02 Oktober 2018

Fernsehen bei der Tante

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Ob sie Christiane oder Christine hieß, weiß ich gar nicht mehr. Bei uns Kindern hieß sie im breiten Dialekt unseres Dorfes einfach »Dande Krischdee«, sie war eine entfernte Verwandte, die nur drei Häuser von dem unseren entfernt wohnte. Sie hatte einen Fernseher, im Gegensatz zu uns, und ab und zu saßen meine Schwester und ich bei der Tante, um zu schauen, was sich in der schwarzweiß flimmernden Welt des Fernsehprogramms tat.

Das behielten wir auch bei, als wir langsam älter wurden. Ich fing schon früh an, mich als Jugendlicher für die Nachrichten zu interessieren. Und so kam es durchaus vor, dass meine Schwester und ich bei der Dande Krischdee saßen, um die »tagesschau« anzugucken.

An dem einen Abend im Jahr 1980 war eine andere alte Frau anwesend, eine Nachbarin von der anderen Straßenseite. Wir fanden sie ein wenig unheimlich, weil sie einen leichten Kropf hatte und sich deshalb eine seltsame Sprechweise angewöhnt hatte. Jedes Wort kam gequetscht aus dem Mund, und wenn sie sprach, schwabbelte der geschwollene Hals hin und her. Sie hatte sich in einem Sessel niedergelassen, trank ein Glas Likör und starrte auf den Fernseher.

Meine Schwester und ich saßen auf Stühlen, während Dande Krischdee ebenfalls einen Sessel eingenommen hatte. Durch die Fenster sahen wir hinaus ins Freie, ab und zu fuhr ein Auto auf der Dorfstraße vorbei.

Die Nachrichten flimmerten in Schwarzweiß vorbei. Es ging um die aktuelle Politik, um Politiker wie Schmidt und Brandt. Und dann kam Franz-Josef Strauß ins Bild, polternd und maulend wie so oft, mit einem Deutsch, das stark Bayerisch eingefärbt war.

Und die Nachbarin beugte sich nach vorne, das Gesicht auf einmal verzückt. Mit einem strahlenden Lächeln und einer Stimme voller Andacht sagte sie: »Unser Führer.«

Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mehr. Aber diesen Gesichtsausdruck und diese Wörter – die sollte ich in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr vergessen.

01 Oktober 2018

Ein Abend im Culinarium

Das Restaurant »Culinarium« kannte ich bereits, ich hatte dort einmal gegessen, als es sich noch in Ettlingen befunden hatte. Mittlerweile ist das Restaurant nach Grötzingen umgezogen, einen Teilort meiner Heimatstadt. Im ältesten Haus des gesamten Landkreises bietet das Restaurant heute seine französische Küche an.

Das Gebäude, das Kopfsteinpflaster, die schmale Treppe nach oben, das Fachwerk, die Möbel aus altem Holz – wer es mag, in einem klassisch wirkenden Haus zu speisen, ist beim »Culinarium« auf jeden Fall an der richtigen Stelle. Die Speisekarte war auf einer Tafel angeschrieben, in schöner Handschrift, und zu meiner großen Erleichterung gab es auch etwas ohne tote Tiere.

Wir bestellten Weine – sie sind meist aus der Region, also aus Baden oder dem Elsass – und das Essen. Preislich war das alles in Ordnung, für ein Drei-Gang-Menü wurden 39 Euro veranschlagt, was ich bei der gebotenen Qualität für völlig in Ordnung halte. Wenn man schon mal ein wenig »feiner futtern« geht, sind das alles keine überzogenen Preise.

Die Weine waren gut, die Beratung empfand ich als brauchbar. Weil ich der Fahrer war, blieb es bei einem leichten Pinot Gris. Bei den eigentlichen Gerichten kamen sowohl der Vegetarier als auch die Fleisch- und Fisch-Fraktionen auf ihre Kosten. Wir waren hinterher pappsatt – die Desserts hatten einiges »Volumen« und ich hatte mich dummerweise für ein Schokotörtchen entschieden – und in positiver Stimmung.

Sehr schön! Schon jetzt kann ich sagen: Wir kommen wieder!

29 September 2018

Neurotic Arseholes in Waiblingen

Aus der Serie »Ein Bild und eine Geschichte«

Ab der Mitte der 80er-Jahre fotografierte ich oft. Nicht unbedingt gut, aber häufig. Ich hatte meine Kamera bei meiner Radtour in Westafrika dabei, und ich schleppte sie auf Punk-Konzerte mit. Viele Fotos sind verschollen, andere haben sich verändert.

Im Herbst 1989 brachen die Neurotic Arseholes noch einmal zu einer Tour durch Deutschland auf. Ich verehrte die Band geradezu für ihre Musik und ihre Texte, und natürlich war ich in Waiblingen dabei, als sie ihr allerletztes Konzert spielte. (Später gab es noch mal einzelne Auftritte in Hannover. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Einige hundert Leute drängten sich in dem kleinen Jugendzentrum. Vor der Bühne war der Teufel los, man konnte nicht umfallen, und trotzdem wurde heftig gepogt. Im Vorraum, auf der Treppe zum Obergeschoss, im Café – überall waren Leute, die mitsangen und hüpften. Eigentlich muss man sich im Nachhinein wundern, dass das Gebäude nicht in sich zusammenbrach.

Und natürlich herrschte ein unglaublicher Nebel in dem Raum. Kein Wunder, wenn sich so viele Leute heftig bewegen. Es tropfte von der Decke, und die Mischung aus Bier und Schweiß erfüllte die Räumlichkeiten. Das Bild, das ich von der Band gemacht habe, gibt diesen Eindruck nur ansatzweise wieder ...

28 September 2018

Abwechslungsreiches Science-Fiction-Fanzine

Seit den späten 70er-Jahren ist der schwedische Science-Fiction-Fan Wolf von Witting aktiv: Er schreibt und reist, er veröffentlicht Fanzines und besucht Cons. Mit seinem Fanzine »Counter Clock« hat er es geschafft, einen Egozine-Charakter beizubehalten, obwohl er das Heft längst nicht mehr allein gestaltet. Die aktuelle Ausgabe 33 belegt das sehr schön!

Auf den 44 Seiten im A4-Format schreibt der Herausgeber selbst über Helden und ihre Rollenmodelle in der Literatur und im Comic. Einen großen Teil nehmen Berichte über Cons ein: So wird beispielsweise der EuroCon sehr ausführlich beleuchtet, der in diesem Jahr im französischen Amiens stattfand; Fotos und Texte zeugen von einer interessanten Veranstaltung.

Den Ausblick auf den EuroCon 2020 mochte ich ebenfalls: Er wird in der kroatischen Stadt Rijeka stattfinden. (Als der EuroCon 1992 in der kroatischen Stadt Zagreb veranstaltet werden sollte, sagten die Organisatoren damals mit der Bemerkung ab, sie würden den entsprechenden Brief aus einem Bombenkeller schreiben. Eine Gruppe engagierter Fans, darunter ich, veranstalteten dann den EuroCon in Freudenstadt.)

Darüber hinaus liefert Wolf von Witting eine Reihe von kürzeren Texten und Anmerkungen, die insgesamt einen bunten Reigen an Bildern und Geschichten ergeben. Gefreut habe ich mich darüber, dass ich ebenfalls erwähnt wurde – positiv immerhin!

Insgesamt ist das englischsprachige Fanzine ein wunderbares Beispiel dafür, wie die internationale Science-Fiction-Szene funktioniert. Es ist unterhaltsam und informativ, es hat einen schönen Humor und unterhält jederzeit gut. »Counter Clock« macht auch mit der Ausgabe 33 viel Spaß!

Wichtig: Das Fanzine ist kostenlos; man bekommt es über die Internet-Seite der efanzines, dort kann man es herunterladen oder digital lesen. Sehr praktisch!

27 September 2018

Der Besuch aus Istanbul

Ich bin alles andere als ein Experte für die Türkei. In dem Land machte ich zweimal Urlaub, beides Mal war es nur eine Pauschalreise. Da bekommt man nicht viel mit, auch wenn man mit dem Rad den einen oder anderen Tagesausflug in nahe gelegene Dörfer übernimmt.

Wegen der politischen Veränderungen in der Türkei, die sich in den vergangenen Jahren vollzogen haben, möchte ich keinen Urlaub mehr in diesem Land machen. Dabei wollte ich unbedingt mal eine Woche in Istanbul verbringen, wollte ich auch gerne mal quer durchs Land reisen – die Menschen dort fand ich offen und freundlich. Aber derzeit möchte ich in diesem Land ebensowenig urlauben wie beispielsweise in Russland.

Seit heute besucht nun Recep Tayyip Erdogan das Land, in dem ich lebe. Es gibt Menschen, die protestieren gegen ihn – und mit ihren Argumenten haben sie zumeist recht. Ich finde es trotzdem richtig, dass ihn die Bundesregierung mit allem Brimborium empfängt: Er ist gewählter Präsident eines Landes, mit dem unser Staat sehr eng verbunden ist.

(Wir brauchen jetzt nicht über die Umstände seiner Wahl zu diskutieren, auch nicht über die Pressefreiheit in der Türkei und dergleichen. Das weiß ich alles. Und mir ist bewusst, dass die Bundesregierung vor allem aus zynischen Gründen mit Erdogan spricht. Wegen der Flüchtlinge.)

Als Privatperson kann ich mich zurücklehnen und kann einfach »nö« sagen. »Nö« zur Türkei und ihrer Politik, »nö« ist meine Entscheidung, das Land zu besuchen. Ich habe es einfach, ich kann auch gegen die Politik protestieren, die von der Türkei betrieben wird.

Als Regierung habe ich diese Wahl nicht. Die Bundesregierung muss sich mit Erdogan und seiner Politik auseinandersetzen, sie muss mit ihm reden. Was wäre denn die ernsthafte Alternative? Alle Brücken zur Türkei abbrechen, dem türkischen Pseudo-Sultan die Einreise verweigern, gar den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes anstreben? Deshalb finde ich den Ansatz richtig, mit Erdogan zu sprechen und im direkten Gespräch zu versuchen, etwas ins Positive zu ändern.

26 September 2018

Skurrile Phantastik-Mixtur

Was für eine schöne Idee: Der amerikanische Schriftsteller Philip José Farmer, dessen Romane ich in den 80er-Jahren sehr gern las, verbindet in einem Roman den Mythos um Sherlock Holmes mit den Geschichten um Tarzan. Ich mag so etwas ja, nicht jeden Tag, aber immer mal wieder.

Deshalb dauerte es auch seine Zeit, bis ich den Roman »Sherlock Holmes und die Legende von Greystoke« endlich lesen konnte. Erschienen ist er bereits vor einigen Jahren im kleinen Atlantis-Verlag. Ich habe mich bei der Lektüre des schon in den 60er-Jahren verfassten Kurzromans sehr amüsiert.

Zum Inhalt nur so viel: Sherlock Holmes und Dr. Watson sind zur Handlungszeit bereits Pensionäre und haben kein Interesse mehr daran, sich mit Mord und Todschlag zu beschäftigen. Doch weil der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist, braucht das Empire dringend ihre Dienste. Die beiden alten Recken müssen nach Afrika aufbrechen – wo sie über dem Dschungel abstürzen. Dort treffen sie dann Tarzan ... wen sonst?

Seien wir realistisch: Viele Details dieses Romans werden einem Leser nur klar, wenn er schon einmal vom Mythos des Wold-Newton-Kometen gehört hat. Nicht bekannt? Dann wird's jetzt knifflig.

Dieser Komet ging 1795 in einem bestimmten englischen Dorf nieder und veränderte die Anwohner. Die Nachkommen der Dorfbewohner verstreuten sich in alle Welt. Von ihnen leiten sich praktisch alle Helden der Unterhaltungsindustrie her, vor allem aus der frühen Ära der Pulp-Geschichten.

Die Weltenforscher Allan Quatermain und Professor Challenger gehören ebenso dazu wie der Detektiv Philip Marlowe und der Geheimagent James Bond, der französische Kriminalist Arsène Lupin oder der Ermittler Nero Wolfe. Wer das jetzt nicht versteht, möge den entsprechenen Wikipedia-Artikel lesen, wird aber dann auch Probleme mit dem hier vorgestellten Roman haben.

Denn leider helfen das Nachwort von Win Scott Eckert und das Vorwort von Christian Endres nur bedingt weiter. Dem »normalen« Leser bleibt so eine eher abstruse Geschichte mit Sherlock Holmes und Tarzan, die sich nur mühsam in bisherige Serienkonzepte einbinden lässt. Für Fans von Genregeschichten, die »über« den eigentlichen Genres stehen, ist das ziemlich klasse; die meisten Leser dürfte das ratlos zurücklassen.

Also ... von mir nur eine eingeschränkte Empfehlung: Wer den Roman lesen mag, muss unbedingt auch das Vor- und Nachwort lesen. Sonst ist er oder sie verloren ...
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Broilers machen guten Stadion-Rock

Die Geschichte der Broilers verfolge ich schon lang, seit ich Mitte der 90er-Jahre die erste EP der Band aus Düsseldorf gekauft habe. Damals war das, was die Jungs machen, vor allem schrammeliger Oi!-Punk, allerdings ohne jeglichen Ausrutscher in politische Peinlichkeiten.

Das ist natürlich heute alles ganz anders – und die Platte »sic!« belegt das hervorragend. Ich habe die Vinylscheibe gekauft, da liegt erfreulicherweise eh eine CD fürs Auto dabei.

Klar ist das, was die Band heute macht, immer noch irgendwie Punkrock – aber halt wuchtig und kommerziell produziert und immer auf den Punkt gebracht. Die Stücke knallen, sie haben starke Refrains in deutscher Sprache, bei denen man schnell mitsingen kann, die vor allem dazu einladen, bei einem großen Konzert mit anderen Leuten zu hüpfen und zu singen. Im Prinzip macht die Band schon Stadion-Rock, und wer da mäkelt, das sei »doch alles kein richtiger Punk«, hat natürlich irgendwie recht.

Die Attitüde der Band ist immer noch recht punkig. Das sieht man an den Texten. In »Nur ein Land« oder »Keine Hymnen mehr« geht es durchaus um ernsthafte Themen, werden politisch-gesellschaftliche Themen in clevere Zeilen verpackt. Bei »Ihr da oben« wird das Thema Tod verhandelt, bei »Als alles begann« schaut man in die Vergangenheit.

Gelegentlich wird musikalisch mit dem Ska geliebäugelt, dann wieder plunkert die Gitarre fast liedermachermäßig – aber mehrheitlich herrschen Ohooo-Chöre, rhythmischer Sound und eine Mitmachmusik ersten Ranges vor. Die Platte ist irrsinnig gut produziert, mit mehrspurigen Gitarren und dergleichen; das hört sich wuchtig an und hat dadurch natürlich wenig »original Punk«.

Aber hey, was soll's? Die Broilers sind eine große Band geworden, und das haben sie sich verdient. Wer so auftritt und mit solchen Texten sowie solcher Musik die großen Hallen verdient, der muss anders spielen und texten. Das macht die Band gut, und somit ist die »sic!« eine richtig gute Rock-Punk-Scheibe mit viel Melodie und Wumms.

25 September 2018

Mitten im aktuellen Projekt

»Bis zum zehnten Oktober hast du Zeit«, sagte der strenge Verlagsmann zu mir, als wir telefonierten. Der strenge Verlagsmensch ist Klaus Farin, wir kennen uns seit einer halben Ewigkeit, und in seinem Verlag der Jugendkulturen wurden meine Bücher »Vielen Dank Peter Pank«, »Zwei Whisky mit Neumann« und »Chaos en France« veröffentlicht.

Seit einiger Zeit hat er den Hirnkost-Verlag unter seiner Ägide, die direkte Fortsetzung des vorherigen Verlages. Mit meiner Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?« hat er allerdings einen Titel »eingekauft«, der nicht gerade Bestsellerchancen hat. Es gibt erfreulicherweise in dem Programm einige Bücher, die richtig gut laufen. (Und klar: Nicht alle davon gefallen mir.)

Derzeit arbeite ich an einem Buch, das im März 2019 erscheinen soll. Ich will noch nicht so viel über den Inhalt ausplaudern. Es ist kein Roman, und ich bin nicht der Autor. Geschrieben hat es ein Kumpel von mir, mit dem ich schon manches Bier an der Theke getrunken habe – er hat ein ereignisreiches Leben hinter sich, und seine Texte über seine Arbeit und dergleichen fand ich sehr spannend.

Aus den vielen Notizen und Texten entstand in Zusammenarbeit mit mir irgendwann ein Manuskript – ich kam leider nicht so rasch voran, wie er es sich vorgestellt hatte. Das schickte ich an den Hirnkost-Verlag, und dort wird es dann auch hoffentlich bald erscheinen.

Ich kämpfe in diesen Tagen mit der redigierten Version. Das Lektorat hat einiges gestrichen und geändert. Mit vielem kann ich leben – vor allem mit den Streichungen –, mit anderem nicht. Darüber muss man dann halt diskutieren, vielleicht sogar streiten.

Die aktuellen Fragen gehen sowieso in eine andere Richtung: Machen wir Illustrationen in das Buch rein? Wie vermarkten wir es? Und kann ich den Termin halten? Es bleibt spannend ...

24 September 2018

Auf Platz fünf der Liste

Kris lachte auf, als er mich sah. »Du bist auf der Liste!«, rief er mir entgegen, während ich die Räume des Autonomen Jugendzentrums in Mannheim betrat.

»Welche Liste?«, fragte ich verwirrt. Wahrscheinlich brauchte ich erst einmal ein Bier, um mich auf das Jugendzentrum einzulassen. Eigentlich wollte ich ein Punk-Konzert besuchen und vielleicht noch ein wenig Papierkram im Infoladen kaufen.

»Es gibt eine Liste, die von der Anti-Antifa zusammengestellt worden ist«, erzählte er mir. Man habe sie in dem seltsamen Humor der örtlichen Nazigruppierungen als »Werwolf-Liste« bezeichnet. Die Namen und Adressen der politischen Gegner waren darauf verzeichnet.

»Und du bist unter den ersten fünf Namen«, fügte er grinsend hin. »Der einzige aus Karlsruhe. Alle anderen sind aus Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen.« Er stieß mir den Ellbogen in die Seite. »Wenn sie ihre Terrorliste abarbeiten, bist du weit vorne.«

Ich sah diese Liste nie mit eigenen Augen, und ich erfuhr nie, warum ausgerechnet ich auf dieser Liste an so prominenter Liste auftauchte. Der »Kamerad«, der die Liste erstellt hatte, gehörte zu den aktiven Leuten der örtlichen Naziskin-Szene. Ich kannte seinen Namen, hatte ihn aber nie getroffen. Weder körperlich und auf der Straße noch bei sonst einer Gelegenheit.

Womöglich war mein Name nur auf der Liste aufgeführt, weil ich ein Fanzine herausbrachte, in dem es vor allem um Punkrock und auch ein wenig um Politik ging. In der ersten Hälfte der 90er-Jahre war es schließlich nicht so einfach, an die Daten von Menschen zu kommen wie in späteren Jahrzehnten …

Irgendwie war ich stolz darauf, dass die Nazis mich wichtig genug nahmen, um mich auf eine »Werwolf-Liste« zu setzen. Aber klammheimlich war ich froh darum, dass sie nicht meine aktuelle Adresse gelistet hatten, sondern eine, die bereits veraltet war. Lust auf glatzköpfigen Hausbesuch hatte ich nämlich keine.

22 September 2018

Weltmännischer Sound aus Bayern

Sie machen alles andere als Punk, sind eigentlich ideal für eine kommerzielle Laufbahn, kommen auf einer bayerischen Kleinstadt und gefallen mir echt gut: Das Sensational Skydrunk Heartbeat Orchestra gibt's seit 2005, die mittlerweile neun Musiker haben einen eigenen Stil zwischen Rock und Pop und Ska und Polka entwickelt, der nur gelegentlich ein wenig punkig klingt.

Seit den Nullerjahren wurden diverse Platten veröffentlicht, es gab haufenweise große Auftritte. Sehr schön ist die Ten-Inch-Platte aus dem Jahr 2012: »Tainted Love« war ein großer Hit von Soft Cell und wird hier zu einer furiosen Tanznummer; dazu kommen weitere drei Stücke, die ebenfalls gut sind, wenngleich sie nicht den Hit-Charakter aufweisen.

Das macht nichts: Ich fand die Ten-Inch sehr ansprechend, ließ mich von der Band verzaubern, mag sie auch in ihren poppigen und ruhigen Stücken sehr und bin sicher, dass sie live echt kracht.

21 September 2018

Ganz Zürich ist eine Party

An diesem Abend wollten wir uns Zürich von verschiedenen Seiten anschauen. Wir nahmen die Straßenbahn nach Zürich-West, stromerten durch das Schiffbaugelände, tranken dort ein Glas Wein, ließen uns von verschiedener Musik berieseln, sahen dann aber kein Restaurant, das uns zum Essen einlud. Also nahmen wir uns erneut die Bahn und fuhren mit der Linie 8 weiter.

An der Bäckeranlage hatten sich schon am späten Nachmittag die Leute getroffen; Bier und andere Getränke waren im Brunnen gekühlt worden. Dort sahen wir trotz der Dunkelheit schon viel Bewegung, hier ging offensichtlich bereits eine Party ab.

Wir stiegen am Paradeplatz aus und spazierten die Bahnhofstraße hinauf; überall waren gutgelaunte Leute unterwegs, war in der Fußgängerzone Musik zu hören. Wir steuerten das Haus Hiltl an, wo wir ein leckeres vegetarisches Abendessen zu uns nahmen. Als wir fertig waren, fingen die Kellner bereits an, das Restaurant in einen Club zu verwandeln.

Wir kamen hinaus auf die Füsslistraße, wo schon Dutzende junger Leute saßen. Laute Musik erklang, und die Leute sahen so aus, als wollten sie gleich zum Tanzen in den Club einfallen. Wir nahmen eine Bahn in Richtung See, die voller Jugendlicher war. Auch hier wummerte die Musik, wurde getrunken und gefeiert; es war sehr witzig.

Am Bürkliplatz stiegen wir aus und bummelten am See entlang. In der warmen Spätsommernacht waren überall Leute unterwegs. An einer Ecke Sees saßen Menschen mit Gitarre und sangen italienisch und laut dazu.

Wir spazierten weiter, erreichten den Opernplatz, der aussah wie eine Festwiese. Überall saßen junge Leute auf dem Boden oder auf vereinzelten Stühlen.

An der Haltestelle Bellevue spielte eine Jazz-Combo mitten auf dem Gehweg, Leute tanzten hinzu. In bester Laune ließen wir uns treiben, bis wir spät nachts irgendwann im Hotel ankamen.

»Ganz Zürich ist eine Party«, stellte ich abschließend fest und nahm mir vor, künftig allen Vorurteilen gegen ruhige und gelassene Schweizer massiv entgegenzutreten …

20 September 2018

Ein blondes Bier aus der schönen Weingegend

Es klingt verwirrend, aber wahr: Tours liegt an der Loire, mitten im Weinanbaugebiet der Touraine, wo ich teilweise richtig tolle Weine trinken konnte – und doch kommt von dort ein gutes Bier, das ich probierte und einkaufte und von dem ich bei Gelegenheit noch mehr kaufen werde. Es ist das Biere Loirette; ich habe unter anderem das Blonde probiert. Die Brasserie Pigeonelle scheint ein kleiner Laden zu sein, die Internet-Seite macht einen guten Eindruck.

Wer nur Pils oder Weizenbier mag und nicht nach links und rechts gucken möchte, wird vielleicht das Gesicht verziehen. Das »Loirette« schmeckt wie die Blondbiere, die ich in Belgien so gern trinke: ein wenig süß, sehr süffig, fast cremig, gut gekühlt sehr erfrischend. Wer sich nichts darunter vorstellen kann: Man nehme den süffigen Charakter von einem Guiness und vermenge ihn mit der Leichtigkeit des bayerischen Weißbiers.

So in etwa. Ich mag das »Loirette«; es war eine gute Idee, davon etwas nach Deutschland mitzubringen. Es war eine schlechte Idee, nicht mehr davon zu einem vernünftigen Preis in Tours zu kaufen, wo es herkommt.

19 September 2018

Absurde Zeiten im September

Wir leben in absurden Zeiten. Okay, das galt schon vor Jahrzehnten – die Zeiten waren schon immer bescheuert. Aber derzeit glaube ich manchmal, wenn ich das Radio anmache, ins Internet gehe oder eine Zeitung aufschlage, dass die politische Kaste in diesem Land komplett am Rad dreht.

Die Mieten steigen explosionsartig, die realen Löhne der Menschen gehen zurück, die Umweltbedingungen verschlechtern sich – und viele Menschen halten »Ausländer« im weitesten Sinne für die Verantwortlichen daran. Politiker äußern sich nicht mäßigend, sondern hetzen die Situation weiter auf. Und alle wundern sich, dass in dieser Situation ausgerechnet eine rechtsradikale Partei entsteht und immer mehr Stimmen kassiert.

Den Gipfel bildet in diesen Tagen die Diskussion um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. Viele Experten finden, dass er seinem Amt nicht gewachsen ist, und viele fordern seinen Rücktritt. Stattdessen steigt er innerhalb der Regierung auf und wird künftig noch mehr Geld als vorher verdienen.

Wie will die Regierung ernsthaft den Bürgern klarmachen, dass das sinnvoll ist? Eigentlich müsste ein Sturm der Entrüstung durchs Land gehen. Aber wahrscheinlich ärgert man sich dann doch lieber über herumlungernde Jugendliche, die eine leere Bierdose über einen Platz kicken. Und die entsprechenden Medien schreiben lieber über »Sozialschmarotzer« und dergleichen ...

Ich will mich nicht aufregen, ich tu's trotzdem. Das Spiel ist so durchschaubar. Aber leider wird ja nichts besser davon, wenn ich mich aufrege. Wir leben halt in absurden Zeiten.

18 September 2018

Gegensätze, morgens um elf Uhr

Als ich das Gebäude der Post verließ, war es kurz nach elf Uhr. Die Sonne stand am Himmel, ein schöner Spätsommertag. Während ich zu meinem Fahrrad ging, rollte gerade ein recht protzig aussehendes Auto in den Hof. Der Lack in schwarz und in weiß glänzte im Licht, das Chrom hätte man als Spiegel benutzen können.

Ich schaute zu, wie das Auto einen Parkplatz ansteuerte und einparkte. Der Fahrer stieg aus, ein Mann mittleren Alters mit angegrauten Haaren, der eine Jacke im Militär-Stil und eine kunstvoll zerrissene Jeans anhatte. Irgendwie passte er nicht so recht zu dem Auto. Andererseits war eine »destroyed« Jeans ja teurer als eine normale Hose.

Als ich an der Karosse vorbeiradelte, schaute ich mir das Fahrzeug genaue ran. Es war ein Rolls-Royce. Ich überlegte kurz, ob ich so ein Auto eigentlich jemals bewusst und in »freier Wildbahn« gesehen hatte, dann fuhr ich weiter.

Außerhalb des Posthofes musste ich kurz anhalten. Ein junger Mann in T-Shirt und kurzer Hose, der ein wenig schmuddelig aussah, bückte sich gerade und hob etwas auf. In der Hand hielt er eine durchsichtige Plastiktüte. Ich sah, dass schon Dutzende von Zigarettenkippen darin lagen. Und das, was er eben dazu warf, war eine weitere Kippe.

Ich verkniff mir jeden Kommentar und steuerte die Straße in die Innenstadt an. In der Sonne von Karlsruhe war meine Laune an diesem Vormittag einfach zu gut.

17 September 2018

Der Fluch aus dem Dschungel

Wie passen ein Überfall mit Geiselnahme im London unserer Zeit zusammen mit einer Holzmaske, die aus Westafrika stammt und mit der Vergangenheit in Verbindung steckt? Das ist – ganz grob gefasst – die Frage, die sich bei dem Hörspiel »Der Fluch aus dem Dschungel« stellt.

Dabei handelt es sich um die Folge 26 der Serie »Sinclair Classics«, die auf dem gleichnamigen Gruselroman aus dem Jahr 1976 basiert. In einer – wie immer! – gut gemachten Bearbeitung durch Dennis Ehrhardt wird das Hörspiel zu einem erstaunlich spannenden Abenteuer.

Klar: Tiefschürfend ist die Geschichte nicht, das erwartet niemand. Es geht um eine Holzmaske, die in grauer Vergangenheit einem westafrikanischen Schamanen gehörte. In Amsterdam und London sorgt sie dafür, dass es Tote gibt; der Geisterjäger John Sinclair braucht alle Mittel und Wege, um die Gefahren durch die Maske in einem finalen Kampf auszuschalten.

Das ist spannend gemacht, vor allem sehr gut mit Geräuschen verarbeitet. Der Regen in London, der Überfall und die Geiselnahme mit aller Gewalt, sogar der Sprung in die Vergangenheit Westafrikas – wenn man sich auf die Story einlässt und die Logikbrüche einer Horror-Geschichte ignoriert, macht das Ganze richtig Spaß.

Faszinierend finde ich übrigens, wie es die »Sinclair Classics« schaffen, aus den einzelnen Heftromanen der 70er-Jahre einen Handlungsbogen zu schaffen, der sich über zahlreiche Hörspiele zieht. Jedes Hörspiel für sich bleibt dabei für sich verständlich; wer aber eine längere Geschichte mag, kommt hier doppelt auf seine Kosten.

Ich vermute, dass das ein Teil des Erfolges für diese Serie ist. Sie wird nicht nur wegen des klassischen Grusel-Charmes gekauft, nicht nur wegen der modern gemachten Geräuschkulisse, sondern eben auch wegen der zusätzlichen Handlungselemente, die in den 70er-Jahren so nie geplant worden sind.

Stuck In Traffic machen Uralt-Rock

Die Band nennt sich Stuck In Traffic, kommt aus Zug in der Schweiz, gründete sich 2012 und spielte mittlerweile in halb Europa. Mit einer klassischen Rock-Besetzung – vier Mann eben – ging man 2015 ins Studio und nahm eine Platte auf, die im Sommer 2016 erschien. Da ich einige Zeit brauchte, um in die CD reinzukommen, gibt es eben heute erst eine Besprechung.

Ich hatte meine Probleme mit der »Midnight Show«, so der Name der Platte. Für mich ist das altmodische Rock-Musik, die aus den 70er-Jahren stammen könnte, die irgendwie so knapp vor der Punkrock-Explosion modern war. Im Jahr 2016 fand ich das anfangs wenig vermittelbar für meine Ohren – dass so ein Sound heutzutage überhaupt noch gemacht wird, verwunderte mich. 2017 geht’s mir noch immer so.

Jeder Riff kommt mir bekannt vor, jede Liedzeile klingt wie ein Zitat. In insgesamt zehn Stücken wird im Prinzip die klassische Rockmusik nachgearbeitet. Zwischendurch gibt es mit »Mother« einen echten Blues-Heuler, mit »Perfect Circle« wird ein Neun-Minuten-Stück geliefert, während so etwas wie »Lost Summer« direkt aus der großen Zeit von Uriah Heep stammen könnte.

Ich habe keinerlei Probleme mit Musik, die sich bewusst an einem »früher« orientiert; schließlich mag ich auch alten Punkrock oder neue Bands, die bewusst nach 1977 klingen wollen. Bei Stuck In Traffic war's mir aber nach dem dritten und vierten Mal, als ich die CD durchhörte, zu lahm und zu berechenbar. Fans der Bands gibt's sicher reichlich, ich werde wohl nicht dazu gehören.

15 September 2018

Kurze Gedanken zur Rente

Ich muss der Tatsache ins Auge blicken: Ich bin über fünfzig Jahre alt. Glaube ich den Gesprächen in der Kantine und im Bekanntenkreis, muss ich mir also Gedanken darüber machen, was ich in zehn, zwölf Jahren mache. Dann werde ich nämlich Rentner sein. Reicht die Kohle dann zu einem vernünftigen Leben? Diese Fragen stellen sich viele Leute in meinem Alter.

Als ich Schüler war und auch in den gesamten 80er-Jahren hätte mich ein Gespräch über die Rente nur zum Lachen gereizt. Ich glaubte nicht, älter als dreißig zu werden, und war selbst verblüfft, als ich es dann war. Auch später glaubte ich nicht, dass das Rentensystem noch funktionieren würde, wenn ich in das entsprechende Alter kommen würde.

Eigentlich glaube ich es auch heute nicht so richtig. Das liegt nicht daran, dass ich den Lügen der Regierungen geglaubt hätte, die einem allen Ernstes weismachen wollen, man zahle in eine Kasse ein, die das Geld dann irgendwie anspare, um es mir nach Jahrzehnten auszuzahlen. Mir war immer klar, dass das Geld, das ich »einzahlte«, direkt wieder ausgegeben wurde und ich mir nur ein theoretisches Anrecht erwarb.

Ob ich in zehn, zwölf Jahren also Geld aus der Rentenkasse erhalten werde, weiß ich heute nicht. Ich fühle mich dadurch allerdings auch nicht gestresst. Wenn die Wirtschaft entsprechend läuft, wird es irgendwie Geld geben. Wenn nicht, werde ich irgendwie wohl weiter arbeiten müssen. Das sieht man dann schon irgendwie ...

An das »No Future«, der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, das ich in gewisser Weise durchaus ernst genommen habe, glaube ich nicht mehr. Aber ich glaube auch keinen Versprechungen, die vom Staat oder aus der Rentenversicherung kommen.

Weil einfach niemand weiß, was in zehn oder zwölf Jahren los sein wird und wie sich die Lage dann darstellt, kann einfach auch niemand klare Versprechungen abgeben. Von längeren Zeiträumen ganz zu schweigen.

(Dass sich derzeit die Parteien mit dem Thema Rente beschäftigen, hat übrigens einen einfachen Grund. Irgend jemand ist offenbar aufgefallen, dass die »geburtenstarken Jahrgänge« – zu denen ich gehöre – in den nächsten Jahren einen Anspruch auf Rente haben und gleichzeitig einen großen Teil der Wähler stellen werden. Da muss man sich entsprechend darauf einstellen.)

14 September 2018

Der Elefant von Nantes

Wir erreichten Nantes am frühen Nachmittag. Die Wolkendecke über der französischen Hafenstadt war dicht, die Temperaturen waren trotzdem sehr hoch. In der Nähe der »Les Machines de l'Ile« fanden wir sogar einen Parkplatz, von dort eilten wir zu jenem Zentrum der Stadt, das sich den Maschinen und mechanischen Tieren widmete.

Wie sich rasch herausstellte, standen die Menschen in langen Schlangen an, um in die Ausstellung zu kommen. Sollten wir uns auch in die Reihe stellen oder lieber die Stadt erkunden? Lieber stromerten wir ein wenig durch das Gelände.

Dann hörten wir das Kreischen der Kinder und das Geräusch eines Motors. Wir folgten dem Strom der Menschen, die auf die freie Fläche eilten. Und dort sahen wir ihn: den riesenhaften Elefanten, der wie eine monströse Maschine über den Platz ging, langsam und würdevoll, angetrieben von einem Motor und trotzdem in einer seltsamen Vermengung von Leben und Technik.

Heerscharen von Menschen umgaben ihn. Kameras surrten ununterbrochen, Smartphones klickten. Ich war fasziniert und begeistert wie ein kleines Kind, ging zuerst vor dem Elefanten her, dann spazierte ich an seiner Seite entlang. Ab und zu hob er seinen Rüssel und spritzte eine dünne Fontäne aus Wasser über herumstehende Kinder, die kreischend davonrannten, um sofort wieder zu dem Elefanten zu eilen.

Es war ein großartiges Schauspiel, lustig und spannend zugleich. Das einzige, was ich bedauerte, war in diesem Moment, nicht mehr Zeit zu haben. Ich möchte auf jeden Fall wieder einmal nach Nantes, und dann werde ich mir die Maschineninsel genauer vornehmen. (Für einen Science-Fiction-Fan ist das echt ein Muss!)

13 September 2018

Projekt zum Tag der Menschenrechte

Es ist ein ungewöhnliches Buchprojekt, und ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, deutlich vor Erscheinen in diesem Fall: Der Verlag Hirnkost möchte zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2018 eine Liste der Menschen herausgeben – nur belegte Fälle –, die im vergangenen Vierteljahrhundert bei dem Versuch gestorben sind, nach Europa zu fliehen. Es soll ein Buch entstehen, das man auch über den Buchhandel kaufen kann.

Ziel ist dabei: »Wir wollen die Menschen, die sie waren, dem Vergessen entreißen, um das Ausmaß dieser Tragödie besser zu fassen zu bekommen – und der Debatte um Flucht und Tod wieder ein menschliches Antlitz zu geben.« Ich finde, das ist ein spannendes Projekt.

Das Buch wird wohl 300 Seiten umfassen; teilweise enthält es kurze Porträts der Menschen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie ein besseres Leben anstrebten. Es gibt also nicht nur Listen. Dazu kommen Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Derzeit werden noch Unterstützer für das Projekt gesucht. Das Buch soll schließlich kostenfrei oder eben so preiswert wie möglich unter die Leute gebracht werden. Weitere Informationen gibt es auf der dafür eingerichteten Internet-Seite.

12 September 2018

Zum Totem nach Zürich

Ich gehöre zu den Leuten, die von den beeindruckenden Produktionen des Cirque du Soleil fasziniert sind. In ihnen vereinen sich meist Akrobatik mit Clowns, wuchtige Musik mit viel Show, dazu eine Prise Phantastik mit einer tüchtigen Dosis Moral. Und weil derzeit die Show »Totem« in Zürich gastierte, besorgten wir uns relativ spontan recht gute Karten und fuhren in die Metropole im Zentrum der Schweiz.

Es fällt mir schwer, die Veranstaltung in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Es beginnt mit einem riesigen Schildkrötenpanzer, der auf der Bühne liegt – dieser verwandelt sich in ein Stangengerüst, auf dem Menschen ihre akrobatischen Übungen zeigen. Dann wird der Panzer mitsamt des Gestänges nach oben gezogen, die Bühne wird frei, und eine ununterbrochen Abfolge von Akrobatik kommt, immer wieder unterbrochen von Clowns, die allerlei Auftritte hinlegen.

Bei dem, was die Akrobaten auf der Bühne zeigten, stockte mir nicht nur einmal der Atem. Was die Leute an den Ringen oder am Trapez boten, war unfassbar; wenn sie mit einem Diabolo jonglierten oder eine Nummer mit Rollschuhen zeigten, verblüffte mich das. Zum Einsatz kamen zudem meterhohe Einräder und elastische »Balken«, auf denen gesprungen wurde.

Die Musik und die Lichteinblendungen waren exakt darauf eingestellt; die gesamte Aufführung stand unter einer Choreografie, bei der ich mir nicht einmal vorstellen kann, wieviel Arbeit sie gekostet hat. Dass das Ganze im Prinzip auch noch eine Geschichte ist, die mit den Amphibien beginnt und den Astronauten endet, die ein wenig mit der Evolution spielt – das alles passt dann gut zusammen.

Ich staunte, ich jubelte, ich starrte gespannt auf die Darbietungen, und ich lachte schallend: Der Cirque du Soleil schaffte es mit »Totem«, mich über die komplette Dauer zu fesseln und zu faszinieren. Preiswert war der Abend nicht (auch deshalb, weil ein Becher Bier unglaubliche acht Franken kostete), aber ich bereute keinen Cent, den ich hierfür ausgegeben hatte.