagold und Reutlingen zum Kochen, sie wurden vom frenetischen Publikum abgefeiert und überzeugten mich live eigentlich immer. Mit ihrer Platte »lo spiritua continua« legte die Band zudem eine Vinylscheibe vor, die ich mir heute noch mit Begeisterung anhören kann (und die’s heute auch digital gibt).

Die Band aus Turin legte damals etwas vor, was ich so bislang kaum kannte. Die Stimme des Sängers war oft an der Grenze zum Kreischen, sie war wütend und punkig, sie strotzte vor Energie. Auch die Band kannte keine Zweifel: Die Stücke sind wuchtig, meist schnell, immer wieder von Tempowechseln unterbrochen und von einer ungeheuren Dynamik, bei der ich auch heute noch durchs Zimmer springen will.

Für die damalige Zeit war das durchaus metallisch. Vor allem die manchmal wütend sägende Gitarre war so im Punk nicht gerade üblich. Die Art und Weise, mit den Stücken überfallmäßig auf die Leser loszustürmen, war aber nicht mit dem einschmeichelnden Gehabe von Metal-Bands zu vergleichen. Negazione waren wütend, und sie ließen diese Wut ungestüm und polternd auf die Zuhörer los. (Das übertrug sich dann auch live und mit voller Energie.)

Keine Ahnung, wie die Platte auf heutige Hörerinnen und Hörer wirkt. Der Hardcore von heute hat sich weiter entwickelt, auch der Punkrock von heute wird meist viel versierter gespielt als in den 80er-Jahren. Negazione steckten in ihrer frühen Phase voll roher Energie – und das bringt dieser Tonträger hervorragend zum Ausdruck!

22 August 2022

Auf der schwimmenden Insel

Auf dem Markusplatz stand ein Clown, der ein Kostüm in grellen Farben trug; die rote Nase und das weiße Gesicht glänzten unter den Strahlen der Mittagssonne, als würden sie sich sofort auflösen. Der Clown hob beide Arme in die Luft, als wollte er eine Rede halten, aber dann erkannte ich, dass er nur die Tauben vertreiben wollte, die in einem dichten Reigen um ihn herumflogen.

Ein anderer Clown näherte sich mit schwankendem Schritt, zu dem ihn seinen knallblauen und völlig überdimensionierten Schuhe zwangen. Er hielt ein Blasinstrument in der Hand, das entfernt an eine Trompete erinnerte, und entlockte diesem allerlei seltsame Geräusche. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Er näherte sich dem anderen Clown, und die beiden begannen damit, sich in einem seltsamen Kreis zu bewegen, als ob sie miteinander tanzen wollten, sich aber nicht auf einen gemeinsamen Schritt einigen könnten.

Wenn ich den Blick von den Clowns hinweg und hinaus auf das offene Meer lenkte, sah ich, dass wir offensichtlich immer mehr an Fahrt gewannen. Venedig hatte längst die Adria verlassen und Kurs auf das offene Mittelmeer genommen. Links von mir wusste ich einzelne griechische Inseln, zu meiner Rechten kam irgendwann vielleicht Sizilien – aber so genau wusste ich das nicht. Es ging eine leichte Brise, die den modrigen Geruch aus den Gassen von Venedig verdrängte.

Warum sich Venedig in Bewegung gesetzt hatte, wusste ich nicht. Ich hatte auch keine Ahnung, was vor meinen Augen gespielt wurde. Ich wusste, dass ich einem Theaterstück beiwohnte und dass die Clowns ebenso dazu gehörten wie ich selbst und die schwimmende Stadt. Alles wirkte auf mich, als habe ein »groß« denkender Autor die Stadt, ihre Bewohner und alle Besucher dazu gebracht, sich auf ein Schauspiel einzulassen, das die bisherigen Dimensionen sprengte.

Auf einmal lief Wasser über den Markusplatz. Jemand rief »Aqua alta!«, viele Leute rannten durcheinander. Ich blieb an meinem Platz und sah weiter den Clowns zu. Sie sprangen weiterhin im Kreis herum, »pitsch patsch!« machten ihre großen Schuhe im Meerwasser, das den Platz überflutete.

In Windeseile errichteten Gruppen von Arbeitern Stege und Bühnen, die sich in gut einem Meter Höhe über dem Markusplatz befanden. Wer sich auf die Stege begab, konnte trockenen Fußes den Platz überqueren. Auch ich stellte mich auf einen solchen Steg, den Blick weiter auf die Clowns gerichtet. Sie blieben im Wasser, ignorierten die Stege.

Bald ging ihnen das Wasser bis zu den Knien, dann bis an den Bauch. Unverdrossen tanzten sie weiter, begleitet vom Tröten des Blasinstruments. »Ihr müsst aufpassen, sonst ertrinkt ihr!«, wollte ich rufen, aber ich konnte nicht.

Was sollte ich tun? Venedig lief voll, vielleicht ging die Stadt endgültig unter. Da wachte ich auf.

06 Juli 2022

Puppenspiele in Sizilien

Was harmlos beginnt, fast schon lächerlich, wird am Ende richtig fies. Der sechzehnte Fall für den Commissario Montalbano ist alles andere als eine »kurzweilige Reise in die charmante mediterrane Welt«, wie es der Werbetext behauptet. Der Roman führt tief in die Abgründe eines gemeinen Mörders und ist gleichzeitig ein Ratespiel für die Leser.

Wobei das Buch wirklich skurril anfängt ... bei der Lektüre von »Das Spiel des Poeten« musste ich mehrfach laut auflachen. Bei einer Hausdurchsuchung wird eine Gummipuppe gefunden, und die Journalisten machen sich über die Polizei lustig. Später taucht eine ähnliche Gummipuppe in einer Mülltonne auf, und die Polizei geht zuerst von einem Mord aus – bis man zu spät bemerkt, dass es sich nicht um eine Leiche handelt.

Andrea Camilleri, der große italienische Schriftsteller, erzählt in diesem Roman anfangs von der Arbeit einer chronisch unterbesetzten Polizei, die sich auch mit der Öffentlichkeit und ihrer Kritik herumschlagen muss. Doch schnell wird aus dem eher lustigen Hin und Her wegen einer Gummipuppe der dramatische Fall einer Entführung: Ein attraktives Mädchen aus armer Familie ist verschwunden, es gibt keine konkreten Hinweise, doch ein unbekannter Mensch schickt seltsame Briefe an den Commissario …

In seiner unnachahmlichen Art führt Camilleri durch die Handlung. Sein Commissario ist ein Genussmensch, der gern isst und trinkt und der mit seinen Kollegen und Untergebenen nicht immer nett umgeht. Das wirkt alles immer locker und lässig, und umso härter trifft einen dann, wie sich der eigentliche Kriminalfall entwickelt.

Dass die Mafia, die bei Camilleris Romane im Hintergrund stets eine Rolle spielt, diesmal nicht auftritt hat, ist folgerichtig – letztlich handelt es sich »nur« um einen Mord. Der aber wirkt, auch wenn keinerlei Grausamkeit geschildert wird, im Leser nach.

»Das Spiel des Poeten« ist ein Roman, den man wieder ohne jegliche Vorkenntnisse lesen und verstehen kann: eine eindrucksvolle Milieuschilderung, verpackt in zeitweise sehr humoristische Dialoge.

27 April 2022

Ein Krimi um Bauarbeiten, Betrug und Mord

Wer sich schon einmal ein wenig mit der Mafia in Italien beschäftigt hat, weiß einigermaßen Bescheid darüber, wie das organisierte Verbrechen dort seine Gelder eintreibt. Längst sind Bauarbeiten ein beliebtes Mittel, um beispielsweise EU-Subventionen in schwarze Kanäle umzuleiten. Zerrüttete Wohnhäuser und schlampig gebaute Straßen sind einige der Folgen davon.

Um andere Folgen geht es in dem Roman »Das Bild der Pyramide«, den ich zuletzt gelesen habe. Der Roman erschien bereits vor gut zwei Jahren als Hardcover-Version – das ist die, die ich besitze – und liegt seit dem März 2022 auch in Form eines Taschenbuches vor. Es handelt sich dabei um den 22. Fall des Commissario Montalbano, der wohl populärsten Figur, die der sizilianische Schriftsteller Andrea Camilleri erfunden hat.

Es geht mit schlechtem Wetter los; ein unaufhörlicher Regen verwandelt Teile von Sizilien in eine Landschaft aus Schlamm. Dadurch werden Bauarbeiten an Straßen und Leitungen unterbrochen, und auf einmal liegt in einer Baustelle eine Leiche. Der Mann ist nur halb bekleidet; es sieht aus, als habe er versucht, mit einem Fahrrad zu fliehen. Doch wie hängt das mit der Baustelle zusammen? Montalbano und seine Kollegen beginnen mit ihren Ermittlungen …

Wie immer handelt es sich bei diesem Krimi um einen abgeschlossenen Fall. Man benötigt keinerlei Vorkenntnisse, um die teilweise recht vertrackte Geschichte zu verstehen. Es ist natürlich amüsant, wenn man die verschiedenen Figuren bereits kennt und weiß, in welcher Verbindung sie jeweils stehen. Wer noch keinen Montalbano-Roman gelesen hat, dürfte aber keinerlei Probleme damit haben, der Handlung zu folgen.

Wieder taucht der Autor tief ein in die sizilianische Welt, die von Mafia-Bündnissen beherrscht wird und in der eine überforderte Polizei versucht, immer wieder dagegenzuhalten. Das eine oder andere Klischee bleibt nicht aus; in diesem Fall ist es etwa eine junge deutsche Frau – natürlich blond! –, die es mit der ehelichen Treue nicht so ernst nimmt …

Das ist flott erzählt, das macht bei der Lektüre viel Spaß, obwohl es um die Mafia geht und zum wiederholten Mal klarwird, wie kaltblütig und hartherzig sie vorgeht. Die 270 Seiten lesen sich wie im Rutsch - das ist als Zwischendurch-Lektüre großartig.