11 Juni 2021

Wenn das Große Tier erscheint

Bei einer Serie, die über eine längere Strecke geschrieben wird, verändern sich Figuren und Gegebenheiten. Das ist bei Science Fiction so – da kenne ich mich nun mal aus –, aber auch bei Horror, ob dieser nun in gedruckter Form erscheint oder als Hörspiel veröffentlicht wird. Und immer wieder werden Figuren gewissermaßen »geparkt« oder schlichtweg vergessen, so dass man überrascht ist, wenn sie wieder in der Handlung auftauchen.

So ging es mir, als ich die vierzigste Folge der Hörspielserie »Dorian Hunter« anhörte. Diese trägt den Titel »Das Große Tier« und bringt eine Figur in die Handlung zurück, die ich schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte: Lilian, die Frau des Dämonenkillers, die sich in einem Sanatorium aufhält, seit ihre geistige Gesundheit massive Schäden erlitten hat.

In dieser Folge spielt Dorian Hunter keine Rolle; stattdessen werden Randfiguren seines Teams und seines sozialen Umfelds thematisiert. Mir macht das Spaß, weil ich die Geheimagenten, mit denen Hunter es oft zu tun hat, wirklich mag – sie heben sich deutlich von den Intrigen der Monster und Magier ab, sie bringen eine gewisse Normalität in die Serie hinein.

Klar, es gibt einen Satanskult in London, und in einer Kirche erwachen irgendwelche Puppen zu unheilvollem Leben – aber vor allem geht es um menschliche Themen: eine Frau, die mit ihren inneren Dämonen kämpft, ein Agent, der mit seinen Gefühlen klarkommen muss, und eine Beamtin, die auf einmal in brachialer Weise aktiv wird.

Das Hörspiel ist richtig lang, es sprengt den üblichen Umfang eines »Dorian Hunter«-Hörspiels – das finde ich ja grundsätzlich gut, weil der Hörer hier »was für sein Geld kriegt«. Die Sprecher sind sehr gut, die Geräusche und die Musik werden mitreißend eingesetzt, die Dialoge sind spannend und realitätsnah.

»Das Große Tier« ist also wieder einmal Horror-Unterhaltung auf hohem Niveau; richtig gut gemacht. (Wer sich noch nicht mit »Dorian Hunter« beschäftigt hat, könnte bei diesem Hörspiel einen Einstieg wagen, das dürfte funktionieren. Man muss sich halt ein wenig Mühe geben …)

10 Juni 2021

Eine Anzeige für mein zweites Heft

»Layout ist Sparflamme« – so schrieb in den 80er-Jahren mal jemand über eines meiner Fanzines. Diese Person hatte recht: Layout war nie das Thema, in dem ich besonders brillierte. Eine Anzeige aus dem Jahr 1981 belegt das sehr schön.

Ich warb für die zweite Ausgabe meines Fanzines SAGITTARIUS, die schon ein Jahr zuvor erschienen war. Ein Titelbild konnte ich nicht in meiner Anzeige unterbringen, das schaffte ich offenbar nicht. Und für ein frisches Farbband in meiner klapperigen Schreibmaschine reichte es anscheinend ebensowenig.

Die Formulierung »Sauberes Layout« wirkt in diesem Zusammenhang fast schon ironisch. Und heute sagen nicht einmal mehr mir alle Namen in dieser Anzeige etwas. Offensichtlich empfand ich die Namen an sich schon als verkaufsfördernd.

Seien wir fair: Der Beliebtheit des Fanzines schadete es nichts. Die zweite Ausgabe von »Sagittarius« war ruckzuck ausverkauft, und bei der dritten Ausgabe erhöhte ich die Auflage auf 250 Exemplare.

Die ollen Good Rats

Warum ich mir irgendwann die Single »Mr. Mechanic« der amerikanischen Band Good Rats zulegte, weiß ich nicht mehr. Sie wurde 1978 veröffentlicht, aber damals kaufte ich sie mir sicher nicht. Auf jeden Fall fischte ich sie dieser Tage aus meinen Fächern, in denen ich die Unmengen an kleinen Vinylscheiben aufbewahre, und hörte sie mit großem Staunen mal wieder an.

Ich wusste nichts über die Band und musste erst einmal ein wenig im Internet recherchieren. Offensichtlich veröffentlichte sie über Jahre und Jahrzehnte hinweg allerlei Tonträger, man kann sie mit Fug und Recht zum Hardrock zählen. (Sie stammte aus New York und war seit den 60er-Jahren aktiv.) Was dann auch die Single trefflich beweist, die ich mir mehrfach anhörte …

Das Titelstück ist richtig gut. Klar ist »Mr. Mechanic« eine Hardrock-Nummer, aber die Bandmitglieder ließen sich offenbar vom Punk – der damals brandneu war – anstecken und lassen es richtig krachen, verzichten auf Hardrock-Peinlichkeiten und Gitarren-Soli. Éin Ohrwurm ist das tatsächlich, die Melodie bleibt echt hängen. Die B-Seite mit dem Titel »Victory In Space« klingt schon eher nach uncoolem Hardrock. Aber gut …

Ich entschied mich, nachdem ich die Single einige Male angehört hatte, sie nicht wegzutun, sondern bei den anderen Singles und EPs zu lassen. Wie ich mich kenne, vergesse ich sie wieder und höre sie dann in zehn Jahren wieder. Mal schauen: Vielleicht sehe ich sie dann als Klassiker?

09 Juni 2021

Keine ruhige Nacht?

(Am Samstag, 5. August 2000, schrieb ich am Morgen gegen 4.15 Uhr diese Sätze direkt in das Eingabefenster der Internet-Seite, die Karl Nagel zu den Chaostagen programmiert habe. Ich war recht angetrunken und saß am Rechner der WG, in der ich einige Nächte schlafen konnte. Zur Dokumentation kann man sie aber heute noch gut lesen, finde ich.)

Die Schlacht an der Lutherkirche ist vorüber, die Barrikaden am E-Damm sind geräumt. Derzeit herrscht relative Ruhe in der Nordstadt, und überall sind starke Polizeikräfte aufgefahren, um weitere Zusammenrottungen von Punx und Bundesgenossen zu verhindern.

Das Sprengelgelände sowie der Platz an der Lutherkirche sind total abgeriegelt. Selbst Anwohner haben massive Probleme, an ihre Wohnungen zu kommen, da die Polizei sogar die Innenhöfe kontrolliert und niemanden durchlässt.

An der Ecke zwischen Hahnenstraße und Parkgelände standen gegen halb vier Uhr nach wie vor eine Gruppe von Punx, die von Polizisten bewacht wurde. Gleichzeitig sah man überall kleine Gruppen von Punx, die sich allein und unbesorgt bewegen konnten.

Interessant war gegen halb vier Uhr eines: Überall waren Gruppen von seltsam aussehenden jungen Menschen, die nicht genau einzuschätzen waren. Ob das nun Hooligans, türkische Jugendbanden oder getarnte Punx waren, ließ sich im Eifer des Gefechtes nicht feststellen.

Als unser Berichterstatter ging, war im Bereich der Nordstadt ein »Himmlischer Friede« eingekehrt ... Wobei alle wohl auf den nächsten Morgen warten.

Ein Cop zwischen Alkohol und Liebeskummer

Die Krimis von Robert B. Parker schätze ich, aber ich lese sie nicht in der »richtigen Reihenfolge«. So kam ich erst dieser Tage zum dritten Band der Reihe um den Polizisten Jesse Stone. Vordergründig handelt es sich um einen Mordfall, in dem die Polizei ermittelt; die persönlichen Angelegenheiten des Helden nehmen aber einen großen Raum ein.

Jesse Stone ist nämlich Alkoholiker. Er hat seinen Suff einigermaßen unter Kontrolle, leidet dazu aber auch darunter, dass er immer noch seine Ex-Frau liebt. Die beiden sind geschieden, treffen sich aber immer wieder – und diese Treffen werfen ihn oft aus der Bahn. Wie soll er unter solchen Bedingungen herausfinden, wer ein junges Mädchen ermordet hat, dessen Leiche man aus einem See gefischt hat?

Die Leiche liegt schon lange im See, weshalb die Polizei einige Tage benötigt, um sie zu identifizieren. Als klar wird, um wen es sich handelt, stellt Stone zu seiner Überraschung fest, dass die mutmaßlichen Eltern behaupten, keine Tochter mit dem genannten Namen zu haben. Nach einiger Zeit wird klar, dass das Mädchen noch zur Schule ging, aber einen sehr lockeren Lebenswandel hatte – offenbar spielt auch ein wenig Prostitution eine wichtige Rolle. Spätestens da wird ein Polizist wie Stone besonders neugierig …

Bei den »Jesse Stone«-Krimis führte Parker immer wieder die »Nebenbei-Aspekte« ins Zentrum des Geschehens. Die Gespräche des Polizisten mit seiner ehemaligen Frau und seine Versuche, nicht zu viel Alkohol zu trinken, haben stets mit dem Fall zu tun. Sie beeinflussen ihn mal negativ, mal positiv, sie helfen dabei mit, den Charakter des Polizisten stärker auszubilden. Ich empfang die »menschelnden« Szenen deshalb nie als Unterbrechung des Krimis oder gar als Nebenhandlung, sondern stets als zentrales Element.

»Die Tote in Paradise« ist ein typischer Parker-Roman: lakonische Dialoge, knappe Beschreibungen, wenig Action, die dann aber zutreffend. Der Einblick in die Polizeiarbeit wirkt auf mich glaubhaft, die Figuren sind stimmig, ob sie nun auf der guten oder auf der schlechten Seite stehen. Jesse Stone als zäher und zielstrebiger Ermittler funktioniert für mich auch in diesem Krimi.

Man kann den Roman lesen, ohne einen der anderen Bände aus dieser Reihe zu kennen. Ich lese die Reihe ja auch durcheinander. Aber sicher wäre es besser, sich alle »Jesse Stone«-Krimis in der richtigen Reihenfolge vorzunehmen.

08 Juni 2021

In den 80er-Jahren kamen die Serienmörder

Wieder habe ich einen der wunderschönen Bände der »Rick Master«-Gesamtausgabe gelesen. Die Ausgabe 14 enthält drei albenlange sowie zwei kurze Geschichten – eine davon ist deshalb besonders witzig, weil sie von verschiedenen Zeichnern gestaltet worden ist und einen bizarren Stil-Mix enthält. Immer wieder wird Rick Master, der Detektiv und Reporter, in unheimliche Fälle verwickelt.

Auffällig ist: Die drei langen Geschichten, allesamt erstmals in den 80er-Jahren veröffentlicht, sind nicht nur deutlich »härter« als die Geschichten der frühen Zeit, sie greifen zudem zeitaktuelle Themen auf. Das muss man inhaltlich nicht unbedingt gutheißen, zeigt aber, wie sehr sich die Serie auf die Ereignisse einstellte, die auch die Leser beschäftigten.

In »Die Todesliste« geht es nicht nur um einen mysteriösen Serienmörder, sondern auch um die politische Vergangenheit von einzelnen Menschen. In diesem Fall handelt es sich um Linksextremisten und »Anarchisten«, es gibt sogar Darstellungen von Barrikadenkämpfen.

»Die Boten des Todes« spielt nicht in Frankreich, sondern an der belgischen Küste. Doch die schöne Landschaft wird mit einem unheimlichen Serienmörder »verschränkt«, und Rick Master muss mithilfe eines belgischen Polizisten ermitteln.

Geradezu unheimlich ist der Fall »Rick Master gegen Sherlock Holmes«, der auch alle heutigen Sherlock-Holmes-Fans begeistern sollte. Der Serienmörder kokettiert mit Holmes- und Moriarty-Motiven, Rick Master ist zwischendurch reichlich verzweifelt, und die Lösung des Falls ist sehr untypisch für die Serie (ohne sie hier zu verraten).

War die Reihe in ihren Anfängen eher schlicht, erwies sie sich in den 80er-Jahren als zeitaktuell. Die Geschichten, die Tibet erzählte und die dieser Sammelband präsentiert, sind verwirrend und spannend zugleich; sie lassen sich heute noch ohne jegliches Problem lesen, wirken erstaunlich frisch.

Bei seinen Zeichnungen erwies sich André-Paul Duchateau in dieser Zeit als ein Meister seiner Zunft. Hintergründe stimmen, Gesichter zeigt er immer wieder in Großaufnahme, jeder Strich scheint perfekt zu sitzen. Das ist die große Kunst des leicht wirkenden französischen Unterhaltungs-Comics.

Ein sehr schöner Comic-Band, der meiner Ansicht nach auch gut geeignet ist, in die Gesamtausgabe von »Rick Master« einzusteigen ...

07 Juni 2021

Peter und der alte Deutschpunk

Wenn ich meine Fortsetzungsgeschichte für das OX-Fanzine schreibe, sind immer Dinge enthalten, die der Wirklichkeit entspringen. Die aktuelle Folge 31 von »Der gute Geist des Rock’n’Roll« ist ein gutes Beispiel dafür. Sie wurde in der Ausgabe 156 des Magazins veröffentlicht.

Die Hauptfigur des Romans hält sich als »alter Sack« auf einer Studentenparty auf. Zusammen mit einigen Kumpels hört er zuerst schlechte deutsche Schlager und wird dafür angemault. Danach läuft alter Deutschpunkt, Bands wie die Cotzbrocken oder Normahl.

Und genau solche Szenen kenne ich aus den 90er-Jahren noch gut. Da hörte ich durchaus mal bei einer Party die Musik in genau dieser Reihenfolge, und es gab genau die Konflikte deswegen. Meine Bemühungen, in meinem Fortsetzungsroman ein wenig den »Geist« des Jahres 1996 einzufangen, sollte das dann auch entsprechen …

Schmissiger Sound der Berlin Blackouts

Mit melodischem Punkrock und rauem, manchmal gröligem Gesang kann man mich immer noch hinter dem Ofen hervorlocken. Ein schönes Beispiel dafür sind die Berlin Blackouts, deren Platte vom Frühjahr 2017 den Titel »Kissed By The Gutter« trägt und die einfach richtig gut ins Ohr geht, zumindest in das meine.

Die Band gibt's erst seit Ende 2014, es gab die üblichen Umbesetzungen und mittlerweile schon einige Platten. Derzeit sind es drei Leute, die es verstehen, einen knalligen Sound zu spielen, der sich ganz eindeutig vor dem frühen Punkrock verneigt.

Man bleibt immer auf der Melodie-Seite, hält sich textlich aus politischen Peinlichkeiten raus und hat offenbar einen Sinn für gutes Styling – wenn man sich die Gestaltung der Platte und des Textblattes anschaut. Der Sänger peitscht die Stücke nach vorne, die anderen machen immer wieder einen Chor dazu. Dabei kommt nicht unbedingt ein beinharter Pogo-Sound heraus, aber das stört nicht.

Die ganze Platte strahlt einen Charme aus, der nach den späten 70er- und frühen 80er-Jahren klingt, ohne unmodern zu sein. Alle elf Stücke gehen gut ins Ohr und versetzen mich unweigerlich in Bewegung. Wer einen neuen Trend sucht, ist hier falsch; wer aber guten Punkrock mag, ist bei dieser Platte hundertprozentig richtig. Klasse gemacht!

06 Juni 2021

Parkbank-Geschrei

Ich hörte das Geschrei schon, als ich das Paar noch nicht sehen konnte. Mit meinem Rad fuhr ich durch die Grünanlagen von Daxlanden und Grünwinkel zurück in die Weststadt. Und wer da brüllte, war eindeutig eine Frau – sie benutzte badischen Dialekt, den ich an dieser Stelle ins Deutsche übertrage.

»Du lügst mich die ganze Zeit an!«, schrie sie. »Und dann sagst du immer, du hilfst mir, und dann sitze ich wieder allein im Dreck.«

»Wo lüge ich dich an?«, brüllte ein Mann im gleichen Dialekt zurück. »Ich bin doch immer anständig zu dir.«

Ich bog um eine Kurve, und dann sah ich die beiden. Sie saßen auf einer Parkbank, romantisch im Grünen, während der leichte Nieselregen auf uns herunterfiel. Beide waren höchstens dreißig Jahre alt; sie hatte einen hellblonden Pferdeschwanz, er einen modisch-akkuraten Kurzhaarschnitt. Beide hielten Bierflaschen in der Hand, beide hatten gerötete Gesichter und fuchtelten mit der freien Hand durch die Luft.

Sie beachteten mich nicht, was mir recht war. »Du bist so krank, das tut mir echt weh, und du merkst es nicht mal selbst!«, schrie sie voller Wut, während ich an ihnen vorüberfuhr.

Seine Antwort hörte ich noch, dann bog ich um eine weitere Kurve, und das Rauschen der Alb links von mir wurde lauter. »Wer von uns beiden ist denn krank? Du bist besoffen, das ist alles!«

Ich schüttelte den Kopf und machte, dass ich schneller vorankam. Und ich machte mir eines klar: Als ich jung war, sahen Leute, die sich am hellichten Tag in einem Park besoffen und dann Streit bekamen, immer älter aus als ich; grauhaarige Männer und Frauen mit dicken Wänsten und dem Geruch nach altem Schnaps und billigen Zigaretten.

»So wird man älter«, knurrte ich. »Schon die Trunkenbolde sind nur noch halb so alt wie ich.«

05 Juni 2021

Die gefährliche Cancel Culture

Alexander Sipis ist der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, also der Dachorganisation der Verlags- und Buchhandels-Branche. In einem Interview im »Börsenblatt« (Ausgabe 21 vom 25. Mai 2021), der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift des Verbandes, lässt er sich zur »Woche der Meinungsfreiheit« interviewen. Diese fand im Mai statt.

Wie es sich gehört, lobt Skipis seinen Verband und seine eigene Arbeit sehr. Das ist bei einem Beitrag dieser Art nicht anders zu erwarten. Auch wenn er die Überschrift »Es geht nicht ums Schulterklopfen« trägt …

Schön ist seine Darstellung. Man habe »zwei Seiten derselben Medaille beleuchten« wollen. Ausdrücklich benennt Skipis »die Missachtung der Meinungsfreiheit in autoritären Staaten wie der Türkei, Saudi-Arabien und China«, fügt aber gleich hinzu: »aber auch die verheerende Entwicklung in unserer eigenen Gesellschaft.«

Da wird der Geschäftsführer konkret: »Stichwort Cancel Culture. Hass und Hetze führen zur Einschüchterung.« Soweit diese Zitate aus dem Interview.

Ich habe da echt einige Fragen, die ich aber nicht öffentlich stellen würde. (Wenn es GEGEN die angebliche Cancel Culture geht, die angeblich die Meinungsfreiheit bedroht, gibt es eine irrsinnig breite Koalition. Aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Mal ernsthaft: Die angebliche Cancel Culture – was immer Skipis darunter genau verstehen mag – ist also genauso gefährlich wie das, was in Ländern wie der Türkei, China oder Saudi-Arabien vorgeht? Habe ich das richtig verstanden? Wenn also hierzulande Leute für ihre Aussagen öffentlich kritisiert werden, ist das genauso schlimm wie das Vorgehen staatlicher Organe, die in den genannten Ländern bekanntlich Journalisten oder Autorinnen und Autoren einsperren?

Vielleicht habe ich das alles falsch verstanden. Aber vielleicht wird hier doch mit zweierlei Maß gemessen.

02 Juni 2021

Von 6 bis 9 im 5

Nach Monaten der Pandemie und des sozialen Abgeschiedenseins wollten wir am Dienstagabend, 1. Juni 2021, zum ersten Mal wieder in ein Restaurant gehen. Weil das Wetter schön war, bot sich ein Biergarten an, auch aus Sicherheitsgründen. Man weiß ja nie ...

Ich radelte am späten Nachmittag zur Volkshochschule, wo ein Mobiles Testzentrum eingerichtet worden war. Ich hatte mir vorher einen Termin geben lassen, was sich als unnötig herausstellte: Es war nichts los. Ich bekam mein Nasenpopeln und die Zusicherung, mir würde das Ergebnis per Mail zugesandt.

Dann radelte ich wieder nach Hause, und bis ich mein Rad im Keller abgestellt hatte und wieder in der Wohnung war, lag auch das negative Ergebnis vor. Das druckte ich aus.

Frohgemut konnten wir also kurz nach 18 Uhr im Biergarten des »fünf« aufschlagen. Man musste entweder geimpft sein oder ein negatives Testergebnis mitbringen, so die neue Anordnung der Stadt Karlsruhe. Zudem waren die Abstände zwischen den Tischen vergrößert worden, und wer zum Platz ging, musste eine Maske tragen.

Wir trafen Bekannte, wir begrüßten die Leute im »fünf«, die wir in den vergangenen Monaten ab und zu gesehen hatten, und wir bestellten eine Flasche Wein. Später aßen wir sehr gut. Ich gönnte mir ein Spargel-Kartoffelsüppchen, dann Haselnuss-Kohlrabi-Millefeuille mit Karotten-Hummus und als Abschluss ein Salzmandel-Karamellparfait mit Schokokirschen. Danach war ich pappsatt und sehr zufrieden.

Vor 21 Uhr verließen wir den Biergarten, ab dieser Zeit musste er sowieso geschlossen sein. Wir radelten noch zum Alten Flugplatz und sahen dort den Karnickeln zu, die in der Abenddämmerung futterten, wühlten und durch die Gegend rannten. Ein schöner Abschluss an einem Abend, der ein wenig nach Normalität aussah.

Vampire, Zombies und andere Monsterviecher

Mit dem Autor Christoph Dittert arbeite ich seit vielen Jahren zusammen. Unter seinem bürgerlichen Namen schreibt er für Reihen wie die »???«, unter seinem Pseudonym Christian Montillon unter anderem für die Serien, die ich betreue. Ich kenne also viele seiner Manuskripte und Exposés, weiß einigermaßen, wie er »tickt«. Umso interessanter ist es dann für mich, die Werke anzuschauen, die der Autor »sostwo« veröffentlicht.

Bei Emmerich Books & Media erschien das Taschenbuch »Wege der Unsterblichkeit«, das sechs Novellen des Autors präsentiert. Sie wurden im Verlauf der Nullerjahre in verschiedenen Verlagen publiziert und liegen nun erstmals als Sammlung vor. Der Autor hat sie hierfür auch ein wenig bearbeitet, sie aber in ihrem ursprünglichen Charakter belassen.

Seien wir ehrlich: Das ist keine anspruchsvolle Phantastik, nicht einmal andeutungsweise. Es handelt sich hier um Novellen, die der Autor als E-Book oder in Heftromanen veröffentlichte, zu einer Zeit, in der er schriftstellerisch noch nicht so weit war wie heute. Anders gesagt: Die Geschichten sind im klassischen Heftromanstil verfasst – aber bei diesem gibt es ja schließlich genügend Kollegen, die ihr Metier beherrschen und spannend zu unterhalten wissen.

Und das konnte der Autor schon zu der Zeit, als er diese Geschichten erstmals schrieb. »Eine Leiche auf Abwegen« variiert, wenn man möchte, den Zombie-Mythos, ist spannend und auch ein wenig amüsant erzählt und bietet eine Reihe von Wendungen. »Dunkle Erkenntnis« bringt Dämonen ins Spiel, die sich mit den Menschen anlegen – oder andersrum? –, aber in einer anderen Weise, als man das sonst kennt.

In »Monsterdämmerung« geht’s, wie der Titel schon andeutet, um Monster, die bekämpft werden müssen. Bei »Fluchbrecher« wiederum spielen verliebte Vampire eine Rolle. Und so weiter …

Die Geschichten variieren bekannte Themen, und das macht der Autor so, dass es sich gut lesen lässt. Montillons Horror-Novellen sind sehr kurzweilig, sie machen Spaß. Ich las immer mal wieder eine der Geschichten und fühlte mich jeweils gut unterhalten.

Ergänzt werden die sechs Novellen noch durch Anmerkungen Montillons zu jeder seiner Geschichten sowie einen Anhang: eine umfangreiche Bibliografie zum Schaffen des Autors. Das ist tatsächlich ebenfalls beachtenswert, zeigt es doch, wie die Laufbahn des Schriftstellers verlief.

Wege der Unsterblichkeit« ist sicher keine Muss-Lektüre. Wer sich für das Werk Christian Montillons interessiert, sollte das Buch auf jeden Fall antesten. Wer gut geschriebene Horror-Unterhaltung – ohne Splatter-Elemente – mag, wird auch auf seine Kosten kommen. Schönes Taschenbuch!

01 Juni 2021

Virusalarm bei Professor Zamorra

»Das Corona-Virus hält die Welt in Atem!« Was anfängt wie ein Artikel oder eine Reportage, ist der Einstieg in einen Heftroman. Die Kollegen bei »Professor Zamorra« setzten bei Band 1225 auf ein aktuelles Thema. »Virus-Alarm!« heißt der Roman, nur echt mit Ausrufezeichen, und verfasst wurde er von Ian Rolf Hill.

Das Heft wurde bereits am 11. Mai 2021 veröffentlicht, mir fiel es erst dieser Tage in die Hände. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das finden soll: Ist es effekthascherisch, so ein Thema für einen Grusel-Heftroman zu verwenden, oder ist es mutig und richtig, nicht die üblichen Monsterviecher aus der Schublade hüpfen zu lassen, sondern der Realität einen Platz einzuräumen?

Beim Blättern in diesem Heftroman wurde mir klar, dass der Autor noch ein aktuelles Thema verarbeitet hat: die Situation in einem Mastbetrieb. Es geht also auch um Tierhaltung und Tierquälerei. Spannend … ich glaube, den Roman sollte ich mir genauer anschauen.

Ein eisiger Comic vor historischer Kulisse

In Frankreich zählen historische Geschichten seit vielen Jahren zu den beliebtesten Genres der Comic-Szene. Serien wie »Die sieben Leben des Falken« wurden auch im deutschsprachigen Raum durchaus erfolgreich, erlebten aber nie die Beliebtheit, die sie in Frankreich genossen. Mit »Winter 1709« liegt im Splitter-Verlag ein Zweiteiler vor, den ich sehr spannend fand.

Wie der Titel schon klarmacht, spielt die Geschichte im Jahr 1709. Wieder einmal führt Frankreich einen Krieg gegen seine Nachbarn; weil aber ein schrecklicher Winter das Land lahmlegt, stocken alle Feldzüge. Ein einzelner Mann muss versuchen, Nahrungsmittel für die Truppen zu besorgen, zieht auf eigene Faust durchs Land und schlägt sich mit Banditen, Bauern und Soldaten herum.

Wenn man es genau nimmt, hat »Winter 1709« den Charakter eines Westerns. Wäre nicht die historische Kulisse des vereisten Frankreichs, könnte man sich Loys Rohan auch als einsamen Westernhelden vorstellen. Der Mann reitet allein, er wird mit allerlei Schrecken konfrontiert, er trifft eine attraktive Frau und legt sich mit Schurken und Helden gleichermaßen an.

Mit ihrem Szenario greift Nathalie Sergeef eine Epoche auf, die in Frankreich eine gewisse Popularität genießt. Die Zeit von Ludwig XIV. mit ihrem Prunk und ihren Intrigen bietet für viele populäre Geschichten einen starken Hintergrund. Davon sieht man in den zwei Bänden dieses Comics wenig: Die Autorin zeigt eine düstere Zeit, in der Kinder wegen eines Verdachts am Galgen aufgehängt werden, in der verzweifelte Menschen sich um die letzten Nahrungsmittel streiten und in der nichts von »edlen Rittern« zu sehen ist.

Ihre Geschichte ist spannend, ihre Dialoge sind stark. Unweigerlich ist man gefesselt und lässt sich in die derbe, zeitweise sehr harte Geschichte hineinziehen. Sie steigert sich im zweiten Band zu einem action-geladenem Ende, es gibt viele Tote und ein »Happy End«, das eher begrenzt ist. Streckenweise ist das alles recht brutal, was allerdings zu einer Zeit unaufhörlicher Kriege passt.

Die Optik finde ich beeindruckend. Vor allem die Darstellungen des Winters, von Eis und Schnee sind hervorragend. Philippe Xavier versteht sich darauf, Action zu zeigen, bringt die erbitterten Kämpfe klar aufs Papier. Manchmal unterscheiden sich die Gesichter nicht stark genug voneinande;, es sind letztlich immer wieder bärtige Männer, die sich gegenseitig totschlagen.

Die Farbgebung darf ich bei alledem nicht außer Acht lassen. Wie Jean-Jacques Chagnaud die verschiedenen Weiß- und Grau-Töne des Winters orchestriert, das ist schon sagenhaft. Dadurch entsteht eine spannende Kombination aus Bild und Text, die einen nicht so schnell loslässt.

Klar, man muss ein Fan historischer Comics sein, und man sollte ein Faible für die französische Geschichte haben. Dann ist »Winter 1709« echt großartig. Aber auch sonst handelt es sich um einen überzeugenden Comic, der in schöner Gestaltung veröffentlicht wurde.

31 Mai 2021

Ein Video-Interview mit mir

Im vergangenen Jahr erschien die Anthologie »Unknown«, zu der ich bei Gelegenheit noch einiges schreiben sollte. Das von Sonja Rüther und Hanka Leo organisierte Projekt fand ich von Anfang an spannend: eine Sammlung von phantastischen Kurzgeschichten, die ohne Nennung von Namen veröffentlicht werden sollte. Kann man anhand des Stils oder des Inhalts herausfinden, wer den Text verfasst hat?

Mittlerweile kann und darf ich es ausplaudern: Auch ich habe daran teilgenommen. Von mir stammt die Kurzgeschichte »Das verdorbene Haus«, die eine weibliche Hauptperson aufweist. Dass sie von einem Mann verfasst wurde, konnten sich nur wenige vorstellen.

Mittlerweile gibt es ein Interview, das Sonja Rüther mit mir geführt hat. Sieht man von einigen technischen Problemen ab, ist es meiner Ansicht nach sehr unterhaltsam und auch informativ: Es geht um das Schreiben an sich, um Geschlechterklischees und auch ein wenig um die Serie, für die ich als Redakteur tätig bin.

The Fume aus Göteborg

Drei junge Männer aus Göteborg in Schweden, die in den Zehner-Jahren eine Schallplatte herausbrachten, auf der sie zwölf Mal ihre Version von Rock’n’Roll spielten: Das sind The Fume, und die Platte hörte ich dieser Tage mal wieder an. »Rock’n’Roll Ain’t A Seasonal Thing« enthält insgesamt zwölf Stücke, und die sind ziemlich klasse.

Klar, jeden Tag kann ich mir nicht jedes Stück anhören. Manchmal wühlt der Sänger mit seiner gelegentlich überdrehten Stimme arg in den 70er-Jahren und beim damaligen Glam-Rock, dann wieder bolzt die Band richtig schönen Garagen-Punk heraus, und manchmal glaubt man, den skandinavischen Rock-Sound der 90er-Jahre zu hören. Die Band serviert auf jeden Fall eine abwechslungsreiche Mixtur aus verschiedenen Rock-Klängen, die ziemlich kompakt klingt. Keine unnötigen Soli, kein Gejammer, kein Metal-Gedöns.

Musikalisch ist das meist knalliger Sound, mal mehr in Richtung Hardrock, mal in Richtung Punk tendierend, immer wieder voll aufs Gaspedal und ohne Pausen durch die Ratzfatz-Stücke hindurch. Ich kann da kaum still sitzen und bedauere, diese Band nie live gesehen zu haben.

Was The Fume auf dieser Platte machen, ist wunderbar jung klingende Rock-Musik, die sich so anhört, als sei sie erst vor Kurzem erfunden worden, mit viel augenzwinkerndem Humor und ungekünstelter Spielfreude. Sehr cool!

28 Mai 2021

Zwei Vettern

Meine Schwester war am Telefon. »Der Konrad ist gestorben«, erzählte sie. Konrad galt bei uns immer als ein Cousin, als Vetter – dabei war er »nur« angeheiratet. Aber er war mit unserer Cousine schon in den 70er-Jahren zusammengekommen, quasi eine Sandkastenliebe, die irgendwann in einer Ehe gemündet hatte.

Ich war ein wenig schockiert. So alt sei er doch gar nicht gewesen. »Gerade mal siebzig«, bestätigte meine Schwester. »Das ist doch kein Alter.« Er sei nicht an Corona gestorben, so viel wisse sie, mehr aber nicht.

Wir unterhielten uns ein wenig über Konrad, den wir beide gemocht hatten. Er hatte mehr als vierzig Jahre zur Familie gehört, und bei den Familienfeiern, die ich ansonsten gehasst hatte, war ich mit seiner konservativen schwäbischen Art sehr gut klargekommen.

Ich hasste Beerdigungen, aber zu seiner wäre ich sogar in das Dorf im Schwarzwald gefahren, wo er zu Grabe getragen wurde. Wegen der Pandemie war das allerdings nicht möglich.

Es war der zweite Vetter, der während der Pandemie gestorben war; der andere im vergangenen Herbst. In beiden Familienzweigen hatten wir also einen Todesfall, den wir nicht in der gewohnten Weise »zu Ende« bringen konnten. Beide wohnten in Dörfern im Schwarzwald, beide rund zwei Dutzend Kilometer von dem Dorf entfernt.

Familienfeiern mag ich nicht. Aber beides Mal handelte es sich um Verwandte, die ich gemocht hatte und die ich beide zuletzt bei Beerdigungen anderer Verwandter gesehen hatte. Da wäre ich »gern« bei der Trauerfeier erschienen. So schickt meine Schwester eben eine Karte, in die sie Geld packt, und ich gebe ihr später die Hälfte zurück.

Das ist distanzlos und irgendwie ohne echte Anteilnahme. Das macht es doppelt traurig, finde ich.

Yana Turmanyay

Ich habe in diesen Tagen den Abschluss des Handlungsbogens um die geheimnisvolle Stadt El Dorado gehört. Dabei handelt es sich um die Folge 39 der Hörspielserie »Dorian Hunter«, die ja letztlich davon erzählt, wie der sogenannte Dämonenkiller in verschiedenen Inkarnationen über Jahrhunderte hinweg gegen die Schwarze Familie kämpft.

In der genannten Folge sind Hunter und seine Begleiter im Urwald von Südamerika unterwegs. Speyer, eine seiner Inkarnationen, trieb sich dort fünfhundert Jahre zuvor herum. Deshalb vermengen sich immer wieder Raum und Zeit: Leute tauchen im 21. Jahrhundert auf, die bereits im 16. Jahrhundert gestorben sind, und zum Ausgleich gibt es offenbar Dinge, die durch die Zeiten fallen.

Dazu kommen untote Inkakrieger, ein uralter Dämon, der seine Rache an den spanischen Konquistadoren verwirklichen möchte, eine schlafende Inkaprinzessin, die in ihren Träumen seit Jahrhunderten neue Wirklichkeiten erschaffen kann, eine fliegende Schlange und allerlei andere Dinge mehr – bei »Dorian Hunter« geht es sowieso immer ziemlich rund, und die Folge 39 liefert hierfür gute Beispiele.

Die Geschichte wird spannend erzählt, wie das üblich ist, bleibt dabei durchaus komplex und liefert vor allem phantastische Geräusche. Im Begleittext, das im Booklet zur CD abgedruckt ist, erklärt Andreas Meyer, der Musikexperte bei »Dorian Hunter«, welche Instrumente zu welchen Szenen und aus welchem Grund eingesetzt worden sind. Wenn man dann alles gehört und gelesen hat, möchte man eigentlich gleich wieder von vorne anfangen ...

27 Mai 2021

Weihnachten im Jahr 1943

In den vierziger Jahren fotografierten die Leute nicht so viel, wie das heute üblich ist. Man brauchte zudem meist einen offiziellen Fotografen, und häufig sehen die Leute eher steif und abweisend aus. Es gibt aber ein Foto, das meinen Vater zusammen mit seinen Eltern zeigt.

Es wurde vor Weihnachten 1943 aufgenommen. Es zeigt den jungen Soldaten, der zu einem kurzen Besuch zurück in die Heimat fahren durfte. (Wenn ich es richtig im Kopf habe, verbrachte mein Vater den Heiligen Abend 1943 in einem Schützengraben in Weißrussland.) 

Seine Mutter und sein Vater begrüßen ihn im Wohnzimmer – in dem ich ein Vierteljahrhundert später meine Carrera-Bahn aufbaute –, und die Freude meiner Großmutter lässt sich nicht verbergen. Der Weihnachtsbaum im Hintergrund sieht recht erbärmlich aus. Aber für einen »tollen Baum« hatte man damals sicher weder Geld noch Lust.

Teenagefrust bollern laut

Eine Band, die sich in den Zehner-Jahren den Namen Teenagefrust gibt, ist schon mal auf der richtigen Seite, finde ich. Bereits 2013 erschien die EP der Band aus Hannover, sie trägt den hübschen Namen »deutschland halt's maul« und klingt dann doch genau so, wie man es erwartet.

Sechsmal bollern die vier jungen Männer aus Hannover wütenden Deutschpunk mit fetter Hardcore-Kante auf die Welt los. Das ist alles andere als Studenten-Punkrock, sondern nach vorne gebolzter Sound, der kaum eine Pause kennt: wütend und ruppig gespielt, dazu ein Sänger mit ziemlich viel Gebrüll. Ein guter Soundtrack zum Lederjacken-Springerstiefel-Pogo.

(Skurril sind die immer wieder eingeblendeten Sprüche, bei denen ich nicht weiß, wo sie aufgenommen worden sind. Auf der Straße? Beim Punk-Konzert?)

Textlich bleibt die Band ebenfalls auf der eindeutigen Seite: Man kotzt sich gegen deutsche Verhältnisse aus, ärgert sich über Techno-Mucke bei Demos oder lobt die DIY-Qualitäten der Punk-Szene, äußert sich auch allgemein zu gesellschaftlichen Verhältnissen. Bei aller knallig-rotzigen Attitüde sind die Texte punkig und klar.

»Das Volk, heißt es dann am Stammtisch / muss sich endlich wieder wehren / und aus Worten werden Taten / aus der Mitte kommt der Tod« – so heißt es im Stück »Minus Siebzehn Grad Soziale Kälte«. Das ist zwar nicht gerade gut gereimt, inhaltlich aber ganz schön zutreffend: Wenn die Band das Stück im Mai 2013 aufgenommen hat, entspricht das einem Blick in die Jahre nach 2015/16 ...