03 Juli 2018

Die Sinclair Academy als Hörbuch

Es liegt nahe, die erfolgreiche Gruselheftserie »John Sinclair« immer wieder aufzufrischen und zu modernisieren. Es liegt auch nahe, die ebenso erfolgreiche und vor allem sehr gelungene Horror-Hörspielserie »John Sinclair« durch allerlei Begleitprodukte im Handel zu unterstützen. Deshalb war ich sehr gespannt auf die »Sinclair Academy« und lauschte gespannt dem Hörbuch »Sturm über Arbordale«, das 2016 erschienen ist; das vierte Hörbuch der Reihe.

Die Grund-Idee ist schnell erklärt: Die Sinclair Academy ist so eine Art Ausbildungszentrum für junge Leute, die für den Kampf gegen Dämonen, Geister und Vampire fit gemacht werden sollen. Gründer ist der legendäre John Sinclair, doch in den Hörbüchern werden die Geschichten der jungen Leute erzählt. Jack, Stacy (oder so), Hassan und Sachiko sind entsprechend vielseitig aufgestellt, sie unterscheiden sich in Charakter und Ausrichtung – das alles wurde richtig ordentlich vorbereitet.

Als Sprecher kommt Thomas Balou Martin zum Einsatz, der schon in verschiedenen Fernsehserien mitgewirkt hat. Der Schauspieler macht seinen Job gut, seine Stimme ist wandelbar genug, so dass man zeitweise meint, verschiedene Sprecher hätten die unterschiedlichen Rollen übernommen.

Das ändert leider nichts daran, dass die Dialoge meist sehr hölzern sind. Vor allem die Zwischenformulierungen wie »sagte sie« oder »meinte er« sind oft wirklich schlecht und ziehen bei der Geschichte jegliche Spannung heraus – vor allem auch deshalb, weil man dank des Sprechers immer weiß, wer eigentlich gerade die Handlung trägt.

Die Geschichte ist eher unspannend, zumindest für meine Begriffe. Die Konflikte der Gruppe untereinander werden eher schlicht vorangetragen; die Fahrt nach Arbordale lockert das Ganze nur mäßig auf. In dem kleinen Ort ist ein Ehepaar verschwunden, die jungen Agenten sollen die Hintergründe herausfinden und kommen hinter ein gruseliges Geschehen.

Es passiert einiges, am Ende gewinnt das Gute, der Ablauf dahin verläuft recht klar und eindeutig. Die Geschichte ist dabei nicht einmal schlecht, sie entspricht klassischer Gruselheft-Dramaturgie. Packen konnte mich hier allerdings nichts.

Action wirkt schwerfällig, Dialoge werden oftmals peinlich verlabert: Wo die »John Sinclair«-Hörspiele die klassischen Geschichten von Jason Dark modernisieren und in eine neue Höhe bringen, ist die »Sinclair Academy« leider ein Rücksturz in finstere Heftromanzeiten. Ich bin allerdings sicher, dass es viele Hörer geben wird, denen genau das gefällt ...

Rasante Fortsetzung der Nostradamus-Story

Den ersten Band des Comics »Arthus Trivium« fand ich richtig klasse: Die Handlung spielt im Jahr 1565, eine der Hauptfiguren ist der Wahrsager Nostradamus, der es mit den Mächten der Hölle aufnimmt. Dabei helfen ihm drei junge Geheimagenten, die nichts anderes tun, als in Frankreich allerlei Monster umzubringen.

Dieser Tage las ich den zweiten Band. In »Der dritte Magier« wird die Bedrohung klarer, die auf die gesamte Christenheit zukommt. Arthus Trivium, Angelique Obscura und Angulus Dante nehmen den verzweifelten Kampf auf, während die finsteren Mächte direkt den Wahrsager Nostradamus angreifen.

Die Geschichte ist rasant erzählt: Schnelle Dialoge und knallige Action wechseln sich ab, für Feinheiten bleibt da wenig Zeit. Der Comic vermengt historische und phantastische Elemente, und die Zeichnungen sind echt klasse – sehr detailliert, gleichzeitig sehr realistisch angehaucht.

Raule und Juan Luis Landa haben mit »Arthus Trivium« einen Comic geschaffen, der vor allem denjenigen gefallen dürfte, die spannende Action mit phantastischem Charakter mögen. Das ist abwechslungsreich erzählt und klasse gezeichnet.

Der Comic erschien bei Splitter, auf der Website des Verlages kann man sich die Leseprobe anschauen. Und ich warte so lange eben auf die Fortsetzung dieser neuen Serie ...

02 Juli 2018

Nachdem die Panzer durch waren

Kurz nach sechs Uhr stand der stellvertretende Marktleiter vor der Tür meines Elternhauses und klingelte. Es war unter der Woche, und meine Eltern waren bereits aufgestanden. Mein Vater machte sich zur Arbeit in der Fabrik bereit, meine Mutter schmierte Pausenbrote und kochte Kaffee.

»Ich brauche Ihren Sohn«, sagte der stellvertretende Marktleiter. »Dringend.« Er wohnte in einem anderen Dorf, musste immer durch unser Dorf fahren, um zur Arbeit zu kommen.

Nach kurzem Gespräch weckte mich meine Mutter. Zehn Minuten später saß ich im Auto des stellvertretenden Marktleiters. Während ich ein belegtes Brötchen vesperte, das meine Mutter mir gepackt hatte, erklärte er mir, welches Problem wir hätten.

»Heute nacht sind die Panzer durch die Stadt gefahren, und die Vibrationen haben offenbar den Strom gestört.« Er sagte, er könne sich das auch nicht erklären, aber so sei es nun einmal.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich seit über einem Jahr in dem Supermarkt, neben der Schule jobbte ich im Lager und an der Tankstelle, füllte Regale auf und schob Einkaufswagen über den großen Parkplatz. Ich sah an manchen Tagen aus »wie der letzte Mensch«, wie man mir bestätigte, aber ich machte meine Arbeit sehr ordentlich.

Seit einigen Tagen lief ein Großmanöver in unserer Region. Ständig rollten Panzer durch die Straßen, gingen Soldaten in Stellung, donnerten Flugzeuge im Tiefflug über die Dörfer und Kleinstädte hinweg.

»Aber was nun?«, fragte ich mich, weil ich nicht verstand, warum ich so früh aus dem Bett musste.

»Wenn der Strom ausfällt, haut's auch bei unseren Kühlanlagen den Strom weg. Die Tiefkühltruhen waren über längere Zeit hinweg ohne Strom, wir können den Inhalt nicht mehr verkaufen.«

Was das bedeutete, erkannte ich, als wir kurz vor halb sieben Uhr am Supermarkt eintrafen. Es war ein Samstagmorgen, ich hätte an diesem Tag keine Schule gehabt. Mein Job war nun, halb aufgetaute Nahrung wegzuwerfen.

Ich hatte eine Gitterbox, ich trug Handschuhe. Mit dem Hubwagen steuerte ich die Gitterbox zu den Kühltruhen und nahm den gefrorenen oder schon angetauten Inhalt heraus, warf ihn in die Box, bis sie randvoll war. Dann rollte ich aus dem Markt heraus, durchs Lager hindurch und an den Müllcontainer. Dort warf ich alles hinein.

Gefrorenes Fleisch, gefrorene Pizza, gefrorene Torten, viel Eis, Tiefkühlgemüse und viele andere Dinge mehr wanderten in den Müll. Ich schuftete ununterbrochen und so schnell ich konnte, weil die Tiefkühltruhen leer sein mussten, bis der Markt öffnete.

Trotz der Handschuhe wurden meine Hände eiskalt, während ich gleichzeitig unglaublich schwitzte. Zeitweise halfen mir Kolleginnen und Kollegen, aber die waren ab sieben und acht Uhr damit beschäftigt, ihre eigenen Arbeitsbereiche im Markt aufzubauen.

Um neun Uhr kamen die Kunden, und wenige Minuten davor waren die Tiefkühltruhen leer. Der stellvertretende Marktleiter hatte Schilder gedruckt, die auf den Umstand hinwiesen, und er hatte Nachschub bestellt. Der würde im Verlauf des Tages eintreffen.

Danach saß ich im Lager auf einer Palette, verschwitzt und verfroren zugleich, und wartete auf den Lastwagen, der außerplanmäßig den Müll abholen würde, bevor dieser in der Sommerhitze zu stinken beginnen würde. Um kurz vor zehn Uhr hatte ich meine erste Bierflasche geöffnet und trank mit großen Zügen.

Als der stellvertretende Marktleiter kam, kommentierte er das Bier nicht, sondern setzte sich zu mir auf die Palette. »Was hätten Sie heute eigentlich?«, fragte er mich. Ich war 17 Jahre alt, er höchstens 25, aber natürlich siezten wir uns.

»Tankstelle«, gab ich zurück. »Wie fast immer am Samstag.«

Er nickte. »Wir stellen einen Ersatz an die Tankstelle. Sie trinken Ihr Bier aus, dann legen Sie sich eine Stunde oder so in eine Ecke und ruhen sich aus.« Er sah mich grimmig an. »Das ist eine dienstliche Anordnung, klar?«

Ich nickte ebenfalls. Er beugte sich nach vorne und steckte einen Zwanzigmarkschein in meine Jackentasche. Als er davon ging, drehte er sich um und sagte: »Gute Arbeit.«

Meine Hände zitterten immer noch vor Kälte.

01 Juli 2018

Ein Tierchen ohne Hals

Wenn ich mich dem Rad in der Stadt unterwegs bin, achte ich gelegentlich auf die Details, die man am Straßenrand erkennen kann. So freute ich mich über Jahre hinweg über ein Bild an einer Hauswand, das man wohl als Street Art bezeichnen könnte. Es war ein wenig versteckt, man musste schon daran vorbeikommen, um es zu sehen.

Für mich war es immer ein Tierchen ohne Hals, und ich war mir nie sicher, ob es sich um ein Reh oder sonstwas handelt. Irgendwann bemerkte ich, dass an dem Tier gekratzt wurde. Pinselstriche nahmen Elemente weg, veränderten es.

Und als ich dieser Tage an der betreffenden Ecke vorbeiradelte, stellte ich fest, dass es nicht mehr zu sehen war. Anstatt des Tierchens sah ich nur noch die langweilige Farbe, mit der das gesamte Haus angestrichen war. Das fand ich ein wenig traurig – und deshalb zeige ich hier noch mal das Tier, wie es vor zwei Monaten noch zu sehen war.

30 Juni 2018

Romantik im Auge des Betrachters

Es macht einen ungeheuren Spaß, mit dem Rad von Karlsruhe aus in die Pfalz zu fahren. Einen großen Teil der Strecke radelt man an der vier- bis sechsspurigen Schnellstraße entlang, die Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verbindet. Das Brausen des Verkehrs, das Dröhnen der Motoren, der Luftzug der vorbeidonnernden Lastwagen – das alles verbindet sich zu einem Sound, der mich dazu bringt, noch schneller zu fahren und mich noch mehr anzustrengen.

Es geht gewissermaßen einen Berg hinauf, weil die Brücke recht hoch gebaut worden ist. Erreiche ich die Brücke, fahre ich langsamer, schaue auf den Fluss hinunter und genieße den Anblick des träge fließenden Wassers. Dann rolle ich vorsichtig auf der anderen Seite den steilen Weg hinab, genau an der Stelle fahre ich, wo ein Schild »Radfahrer bitte absteigen« verlangt.

Dann radle ich auf der anderen Seite weiter, entweder in Richtung Frankreich oder in Richtung Pfälzerwald oder nach Norden. Manchmal bleibe ich aber einfach am Ufer und genieße den Anblick des Flusses und der Stadt, in der ich wohne. Hinter Bäumen und Büschen wirken sogar der Ölhafen und die Raffinerie fast schön.

Romantik liegt halt echt im Auge des Betrachters ...

29 Juni 2018

Die dreizehnte Folge war zäh

Es lag nicht an der Zahl, ganz sicher nicht – aber ich tat mich ungeheuer schwer mit dem Schreiben der dreizehnten Folge meines aktuellen Fortsetzungsromans. »Der gute Geist des Rock'n'Roll« ist in der aktuellen Ausgabe 138 des OX-Fanzines wieder enthalten, und ich hoffe, dass die Leser nichts von meinen Schwierigkeiten spüren werden. Keine Ahnung, woran sie lagen ...

In der Folge 13 des Romans geht's um den Versuch von Peter Meißner – ehemals Peter Pank genannt – und seinen Freunden, in einem Dorf in Rheinland-Pfalz einige Nazis zu verprügeln. Nachdem das gescheitert ist, wollen sie zumindest einen der führenden Prügelnazis der Region angreifen. Ob und wie das gelingen wird, ist ein Thema dieser Fortsetzung.

Beim Nachlesen dieser eineinhalb Seiten im OX wird mir wieder bewusst, wie viel die Geschichte mit der heutigen Zeit zu tun hat. Der Roman spielt 1996, während der Fußball-Europameisterschaft.

In vielen Gemeinden und Städten haben organisierte Banden ihre »national befreiten Zonen« ausgerufen, während Politik und Polizei in der Antifa den Hauptfeind ausgemacht haben. Der Terror in den Straßen richtet sich gegen Ausländer, Linke, Schwule, Behinderte, Punks und Obdachlose, und ständig sterben Leute.

Ob die Versuche meiner Hauptfigur, mit dem Knüppel in der Hand gegen Nazis vorzugehen, wirklich so sinnvoll sind, mögen bitteschön Historiker diskutieren. Aber vielleicht bereitete es mir Schwierigkeiten, die Zeit von 1996 im Sommer 2018 zu beschreiben – weil es in meinem Kopf dann doch einige Parallelen gab ...

28 Juni 2018

Jungmänner in Sinzig

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Die PERRY RHODAN-Tage in Sinzig waren in den 90er-Jahren eine Fanveranstaltung, die ich gern besuchte. Auch eine heute durchaus prominente Politikerin namens Andrea Nahles wurde dort einmal gesichtet. Aber damals konnte man sich weder vorstellen, welche Rolle sie in den Jahren nach 2010 spielen sollte, noch dachte man darüber nach, was man selbst in einer weit entfernten Zukunft sein würde.

Ein Teil des Programms dieser Veranstaltung bestand darin, dass Menschen auf einer Bühne saßen, sich in Diskussionsrunden irgendwelche Sätze an die Köpfe warfen und ansonsten Fragen aus dem Publikum beantworteten. Das Bild hier (wahrscheinlich von Peter Fleissner aufgenommen) zeigt den damaligen Fanzine-Herausgeber Rüdiger Schäfer (links im Bild) und mich im Herbst 1995; ich war zu der Zeit gerade frisch ernannter »Redaktionsleiter« der PERRY RHODAN-Serie. (Ein nicht besser bezahlter Zwischenschritt zwischen »einfachem« Redakteur und Chefredakteur.)

Rüdiger und ich kannten uns zu dieser Zeit seit fast zehn Jahren aus der Fan-Szene. Wir hatten beide Fanzines herausgegeben, wir hatten uns auf Cons getroffen, wir hatten uns gestritten, und wir hatten zusammengearbeitet. Dass wir im Jahr 2018 immer noch zusammenarbeiten würden (ich immer noch als Redakteur, er als Schriftsteller sowie als Exposéautor für eine unserer Serien), das hätten wir uns in jenem Herbst sicher nicht vorstellen können.

27 Juni 2018

Mein zweiter Schlag von Los Pepes

Glaubt man dem Band-Info, so bezeichnen sich Los Pepes aus London selbst als »Motörhead des Powerpop«. Was immer das Label damit meinen mag: Die vier Musiker spielen rasanten Gitarren-Sound zwischen Punk und Pop, schnelle Melodien und einen Schuss Gerotze inklusive. Ich mag so was, auch wenn es sich nach einiger Zeit ein wenig totläuft.

Im April 2017 kam die aktuelle Platte der Band heraus, die den schönen Titel »Let's Go!« trägt. Der Vergleich zu den Buzzcocks und anderen Bands der frühen Punkrock-Tage passt immer noch; daran hat sich seit der Platte davor nichts geändert. Trotzdem wirkt diese Platte kantiger, die Melodien sind in meinen Ohren schroffer.

Das macht nichts: Geboten wird zehnmal klarer und gut gespielter Punkrock mit schmissigen Melodien. Wer mag, darf dazu auch Powerpop oder Indie oder Garage oder sonstwas sagen; da sind ja heutzutage mehrere Schubladen möglich. Die Platte weist weniger Hitqualitäten auf als der Vorgänger, was ich nicht schlimm finde – sie geht dennoch gut ins Ohr.

Los Pepes sind derzeit ein Garant dafür, dass Punkrock noch lange nicht tot ist. Kommt dann eine tüchtige Dosis mit flotten Melodien dazu, kann man bei mir zumindest nicht viel falsch machen!

Intensive Graphic Novel über die Freundschaft

Wie weit geht man für einen Freund? Was bedeutet Freundschaft eigentlich in Zeiten wie diesen, wo alle Welt nur noch mit dem Smartphone zu kommunizieren scheint und man sich oft aus der Ferne kennt? Dieser Frage geht »Die Einladung« nach, eine ungewöhnliche Graphic Novel, die im Splitter-Verlag erschienen ist: als kleinformatiges Hardcover mit Schutzumschlag.

Es beginnt mit einem nächtlichen Anruf – ein Freund ist am Telefon. Er benötigt dringend Hilfe. Sofort kommt die Frage auf: Helfe ich ihm, soll er nicht lieber einen Service anrufen? Und was passiert, wenn dieser Anruf sich als ein Scherz der ungewöhnlichen Art herausstellt?

»Die Einladung« ist eine Geschichte, die im Hier und Jetzt spielt, die sich liest wie das Drehbuch zu einem anspruchsvollen Film. Die handelnden Charaktere sind Männer und Frauen, irgendwo im Alter zwischen 25 und 40 Jahren, die noch nicht ihr »wirkliches Leben« gefunden haben. Freundschaft hat für jeden eine andere Bedeutung – und dieser geht dieser ungewöhnliche Comic-Band nach.

Jim, so der Name des Texters, ist kein Unbekannter in der Comic-Industrie. Unter seinem bürgerlichen Namen Thierry Terrasson und seinem Pseudonym Téhy zeichnete er für Science-Fiction- und Fantasy-Geschichten verantwortlich; so stammt beispielsweise die sehr krachige Science-Fiction-Serie »Yiu« – ebenfalls bei Splitter erschienen – von ihm. Bei »Die Einladung« zeigt er sich von einer ganz anderen Seite: nachdenklich und mitfühlend, meilenweit entfernt von jeglicher Action oder überzogener Szenerie.

Als Comic-Künstler ist Dominique Mermoux noch recht unbekannt. Er begann erst in den Nuller-Jahren mit der eigentlichen Arbeit in diesem Genre, konnte aber recht schnell erste Preise gewinnen. Sein Stil ist eher ruhig, viele Bilder wirken gelassen und trotzdem ausdrucksstark. Er fängt die nächtliche Stimmung am Rand einer stillen Straße in bläulichen Farben ein, er zeigt eine Party in kräftigeren Farben und in Bewegungen, die irgendwann nur noch Silhouetten und Staub sind. Das ist ungewöhnlich, sieht aber gut aus und passt zum eher intellektuellen Charakter der Geschichte.

Seien wir ehrlich: Wer vor allem Genre-Comics mag, für den wird »Die Einladung« womöglich langweilig sein. (Der Comic erschien 2012, ich habe ihn erst dieser Tage gelesen – das spricht ja Bände.) Wer sich aber auf eine Graphic Novel einlassen kann, die von Gefühlen und Freundschaft erzählt, für den ist »Die Einladung« wie geschaffen.

26 Juni 2018

Ein Punk-Treffen der besonderen Art und ohne mich

»Hast du's eigentlich mitgekriegt?« So wurde ich informiert. »In Karlsruhe war am Wochenende ein Punk-Treffen. Im Schlossgarten.«

»Wie früher.« Fast hätte ich geseufzt. »Und wann wurde es denn geräumt?« Die letzten Versuche in den 90er-Jahren, im Schlossgarten meiner Heimatstadt ein Treffen von Punkrockern zu machen, das über die Dimensionen eines Stuhlkreises hinausging, hatten immer mit einem großen Polizeiaufgebot geendet.

»Nichts ist passiert. Aber das waren ja auch eher unkonventionelle Punks. Lauter ältere Damen und Herren, keine jungen Leute. Alle sauber gewaschen und sehr zivilisiert. Sie waren seltsam angezogen, und diese Spielart von Punk nennt sich wohl Steampunkt. Muss ein ganz neuer Trend sein.«

Tja. Steampunk also. Jetzt auch in Karlsruhe. Was in den 80er-Jahren eine aufregende neue Richtung innerhalb der Science Fiction war, ist jetzt zu einem Event geworden, an dem im Schlossgarten einige Dutzend Leute teilnahmen – stilgerecht gekleidet und in bester Stimmung –, zu dem dann auch noch einige hundert Schaulustige kamen, die eifrig staunten und fotografierten.

Das hat in der Tat weder etwas mit Punk zu tun noch etwas mit der Untergattung der Science-Fiction-Literatur, die ich eigentlich sehr mochte und mag. Aber ich finde die Idee von Steampunk einfach schön, und ich freue mich, dass sich die Szene jetzt sogar in Karlsruhe trifft.

Wenngleich ich davon nichts im Voraus mitbekommen habe ... Das ist eben ein weiteres »Fandom«, das sich so weit von dem eigentlichen Fandom entfernt hat, dass die Berührungspunkte nur noch winzig sind. Schade.

25 Juni 2018

Arbeit auf einem Hof

Wie ich zu dieser Arbeit gekommen war, wusste ich nicht. Aber ich war an diesem Tag in einem Hof zugange, der irgendwie zu einem öffentlichen Gebäude gehörte. Mit einer Schubkarre fuhr ich einen großen Berg an Unrat und Pflanzenresten über den Hof; das Rad der Karre knirschte laut auf dem Untergrund aus kleinen Steinen.

Mit einer Heugabel fischte ich die Pflanzenreste aus der Schubkarre und warf sie in einen Container, der schon mit Unmengen von Blättern und kleinen Ästen gefüllt war. Ich stellte fest, dass ein Sack in der Schubkarre lag, den ich vorher unter dem Unrat nicht wahrgenommen hatte. Es war einer der typischen Müllsäcke aus Kunststoff, blau und groß.

Ich zog ihn herunter und öffnete ihn. Keine Blätter oder Äste fielen mir entgegen, auch sonst kam kein Müll aus dem Sack. Es sah aus wie ein großes Netz, aus bräunlicher Farbe, in das jemand braune Klumpen gewoben hatte.

Neugierig breitete ich das Netz auf dem Boden auf und stellte immer mehr Details fest. Die Klumpen waren länglich, sie hatten eine Form, die ich nicht zuordnen konnte. Und je länger ich an dem Netz arbeitete, desto größer schien es zu werden.

Spontan zog ich es zu der Wand hinüber, die sich neben dem Container erhob. Ich befestigte es an zwei großen rostigen Nägeln, so dass es herunterhängen konnte. Verwundert betrachtete ich es. Vor meinen Augen verfärbte es sich langsam, das Braun wurde zu einem Rot.

Eine Frau kam an, groß und blond und stämmig; ich wusste, sie war die Chefin dieses öffentlichen Geländes. Ich zeigte ihr das Netz und fragte sie, was ich damit machen sollte. »Einfach wegwerfen?«

Ihr Gesicht wurde weiß. »Das sind Alraunen!«, rief sie. »Die sind unglaublich gefährlich! Wo haben Sie die hier?«

Ich betrachtete die Netze. Jetzt erkannte ich, dass die rote Farbe nichts anderes war als Blut, das über das Netz lief. Und die Klumpen hatten eine Form, die an die von Menschen erinnerte. Ich nahm die Beine und die Arme wahr, und die Köpfe, in denen Augen und ein Mund steckten. Ein Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei.

»Was soll ich tun?«, rief ich verzweifelt.

»Weg damit, nichts wie weg damit!« Sie wirkte ebenfalls verzweifelt. »Beseitigen Sie die, so schnell es geht.«

Da wachte ich auf.

24 Juni 2018

Fußball am Sonntag

Mein Fußballpartner war nicht sehr ausdauernd. Ich schoss ihm den Ball zu, er gab ihn mir zurück. Beim ersten Mal tat er es noch mit breitem Grinsen, beim zweiten Mal ließ der Elan nach, beim dritten Mal trat er erst nach mehrfacher Aufforderung gegen den Ball.

Mir wurde klar: Es würde nicht so einfach sein, meinen Neffen zu einem Fußballprofi zu erziehen. Vielleicht musste ich auch einfach einräumen, dass ein Junge, der noch keine drei Jahre alt war, dafür bisher nicht genügend Zielstrebigkeit besaß.

Deshalb war ich gespannt darauf, wie es mit dem Fußball am Abend aussehen würde. Das »fünf« in Karlsruhe war zum Spiel der Deutschen gegen die Schweden gut gefüllt. Es war aber nicht brechend voll wie bei früheren Fußballweltmeisterschaften. Dafür schmeckte mir wie immer das Bier und in der Pause das Essen.

»Die deutsche Mannschaft hat das erste Spiel verloren, weil ich nicht zugesehen habe«, versicherte ich dem Barkeeper. »Ich muss ein Spiel nur hier anschauen, damit die Deutschen gewinnen.«

Er zweifelte sichtlich an meiner Überzeugung. Nachdem das erste Tor für die Schweden gefallen war, beugte er sich über die Theke. »Ich möchte kurz darauf hinweisen, dass du anwesend warst, als die Schweden ihr Tor geschossen haben.«

Zerknirscht konzentrierte ich mich auf den weiteren Verlauf des Spiels. Vor allem die zweite Halbzeit brachte nicht nur mich, sondern auch andere Leute immer wieder einem Herzinfarkt nahe; es wurde gebrüllt und gestöhnt, geseufzt und geklagt. Als der erlösende Treffer fiel, jubelten alle.

Mein Talent als Fußballbeschwörer wurde an diesem Tag auf jeden Fall auf eine harte Probe gestellt. Schauen wir mal, wie es beim nächsten Spiel der deutschen Mannschaft wird ...

22 Juni 2018

Eine Quittung zu viel

Eine Kleinstadtgeschichte

Weil die Temperaturen an diesem Nachmittag so angestiegen waren, blieben viele Leute wohl daheim. Es war ruhig. Auch ich stellte mich langsam auf den Feierabend ein – um 16 Uhr würde der Supermarkt schließen, wie an jedem Samstag.

Es tankten immer zwei, drei Fahrer auf einmal, aber ich hatte keine Autoschlangen vor mir, die sich vor der Tankstelle aufreihten und die ich abarbeiten musste. So konnte ich gemütlich auf und ab gehen, den Tankenden bei ihrer Tätigkeit zuschauen und hinterher das Geld kassieren.

Einer der Männer winkte mich zu sich; ich sah, dass er fertig war. Er steckte den Schlauch zurück in die Zapfsäule, mit einem Klacken war der Tankvorgang beendet. Ich beugte mich nach vorne, um genau abzulesen, wieviel er zu bezahlen hatte.

Das war so üblich, niemand in diesem Jahr 1983 hätte sich ein anderes Vorgehen vorgestellt. Ein Tankwart wie ich hatte die Zahl abzulesen, der Kunde konnte sie schließlich auch sehen. Dann wurde die Summe laut gesagt, es wurde gezahlt, und alle waren zufrieden.

»Fünfundzwanzig Mark«, sagte ich zu dem Mann und machte mich schon bereit, ihm das Rausgeld auszuhändigen.

»Ich brauch dann einen Beleg«, sagte er und gab mir drei Zehnmarkscheine. Er sah völlig durchschnittlich aus, ein Mann, den ich auf Mitte der vierzig schätzte: Er trug eine braune Stoffhose und schwarze Halbschuhe, dazu ein kariertes Hemd. Sein Haar war leicht angegraut.

»Kein Problem.« Ich steckte die drei Zehner ein, gab ihm einen Fünfer zurück und holte den Block mit den Belegzetteln heraus. Diese waren vorgedruckt; handschriftlich musste ich dort eine Summe eintragen, ein Darum hinzufügen und das Ganze mit meiner Unterschrift versehen.

»Schreib fünfzig!«, wies er mich an, in einem ruhigen Ton, ohne einen befehlshabenden Unterton.

Ich schüttelte den Kopf. »Sie haben aber für fünfundzwanzig getankt.«

Er schien verwirrt. »Das kann doch dir egal sein. Schreib die fünfzig drauf.«

Ich schüttelte erneut den Kopf. »Das wäre nicht korrekt. Sie haben für fünfundzwanzig getankt, also schreibe ich fünfundzwanzig.« Ich wusste, dass sein Vorgehen völlig üblich war. Manchmal schrieb ich den Kunden ihre höheren Zahlen auf den Beleg, bei diesem Mann hatte ich aber keine Lust.

»Was bildest du dir ein?«, sagte er scharf. »Schreib schon die verdammte Zahl da drauf.«

Ich schrieb »25,00« in das Zahlenfeld, kritzelte das Datum darunter und unterschrieb. Dann reichte ich ihm den Zettel. »Wenn ich Steuern bezahle, kann ich nicht tricksen«, sagte ich so ruhig, wie ich es mit meinen 19 Jahren konnte. »Also sollten Sie das auch nicht tun.«

Das Gesicht des Mannes verfärbte sich. Während er den Fünfmarkschein und die Quittung einsteckte, erreichte die rote Farbe nicht nur seine Wangen, sondern auch seine Stirn.

Dann brüllte er los. »Du hast keine Ahnung von Steuern, du weißt doch gar nicht, was das bedeutet. Ich werd' mich bei deinem Chef über dich beschweren, so eine Unverschämtheit aber auch.«

Ich unterstückte den Impuls, ebenfalls zu brüllen, sondern blieb ruhig. Der Feierabend stand vor der Tür, und ich musste ohnehin noch eine Abrechnung machen. »Vielen Dank für Ihren Besuch«, sagte ich höflich, drehte mich zur Seite, sah einen anderen Kunden, der zahlen musste, und wandte mich zu diesem um.

Hinter mir brüllte der Mann mit dem karierten Hemd noch eine Weile weiter. Ich achtete nicht darauf. Irgendwann knallte eine Autotür, ein Motor heulte auf, und sein Auto schoss mit überhöhter Geschwindigkeit von der Tankstelle weg und auf den Parkplatz hinaus.

Meine Hände zitterten vor Anspannung.

21 Juni 2018

1992 gab's ein Souvenir-Buch

Dieser Tage blätterte ich mal wieder das »Souvenir Book« durch, das im April 1992 veröffentlicht wurde. Es war eine Zeitschrift, die zum FreuCon '92 herauskam; das wunderbare Covermotiv stammte von Frans Stummer.

Diese Veranstaltung war ein größeres Science-Fiction-Treffen in Freudenstadt, zu dem rund 800 Leute anreisten und bei dem ich als »Chairman« fungierte. Weil es eine Veranstaltung war, die wir teilweise zweisprachig hielten, gab es haufenweise englische Begriffe und Titel. Kein Wunder: Wir hatten Besucher aus ganz Europa, aus Amerika und Asien, aus gut zwanzig Ländern.

Das alles versuchte das »Souvenir Book« wiederzuspiegeln. Von mir stammte im Prinzip nur das Vorwort, bei dessen Foto ich verwundert feststellen muss, wie jung ich vor 26 Jahren aussah …

Von dem englischen Autor John Brunner hatten wir ein Gedicht, von dem amerikanischen Schriftsteller Norman Spinrad ein Essay, dazu kam ein Artikel über »Der stählerne Traum«, das heiß diskutierte Buch Spinrads. Auch die anderen Ehrengäste wurden vorgestellt, sowohl der Schotte Iain Banks als auch der Franzose Daniel Walther.

In weiteren Beiträgen ging es um Ungarn und Italien, das geplante Filmfest und generell die europäische Science-Fiction-Szene. Von der Autorin Uschi Zietsch hatten wir eine Kurzgeschichte – dass ich 26 Jahre danach immer noch mit ihr zusammenarbeiten würde, hätten wir uns damals sicher nicht vorstellen können –, und Hermann Ritter blickte launig auf die FreuCon-Geschichte zurück.

Schaue ich mir heute das 60 Seiten umfassende »Souvenir Book« an, das von Manfred Müller zusammengestellt und layouttechnisch betreut wurde, finde ich es immer noch richtig schön. Und ich blicke immer noch mit einigem Stolz auf diese Veranstaltung zurück. Schöne Erinnerung!

20 Juni 2018

Als Ultravox! noch ihr Ausrufezeichen hatten

Die Band Ultravox wurde in den 80er-Jahren vor allem durch ihren Synthie-Pop bekannt, Stücke wie »Vienna« laufen nach wie vor im Radio, sie wurden zu großen Hits. Als die Band noch ein Ausrufezeichen im Bandnamen hatte und von ihrem Sänger John Foxx geprägt wurde, machte sie Punkrock, und die Platte »ha! – ha! – ha!« ist nach wie vor eine meiner liebsten Schallplatten.

Ich habe natürlich nicht die original-englische Pressung von 1977, sondern eine deutsche Pressung von Island Records, die 1977 veröffentlicht wurde und die ich irgendwann 1979 oder 1980 kaufte. Ich höre sie immer wieder an und finde sie immer noch unfassbar gut. (Es ist die womöglich zweitbeste englische Punk-Platte des Jahres 1977, wobei die beste natürlich immer noch die von The Damned ist.)

Auf der »ha! – ha! – ha!« zeigen Ultravox! verschiedene Stilrichtungen: Mit Stücken wie »Rockwrok« – so richtig geschrieben! – oder »Frozen Ones« liefern sie Punk-Kracher, die bis heute als Blaupause für Punkrock dienen können, schnell und rotzig und mit einer knalligen Melodie, bei denen ich sofort herumspringen möchte.

Genial finde ich immer noch »Hiroshima Mon Amour«, ein episches und trauriges Stück, das man schon in die New-Wave-Ecke stecken kann, ebenso »Man Who Dies Every Day«: ein manisch hämmerndes Schlagzeug, der Stakkatogesang von John Foxx, die treibend-scheppernde Gitarre – das ist immer noch große Klasse. Die Stücke sind dabei nicht kurz; nur acht Lieder sind auf der Platte – für eine Punk-Band sind Lieder, die fünf Minuten lang sind, auch völlig unüblich.

Dazu kommen die Industrial-Elemente. Maschinenlärm mischt sich in die Stücke, die Gitarre klingt zwischendurch fürchterlich verzerrt, monströse Geräusche wabern durch die Melodien. Bei »Distant Smile« wird die Gitarre metallisch gespielt – aber eben nicht so wie bei einer Metal-Band, sondern messerscharf und mit einem fiesen Unterton.

Ultravox! machten 1977 eben nicht nur eine typische Punkrock-Platte, sondern sie schrieben Stücke, die über das Jahr hinausreichten. Höre ich mir die Platte heute an, stelle ich immer wieder fest, wie zeitlos sie klingt. Großartig!

Eine Blonde und ein großer Hund als Comic

Heutzutage ist es keine Sensation mehr, wenn der Comic-Künstler Hermann einen neuen Comic-Band veröffentlicht. In den 80er-Jahren war das Grund genug, sich mit den anderen Comic-Fans darüber auszutauschen und sich an den starken Zeichnungen zu berauschen. Comics haben mittlerweile eine Qualität, dass das Alleinstellungsmerkmal eines Hermann-Bandes nicht mehr existiert.

Mir fiel das an einem ganz wichtigen Punkt auf: Bereits 2014 erschien der Band »Eine Blonde und ein großer Hund«; es ist Band 33 der »Jeremiah«-Serie, ich kaufte ihn, und ich las ihn erst dieser Tage. Das wäre mir früher nicht geschehen; früher wäre so ein Comic bei mir keinen Tag gealtert oder in einem Stapel gelandet.

Und wenn ich heute auf die Seite von Kult Editionen blicke, dem Verlag, der die Serie veröffentlicht, fällt mir mit schamrotem Gesicht auf, wie viele Hermann-Comics ich in jüngster Zeit verpasst habe. Das muss ich alles nachholen ...

Denn wenngleich die ach so gute alte Zeit nicht mehr zurückkommen wird, zeigt auch dieser Band, warum ich die Serie so schätze: Die Dialoge sind lakonisch und trocken, die Figuren verhalten sich in dieser seltsam vertrauten Science-Fiction-Welt recht glaubhaft, und die Geschichte wird spannend erzählt.

Wieder geht es um Jeremiah, der in einer Stadt strandet. Sein Freund Kurdy ist verschwunden, Jeremiah sucht nach Informationen; es gibt eine seltsame Frau, die in dieser Stadt offenbar wichtig ist, und nur langsam passen alle Details für unseren Helden – und den Leser – so einigermaßen zusammen.

Die Bilder beeindrucken mich immer noch: Nebel, Schlick und Dreck füllen sie aus. Kämpfe werden erbarmungslos ausgetragen, es geht hart zur Sache. Trotzdem hat die Story einen leicht ironischen Unterton. Immerhin ist die Idee, dass Jeremiah zum Gespielin einer reichen Blondine werden soll, für sich schon schräg genug ...

Ich mag die düstere Zukunftswelt, die Hermann seit Jahrzehnten mit seinem »Jeremiah« beschreibt, und freue mich schon auf die nächsten Bände dieser Serie. Dass dieser Band 33 nicht mehr den »Boa hey«-Effekt bei mir auslöst wie die ersten zehn Bände, liegt wohl in der Natur der Sache.

(Dass viele Kritiker dem Künstler vorwerfen, er habe seinen Zenit überschritten, dürfte ihm völlig egal sein. Wer seine großen Zeiten in den 70er- und 80er-Jahren hatte, dürfte darüber in diesem Jahrzehnt nur müde lächeln.)

19 Juni 2018

Die Jenseitsinsel zum zweiten Mal

Im November 2004 erschien »Die Jenseitsinsel«, ein Fantasy-Kurzroman, den ich in der phantastischen Welt Magira ansiedelte. (Was Magira ist und welche Rolle ich dort spiele, erkläre ich an dieser Stelle nicht.) Der Roman wurde als kleines Taschenbuch veröffentlicht, die Auflage dürfte im niedrigen dreistelligen Bereich liegen – im Buchhandel konnte man das Büchlein nie kaufen.

Weil ich meine Magira-Geschichten allesamt in einem Buch bündeln und veröffentlichen möchte, arbeite ich sie in diesem Jahr noch einmal durch. Bei der »Jenseitsinsel« hieß das auch, auf die neue Rechtschreibung umzustellen, der ich mich 2004 noch verweigerte. Mittlerweile wäre ein Widerstand dieser Art in meinen Augen eher kindisch und wenig erfolgversprechend.

Nach vierzehn Jahren fallen mir natürlich auch andere Dinge auf. Wortwiederholungen bleiben immer mal wieder stehen, die kann ich entfernen; Füllwörter und unnötige Halbsätze gibt es anscheinend trotz gründlicher Bearbeitung. So gehe ich eben sehr sorgfältig durch das Manuskript und ändere, was zu ändern ist.

Dabei stelle ich fest, dass mir de Kurzroman tatsächlich noch gefällt. Schon klar, ich bin subjektiv; alles andere wäre sehr überraschend. Aber »Die Jenseitsinsel«, ein Text von der Länge eines Heftromans, funktioniert in meinen Augen nach wie vor sehr gut.

Und das ist dann ein echtes Selbst-Kompliment!

18 Juni 2018

Werner mit neuem Start?

In den frühen 80er-Jahren gehörten die »Werner«-Comics zur Grundausstattung meiner Sozialisation. Ich fand die Comic-Bände zwar nicht gerade supergut gezeichnet, mochte aber den seltsamen Humor der knollennasigen Helden. Sprüche wie »Bescheid« oder »Tass Kaff« wurden von vielen jungen Leuten benutzt, auch von mir.

Während der Bundeswehrzeit, die ich größtenteils verdrängt habe, lagen immer »Werner«-Comics auf der Stube. Sie wurden so oft und so lange gelesen, bis sie zerfleddert waren. »Werner« gehörte dazu, und das große Rennen im Jahr 1988 bekam ich aus der Ferne mit – zu jener Zeit reizten mich aber weder die Comic-Figur noch ihr Zeichner noch.

Das ist alles lange her. Einem Artikel in der »Brand Eins« – dieses Magazin empfehle ich immer –, der bereits im April erschienen war, den ich aber erst dieser Tage lesen konnte, entnehme ich, dass es Rötger Feldmann immer noch gibt, dass er mit bald siebzig Jahren an einem neuen »Werner«-Abenteuer arbeitet und dass das große Rennen wiederholt werden soll. Ein gelungener Artikel, den man glücklicherweise jetzt online nachlesen kann.

Es ändert nichts: »Werner« ist für mich kein Thema mehr. Die 80er-Jahre sind, zumindest was diese Comic-Figur angeht, komplett Geschichte. Die alten Storys funktionieren für mich nicht mehr, und eine Neuauflage reizt auch nicht. Aber ich freue mich, wenn es Feldmann noch einmal schafft und neu durchstartet. Dann halt ohne mich ...

17 Juni 2018

Der zweite Tag ist halt gemütlicher

Der Sonntag, 17. Juni 2018, ist deutlich ruhiger für mich als der vorherige Tag: Auf dem LiteraturCamp in Heidelberg ist die Luft nicht mehr so drückend und heiß, sondern deutlich angenehmer. Auch der Stress durch Vorträge und Sessions ist für mich ein wenig geringer. Das führt dazu, dass ich mehr Einzelgespräche führen kann.

Ich weiß beispielsweise nicht, wann ich mich zuletzt mit Jürgen Eglseer so lange und gut unterhalten habe. Er ist Verlagsleiter und Inhaber des Amrun-Verlages, in dem viele Fantasy- und Romance-Romane erscheinen; wir tauschten allerlei Erfahrungen und Informationen aus, was ich sehr interessant fand.

Ich sprach mit dem Autor Martin Krist und anderen Autoren und Verlagsleuten; ich nutzte die Chance, immer wieder Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Das LiteraturCamp ist eine Veranstaltung, die spontan und unverbindlich wirkt, in der das Miteinander und Durcheinander zum Programm gehört, in der auch Lebenshilfe und Überlebenstipps für Literaturleute im Zentrum stehen.

(Das Bild zeigt den Außenbereich des LiteraturCamps während der Mittagspause. Jürgen Eglseer ist der Mann im beigefarbenen T-Shirt rechts im Bild.)

16 Juni 2018

Diskussionen über Literatur (und so)

Ich bin an diesem Samstag zum dritten Mal in meinem Leben auf dem Literatur-Camp in Heidelberg. Und ich stelle fest, dass es durchaus schwierig ist, Außenstehenden zu erklären, was man da eigentlich macht. (Sieht man davon ab, dass ich herumsitze und herumstehe, irrsinnig viel rede, vor mich hin schwitze, gelegentlich schreibe und viel Wasser trinke.)

Aus meiner Warte ist das LitCamp HD, wie man es gut abkürzen kann, eine wunderschöne Gelegenheit, über die verschiedensten Varianten von Literatur zu sprechen. Ich rede mit Bloggerinnen und Autoren, mit Verlagsleuten und Personen, die als Dienstleister tätig sind. Und wir alle interessieren uns für Literatur im weitesten Sinn.

Weil die Bandbreite an Themen so groß ist und zehn Programmpunkte – oder »Sessions«, wie es hier heißt – parallel laufen, kann ich unmöglich alles wahrnehmen. Also picke ich heraus und nutze vor allem die Pausen, um viel zu reden und Leute zu treffen.

In einer Session informierten zwei Frauen aus dem Carlsen-Verlag über Impress – ein Imprint bei Carlsen – und ihre Versuche, eine jugendliche Zielgruppe für ihre Bücher zu verteidigen. Das fand ich spannend. In einer anderen Session erfuhr ich viel über aktuelle Romane, in denen »emotionaler Missbrauch« als Thema gibt.

Das alles ist interessant und bereichert meine Kenntnisse über den Literaturbetrieb. Allein dafür lohnt sich eine Anreise für mich.