20 Juli 2026

Ein Anruf am Morgen

Das Telefon klingelte. Einmal, zweimal. Murrend wälzte sich Rainer auf die andere Seite. Nicht einmal am Samstag ließ man ihn ausschlafen.

Das Telefon läutete ein drittes Mal. Rainer hatte das Gefühl, nichts gegen die Hartnäckigkeit des Anrufers machen zu können. Er schlug die Decke zurück, stand auf, ging nackt – er hatte am Abend vorher ein heißes Bad genommen, was seine Trägheit erklären mochte – in das Arbeitszimmer seiner Zweizimmer-Wohnung. Neben das Telefon kauerte er sich auf den Fußboden, nahm den Hörer ab.

»Hier Rainer Norden«, meldete er sich.

»Wer ist bitte dran?« Eine Frauenstimme. Warm klang sie, leicht vibrierend.

»Hier spricht Rainer Norden«, wiederholte er, dieses Mal mit etwas mehr Betonung.

Am anderen Ende wurde kurz gelacht. »Oh, das kann nicht sein«, sagte die Frau. Der Stimme nach zu urteilen, musste sie Ende zwanzig sein. »Wo wohnen Sie denn?«, fragte sie.

»In Fellbach bei Stuttgart.«

Sie lachte erneut. »Das ist natürlich ganz falsch. Ich hoffe, ich habe Sie jetzt nicht aus dem Bett geworfen.«

»Doch. Aber ...«

»Oh, tut mir leid«, unterbrach sie ihn. »Dann müssen Sie Ihren Schlaf gleich nachholen. Wiederhören!«

»Halt!«, rief Rainer, bevor sie auflegen konnte. Die Stimme faszinierte ihn, wie er plötzlich feststellte, und er wollte sie weiter hören. »Warten Sie doch!«

»Was ist denn?«

Kurz war Rainer verlegen. Was nun? »Das macht gar nichts aus«, sagte er hektisch. »Dass Sie mich geweckt haben, meine ich.«

Die Stimme am anderen Ende klang äußerst amüsiert. »Warum? Müssen Sie etwa gleich arbeiten?«

»Samstags doch nicht.«

»Oder freuen Sie sich, dass Sie am frühen Morgen von einer Unbekannten angerufen werden?«

Die Hilfestellung kam zum rechten Moment. »Genau«, versetzte Rainer, »ganz genau.« Er merkte, wie ihn eine unerklärliche Spannung durchflutete. »Ich plaudere gerne mit netten Frauen«, behauptete er trocken.

»Und ich gerne mit netten Männern.« Wieder dieses Lachen. »Auch wenn das Ganze ein Zufall ist. Aber ich habe leider wenig Zeit.«

»Dann lassen Sie mir Ihre Nummer«, bat Rainer. »Ich rufe Sie zurück.«

»Keine Chance. Außerdem: Was soll da Ihre Frau dazu sagen?«

»Ich bin nicht verheiratet. In festen Händen allerdings trotzdem, wie man so schön sagt. Also geben Sie mir schon Ihre Nummer.«

»Wie ich schon sagte: keine Chance. Wenn Sie mir aber Ihre Nummer geben, kann ich Sie wieder anrufen, wenn ich zurück bin. Dann können wir weiterplaudern.«

Rainer stimmte zu – die einzige Chance, die Stimme der Unbekannten noch einmal zu hören. Er gab ihr seine Nummer, sie verabschiedete sich, er legte auf.

Dann ging er wieder ins Bett. Die Stimme ging ihm nicht aus dem Kopf, sie beschäftigte ihn. Eine Frau, Ende der zwanzig vielleicht. Schwer zu schätzen. Sicher humorvoll. Keine Spur von Dialekt zu vernehmen, lupenreines Hochdeutsch. Das hatte aber nichts zu sagen, seit immer mehr Norddeutsche in die Umgebung von Stuttgart zogen. Gehobener Sprachstil, analysierte er weiter. Wer war sie?

Als das Telefon erneut klingelte, wachte er auf. War er doch glatt eingeschlafen! Dieses Mal sprang er aus dem Bett, eilte an den Apparat.

»Rainer Norden«, meldete er sich wieder.

»Na endlich.« Sie klang immer noch amüsiert. »Ich dachte schon, Sie seien wieder eingeschlafen ...«



Diesem Gespräch folgten weitere. Immer wieder rief Irene – nach dem dritten Anruf hatte sie immerhin dieses Geheimnis gelüftet – bei Rainer an. Meist vereinbarten sie vorher den Termin des nächsten Gesprächs, damit es seine Freundin bei ihren Besuchen nicht mitbekam.

Die Gespräche waren immer amüsant und geistreich. Rainer genoss sie, er liebte den offenen, frechen Schlagabtausch, der nie unter die Gürtellinie ging. Sie unterhielten sich über alles, buchstäblich über Gott und die Welt, über Politik und Natur ebenso wie über seine Beziehungen zu Frauen.

Wollte er aber an diesem Punkt einhaken und mehr über Irene herausfinden, stieß er auf Granit. Die Frau wollte über sich nichts verraten. Weder rückte sie mit ihrem Nachnamen heraus, noch wollte sie sagen, aus welcher Stadt oder aus welchem Dorf sie anrief. Und natürlich sagte sie ihm auch nie, wie er sie erreichen konnte.

Sein altmodisches Festnetztelefon hatte kein Display, auf dem er er ihre Nummer erkennen konnte. Nicht, dass das etwas genutzt hätte, wenn sie von einem Mobiltelefon anrief.

Es war eine Einweg-Kommunikation: Sie wusste mehr über ihn als er über sie, auch über seine Eigenarten. Rainer wusste nichts über Irene, fast nichts zumindest. Ein bisschen über ihre Kindheit hatte sie erzählt, vom Leben im Sauerland, mehr nicht. Nicht mal die Angabe eines Geburtsorts war dabei.

Sie reizte ihn. Ihre Stimme machte ihn verrückt, brachte ihm immer wieder diese erotische Spannung, die er gleich beim ersten Mal verspürt hatte, als er nackt neben dem Telefon kauerte. Er wollte sie sehen, wollte sie vielleicht sogar berühren.

Nein, verliebt war er in sie nicht, dazu war Irene zu anonym. Aber sie reizte ihn. Das alles machte ihn neugierig auf diese Frau, von der er nur die Stimme kannte.

Längst duzten sie sich, ihr Verhältnis wurde offener und noch lockerer. Und Rainer zermarterte sein Gehirn, wie er es vielleicht schaffen konnte, sie kennenzulernen. Eine Fangschaltung installieren, damit er ihren Anschluss auf diesem Weg herausbekam? Unsinn. Dazu bräuchte er die Polizei, soweit er informiert war.

Er wusste nicht, was er machen sollte.



Das Telefon klingelte. »Wer kann das denn sein?«, fragte Tanja, die bei ihm übernachtet hatte. Sie frühstückten gerade.

»Keine Ahnung.« Rainer hob die Schultern, ging aber trotzdem sofort in sein Büro. Er nahm den Hörer ab.

»Ich bin's, Irene«, hörte er die Stimme, bevor er selbst etwas sagen konnte.

Rainer war irritiert. Sie hatte ihn nie angerufen, wenn Tanja anwesend war. Sie wolle keine Komplikationen, hatte Irene immer wieder versichert.

»Was ist?«, fragte er.

»Keine Sorge.« Irenes Stimme klang hektisch, als habe sie sehr wenig Zeit. »Das ist mein letzter Anruf. Ich dachte nicht, dass es schon so schnell aus sein würde.«

»Was ist denn?«

»Ich kann es dir nicht sagen. Nur soviel: Es hat mich gefreut, dich kennengelernt zu haben. Du hast mir den Glauben an die Menschheit zurückgegeben.« Sie legte auf.

Verunsichert hockte Rainer neben dem Telefon, den Hörer in der Hand.

»Wer war das?« Tanja stand in der Tür. Sie lächelte ihn an. »Eine Frau?«, spottete sie.

»Ja.« Hilflos schaute Rainer sie an. »Eine Frau.«

»Und?« Das Lächeln blieb. Sonst liebte er es, aber in diesem Augenblick spürte er, dass es ihm auf die Nerven gehen konnte.

»Ich glaube, sie hatte sich nur verwählt.«



(Die Geschichte entstand wohl zu Beginn der 90er-Jahre, abgespeichert auf meinem Rechner wurde sie 1994. Sie wurde meines Wissens nie publiziert, weil ich sie auch nie für eine Publikation eingereicht hatte. Für diese Veröffentlichung habe ich sie leicht bearbeitet und auf neue Rechtschreibung umgestellt. Anachronismen bei der Telefonverbindung – an Handys dachte damals niemand – habe ich versucht, schonend zu beseitigen, ohne damit die Geschichte zu zerstören.)

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