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10 August 2026

Die Schlosslichtspiele kommen

Am gestrigen Abend bewegte ich mich mit dem Rad durch die Innenstadt von Karlsruhe. Es war fast 23 Uhr, und die Luft hatte sich endlich abgekühlt. Man konnte gut mit kurzer Hose und T-Shirt unterwegs sein, kalt war es also sicher nicht – aber die Luft war nicht mehr so unfassbar überhitzt wie im Verlauf des Nachmittags oder frühen Abends.

Am Zirkel hielt ich an, weil ich sah, dass am Schloss die Fassade flackerte. Also lenkte ich mein Fahrrad in den Bereich des Schlossparks, der sich zwischen der Fassade des Schlosses und der eigentlichen Innenstadt erstreckt. Tatsächlich: Über die Fassade des Schlosses flimmerten Bilder, die von riesigen Projektoren erzeugt wurden. Angestrahlt wurden nur die rechte Seite und das Zentrum, der Rest würde wohl erst später kommen.

Man bereitete ganz offensichtlich die diesjährigen Schlosslichtspiele vor, auf die ich mich schon freue. Zum wiederholten Mal wird die Fassade »unseres« Schlosses zur Bühne für Video-Installationen, die ich immer wieder beeindruckend fand. Im Verlauf der Jahre gab es selten Installationen, die ich als schwach empfand; die meisten imponierten mir aber.

Das wird in diesem Sommer sicher wieder der Anlass für manche Fahrt mit dem Rad oder manchen Spaziergang sein, um sich vor dem Schloss eine der kostenlosen Shows anzugucken. (Das lohnt sich auch für Leute, die nicht in Karlsruhe wohnen!)

06 August 2026

Bibi und Tina und ihr Freizeitpark

Zu den Medien-Phänomenen, die ich nur am Rande mitbekomme, zählt unter anderem das Duo Bibi und Tina, das verwirrenderweise im offiziellen Markennamen als »Bibi & Tina« dargestellt wird, also mit einem kaufmännischen Zeichen. Wer hat sich denn das ausgedacht?

Aber gut: Seit 1991 gibt es die Hörspiele und das dazu entstandenen Medienimperium. Zahlreiche Kinder haben sich in den vergangenen Jahrzehnten von den beiden Figuren und ihren Pferden Amadeus und Sabrina begeistern lassen. Mittlerweile gibt es über 120 Hörspiele, dazu Bücher, Filme, Serien und allerlei Merchandise. Das finde ich schon sehr imponierend.

Dass es zu den beiden Figuren nun sogar einen Freizeitpark geben wird, verblüfft mich echt. Anfang Juli wurde Richtfest für den »Bibi & Tina Freizeitpark« gefeiert, der im kommenden Sommer eröffnet wird. In der Nähe von Berlin werden nun rund 60 Millionen Euro investiert, um Fahrgeschäfte, ein Familienhotel, allerlei Gastronomie-Kram sowie eine tägliche Show am Abend bieten zu können.

Ich bin mir nicht sicher, wie erfolgversprechend das Konzept ist. »Pferdemädchen« und ihre Familien sollten in diesem Park auf ihre Kosten kommen, da bin ich mir sicher. Ob und wie schnell sich die Erwartungen der Investoren erfüllen lassen, muss man einfach sehen – für die Marke ist das ein starker Erfolg.

27 April 2026

Clowneskes über das Leben und den ganzen Rest

Ich habe im Verlauf der Jahre mehrere Veranstaltungen besucht, in denen Gardi Huttert auf der Bühne stand. Die aus der Schweiz stammende Clownin ist eigensinnig, was ihre Komik und ihren Humor angeht, das ist nicht jedermanns Geschmack, will es auch nicht sein.

Am Samstag sah ich mir das aktuelle Programm an: »Gardizero – clowneskes Theater« schien sogar die Uraufführung zu sein, und der Saal im Theaterhaus in Stuttgart war brechend voll.

Es ist immer schwer, auch nur ansatzweise wiederzugeben, was Gardi Hutter auf der Bühne eigentlich macht. Sie trägt keine typischen Clown-Klamotten – auch wenn ich sie schon mit einer roten Nase gesehen habe; diesmal allerdings nicht – und setzt nicht auf schenkelklopfenden Humor. Vieles von dem, was sie spielt, lädt durchaus zu Interpretationen ein; diesmal gab es Szenen, die ich nicht verstand. Aber so hatten wir einiges zu besprechen, während wir von Stuttgart nach Karlsruhe zurückfuhren …

Das Programm bestand aus einer Reihe von Szenen, die ineinander übergingen. Anfangs war Gardi Hutter eine Schauspielerin, die diverse Theaterstücke aufführen wollte, später spielte sie mit Nasenpopeln und Flöhen, noch später ging es um Fortpflanzung und das Menschsein als solches. Die Szenen wechselten rasch, manchmal war es ziemlich schräg.

Gardi Hutter spielt mit ganzem Einsatz. Sie verzieht ihr Gesicht, sie gibt seltsame Geräusche von sich, sie springt und rennt, sie sitzt und liegt, sie gestikuliert mit beiden Händen – manchmal kann man da nichts anderes tun, als gebannt zuzuschauen. Lachen kann man trotzdem häufig genug.

Wie bei jedem Auftritt von Gardi Huttert war ich hinterher sehr begeistert. Sagen wir so: Andere Stücke waren allerdings leichter zugänglich. Vielleicht sollte ich mir »Gardizero« in einigen Monaten oder Jahren mal wieder anschauen – dann ergeben sich bestimmt andere Perspektiven.

13 Februar 2026

Architektur und Stadtraum

Ich bin ein großer Fan der Schlosslichtspiele Karlsruhe und freue mich, dass die auch in diesem Jahr stattfinden. Die Stadt muss zwar sparen und kürzt überall die Mittel, aber man hält an den Projektionen fest, die im Sommer die Fassade des Schlosses strahlen lassen. Seit 2015 gehören die Schlosslichtspiele zum Sommerprogramm der Stadt und müssen meiner Ansicht nach unbedingt erhalten bleiben.

Für 2026 gibt es bereits erste Informationen. Der etwas hochtrabende Titel lautet: »Lightyard Stories: Visionen urbaner Lebensräume«; man will sich mit den Themen Architekt und Stadtraum beschäftigen. Freuen kann man sich schon jetzt auf Beiträge aus Singapur, Tschechien und Indien –Künstler und Gruppen aus diesen Ländern haben einen Förderpreis gewonnen, den eine örtliche Bank ausgeschrieben hat, und können die Preisgelder nun für ihre Installation einsetzen.

Man kann sich immer darüber streiten, wofür eine Stadt Geld ausgeben will oder nicht. Muss ausgerechnet bei der Kunst gespart werden, braucht man so viele Kinderspielplätze, und müssen alle Vereine gefördert werden?

Ich kenne mich zu wenig aus, um Fragen dieser Art seriös beantworten zu können. Dass die Schlosslichtspiele weiterhin gefördert werden, freut mich also aus rein subjektiven Gründen.

Sie laufen vom 13. August bis 13. September 2026. Ich bin dabei, nicht nur einmal – schließlich wechselt das Programm täglich.

14 Januar 2026

Madama Butterfly in Stuttgart

Der wichtigste Grund, warum wir am Freitagabend nach Stuttgart fuhren und uns in die Oper begaben, war eigentlich Architektur. Wir wollten die alte Staatsoper, die mitten in der Stadt steht, noch einmal sehen, bevor sie für längere Zeit zu einer Baustelle wird – das altehrwürdige Gebäude muss dringend renoviert werden, was man im Innern auch an vielen Stellen sieht und sogar riecht ... es ist alles ein wenig staubig und muffig.

Aber wir schauten uns tatsächlich eine Oper an. Auf dem Programm stand »Madama Butterfly«, der große Klassiker von Giacomo Puccini, über deren Inhalt ich mich erst einen Tag zuvor ein bisschen vertraut machte. Dabei ist die Geschichte ziemlich wuchtig und auch zeitgemäß.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgen die Amerikaner dafür, dass Japan sein abgeschottetes Kaiserreich gegenüber dem Handel mit den Vereinigten Staaten öffnet. Ein amerikanischer Kapitän lässt sich auf eine »Ehe auf Zeit« – eigentlich ist das nur eine getarnte Prostitution mit Minderjährigen – ein und heiratet eine 15 Jahre alte Japanerin. Weil er sich ihren Namen nicht merken kann, wird sie nur Madama Butterfly genannt. Er schwängert das Mädchen und reist wieder ab. Als er drei Jahre später wiederkommt, wartet sie immer noch sehnsüchtig auf seine Rückkehr, von ihrem Volk verstoßen und fast mittellos ...

Wenn man will, ist das also eine hochpolitische Geschichte. Auch wenn das vom Ensemble der Oper nicht ausgereizt wurde, kapiert das jeder, denke ich. Ich kann die Musik nicht ernsthaft beurteilen, weil ich von Opern keine Ahnung habe, fand sie auf jeden Fall sehr wuchtig. Gesungen wurde sehr eindrucksvoll. Vor allem die Hauptdarstellerin, eine russische Sängerin, brachte eine enorme Leistung auf der Bühne.

Schauspielerisch fand ich das ebenfalls stark: Es gibt in der Oper eine Szene, wo die Frau, ihre Dienerin und das Kind auf die Ankunft des Kapitäns warten. Sie warten die ganze Nacht hindurch, und das ist eine Szene ohne Worte, nur mit Musik – das kann ich kaum beschreiben, aber es war extrem eindrucksvoll.

Alles in allem beeindruckte mich die Oper: ungewöhnlicher Ort, für mich ungewöhnliche Musik, insgesamt eine spannende Inszenierung.

21 November 2025

Die Chaostage als Theater

Seit ich zum letzten Mal in Hannover die Chaostage besucht habe, ist ein Vierteljahrhundert vergangen – es war im August 2000. Schon damals wurden die Ereignisse des August 1995 von allen möglichen Menschen schon in einer verzerrten Art und Weise rekapituliert: Die einen redeten von schlimmen Straßenschlachten, die anderen von der »geilsten Party« ihres Lebens.

Der Sommer 1995 ist mehr als dreißig Jahre her, der Begriff »Chaostage« gehört längst zum ganz normalen Wortschatz in Deutschland. Da finde ich es interessant, dass ein Theater-Kollektiv in Hannover, das sich als »MÜH« bezeichnet, ein Live-Hörspiel unter dem Titel »No Chaos No Future« vorbereitet hat – es wird an diesem Wochenende erstmals aufgeführt und wird bis in den Januar hinein auf verschiedenen Bühnen der Stadt gezeigt.

Die Macher*innen des Stücks sind allesamt jung; die meisten waren 1995 noch nicht einmal geboren. Für die ist das alles eine Vergangenheit, und sie versuchen, sie auf ihre Weise aufzubereiten. Man sprach mit Leuten, die damals auf der Straße dabei waren; beispielsweise wurde auch ich befragt. Was dabei heerausgekommen ist, kann ich nicht beurteilen – ich werde das Stück so schnell nicht anschauen können.

Was mir an dem Projekt aber schon gefällt: Es wurde nicht von den höchsten Höhen des Kulturgeschäfts herunter entwickelt, sondern die Macher*innen sprachen mit Leuten, um herauszufinden, ob es bei den Chaostagen 1995 überhaupt eine Wahrheit gibt oder nicht vielmehr zahlreiche Geschichten, die sich teilweise extrem widersprechen. Mal schauen, wie das ankommen wird …

19 August 2024

Schlosslichtspiele auch 2024

Als 2015 zum ersten Mal die Fassade des Schlosses von Karlsruhe als Leinwand für die Schlosslichtspiele genutzt wurde, ging ich nicht davon aus, dass das zehn Jahre danach immer noch der Fall sein würde. Doch auch 2024 gibt es die Schlosslichtspiele, und so spazierten wir am Wochenende bei wunderbarem Hochsommerwetter in die Innenstadt.

Wie in allen Jahren zuvor waren wir nicht die einzigen Menschen, die auf diese Idee kamen. Der gesamte Platz vor dem Schloss war voller Leute. Sie saßen auf dem Rasen, sie hockten auf den Treppen. Sie standen auf den Wegen, oder sie saßen – wie wir – sehr weit vorne und quasi mitten in der Fassade, so dass man außer den Bildern nichts mehr viel zu sehen hatte. So mag ich es am Liebsten, aber es gibt natürlich gute Gründe, sich das Schauspiel aus der Distanz zu betrachten.

Da das Programm von Tag zu Tag wechselt, ist es sowieso sinnvoll, mehrmals während der gesamten Dauer der Schlosslichtspiele zum Schloss zu pilgern und sich das Schauspiel an der Fassade anzusehen. Als ich da war, betrachtete ich eine Wiederholung aus dem Jahr 2018, eine Zusammenfassung der ungarischen Teilnehmer – wie immer beeindruckend! – und ihrer Shows der vergangenen Jahre, eine Herbert-Grönemeyer-Interpretation, die erstaunlich gut war, und ein »Daten«-Song von Peter Weibel, der vor einem Jahrzehnt die Schlosslichtspiele ins Leben gerufen hatte sowie eine ganz neue Show, bei der tanzende Menschen als Pixel über die Fassade des Gebäudes wanderten.

Jede Show war auf ihre Art interessant und faszinierend, und ich genoss den Aufenthalt auf dem Pflaster vor der Schlossfassade. Eine wunderbare Einrichtung!

(Ach ja: In der ganzen Stadt verteilt gibt es weitere Kunst-Installationen mit Licht, die teilweise das Grundgesetz aufgreifen, etwa am Bundesverfassungsgericht. Drei davon habe ich mir mittlerweile angesehen; auch das ist jeweils interessant.)

16 Oktober 2023

Ein Abend mit Rusalka

Ich kenne mich mit Opern nicht aus, trotzdem saß ich am Samstagabend im Staatstheater in Karlsruhe und guckte mir »Rusalka« an, eine Oper von Antonin Dvorak, die 1900 entstanden ist. Das Bühnenbild war schlicht, aber modern: Im Prinzip war es am Anfang ein heruntergekommenes Wartehäuschen, so eine Bushaltestelle eben, und später gab es eine Reihe von Türen, die hell erleuchtet waren und durch die Menschen kamen und gingen – viel mehr brauchte man nicht.

Die Geschichte war tragisch; am Anfang wurde das durch das Zeigen einer Vergewaltigung an der Bushaltestelle zusätzlich klargemacht. Rusalka ist eine Wassernixe, die sich in einen Menschen verliebt, dann aber scheitert und am Ende verzweifelt zurück an den See kommt, wo immer noch der Wassermann – ihr Vater –, ihre nichtsnutzigen Schwestern sowie eine Hexe anzutreffen sind. Doch mittlerweile ist das alles ziemlich verrottet, und am Ende bleibt nur noch Verzweiflung.

Streckenweise erinnert die Geschichte an einen Fantasy-Roman, in dem eine tragische Liebesgeschichte mit phantastischen Elementen verbunden wird. Der Unterschied ist natürlich die Singerei, aber auch die Art und Weise, wie Dvoraks Original mit modernen Elementen gekoppelt wird: Die Wassernixen sind moderne junge Frauen, die Smartphones in der Hand tragen, sichtlich ihre Probleme mit modernen Drogen haben und ansonsten nicht viel auf die Reihe bekommen. Soviel Realität gibt es in moderner Fantasy kaum.

Das sieht man auch an den Figuren: Der Adel am Hof des Prinzen ist neureich und eitel, das Personal wirkt gehässig und gemein. Als Opfer ist die junge Frau namens Rusalka – in den Mythologien der slawischen Völker gibt es viele Versionen der Rusalka-Geschichte, was ich vorher nicht wusste – stets am Rand der Gesellschaft, egal, was sie tut.

Ich habe keine große Ahnung von Opern und kann nicht beurteilen, ob die Musik oder das Singen besonders toll waren. Ich fand’s beeindruckend, vor allem die Hauptdarstellerin hatte eine enorme Bühnenpräsenz. Schade, dass der Saal so leer war; höchstens ein Viertel der Plätze war besetzt. Trotzdem gab’s am Ende einen lang anhaltenden Applaus für das Ensemble auf der Bühne.

21 August 2023

Rien ne va plus in der Fabrik

Die Orgelfabrik ist ein altes Gebäude in Durlach, dem ehrwürdigen Stadtteil von Karlsruhe, dessen Straßen manchmal wirklich so aussehen, als sei die Zeit stehengeblieben. In der Orgelfabrik erlebte ich im Verlauf der Jahre immer mal wieder Kabarettisten, die auf der Bühne vor einem kleinen Publikum spielten – diesmal aber sah ich mir ein Theaterstück an.

»Rien ne va plus« basiert auf »Der Spieler«, einem schon klassischen Roman von Fjodor M. Dostojewski, den ich allerdings nie gelesen habe. Ich kann also nicht sagen, inwiefern die Personen auf der Bühne den Stoff umgesetzt haben. Letztlich wurde ja auch nicht das Original auf der Bühne aufgeführt, sondern eine bearbeitete Version.

Die Geschichte der russischen Spieler, die in einer nicht näher benannten Stadt in Westeuropa gestrandet sind und dort ihr letztes Geld im Roulette verplempern, wurde in der Orgelfabrik für meine Begriffe sehr gelungen gezeigt. Das Bühnenbild ist einfach – einige Tische und Sitzgelegenheiten –, die Räumlichkeiten sind sehr schlicht, aber auf ihre Art genial: eine alte Industrieoptik eben, mit allen Schrammen, die es in den Wänden und an der Decke gibt.

Gelungen fand ich zudem die Tatsache, dass Dostojewski selbst als Rolle in dem Stück vertreten ist. Der Schriftsteller muss seinen Roman in kurzer Zeit zu Ende bringen, er schreibt »auf dem letzten Drücker«, und er kämpft ebenso mit seiner Spielsucht und dem Druck, der auf ihm lastet. Das war zeitweise durchaus amüsant, am Ende aber doch sehr tragisch.

»Rien ne va plus« ist kein lustiges Theaterstück, sondern eine Tragikomödie, die ich sehr unterhaltsam fand und über die man hinterher noch ein wenig diskutieren konnte. Die Orgelfabrik als Kulisse bot sich dafür wunderbar an – ich nahm mir vor, wieder öfter zu Veranstaltungen nach Durlach zu fahren.

14 März 2023

Per Aspera Ad Astra mal getanzt

Zu den Sprüchen, die man als Science-Fiction-Fan sehr früh lernt, zählt der schöne Ausspruch »Per Aspera Ad Astra«. Als Fan lernt man, dass damit gemeint sei, »Aus den Dornen zu den Sternen« oder wie auch immer das im Detail übersetzt werden kann. Richtig gemeint ist einfach »ohne Fleiß kein Preis«, aber gut …

Worum es hier geht: Ich war am Samstag im Ballett. Im Staatstheater in Karlsruhe wurde im Großen Haus eine Veranstaltung in drei Teilen geboten, die als Gesamttitel »Per Aspera Ad Astra« trug. Verlange jetzt keiner von mir, dass ich das auch nur ansatzweise zusammenfasse oder erkläre.

Ballett muss man gesehen haben. Ich habe im Verlauf der Jahrzehnte die eine oder andere Aufführung mitbekommen – unter anderem mal vor dem Papstpalast in Avignon, was mich nachhaltig beeindruckt hat. Die Vorstellung in Karlsruhe fand ich ebenfalls beeindruckend.

Die Musik war sehr klassisch, unter anderem gab’s Johann Sebastian Bach. Dazu bewegten sich die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne; das war keine Sekunde langweilig und stets abwechslungsreich. Wie die Leute ihre Körper bewegten, wie sie die Spannung aufbauten und hielten – das fand ich unfassbar.

Am Ende klatschte ich ebenso begeistert Beifall wie die vielen Leute um mich herum. Ballett wird sicher nicht meinen bevorzugte Art des Tanzens sein – da bin ich halt doch durch zu viel Pogo sozialisiert worden –, aber diesen Abend werde ich in Erinnerung behalten. Nicht nur wegen des Titels, der an Science Fiction erinnert …

06 März 2023

Wenn Gardi Hutter souffliert

Es fällt mir schwer, den Charme zu beschreiben, der zu den Theaterstücken Gardi Hutters gehört. Die Clownin steht seit über vierzig Jahren auf der Bühne, ich sah schon einige ihrer Stücke an, und am Freitag konnte ich mir »Die Souffleuse« im Theaterhaus Stuttgart zu Gemüte führen.

Die Handlung ist einfach zu erklären: Gardi Hutter spielt in ihrem Ein-Personen-Stück eine Souffleuse, die in einem Theater arbeitet, die beispielsweise bei Opern mitwirkt, die aber auch unter der Bühne wohnt. Sie plagt sich mit dem schlecht riechenden Füßen der Schauspieler, den schlecht gesungenen Liedern und dem manchmal seltsamen Publikum herum, hat sich aber in vielen Jahren in ihrem Dasein eingerichtet.

Dann aber wird das Theater geschlossen; alle ziehen in ein neues Haus um. Die Souffleuse wurde allerdings bei alledem vergessen. Und so bleibt ihr nach all den Jahren nichts anderes übrig, als den Ausbruch aus der bisherigen Existenz zu wagen.

Eine Inhaltsangabe gibt nicht das wieder, was Gardi Hutter auf der Bühne liefert. Sie kommt praktisch ohne Worte aus; ihre Präsenz ist intensiv. Manchmal bietet sie schlicht Situationskomik, manchmal aber ist das Ganze durchaus tiefsinnig – man macht sich als Zuschauer seine eigenen Gedanken über das persönliche Hamsterrad des Lebens, in dem ja alle mehr oder weniger festsitzen.

Wie immer fand ich Gardi Hutter klasse. Ich lachte viel, und am Ende ging ich mit einem beschwingten Gefühl aus dem Theatersaal hinaus. Das ist und war immer etwas Besonderes …

25 Juli 2022

Die Dreigroschenoper in Ettlingen

Dass es in Ettlingen – einer Kleinstadt bei Karlsruhe – seit vielen Jahren die Schlossfestspiele gibt, wusste ich natürlich. Aber ich hatte sie nie besucht. An diesem Samstag allerdings machte ich eine Ausnahme: Die Dreigroschenoper wurde gezeigt. Das Theaterstück – eine Oper ist es ja eigentlich nicht – war mir in Auszügen seit langer Zeit bekannt, viele Sätze daraus gehören zum deutschen Zitateschatz, und Lieder wie die »Die Ballade von Macky Messer« kann heute noch praktisch jeder mitpfeifen.

Im Hof des Schlosses von Ettlingen war ein Gerüst errichtet worden, auf dem die Sitzreihen auf die Zuschauer warteten. Man saß einigermaßen unbequem, und für ältere Leute waren die steilen Treppen eine Zumutung.

Aber gut, für einen Kulturgenuss geht der brave Bürger auch mal steile Stufen hinauf. Denn natürlich waren an diesem Abend vor allem die braven Bürger anwesend: keine armen Leute, keine Revoluzzer, sondern der »bürgerliche Mittelstand«; zumindest sah es so aus. (Andere Leute können sich Eintrittspreise von 46 Euro pro ungemütlichem Platz ja nicht leisten.)

Ich kann wenig vergleichen, weil ich die Dreigroschenopfer nie zuvor gesehen habe. Die Aufführung gefiel mir: Die Stücke sind schmissig, das Ensemble war professionell, der Sound wirkte manchmal ein wenig übersteuert, aber insgesamt passte die Räubergeschichte schon gut zusammen. Ich fühlte mich gut unterhalten, und ich klatschte zwischendurch auch immer wieder brav Beifall.

Vielleicht war die Mischung aus Sex und Gewalt, aus Huren, Bettlern, Ganoven und korrupten Polizisten einigen Leuten zu grob: Nach der Pause blieben einige Plätze leer. Am Ende gab’s aber einen langen Beifall für die Schauspielerinnen und Schauspieler, die angesichts der hochsommerlichen Temperaturen im Innenhof des Schlosses eine sehr ordentliche Leistung gezeigt hatten.

(Später brauchte ich noch das eine oder andere Glas mit kühlem Weißwein, aber das wiederum ist eine andere Geschichte …)

05 Juni 2022

Hokuspokus mit Familie Flöz

Ich mag die Familie Flöz seit vielen Jahren und habe die meisten Theaterstücke der ungewöhnlichen Schauspieler-Truppe gesehen. Am Samstagabend, 4. Juni 2022, sah ich mir im Theaterhaus in Stuttgart das Stück »Hokuspokus« ab. Dabei handelte es sich um eine Vorpremiere, die eigentliche Uraufführung findet in Berlin statt.

Wer die Familie Flöz nicht kennt: Es handelt sich um Theaterstücke, die größtenteils ohne Dialoge auskommen. Die Schauspieler tragen Masken, die sie auch ständig wechseln. Eine Person kann also mehrere Figuren spielen, und normalerweise bekommt man nicht mit, wie dieses Wechseln geschieht. Bei »Hokuspokus« ist das streckenweise anders.

Es fällt mir schwer, das Stück zusammenzufassen. Es behandelt im Prinzip das Leben eines Paars von den Anfängen bis ins Grab. Kinder werden geboren und ziehen weg, sie zerstreiten sich mit den Eltern – symbolisiert ausgerechnet durch lauten Deathmetal – oder werden vom Auto überfahren. Ein ganzes Panorama der Menschheit in einem fast zwei Stunden dauernden Theaterstück.

Ich war traurig und fasziniert, ich war gefesselt und mitgerissen. »Hokuspokus« ist für mich ein Theaterstück voller Emotion – großartig!

25 April 2022

Der ernsthafte Kabarettist

Es mangele nicht an Humor im Fernsehen. Ständig werde gelacht. Da müsse er ja nicht auch noch Witze von der Bühne herunter erzählen. Deshalb bleibe er ernsthaft und sorge dafür, dass unsere Laune ein wenig schlechter werde.

So in etwa – natürlich nicht wörtlich – leitete Hagen Rether am Sonntag, 24. April 2022, sein Programm im »Tollhaus« in Karlsruhe ein.

Im Verlauf der Jahrzehnte hatte ich manchen Kabarett-Abend mit Hagen Rether verbracht. Der Mann sitzt entspannt an Klavier, spielt ab und zu ein wenig, isst Bananen und erzählt ansonsten. Dabei ist er wirklich sehr oft sehr ernsthaft – es geht auch um ernsthafte Themen. Dass man zwischendurch schallend lachen kann, finde ich erholsam. (Ich trug die Maske, wie etwa 80 Prozent des Publikums auch. Damit fühle ich mich in einem solch vollbesetzten Raum recht sicher.)

Rether spielte über zwei Stunden lang, es gab keine Pause. In seinem Programm beschäftigte er sich mit dem Ukrainekrieg und mit Corona, mit der FDP und Angela Merkel, mit kaputten Schulen und zerrütteter Infrastruktur, mit der Ungleichheit zwischen Mann und Frau und vielen anderen Themen. Im Prinzip lieferte er einen raschen und streckenweise sehr deprimierenden Überblick zum Stand unserer Gesellschaft, in der man zu wenig dazulernt und zu viel zerstört.

Das ist und war nicht immer lustig. Aber es war wieder einmal ein großartiger Kabarett-Abend.

10 Januar 2022

Mal wieder Familie Flöz

Ich war schon mehrfach im Theater, um mir Stücke der Familie Flöz anzuschauen. Gestern besuchten wir im Tollhaus in Karlsruhe die Veranstaltung »Feste«, die natürlich unter Corona-Schutzvorkehrungen stattzufinden hatte: gründliche Kontrollen am Eingang – wir hatten uns trotz Booster-Impfung daheim auch noch getestet –, FFP2-Maskenpflicht am Platz, und ich fand das richtig so.

Bei der Familie Flöz handelt es sich um eine spezielle Art von Theater: Alle Figuren werden von drei Schauspielern gespielt, die allesamt Masken tragen. Trotz der starren Masken, die ja eigentlich keinen Ausdruck wiedergeben können, schaffen es die Schauspieler, die Figuren spannend und glaubhaft darzustellen. Dabei wird kein Wort gesprochen, es gibt nur Tanz und Bewegung, Gestern und Musik.

Das kann man sich vielleicht schwer vorstellen; ich empfehle, den Trailer auf YouTube anzuschauen. Er gibt ein wenig den Eindruck wieder, den ich am gestrigen Abend hatte.

Bei »Feste« handelt es sich um ein Theaterstück, bei dem man zwischendurch zwar auch mal lachen konnte, das aber weitestgehend melancholisch traurig war: ein Hausmeister, der keine Lust auf seine Arbeit hat, eine Frau, die hochschwanger ist und trotzdem arbeiten muss, eine Braut, die noch einen Tanz lernen muss und auf den Stress bei ihrer Hochzeit keine Lust hat, eine Brautvater, der im Geld zu schwimmen scheint und herrisch erscheint, gestresste Kellner, ein genervter Koch, eine Hausmeisterin, die ihren Mann zu mehr Arbeit antreiben möchte … und so weiter … alles gespielt von drei Leuten.

Ich war verzaubert und verblüfft, ich lachte zwischendurch auch, und ich klatschte hinterher sehr lange Beifall. Vor allem war es halt eine Art von Normalität, die man sich ja eigentlich in diesen Tagen kaum traut. Ich bin sehr froh, dass wir diesen Abend genießen konnten.

15 September 2021

Einmal wenigstens Schlosslichtspiele

Als 2015 zum ersten Mal die Schlosslichtspiele die Nacht von Karlsruhe erhellten, war ich völlig begeistert. Nicht nur einmal sah ich mir die beeindruckenden Darbietungen an, die auf die Front des Schlosses projiziert wurden. Auch in den Jahren darauf saß ich immer wieder inmitten einer begeisterten Menschenmenge auf den Pflastersteinen vor dem Schloss und ließ mich faszinieren.

2020 fielen die Schlosslichtspiele aus. Oder anders gesagt: Wegen Corona wurden sie nur digital veranstaltet. Das reizte mich aber nicht, also bekam ich auch nichts von ihnen mit. Und 2021 fanden sie zwar statt, ich bekam aber so gut wie nichts von ihnen mit.

In dieser Woche wollten wir das ändern. Es regnete ausnahmsweise nicht, und nach einem langen Arbeitstag tat eine kleine Radfahrt zum Schloss gut. Es war nicht viel los, nur wenige hundert Menschen verloren sich vor dem Schloss. Kein Vergleich zu den vielen Tausenden in früheren Jahren – aber wegen Corona war mir das sehr recht.

Faszinierend fand ich die Show »Changes 3« von der ruestungsschmie.de; eingangs wurde extra gewarnt, dass die Show für manche Menschen zu anstrengend sein könnte. Es war ein flackerndes Bild, das über das Schloss huschte, es wechselte alles in rasender Geschwindigkeit, und dazu lief eine Musik, die man in den 90er-Jahren wohl als Breakbeat bezeichnet hätte. Kombiniert wurde das mit klaren politischen Aussagen wie »Fuck You Racist« und einem Bekenntnis zu einem Europa ohne Grenzen. Spannend!

Was für ein Kontrast danach … In »Synthetischen Sonetten« nahm sich der Künstler Antonin Krizanic aus Ungarn eine klassische Sinfonie sowie die Stadt Karlsruhe als Thema und vermengte das zu einem sehr ruhigen und wirklich schönen Bilderreigen.

Danach wurde es glatt noch einmal politisch. Die Künstlergruppe »The Nightlab« präsentierte »Attitude Indicator«, was sich als eine kritische Darstellung der aktuellen Klimadiskussion erwies, mit klaren Aufforderungen, endlich zu handeln, und einer großen Hoffnung auf Europa.

Wieder einmal fand ich die Schlosslichtspiele toll. Ich bedauere ein wenig, dass ich so spät damit anfing, sie zu besuchen …

17 Februar 2019

Severin Gröbner in der Orgelfabrik

Die Orgelfabrik in Durlach war am Freitag, 15. Februar 2019, nicht gerade überfüllt. Drei, vier Dutzend Besucher waren gekommen, um Severin Gröbner auf der Bühne zu sehen. Dabei war der Kabarettist aus Österreich schon in der Orgelfabrik aufgetreten, er hätte also einigermaßen bekannt sein können – bei mir war es ja auch eher Zufall, dass ich im Saal saß.

Ich bereute es keinen Augenblick lang.

Severin Gröbner begann damit, dass er den Weltuntergang für den nächsten Morgen ankündigte. Dann erzählte er viel von Taxigutscheinen – ein Gag, den ich kaum erklären kann –, war zeitweise sehr sarkastisch und politisch und bekam immer wieder die Kurve zurück zu Albernheiten.

Er hielt sich nicht mit der Tagespolitik auf, wenngleich Politiker aus Österreich, den USA oder Deutschland durchaus erwähnt wurden. Meist aber ließ er seine sarkastischen Aussagen gegen Menschen los, die sich zu viel im Internet bewegen und dort jeden Unfug glauben.

Einige im Publikum überforderte er. Das Paar hinter uns diskutierte gelegentlich halblaut über seine Formulierungen. »Bass-Soli?«, fragte er. »Was ist denn das?« Und sie gab ehrlich zurück: »Keine Ahnung.«

Das Programm trug den Titel »Der Abendgang des Unterlands«, wurde mit gelegentlichen Liedern musikalisch untermalt, schwankte geschickt zwischen albern und sarkastisch, politisch und persönlich. Mir gefiel es sehr gut, und ich würde diesem Kleinkünstler ein größeres Publikum wünschen.

28 Januar 2019

Familie Flöz und Dr. Nest

Ich bin ein großer Verehrer der Familie Flöz. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, dem versuche ich es hier zu erklären: Es handelt sich um ein Theater-Ensemble, das mit verschiedenen Stücken auf Tour ist. Kennzeichnend ist, dass die Stücke praktisch ohne Dialog auskommen, dass alle Figuren mit Masken gespielt werden, also eine völlig starre Mimik aufweisen, dass sie zwischen Komödie und Tragödie pendeln und dass sie durchaus ambitioniert sind. Am Sonntagabend schaute ich mir »Dr. Nest« im Theaterhaus Stuttgart an.

Im gut gefüllten Saal spielten fünf Schauspieler gut zwanzig unterschiedliche Charaktere. Von Szene zu Szene wechselte das Bühnenbild, und gezeigt wurde das Schicksal eines Mannes, der als Arzt in eine Heilanstalt kommt und dort irgendwann bleiben wird. Er versucht, die Kranken zu heilen und auf sie einzugehen. Der strenge Direktor der Anstalt und eine zickige Schwester – oder Ärztin? – haben andere Ansichten als er von den Kranken und wie man sie zu behandeln hat.

Dr. Nest geht auf den Mann ein, der sich offenbar für einen begabten Komponisten hält. Er nimmt die Frau ernst, die ein Handtuch so wickelt, dass sie es für ihr Kind hält. Er akzeptiert den seltsamen Mann, der sich mithilfe von Trommeln unterhält und sich ansonsten gern versteckt. Und er muss irgendwann erkennen, dass es offenbar nur der weiße Kittel ist, der die »Normalen« von den »Irren« unterscheidet.

Das klingt jetzt seltsam, trifft es aber sehr genau. Die Handlung des Theaterstückes, das mit vielen Geräuschen auskommt, aber keinen Dialog aufweist, ist mal skurril und witzig, dann wieder sehr traurig; man muss sich durchaus konzentrieren, um alles zu verstehen und richtig einzuordnen. Nach eineinhalb Stunden ging ich auf jeden Fall bewegt aus dem Theatersaal hinaus.

Ich kann jedem Menschen, der sich für ungewöhnliches Theater interessieren kann, nur empfehlen, in eines der Stücke der Familie Flöz zu gehen. Ich kenne jetzt drei verschiedene, und ich fand sie allesamt gut. »Dr. Nest« hat im Moment für mich den stärksten Eindruck hinterlassen ...

12 November 2018

Gardi Hutter in Stuttgart

Im Verlauf der Jahre erlebte ich zwei Vorstellungen der Clownin Gardi Hutter mit. Ich sah »Die Schneiderin« und »Alles Käse«, und ich bewundere jeweils die Art und Weise, wie die Künstlerin es schaffte, sehr ernsthafte Themen in komischer, ja, absurder Weise abzuhandeln. Der Tod und die Einsamkeit wurden von ihr ernstgenommen und nicht veralbert, trotzdem musste ich bei ihren Vorstellungen immer wieder lachen.

Am Sonntag, 11. November, sah ich »Gaia Gaudi« im Theaterhaus in Stuttgart. Für mich war es durchaus ungewohnt, dass Gardi Hutter nicht allein auftrat; sie wurde von drei jungen Leuten begleitet, die ihre Reise begleiteten: mal tanzend, mal singend, mal trommelnd, mal einfach nur herumstehend, mal albern, mal todtraurig.

Denn in diesem Theaterstück ging und geht es um den Tod. Die von Gardi Hutter gespielte Figur der Hanna ist tot, damit beginnt das Stück. Sie liegt bereits als Leiche im Sarg, doch Hanna mag ihren Tod nicht akzeptieren. Dabei muss sie von der Erde abtreten, um Platz für neue Generationen zu machen.

Wie ihre Seele durch das Leben und den Tod flattert, wie sie versucht, sich an das Leben zu klammern, wie ein roter Koffer zum Symbol wird, wie Todesvögel um die Seele herumflattern – das ist alles so traurig und gleichzeitig so lustig, dass man weinen und lachen möchte. (Hinter mir saß eine Frau, die praktisch ununterbrochen lachte, auch bei Szenen, in denen der Rest des Saals von eisiger Stille wie gelähmt wirkte.)

Ich stelle fest, wie schwierig es ist, dieses Theaterstück zusammenzufassen, wie komplex die Handlung dann doch war. So komplex und so einfach wie das Leben, so flatterhaft und anstrengend, so unklar und wirr. Ich fand »Gaia Gaudi« toll und empfehle es jenen Leuten, die Lust auf Theater haben und einen ungewöhnlichen Blick genießen können.

21 Mai 2017

Wir waren im Teatro Delusio

Die Familie Flöz muss man gesehen haben, um den speziellen Reiz zu verstehen, den die Figuren auf die Zuschauer ausüben. Das merkte ich am Samstag, 20. Mai 2017; im Theaterhaus in Stuttgart schauten wir uns das Stück »Teatro Delusio« an. Dabei spielen drei Schauspieler gefühlt zwanzig verschiedene Rollen, in einem rasanten Wechsel von Maske und Kostümen, von Figur und Ausdruck – unglaublich!

Die Familie Flöz spielt immer in Masken; diese Masken drücken die Charaktere der Figuren aus. Es gibt keine Dialoge, sondern nur Geräusche und Bewegungen. Trotzdem wird stets klar, was auf der Bühne passiert, wird immer eindeutig vermittelt, welche Aktion gerade abläuft. Bei »Teatro Delusio« schwankt man als Zuschauer zwischen schallendem Gelächter und traurigem Entsetzen, und das fand ich großartig.

Im Prinzip spielt das Theaterstück hinter den Kulissen eines Theaters. Man hört die Geräusche von der »anderen Seite«, wo das wirkliche Theater ist. Publikum applaudiert, Musiker stimmen ihre Instrumente, es wird gejubelt. Hinter den Kulissen kämpfen die Arbeiter mit dem Mühen des Alltags, streiten sich, verlieben sich. Künstler treten auf, der Direktor spielt seine eigene Show, eine Ballerina kommt zu spät, es wird Kaffee gekocht und mit Kabeln jongliert.

Ohne Mimik und Dialog drückt die Familie Flöz eine Vielzahl von Emotionen aus. Das fand ich schon bei »Hotel Paradiso« toll, und ich möchte mir auch weitere Shows dieser Truppe anschauen. Gern übrigens wieder im Theaterhaus in Stuttgart.