Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
26 März 2021
Mit Blick auf das Hotel
Vor mir erstreckte sich die Hafenrundung von Cala Rajada, dahinter kam die Uferpromenade, die sich nach Süden erstreckte. Wie weit es bis zu dem Hotel war, in das ich mich einquartiert hatte, wusste ich nicht, zwei Kilometer, vielleicht auch drei. Die Küste verschwamm vor meinen Augen, irgendwo vor mir musste sich aber das Hotel erheben.
Das fand ich ansprechend. Ich schrieb, ließ die gelassene Stimmung der fast menschenleeren Kleinstadt auf mich wirken und notierte die Dinge, die mir beim Spaziergang eingefallen waren. Körperliche Bewegung setzte zuverlässig mein Hirn in Bewegung, das hatte ich im Verlauf der Jahre herausgefunden. Wenn ich zwei Kilometer spaziert war, musste ich die Ideen, die ich im Kopf gewälzt hatte, unbedingt aufschreiben, damit ich sie nicht gleich vergaß.
Dass sich ein Mann neben mich stellte, registrierte ich nicht gleich. Er stand auf einmal neben der Bank, die ich allein belegte, und sah auf den Hafen hinunter. Warum setzte er sich nicht einfach auf die Mauer, die aus unbehauenen Steinen errichtet worden war und dem Hafen einen »urigen« Eindruck verlieh? Dort hätte er mich nicht verwirrt.
»Guten Tag«, sagt der Mann zu mir auf deutsch.
Ich sah zu ihm auf. »Guten Tag«, gab ich zurück. Wieso wusste er, dass ich ein Deutscher war? Zwar galt Mallorca als die »Insel der Deutschen«, aber wir schrieben Februar, und die Touristenorte waren noch weitgehend menschenleer.
»Das Buch«, sagte er. Offenbar bemerkte er meinen verwirrten Blick, und er fügte hinzu. »Ich sah das Buch hier, und daraus schloss ich, dass Sie aus Deutschland sind.«
Tatsächlich lag neben mir ein Buch: ein amerikanischer Krimi in deutscher Übersetzung. Ich hatte mich mit Rucksack, Notebook und Buch so auf der Bank ausgebreitet, dass jedem Passanten klar wurde, dass ich allein gelassen werden wollte. Anscheinend klappte das nicht immer.
Ich grinste hilflos. »Na ja, Urlaubslektüre«, gab ich zurück.
Der Mann machte einen freundlichen Eindruck. Ich schätzte ihn auf Ende fünfzig: ziemlich gebräunt, sportlich-kurze Hosen, schneeweiße Turnschuhe, ein Marken-T-Shirt, kurze graue Haare, eine Baseballkappe auf dem Kopf, einer von der Sorte, die im Urlaub viel joggten, um garantiert nicht zuzunehmen.
»Und was schreiben Sie da?«, fragte er und wies auf meinen Bildschirm. Offensichtlich hatte er Redebedarf.
»Eine Mail an meine Frau«, log ich.
»Haben Sie hier WLAN?«
»Sicher nicht. Aber hier kann ich mich sortieren und alles schön aufschreiben. Vom Hotel aus schicke ich die Mail dann ab.«
Er nickte. Meine Antwort schien ihn zu überzeugen und gleichzeitig zu befriedigen. Wir wechselten noch zwei, drei Floskeln, wünschten uns gegenseitig einen »schönen Urlaub«, und er zog ab. Mit energischem Schritt ging er in eine Seitenstraße hinein, die vom Hafen weg und zur Uferpromenade auf der anderen Seite des Ortes führte.
In Gedanken seufzte ich. Lügen mochte ich nicht. Aber ich hätte dem Mann nicht die Wahrheit sagen können. Was hätte ich denn erzählen sollen?
»Ich schreibe gerade über einen Jugendlichen, der von einem Zauberer mit dem Geist eines Wolfes belegt wird und der sich dadurch zu einer Waffe für eine verbrecherische Besatzungstruppe entwickelt.«
Es wäre die Wahrheit gewesen, aber er hätte mich entweder für verblödet oder für gefährlich gehalten.
»Manchmal wird die Welt durch eine Lüge einfach ein bisschen besser«, sagte ich zu mir selbst. Niemand war mehr in meiner Nähe, niemand würde den Satz hören.
Ich blickte in die Ferne. Die Küstenlinie verschwand im Dunst, Möwen flogen kreischend über den Hafen hinweg, es roch nach Salz und Bratenfett. Aus weiter Ferne hörte ich Straßenlärm, jemand hupte.
Dann beugte ich mich wieder über meine Tastatur. Ich musste mich ernsthaft um meinen jugendlichen Helden und seine Probleme kümmern.
25 März 2021
Frisch bei der Wehrmacht
Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«
Es gibt von meiner Familie nur wenige fotografische Dokumente. Einen privaten Apparat besaßen einfache Handwerker und Kleinbauern vor dem Krieg nicht, also gingen sie zu einem Fachgeschäft. So auch meine Vater mit meinen Großeltern: Irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 1943 wurde er von einem professionellen Fotografen abgelichtet – in einer einfachen Wehrmachts-Uniform.
Sonderlich glücklich sieht mein Vater auf diesem Bild nicht aus. Ob er schon ahnte, in welches Gemetzel er ziehen würde? Er hatte sich nicht freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, sondern war verpflichtet worden. Als Angehöriger des Jahrgangs 1925 war er 1943 noch beim bewaffneten Reichsarbeitsdienst in Frankreich. Er erzählte mir, er sei in Besancon eingesetzt gewesen.
Er musste nach Russland, kam an die Rollbahn und zur 78. Sturmdivision. Weihnachten 1943 verbrachte er in einem Schützenloch irgendwo zwischen Smolensk und Orscha. Davon kann dieses Foto natürlich nicht erzählen.
Split zwischen Straßburg und Köln
Die Band Finisterre aus Köln kannte ich schon. Ihr Sound ist wuchtig; die Band hat eine metallische Kante und einen ausdrucksstarken Sänger. Die Texte sind mal in deutsch, mal in englisch, und man braucht natürlich ein Textblatt, um sie zu verstehen. Die Stücke sind weit vom Uffta-Uffte-auf-die-Fresse-Sound vieler Hardcore-Bands entfernt, sondern abwechslungsreich: von ruhigem Geklimper am Anfang bis hin zu Passagen, bei denen ich durch mein Zimmer hüpfen möchte.
Auffallend ist dann noch, wie die Band Geraniüm aus Straßburg ihren Hardcore spielt. Das Stück auf der »G«-Seite der Platte ist sechseinhalb Minuten lang, das geht nicht nur von der Länge her fast in die Richtung von Prog-Rock. Die Stimmung baut sich langsam auf, die Gitarren singen und steigern die Spannung, es dauert echt eine Weile, und dann setzt der prügelnde Hardcore-Sound ein, unter dem sich eine Melodie quasi hervorschält. Vergleiche zu alten Neurosis-Stücken drängen sich da bei mir auf.
Das ist nicht unbedingt der Hardcore, den ich ständig und gern anhören kann – aber ein intensiver Sound, stark gemacht. Die Kollegen aus Köln sind dagegen ein wenig eingängiger. Insgesamt aber eine gelungene EP mit schöner Gestaltung.
24 März 2021
Nicken und Blicken
Ein Autor liebte es, bei seinen Western den Figuren lange Namen zu geben. Damit konnte man gut Zeilen schinden und ohne viel Arbeit einen Roman länger machen. Vor allem auch deshalb, weil man so schnell einen Absatz füllen konnte.
Er nahm Figuren, die Jonathan Waterman oder Joseph O’Mohannan hießen. Und die ließ er gern nicken und blicken, nachdenklich schauen durften sie auch ständig.
»Jonathan Waterman nickte bedächtig und blickte Joseph O’Mohannan an.« Mit so einem Satz füllte man zwei bis drei Zeilen, damit war ein Absatz gefüllt.
Klammheimlich bewunderte ich die effektive Arbeitsweise des Schriftstellers. Gleichzeitig ging er mir damit auf die Nerven: Engagiert wie ich war, versuchte ich solche Formulierungen wegzuredigieren – ohne dass der Roman dadurch zu kurz wurde … Es war eine harte Schule, und ich denke erstaunlich oft und gern an sie zurück.
Social Fiction in der nahen Zukunft
Wilson nimmt einen Studenten als Hauptfigur, aus dessen Sicht er die gesamte Geschichte erzählt. Dieser meldet sich bei einem neuen Persönlichkeitstest einer bislang unbekannten Firma an. Nachdem er den Test absolviert hat, wird er einer sogenannten Affinität zugeordnet, eine Gruppierung also, in die man die Menschen einteilt. Die Idee der Firma ist, Menschen in sogenannte Zweige einzuordnen, damit sie in die Gesellschaft anderer Menschen kommen, mit denen sie kompatibel sind.
Das klingt im ersten Moment sehr abstrakt, hat aber eine starke innere Logik. Die Filterblasen, die Facebook beispielsweise erstellt und in denen man sich innerhalb dieses Social-Media-Universums bewegt, sind nichts anderes als ein direkter Vorläufer für das, was Wilson in »Netzwerk« beschreibt: Menschen gliedern sich mehr oder weniger freiwillig in digitale Netze ein, in denen sie sich künftig bewegen.
Aber natürlich ist das hier kein Sachbuch, sondern ein Roman. Und Wilson ist ein Autor, der bewusst Dinge weglässt, wenn er einen Roman verfasst. »Netzwerk« ist ein sehr gutes Beispiel dafür.
Der Autor interessiert sich beispielsweise nicht für die technische Weiterentwicklung der Menschheit – wer darauf hofft, wird sicher enttäuscht sein –, und er schreibt nur wenig darüber, wie sich die Welt der Zukunft politisch präsentiert. Es gibt eben einen Konflikt in Südasien, der sich auf die gesamte Welt auswirkt. Mehr erfährt man beim besten Willen nicht.
Wilsons Darstellung eines Netzwerkes finde ich allerdings spannend. So könnte sich ein Gebilde wie Facebook weiter entwickeln, so wäre es glaubhaft zu Ende gedacht. Wenn sich innerhalb von Netzwerken gewisse Gruppierungen ausbilden, die dann versuchen, auch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen, wären die bisherigen Diskussionen um Fake-News und Filterblasen eher albern.
So ist der Roman tatsächlich spannend, wenngleich er ohne weitergehende Action auskommt. Wilson erzählt, wie seine Hauptfigur immer tiefer in das Netzwerk einsteigt, wie sie immer mehr davon erfährt, wie es funktioniert, und wie irgendwann mal weitgehende Konflikte beginnen, in denen es um Mord und Verfolgung geht.
»Netzwerk« ist ein Science-Fiction-Roman aus der nahen Zukunft, den man übrigens jederzeit auch Leuten in die Finger drücken kann, die sonst keine Science Fiction lesen. Er beginnt zwar verhalten, wird aber immer spannender. Der Autor kann schreiben, und er schafft es stets, für seine Charaktere das entsprechende Interesse aufzubringen. Man folgt ihnen gern durch die Handlung und bleibt so stets auf ihrer Augenhöhe.
Der Autor hat sicher wichtigere Werke veröffentlicht, vor allem ist »Spin« ein absolutes Meisterwerk. Mit »Netzwerk« liegt aber ein sehr gelungener Science-Fiction-Roman vor, der zudem prächtig zu unterhalten weiß.
(Im Heyne-Verlag erschienen, als Taschenbuch und E-Book. Gibt's bei allen relevanten Shops und klassischen Buchläden.)
23 März 2021
Neuer Weg für Twentysix
Ob und wie das funktioniert hat, weiß ich natürlich nicht. In meiner Wahrnehmung wurden zwar immer wieder Selfpublisher von den großen Verlagen übernommen, aber es war nie so richtig klar, welche Gründe dafür vorlagen. Ob die Verlage wirklich bei den Selfpublishern und ihren Werken nachgucken, oder ob sie sich da auf Scouts verlassen?
Random House hat sich neuerdings bei Twentysix zurückgezogen. Das Portal macht allein weiter. Wie die Internet-Seite sagt, spielt der Makenname »auf die 26 Buchstaben des Alphabets an, aus denen Autorinnen und Autoren ihre Erfolgsgeschichten entstehen lassen«. Eine wunderbare Formulierung.
Man hat das Programm auf jeden Fall klarer strukturiert. Mit Love, Epic und Crime hat man sich auf die wichtigsten Genres konzentriert, zumindest sieht das so aus: Bei Love geht's um Liebesgeschichten – der Titel lässt hier wenig Raum für Spekulationen –, während Crime sich ebenso logisch mit Krimis und Thriller beschäftigt.
Epic ist dann das, was für Menschen wie mich interessant ist oder sein könnte. Spannend finde ich die genannten Genres: Fantasy, Science-Fiction und Dystopien werden genannt – eine Dystopie gilt neuerdings als eigenständiges Genre. Das ist ein diskutabler Standpunkt, aber gut ...
Ob und wie Twentysix erfolgreich sein wird, kann ich nicht beurteilen. Ich finde es wieder einmal spannend, quasi live zu verfolgen, wie der Markt für Selfpublisher immer weiter entwickelt wird.
In den 80er-Jahren wurde ein Krimi-Klassiker härter
Recht verwundert war ich darüber, wie »hart« sie eigentlich sind. Es gibt in jeder Geschichte gleich mehrere Morde, das Drumherum ist häufig sehr mysteriös angelegt, und die unheimlichen Ereignisse, die von den Machern erzählt werden, haben einen leichten Hauch von Grusel. Das ist spannend und wirkt wesentlich erwachsener als in den Anfängen der Serie. Oder hätte man sich in der Frühzeit der Serie vorstellen können, dass der brave Detektiv im Kampf einen Gegner ersticht?
»Vermisst in der Hölle« ist hochpolitisch; der Fall spielt in einem südamerikanischen Staat, der von einer Diktatur beherrscht wird. Die Armen kämpfen verzweifelt gegen die Armee, es gibt brutale Polizisten und tapfere Widerständler. Wahrscheinlich spielt die Geschichte auf die Militärherrschaft in Ländern wie Argentinien an. »Rick Master« als Comic ergreift erstaunlich offen Partei, obwohl es natürlich keinerlei Hinweise auf ernsthafte politische Inhalte gibt.
»Der tödliche Doppelgänger« hat die Landschaft Südfrankreichs als Kulisse. Reiche Menschen in einem Yachthafen, entspannte Stimmung am Mittelmeer – und dann gibt es den ersten Mord.. Die Geschichte um einen angeblichen Doppelgänger und die unheimliche Mordserie ist spannend erzählt, bleibt immer ein wenig altmodisch.
Mit Horror-Motiven beschäftigt sich »Das Haus der Rache«. In einem Haus, das angeblich verflucht worden ist, geschehen merkwürdige Dinge. Feuer schlägt aus einem Kamin, ein Loch öffnet sich im Boden, Türen zerbrechen. Ist es ein Poltergeist, steckt vielleicht wirklich ein alter Fluch dahinter? Der tapfere Detektiv glaubt das nicht und kommt hinter ein Komplott
Witzig ist in dieser Geschichte die Versammlung, zu der Rick Master reist. Es ist ein Treffen französischer Krimi-Autoren – und der größte Teil der Anwesenden sind echte Personen, die hier karikiert werden. Für den deutschen Leser von heute sind sie schwer auszudeuten, weil unsereins sich nicht gerade mit der französischen Krimischreiber-Szene der 80er-Jahre auskennt – die Leser in jener Zeit hatten sicher ihren Spaß.
Der dreizehnte Band der »Rick Master«-Gesamtausgabe hat mich erneut gefesselt: Die Storys entfalten ihren Charme nach wie vor, und die redaktionellen Seiten ergänzen das Ganze durch Skizzen, Fotos und allerlei Hintergründe. Klasse!
22 März 2021
Shame aus London
Ob das nun Punkrock ist oder »nur« IndieRock, ist mir völlig egal. Die Platte enthält zehn Stücke, und die sind ganz schön abwechslungsreich. Die fünf Typen, die sich angeblich seit ihrer Schulzeit kennen und The Fall als wichtigen musikalischen Eindruck nennen, bringen einige recht knallige Stücke wie »Tasteless«, bei denen ich automatisch zu wackeln anfange, aber auch textstarke Stücke wie »The Lick«, in denen es weniger Melodie als Sprechgesang gibt.
Vergleiche fallen mir derzeit schwer; mit den meisten Punk-Bands kann ich Shame kaum in eine Schublade stecken. Ihre Stücke sind meist melodiös und rockig, sie laden nicht unbedingt zum Pogo ein, vor allem nicht zu dessen verschärfter Variante, und klingen halt eher so, als seien sie für ein studentisches Publikum gedacht.
Das würde auch zu den Texten passen, die weit entfernt sind von knappen Punkrock-Zitaten und sich eher auf alltägliche Konflikte und Szenen konzentrieren. Das aber macht die Band so gut und so interessant, dass ich mir die Platte seither mehrfach anhören konnte. Man kann sicher sehr gespannt darauf sein, wie die weitere musikalische Entwicklung von Shame sein wird …
Wochenausklang
Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«
Es wird zwar langsam Frühling, was ich stets und sehr zuverlässig an meiner Nase merke. Sie juckt immer häufiger, auch wenn es nicht so aussieht, als ob meine »Feindbäume« gerade ihre Pollen verstreuten. Leider ändert das Frühjahr nichts an der generellen Arbeitsüberlastung.
Kein Gejammer jetzt, ich hab's mir selbst ausgesucht. Wenn der Samstag und der Sonntag allerdings nur noch aus Arbeit zu bestehen scheinen, gibt es am Sonntagabend eben nur eine sinnvolle Möglichkeit: nach dem Abendessen einen Grappa ... Damit zumindest das Glas mit seinem Inhalt das Ende der Woche markiert.
21 März 2021
Ich bin in einem Podcast
Wir springen thematisch ganz schön durch den Gemüsegarten, und ich kann nur hoffen, dass es für Außenstehende trotzdem unterhaltsam und auch ein wenig informativ ist. Unter anderem geht es um meine Jugend im Schwarzwald, mein Fanzine, meine Reisen nach Afrika, meine Punk-Erfahrungen, meinen Fortsetzungsroman und natürlich auch um meine Arbeit als Redakteur einer Science-Fiction-Serie.
Man kann den Podcast jetzt überall dort hören, wo es Podcasts gibt. Angegeben sind unter anderem Spotify, iTunes, Amazon und Deezer. Ich empfehle natürlich den direkten Zugang über die Internet-Seite des OX.
20 März 2021
Pogo zu einem Bumerang
Ich hörte es bis zum Ende an. Es war »Boomerang« von Blümchen – und wie habe ich diese Sängerin und ihr Gesinge vor 25 Jahren gehasst! Der Sommer 1996 war mit vielen spannenden Ereignissen angefüllt. Zum Soundtrack dieses Sommers zählt aber auch Blümchen. Man nannte das im Allgemeinen ja eher Deppen-Techno, und die Zeitschrift »Frontpage« schrieb gern von »Deppen-Techno für Techno-Deppen«.
Aber das ist alles lange her, die Zeit heilt viele Wunden, sogar solche, die eher musikhistorisch zu verstehen sind. Ich lächelte, während das Stück im Radio lief. Ich erinnerte mich daran, wie Leute zu diesem Stück begeistert getanzt hatten und gehüpft waren.
Ich konnte Blümchen und dieser unfassbar blöden Musik nach einem Vierteljahrhundert einfach nicht mehr böse sein. Theoretisch kann man dazu ja sogar Pogo tanzen.
Ein besseres Zeichen dafür, dass ich langsam alt und gemütlich werde, lässt sich wohl kaum finden. Und deshalb alle zusammen: »Wie ein boom boom boom boom Boomerang / komm ich immer wieder bei dir an …«
19 März 2021
Am Rio Negro
Als Vorlage für dieses Hörspiel dienten Romane von Ernst Vlcek, in denen der Schriftsteller einige südamerikanische Mythen und historische Ereignisse genommen hatte, um sie mit seinem eigenen Kosmos zu verbinden. Konquistadoren und Inkas spielen mit, ein Gott des Todes taucht auf, dazu ein Kapitän, der von einem Dämon besessen ist – und das ist nur die Handlung in der Vergangenheit.
In der Gegenwart erweist sich der titelgebende Held, eben Dorian Hunter, nicht gerade als sympathischer Mensch. Er schnauzt seine Begleiter an, er ist schnell mit der Hand am Revolver, er weiß alles besser – eine Mission treibt ihn an, und er ahnt, dass sein Freund Jeff Parker mit seiner Expedition in Schwierigkeiten steckt.
Jeff und seine Leute sind nämlich unterwegs, weil sie El Dorado suchen – so wie die Konquistadoren in der Vergangenheit. Das alles ist geschickt erzählt und macht durchaus Spaß. Mich packen die Hörspiele des Inka-Zyklus bislang noch nicht so sehr wie die Geschichten, die in Europa spielen. Aber das ist angesichts der Gesamtqualität der Serie ja wirklich »Jammern auf höchstem Niveau«.
Ein Vogelkonzert
Der Lärm ist seltsam, und ich kann ihn nicht gleich einordnen. Es klingt nicht nach einem Vogel, sondern es klingt nach einer Million Vögeln, doch ihr Zwitschern hat einen Beiklang von Metall.
Ich wende mich um und blicke in alle Richtungen. Dann sehe ich den Baukran, keine 200 Meter von mir weg. Schwärme von Vögeln steuern ihn an, sitzen überall auf seinem Ausleger oder in den Verstrebungen. Sie alle zwitschern, und in der Gesamtheit erzeugt es einen wahren Orkan aus Vogelgesang.
Ich bin beeindruckt. Kleine Vögel, großer Lärm. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die einen Eindruck hinterlassen.
18 März 2021
Ein Gedicht im Sonnenwind
»Sonnenwind« hatte eine Auflage von 500 Exemplaren, zumindest gibt das Impressum diese Aussage. Einer der Herausgeber war Andreas Wittmer aus Göppingen; ihn lernte ich bei einem Con in Stuttgart kennen, wenn ich mich recht erinnere. Sein Fanzine gab er mit anderen Leuten aus der Gegend von »hinter Stuttgart« heraus. Leider hatte es nicht lange genug Bestand.
Mein Text nannte sich »Suchen nach dem Tanz« und galt wohl als Science-Fiction-Lyrik. Die Seite aus dem Fanzine präsentiere ich jetzt an dieser Stelle. So war das 1984.
OHL auf CD gehört
OHL, schön ausgeschrieben Oberste Heeresleitung – das empfand ich in den Nuller-Jahren eher als Lachnummer, heutzutage ist die Band von meinem Radar verschwunden. Die Platte von Teenage Rebel Records landete aus Interesse in meinem CD-Player und hielt sich dort überraschend lang.
In der ersten Hälfte der 80er Jahre war die Band aus Leverkusen und Köln eine echte Nummer, auch wenn ich sie nie sonderlich beeindruckend fand. Die vierte Platte mit dem Titel »Jenseits von gut und böse« fiel 1986 bei der damaligen Punk-Presse ziemlich durch.
Kein Wunder, die Mischung aus Punk und Gothic gefiel damals nur den wenigsten. Das war weit entfernt von Hardcore oder ruppigem Deutschpunk, eher melodiös und ruhig, fast schon pathetisch. Ich kaufte mir die Platte damals, und ich fand sie gut; zwischen Negazione und Kafka Proses passten damals eben auch Lords Of The New Church und eben diese OHL-Platte.
Die wurde 2006/2007 bei Teenage Rebel neu aufgelegt. Rüdiger Thomas kombinierte die Original-Platte mit sieben Live-Stücken von 1986 sowie zwei Proberaum-Aufnahmen von 1985. Für Sammler, die das Original nicht haben, ist das essentiell; für Leute, die heute OHL allen Ernstes gut finden, sowieso, und für alle anderen sollte die CD zumindest einen Blick wert sein: Diese Band hatte früher wirklich ihre Qualitäten.
17 März 2021
Meine letzte Nacht von 1983
Das ist ein Auszug aus der Kurzgeschichte »Die letzte Nacht«, mit der ich mich dieser Tage beschäftigte. Wann sie genau von mir geschrieben wurde, lässt sich nicht mehr genau herausfinden. 1983 war ich in Paris, also dürfte die Geschichte im Sommer oder Herbst 1983 entstanden sein, auf jeden Fall noch während meiner Schulzeit. Warum ich in einer Zeit, in der ich mich vor allem für Science-Fiction-Romane aller Couleur begeisterte, ausgerechnet eine traurige Liebesgeschichte schreiben wollte, weiß ich nicht mehr.
Ich versuchte damals offensichtlich, den Stil von Charles Bukowski zu imitieren. Von ihm hatte ich zuvor alle Kurzgeschichtenbände gelesen, die als Taschenbücher bei Fischer erschienen waren, dazu die Gedichte, die Maro veröffentlichte. Das merkt man an gewissen Formulierungen immer noch deutlich, die bemüht »lakonisch« sind oder die am Anfang darauf anspielen, dass der Ich-Erzähler offensichtlich darüber zumindest nachdenkt, Prostituierte anzusprechen. Heute kommt mir das extrem peinlich vor.
Das »Pop-Inn«, in dem die Geschichte ihren Anfang nimmt, gab es wirklich, alles andere war natürlich frei erfunden. Was auch stimmt, ist der damals bei mir übliche Mangel an Geld. Da musste man sich an einem Bier dann schon mal einen Abend lang festklammern …
Die Geschichte zeigte ich damals meinem Deutschlehrer, der nicht so viel mit ihr anfangen konnte. 1984 wurde sie in dem Fanzine »Sonnenwind 1« veröffentlicht, das von Science-Fiction-Fans aus dem Raum Göppingen herausgegeben wurde. Es war der einzige Text in dem Heft, der in der Realität spielte. Wobei diese Realität allerdings genauso erfunden war wie jede Science-Fiction-Geschichte im redaktionellen Umfeld …
Als ich sie dieser Tage endlich mal auf neue Rechtschreibung umstellte, fand ich sie noch weitestgehend lesbar. Das kann man nicht über jeden meiner Texte aus dieser Zeit sagen.
16 März 2021
Moderne Technik, klassischer Detektiv
Schön zeigt das Band 21 der Gesamtausgabe, die jeweils in Form dicker Hardcover-Bände im Splitter-Verlag erscheint. Die einzelnen Geschichten, die dieses Buch zusammenfasst, wurden zu Beginn der Nuller-Jahre geschrieben und gezeichnet, und das »Rick Master«-Team griff die damals aktuellen Themen auf. Das wirkt aus heutiger Sicht manchmal sehr antiquiert.
In »Der Vertrag des Jahrhunderts« geht es um den Versuch eines reichen Mannes, die Zeitung zu übernehmen, bei der Rick Master tätig ist. Die Übernahme verläuft mit unsauberen Mitteln, ständig wird das Internet bemüht, und am ziemlich offenen Ende gibt es einige Tote.
Die direkte Fortsetzung ist dann »Panik im Netz« – es handelt sich also um eine Doppelfolge –, in der es erneut um das Internet geht. Ein Virus verbreitet sich in den Computern (technisch wird das alles höchst unklar geschildert; man merkt, dass die Macher keinerlei Ahnung von Hackern hatten), dahinter steckt ein alter Feind, und irgendwelche Geheimdienste scheinen sogar mitzumischen.
Und in »Penthouse Story« spielt eine Fernseh-Show in der Art von »Big Brother« eine wesentliche Rolle. Die modernen Medien sind in dieser Geschichte allgegenwärtig: Der Detektiv benutzt ein Navigationsgerät beim Autofahren, Handy, Computer und DVD-Player werden ständig eingesetzt – man versuchte offenbar, auf dem Stand der Technik zu sein.
André-Paul Duchâteau erzählt seine Geschichten auch in diesem Band mit der gewohnten Klarheit. »Rick Master« sind klassische Detektivgeschichten, in denen eben ein Journalist der Polizei unter die Arme greift. Der Autor war zur Zeit, als er diese Geschichten schrieb, schon seit bald fünfzig Jahren im Comic-Geschäft, und mit den neuen Medien kam er sichtlich nicht klar.
Aber er tat, was er als Autor für richtig hielt, und arbeitete sie in seine Geschichten ein. Das klang damals sicher nicht völlig absurd, sondern eben neu und spannend – und heute liest man es mit einem leichten Schmunzeln.
Klar und sauber sind wie immer die Zeichnungen, die Tibet beisteuerte. Die Wohnungen wirken moderner, die Autos und Häuser auch; ganz nebenbei vermittelt das stets die Zeit, in der die Geschichten entstanden sind.
Ganz ehrlich: Diese Gesamtausgabe ist als Gesamtwerk schon klasse. Ausgabe 21 enthält drei gelungene Krimi-Geschichten im klassischen Stil. Nicht mehr und nicht weniger wollten die beiden Urheber erreichen.
15 März 2021
An der Kante
»Was ist passiert?«, fragte ich, während ich näher trat.
»Ich versteh’s nicht«, gab er zurück. »Ich fuhr hier eigentlich ganz flott durch die Kurven, nicht zu schnell, aber flott, und auf einmal war die Straße weg.«
»Wie? Die Straße war weg?«
»Sehen Sie doch selbst.« Er schnaubte und zeigte auf sein Auto.
Ich trat näher. Es war ein sonniger Tag, es war heiß, und im Auto lief das Gebläse noch auf Hochtouren. Ich stellte mich an die Kante und betrachtete die Räder. Sie standen im Leeren, und der Rand, der von der Straße nach unten lief, sah aus, als sei er mit einem scharfen Messer abgeschnitten.
Unter mir gähnte ein nicht definiertes Nichts. Wenn ich gerade aus blickte, sah ich die sanften Hügel der Pfalz, bewachsen mit Strauchwerk, das seine Äste in den Himmel reckte.
»Was ist das?«, fragte ich und nickte zu der Tiefe hinunter.
»Keine Ahnung.« Er schnaubte erneut. »Aber Sie haben’s ja auch.«
Er wies auf meine Füße, ich folgte seinem Blick, und dann sah ich es: Mein rechter Schuh hatte ein Loch. An der Seite fehlte ein Stück, gut sechs auf acht Zentimeter groß. Darunter war der nackte Fuß zu sehen. Aber ich spürte nichts.
»Das ist seltsam«, sagte ich langsam.
Da wurde es um mich schwarz. Es war eine Schwärze, wie ich sie noch nie erlebt hatte, dunkler als die dunkelste Nacht. Alle Sinneswahrnehmungen waren wie ausgeknipst. Die Angst packte mich.
In dem Augenblick verstand ich, dass ich träumte. »Ich habe noch nie einen komplett schwarzen Traum gehabt«, dachte ich erstaunt und wachte auf, verwirrt und verschwitzt zugleich.
Baretta Love zwischen Punk und Indie
Manchmal kracht es bei der Band richtig, dann klingt die Stimme so, als wollte man in Hardcore-Gebretter wechseln. Üblicherweise herrschen Melodien vor, die durch die Bank geglückt sind. Mir fiel auf, dass der Anfang der CD – auf der Vinylscheibe wäre es wohl die A-Seite – eher punkig klingt, später setzt sich dann der ruhigere Sound durch. In balladeskes Geplänkel verfällt die Band allerdings nicht.
Die beiden Sänger hören sich ausdrucksstark an, die zehn Stücke sind sehr unterschiedlich. Die Produktion klingt altmodisch im positiven Sinn, hier wurde nicht zu viel Energie in die Nachbearbeitung gesteckt. Bei den englischsprachigen Texten hinterlässt die Band ebenfalls einen überzeugenden Eindruck, das hört sich nicht falsch oder pathetisch an.
Insgesamt liefert die Band eine gelungene Mixtur aus diversen Stilrichtungen angesagter Rock-Musik. Das kann man stillos finden oder überzeugend; unterhaltsam ist es allemal.
Spannend wäre für mich, mal herauszufinden, wie die drei Musiker das auf der Bühne hinbekommen: Wird da mehr der Punkrock-Gehalt der Stücke betont, oder lässt man sich auf die ruhigere Ebene ein? Beides ist schließlich möglich ...
14 März 2021
Empfehlenswerter Sechsteiler
Die Schauspielerin Aylin Tezel wurde durch ihre Rolle im »Tatort« bekannt; da fand ich sie stets überzeugend. Viel mehr kenne ich von ihr nicht, was offensichtlich eine Bildungslücke ist. Zuletzt sah ich den Sechsteile »Unbroken« in der Mediathek des ZDF an und war davon sehr angetan. Trotz einiger Schwächen bei der Auflösung handelt es sich bei diese Miniserie um einen packenden Krimi mit ungewöhnlichen Wendungen. Der Anfang ist recht grob – und wird dann als Vorspann in den folgenden Teilen der Miniserie wiederholt. Tenzeln spielt eine junge Kommissarin, die hochschwanger ist und entführt wird. Nach einiger Zeit kommt sie im Wald zu sich, findet nur langsam ihre Orientierung wieder und schlägt sich blutverschmiert zu einigen Häusern durch. Wie es sich herausstellt, hat sie ihr Baby bekommen – doch das Kind ist spurlos verschwunden.
Die junge Polizistin versucht in der Folge natürlich alles, um herauszufinden, was mit ihr passiert ist. Vor allem will sie wissen, wo ihr Kind steckt. Sie ist überzeugt, dass es noch lebt. Sie vermengt immer mehr die Fälle, mit denen sie es zu tun hat, mit ihrem Privatleben. In der Folge isoliert sie sich, gerät in Konflikt mit ihrem Vorgesetzten und mit ihrem Lebenspartner und beginnt einen privaten Feldzug …
Ob das nun immer ein realistischer Blick auf die Arbeit und den Alltag der Kriminalpolizei wirft, bezweifle ich. Aber darum geht es bei den entsprechenden Filmen und Serien nicht. Die Schauspielerin bringt ihre Rolle recht knallig: Ihre Polizistin ist engagiert und irgendwann nur noch zornig, sie marschiert als die personifizierte Wut durch die einzelnen Folgen.
Ich habe die sechs Teile dieser Serie als sehr spannend und fesselnd empfunden. Die Miniserie entfaltet echt einen gewissen Sog, und mir gefiel beim Anschauen auch, dass ich wusste, dass es nur sechs Teile sind. Empfehlenswert!















