27 März 2025

Eine Fahrt nach Leipzig

Der heutige Tag hat es in sich: Ich fahre zur Leipziger Buchmesse. Das erfolgt im Auftrag der Firma, ich bin also nicht privat vor Ort. Aber natürlich bin ich persönlich an allem interessiert, was ich in den Messehallen in Leipzig sehen, erleben und mitbekommen werde.

Aus verschiedenen Gründen fahre ich mit dem Auto; das hat Vor- und Nachteile. Ein wichtiger Vorteil ist: Wenn ich mir irgendwelche Bücher kaufe, muss ich sie nicht schleppen, sondern kann sie mit dem Wagen transportieren. In früheren Jahren habe ich auf diese Weise auch Getränke für Autorinnen aus Karlsruhe oder gleich Leute mitgenommen; wenn Platz ist, wird der genutzt.

Was ich mir persönlich von der Messe erhoffe? Ich mag es, zwischen den Ständen zu schlendern und mir Bücher sowie Verlage anzugucken. Zwar bin ich terminlich ein wenig eingespannt – ich fahre ja nicht zum Spaß dahin –, aber ich sollte für das Bummeln genügend Zeit haben.

Vor allem freue ich mich auf die Verlage und Selfpublisher, die sich mit phantastischer Literatur beschäftigen. In diesem Punkt hat sich die Messe in Leipzig in den vergangenen Jahren zu einer wichtigen Anlaufstelle entwickelt. 

Und natürlich schaue ich mir auch die – hier stimmt das dann wohl – MangaCon an, die in einer speziellen Halle abläuft. Wenn's mir dort nicht zu voll wird, versteht sich ...

26 März 2025

Zugfahrten sind toll

Ich kann in diesem Jahr nicht über die Deutsche Bahn schimpfen. Alle Züge, in denen ich im Jahr 2025 bislang stieg, fuhren pünktlich; Verspätungen von einer Minute oder zwei Minuten halte ich nicht für ernsthaft erwähnenswert. Mir ist klar, dass das eine Momentaufnahme ist – aber das ist das dauernde Genörgel ja ebenfalls.

Die letzte Fahrt hatte es allerdings in sich: Meine Sitzplatz-Reservierung hatte geklappt, aber ich hatte meinen Platz an einem Tisch bekommen.

Links von mir saß ein Mann, offensichtlich Lehrer von Beruf, und ihm gegenüber saß ein anderer Mann, ebenfalls Lehrer. Die beiden redeten ununterbrochen miteinander. Das war grundsätzlich in Ordnung: Sie redeten nicht laut, sie störten keine anderen Menschen im Ruheabteil, und ich finde, dass man Menschen nicht verbieten kann, miteinander zu reden. Es fällt aber schwer, sich auf den Text eines Manuskriptes zu konzentrieren, wenn neben einem über Schülerinnen und Schüler, Kollegen und die Politik geplaudert wird.

Knifflig war mein Gegenüber. Er hatte eine Tasche auf den Boden gestellt und saß so da, dass ich meine Beine kaum ausstrecken konnte. Ich behalf mir, indem ich sie ständig in den Gang streckte: eine Stolperfalle für manche Mitreisenden.

So wurde meine Fahrt nicht langweilig. Aber sie war sicher nicht so effizient, was die Arbeit angeht, wie ich mir das im Vorfeld erhofft hatte ...

Eine sehr gelungene Gesamtausgabe

Mit den »Blauen Boys« wurde ich schon als junger Comic-Leser konfrontiert. Die Geschichten wurden unter anderem als »Bud und Chester« veröffentlicht, teilweise mit sehr dümmlichen Titeln für die einzelnen Bände. Die Serie erscheint aber seit einiger Zeit beim Verlag Salleck Publications, aktuell liegt der fünfte Band der Gesamtausgabe vor.

Es ist – so finde ich – durchaus diskutabel, über welche Themen man Witze reißt. Kann und darf man über einen Krieg, in dem mehr als eine halbe Million Menschen gestorben ist, einen Comic machen, der durchaus amüsant ist und in dem klar trotzdem gezeigt wird, wie sich Soldaten gegenseitig umbringen?

»Die Blauen Boys« spielt im amerikanischen Bürgerkrieg, und seine Hauptpersonen sind zwei Soldaten der Unionsarmee: Während der eine durchaus begeistert in die Schlachten zieht, versucht der andere, sich aus allen Problemen herauszuhalten, und simuliert bei einem Angriff, um nicht weiterkämpfen zu müssen – er hat keinerlei Lust auf Krieg.

Die Haltung der Comic-Künstler wird klar: Krieg ist immer ein Verbrechen, auch wenn man ihn humoristisch verbrämt. Das zeigt sich vor allem in einer der drei Geschichten dieses Bandes der Gesamtausgabe: Nord- und Südstaatler kämpfen um eine Kleinstadt – am Ende geht sie nach sinnlosen Kämpfen in Flammen auf, und die Einwohner müssen zusehen, wie ihre Stadt verbrennt.

Raoul Cauvin als Autor versteht sein Handwerk. Die Gags sitzen, die Figuren sind klar charakterisiert. Und Lambil als Zeichner schafft es, die Knollennasenfiguren in einen fürchterlichen Krieg zu schicken, so dass die einzelnen Bilder teilweise sehr lustig aussehen. Die Botschaft kommt an, die Geschichten sind trotzdem witzig – es ist der Humor der klassischen frankobelgischen Comics, heute also nicht mehr taufrisch.

Wer aber auf ebendiese frankobelgischen Funnys steht, dem dürfte das hier gefallen. Ich zumindest mochte den fünften Band der gelungenen Gesamtausgabe!

25 März 2025

Rastatt und die Rechten

Ich arbeite seit langen Jahren in Rastatt, wohne aber in Karlsruhe, pendle also zur Arbeit. Von der Stadt, in der ich arbeite, bekomme ich nicht viel mehr mit als mein Büro und einige Straßen in der Umgebung. In all den Jahren erhielt ich keinen guten Eindruck von der Stadt und ihren Bewohnern, weshalb es mich auch nicht wunderte, dass die AfD vergleichsweise viele Stimmen erhielt und vor allem bei den Zweitstimmen sehr gut abschnitt.

»Warum wählen die Leute eigentlich die Rechtsradikalen?«, fragte ich eine Bekannte, die in Rastatt wohnt. »Den Leuten hier geht’s doch gut, sie haben Arbeit, und die Wirtschaft floriert.«

Sie hob die Schultern. »Frag mich nicht!« Dann brach es aus ihr heraus. »Bei uns in der Straße wohnen eigentlich nur Russen und Türken, und die haben alle die AfD gewählt.«

Ich verzichtete darauf, politisch korrektes Sprechen zu erbitten. Darum ging’s echt nicht, und ich wusste ja, was sie meinte. Verblüfft war ich sowieso.

»Und wieso wählen diese Leute ausgerechnet die AfD? Ich meine, die Türkischstämmigen wollen die AfDler doch auch abschieben.«

»Das ist es ja«, ereiferte sie sich. »Es ist einfach der Neid. Die sagen: Als sie nach Deutschland gekommen seien, habe ihnen der Staat nicht geholfen. Und jetzt kommen die ganzen Flüchtlinge, und die kriegen den Puderzucker reingeblasen; denen baut man ein Haus, die erhalten neue Möbel und schicke Klamotten. Es ist der pure Neid.«

Vielleicht sind manche Polit-Analysen gar nicht so kompliziert, dachte ich und wechselte das Thema. Schließlich schien die Sonne, und das fand ich viel ansprechender.

24 März 2025

Mein letztes Roman-Seminar

Wie lang ich als Dozent in Wolfenbüttel tätig bin, war mir selbst bis vor Kurzem gar nicht so richtig bewusst: Es sind dreißig Jahre. Zu meinem ersten Seminar reiste ich 1995 an die Bundesakademie für kulturelle Bildung nach Wolfenbüttel, seither folgten viele Seminare. Am vergangenen Wochenende war ich zum letzten Mal in Sachen phantastischer Roman unterwegs.

Zum wiederholten Mal war Kathrin Lange als Autorin mein Pendant – während ich die Sicht eines Redakteurs hatte, brachte sie den Blick einer Autorin und einer erfahrenen Schreiblehrerin ein. Gemeinsam leiteten wir die Autorinnen und Autoren durch das Seminar, unterstützt von Olaf Kutzmutz von der Bundesakademie. Von Freitagmittag bis Sonntagmittag sprachen wir im Schloss von Wolfenbüttel über Literatur und Veröffentlichungen, Science Fiction und Fantasy, Figurenbau und Weltenbau, Verlage und Handel. 

Und wie immer war ich am Ende recht erschöpft. Letzlich ist man als Dozent rund um die Uhr im Einsatz, und abends geht es nach dem eigentlichen Programm noch ein bisschen länger. Ich fand's wieder unterhaltsam und bereichernd, wir lachten viel, trotz aller engagierter Gespräche. Es war ein tolles Wochenende!

20 März 2025

Fußballfans aus Baden

Ich war mit dem Training am Ende und stand an meinem Spind. Während ich mich auszog, damit ich schnell unter die Dusche konnte, hörte ich dem Gespräch zu, das sich einige Meter von mir entfernt entwickelte.

»Wie war’s denn beim KSC?«, fragte der eine, sicher schon über siebzig Jahre alt.

»Eigentlich ganz gut, aber halt wieder unentschieden«, sagte der andere, der wohl ein ähnliches Alter aufwies. Beide sprachen den weich klingenden Dialekt der Region. »Aber was ich interessant fand: Ich bin mit Fans ins Gespräch gekommen, die aus Whyl waren.«

»Aus Whyl? Aus dem Whyl, wo die damals das Atomkraftwerk bauen wollten.«

»Ja, genau das Whyl im Südbadischen.« Er lachte leise. »Eigentlich hätten bei uns schon vor vierzig Jahren die Lichter ausgehen müssen; so haben sie’s uns versprochen.«

»Ja ja. Aber was machen Leute aus Whyl beim KSC? Die könnten doch in Freiburg ins Stadion gehen. Das wäre näher.«

Mittlerweile stand ich nackt da, das Handtuch in der einen, das Duschgel in der anderen Hand. Aber ich wollte noch ein wenig zuhören, die Neugier war zu groß.

»Das sind echte Badener, die wollen unbedingt zu einem badischen Verein halten. Aber in Freiburg ist’s denen zu brav. Da wird geklatscht, wenn ein Tor fällt, ansonsten verhält man sich zivilisiert.« Das Wort klang, als ekle er sich. »Die fahren nach Karlsruhe – weil bei uns im Stadion geschrien wird. Wenn die zum Fußball gehen, wollen die halt auch schreien.«

Das klingt schlüssig, dachte ich. Dann machte ich, dass ich in die Dusche kam.

19 März 2025

Ein paar Worte zu Rainer Schorm

Als ich erfuhr, dass Rainer Schorm gestorben war, schockierte mich das mehrfach: Nur wenige Stunden zuvor hatte ich erfahren, dass Swen Papenbrock nicht mehr lebte. Beide kannte ich seit den 80er-Jahren, mit beiden hatte ich viele Jahre zusammengearbeitet.

Bei Rainer Schorm begann der Kontakt schon in den frühen 80er-Jahren. Für mein Fanzine SAGITTARIUS lieferte er Comics und Bilder; ich erinnere mich an ein eindrucksvolles Science-Fiction-Gemälde, das wir als Titelbild veröffentlichten. Zu jeneer Zeit war SAGITTARIUS kein Fanzine mehr, sondern eine semiprofessionelle Zeitschrift, die von mehreren Menschen herausgegeben wurde.

Unser Kontakt war nie eng, wir trafen uns nur alle paar Jahre. Dabei wohnten wir beide am Rande des Schwarzwalds: ich im Norden, er im Süden. Wir sind uns wohl beim FreuCon über den Weg gelaufen; an Details erinnere ich mich nicht.

Ich bekam mit, wie er als Grafiker immer mehr veröffentlichte, wie er in das Geschäft mit Heftromanen einstieg – er arbeitete unter anderem für »Gaslicht« und andere Serien. Das war nicht gerade eine Serie, mit der ich mich gut auskannte, aber ich sah, wie Rainer immer mehr veröffentlichte.

Ab den Zehner-Jahren arbeiteten wir zusammen. Er schrieb Romane und Exposés; wir mailten viel, wir trafen uns ab und zu, wir diskutierten miteinander. Wir waren uns nicht immer einig, was in der Natur der Sache liegt – Autoren und Redakteure ticken nun mal unterschiedlich.

Und jetzt ist er weg. Ich kann’s immer noch nicht fassen.

Farbenspiele in einem Bilder-Roman

Mit seinen wunderschönen Büchern über Mäuser und ihre Abenteuer wurde Torben Kuhlmann berühme. Seine Geschichten zeigen in Wort und Bild, zu welchen Taten sogar Mäuse fähig sind, wenn sie Ehrgeiz entwickeln – sie können Albert Einstein helfen oder zum Mond fliegen. Mit »Die graue Stadt« liegt seit 2023 ein Buch vor, in dem nicht Mäuse die Hauptrolls spielen, sondern ein Mädchen namens Robin.

Diese ist mit ihren Eltern in eine fremde Stadt gezogen, die ohne jegliche Farbe auskommt. Alles ist grau, und Robin fällt mir ihrem gelben Regenmantel unglaublich auf. Das Mädchen trifft Menschen, die klammheimlich auf Farben stehen, und kommt bald einer echten Verschwörung auf die Spur …

Klar, das ist ein Kinderbuch, und wer meckern möchte, kann die Parallelen zu Michael Endes Klassiker »Momo« ziehen. Aber das wäre nicht angebracht: Kuhlmanns Buch lebt nicht nur von der einfachen, aber eindrücklichen Geschichte, sondern vor allem von den Bildern: Sie sind groß und zeigen immer wieder graue Flächen, vor denen ein Mädchen im gelben Mantel stets auffallen muss.

Wer mag, kann das politisch lesen: ein bunter Widerstand gegen eine graue Welt. Das ist vom Autor sicher auch beabsichtigt. Wer aber mag, kann das Buch einfach nur als ein schönes Bilderbuch genießen, das sich an Erwachsene wie an Kinder gleichermaßen richtet. Klasse!

Erschienen ist das Buch wie die bisherigen Bücher von Torben Kuhlmann im Nord-Süd-Verlag. Weitere Informationen gibt es unter anderem auf der Verlagsseite im Internet.

18 März 2025

Die Minipressenmesse 2025

Ich kenne die Buchmesse der Kleinverlage und Handpressen seit den 80er-Jahren; irgendwann hatte ich bei dieser Veranstaltung in Mainz auch einen eigenen Stand. In diesem Jahr findet die Mainzer Minipressen-Messe zum siebenundzwanzigsten Mal statt, und ich kann wegen terminlicher Engpässe wieder nicht dabei sein.

Dabei lohnte sich für mich immer der Besuch. Nicht finanziell, das sicher nicht, schließlich kaufte ich mir immer zu viele Bücher. Aber die Messe lohnte sich, weil sie mir neue Verlage zeigte, weil sie frische Einblicke ins literarische Geschehen bot und weil ich viele Leute traf, die ich kannte oder während der Veranstaltung kennenlernte.

Es ist gut dreißig Jahre her, dass es während der Messe sogar ein Fußballspiel gab, an dem ich teilnahm und nach dem ich einen fürchterlichen Muskelkater hatte. Ich habe viele Erinnerungen an die Messe, und ich bedauere, sie auch 2025 nicht besuchen zu können. Vielleicht klappt es zu einem anderen Zeitpunkt mal wieder.

Wajdi aus Jemen

Ein Junge aus dem Jemen, zehn Jahre alt, der keine Eltern mehr hat und der als Flüchtling in Frankreich gelandet ist: Wajdi hat ein schlimmes Schicksal hinter sich, aber offenbar winkt ihm eine schöne Zukunft – ein französisches Ehepaar will den Jungen adoptieren. Doch niemand hat mit den Schwierigkeiten gerechnet, die auf die drei Menschen zukommen ...

»Die Adoption« war bislang ein Comic-Zweiteiler aus Frankreich, in dem es um die berührende Geschichte einer Adoption mit Hindernissen ging; dabei kam das Kind aus Südamerika. »Wajdi« ist der dritte Band, der allerdings ohne Nummerierung erschienen ist und auch nichts mit der ersten Geschichte zu tun hat. Lesenswert finde ich ihn trotzdem – es ist eine zutiefst menschliche Geschichte, verpackt in eine moderne Graphic Novel.

Der Texter Zidrou erzählt die Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger, sondern lässt seine Charaktere für sich sprechen. Die beiden Eltern haben ihre Schwächen, der kleine Junge versteht kein Wort, auf beiden Seiten wachsen die Missverständnisse – und dann läuft der Junge weg, versteckt sich irgendwo in Nantes, wo die Familie lebt. Das alles zeigt Zidrou in klaren Dialogen und spannenden Szenen; es wird immer klar, wer wie handelt und wieso manche Handlung eben zu schlechten Konsequenzen führt.

Umgesetzt wird das Ganze von Arno Monin, der mit feinem Strich und sanften Farben eine packende Realitätsnähe schafft. Häuser und Landschaften, regennasse Straßen und Pflanzen – das alles sieht bei ihm stark und realistisch aus. Die Figuren sind weit davon entfernt, »funny« zu sein, sind aber nicht streng realistisch. Das schadet der Geschichte nicht, ganz im Gegenteil; sie gewinnt dadurch an Dynamik.

In Zeiten, wo allenthalben darüber gesprochen wird, wie man »unerwünschte« Menschen wieder loswerden kann, ist so ein Comic eine wunderbare Antwort. »Die Adoption« verschweigt nicht die Schwierigkeiten, erzählt aber vor allem eine gelungene Geschichte, die im Hier und Jetzt und mit »ganz normalen« Menschen spielt. Toll.

(Erschienen ist das Album im Splitter-Verlag. Das Buch ist 144 Seiten stark. Ich empfehle, die Leseprobe anzuschauen.)

14 März 2025

Douglas wird gecancelt

Ich muss an dieser Stelle unbedingt eine vierteilige Fernsehserie empfehlen, die derzeit bei ARTE in der Mediathek zu sehen ist: »Douglas Was Cancelled« kann man als Satire bezeichnen, ist streckenwese durchaus witzig, hat aber einen fiesen Unterton und behandelt unterm Strich ein wichtiges und ernsthaftes Thema. Ich betrachte die Serie als eine Mediensatire, aber eine von der Sorte, bei der einem das Lachen immer wieder im Hals stecken bleibt.

Hauptperson ist Douglas, ein erfolgreicher Fernseh-Moderator. Weil er bei einer Party angeblich einen sexistischen Witz erzählt hat, beginnt eine Kampagne über Twitter gegen ihn, die immer seltsamere Züge annimmt. Langsam erst wird klar, was wirklich hinter allem steckt. Alles steuert auf einen Höhepunkt hin, der dann aber sehr folgerichtig erscheint.

Die Serie greift die Themen »me too« und »cancel culture« auf, über die sich in den vergangenen Jahren viele Leute echauffiert haben. Aus unterschiedlichen Gründen … Macht und Medien werden thematisiert, vor allem aber Machtgefälle und Manipulation.

Wenn man es genau nimmt, geht es um fünf Personen und ihr Verhältnis zueinander, dazu kommen drei, vier Neben-Charaktere, die ebenfalls stark in Szene gesetzt werden. Douglas ist ein »alter weißer Mann«, der ein wenig onkelhaft wirkt. Seine Ehefrau ist Chefin einer Boulevard-Zeitung, die weiß, wie der Medienzirkus funktioniert. Seine Tochter ist eine junge Feministin. Seine Co-Moderatorin ist jung und attraktiv und selbstbewusst. Sein Produzent ist ebenfalls weißhaarig und erfolgreich.

Die Figuren stecken in einem spannenden Beziehungsgeflecht, das sich Stück für Stück entblättert. Ich fand das sehr glaubwürdig geschildert und toll gespielt – unbedingt ansehen!

13 März 2025

Die neue Rose in Trauer

Wenn ich gefragt werde, welche Punk-Band der ersten englischen Welle ich am besten finde, sage ich immer The Clash. Geht es aber um die beste Platte, nenne ich immer die erste Langspielplatte von The Damned. Keine Ahnung, wie oft ich die Platte in den vergangenen Jahrzehnten gehört habe – für mich steckt sie immer noch voller Hits und Details.

Das wohl beste Stück darauf ist »New Rose«, ein echter Knaller, vorangetrieben durch eine energische Gitarre und eine wütende Stimme, am Ende durch ein schepperiges Schlagzeug abgerundet. Wenn man möchte, ist es eine der Blaupausen für das, was später als Punkrock von der Insel bekannt werden sollte.

Verantwortlich für diese charakteristische Gitarre war Brian James. Später sollte er mit der Band The Lords Of The New Church, die ich in den 80er-Jahren sehr gern hörte, zu einem der Leute werden, die Gothic-Rock praktisch mitbegründeten. Der Gitarrist konnte also mehr als »nur« Punkrock.

Am Donnerstag vor einer Woche starb Brian James; er wurde 70 Jahre alt. Seine Musik begleitet mich seit Jahrzehnten. Ich werde sie in Ehren halten und bin – in dieser eh traurigen Woche – auch seinetwegen sehr betrübt.

12 März 2025

Ein schwammiger Krimi

Es gibt Romane, bei denen möchte ich unbedingt, dass sie mir gefallen, wenn ich mit der Lektüre beginne. Deshalb lese ich auch weiter an ihnen, auch wenn sie mich nicht packen. Und am Ende bin ich sehr gespalten in meiner Meinung. So ging es mir zuletzt bei dem Roman »Vermisst« des israelischen Schriftstellers Dror Mishani.

Es ist der erste Fall der Serie um den Inspektor Avi Avraham, die auch schon verfilmt worden ist; das alles spielt im Großraum Tel Aviv und klingt sehr interessant. Ein 16 Jahre alter Jugendlicher ist verschwunden, Inspektor Avraham schlägt sich mit den Ermittlungen herum, ein Nachbar verhält sich seltsam, und erst am Ende wird klar, was eigentlich wirklich passiert ist – um auf den letzten Seiten noch eine ungewöhnliche Wendung zu erhalten.

Der Stil bereitete mir große Probleme. Der Autor schreibt schwammig, anders kann ich es nicht nennen. Die Abfolge von kleinen Szenen stimmt nicht richtig, oft ist nicht klar, welche Person eigentlich gerade was tut, und die eigentliche Hauptfigur ist langweilig und uninteressant.

Der Fall an sich und die Ermittlungsarbeit sind interessant, die Auflösung hat mich dann auch echt gepackt. Bis ich soweit kam, musste ich mich aber teilweise sehr plagen.

»Vermisst« erschien 2022 als Taschenbuch; die erste Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum liegt Jahre zurück. Vielleicht handelt es sich bei dem Roman um ein Frühwerk des Autors, vielleicht hat er mittlerweile an erzählerischer Qualität gewonnen.

Mich konnte dieser Krimi allerdings nicht fesseln, und auf weitere Werke von Dror Mishani bin ich nun nicht mehr neugierig. Schade.

11 März 2025

Swen Papenbrock ist tot

Dass der Illustrator, Comic-Zeichner und Künstler Swen Papenbrock gestorben ist, hat sich gestern wie ein Lauffeuer in den Sozialen Medien verbreitet. Ich möchte an dieser Stelle – es ist ja mein privater Blog – einige persönliche Worte loswerden. Meine offiziellen Texte stehen dann an den offiziellen Stellen.

Wann ich Swen genau kennengelernt habe, weiß ich gar nicht mehr. Vom Namen her kannte ich ihn seit den 80er-Jahren. Er gestaltete Fanzines, und dabei fiel mir sein Name auf. In direkten Kontakt traten wir erst durch unsere Zusammenarbeit bei der größten Science-Fiction-Serie der Welt: Irgendwann stand Swen bei mir im Büro, wir unterhielten uns über Romane und Bilder und alle anderen Themen.

Dass er seit 1995 für unsren Verlag tätig war, war irgendwie folgerichtig. Ich weiß nicht, wie viele Titelbilder und Innenillustrationen er für uns anfertigte, aber viele von diesen Bildern waren beeindruckend und prägten das Bild unserer Serie. Ich selbst hatte gar nicht so viel mit Swen zu tun; die Kommunikation lief meist über die Kollegin oder den Kollegen, der oder die sich mit den Titelbildern beschäftigte.

Wenn wir uns trafen, war Swen stets ein angenehmer Gesprächspartner, sehr zurückhaltend, fast schüchtern, in seiner Arbeit aber auch sehr kompetent. Sein viel zu früher Tod stimmt mich in diesen Stunden und Tagen sehr traurig.

(Das Bild hier stammt von Martin Steiner. Es zeigt Swen Papenbrock bei einer Signierstunde anlässlich des PERRY RHODAN-WeltCons 2011.)

Wie stellt man das Grauen dar?

Das deutsche Menschheitsverbrechen hat bekanntlich einen Namen: Auschwitz. Die monströsen Taten, die in Auschwitz begangen worden sind – teilweise von »ganz normalen« Leuten – dürfen nicht vergessen werden, auch wenn schon viel Zeit vergangen ist. Eine Graphic Novel wie »Adieu Birkenau – Eine Überlebende erzählt« ist ein Beispiel dafür, wie man das Thema auch in die heutige Zeit sowie eine mögliche Zukunft überführen kann.

Erzählt wird von Ginette Kolinka. Sie ist eine sogenannte Zeitzeugin, die Auschwitz überlebt hat. In Frankreich tritt sie an Schulen auf und berichtet Kindern und Jugendlichen von der damaligen Zeit. 2020 nimmt sie mit Jugendlichen an einer Gruppenreise nach Polen teil, in deren Verlauf auch das ehemalige Lager besucht wird. Das schildert dieser Comic, an dem verschiedene Leute mitgewirkt haben: ein Journalist und ein Comic-Autor ebenso wie Illustratoren.

Ginette Kolinka wird 1944 aus Südfrankreich nach Auschwitz deportiert, wo ihr Vater und ihr Bruder gleich ermordet werden, während sie arbeiten muss und deshalb überlebt. Beim Besuch der Gedenkstätte kommen die Erinnerungen hoch: Wenn sie den Jugendlichen ihre Jugend vor Augen führt, sieht sie selbst sich als Schatten zwischen den Mauern der alten Gebäude.

»Adieu Birkenau – Eine Überlebende erzählt« ist ein realistischer Comic, der auf zwei Ebenen arbeitet: Er spielt in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Er zeigt die Hauptfigur nicht nur tragisch, sondern auch humorvoll, und er verdeutlicht, wie sie mit ihrem Schicksal umgeht. Ein historischer Anhang mit Texten und Bildern ordnet das Geschehen zusätzlich ein.

Ich halte diesen prächtig gestalteten Band für eine wichtige Lektüre. Wer sich mit dem Thema bereits auseinandergesetzt hat, bekommt zwar keine neuen Fakten vermittelt, gewinnt aber eine interessante Perspektive. Wer bisher noch keinen Zugang hatte, erfährt durch Ginette Kolinkas Leben vom Schrecken der Nazi-Herrschaft.

Absolut lesenswert!

10 März 2025

Insekten im Bernstein

Der amerikanische Schriftsteller Tom Reamy starb bereits 1977 im Alter von gerade mal 42 Jahren. Seine Erzählung »Insekten im Bernstein« wurde in der gleich betitelten Anthologie veröffentlicht, und es ist der erste Text des Autors, den ich bislang gelesen habe – zumindest ist es der erste, der mir bewusst geworden ist.

Wenn man es genau nehmen will, handelt es sich um eine Erzählung; für eine Kurzgeschichte ist der Text zu lang. Eine Gruppe von Reisenden strandet in einer Regennacht, weil die Straßen überschwemmt sind, mitten in der Pampa. Ein leerstehendes Haus bietet Zuflucht. Die Menschen flüchten sich dorthin – eine zusammengewürfelte Gruppe. Aber wie sich bald herausstellt, sind nicht alle zufällig in diesem Haus – und das alte Gebäude birgt einige gruselige Geheimnisse …

Was in der Zusammenfassung wie eine Gruselgeschichte klingt, ist es über weite Strecken auch. Trotzdem hat die Geschichte nicht nur einen Horror-, sondern ebenso einen eindeutigen Science-Ficiton-Anteil. Sie ist wirklich spannend, sie hat gute Figuren, und die Dialoge sind durchaus überzeugend.

Heute würde man aus »Insekten im Bernstein« einen dickleibigen Roman machen. In ihrer knappen Sprache ist die Erzählung aber überzeugend. Sehr gelungen, erstaunlich frisch und unterhaltsam!

27 Februar 2025

Moderner Western als Klopper

Denkt man an Western-Comics, kommen einem unweigerlich die »üblichen Verdächtigen« in den Sinn: »Leutnant Blueberry« und »Comanche«, »Durango« und vielleicht noch »Jerry Spring«. Dabei ist das Genre immer noch lebendig, es gibt ständig neue Storys, die mich sogar überzeugen. Eine davon ist »Apache Junction«, dessen erster Zyklus nun als Gesamtausgabe vorliegt.

Die drei Alben, die in diesem Sammelband zusammengefasst werden, spielen in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Großen Indianerkriege neigen sich ihrem Ende zu, zumeist wurden die rebellischen Stämme in Reservate gedrängt, nachdem man sie vorher massakriert oder sie mithilfe von Krankheiten ausgerottet hatte. In Arizona sorgen Apachen noch für Unruhe; gleichzeitig treiben sich Waffenhändler herum, die ihre eigenen Geschäfte betreiben.

In seinem Comic-Dreiteiler erzählt Peter Nuyten eine packende Geschichte, die voller Spannung und Action steckt. Die handelnden Personen verraten sich gegenseitig, niemand traut einem anderen, und letztlich geht es nur um Geld und Macht. Das gibt der Story einen zynischen Charakter, vor dem die Apache-Krieger, die um ihre Freiheit kämpfen, fast schon wie tragikomische Figuren wirken.

Die Dialoge sind klar, die Handlung wird rasant vorangetrieben. Auch zeichnerisch weiß der Comic zu überzeugen. Nuyten hat gelegentlich kleinere Schwächen bei den Figuren, überzeugt ansonsten aber durch grandiose Landschaftsbilder und knallige Action-Szenen.

Wer Western-Comics mag und »Apache Junction« noch nicht kennt, sollte unbedingt einen Blick auf die Leseprobe werfen!

26 Februar 2025

Endlich mal die ART besucht

eit wie vielen Jahren die Kunstmesse ART in Karlsruhe veranstaltet wird, weiß ich nicht; die genaue Zahl ist für diesen Text nicht wichtig. In all den Jahren hatte ich es nicht für nötig gehalten, diese Messe zu besuchen; in diesem Jahr reizte es mich doch. Weil ich am Wochenende keine Lust auf Wahlkampf und Politik hatte, bot es sich an, einige Stunden durch die Hallen der Messe Karlsruhe zu schlendern. Und es schadet ja nicht, so dachte ich, sich mal Kunst in Massen anzugucken.

Tatsächlich ist die ART eine Messe, in der sich vor allem Galerien präsentieren. Die haben Standflächen, in denen sie die Bilder der Künstlerinnen und Künstler zeigen, die sie vertreten, oder auch Bilder von schon verstorbenen Malern, die sie eben auch verkaufen wollen. Neben diesen Bildergalerien gab es Standflächen, auf denen Plastiken standen, teilweise sehr eindrucksvoll.

Sagen wir so: 29 Euro für die Eintrittskarte fand ich stolz. Man muss sich ja auch ein bisschen verpflegen, wenn man bei so einer Messe ist; da kommt also schnell ein ordentlicher Betrag zusammen. Aber an diesem Tag störte mich das nicht. Tatsächlich bereute ich meine Anwesenheit nicht.

Es gab haufenweise an Klassikern zu bestaunen. Unter anderem waren Originale von Chagall und Drucke von Picasso ausgestellt, auch moderne Maler wie Magritte oder Lichtenstein konnte man bewundern. Aber natürlich gab es haufenweise Kunst von Menschen, die aktuell malten, zeichneten oder sonstwie gestalteten.

Teilweise war ich sehr beeindruckt, weil es sehr viele sehr tolle Bilder zu sehen gab. Bei manchem Kunstwerk war ich allerdings verwirrt, damit konnte ich nichts anfangen. Und natürlich gab es in den insgesamt vier Messehmallen genügend Bilder, die ich abstoßend und hässlich fand. Alles andere hätte mich allerdings überrascht – es kann schließlich niemandem alles gefallen, was bei so einer Ausstellung gezeigt wird.

Am Ende verlor ich fast den Überblick. Ich unterhielt mich mit dem einen oder anderen Galeristen; für den Kauf eines Bildes fehlte mir allerdings das Kleingeld. Wenn mir ein Bild gefiel und es ein entsprechendes Format hatte, lag der Preis schnell bei 8000 oder 10.000 Euro. So viel Geld habe ich dann doch nicht daheim herumliegen.

Aber seien wir ehrlich: Ich war von der ART positiv angetan. Allein schon die Unmenge an skurrilen Gestalten, die mir dort über den Weg lief, empfand ich als lohnenswert. Stoff für einige Geschichten ..

25 Februar 2025

Das kennt sicher niemand

Aus der Serie »Wie ich mal klugscheißern wollte und kläglich scheiterte«, die sehr viele Fortsetzungen bekommen könnte: Bei meinem Vortrag vor den Buchwissenschaftlerinnen in München gab ich einen kleinen Rückblick auf die Geschichte der Science Fiction. Dabei verwies ich auf den Roman, mit dem meiner Ansicht nach – und diese Ansicht ist von Brian W. Aldiss geklaut – die moderne Science Fiction angefangen hat: »Frankenstein« von Mary Shelley.

Ich dachte, ich könnte in einem Raum mit drei Dutzend jungen Frauen (und zwei, drei jungen Männern) locker und ohne Anstrengung damit punkten, dass ich die Science Fiction auf eine Frau zurückführte. Dazu leistete ich mir den großkotzigen Spruch: »Sicher hat niemand in diesem Raum den Roman gelesen, ich ja auch nicht.«

Eine sehr junge Frau in der vierten Reihe, übrigens die einzige mit bunten Haaren im Saal, zeigte auf. »Nein«, widersprach sie mir. »Ich hab’s gelesen.«

Ich stotterte ein wenig herum, weil ich damit nicht gerechnet hatte, bis ich mich gefangen hatte. Dann hakte ich nach, wie es ihr gefallen habe. Es sei ja doch ein wenig alt.

»Ganz gut«, gab sie locker zurück. Anfangs habe sie Schwierigkeiten gehabt, in den Stil reinzukommen, dann habe es ihr aber immer besser gefallen.

Ich stammelte noch ein »Respekt!«, hoffte darauf, dass ich nicht schamrot im Gesicht war, und sah zu, dass ich meinen Vortrag in vernünftiger Weise zu Ende brachte. Und nahm mir vor, den Klassiker nun endlich doch einmal selbst für die Lektüre vorzumerken …

24 Februar 2025

Kundgebung vor der Wahl

Einen Tag vor der Wahl wurde in Karlsruhe noch einmal zu einer Kundgebung aufgerufen, die sich »für die Demokratie« aussprach. Weil ich die ersten zwei Demonstrationen zu diesem Thema in diesem Jahr verpasst hatte, radelte ich am Samstag, 22. Februar 2025, bei frühlingshaftem Wetter in die Innenstadt und spazierte dort zum Marktplatz.

Ich bin schlecht darin, Menschenmassen zu schätzen. Etwa tausend, vielleicht auch 2000 Leute hatten sich auf dem Marktplatz versammelt, die meisten davon sahen »normal« aus: keine Autonomen, ein halbes Dutzend Punks, ansonsten die »Mitte der Gesellschaft«. Es herrschten selbstgemalte Plakate vor, was ich schon wieder ansprechend fand.

Die Rednerin erläuterte, dass es sich um ein Veranstaltung der Organisation »Migrants For Karlsruhe« handle. Den Veranstaltern gehe es darum, den Migranten in der Stadt eine Stimme zu geben; sie seien von dem aktuellen Rechtsruck stark betroffen. Die Idee, mal Migranten sprechen zu lassen und nicht nur über sie zu reden, gefiel mir.

Seltsam fand ich den Ansatz, Deutschlandfähnchen im Publilum zu verteilen. Man wolle die schwarzrotgoldene Fahne nicht den Rechten überlassen – was ja eigentlich ein guter Ansatz ist –, aber ich kann mit Nationalfahnen nicht viel anfangen. Immerhin wollte mir niemand eine Fahne andrehen.

Als hörte ich zu und klatschte am Anfang immer wieder Beifall. Einige der kurzen Ansprachen waren sehr interessant. Ein Mann, der zum Gemeinderat der Stadt gehört, erzählte von seiner Flucht, von seinem Leben in der ständigen Angst, abgeschoben zu werden. Mittlerweile sei er aber Deutscher, und er betrachte Karlsruhe als seine Heimat. Eine Frau aus Ruanda erzählte in englischer und deutscher Spache von ihrem Leben.

Ein Redner schilderte ebenfalls sein Leben. Seine Kinder und Enkel seien alle in Deutschland geboren. Er verwies dann auf das Leid der Palästinenser; sicher vergaß er zu diesem Zeitpunkt, auf die Kriege in anderen Weltregionen (Kongo, Sudan) hinzuweisen oder das Leid der israelischen Zivilbevölkerung zu erwähnen. Allerdings fragte ich mich schon, welchen Bezug es zum aktuellen Rechtsruck in Deutschland geben könnte. Aber das habe ich vielleicht nicht richtig verstanden.

Wie so oft bei Demos und Kundgebungen war die Musik teilweise zum Fremdschämen. Als ein HipHopper auf der Bühne von sich selbst und seinen Problemen mit sich selbst erzählte – oder »rappte« –, musste ich, weil ich dummerweise dreißig Sekunden lang auf den Text gehört hatte, gut hundert Meter zur Seite gehen. Auch den Liedermacher mit seiner Gitarre fand ich sehr grenzwertig; Geschmäcker sind allerdings auch verschieden.

Als ich dann wahrnahm, dass ein Grüppchen von Demonstranen eine palästinensische Flagge schwenkte, war ich kurz am Überlegen, wie ich mich verhalten sollte. Was hatte dieses nationale Symbol auf einer Kundgebung für Demokratie erloren, was wollten die Leute damit aussagen? Wollten sie mir klarmachen, dass die Hamas eine demokratische Organisation war – oder worum ging es bei dieser Flagge?

Schlagartig fiel mir ein, dass ich daheim noch Wäsche zu waschen und den Staubsauger zu schwingen hatte. Das war sinnvoller, als mich über Nationalistenkram aufzuregen. Ich beschloss zu gehen und radelte heim.

21 Februar 2025

Vierzig Jahre ACD

Es gibt Jubiläen, die habe ich nicht auf dem Schirm. Würde man mich nicht beständig an manche Termine und Jubelfeste erinnern, würde ich sie vergessen. Mir wäre nicht einmal mein eigener Geburtstag präsent.

So war mir nicht bewusst, dass der ATLAN-Club Deutschland in diesem Jahr vierzig Jahre alt wird. Ich selbst bin in diesem Verein Mitglied, und es ist einer der wenigen Science-Fiction-Vereinigungen, in denen ich immer noch mitmische: zwar nicht sonderlich aktiv, aber immerhin gelegentlich. Wenn ich bedenke, wie aktiv ich in den 80er-Jahren war, ist das heute nur noch beschauliches Feuer – aber besser als nichts.

Dem ATLAN-Club trat ich recht früh bei. Wenn ich mich düster erinnere, spendierte man mir das erste Jahr der Mitgliedschaft sogar, und danach blieb ich daheim. Das muss um 1986 oder 1987 gewesen sein; so genau weiß ich das nicht mehr, und es ist letztlich egal.

Der Club ist eines der letzten Bindeglieder an die blühende Science-Fiction-Landschaft der 70er- und 80er-Jahre. Damals konkurrierten viele Clubs und Fanzines miteinander, und überall waren aktive junge Leute am Start, die Geschichten schrieben, Bilder zeichneten, Bücher und Filme rezensierten und sich teilweise untereinander fürchterlich stritten.

Diese Zeit vermisse ich oft, auch wenn mir klar ist, dass ich – würde man mich heute in die 80er-Jahre versetzen – einen großen Teil der damaligen Konflikte mit Unverständnis quittieren würde. Ein bisschen reifer und älter bin ich offenbar geworden; auf der anderen Seite kann man jüngeren Menschen den Unsinn auch nicht mehr erklären, den unsereins damals betrieben hat.

Hin wie her: vierzig Jahre ATLAN-Club Deutschland. Ich bin schon ein bisschen beeindruckt. Sehr toll!

20 Februar 2025

Schickes Layout fürs Rollenspiel

In der Mitte der 80er-Jahre veränderte sich die Rollenspiel-Szene: Neue Spiele wurden mit vergleichsweise viel Marketing in den Markt eingeführt, und neue Zeitschriften entstanden, während sich bisherige Hefte professionalisierten. Die Zeitschrift »Simufant« mit ihrer sechsten Ausgabe ist ein schönes Beispiel dafür: Das Heft war zwar – immer noch – mit einem schwarzweiß gedruckten Innenteil ausgestattet und zeigte nur auf dem Titelbild ein wenig Farbe, wies aber bereits ein für damalige Zeiten professionelles Layout auf.

»Der Informator für die Neue Spielkultur« nannte sich das aus Hamburg stammende Heft stolz auf seiner Titelseite. Das klang ein wenig überzogen, aber die vierzig Seiten konnten sich durchaus sehen lassen und machen auch nach heutigen Gesichtspunkten einen guten Eindruck.

Es gibt Artikel zum Aufbau von Rollenspielen, neue Spiele werden vorgestellt, und es gibt eine detaillierte Beschreibung eines Spiels; wer sich in diesen Jahren auf Rollenspiele aller Art konzentrierte, war froh über zusätzliches Material, das er sich bei den großen Verlagen kaufen, in den Fanzines anschauen oder komplett selbst ausdenken musste.

Die »Simufant«-Ausgabe sechs, die im Frühjahr 1985 veröffentlicht wurde, liefert genügend Material für die Fans jener Zeit. Schaue ich mir das heute an, erinnere ich mich mit positiven Gefühlen an meine frühen Rollenspiele und die Begeisterung, die ich empfand, wenn ich die Rolle eines Kriegers, einer Elfe oder eines Monsters übernahm. Der »Simufant« passt wunderbar in diese Zeit!

19 Februar 2025

Ist das nun Kunst oder soll das weg?

In Karlsruhe wählt man eifrig die Grünen und engagiert sich für die Umwelt. Man sammelt eifrig den Müll und trennt ihn. Ist der Glascontainer in der direkten Nachbarschaft voll, beginnt man damit, ein Kunstwerk aus ihm zu machen: Verschiedene Menschen beteiligen sich daran, deponieren leere Flaschen auf dem Container oder drapieren sie so um den Container, dass die Leute von der Müllfirma, wenn sie irgendwann die Container leeren wollen, sicher erst mal eine Stunde lang Arbeit mit den einzelnen Flaschen haben werden.

Weil die Leute in Karlsruhe so ökologisch sind, vermeiden sie es auch, die 300 Meter zum nächsten Glascontainer zu gehen, der noch reichlich Platz gehabt hätte. Und so entsteht ein Kunstwerk der besonderen Art – alle paar Wochen sieht der örtliche Glascontainer dann so auf, wie es das Bild hier zeigt.

Ich muss die Leute wirklich nicht verstehen, denke ich.

Zamonische Ideen und Enttäuschungen

Ich weiß nicht, ob ich mich als Fan des Autors Walter Moers bezeichnen könnte. Sicher bin ich ein Fan des phantastischen Kontinents Zamonien, den er erschaffen hat und zu dem es schon einige Romane gibt. Die Phantasie des Schriftstellers überzeugt mich immer noch – trotz einiger echt schwachen Bücher in den vergangenen Jahren –, und das gilt auch für »Die Insel der tausend Leuchttürme«.

Der Roman ist nicht brandneu, aber ich beendete die Lektüre daran erst dieser Tage. Der Grund für die Verzögerung: Das Buch kann und muss man nicht am Stück lesen, es macht nichts, wenn man es einige Wochen liegen lässt. Auf einen Spannungsbogen verzichtet der Autor komplett, die Handlung plätschert gut 600 Seiten vor sich hin, um sich am Ende geradezu zu überschlagen. Das fand ich zeitweise enttäuschend.

Aber klar: Die phantastischen Ideen tragen einen Teil der Faszination, und so ärgert man sich bei der Lektüre nicht. Moers schickt wieder einmal seine Figur Hildegunst von Mythenmetz auf eine große Reise: Er muss zur Insel Eydernorn, wo er einen Kuraufenthalt gebucht hat; von dort as schreibt er ausführliche Briefe, in denen er die Insel beschreibt und von den Begegnungen mit den Einheimischen berichtet.

Das macht Moers wieder einmal toll: Die Insel mit ihren seltsamen Bewohnern wird mit viel Liebe und Phantasie beschrieben. Man erfährt einiges über die Leuchttürme der Insel, viel über den Sport und einiges über die merkwürdigen Tiere. Das liest sich unterhaltsam und ist immer faszinierend.

Spannung kommt halt wirklich keine auf. Beim Lesen gewann ich den Eindruck, dass der Autor drauflosgeschrieben hatte und sich erst am Ende darauf besann, was er eigentlich machen wollte. Dann wird es auch sehr heftig – aber das ist dann irgendwie okay.

Um es klar zu sagen: Wer den Kontinent Zamonien und die phantastischen Welten des Walter Moers schon kennt und schätzt, wird sich mit »Die Insel der tausend Leuchttürme« anfreunden können. Aber es ist eigentlich ein Buch, das niemand braucht …

18 Februar 2025

Phantastischer Comic zwischen Traum und Literatur

Peter Pan ist der Junge, der nicht erwachsen werden will. Seit er zum ersten Mal von James Matthew Barrie zu literarischem Leben erweckt worden ist, gehört er zu den bekanntesten Figuren der Kinder- und Jugendliteratur. Zahlreiche Adaptionen von Barries Werk gibt es: Filme und Bücher. Comics und Spiele. Mit »Peter Pan in Kensington Gardens« liegt ein phantastischer Comic vor, der zwar von Kindern erzählt, aber nicht unbedingt für Kinder gedacht ist.

Verantwortlich dafür zeichnet José Luis Munuera, der hierzulande schon durch verschiedene Comics bekannt geworden ist. Er versteht sich auf Funnys mit Knollennasenfiguren – etwa bei »Spirou & Fantasio« – ebenso wie auf eher realistische Zeichnungen. Das merkt man diesem aktuellen Comic an, der seine witzigen Szenen aufweist, tatsächlich aber eine traurig anmutende Geschichte erzählt.

Sie spielt in einer nicht genau definierten Zeit, irgendwann zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein kleines Mädchen verläuft sich im Park, der nachts abgeschlossen wird. Doch wenn die Dunkelheit hereinbricht, verwandelt sich der Park – er ist ein magischer Ort, der zwei Gesichter aufweist.

Bäume werden lebendig, sprechen miteinander und wollen Kinder fressen. Dunkle Gestalten, die wie verzerrte Männer aussehen, stromern durch den Park und suchen nach Beute. Und die Elfenkönigin mit ihrem Hof kommt aus ihrem Schloss, um durch den Park zu flanieren.

So löst die eine Welt die andere ab: Aus Tag wird Nacht, und die Schatten der Sonne sind anders als die Schatten des Mondes. Nur einer ist immer der gleiche: Peter Pan, der sich zwischen Raben und Elfen bewegt, der fliegen kann und sich ein wenig mit dem kleinen Mädchen anfreundet. Er möchte es zum Bleiben überreden, doch das Kind möchte heim zu seinen Eltern. Um das zu schaffen, muss erst ein magisches Rätsel gelöst werden …

»Peter Pan in Kensington Gardens« ist im Original eine Erzählung, die zu Recht kaum bekannt geworden ist. Sie stammt von James Matthew Barrie, hat aber wenig mit dem eigentlichen Mythos um Peter Pan zu tun. Das Nimmerland wird erwähnt, auch Captain Hook taucht als Name sowie als Bild auf; die Geschichte selbst spielt aber vollständig in London. Es empfiehlt sich in diesem Fall, nicht auf die Lektüre des Vor- und des Nachwortes zu verzichten, wenn man die Hintergründe kennen möchte.

Allerdings braucht man diese nicht unbedingt, will man nur der eigentlichen Story folgen. Diese funktioniert wunderbar für sich. In stimmungsvollen Bildern, die teilweise die ganze Seite einnehmen, zeigt Munuera die Begegnungen im nächtlichen Park. Sowohl Peter Pan als auch das Mädchen sind Kinder, aber sie verhalten sich unterschiedlich: Peter Pan ist auf seine Art völlig weltfremd und gleichzeitig unerschrocken, das Mädchen hingegen hat Angst.

Es wimmelt von schönen Details in diesem Comic. Treten zwei Figuren auf, kann man davon ausgehen, dass sich auch im Hintergrund etwas abspielt oder zwei Tiere auf einem Ast sitzen und der Szenerie zuschauen. Immer passiert etwas, immer zeigen die Bilder eine Bewegung. Der Autor und Künstler erschafft in diesem Comic eine zauberhafte phantastische Welt, die mich bei der Lektüre sehr in ihren Bann gezogen hat. (Unbedingt die Leseprobe betrachten!)

Man liest die 96 Seiten dieses gelungenen Comics – oder dieser Graphic Novel – nicht nur, man bewundert sie und kann sich in ihnen verlieren. Wer Phantastik mag, sollte dieses schön gestaltete Buch unbedingt antesten!

(Diese Rezension habe ich auch schon auf der PERRY RHODAN-Seite veröffetlicht. Hier wird sie wegen der Dokumentation wiederholt.)

Der letzte Liberale?

Wann immer in den vergangenen Jahren jemand über die FDP schimpfte – und dieser »Jemand« war sehr häufig ich selbst –, wandte ich ein: »Gerhart Baum ist ein Beispiel für einen Liberalen, vor dem ich Respekt habe.« Für mich war er immer der Kronzeuge für die »wahre FDP«, also jene liberale Partei, die es faktisch nicht mehr gibt.

In einer Demokratie gibt es Parteien für verschiedene Richtungen und Denkweisen. Die Grundrichtung einer liberalen Partei fand ich immer gut: Man hält den Staat aus seinen Angelegenheiten heraus, wo es nur geht, und man geht seinen eigenen Weg. Der Staat gibt eine gewisse Regelung vor, aber die sollte nicht ausarten. Rein von der Theorie her war mir die FDP also immer sympathisch.

Wirtschaftspolitisch war mir die FDP immer zu unsozial. Aber das ist ein anderes Thema. Fakt ist, dass liberales Denken in dieser Parte heute nur noch für die Wirtschaft und für die oberen Hunderttausend gilt. Ein liberaler Denker wie Gerhart Baum, den ich in Talkshows und Zeitungsbeiträgen immer als klarsichtig und eigenständig wahrnahm, war immer ein Zeichen für liberales Denken in Reinkultur, auch für »die alte Zeit« der Partei.

Dieser Tage starb Gerhart Baum im Alter von 92 Jahren. Zwischen all dem Wahlkampfgetöse bekam ich diesen Todesfall kaum mit. Ich bedauere seinen Tod – mit ihm starb einer der letzten echten Liberalen in diesem Land.

17 Februar 2025

Schräge Biber im Schnee

Das »Bambi« ist der kleineste Saal in der »Schauburg«, dem schönen alten Kino in Karlsruhe. Dort laufen eigentlich die Filme, bei denen die Veranstalter vermuten, dass nicht viele Besucher kommen. Als ich an diesem Abend zu einer Vorstellung dort war, empfand ich’s als brechend voll. Wenn ich es richtig sah, war jeder Platz belegt, sogar die erste Reihe komplett gefüllt.

Gezeigt wurde »Hundreds Of Beavers«. Um es vorwegzunehmen: Ich hatte am Ende fast einen Krampf in der Gesichtsmuskulatur, weil ich so oft hatte lachen müssen. Der Film war sicher der witzigste und gleichzeitig bescheuertste Streifen, den ich seit Jahren gesehen hatte. Es ist ein Schwarzweißfilm, der ohne jeglichen Dialog auskommt und mit einem minimalen Budget von 150.000 Dollar gedreht worden ist.

Die haarsträubende Geschichte: Ein Mann versucht sich im tiefsten Winter als Trapper, und er will vor allem Biber jagen. Dabei geht alles schief. Er versagt auch bei der Jagd auf Waschbären und Hasen; doch langsam wird er besser. Am Ende muss er aber in die Stadt der Biber vordringen, um dort die von ihm erjagten Felle zurückzuholen.

Das klingt recht normal, ist aber unfassbar blöd – im positiven Sinn. Es geht damit los, dass die Tiere durch Menschen in albernen Kostümen dargestellt werden; so wird ein Pferd sogar von zwei Leuten verkörpert. Biber und Waschbären, Wölfe und Hasen – sie alle sehen albern und zum Schreien komisch aus.

Der Film vermengt ganz nebenbei alles, was dem verwirrten Hirn der Macher entsprungen ist: Es gibt eine zünftige Schlägerei im Wirtshaus, es gibt haarsträubende Verfolgungsjagden, es gibt Sequenzen, die eher an ein »Jump and Run«-Spiel erinnern und auch dank der Zeichentrick-Sequenzen so aussehen. Wer mag, kann den Film übrigens als Fantasy betrachten: Die Stadt der Biber mit all ihren Maschinen und dem Sägewerk geht zumindest in die Richtung.

Seien wir ehrlich: Der Film wirkt sicher noch stärker, wenn man ihn sich betrunken anguckt. Ich saß nüchtern im Saal, das war zeitweise anstrengend. Aber ich bin sicher, dass ich »Hundreds Of Beavers« so schnell nicht vergessen werde. Der Streifen lohnt sich!