Meine Mutter zog ihren Mantel an und musterte uns streng. »Ihr macht keinen Blödsinn, gell?«, sagte sie und hob warnend den Zeigefinger. »Wenn ihr etwas Sinnvolles unternehmen wollt, geht raus auf die Straße und zerhackt den Schnee. Wie das geht, wisst ihr ja.«
Meine Schwester und ich gelobten, uns anständig zu verhalten. Wir blieben im Flur stehen und sahen zu, wie unsere Mutter das Haus verließ. Sie eilte zur Bushaltestelle, wo sie mit in den Bus steigen und mit diesem zur Arbeit fahren wollte. An mehreren Tagen in der Woche arbeitete sie als Putzfrau in einer Firma in der Stadt. Dort würde sie später mein Vater abholen, wenn er endlich Feierabend in der Fabrik hatte; dann wollten die beiden noch einiges einkaufen, bevor sie wieder nach Hause kamen.
Dann grinsten wir uns an. »Zerhacken wir den Schnee?«, fragte ich.
»Na klar«, gab sie zurück.
Wir waren Grundschüler und liebten den Winter in unserem Schwarzwalddorf. Wenn viel Schnee lag und es kalt war, empfanden wir die Luft als frisch, und es gehörte zu unseren großen Freuden in diesem Winter, Schneehäuser zu bauen oder unseren Eltern beim Schippen zu helfen. Manchmal schneite es so stark, dass wir, nachdem wir an der einen Ecke des Hofes fertig waren, wieder von Neuem anfangen konnten. Wenn es schneite, zogen wir mit dem Schlitten los, um irgendwo einen Hang hinunterzurutschen, oder wir lieferten uns Schneeballschlachten mit anderen Kindern aus dem Dorf.
An diesem Tag schien die Sonne, ein typischer Tag im Februar. Es war kalt, die Temperaturen lagen unter dem Gefrierpunkt, also zogen wir uns warm an. Mit Schals und Mützen und Fäustlingen gingen wir auf die Straße. Meine Schwester trug eine Hacke, ich eine Schaufel. Die Berge von Schnee, die meine Eltern beim Schippen aufgetürmt hatten, waren an manchen Stellen über eineinhalb Meter hoch, deutlich größer als wir.
Ohne uns abzusprechen, fanden wir schnell eine Arbeitsaufteilung: Ich war größer als meine Schwester, also schaufelte ich den Schnee vom Haufen herunter und schleuderte ihn mit Schwung auf die Straße. Dabei versuchte ich, sie nicht mit der schweren Ladung zu treffen. Sie jubelte jedes Mal vor Begeisterung und stürzte sich mit der Gartenhacke auf den Schneeklumpen, zerlegte ihn in kleinere Stücke, die sie dann quer über den Asphalt schleuderte.
Als eine gut gekleidete Frau die Straße herunterkam, hielten wir inne. Wir wollten sie nicht versehentlich mit einem Schneeklumpen treffen. Wir kannten sie nicht, aber dass sie nicht aus dem Dorf kam, sahen wir sofort. Sie trug einen eleganten Mantel und Stiefel, die in der Sonne glänzten. Zudem war sie auffallend geschminkt; meine Mutter hätte sie »eine Angeschmierte« genannt.
»Was tut ihr da?«, sprach sie uns in lupenreinem Hochdeutsch an. Sie war deutlich größer als wir und brachte es fertig, von einer unglaublich hohen Warte zu uns herunterzusprechen.
»Wir zerhacken den Schnee«, sagte ich nüchtern. Es klang wahrscheinlich wie »Miar vohacka dän Schnai«; wir Dorfkinder konnten praktisch kein Hochdeutsch.
Sie starrte mich an wie ein Insekt. »Wie bitte?«
Ich versuchte, mich verständlicher auszudrücken. »Wir machen die Schneeberge kleiner«, sagte ich langsam und so deutlich, wie ich konnte. »Wenn die Schneebrocken auf dem Asphalt liegen, schmelzen sie, und dann ist der Schnee weg.« Ich zeigte auf einen Klumpen, von dem ein breiter Streifen Wasser weglief.
»Und welchen Sinn hat das?«
Verwirrt starrte ich die Frau an. Wieso wusste sie das nicht? Jedem Kleinkind im Dorf war klar, warum man den Schnee zerhackte, sobald die Sonne schien.
Ich gab mir erneut Mühe, so deutlich wie möglich zu sprechen. »In der Sonne schmilzt der Schnee, so machen wir die Haufen kleiner. Und wenn es nächste Woche wieder schneit, haben wir Platz für den neuen Schnee. Sonst wüssten wir ja nicht, wohin damit – höher hinauf können wir den nicht schaufeln.« Ich wies auf den Haufen neben mir, über den nicht hinausschauen konnte.
Die Frau musterte mich, dann den weißen Haufen neben mir, zuletzt die schmelzenden Schnee- und Eisbrocken zu ihren Füßen. Vorsichtig ging sie weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, so dass sie nicht mit dem Schnee in Berührung kam.
Noch einmal wandte sie den Kopf und musterte uns von oben nach unten. »Ihr zwei, ihr seid schon seltsame Schwabenkinder«, sagte sie dann.
Meine Schwester und ich sahen uns an. Sie verzog das Gesicht, ich hob die Schultern. Kurz sahen wir der Frau nach, die gemütlich weiter spazierte. Dann nahmen wir unsere Werkzeuge und setzten unsere Arbeit fort.
Der nächste Schnee kam schließlich bald.
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