07 Mai 2021

Ende einer Hörspielserie

Es ist immer ein wenig traurig, wenn eine Serie zu Ende geht, die man vorher gern hatte. Da ist es dann egal, ob man diese Serie angesehen hat, ob man sie gelesen oder angehört hat. Bei mir ist es derzeit so mit »Mark Brandis«; dieser Tage hörte ich mir die Folge 32 der Hörspielserie an, die ein Ende für dieses gelungene Science-Fiction-Universum markiert.

Die Handlung spielt auf Kallisto, einem Mond des Riesenplaneten Jupiter. Dort werden sogenannte Astraliden trainiert, künstliche Menschen, die man für einen Flug hinaus ins All und zu anderen Sonnensystemen benötigt. Die Menschheit will die Grenzen ihres eigenen Systems verlassen und die Suche nach anderen Lebensformen in Angriff nehmen.

Der Raumfahrer Mark Brandis wird zum neuen Leiter der Station Pandora ernannt. Schnell merkt er, dass einiges nicht zu stimmen scheint – und dann kommt es zu einem verheerenden Angriff auf die Station. Niemand kann sagen, wer der Angreifer ist, doch innerhalb kürzester Zeit müssen Menschen und Astraliden gemeinsam um ihr Überleben kämpfen.

Die Hörspielfolge trägt den harmlos klingenden Titel »Der Pandora-Zwischenfall« und ist spannend erzählt. In der beklemmenden Enge eines Fahrstuhls oder innerhalb der brennenden Atmosphäre einer Station auf einem weit entfernten Mond gehen die Menschen die Nerven durch, verhalten sich auch die Astraliden nicht so, wie man es angesichts ihrer Programmierung vermuten könnte.

Letztlich geht es in diesem Hörspiel immer wieder um die Menschlichkeit: Was macht einen Menschen aus, wie wichtig sind Emotionen? Mark Brandis verkörpert in mancherlei Hinsicht das Gewissen, weil er sich Fragen stellt, die von den Wissenschaftlern und Soldaten nicht kommen: Wenn man Kunstwesen hinaus ins All schickt, handelt man damit wirklich verantwortungsbewusst?

Ich will nicht zu viel über den Inhalt verraten, nur so viel: Nach diesem Hörspiel ist die Serie abgeschlossen. Ich bin wirklich ein wenig traurig. Vielleicht fange ich damit an, »Mark Brandis« noch einmal anzuhören – die gesamte Serie ist nämlich richtig gut!

06 Mai 2021

Gestrandet auf Amputation

Beim Durchgucken meiner alten Fanzines fiel mir eine Kurzgeschichte auf, die ich völlig verdrängt hatte. Sie trug den Titel »Gestrandet auf Amputation«, und sie wurde in der Ausgabe 60 der CN veröffentlicht. Das war im Mai 1983, und ich ging noch zur Schule.

Die »CN« waren die »Clubnachrichten« des PRBCBS, des PERRY RHODAN-Briefclubs Bullys Schreibtisch, in dem ich Mitglied war. Jeden Monat kam so ein Fanzine ins Haus; um die titelgebende Science-Fiction-Serie ging es eher selten. In den Leserbriefen wurde eher eher erzählt, was wer in seiner Freizeit trieb, und in den Texten beschäftige man sich mit allgemeiner Science Fiction.

Meine Geschichte war satirisch gemeint, wie auch aus der Unterzeile hervorgeht: »ein wahnwitzig-tolles Planetenabenteuer«. In der Sprache und in mancherlei Begrifflichkeit wird klar, dass ich damit die Klischees von Science-Fiction-Heftromanen verspotten wollte.

Bei den Figuren griff ich auf Bekannte zurück, deren Namen ich veränderte. Bei einigen Anspielungen wusste ich selbst nicht mehr, wen ich eigentlich meinte, bei anderen wusste ich sofort, wer gemeint war. Aber solche Gags sind über den Abgrund der Jahrzehnte hinweg einfach »verschwommen«.

In der Schlusspointe geht es übrigens um den Großen Kürbis. Dabei handelt es sich um eine Anspielung auf die »Peanuts« – wir machten damals ständig Witze um den Großen Kürbis und fanden das alles irrsinnig komisch. Lese ich das heute, verstehe ich den Gag meist nicht mehr.

Was bleibt? Eine Science-Fiction-Geschichte, die ich nicht als Manuskript aufgehoben habe – weil das Manuskript eins zu eins abgedruckt wurde – und von der ich nichts mehr wusste. Streckenweise unverständlich, streckenweise aber erstaunlich gut zu lesen. Was ich noch alles finden werde?

Knackiger Kanaren-Punk

Wenn sich eine Band schon einen Namen wie Represion 24 Horas gibt, muss man kein Spanisch können, um zu wissen, dass sie politischen Punk spielt. Die Band kommt von Gran Canaria, man spielt seit 1995 in wechselnder Besetzung zusammen und macht halt kompakten Anarcho-Punk.

Von der Band habe ich die EP »Suena A Silencio«, die vier Stücke enthält und anarchopunk-typisch gestaltet ist. Die Platte wurde 2015 veröffentlicht, dabei arbeiteten – wie oft üblich – mehrere kleine Labels zusammen.

Hier passt alles: knalliger Sound, zwei Sänger, die wütende Textzeilen ausspucken, polterndes Schlagzeug, ruppige Gitarre, dazu politische Texte. Da ich so gut wie kein Spanisch verstehe, bin ich nicht in der Lage, die Texte zu übersetzen; sie sind relativ umfangreich und bestehen nicht nur aus Parolen – das finde ich gut.

Klar, das ist weder originell noch außergewöhnlich. Die Band spielt Anarcho-Punk, wie man ihn seit den frühen 80er-Jahren kennt. Immerhin verzichtet sie auf Metal-Gedöns, sondern haut rhythmisch-polternde Punk-Stücke raus. Das ist konsequent und damit auch richtig gut.

05 Mai 2021

Von der Schauspielerin zur Unternehmerin

Wahrscheinlich haben von diesem Thema hier alle mitbekommen, nur ich nicht … Von der Science-Fiction-Fernsehserie »Dark Angel« sah ich vielleicht ein halbes Dutzend Folgen, mehr nicht. So sehr packte mich die Serie nicht. Von Jessica Alba, der Hauptdarstellerin, hörte ich danach nichts mehr, was an meiner Ignoranz gegenüber Stars liegen könnte, und so vergaß ich sie schlichtweg.

Dass sie 2012 eine Firme mit dem Namen The Honest Company gegründet hatte, erfuhr ich also nicht. Sie gründete sie nicht allein, schon klar, aber sie war führend. Das Unternehmen verkauft Windeln, Kosmetik und dergleichen, alles soll schadstoffarm sein. Es ging immer wieder hin und her mit der Firma – und jetzt will Alba mit ihrer Honest Company an die Börse gehen.

Laut »Handelsblatt« geht man davon aus, dass der Börsengang erfolgreich sein wird. Die Firma wird mit eineinhalb Milliarden US-Dollar bewertet. Interessant finde ich ja, dass man bisher immer rote Zahlen geschrieben hat. 2020 wurde ein Umsatz von 300 Millionen erwirtschaftet, und der Verlust ging immerhin zurück. Spannend, was aus so einem Dunklen Engel alles werden kann …

Nachdenken über Macht, Literatur und Geschlecht

Als Schriftstellerin veröffentlichte Ursula K. LeGuin mehrheitlich Genre-Literatur in den Bereichen Science Fiction und Fantasy. Schon früh ließ sie in ihre Werke aber Aspekte einfließen, die bei ihren Kollegen eher selten waren: Die Autorin schuf beispielsweise ein glaubhaftes anarchistisches System, sie schrieb über wechselnde Geschlechter und brachte in ihre Romane und Geschichten weitergehende politische Gedanken ein. Damit wurde sie für viele ihrer Kolleginnen und Kollegen wegweisend.

Der Sammelband »Am Anfang war der Beutel« stellt fünf Beiträge der Autorin vor, die teilweise als Artikel veröffentlicht wurden oder die sie bei Veranstaltungen vorgetragen hatte. Die Texte sind durchwegs lesenswert, wenngleich sie sich nicht unbedingt locker »herunterlesen« lassen. Science Fiction spielt nur am Rand eine Rolle, es geht um gesellschaftliche Fragen oder die Schriftstellerei im Allgemeinen.

Schön finde ich den grundsätzlichen Gedanken, dass das erste Werkzeug, das Menschen benutzt haben, keine Waffe war und kein Faustkeil, sondern wohl eher ein Tragebeutel. Das heißt, dass man einen anderen Blick auf die menschliche Geschichte werfen könnte – es geht nicht immer nur um Gewalt und Krieg, sondern durchaus auch um friedfertiges und freundliches Suchen und Sammeln.

Ursula K. Le Guin stellt in diesen Aufsätzen ihre Sicht der Dinge dar. Die Texte sind unterschiedlich lang und komplex; teilweise muss man sich halt auf sie einlassen. Interessant ist ihre Darstellung von »Yang-Utopien«, die sie eher als solche versteht, die sich dem Fortschritt verschrieben haben, und den »Yin-Utopien«, die sie eher als organisch einstuft. Das muss man nicht bis ins Detail unterstützen – wichtig ist der Autorin letztlich eh, dass die Leser selbst nachdenken.

»Am Anfang war der Beutel« ist mit 96 Seiten nicht sehr umfangreich, benötigt aber durchaus ein wenig Zeit bei der Lektüre. Ich empfinde diese aber als lohnenswert, weil die Essays und das eine Gedicht einen interessanten Blick auf eine ungewöhnliche Autorin ermöglichen. Gern hätte ich eine Fortsetzung mit weiteren Artikeln oder Gedichten.

04 Mai 2021

Spidey, Loki und irgendwelche Mutanten

Seit den 70er-Jahren lese ich immer wieder Superhelden-Comics. Mit manchen konnte ich mich im Verlauf der Jahre anfreunden, mit manchen wurde ich nie warm. Vor allem mit den Helden-Teams fremdelte ich in all der Zeit. Das merkte ich wieder, als ich das Gratis-Heft las, das unter dem Titel »Spider-Man« zum Gratis-Comic-Tag 2020 veröffentlicht worden war.

Enthalten sind zwei Kurzgeschichten zu Spider-Man, eine zu Loki und eine zu den neuen X-Men. Verschiedene Autoren und Künstler sind im Einsatz, so dass sich eine abwechslungsreiche Lektüre ergibt. Für Leute, die zum ersten Mal in die Welten der Superhelden hineinschnuppern wollen, ist so ein Heft immer sehr gut geeignet.

Die zwei »Spider-Man«-Kurzgeschichten entstammen unterschiedlichen Reihen, sind kurz und knapp und setzen den Spinnentypen gut in Szene. Die lockeren Sprüche muss man mögen – es ist meist nicht mein Humor –, aber insgesamt funktionieren die Comics für mich. Ich war während meiner Lektüre wieder einmal kurz davor, mir den einen oder anderen »Spider-Man«-Sonderband zu kaufen.

Die »Loki«-Kurzgeschichte habe ich schlichtweg kaum verstanden: Was ein Gott aus der Welt der Asen in einem Spielcasino auf der Erde sucht und was das mit Thor zu tun hat, erschloss sich mir nicht. Da muss man offensichtlich schon weitere Vorkenntnisse haben.

Ähnliches gilt für die »X-Men«-Geschichte, wobei das ja ein Ausschnitt aus einer größeren Geschichte ist. Es wurde mir klar, dass die Mutanten gegen Menschen kämpfen, die offensichtlich Roboter und andere technische Geräte benutzen – aber wieso und warum, das verstand sich nicht. Wahrscheinlich müsste ich einfach weiterlesen, und ich käme schon in die Geschichte hinein, aber die paar Seiten reichten noch nicht für einen Eindruck aus.

Fazit: ein schönes Sonderheft, das mich nicht komplett überzeugen konnte und mich nicht zum »X-Men«-Freund gemacht hat.

03 Mai 2021

Die Kreml Krauts lassen's knallen

Ich habe von den Kreml Krauts leider erst etwas mitbekommen, als die dritte Platte der Band schon wieder einige Jahre alt war. Dafür knallt sie umso besser und geht hervorragend in mein Ohr: Ich habe »Wodoworot« von Ivan Ivanovich & The Kreml Krauts mit wachsender Freude gehört, wobei das echt nicht an jedem Tag bei gleicher Freude funktioniert.

Was die Band macht, ist weit entfernt von Punkrock, lädt aber trotzdem wunderbar zu einem Pogo ein. Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine furiose Mischung aus russischer Folklore, Balkan-Beats, Ska und einer tüchtigen Portion Rock-Musik im weitesten Sinne – und das fügt sich mit allen Bläser-Einsätzen, dem russischen Gesang und den abwechslungsreichen Stücken zu einem Gemenge, das mir unweigerlich ein Grinsen ins Gesicht zaubert und bei dem ich nicht stillsitzen kann.

Die Band kommt aus dem Großraum Trier, was man allerdings nicht hört. Würde man mir gegenüber behaupten, sie stamme aus Moskau, klänge das für meine Ohren irgendwie auch authentisch. Die Texte sind in russisch und deutsch, wobei das Besingen von Schnitzel und anderen kulinarische Höhepunkten in »Deutsches Essen in Russland« sehr witzig klingt.

Klar: Das Tröten und der zappelige Rhythmus bei manchen Stücken kann einem irgendwann auf die Nerven gehen. Aber da die Band das Tempo immer wieder wechselt und auch die Richtung der einzelnen Stücke nicht immer gleich klingt, wird das unterm Strich nie langweilig. Gelegentlich sägt die Gitarre ein wenig metallisch durch die Gegend, die meiste Zeit überwiegen aber rasante Bläsersätze und ein knalliges Akkordeon.

Die Kreml Krauts mit ihrem Sänger gefallen mir sehr gut; die Videos, die man bei YouTube von Auftritten der Band sehen kann, zeigen zudem die Freude und den Spaß am rumpeligen Tanzen, die von den Kreml Krauts verbreitet werden. Und das wiederum macht mir viel Freude!

30 April 2021

Die Zeitung und das Blut

Aus der Serie »Dorfgeschichten« (spielt 1978)

Mittagspause auf der Baustelle: Die Sonne knallte auf uns herunter, wir aßen und tranken etwas. Ich war als Handlanger dabei und fand mich sehr erwachsen, wie ich da zwischen den Arbeitern saß, die schon dem Bier zusprachen, und mein Mineralwasser trank.

Eigentlich hatte ich ein aktuelles Romanheft dabei, auf dem ein kugelförmiges Raumschiff abgebildet war, und wollte in diesem einige Seiten lesen. Aber dann sah ich, dass eine BILD-Zeitung frei war, griff nach dem Blatt und schlug es auf. Bei meinen Eltern gab es diese Zeitung nicht, für meinen Vater war die BILD »einfach nur Dreck«. Deshalb war ich neugierig darauf, mehr über sie und ihren Inhalt zu erfahren.

Einer der Arbeiter in meiner Nähe sah mich mit der Zeitung und lachte. »Du musst die Zeitung gerade halten«, sagte er, »nicht so schräg.«

Ich war verwundert und kapierte zuerst nicht, was er meinte. War es einer der Späße, die Arbeiter gern mit jungen Leuten trieben, indem sie beispielsweise einen Lehrling in die Apotheke schickten, wo er eine Flasche »Ibeedomm« (Schwäbisch für »Ich bin dumm«) kaufen sollte?

Der Arbeiter lachte erneut und wies auf die Zeitung. »Du hast eine BILD vor dir. Die musst du immer so lesen, dass das Blut nicht rausläuft.«

Ich fiel in sein Lachen ein, ohne so recht zu verstehen, was er meinte. Nachdem ich einige Texte gelesen hatte, wusste ich Bescheid: Es ging um Mord und Vergewaltigung, die Sprache war reißerisch, die Bilder knallig. Danach war mir klar, was mein Vater gemeint hatte, als er die Zeitung so ablehnte …

Cancel Culture und Phantastik

Den Ansatz für die Zeitschrift »Queer Welten« finde ich immer noch sehr gut: Das Heft beschäftigt sich mit Science Fiction und Fantasy, wobei es sich als queerfeministisch versteht. Dadurch ergeben sich andere Ansätze, die phantastische Literatur zu betrachten. Dieser Tage las ich endlich die vierte Ausgabe zu Ende, die zum Jahresanfang erschienen war – das passt ja, weil in wenigen Tagen die fünfte Ausgabe erscheinen dürfte.

Der beste Beitrag im Heft ist ausgerechnet ein Artikel: Elea Brandt betrachtet »Die Angst vor der Cancel Culture«, wobei ich diese Angst ja meist eher albern finde. Die Autorin zeigt, woher der Begriff kommt und was er bedeutet und vor allem, was eigentlich dahinter steht. Das ist pointiert geschrieben, unterhaltsam und informativ – solche Artikel mag ich.

Bei den drei Kurzgeschichten wurde ich unterschiedlich »abgeholt«. Gut geschrieben waren sie alle, inhaltlich sprachen sie mich nicht alle an.

»Ritterchen Vulva« von Jasper Nicolaisen beispielsweise ist humoristisch – aber der Humor ist nichts für meinen Geschmack. Ich erkenne bei der Lektüre schon, dass das alles irgendwie witzig sein soll, kann aber nicht einmal müde lächeln. Humor ist eben doch sehr vom persönlichen Geschmack abhängig …

»Im Raum steht die Wut« von Teresa Teske ist eine Science-Fiction-Geschichte in Du-Form, in der es um eine ungewöhnliche Begegnung geht; in den Stoff kommt man nicht so schnell rein, sie ist aber gut geschrieben und hat eine originelle Sichtweise. »Angesicht zu Angesicht« von Tristan Lánstad hat mir von den drei Geschichten am besten gefallen: Fantasy mit Spiegeln und Magie, sehr schön erzählt!

Insgesamt ist das vierte Heft der Reihe wieder gelungen. Das Heft sieht eigentlich aus wie ein dünnes Taschenbuch, Layout und Druck sind professionell und meilenweit von der Optik eines Fanzines entfernt. Das kostet dann natürlich auch ein wenig mehr. Weitere Informationen zu den Bestellmöglichkeiten gibt’s auf der Internet-Seite des Achje-Verlags …

29 April 2021

Das kleine Haus im Rosenweg

Es war ein bescheidenes Haus, das mein Großvater in der »schlechte Zeit« der frühen zwanziger Jahre kaufte. Es war auch ein bescheidenes Haus, in dem mein Vater geboren wurde und achtzig Jahre später starb. Es war immer noch ein bescheidenes Haus, als ich darin aufwuchs.

Das Bild zeigt mein Elternhaus und das Elternhaus meines Vaters, wie es – so schätze ich – in den frühen fünfziger Jahren aussah. Es könnten auch die ganz frühen sechziger Jahre sein; so genau lässt sich das nicht mehr feststellen. Die Außenwände waren – wie es üblich war – mit Schindeln bedeckt, ein »Schendeldäfer«, wie man das bei uns am Dorf nannte.

Links und rechts des Hauses sieht man jeweils die Anfänge des Zauns: schlichte Holzlatten, mit Querlatten zusammengenagelt, alles sehr einfach. Im Hintergrund ist die alte Ziegelei zu erkennen, zu der ich zahlreiche Geschichten zu erzählen hätte.

Nachdem mein Großvater das Haus gekauft hatte, begann er mit der Renovierung. Mein Vater setzte den permanenten Umbau fort. Meine früheste Kindheitserinnerung ist, dass wir renovieren.

Es ist ein bescheidenes Haus, auch heute noch. Es sieht längst ein wenig anders aus. Und das Zimmer unterm Dach wird für mich immer der Raum sein, durch dessen Fenster ich als Junge hinaus in die Ferne und in den Himmel schaute, um von Reisen in die Ferne und Abenteuern in der Zukunft zu träumen.

Attrition mit poppigem Wave-Gedöns

Wer sich für die Geschichte der Musikrichtung New Wave mit all ihren Abweichungen und Verästelungen interessiert, kennt sicher auch die Band Attrition. Ich vermute aber mal, dass sie heutzutage nur noch Spezialisten ein Begriff ist. Ich hatte mir irgendwann die Maxi-EP mit dem schönen Titel »Turn To Gold« gekauft und hörte sie mir dieser Tage zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder an.

Sie war 1989 auf einem belgischen Label herausgekommen, die Band selbst war und ist eher britisch. Attrition veröffentlichte die ersten Platten schon 1982, hat seitdem zahlreiche Tonträger in die Welt geschossen und gilt als stilprägend für verschiedene Gothic- und Wave-Richtungen.

Die vier Stücke auf »Turn To Gold» sind typisch für die späten 80er-Jahre. In schleppendem Tempo wummert der Synthesizer, klingen die Stimmen der zwei Sänger mal dunkel, mal hell und leuchtend, wirkt das Ganze immer wieder ein wenig verzweifelt und alles andere als positiv. Die Melodien sind gut, wenn man sich auf die Stücke einlässt, sie gehen auch ins Ohr, wenngleich ich mir bis heute nicht vorstellen kann, wie man dazu tanzen soll ... (Ich weiß, die »Waffler« konnten das, aber ich fand das rein optisch immer albern.)

Klar, das ist keine Musik, die ich mir täglich anhören kann. Aber die Platte setzt einen echten Farbtupfer ins Plattenregal ...

28 April 2021

Am Alten Flugplatz

»Guck mal da, der kleine Hase – ist er nicht goldig?«

»Au ja, so ein schöner kleiner Mümmelmann. Der sieht wirklich goldig aus.«

Feierabend in Zeiten der Pandemie. Großstädter spazieren ins nächste Erholungsgebiet: der Alte Flugplatz. Von meiner Wohnung ist er nur einige hundert Meter entfernt, eine riesige Grünfläche zwischen Nord- und Nordweststaddt, zwischen Neureut-Heide und Weststadt, ehemals ein Flughafen, nun ein Naturschutzgebiet.

Und da sitzen wir dann in der Sonne, den Hintern auf einem Geländer aus Rundholz, und gucken den Tieren zu. Kaninchen in Hülle und Fülle in allen Größen – wir sagen »Hasen« dazu, aber es sind Kaninchen, würde ich sagen –, dazu zahlreiche Vögel; weiter oben sogar Wildesel, die dort in aller Gemütsruhe grasen.

»Au, das ist lustig: Die Hasen jagen sich gegenseitig. Sieht aus, als hätten sie Streit miteinander.«

»Sei doch nicht so negativ. Die spielen miteinander. Wie kleine Kinder.«

Der Boden des Alten Flugplatzes sieht über Hunderte Meter hinweg, als sei er komplett durchwühlt und von Gängen unterzogen. Eine eigene Stadt für Hunderte von Tieren. In der Dämmerung spaziert auch mal ein Igel durch die Gegend. Und wenn die Sonne tief steht, sehen die Vögel aus wie Wesen auf einer fremden Welt.

»So. Wir haben den Tieren lange genug zugesehen. Wir gehen jetzt noch in eine Bar oder in ein schickes Restaurant oder in einen Club. Mal wieder unter die Leute gehen.«

»Träumer.« Wildes Gerangel. Fröhlichkeit in Zeiten der Pandemie.

40 Jahre Punkrock und ein dickes Buch

Ich sah Bad Religion zweimal: einmal im Sommer 1989 in eine unfassbar überfüllten Konzertraum in Leonberg (die legendäre »Beat Baracke«) und einmal im Sommer 1990 in der Tonhalle in Villingen-Schwenningen. Beides Mal überzeugte mich die Band mit ihrem schwungvollen Hardcore-Punk und ihren guten Texten; das war großartig!

Danach spielte die Band nur noch in großen Hallen oder auf Festivals, und ich sah sie nicht mehr. Aus den Augen verlor ich sie nie, dazu war die Band im Punkrock-Kontext zu wichtig. Für mich war sie aber auf den Status »alter Herren« abgerutscht und nicht mehr so wichtig. Aber als 2020 das Buch »Die Bad Religion Story« erschien, interessierte es mich doch, was man über die vierzig Jahre, die es die Band schon gibt, alles erzählen kann.

Jim Ruland ist ein Journalist, der auch für Punkrock-Hefte schreibt und die Band sehr genau unter die Lupe nimmt. Er zeigt, aus welchen familiären Verhältnissen die Bandmitglieder kommen, welche Herkunft sie hatten und auf welcher Grundlage sie um 1980 anfingen, Punkrock zu spielen. Dabei kann er sich auf Interviews und Begegnungen mit den Bandmitglieder berufen; er kennt sich sichtlich aus und scheint auch sehr viel über das Umfeld der Band zu wissen.

Das führt dazu, dass vor allem die Anfänge der Band spannend sind: die ersten zwei Jahre. Er verschweigt nicht die peinliche zweite Platte der Band, aber er zeigt, wie sie mit »Suffer« in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre ein Meisterwerk veröffentlichte und danach auf einer Woge des Erfolgs durch die Punkrock- und Hardcore-Szene surfte.

Irgendwann kam bei der Band eine gewisse Normalität ins Spiel: Man ging auf Tour, dann machte man eine neue Platte, dann verließ jemand die Band, jemand neues kam. So verstreichen eben doch unglaubliche vierzig Jahre, die in der zweiten Hälfte dieser langen Zeit tatsächlich nicht mehr so spannend sind.

Schwierig finde ich bei dem Buch, dass Ruland so viel voraussetzt. Wer etwa noch nie von den Circle Jerks gehört hat, kann kaum einschätzen, warum die Band damals so wichtig war. Manchmal scheinen die einzelnen Kapitel aus einem Musikmagazin zu stammen – das ist für jemanden, der sich nicht so gut auskennt, dann sicher nicht so einfach zu beurteilen.

Unterhaltsam ist das Buch allemal. Aber klar: Es ist ein Buch für Fans.

Wer Bad Religion nicht kennt, wird so ein Buch eh nicht kaufen. Mir brachte es ein Wiedersehen mit meiner eigenen Vergangenheit – und während ich das Buch las, hörte ich mir viele der Platten noch einmal an, um am Ende zu beschließen, mir weitere Platten der Band zu kaufen. Sie war ja auch in ihrer späten Phase besser, als ich in meinem Irrglauben annahm.

Ernsthaft: Wer die Band mag, für den ist das Buch sicher spannend. Das Paperback ist 352 Seiten stark, es lässt sich gut lesen. Es gibt einige Fotos, die das Ganze auflockern. Mit 25 Tacken ist das Buch für ein Paperback allerdings nicht gerade preiswert – ob sich das lohnt, muss dann jede Person einfach selbst entscheiden. Fans müssen es wohl haben …

27 April 2021

Wie sich die 60er-Jahre im Comic-Krimi spiegelten

Zu den großen Comic-Klassikern der frankobelgischen Geschichte zählt »Rick Master«. Die Krimi-Serie erscheint seit 1955, hierzulande wird sie seit 2017 in einer wunderbaren Gesamtausgabe vom Splitter-Verlag veröffentlicht. Ich habe den zweiten Band dieser Ausgabe gelesen, der Alben aus den 60er-Jahren zusammenfasst.

Dabei ist es immer spannend, einen Blick auf die Art und Weise zu werfen, wie man zu dieser Zeit einen Comic erzählte. Die damaligen Comics richteten sich an junge Leute, man wollte Abenteuer vermitteln, sie aber nicht zu sehr verwirren. »Graue Charaktere« waren ebenso unerwünscht wie Sex oder zu viel Gewalt.

Ein schönes Beispiel dafür ist »Im Schatten des Chamäleon«. In der eigentlich spannenden Geschichte steht die Begegnung mit einem Bösewicht im Zentrum, den der heldenhafte Reporter schon vorher kennenlernte: ein ehemaliger Polizist, der zum Gangster geworden ist und der einen persönlichen Hass auf Rick Master hat. Der Comic erschien erstmals 1966, wirkt aber, als sei er aus der Zeit gefallen – von den gesellschaftlichen Umständen dieser Zeit lässt sich kaum etwas spüren, die Geschichte beschränkt sich schlicht auf Action und Ermittlungen.

Ein seltsamer Verkehrsunfall und seine Folgen machen den Anfang von »Ein teuflisches Netz« aus. Die Geschichte, ebenfalls 1966 veröffentlicht, greift mit dem Fernsehen immerhin aktuelle Themen auf. Rick Master nimmt an einer Talkshow teil, was damals unglaublich neu und modern war. Aber natürlich geht es vor allem um eine verwickelte Geschichte, in der ein schießwütiger Landbesitzer ebenso eine Rolle spielt wie ein geheimnisvolles Auto.

Komplett zeitgeistig ist die Geschichte »Entführung auf der ›France‹«, die ebenfalls 1966 veröffentlicht wurde. Hauptsächlicher Schauplatz des Comics ist ein riesiges Schiff, die »France«, das von den Schöpfern der »Rick Master«-Bände gründlich recherchiert wurde. Bei der Überfahrt in die USA kommt es zu Mordanschlägen auf einen Wissenschaftler, der eine geheimnisvolle Erfindung gemacht hat.

Der Krimi ist – wie die Science Fiction – immer ein Spiegelbild seiner Zeit. Das gilt für den Comic-Krimi ebenso wie für andere mediale Ausdrucksformen. Und »Rick Master« ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Bei der Gesamtausgabe gibt es ergänzende Informationen in den redaktionellen Seiten, die zeigen, zu welcher Zeit und unter welchen Bedingungen welche Geschichte entstanden ist.

Die Lektüre dieser Seiten finde ich manchmal interessanter als manch klassischen Comic. Der zweite Band der »Rick Master«-Gesamtausgabe hat mir auf jeden Fall viel Freude bereitet – er macht sich zudem hervorragend im Comic-Regal.

26 April 2021

Unaufgefordert eingesandt

»Ich garantiere Ihnen, Sie werden sich schlapplachen.« Das stand in der Mail, die mir ein unbekannter Mann schickte. Ich wusste nicht, wer er war, stellte sich mir aber als jemand vor, der mit mir gemeinsame Bekannte hatte. Er wisse, dass ich mich mit Science Fiction beschäftige, aber er wolle mir trotzdem sein Manuskript zur Kenntnis geben. Vielleicht hätte ich eine Idee, wie man einen solchen »Erfolgsstoff« gut vermarkten könne.

Es war nicht das erste Manuskript, das mir jemand schickte. Und normalerweise hätte ich es per Formschreiben ablehnen können. Der Spruch mit »passt nicht in unser Programm« stimmte ja schließlich auf jeden Fall: Es hatte nichts mit Science Fiction zu tun, nicht einmal andeutungsweise; es spielte im »Hier und Jetzt« und sollte vor allem humoristisch sein. Bei Science-Fiction-Manuskripten warf ich immer einen Blick auf die einzelnen Seiten, um mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen.

Aber weil die Person, die es mir schickte, glaubhaft unsere gemeinsamen Bekannten anführte, reagierte ich darauf. Ich schrieb eine positive Mail zurück und versprach, mit das Manuskript anzusehen. Das hatte ich auch vor. Ich druckte mir die ersten zwanzig Manuskriptseiten in einer platzsparenden Art aus, um mir einen Einblick zu verschaffen.

Das dauerte allerdings einige Zeit, und der Autor fragte bei mir nach. In mir erwachte die Scham: Ich hatte den Ausdruck in einem Stapel Papier versacken lassen, und dort lag er seit Wochen und Monaten.

Ich fischte den Ausdruck hervor, las ihn und fand den Text sehr schlapp. Ich hatte bei der Lektüre nicht einmal lächeln können, für mich war das nichts gewesen.

Auf Basis meines Notizen, die ich während der Lektüre angefertigt hatte, schrieb ich eine Mail an den Autor. Dabei bemühte ich mich, meinen Eindruck so subjektiv wie möglich zu schildern. Humor sei Geschmackssache, argumentierte ich, und das Manuskript sei bestimmt sehr witzig; bei mir habe der Humor keinen Anklang gefunden.

Das alles versuchte ich so klar und so höflich wie möglich zu formulieren. Meine Mail war – so dachte ich – sehr zurückhaltend. Ich wollte dem Autor schließlich keinen Schlag ins Gesicht verpassen, wünschte ihm weiterhin viel Erfolg mit seiner Schriftstellerei und schickte die Mail ab.

Der Autor reagierte überhaupt nicht auf meine Mail. Ich bekam kein »Dankeschön«, auch keine bitterböse Beschwerde, sondern einfach nichts. Es war, als hätte ich in den Wald gebrüllt.

Da verstand ich wieder einmal, warum die Lektoren der großen Verlage sich meist nicht einmal die Zeit nahmen, in unaufgefordert eingeschickte Manuskripte hineinzublicken, und schon gar nicht, den Autorinnen und Autoren eine persönliche Antwort zu schicken ...

25 April 2021

Anthologie in einer Gratisaktion

Vor einigen Monaten erschien die Anthologie »Wie künstlich ist Intelligenz?«, in der Geschichten von Andreas Eschbach, Judith Vogt, Carsten Schmitt und anderen Menschen zu finden sind. Auch von mir ist eine Kurzgeschichte enthalten, ich fungiere auch offiziell als Herausgeber.

Derzeit gibt es die Anthologie bei den E-Book-Shops im Rahmen einer Gratisaktion »für umme«. Ich kann da nur raten, schnell zuzugreifen – leider steht bei solchen Aktionen ja selten dabei, wie lange sie wirklich laufen.

Die Anthologie enthält Science-Fiction-Geschichten der unterschiedlichsten Richtungen: mal witzig, mal ernsthaft, mal träumerisch, mal dystopisch. Lohnenswert!

Carlos Rasch ist tot

Eine Nachricht, die mich dann doch traf: Der Schriftsteller Carlos Rasch ist bereits am 7. Januar 2021 gestorben, die Information dazu erhielt ich erst im April. Die Wikipedia verzeichnet auch nicht sonderlich viel über ihn und sein Werk.

Auf den Autor wurde ich in den frühen 80er-Jahren aufmerksam, als ich mit Science-Fiction-Fans in der DDR viele Briefe wechselte und wir auch Science-Fiction-Romane tauschte. Ich las unter anderem den Roman »Der blaue Planet« von Carlos Rasch, den ich nicht einmal so überzeugend fand.

In der DDR war der Autor aber seit den 60er-Jahren populär. Seine Romane wurden von den Science-Fiction-Fans sehr nachgefragt, sie erlebten mehrere Nachdrucke. Zwischendurch fiel der Autor aber in Ungnade.

Als ich ihn 1987 in Berlin besuchte, war er wieder gut im Geschäft. Wir fuhren in seinem alten Barkas durch die Stadt, wir gingen im Schriftstellerhaus in Pankow miteinander essen, ich führte ein Interview mit ihm. Ich fand ihn sympathisch, ein verschmitzt lächelnder älterer Herr.

Danach traf ich ihn nie wieder, wir wechselten immerhin einige Briefe. Es ist traurig, dass er bei den Science-Fiction-Fans offensichtlich mehrheitlich in Vergessenheit geraten ist …

24 April 2021

Eine halbe Milliarde Dollar

Die Summen, die von der Filmindustrie ausgegeben werden, um neue Blockbuster zu schaffen, sind im Verlauf der Jahrzehnte immer höher und absurder geworden. Da können die Streaming-Anbieter mittlerweile locker nachziehen; sie sitzen auf einem »Berg« von Abonnenten, denen man ständig neues Material präsentieren muss.

Ganz aktuell: Amazon setzt bekanntlich den »Herrn der Ringe« in eine Fernsehserie um. Allein schon für die erste Staffel kalkuliert man nun Produktionskosten von einer halben Milliarde US-Dollar. Das Geld muss dann auch erst wieder verdient werden, schon klar – aber bei den vielen Fans des »Herrn der Ringe« ist damit zu rechnen. Ich bin ja ebenfalls ein potenzieller Kunde …

Spannend ist, dass Amazon das Geld nicht allein aufbringen muss. Die erste Staffel der Serie wird ja bereits gedreht; man nimmt die bekannten Örtlichkeiten in Neuseeland. Und dort unterstützt eben auch die Regierung ein solches Projekt mit starken Zuschüssen.

Schon bisher waren Serien im Phantastik-Bereich ganz schön teuer. Bei »Game Of Thrones« mussten die Produzenten wohl immer um die hundert Millionen US-Dollar pro Staffel auf den Tisch legen, bei »The Mandalorian« wohl ebenfalls. Die Steigerung bei der Ring-Saga ist trotzdem sehr auffällig.

Ich bin schon sehr gespannt auf die Verfilmung, das muss ich ehrlich bekennen. Ob ich sie mir dann ansehe, entscheide ich spontan. Eigentlich reichen mir die drei »Herrr der Ringe«-Kinofilme völlig; die fand ich nämlich sehr gut, und die kann ich mir alle zwei, drei Jahre erneut ansehen.

23 April 2021

Eine Steuermarke aus Antigua

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«


Dass ich im November 2002 einige Tage auf Antigua verbrachte, war mehr einem Zufall geschuldet als die Folge einer ernsthaften Planung. Ich genoss die Zeit in dem kleinen karibischen Inselstaat. Ich fuhr mit dem Bus durch die Gegend, ich stieg auf einen Berg, ich fuhr mit dem Fahrrad, und ich sah mir so viel wie möglich an.

Aus den vielen Notizen, die ich auf Antigua machte, wollte ich einige Geschichten machen. Aber wie das leider so oft ist: Die Notizen lagen danach in einem Stapel Papier und wurden nicht mehr beachtet, und später wusste ich nicht einmal mehr, was ich mit mancher Notiz eigentlich gemeint hatte. Was letztlich blieb, waren viele positive Erinnerungen an interessante Leute und einige Bilder.

Unter anderem erhielt ich bei meiner Ausreise einen schönen Beleg von der örtlichen Steuerbehörde. Ich hatte eine Art Ausreisesteuer zu bezahlen, was ja kein ernsthaftes Problem darstellte, und dafür hatte ich hinterher ein abgerissenes Stück Papier in der Hand. Das fand ich dann doch ein wenig schlapp.

Aber wenn ich diesen Steuerzettel heute anschaue, denke ich an den Aufenthalt auf der Insel und fühle mich schon wieder ein wenig sommerlich und habe bessere Laune …

Ungewöhnliche chinesische Bildergeschichte

Ich finde es gut, dass der Verlag Chinabooks versucht, auch den deutschsprachigen Lesern die Comic-Welt Chinas nahezubringen. Ich selbst kann mit den Geschichten bislang eher wenig anfangen, freue mich aber immer, diese Einblicke in eine fremde Kultur mitzubekommen.

Im vergangenen Jahr erschien im Rahmen des Gratis-Comic-Tages beispielsweise »Mein Weg« von Jidi. Dabei handelt sich um eine junge Künstlerin, die eine ungewöhnliche Art hat, ihre Geschichten zu erzählen. »Mein Weg« ist ein längerer Zyklus aus Geschichten, die wohl teilweise autobiografisch sind.

Das Gratis-Heft präsentiert zwei Kurzgeschichten aus diesem Zyklus. Beides Mal sind ein mysteriöser alter Mann und ein junges Mädchen miteinander unterwegs; er zeigt ihr diverse Dinge und erläutert sie ihr. Beispielsweise geht es um eine Sängerin, die in einer unbedeutenden Seitengasse zu singen anfing, dann richtig berühmt wurde, nach einem Jahr aber freiwillig wieder in einem kleinen Lokal singen möchte.

Die Geschichten sind ein wenig traurig, und sie werden ohne jegliche Action und Spannung erzählt. Es gibt keine schnellen Bewegungen, keine Sprechblasen, nichts von dem, was man von den üblichen Comics her kennt. Das ist originell, packte mich aber nicht – da merkt man meine kulturelle Prägung sehr deutlich.

Die Zeichnungen sind hübsch: sehr aquarellig, sehr pastellig, auch sie ohne Action und Geschwindigkeit. Dabei ergibt sich ein spezieller Reiz; ich finde sie hübsch, aber ein wenig langweilig.

Alles in allem ist »Mein Weg« ein interessantes Heft, wenngleich sooooo so interessant für mich, dass ich mehr drüber wissen will. Ich wiederhole das, was ich am Einstieg dieses Textes schrieb: Es eröffnet einen Blick in eine fremde Kultur – und danach sehe ich selbst, ob es mir gefällt oder nicht.