12 Februar 2026

Die Stars aus New York

Ulli holte mich ab; wenn er von seiner Wohnung zum Konzertort ging, kam er praktisch an dem Häuserblock vorbei, in dem ich wohnte. Wir tranken bei mir noch ein Bier und spazierten durch die Straßen. Es war der Mittwoch, 8. September 1999, ein echter Sommertag in Karlsruhe, an dem es sinnvoller war, im Grünen zu sitzen und Bier zu trinken, als sich in einen Keller zu begeben, um sich Krachmusik anzugucken.

Aber unsere Absicht war klar: »Wenn schon mal die Stars aus Amiland bei uns sind, sollten wir uns die nicht entgehen lassen«, argumentierte Ulli. Sick Of It All hatte ich schon mehrfach gesehen, die kannte ich quasi. Die Band aus New York bot üblicherweise nicht nur knalligen Hardcore-Punk, sondern turnte auf der Bühne auch ganz gut herum. Mit ihnen sollten Good Riddance auftreten, eine neuere Band, die ich bislang nur von den Platten her kannte und schon immer mal sehen wollte.

Wir hatten uns keine Karten im Vorverkauf geholt. »Karten im Vorverkauf – das ist doch kein Punk«, da waren wir uns völlig einig. Weil wir unterwegs an einem kleinen Supermarkt vorbeikamen, besorgten wir uns noch ein Sechserpack mit Bier besorgt. Man wusste ja nie, wann ein Konzert wirklich losging, und so hofften wir darauf, vorher ein bisschen trinken zu können.

Als wir das Gelände an der Verkehrskreuzung erreichten, in deren Untergrund sich das »Substage« befand, stellten wir fest, dass wir nicht die einzigen waren, die auf die Idee gekommen waren, spontan loszugehen. Dutzende von Leuten, sicher mehr als hundert, lungerten um die Treppen herum, die in den Keller führten; sie alle brauchten noch eine Eintrittskarte, stellten sich an, um zu bezahlen und das Konzert zu besuchen.

»So ein Mist!«, schimpfte Ulli.

Auch ich war einigermaßen genervt. »Da stellen wir uns nicht an. Das ist mir zu blöd.«

Schnell waren wir uns einig. Wir setzten uns auf die Treppe, nicht ganz am Anfang, aber weit genug oben, damit wir noch die Sonne abbekamen, und machten unsere ersten Biere auf. So wurden wir Zeugen des fröhlichen Treibens, das sich auf der Treppe entwickelte. Wir bekamen vor allem viele Freunde und Bekannte und allerlei Arschlöcher zu sehen.

Vor allem von letzterer Gattung waren verdammt viele da. Ich hatte den Eindruck, dass jeder Nachwuchs-Hool aus dem Karlsruher Dorfumland anwesend war, dazu haufenweise Mode-Hardcores, Bodybuilder und Metal-Deppen. Es war eine zeitweise erschreckende Meute, die sich die Treppe hoch- und wieder hinunterquälte.

»Boah, was für Leute!«, schimpfte ich. »Für die ist Hardcore doch echt nur noch eine Mode, die haben doch nichts mit alledem zu tun. Um irgendwelche Inhalte geht’s solchen Bodybuildern nicht.«

»Meinst du nicht, dass du ein wenig verallgemeinerst?« Ulli grinste. Er wusste, wie er mich auf die Palme bringen konnte.

»Vielleicht, kann sein.« Ich gab mir Mühe, nicht weiter aufzuregen. »Aber die Kerle hier sind doch so viel ›True Hardcore‹ wie meine Mutter echt.«

»Mach dir nicht ins Hemd. Wir schreiben 1999 und nicht mehr 1989. Irgendwelche Vergleiche vom heutigen Hardcore zu den 80er-Jahren müssen einfach schiefgehen.«

Ich grummelte vor mich hin, kriegte mich aber wieder ein. Im weiteren Verlauf des Abends kamen genügend Leute vorbei, die wir kannten und mochten. Manche blieben für ein Bier und einen kurzen Schwatz bei uns stehen; manche stellten sich zum Rauchen neben uns.

Irgendwann spielte die erste Band; man konnte sie von unserer Lage aus gut hören. Wir entschlossen uns trotzdem, den Abend auf der Treppe zu verbringen. Der Eintrittspreis von 24 Mark war uns sowieso zu hoch; wir hätten es uns leisten können, entschlossen uns aber, das Geld lieber in Bier zu investieren. Unterhaltsamer schien das sowieso zu sein.

Good Riddance klangen ganz gut, zumindest kam bei uns der Sound in erstaunlicher Qualität an. »Sagen wir so«, lästerte Ulli, »hier oben klingt es ziemlich zermatscht – aber das tut’s im Keller ja auch.« Der Sound im »Substage« galt schon immer als eher schlecht, was nicht störte, wenn man einige Biere im Kopf hatte.

Nachdem erste Band ihren Auftritt beendet hatte, strömten viele Konzertbesucher ins Freie. Micha, der Sänger der lokalen Hardcore-Band Diavolo Rosso, hatte kein Lob für die Band übrig und verschwand mit schlechter Laune. Er meinte, Good Riddance seien richtig schlecht gewesen: »Keine Ansagen, pure Rock-Show, das war’s.«

Andere Besucher äußerten sich positiv. Die Kalifornier hätten eine großartige Show hingelegt, sie waren völlig euphorisiert. »Die Geschmäcker sind eben verschieden«, gab ich eine Binsenweisheit von mir und trank noch ein Bier.

Als Sick Of It All im Keller des »Substage« anfingen, stieg die Stimmung. Aus dem Eingang drangen Wasserdampf und Hitze, der Saal schien zu kochen. Ich überlegte mir einen Moment, ob ich mir das Konzert doch anschauen sollte, ließ es dann aber doch sein. Die Band hatte ich schließlich mehrfach gesehen, das war also nichts Neues. Auf der Treppe hörten wir noch genug, unser Bier war preiswerter, und wir hatten schnell einen Nachschub organisiert, und wir hatten genügend Gesprächsstoff.

Der Abend endete irgendwann zwischen Treppe und Südweststadt. Wir waren alles andere als nüchtern, aber mit dem eigentlichen Abend zufrieden. (Und das ist wohl der Grund, warum ich Good Riddance nie live sah, auch wenn ich die Platten der Band mochte …)
 

(Eine Kürzestfassung dieses Textes erschien in meinem Egozine »Superklaus«, in der ersten Ausgabe, die im Januar 2000 veröffentlicht wurde.)

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