11 Mai 2017

Game Over für den Gratis-Comic-Tag

Wer noch nicht weiß, ob er oder sie zum Gratis-Comic-Tag gehen sollte, für den habe ich einen echten Tipp: Bei den kostenlosen Heften ist »Game Over« dabei, ein schreiend komischer Funny-Comic mit drastischen Gags, in denen manchmal das Blut nur so spritzt.

Wer darin einen Widerspruch sieht, hat nicht unrecht. Hier passt es aber. Der Zeichner Midam schickt seine Hauptfigur in den einseitigen Geschichten immer wieder in die Kulissen eines Computerspiels.

Der schräge Held versucht, schlicht den »Exit«-Punkt des Spieles zu erreichen oder ganz ambitioniert eine gefangene Prinzessin zu befreien. Dabei muss er mit Monstern kämpfen, über Abgründe springen oder sich sonstwie durch ein Spiel zu schlagen – und natürlich scheitert er immer kläglich.

Witzig gezeichnet, pointiert erzählt und mit grobem Humor ... man muss das mögen. Ich fand's sehr witzig und möchte das Heft jedem /jeder ans Herz legen.

Der Shabby-Chic der Vintage-Jeans

Im vergangenen Jahr wunderte ich mich gelegentlich darüber, wie viele Leute mit Löchern in den Hosen durch die Gegend spazieren. Im Frühjahr fiel es mir in Frankreich auf, während des Sommers 2016 wurde es in Deutschland immer mehr. Und jetzt, im späten Frühling des Jahres 2017, scheint es keine modische Hose mehr geben, die ohne ein dekoratives Loch mehr auskommt.

Manche Löcher sehen ein wenig so aus, wie 1977 die Hosen der Ramones: Sie sind auf den Knien aufgerissen, wirken also, als hätten die Jeanshosenträger_innen damit harte Arbeit geleistet oder wären so oft gestürzt, dass sich das Kleidungsstück aufgelöst habe. Das finde ich teilweise durchaus nett.

Skurril sind dann die Hosen, die an den unmöglichsten Stellen zerrissen sind. Kürzlich erblickte ich eine junge Frau, bei der ein Stück Hose fehlte, das gut dreißig Zentimeter lang und zehn Zentimeter breit war. Man sah also recht viel Haut, aber es sah vor allem unfreiwillig komisch aus.

Da ich keine Ahnung von Mode habe, befragte ich das allwissende Internet. Ein Trend in unserer Zeit ist bekanntlich der »Shabby-Chic«; man legt sich also Möbelstücke oder Kleidung zu, die ein wenig abgeschabt und alt aussieht. Damit setzt man auf einen Stil, der mit alten Dingen und ihren Erfahrungen spricht. (Dann ist mein Gesicht nicht mehr alt, sondern strahlt halt im »Shabby-Chic« – auch gut.)

Die ständig auf der Straße zu erblickenden Hosen laufen unter dem Begriff Vintage-Jeans. Sie sollen individueller wirken als die normale Jeans, die man sich – so wie ich – mit Standardgröße kauft, so lange trägt, bis Löcher drin sind. Eine Vintage-Jeans sieht beim Kauf schon so aus, als hätte man mit ihr ein Jahr lang Fußböden geschrubbt oder wäre mit dem Skateboard durch die Innenstadt geheizt.

Will man mehr über die Welt von heute wissen, geht man am besten auf die Zalando-Seite: »Vintage Jeans haben das volle Stylepotenzial, wenn man modisch keine Kompromisse bei Jeans eingehen will.« Es geht letztlich um einen »timeless Vintage-Style«. Auch gut.

Ich hab's kapiert. Vielleicht hätte ich all meine zerfetzten und eingerissenen Hosen aus den vergangenen Jahrzehnten nicht mühsam flicken und so lange tragen sollen, bis sie zerfielen, sondern einfach aufbewahren?

10 Mai 2017

Blitzgedingst

Ich halte mich nicht für einen Raser, aber ich fahre immer mal wieder »knapp drüber«, also ein wenig über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Dabei übertreibe ich es nicht, zumindest nicht in meiner eigenen Wahrnehmung – aber es passiert gelegentlich, dass ich »geblitzt« bin. Aber eigentlich passe ich auf …

So an diesem Morgen. Ich kenne die Brücke, die die B 36 am Ortsausgang von Karlsruhe überquert. Gelegentlich steht ein auffallend weißes Fahrzeug am rechten Straßenrand direkt vor der Brücke; dort ist nur eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern erlaubt. Weil ich das weiß, fahre ich schön langsam.

In jüngster Zeit stehen die Fahrzeuge des Ordnungsamtes gelegentlich auch direkt hinter der Brücke, ziemlich gut getarnt und erst sichtbar, wenn das Blitzlicht aufflammt. Das weiß ich allerdings auch und passe auf.

Aber nach der Brücke gebe ich Gas – wenige hundert Meter danach kommt die Tempo-100-Zone. So auch an diesem Morgen. Man kennt seine Strecke ja, denke ich in edler Selbstüberschätzung.

Falsch gedacht: Ich sehe noch das blaue Schimmern hinter einem Gebüsch, rund hundert Meter vor dem Tempo-100-Schild. Ich nehme instinktiv den Fuß vom Gas, komme aber nicht mehr zum Bremsen – dann blitzt es vor meinem Gesicht, und in diesem Augenblick sehe ich sowohl das Radarnessgerät am Straßenrand als auch das Polizeifahrzeug hinter den dichten Blättern eines Strauches.

So kann’s kommen; man kann sich noch so gut auskennen und wird von der Polizei beim Zu-schnell-Fahren erwischt. Ich vermute, dass mich der Spaß wieder mal 15 oder 20 Euro kosten wird, und fahre zähneknirschend und geschwindigkeitsangepasst weiter zur Arbeit.

09 Mai 2017

Gratis-Comic-Tag mit Spider-Man

Ich bin in den Besitz einiger Comic-Hefte gekommen, die eigentlich erst am Samstag unter die Leute gebracht werden – dann startet nämlich der Gratis-Comic-Tag 2017. Bei dieser Veranstaltung, die bundesweit in Hunderten von Geschäften abläuft, kann man kostenlose Comic-Hefte abstauben. Ich bin natürlich neugierig und schaue in die Hefte rein, die es kostenlos gibt; gestartet wird mit »Spider-Man«.

Mit dem Marvel-Universum kann ich nicht so viel anfangen, ich habe im Verlauf der Jahre aber immer wieder »Spider-Man«-Geschichten gelesen. Das Gratis-Heft zur Serie enthält den ersten Teil des neuen Handlungsabschnittes »Die Klon-Verschwörung«, die Extrageschichte »Der Geier« und den Anfang von »Spidey«.

Die Hauptgeschichte fängt mit einer Beerdigung an, sie zeigt einen trauernden Peter Parker und sein soziales Umfeld. Nach einigen Dialogen kommt schnell die Superhelden-Action.

Gezeichnet und getuscht wurde das Ganze ziemlich klasse, die Bilder sind dynamisch und stecken voller Effekte; das ist toll. Die Story fand ich am Anfang verwirrend, weil sehr viele unbekannte Begriffe auftauchten, und sie schaffte es nicht, mich über die ganze Länge zu faszinieren.

Ganz anders »Der Geier«; im Prinzip ist das eine Gefängnisgeschichte, die halt im »Spider-Man«-Universum spielt und für sich stehen kann. Gut gezeichnet (sieht man von manchem Gesicht ab) und knallig auf eine fiese Pointe hin erzählt – gefällt mir gut.

Den Vogel schießt allerdings »Spidey« ab. Man will »jede Menga Action mit der freundlichen Spinne von nebenan« präsentieren, und das klappt. Die Zeichnungen sind deutlich jünger angelegt, die Geschichte ist rasant und kommt ohne erzählerischen Ballast aus. Ziemlich cool – und sicher nicht nur für Leser, die noch in die Schule gehen ... »Spidey« finde ich überraschend unterhaltsam und gelungen!

Alles in allem ein interessanter Einblick in ein Comic-Universum, von dem ich so viel nicht kenne und weiß. Cool, dass man beim Gratis-Comic-Tag solche Einblicke erhalten kann!

08 Mai 2017

Frankreich und sein Punkrock

Ich weiß nicht, wie oft ich die geplante Radiosendung über Punkrock aus Frankreich schon vor mir hergeschoben habe. Am Sonntag, 7. Mai 2017, bot es sich einfach an: In Frankreich wurde gewählt, und da wollte ich für den passenden Soundtrack sorgen. Musikalisch ging es dabei zumeist recht klassisch vor.

Mit den Melodiepunkern von The Shapers aus Toulouse und den schon fast nach IndieRock klingenden Uncommon Men From Mars aus St. Orens hatte ich einen aktuellen Einstieg in die Sendung. Beide Bands sind recht harmlos und ebenso modern; das sollte gefallen. Wuchtig, rotzig und für meinen Geschmack eigentlich zu sehr in den Hardrock tendierend waren danach die Ashtones, die irgendwo aus Nordfrankreich sind.

Den Übergang zur alten Zeit bildete die Band Hors Controle. Das sind zwar Skinheads, aber die machen klaren Antifa-Punkrock; kein Wunder, die Band veröffentlicht ihre Tonträger beim Maloka Kollektiv in Dijon, und das ist politisch absolut eindeutig.

Mit großer Freude stieg ich in die frühen 80er-Jahre ein: Komintern Sect ist eine Band, die unsereins schon »damals« gelegentlich hörte, während Reich Orgasm – benannt nach dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich, nicht nach dem Dritten Reich – nie so bekannt geworden sind. Großartig dann Camera Silens, für mich eine der besten französischen Bands aus diesen frühen Jahren; ein starker Abschluss für eine gute Sendung.

Weil ich ja einiges für die Sendung recherchiert habe, kann es durchaus sein, dass ich im Querfunk, dem Freien Radio Karlsruhe, mal wieder über Frankreich etwas bringe. Dann vielleicht auch mit Blick auf die Hardcore-Szene, die in Frankreich ab 1986 immer mehr an Einfluss gewann ...

07 Mai 2017

Bonnie Blade und ihre Bande

Das war eine Überraschung am Samstagabend, 6. Mai 2017: Ich war auf einer Geburtstagsparty im »Mikado«, dem Kulturzentrum in der Nordstadt, also eine eher private Veranstaltung. Rund 150 Leute waren anwesend, das Altersspektrum reichte von 15 bis 85 – kein Witz. Und eigentlich war ich darauf eingestellt, Bier zu trinken, Flammkuchen zu futtern, einige halbwegs intelligente Bemerkungen von mir zu geben und ansonsten vor allem in der Gegend herumzustehen.

Dann aber enterte eine Band die Bühne, von der ich noch nie etwas gehört hatte: vier Männer und eine Frau, die sich Bonnie Blade & The B-Flat Canaries nannten und einen altmodischen Sound extrem cool rüberbrachten. Im Prinzip spielten die klassischen Rock'n'Roll, sehr in den fünfziger Jahren verankert und dank Kontrabass auch noch mit Rockabilly-Elementen abgeschmeckt.

Das machte die Band schon ziemlich gut – der Hammer aber war die Sängerin, die »ganz normal« singen konnte, zwischendurch aber die Stimme röhren ließ. Die Show war zurückhaltend, die Band stand die meiste Zeit, während die schwangere Sängerin immer wieder auch saß.

Aber was geboten wurde, gefiel den Anwesenden. Recht schnell wurde getanzt – und das war richtig nett. Ich habe noch nie eine alte Dame von 85 Jahren zwischen jungen Leuten tanzen sehen – aber an dem Abend war das der Fall. Der Sound von der Bühne schwappte ins Publikum, und die Begeisterung dort schwappte auch wieder zurück. Sehr schön!

05 Mai 2017

Comic-Thriller in starkem Stil

Ins Jahr 1967 führt der Comic »Swinging London«, der schon 2011 erschienen ist, den ich aber erst dieser Tage lesen konnte. Es geht um Rockmusik und Drogen, um eine Prise Satanismus und Gewalt, vor allem aber um Sex und Crime – und das ist ziemlich cool gemacht. Dabei wusste ich vorher weder etwas über den Autor Thomas Bénet noch den Zeichner Christian de Metter.

Die Geschichte beginnt im August 1967. Ein Rockstar stirbt in seinem Schloss in Schottland. Während die Polizei einen Selbstmord feststellt und die Presse sich in Spekulationen ergibt, beginnen zwei Freunde damit, nach den Hintergründen zu forschen. Das Interessante daran: Beide zählen nicht zur weißen Durchschnittsgesellschaft in Großbritannien.

Weder der seltsame Guru, mit dem der Rockstar befreundet war, noch die coole Fotojournalistin haben viel mit dieser Gesellschaft zu tun. Sie werden wegen ihrer Hautfarbe oder wegen ihres Geschlechtes diskriminiert, ermitteln aber dennoch auf ihre Weise.

Dabei kommen allerlei Geheimnisse ans Licht, die mit Sex, Drogen und Gewalt zu tun haben. Ein mysteriöser Geheimbund steckt offenbar ebenfalls in der Geschichte – und recht schnell bekommt vor allem die junge Journalistin allerlei Probleme.

Die Geschichte wird schnell und zielgerichtet erzählt. Auch wenn die »Ermittler« alles andere als Polizisten sind, verhalten sie sich wie Detektive; sie ermitteln, sie schnüffeln, sie befragen. Dabei finden sie schnell ein Detail nach dem anderen heraus, während die Gegenseite versucht, sie auszubremsen oder gar zu bedrohen. Es ist ein klassischer Krimi, allerdings tauchen immer wieder phantastische Elemente auf.

Spannend bei der Story sind vor allem die Hintergründe. Die späten 60er-Jahre werden glaubhaft lebendig: Rockmusik ist etwas Neues, die junge Generation revoltiert gegen die Alten, das britische Königreich befindet sich bereits im Niedergang. In dieser Zeit ist das »Swinging London«, das dem Comic seinen Namen verliehen hat, ein künstlerisches Aufbegehren gegen eine verkrustete Gesellschaft.

Faszinierend sind bei diesem Comic stets die Bilder. Christian de Metter arbeitet mit dezenten Farben und kräftigen Linien, häufig lässt er die Konturen bewusst verschwimmen. Menschen stehen oft als Skizzen im Bild, während die Hintergründe unscharf wirken – als ob alles durch einen Drogenschleier beobachtet würde. Klar: Drogen spielen in diesem Comic eine Rolle, ebenso allerlei Visionen bei der Suche nach den Hintergründen.

»Swinging London« ist ein ungewöhnlicher Comic, der mir sehr gut gefallen hat. Er unterscheidet sich in der Machart meilenweit von den üblichen Genre-Comics, die man ansonsten kennt: Weder herrscht ein Superhelden-Stil vor noch der übliche Abenteuer-Stil der frankobelgischen Schule. Das wird nicht jedermanns Geschmack sein – ich empfehle, einen Blick in das Buch zu werfen.

Erschienen ist der Comic als Hardcover im »normalen« Format (also kein Album) bei Schreiber & Leser; man bekommt ihn nach wie vor im Handel. Wer mag, nutze die ISBN 978-3-941239-62-3; weitere Informationen gibt sowieso auf der Verlagsseite und im Lesermagazin des Verlages.

04 Mai 2017

Königin aller Literaturdisziplinen

Ich brauche ja immer ein wenig, bis ich eine Ausgabe des OX-Fanzines durch habe; meist reicht es sowieso nicht dazu, das umfangreiche Blatt richtig zu lesen, und so reicht es nur zu einem ausgiebigem Blättern und der Lektüre von ausgewählten Artikeln. Deshalb dauerte es auch seine Zeit, bis ich bemerkte, dass in der Ausgabe 129 – sie kam zum Jahresende 2016 raus – eine Besprechung meiner Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?« enthalten ist.

Verfasst wurde sie von Kalle Stille, den ich jetzt auch seit bald dreißig Jahren kennen dürfte. Keine Ahnung, bei wie vielen Pogo-Konzerten wir vor allem in den 80er- und frühen 90er-Jahren vor allem im Raum Stuttgart übereinander gestolpert sind – und das ist hier durchaus wörtlich gemeint. Das heißt natürlich, dass seine Besprechung nicht objektiv ist, sondern eher subjektiv. Was mir nichts ausmacht ... auch wenn er mich »Schwarzwaldklausi« nennt ...

Er empfiehlt das Buch als Klolektüre, was hier positiv gemeint ist, und sieht es als »einen kurzweiligen Heidenspaß«. Kurzgeschichten mag der Rezensent sowieso, für ihn ist eine Story die »Königin aller Literaturdisziplinen«. Und ich freue mich sehr über ein solches Lob!

03 Mai 2017

Kampf mit dem Kleiderschrank

So richtig nachvollziehbar ist nicht mehr, warum ich auf die Idee kam, mal meinen Kleiderschrank genauer anzuschauen und auf Klamotten zu untersuchen, die nicht mehr passten. Die Möglichkeit besteht allerdings, dass es auf mehr oder weniger sanften Druck hin geschah. So nach dem Motto, »dieses T-Shirt willst du doch echt nicht mehr anziehen, oder?« Auf jeden Fall wurde »gemistet«.

Es war, so viel kann ich gleich mal sagen, ein hochdramatischer Ablauf. Es ist wirklich erschütternd, was man in den Tiefen eines Kleiderschranks findet, nicht nur T-Shirts, die man seit Jahren nicht mehr angehabt hat und die man wohl nie mehr anziehen wird. (Aber mein selbstgemachtes ENPUNKT-T-Shirt aus den frühen 90er-Jahren habe ich eisern verteidigt … anziehen werde es wohl kaum mehr.)

Manchmal wunderte ich mich über mich selbst. Da gab es beispielsweise diese Hose, die ich 1999 in Malaysia gekauft hatte. Ich wunderte mich, dass die mittlerweile recht zerschlissen war und am Bauch ein wenig sehr spannte (ähm). Zähneknirschend warf ich sie weg.

Einige T-Shirts aus den 90er-Jahren wanderten tatsächlich in den Müll. Ein T-Shirt mit dem Motiv meiner Lieblingsheftromanserie behielt ich, mit dem Gedanken im Hinterkopf, das irgendwann mal bei einem Con anzuziehen. Ich müsste dann mit stark eingezogenem Bauch über die Bühne wandeln, aber das sollte zu schaffen sein (ähm).

Meine Lederjacke verteidigte ich, auch wenn ich die nur noch selten anziehe. Meine Lederhose entsorgte ich; es ist kaum vorstellbar, dass ich noch auf die Sorte extrem sportlicher Demos gehen sollte, für die ich sie mir vor einem Vierteljahrhundert zulegte. (Sie passte übrigens ertaunlicherweise, saß allerdings an den Oberschenkeln ein wenig zu eng. Aber in einem Schwarzen Block würde mich mit den Klamotten heutzutage jeder für einen Schauspieler, Seniorenpräsident oder Zivilpolizisten halten.)

Danach war der Kleiderschrank nicht ganz so leer, wie ich mir das vorher gedacht hatte. Aber es fällt wirklich schwer, sich von Klamotten zu trennen, die einem mal was bedeutet haben. (»Dieses Hemd habe ich beim Fest der Fantasie 1995 getragen.« – »Das sieht man. Besser weg damit, oder?«) Zum Ausgleich muss ich mir wohl dringend wieder einige Schallplatten kaufen ...

02 Mai 2017

Die Rock-Welt ist okay mit den Boss Martians

In den späten 90er-Jahren bekam ich zum ersten Mal mit, dass es die Boss Martians gab. Die Band spielte am Rand der Punkrock-Szene, bekam durch ihre Herkunft aus Seattle anständigen Rückenwind, wurde aber bei mir auch in den Nullerjahren nie zu einer der Bands, die ich mir immer und ewig merke.

Dieser Tage hörte ich mir wieder einmal die CD »Making The Rounds« an, die im Jahr 2001 aufgenommen worden war, und fand die richtig gut. Immer noch blieb ich bei meiner Meinung, dass die vier Typen der Band, die man auf dem Cover sehen kann, richtig beschissen aussehen, und noch immer war es kein Punkrock – aber gleichzeitig machte mir die Band richtig Spaß.

Tagelang kam die CD nicht aus meinem Autoradio heraus, und ich werde sie sicher wieder öfter hören. Warum eigentlich? Was die Band spielt, ist »klassische Rockmusik«, wie man sie in den 70er-Jahren zur Vollendung getrieben hatte, ohne jegliche Peinlichkeit und ohne übertriebenes Gitarrengewichse.

Die Band ist kompakt, sie macht knackigen Rock’n’Roll, der Sänger kann singen, und die Orgel quiekt dazwischen, dass es eine wahre Pracht ist. Selten wird es richtig krachig, noch seltener kann man die Musik in eine Punkrock-Ecke stecken, meist aber ist die Mixtur aus IndieRock und lauter Popmusik sehr überzeugend. Der Erfolg, den die Band irgendwann in den Nullerjahren einsammelte und der sie auch auf die großen Bühnen brachte, ist absolut berechtigt.

»Making The Rounds« liefert richtig gute Rockmusik, die eigenständig genug ist, um nicht zu langweilen, die aber trotzdem so treibend gespielt wird, dass eigentlich alle Freundinnen und Freunde von lauter Gitarrenmusik ihren Gefallen daran finden könnten. Der schmissige Sound geht gut ins Ohr, die Melodien kommen auf den Punkt, die Texte wirken nicht blöd.

Alles richtig gemacht von den Boss Martians! Vielleicht sollte ich mal nach weiteren Platten dieser Band schauen ...

01 Mai 2017

Fünfter Sonntag im April

Weil der Monat April 2017 seine fünf Sonntage hatte, bedeutete das für mich, dass ich auch zweimal Radio zu machen hatte. Also ging ich am Sonntagabend, 30. April 2017, in das kleine Studio im Querfunk Karlsruhe, und versuchte mich als Moderator einer Punkrock-Radiosendung. Als Thema hatte ich »Bands aus Deutschland«, und jegliche weitere Eingrenzung hatte ich weggelassen – das geht ja auch mal.

Aus diesem Grund spielte ich die alten Herren von den Kassierern, die ich in all ihrer Schrägheit immer noch gut finde, mit ihrem deutschsprachigen Punkrock, und die Freiburger Band Seducers, die zwischen Garagen-Rock und Punk pendelt. Mit sehr melodischem Deutschpunk kamen dann Nevermind aus dem nördlichen Hessen um die Ecke, schrabbeligen Punk-Sound mit deutschen Texten servierten Trend aus der Pfalz.

Als echte Alte-Herren-Kapelle präsentierte ich Abwärts mit einer halbwegs neuen Platte, gefolgt von Kick Joneses, die an diesem Abend wohl meine Lieblingsband waren. Darüber hinaus spielte ich einige Bands mit je einem Stück an, darunter die coolen Metro Chucks aus Berlin.

Man merkte der Sendung sicher an, dass sie nicht so richtig durchgeplant war. Ich hoffe, dass die Hörer sie dennoch informativ oder zumindest unterhaltsam fanden.

30 April 2017

Nicht vernünftig eingebürgert

»Ich bin kein Deutsche«, sagte der Mann, der mir gegenüber saß. »Ich wohne seit dreißig Jahren hier, und ich habe meine Staatsangehörigkeit behalten.« Wie es sich herausstellte, kam er aus einem der Staaten der südlichen EU, einem Land, das sogar in der Eurozone war.

Recht verwundert schaute ich ihn an. »Warum eigentlich nicht? Sie reden besser deutsch als ich, und ...«

»Schon klar. Ich habe hier studiert, ich lebe und arbeite seit dreißig Jahren hier, ich zahle richtig viel Steuern.« Er trug einen guten Anzug mit Krawatte, er war Abteilungsleiter in einem deutschen Unternehmen, er fuhr ein dickes deutsches Auto, seine Frau war deutsche Beamtin, und ich wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, dass er ein Ausländer sein könnte.

Auf mein Nachfragen erzählte er, dass er vor einem Jahr etwa versucht habe, deutscher Staatsbürger zu werden. Man habe ihn Fragebogen ausfüllen lassen und Fragen nach seiner Verfassungstreue gestellt. Man habe seine Frau nach seinen Vorlieben gefragt und alle möglichen blöden Fragen geäußert: zum politischen System, zu Landeshauptstädten und Parteien.

»Als ob die glaubten, dass ich illegal einwandern wollte.« Er schüttelte den Kopf und erzählte weitere Geschichten von seltsamen Fragen und noch seltsameren Mutmaßungen. »Vielleicht hätte ich die Nationalhymne singen sollen.«

»Und dann?«, fragte ich gespannt.

»Wenn mich Deutschland nicht will oder es mir so spät macht, lasse ich es halt«, sagte er lakonisch. Dann prosteten wir uns zu: jeder ein alkoholfreies Bier in der Hand, weil wir in der Nacht noch autofahren mussten.

Soviel zum Thema Leitkultur.

29 April 2017

Mein Treffen mit Wahnfried

Dass ich von Opern wenig Ahnung habe, dürfte kaum jemanden überraschen. So wusste ich bislang auch nichts davon, wie eng meine Heimatstadt Karlsruhe – über den jüdischen Dirigenten Hermann Levi – mit der Geschichte des judenfeindlichen Kompnisten Richard Wagner verknüpft ist. Jetzt weiß ich das ... und ich finde die Verwicklungen spannend.

Karlsruhe leistet sich ein Opernhaus, in dem in diesem Jahr gewissermaßen Richard-Wagner-Festspiele sind. In diesem Rahmen wurde die Oper »Wahnfired« auch uraufgeführt; gestern sah ich diese Oper dann auch.

Komponiert wurde die Oper von dem israelischen Komponisten Avner Dorman, geschrieben wurden sie von deutschen Dramaturgen. Erzählt wird die Geschichte des Wagner-Clans aus ungewöhnlicher Perspektive: aus der eines Engländers, der so fasziniert von den Deutschen ist, dass er quasi zu ihnen überläuft.

Mit der Musik konnte ich nicht viel anfangen: Das war wenig melodisch, das war sehr hektisch. Klar wurde ein Opernchor aufgeboten, und selbstverständlich stand ein fettes Orchester zur Verfügung. Aber ins Ohr ging mir da nichts.

Umso eindrucksvoller dann die Vorstellung selbst. Die Verstrickungen des Wagner-Clans in den Aufstieg des Nationalsozialismus wurden stark dargestellt, das Schicksal des jüdischen Dirigenten immer wieder eingeflochten. Adolf Hitler trat auf, der Kaiser hatte ein Gastspiel, alles in allem bekam man fünfzig oder sechzig Jahre deutscher Geschichte um die Ohren gehauen.

Vor allem halt der judenfeindliche Teil dieser Geschichte. Wenn Opernsänger von »jüdischer Hetze« singen oder »die Arier« beschworen werden, jagt einem das einen kalten Schauder über den Rücken. Vielleicht lag es auch daran, dass nach der Pause einige Sitze in unserer Nähe leer blieben – so viel Realitätsnähe und Wagnerkritik dürfte für das normale Opernpublikum nicht einfach auszuhalten sein.

Ein Opernfreund werde ich sicher in meinem Leben nicht mehr werden. An den »Wahnfried« werde ich mich aber noch lange erinnern. Das war ein eindrucksvolles und starkes Theaterstück, mit tollen Sängern und einer Musik, die halt überhaupt nichts für mich war.

28 April 2017

Das ach so mutige Buch des Ministers

Als Bundesjustizminister sollte Heiko Maas den Job haben, sich um die Justiz in der Bundesrepublik zu kümmern. Das macht er hoffentlich. Wie gut er das tut, kann ich nicht beurteilen – dass die Presse vor allem über seine Anzüge und sein Aussehen zu schreiben scheint, weist in meinen Augen allerdings auf das eine andere Defizit hin. Neuerdings »engagiert« er sich auch gegen Nazis, was immer das bei Politikern heißen mag.

Dabei hat er ein Buch geschrieben ... oder schreiben lassen. Es trägt den Titel »Aufstehen statt wegducken« und den Untertitel »Eine Strategie gegen Rechts«; im Mai erscheint es im Piper-Verlag. So weit so gut. Man könnte sich fragen, warum ein Minister eine Strategie gegen »rechts« vorstellt – also auch gegen die CDU und die CSU – und nicht der Klarheit halber eine »Strategie gegen Nazis«, was klarer wäre ... aber gut, ich bin ja kein Politiker und auch kein Sachbuch-Lektor.

Ein wenig seltsam finde ich die Werbung, die dem Buch beschert wird: »Mutig Position beziehen gegen Rechts!« titeln große Anzeigen in den Fachzeitschriften, unter anderem auch auf dem Titelbild des »Börsenblatts«. Das sieht gut aus, trägt sicher dazu bei, dass die Buchhändler das Werk ordentlich »einkaufen« und ist von daher nicht zu bemängeln.

Als kritischer Bürger frage ich mich halt: Was ist denn eine »mutige Position« daran, wenn ein Minister – der ständig von Leibwächtern umgeben ist – ein Buch über die »Rechten« schreibt? Ist es nicht vielmehr mutiger, wenn sich Antifa-Initiativen in Dörfern und Städten dem rechtsradikalen Mob entgegen stellen? Ist es nicht mutiger, sich vor Ort für Flüchtlinge und eine »bunte« Kultur zu engagieren?

Aber da irre ich mich wohl. Während die Staatsgewalt eifrig dabei ist, jugendliche Antifa-Aktivisten mit Prozessen zu überziehen und dafür zu sorgen, dass Nazi-Aufmärsche gelegentlich mit Zwang durchgesetzt werden, ist es wahrscheinlich sehr viel mutiger, sich als Minister auf den Hintern zu setzen und schreibend sowie redend »mutig Position« zu beziehen. Aber ich bin ja auch kein Politiker ...

27 April 2017

Leseprobe zum blutenden Land

Da ich heute den ganzen Tag unterwegs war, konnte ich mich noch nicht um die Details kümmern – ich freute mich aber unglaublich, dass Post von Droemer-Knaur eingetroffen war. Im Kuvert steckte ein Buch, das die aktuellen Leseproben des Fantasy-Programms für den Herbst 2017 enthielt. Unter anderem dabei: die Leseprobe für meinen Roman »Das blutende Land«.

Der Verlag nahm das dritte Kapitel; das ist eine schöne Wahl, weil dieses Kapitel die eigentlich Hauptfigur und zwei wichtige Nebenfiguren vorstellt. Ich bin gespannt darauf, wie die Leser darauf reagieren. Und natürlich werde ich mir die anderen Titel dieses Programms sehr genau vorstellen.

Aber selbstverständlich hat mich das nicht nur gefreut, sondern auch stolz gemacht. Gleichzeitig erhöht die Leseprobe meine Nervosität; da werde ich glatt zum Jungautor ...

26 April 2017

Anti-Flag überzeugten live in Karlsruhe

Es ist schon irgendwie peinlich – aber obwohl ich einen Stapel Platten der amerikanischen Punk-Band Anti-Flag besitze, habe ich sie bis gestern nie live gesehen. Ein Grund war bislang, dass die Band von Anfang an »so groß« war, dass sie nur auf Open-Air-Festivals oder in großen Hallen auftrat. Ich brauchte auch einige Zeit, bis ich mich dazu überwinden konnte, ins »Substage« in Karlsruhe zu gehen.

Das »Substage« ist einer dieser seelenlosen Konzertorte, in die es mich nicht zieht: eine Beton-Architektur, hingeschissen in ein eigentlich schönes Areal mit alten Gebäuden, von der Stadt Karlsruhe ordentlich subventioniert und trotzdem mit »Rocker«-Attitüde. An diesem Dienstagabend, 25. April 2017, ging ich zum ersten Mal zu einem »richtigen« Konzert hinein.

Der Raum wirkte gut ausverkauft; ich nehme an, dass über tausend Leute da waren. Weil ich vor der Tür mit einigen Bekannten redete, verpasste ich die erste Band. Dabei sollen The Prosecution mit ihrem SkaCore echt gut gewesen sein. Aber ich rechnete echt nicht damit, dass das »Substage« seine Konzerte so pünktlich anfangen lässt.

Radio Havanna spielten als nächste Band. In den guten Momenten erinnerte die Band an alte Wizo-Stücke, in den schlechten Momenten langweilte der poppig-melodische Punkrock sehr. Zwischendurch wurde ein Stück der Prinzen gecovert, ansonsten fand ich die Band musikalisch meist belanglos, wenngleich mit den Ansagen nicht unsympathisch.

Als Anti-Flag die Bühne enterten, war vom ersten Ton an gleich Bewegung im Saal. Okay, die Band zündete mit »Die For Your Government« gleich einen ihrer ersten Hits und legte dann kontinuierlich nach. Das textsichere Publikum sang eifrig mit, es wurde eifrig getanzt; gelegentlich wurde Crowdsurfing betrieben.

Was ich echt blöd fand, war die Manie der Band, das Publikum zu irgendwelchen Mitmach-Dingen aufzufordern. Wenn mir von der Bühne einer sagt, ich solle springen, bleibe ich halt aus Prinzip stehen. Und wenn es heißt, man solle die Hände recken oder klatschen, stecke ich sie in die Hosentasche. Punkrock hieß irgendwie nie, dass man den Aufforderungen der Band eins zu eins Folge zu leisten hat.

Immer wieder gab es Sprechchöre wie »Alerta Antifascista« im Publikum, die ich gut fand. Wahrscheinlich gehören Antifa-Parolen ebenso zum Lifestyle heutiger Konzertbesucher wie Vollbärte und Tätowierungen. (Aber seltsames Konzertverhalten gab es in den 80er-Jahren ja auch schon bei Exploited und anderen Bands ...)

Ich will nicht zu mäkelig klingen: Die Band überzeugte mit schmissiger Musik, mit einer professionellen Show auf der Bühne, die viel Spaß anklingen ließ, mit guten Ansagen und spontanen Aktionen. Am Ende wurde ein Stück von den Ramones gespielt, zwischendurch wurde stellten sich der Schlagzeuger und einer der Gitarristen mitten in das Publikum und spielten dort weiter – das war alles schon ziemlich große Klasse.

Als ich irgendwann aus dem »Substage« ins Freie kam, erhitzt und bester Laune, hatte ich das Gefühl, ein tolles Konzert erlebt zu haben. Ein Freund des Konzertortes werde ich aber trotzdem kaum werden, fürchte ich.

25 April 2017

Die Fledermaus in Europa

Ich bin seit vielen Jahren ein Fan der »Batman«-Serie, eigentlich seit der Zeit, als sie in den 80er-Jaren erwachsen wurde und der Quatsch der frühen Jahre endlich vorbei war. Die Comic-Verantwortlichen aus den USA wagen immer wieder neue Wege, und damit schaffen sie es oft genug, mich zu faszinieren.

Bei »Batman Europa« gelang das nur eingeschränkt. So gut ich die Idee fand, so wenig gefiel sie mir unterm Strich. Womöglich wollte man zu viel auf einmal, womöglich wurde die künstlerische Energie übertrieben. Ich hatte mir die deutschsprachigen Hefte einzeln gekauft, jetzt aber liegt auch ein Paperback vor, das alles zusammenfasst. Ich will’s an dieser Stelle erwähnen – es wird hoffentlich einige Leute geben, die sich darauf einlassen können.

Enthalten ist in »Batman Europa« eine vierteilige Miniserie, die in den europäischen Metropolen Berlin, Prag, Paris und Rom spielt. Mit Batman selbst und seinem durchgeknallten Erzfeind, dem Joker, sind die wichtigsten Figuren der Serie beteiligt – für genug Action ist also gesorgt.

Allerdings empfand ich die Geschichte als zu einfach: Weil Batman und der Joker mit einem tödlichen Virus infiziert worden sind, müssen sie auf eine Art Schnitzeljagd gehen. Diese führt sie durch die genannten Städte in Europa. Um ihr Leben zu retten, müssen die beiden Feinde zusammenarbeiten und ihren Gegner einfangen – gleichzeitig kämpfen sie die meiste Zeit doch gegeneinander.

Die Anordnung ist damit sehr klassisch: Zwei Gegner verbünden sich, um sich einen gemeinsamen Feind vom Leib zu halten. Das ist teilweise recht spannend, die europäischen Szenen halten sich allerdings in Grenzen. Für die amerikanischen Leser wurde sicher viel Lokalkolorit geschaffen, für Europäer ist das zu wenig.

Letztlich muss man sich von der Optik dieses Comics fesseln lassen. Sie ist sehr »künstlerisch«. Nach Texten und Konzepten von Brian Azzarello wirkten unterschiedliche Comic-Zeichner. Meist wirken die Bilder absichtlich verwischt; die Szenen spielen oft bei Nacht und werden spärlich »ausgeleuchtet«. Das ist teilweise faszinierend, wirkte auf mich aber zeitweise so übertrieben, dass es mich auf Dauer nicht fesseln konnte.

Alles in allem ist »Batman Europa« ein Beispiel für die Experimentierfreude der amerikanischen Comic-Verlage. Inhaltlich wie optisch hat mich die Miniserie nicht gepackt; wer sich für Geschichten mit der Fledermaus begeistern kann, sollte aber mal einen Blick reinwerfen.

Bald gibt's wieder »Exodus«

Ich habe es noch nicht einmal geschafft, die »Exodus«-Ausgabe komplett zu lesen, die im Oktober 2016 erschienen ist – da kündigt die Redaktion schon die Ausgabe 36 für den Mai/Juni 2017 an.  Thematisch konzentriert man sich diesmal auf den Autor Herbert W. Franke, der in diesem Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiert, und auf die Phantastische Bibliothek Wetzlar, die 2017 auch schon seit dreißig Jahren besteht.

Immerhin habe ich es geschafft, zu einem der zwei Themen ebenfalls einen Beitrag zu schreiben. Zu mehr reichte es leider nicht. Es wird Zeit, dass ich in diesem Magazin endlich mal wieder mit einer Kurzgeschichte vertreten sind. Das wird allerdings sicher noch eine Weile auf sich warten lassen.

So lange freue ich mich auf die Ausgabe 36. Die gibt es sogar als Variant-Edition. Ich fürchte, da wird mein Sammlertrieb mit mir durchgehen ... (Weitere Infos zu alledem gibt's auf der Website des Magazins.)

24 April 2017

Frau Dr. Merkel und ich

Es war ein seltsamer Augenblick für mich, als Angela Merkel den Raum betrat. Sie erkannte mich sofort, zwinkerte mir aber nicht zu und gab auch sonst nicht zu erkennen, dass sie wusste, wer ich war. Sie verzog ein wenig die Mundwinkel, wie sie das gern machte – ich interpretierte es als freundliches Lächeln.

Ich saß hinten im Raum, aber sie kam an meinem Platz vorbei, eingerahmt von ihren Leibwächtern. Nachdem sie auf dem Podium Platz genommen hatte, stellte sie der Diskussionsleiter als »Frau Dr. Merkel« vor, und die Diskussion begann. Man konnte Fragen stellen, sie antwortete. Das ging eigentlich auch ganz gut, viele Leute meldeten sich und wurden aufgerufen.

Mich juckte es immer wieder, selbst etwas zu sagen oder mich zu Wort zu melden. Ich fand, sie äußerte sich ausweichend; sie hätte bei manchen Fragen klarer antworten sollen. Aber so kannte man sie.

Mein Nebenmann stieß mich an. »Willst du die Merkel nichts fragen? Es machen doch alle mit.« Er wies auf die Finger, die sich in die Höhe reckten. Ich kam mir vor wie in der Schule unter lauter Strebern.

»Nein, nein«, gab ich locker zurück. »So nötig habe ich es nicht. Ich habe letzte Woche ja erst mit ihr zu Mittag gegessen.«

Er schaute mich verwundert an. »Echt?«

»Ja. Das machen wir ab und zu. Meist zu zweit. Das ist echt nett.«

Er starrte mich an. Dann wachte ich auf. Ich brauchte einige Sekunden, um zu kapieren, dass ich mit der Bundeskanzlerin noch nie in einem Raum gewesen war ...

23 April 2017

Waldemar und MRU

Man kann nicht sagen, dass ich Waldemar Kumming besonders gut kannte. Wir haben uns im Verlauf von Jahrzehnten immer mal wieder getroffen und nie mehr als einige Sätze gewechselt. Als ich aber von seinem Tod erfuhr, war ich dennoch betroffen.

Waldemar war Jahrgang 1924, geboren am 31. Juli, also älter als mein Vater, eine Generation, die ihre prägenden Jugenderfahrungen im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg gesammelt hat. Wie und warum er auf die Science Fiction kam, weiß ich nicht; es wäre eine spannende Frage gewesen, die ich ihm nie stellte.

Waldemar gehörte auf jeden Fall zu den allerersten Menschen in Deutschland, die sich für diese neue Literaturgattung so begeisterten, dass sie damit anfingen, aktiv zu werden. Er schrieb für Fanzines, er reiste auf Veranstaltungen, er war im Science-Fiction-Club Deutschland aktiv. Das alles machte er zu einer Zeit, in der das noch nicht sehr angesagt war ...

Ich habe viele Ausgaben seines Fanzines »Munich Round Up« gelesen. Er machte es nicht allein, aber er war derjenige, der die Kontinuität über Jahrzehnte hinweg sicherte. Schon in den frühen Jahren seiner Fanzine-Arbeit hatte »MRU«, wie das Blatt aus München genannt wurde, eine ausgesprochen satirische Seite; das behielt er bei.

Gern berichtete er über Cons. Zu Zeiten, in denen Deutsche im Ausland noch eher argwöhnisch betrachtet wurden – kein Wunder nach den Greueln des vergangenen Krieges – fuhren Fans wie Waldemar auf internationale Fan-Veranstaltungen. Sie besuchten in den fünfziger Jahren beispielsweise Cons in England, und sie reisten im VW-Käfer sowie auf dem Landweg- und Seeweg dahin.

Ich hatte immer großen Respekt vor Waldemar und seiner Lebensleistung als Fan, als Organisator, als Fanzinemacher. So lange war er so aktiv – das ist sehr beeindruckend. Er starb am 5. April 2017, ich erfuhr es erst Wochen danach. In den nächsten Monaten, das habe ich mir vorgenommen, werde ich immer mal wieder in alten »MRU«-Ausgaben blättern.

22 April 2017

Zwei Tage Ohne Schnupftabak

Einen Preis für ihren coolen Bandnamen hat eindeutig eine Punkrock-Kapelle aus Regensburg gewonnen: Zwei Tage Ohne Schnupftabak klingt zwar sperrig, das merkt man sich aber. Die Abkürzung ZTOS wirkt dagegen schlapp.

Zum zehnjährigen Bestehen der Band wurde im November 2013 die EP »Die Bresche« aufgenommen; ich habe die Vinylscheibe mit den drei Stücken, bei der ich schon das Titelbild ziemlich klasse finde. Musikalisch gibt es schrammeligen Punkrock, bei dem gern auch der Begriff »Emo« fallen darf.

Dazu kommen Texte, die ein wenig verkopft sind: »Am Anfang war das Ende / und seitdem wird es verfilmt« ... ich mag solche Texte, weil sie ein bisschen tiefergehen. Immer anhören kann ich mir das nicht, und die Platte ist auf Dauer vor allem musikalisch zu eintönig.

Die Band selbst sollte man sich mal anhören. Dankenswerterweise gibt es auf Bandcamp dazu manche Gelegenheit ...

21 April 2017

Wie ich einmal im Studierendenhaus auftrat ...

Beim »Café Koz« handelt es sich – auch wenn sich der Name ein wenig anders anhört – um ein sympathisches Café des Studierendenhauses der Universität Frankfurt. Als ich am Mittwochabend dort ankam, erinnerte es mich an die Kneipen autonomer Häuser, in denen ich in früheren Jahrzehnten viel Zeit verbracht hatte: schlichte Einrichtung, humane Preise für die Getränke, die Wände im Klo mit allerlei Sprüchen vollgekritzelt.

Bei meiner Lesung war der Raum gut gefüllt. Weil ich im Lichtkegel meiner Leselampe saß, konnte ich nicht sehen, wie viele Leute es genau waren; ich hätte gesagt, dass rund vierzig Personen meine Lesung besuchten. Das fand ich sehr ordentlich.

In erster Linie las ich aus meinem Buch »Für immer Punk?«, meine Lesung fand ohnehin am regelmäßigen Punkrock-Abend des Cafés statt. Später steuerte ich noch eine Geschichte bei, die in meinem Buch »Zwei Whisky mit Neumann« enthalten ist und die ich schon seit längerem nicht mehr vorgelesen hatte.

Zwischen den Geschichten erzählte ich ein wenig; es gab immer wieder Applaus. Da die Leute an den richtigen Stellen lachten, ging ich davon aus, dass die meisten den Geschichten auch zuhörten. Später sammelte sich eine Gruppe von Besuchern an der Theke, die offenbar lieber selbst reden und weniger zuhören wollten – das ist ja durchaus nachvollziehbar. Nach eineinhalb Stunden Programm reichte es auch.

Ich war sehr zufrieden mit dem Auftritt in Frankfurt. Im Anschluss verkaufte ich einige Bücher, beantwortete Fragen und plauderte im kleinen Kreis, bevor ich mich auf den Weg machte. Ein schöner Abend!

20 April 2017

Echos vom Nachbartisch

Weil ich für einen wichtigen Termin mit der Firmenleitung unterwegs war, hatte ich einmal wieder die Chance, eines der »besseren« Restaurants in Rastatt aufzusuchen. Das ist nicht unbedingt eine Freude.

Um es kurz zu machen: Die Penne waren in einer ekeligen Sahnesoße ertränkt, der Salat war lieblos zusammengematscht, alles schmeckte, als habe man nicht gewusst, was Gewürze eigentlich sind. Da wusste ich wieder, wie gut unsere Kantine ist.

Am besten war aber das Gespräch am Nachbartisch. Da saßen zwei Herren zusammen, die beide gut badisch miteinander redeten, irgendwelche Fleischgerichte futterten und dabei in der Zeitung blätterte. Ab und zu sagte jemand etwas zu einem Artikel im örtliche Käseblatt.

Weil mich mein Termin nicht unbedingt fesselte, lauschte ich mit einem Ohr immer zum Nachbartisch hinüber. Das war spannender als der Kampf mit den zermatschten Nudeln.

»Da will eine beim Schaffen ihr Kopftuch aufbehalten«, sagte einer der beiden.

Der andere machte. »Hm.« Dann kaute er ein wenig, um mit vollem Mund hinzuzufügen: »Ich denk, das ist immer noch Sache des Chefs, ob die ein Kopftuch anhat oder nicht.«

Der erste brummte etwas, das ich nicht verstand, bevor er hinzufügte. »Wenn’s ihr hier nicht passt, soll sie halt verschwinden.«

Merke: Wer in der Mittagspause »zum Italiener« essen geht, hat nicht unbedingt lukullische Höhepunkte zu erwarten und wird dadurch auch nicht unbedingt zu einem besseren Menschen.

19 April 2017

Ein Ghost in einer Shell

Wie es sich für einen Science-Fiction-Fan gehört, schaute ich mir den neuen Kinofilm »Ghost In The Shell« an. Und weil ich Scarlett Johansson immer noch unfassbar cool finde (seit »Lost In Translation« finde ich sie toll), war es schon ein Zwang für mich, in diesen Film zu gehen. Ich bereute es nicht, obwohl man durch die Logiklöcher des Streifens ganze Güterzüge hätte stecken können.

Dabei geht es richtig gut los. Major ist so eine Art Cyborg, der in einem Tokio der nahen Zukunft einen Terroristen namens Kuze – schönes Wortspiel! – jagt und am Ende mit seiner eigenen Wirklichkeit konfrontiert wird. Das war streckenweise dann auch ein ziemlich gelungener SF-Krimi mit ungewöhnlichen Effekten, nervte am Ende aber dann doch.

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, den Inhalt wiederzugeben; das ist sicher nicht nötig. Der Film hat seine Stärken, und eine davon ist die Optik. Die wahnwitzige Stadt der nahen Zukunft ist eindrucksvoll in Szene gesetzt: Riesige Hochhäuser, tiefe Straßenschluchten, irrsinnige Werbung überall – die Welt ist packend und faszinierend und abschreckend zugleich. Das hat etwas von »Blade Runner« und von »Das fünfte Element«, wirkt aber durchaus eigenständig.

Auch die Anlage der Cyborg-Frau ist überzeugend; vor allem in der Optik. Die Schauspielerin wirkt tatsächlich ein wenig japanisch, was nicht nötig wäre, aber hier passt. Wie sie sich bewegt, wie sie ihre »Haut« ablegt – das ist alles gut in Szene gesetzt.

Unnötig war die eine oder andere emotionale Verwicklung. Dass der Bösewicht und die Heldin am Ende in einer Art »Beziehung« stecken, empfand ich als geradezu albern. Aber gut, das braucht man wohl heute für einen großen Film. So endete der Film eher durchschnittlich, und das nach einem furiosen Start und einem spannenden Mittelteil mit toller Optik.

Lustige Übersetzungsprobleme gab es: Da man die Begriffe offenbar nicht wirklich übersetzen wollte, sprechen die Darsteller in der deutschen Synchronisation dann immer von »einem Ghost«, der sich dann wohl »in einer Shell« befindet. Ob man das nicht hätte besser lösen können?

Anschauen sollte man ihn, finde ich. Ein zweites Mal anschauen muss man ihn in diesem Jahrzehnt allerdings nicht mehr. Ein Klassiker wie »Blade Runner« dürfte dieses Remake eines Klassikers auf jeden Fall auch nicht werden.

18 April 2017

Ich lese im »Café Koz« in Frankfurt

Menschen, die es schaffen, ihre aktuellen Bücher so richtig gut zu »promoten«, bewundere ich mittlerweile immer mehr. Bei mir klappt das nicht so gut – aber immerhin habe ich am Mittwoch, 19. April 2017, eine weitere Lesung aus meiner aktuellen Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?«. Diese beginnt um 20 Uhr, der Ort ist das »Café Koz« in Frankfurt.

Dabei handelt es sich um das Café des Studierendenhauses im Campus Bockenheim. Anders gesagt: Ich bin an einer Universität zugegen und bespaße dort hoffentlich nicht nur Studenten, sondern darüber hinaus hoffentlich Menschen, die sich für Punkrock und entsprechend damit zusammenhängende Literatur interessieren.

Ich werde vor allem Kurzgeschichten aus dem genannten Buch vorlesen; darüber hinaus plaudere ich sicher über das eine oder andere Thema. Und wenn's mich juckt, kann ich darüber hinaus sonst noch was vorlesen. Im Anschluss an die Lesung wird Krachmusik aufgelegt. Das passt zu den Veranstaltern – das Team nennt sich »Bier, Schnaps, Punkrock«, und das klingt sehr sympathisch.

17 April 2017

Der Ostermontag und seine Tradition

In den späten 60er- und frühen 70er-Jahren gehörte es zum »guten Ton« in meiner Familie, den Ostermontagsmarkt in Dornstetten zu besuchen. Die kleine Stadt lag nur einen ordentlichen Spaziergang von dem Dorf entfernt, in dem ich aufwuchs, und so bot es sich an, sich am Ostermontag auf den Weg zu machen. Häufig nahmen wir auch das Auto; schließlich war die kleine Stadt am Ostermontag völlig zugeparkt.

Am schönsten war der Spaziergang. Mein Vater erzählte mir dabei nicht nur einmal, dass man in der Zeit »vor dem Krieg« immer zum Markt nach Dornstetten gegangen war und nicht nach Freudenstadt, in die Kreisstadt – in beide Richtungen hatte man etwa gleich weit zu gehen. Und da Dornstetten die ältere der beiden Kleinstädte war, hielten sich die bäuerlichen Traditionen offenbar über Jahrhunderte hinweg.

Wir spazierten aus unserem Dorf hinaus, entlang des Friedhofs und des Hügels, an dem wir Kinder im Winter immer rodelten, dann die Hügel hinunter, durch das Tal der Glatt hindurch und auf der anderen Seite wieder hinauf. Wir durchquerten Streuobstwiesen und waren nach höchstens sechs Kilometern in den schmalen Straßen von Dornstetten.

Zwischen den Fachwerkhäusern am kleinen Marktplatz drängten sich die Leute; zwischen den Marktständen war kaum ein Durchkommen. Auch die schmalen Straßen außerhalb des Marktplatzes waren von Ständen gesäumt, zwischen denen sich die Leute drängten. Es gab Kleidung zu kaufen, dazu allerlei anderer Kram, der Duft von Gebratenem zog über die Stände hinweg.

Es herrschte ein unglaubliches Gehen und Stehen und Reden und Grüßen; meine Eltern kannten viele Leute und trafen ständig auf Bekannte, teils aus demselben Dorf, teils aus Kirchengemeinden anderer Dörfer. Und wenn wir nach einem erlebnisreichen Tag wieder nach Hause gingen, schwirrte mein Kopf noch stundenlang von all den neuen Eindrücken.

Manchmal vermisse ich den Besuch des Ostermontagsmarktes und all diese Bilder. Aber mir ist klar, dass es nie wieder so sein würde. Also lasse ich die Vergangenheit, wo sie ist und wo sie hingehört: in meinem Kopf und in meinen Erinnerungen.

15 April 2017

In Durbans indischem Viertel

Es nieselte an diesem Mittwoch, 29. September 1993. Aber weil es im Hostel auf die Dauer zu eng und zu stressig wurde, ließ ich mich durch die Straßen treiben, landete am frühen Nachmittag dann im indischen Viertel der Stadt.

Ich hatte zeitweise das Gefühl, der einzige Weiße auf der Straße zu sein. Auch Schwarze waren kaum zu sehen; die Straßen waren voll mit Menschen indischer Herkunft. In einem Land wie Südafrika, in dem 1993 noch die Apartheid herrschte, fiel mir das besonders auf.

Einige der Gebäude, die die Straße säumten, wirkten so, als stammten sie noch aus der Kolonialzeit; sie hätten ebensogut in einem asiatischen Land stehen können. Kulissen für einen Film, in dem englische Kolonialherren mit all ihrem Reichtum protzten, dachte ich, während ich durch die Straßen spazierte.

In vielen Geschäften wurde Literatur feilgeboten, die ich als »islamisch« identifizierte. Verschiedene Koran-Ausgaben lagen hinter Schaufenstern, Titelblätter in arabischer Schrift, aber auch religiöse Schriften in englischer Sprache. Moscheen standen in den Straßen, Schilder an einzelnen Gebäuden verrieten, dass hier islamische Schulen oder Einrichtungen untergebracht waren.

Ich war nie auf dem indischen Subkontinent, und ich kannte mich weder mit Indien noch mit dem Islam so richtig gut aus. Aber ich kapierte irgendwann, dass ich nicht in einem indischen Viertel unterwegs war, sondern in einem eher pakistanisch geprägten Viertel. Wobei das im Südafrika des Jahres 1993 völlig gleichgültig war.

Zumindest hörte ich nicht die Sirenen der Polizei, es wurden keine Schusswaffen auf offener Straße getragen, und man hörte keine Schusswechsel im Hintergrund. Das indische – oder meintwegen pakistanische – Viertel von Durban erwies sich als friedlich und angenehm ...

13 April 2017

Horror in Istanbul

Dass ich die »Dorian Hunter«-Hörspiele mag, erzählte ich in diesem Blog schon oft genug. Die Mannschaft von Zaubermond Audio schafft es schließlich seit Jahren, aus Heftromanen der 70er-Jahre packende Geschichten zu machen, die auch im Jahr 2017 und danach die Menschen fesseln können. Zuletzt hörte ich »Der tätowierte Tod«, eine der schwächeren Episoden.

Dabei spielt die Handlung in Istanbul, und dieser Schauplatz ist gut gewählt. Ich kenne die Stadt nicht, war nie in der türkischen Metropole, und im Hörspiel wurde sie für mich nicht richtig lebendig. Klar – es gibt gelungene Geräusche und effektvolle Namen, die Straßenszenen wirken sehr abwechslungsreich. Aber spätestens dann, wenn die Handlung in den Untergrund geht, könnte sie in jeder anderen Großstadt spielen.

Worum es eigentlich geht, ist sowieso schwer zusammenzufassen; es handelt sich bei diesem siebenundzwanzigsten Hörspiel der Serie um eine echte Zwischen-Episode. Wer sich nicht auskennt, wird kaum verstehen, welche Mission der Dämonenkiller Dorian Hunter in Istanbul verfolgt. Er wird auch nicht unbedingt kapieren, welche Intrigen in der Zentrale des Geheimdienstes in London ausgetragen werden.

Lässt man sich aber auf die Geschichte ein, ist sie spannend. Dorian muss sich in einer Stadt durchschlagen, die er nicht kennt. Er wird mit einem russischen Professor verwechselt und lässt sich mit jungen Frauen ein. Letztlich muss er aber mit einem Dämon kämpfen, wird von einem russischen Geheimdienstler »geführt« und ist einen Großteil der Handlung damit beschäftigt, die Informationen zusammenzutragen, die er braucht.

Welchen Sinn die Tätowierungen haben, die dem Hörspiel seinen Titel gegeben haben, wird im Verlauf der Geschichte immerhin gut erklärt. Dem Hörer geht es nicht anders als der Hauptfigur: Er muss die Hintergründe verstehen, dann wird alles einleuchtend – der Weg zur Erleuchtung ist allerdings nicht ganz einfach. Die Auflösung ist dann reichlich knallig, mit viel Action und schnellen Dialogen.

Langer Rede kurzer Sinn: »Der tätowierte Tod« ist gut gemachte Grusel-Unterhaltung mit viel zu wenig Lokalkolorit; für Fans der Serie unverzichtbar, für Neulinge sicher kein optimaler Hörgenuss.

12 April 2017

Der weiße Tänzer von Como

Wir waren nur wenige Schritte von der Piazza Cavour entfernt, da hörten wir es schon: Wummernd dröhnten die Bässe durch die Straße, schnell und hektisch, irgendeine Elektro-Musik, die für meine Begriffe eher nach »Deppen-Technol« klang. Die ohnehin stark bevölkerten Straßen in der Altstadt von Como schienen enger und voller zu werden, je näher wir dem Platz kamen.

An der Ecke erkannten wir, was tatsächlich geschah: Ein Mann tanzte.

Der Mann war durchaus beleibt, er war auffallend hellhäutig, und seine Haare waren mehr weiß als grau. Er hüpfte auf und ab, er bewegte sich zur Musik und schaffte es dabei, tatsächlich im Rhythmus des Beats zu springen und zu tanzen. Seine Kleidung fiel nicht sonderlich auf: eine beigefarbene Hose, ein gewöhnliches Hemd, ein Blouson in hellem Grau.

Bei der Musik hätte man eigentlich einen jugendlichen Techno-Fan oder einen HipHopper erwartet, die zu den schnellen Tönen irgendwelche coolen »Moves« gezaubert hätten, ein wenig Breakdance, ein wenig Kreisen auf dem Kopf, einen Salto nach vorne oder sonst etwas. Das machte der Mann nicht. Er sprang auf und ab, er schrieb ab und zu etwas in die Menge, die sich um ihn scharte, er hob die Fäuste und fuchtelte mit den Armen.

Ich war fassungslos, vor allem, als ich die Gesichter der Umstehenden erkannte. Sie grinsten, sie lachten, viele junge Leute filmten mit ihren Smartphones oder machten Fotos. »An dem Abend wird der Mann sicher noch zum Youtube-Star«, dachte ich. Aber es war zumeist ein höhnisches und spöttisches Lachen.

Immerhin ging ein Passant nach vorne und legte ein wenig Geld in den Hut, der vor dem Tänzer stand. Die meisten lachten, glotzten und gingen dann weiter. »Der macht sich hier öffentlich zum Affen«, überlegte ich und wusste nicht so recht, ob ich Mitleid mit dem Tänzer haben sollte oder ihn dafür bewundern, dass er »sein Ding« einfach so durchzog.

Ich sah ihn an diesem Tag noch einige Male. Wann immer ich an der Piazza vorbeikam, tanzte der weiße Tänzer. Und stets wurde er von Schaulustigen umlagert, die lachten, fotografierten und filmten. Ich entschloss mich, ihn cool zu finden. Ich selbst hätte mir das nie getraut ...

11 April 2017

Das OX und der gepflegte Pogo

Männer mit Bart zieren das Titelbild der aktuellen OX-Ausgabe – es ist schon die Nummer 131 –, aber da muss ich wohl durch. In dieser Ausgabe ist auch die aktuelle Folge meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« enthalten; dabei handelt es sich um die Folge sechs.

Worum es geht, lässt sich leicht zusammenzufassen: Ich beleuchte eine typische Büroarbeit, wie man sie vor zwanzig Jahren sehr häufig fand. Mein ich-erzählender Held sitzt in einem Büro und tippt handschriftliche Formulare mit einer Computer-Tastatur ab, damit man daraus Kleinanzeigen für eine Zeitung machen kann.

Aber dann winkt ihn sein Chef zu sich, und auf einmal hat die lahme Büroarbeit auch etwas mit Punkrock und einem besetzten Haus zu tun. Ich finde die Formulierung »gepflegt Pogo tanzen« immer noch witzig; ich kann mir die Szene – die frei erfunden ist – sehr gut vorstellen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wer das OX abonniert hat, was ich eh empfehlen kann, oder es am Kiosk kauft, kann meinen Text ja lesen. Alle anderen müssen warten, bis der Roman in etwa fünf bis sieben Jahren fertig ist und als »richtiges Buch« erscheinen wird. Selbst schuld ...

07 April 2017

Mein blutendes Land im November

Seit Monaten erzähle ich allen, die nicht bei drei auf dem Baum sind, dass ich einen Fantasy-Roman geschrieben habe, der in diesem Jahr auch in den Buchhandel kommen wird. Mittlerweile ist es ja insofern offiziell, dass der Verlag auf seiner Internet-Seite den Titel bekannt gegeben hat – also kann ich Ross und Reiter nennen.

Ich bin einigermaßen stolz, dass mein Roman »Das blutende Land« im November 2017 bei Droemer-Knaur erscheinen wird. Den Roman wird es als Taschenbuch sowie als E-Book geben; so steht es in der Verlagsvorschau. Auf den Seiten der einschlägigen Händler ist er ebenfalls schon zu finden.

Weitere Informationen und Hintergründe werde ich stückweise bekanntgeben und ausplaudern. Hier und heute möchte ich nur den Slogan zitieren, den sich der Verlag ausgedacht hat: »Düster, grimmig, actionreich – Sword & Sorcery für Fans epischer Fantasy«. Und ja: Ich freue mich sehr auf den Tag, an dem ich das Buch in den Händen halten werde – auf dem Weg dahin sind noch einige Arbeiten zu erledigen ...

06 April 2017

CounterClock 27 ist cool

Das Fanzine »CounterClock« ist eine echte Besonderheit: Es erscheint digital – sprich, es ist ein PDF-Fanzine, daas man sich kostenlos auf der entsprechenden Seite herunterladen kann. Das führt dann bei Leuten wie mir dazu, dass es noch länger dauert, bis sie es lesen ... aber gut, da bin ich sicher die Ausnahme. Dieser Tage beendete ich endlich die Lektüre der Ausgabe 27, die schon im Januar erschienen ist.

»CounterClock« ist deshalb so besonders, weil der Herausgeber ein Schwede ist, der in Italien lebt, der in englischer Sprache schreibt und der in den frühesten 80er-Jahren ein sehr witziges Fanzine in deutscher Sprache herausgab. Wolf von Witting ist polyglott im wahrsten Sinne des Wortes, und ich mag seinen Blick auf die Science Fiction und die Fan-Szene sehr.

Das zeigt sich auch bei der aktuellen Ausgabe. Großartig ist der Bericht über den TwerpCon (daher auch das Titelbild), der im Jahr 1954 in Antwerpen stattfand. Oder eben nicht ... es handelt sich um ein Fake, und um den Gag komplett zu verstehen, muss man sich eigentlich mit der Science-Fiction-Szene der fünfziger und sechziger Jahre beschäftigt haben.

Da gab's Fanzines wie den »Enchanted Duplicator«, das ich immerhin als Kopie vorliegen habe und das sich – wie der Titel nahelegt – mit einem verzauberten Kopiergerät beschäftigt. Ich finde es großartig, dass Wolf von Witting solche alten Späße ausgräbt, finde es aber gleichzeitig schade, dass man die heutigen Lesern eigentlich kaum noch erklären kann.

Im »CounterClock« gibt es darüber hinaus Leserbriefe, Interviews und Con-Berichte; die bunte Welt der Science Fiction wird wunderbar beleuchtet. Ein rundum sympathisches Fanzine also, das es kostenlos gibt. Checkt die entsprechende Internet-Seite!

05 April 2017

Der kritische Redakteur guckt ernst

Ein Bild und seine Geschichte

»Dir sieht man am Gesicht stets an, was du denkst« – das bekomme ich immer wieder zu hören. Oder, auch gern gehört: »Jetzt machst du wieder so ein Gesichtsgulasch.« Fakt ist, dass ich meine Gesichtszüge tatsächlich nicht unter Kontrolle habe.

Das Bild ist von Mittwoch, 5. April 2017, aufgenommen wurde es wohl gegen 15 Uhr. Wir saßen seit neun Uhr im Besprechungsraum, unterbrochen nur durch kleinen Pausen und ein Mittagessen. Die Tagung verlief sehr positiv, wir lachten zwischendurch auch immer wieder – aber es war unterm Strich viel Stoff zu bewältigen.

Ich leitete die Sitzung; für etwas muss so ein »Chef«-Titel ja schließlich gut sein. Wenn ich selbst viel rede, hat das den Vorteil, dass ich nicht dazu komme, müde zu werden oder abzuschlaffen. (In Wolfenbüttel an der Bundesakademie ist das oft der einzige Grund, warum ich nach einem Seminartag noch »so fit« wirke.)

Aber natürlich war ich nach viel zu wenig Schlaf und viel zu viel Besprechung mit viel zu wenig Kaffee nicht mehr taufrisch. Wenn dann der Kollege ein Projekt vorstellt, brauche ich viel Konzentration, um die Zusammenhänge nicht zu verlieren und geistig auf der Höhe zu bleiben. Also guckte ich in dieser Situation ernsthaft und fast schon streng.

Ohne Schmarrn: Ich war auch bei diesem langen Tag wieder einmal froh, in einem Team wie diesem zu arbeiten.

04 April 2017

Statues On Fire, jetzt noch metallischer

Dass die brasilianische Band Statues On Fire aus der Asche einer Melodiepunk- und einer Metal-Band hervorgegangen ist, kann man bei ihren Platten echt hören. Die Stücke sind durchaus melodisch, aber für mich ist der Hardcore, den die Burschen spielen, zu sehr mit Metal versetzt. Als ich sie live sah, nervte mich das irgendwann fast schon.

Wohl auch aus diesem Grund lässt mich die aktuelle Platte so unentschieden zurück: »No Tomorrow« zeigt, dass die Band was drauf hat, lässt mich aber in weiten Teilen uninteressiert und gelangweilt sitzen. Melodisch ist die Platte schon, daran gibt es keinen Zweifel.

Aber es ist für meinen Geschmack zu viel Double-Bass-Gewitter drin, dazu kommen die Gitarrenläufe, die verdammt nach Metal und Hardrock klingen. Und wenn es ohnehin schon lang ist, das jeweilige Stück, ergänzt es die Band auch noch durch fieses Gitarrengefiedel.

Seien wir fair: Streng genommen ist die Musik, die Statues On Fire spielen, eben kein Hardcore und schon gar kein Punkrock. Das ist melodischer Hardcore – meinetwegen auch Metal –, in dem es leichte Hardcore-Einsprengsel gibt.

Wer gehässig sein möchte, kann der Band also »Rosstäuscherei« vorwerfen. Wer nett ist oder es – wie ich – sein möchte, sagt eben: Die können gut spielen, fiedeln mir aber zu sehr im Metal herum und langweilen irgendwann.

03 April 2017

Die 90er-Jahre auf musikalische Art

Einigermaßen spontan entschied ich mich am Sonntag, 2. April 2017, mal wieder auf den guten alten Ami-Punk zu setzen: Meine Radiosendung im örtlichen Querfunk, dem freien Radio in Karlsruhe, sollte sich mit den 90er-Jahren beschäftigen und aus dieser Zeit eine Reihe von Bands präsentieren, die Punk und Hartcore und artverwandte Klänge präsentierten.

Die Rriot Grrrls waren zu dieser Zeit ein neuer »Trend«; heute ist das ja ein Thema für Seminare an der Universität. Bands wie Tribe 8 verstörten mit ihren Auftritten vor allem das männliche Publikum; die Band spielte ich aber gern in meiner Radiosendung, ebenso wie Bikini Kill.

Klassischen Hardcore-Sound aus den 90er-Jahren lieferten dann ganz verlässlich Ignite oder Brickhouse – das geht immer. Einigermaßen vergessen ist ja aus gutem Grund, dass man in den frühen 90er-Jahren tatsächlich noch so etwas wie Metal-Punk hörte; ich spielte deshalb die Band Andy Andersen’s Tribe.

Emo servierte ich von den Get Up Kids, die damals sicher nicht ahnten, wie wegweisend sie werden würden. Den Ausgleich dazu brachte ich mit dem rotzigen Rüpel-Punk der Irokesenpunkband 10-96 aus Milwaukee. (Ich finde ja immer, dass man beides anhören kann: Rotzlöffel-Punk und Emo-Punk. Es hängt von der Stimmung ab.)

Dann noch ein bisschen MelodiePunk von Gas Huffer und schmissige Rausschmeißer-Musik von Avail – die 90er-Jahre waren ganz schön vielfältig, aus den USA kamen haufenweise gute Bands, und ich konnte eine gute Mixtur präsentieren. Das finde zumindest ich.

02 April 2017

Bauamtsgasse, samstagmittags

Heidelberg, Bauamtsgasse, Samstagmittag: In einer dieser Gassen, die von der Hauptstraße hinab zum Ufer des Neckar führen, war an diesem Samstag, 1. April, nicht ganz so viel los wie in den anderen Gassen und Straßen der Stadt.

Das sonnige Wetter trieb nicht nur die Einheimischen auf die Straße, sondern spülte auch Besucher von auswärts – wie unsereins – und zahlreiche Touristen nach Heidelberg. Händler und Gastronomen machten an diesem Tag sicher einen erhöhten Umsatz, die Stadt brodelte vor Leben.

Uns kam eine Gruppe von Menschen entgegen, offenbar eine Familie: vorneweg ein Mann mit angegrauten Haaren, Sonnenbrille und hellblauem Hemd, einen Schritt hinter ihm zwei Kinder, dahinter eine Frau, die sich mit einer anderen Frau unterhielt, noch mal dahinter ein älteres Ehepaar. Ich nahm sie eigentlich gar nicht richtig wahr; wie man das eben so macht, wenn man durch eine Stadt flaniert, die man seit Jahrzehnten kennt.

»Oh«, sagte der Mann mit angegrauten Haaren auf einmal zu mir und wies an mir vorüber auf den Straßenbelag. »Ist das Ihr Geldbeutel da?«

Noch während mir ein – durch Reisen antrainierter – Sicherheitsreflex sowie der panische Gedanke »ein Trickbetrüger?« durchs Hirn flutschte, wandte ich mich um, sah auf die gekennzeichnete Stelle, sah nichts, ruckte hoch, hatte schon das Gefühl, gleich von jemandem irgendwie angegriffen zu werden ... aber da war nichts.

»April! April!«, rief der Mann und lachte schallend über das ganze Gesicht. Die Kinder warfen sich weg vor Lachen, die Frauen dahinter grinsten.

Auch ich musste lachen. »Guter Scherz!«, rief ich und lachte beim Weitergehen hinter der Familie her. Ich lachte über meine kurzfristige Panik, und ich lachte über das Lachen der Kinder.

01 April 2017

Ein Magazin, das schockieren soll

Es ist kein schlechter Aprilscherz, sondern eine neue Zeitschrift, eine von der Sorte, auf die die Welt seit Jahrhunderten gewartet hat. Gemeint ist »Shockerz!«, das seit dieser Woche im Handel ist. Gekauft habe ich es noch nicht, aber ich finde die Werbung schon mal so, dass ich es eigentlich haben müsste.

Vielleicht nicht ich direkt, aber der vierzig Jahre jüngere Klaus würde es sicher lieben. Denn das Magazin sieht sich selbst als »Heft zum Ekeln, Shocken und Fürchten«. Es gibt einen gruseligen Comic, was den Horror-Fan in mir erfreuen dürfte, und es gibt haufenweise »Seiten voller Ekelhaftigkeiten«. Und dabei scheint das Magazin nicht einmal politisch zu sein; die meisten ekelhaften Dinge habe ich bisher im Umfeld von Politikern oder politischen Aktionen gelesen.

Für Jugendliche, die schon immer die Bonbons mit dem Geschmack von Ohrendreck mochten – oder wie immer das Zeugs in »Harry Potter« geschmeckt hat –, ist das sicher ebenso ein Magazin wie für Erwachsene, die sich an ihre Jugend und Kindheit zurück erinnern. Ob das Magazin jemand wirklich braucht, weiß ich nicht. Als Idee finde ich es witzig. Mein Querschnitt aus Phantastik und Punkrock gewissermaßen ...