30 September 2010

Mein Körper rebelliert

Früher war es einfach: Die Buchmesse rückte näher, und ich bekam entweder fiesen Schnupfen oder einen Pickel auf der Nase. Dieses Jahr scheint mein Körper noch geschicktere Fallen zu stellen.

Am Samstag bekam ich einen Hexenschuss, so richtig fies. Ich latschte das Wochenende über wie ein Insekt durch die Wohnung, langsam und holperig. Mit lustigen Besuchen in der »Alten Hackerei« war da nix.

Am Montag ging ich zum Arzt, der renkte mich ein. Zwar tat der Rücken noch weh, aber ich konnte wieder vernünftig gehen, ohne die ganze Zeit zu jammern. Dafür begann die Rotzerei - der übliche Herbstschnupfen.

Und am Mittwoch dieser Woche: Ich überdehnte aus welchen Gründen auch immer eine Sehne. Mein linkes Bein ist völlig verzerrt seitdem, jede Bewegung damit schmerzt, und ich kann praktisch nicht darauf stehen, geschweige denn vernünftig gehen. Das Zounds-Konzert in der »Alten Hackerei« war unter diesen Umständen auch gestrichen.

Entweder mutiere ich mit rasantem Tempo zum Hypochonder, oder mein Körper signalisiert mir: »Ey, Alter, Buchmesse ist voll kacke. Bleib daheim aufm Sofa und trink Dosenbier.«

29 September 2010

Bei Marilyn am Straßenrand

Rückblick auf den Italien-Trip im August 2010

Die Namensgebung für Restaurants, Cafés und andere Einrichtungen ist mir nicht nur in Deutschland häufig ein Rätsel. In Italien bin ich häufig noch überraschter als hierzulande. So fragte ich mich am Donnerstag, 26. August 2010, nicht nur einmal, wieso man das sehr schlichte Café allen Ernstes als »Marilyn« bezeichnete.

Die kleine Stadt Zanica hat sicher ihre schöne Seiten, wir sahen sie aber nicht. Auf der Fahrt von Karlsruhe nach Verona hatte ich irgendwann dringende Lust, einen Kaffee zu trinken, und auf einer Autobahn-Raste wollte ich das nicht tun.

Also verließen wir auf der Höhe von Bergamo endlich einmal die Hauptstraße, eierten ein wenig über Nebenstraßen und landeten schließlich am Rand der gesichtslos wirkenden Kleinstadt Zanica. Im Untergeschoss eines mehrstöckigen Hauses war das Café »Marilyn«; im Innern flimmerte und dröhnte der Fernseher, im Schatten zwischen Haus und Straße standen einige Plastikmöbel.

Wir setzten uns an einen Tisch, begrüßten freundlich den schnauzbärtigen Mann nebenan, der eifrig rauchte und Zeitung las, uns ansonsten aber völlig in Ruhe ließ. Die blondierte Bedienung, die ansonsten mit großer Faszination eine Fernsehserie anguckte, brachte uns den gewünschten Kaffee, und der war stark und kräftig und wohlschmeckend, eben genauso, wie man sich das in Italien wünscht und vorstellt.

Irgendwie passte die kleine Kneipe zu dem, was die Stadt zu bieten hatte: alles ein wenig arg durchschnittlich und langweilig, gesichtslos eben – aber nach den Espressi, die wir tranken, fühlten wir uns definitiv besser und konnten weiterfahren. Also kein Wort mehr gegen »Marilyn«.

Angenehmes Deutschpunkgerocke

Von der Band Benzin hatte ich bis zum Jahr 2010 nichts gehört. Das hat nicht so viel zu bedeuten, schließlich kann man nicht alles mitkriegen; es könnte aber auch damit zu tun haben, dass die Band aus Ulm vor allem im Vorprogramm sogenannter großer Bands spielte und spielt, also für die Donots oder die Sportfreunde Stiller oder Sum 41.

Da passen sie auch gut hin, und das meine ich nicht despektierlich. Was Benzin machen, ist angenehm rockender Deutschpunk mit viel Melodie und schlau klingenden Texten in deutscher Sprache; früher hätte ich die Musik als »Kommerz-Punk« geschmäht, heute sehe ich das ganze eben als Musik, die mir gut gefällt, die aber eindeutig auf die Medien außerhalb der Punk-Szene schielt.

Wobei ein Stück wie »Bewegung« schon ziemlich cool klingt, auch das Titelstück der Platte überzeugt. Benzin ist eine Band, die den kommerziellen Erfolg schon gern hätte – zumindest wirkt sie so. Und ganz ehrlich: Bei der Musik und den Texten hätten sie so 'nen Erfolg auch verdient.

28 September 2010

In den Ockerminen

Reiserückblick auf den Mai 2010 in Südfrankreich

Hätte man mich vor dem Mai 2010 gefragt, wie Ocker aussehen würde, hätte ich gesagt, »irgendwie gelb bis rot«. Wie recht ich mit dieser schwammigen Aussage haben würde, wurde mir erst bewusst, als wir in den Ockerbergen von Roussillon unterwegs waren.

Vor allem die alte Ockermine, die sich am Rand der kleinen Stadt erstreckt und die man besichtigen kann, zeigte das in teilweise sehr beeindruckenden Bildern. Ein Fußweg, teilweise recht schmal, teilweise auch mit Treppen gesichert, führte durch das Gelände, vorbei an den Resten des Steinbruches.

Rötlich schimmernde, schroff in der Sonne leuchtende Mauern. Geschwungene Kurven in starkem Orange-Ton. Haufenweise Grün, das die steilen Kanten der Ockermine langsam überwuchert. Faszinierende Ausblicke auf ein in der Sonne und im Schatten wechselndes Farbenspiel.

Lang braucht man nicht für den Rundgang, wir wären in einer halben Stunde fertig gewesen. Da man aber immer wieder anhält, um das Bild auf sich wirken zu lassen, braucht man länger. Nach einer Stunde oder auch eineinhalb Stunden hat man dann alles gesehen. Hat was!

Criminal Jokers mit Punk-Wave-Pop-Mix

Irgendwo aus Italien stammen die Criminal Jokers, die seit einigen Jahren ihre Musik spielen, die sich aber einigermaßen den heutigen Zuordnungen entzieht. Es ist im weitesten Sinne Punkrock, aber in einer sehr altmodischen Art; das klingt unterm Strich zeitweise wie die frühen Anfänge des Genres, vielleicht auch wie der IndieRock der 80er Jahre.

Mir liegt die aktuelle CD der Band vor, die den hübschen Namen »This Was Supposed To Be The Future« trägt. Elf Stücke, teilweise sehr langen, die zwischen Wave und Punkrock und Pop-Musik und irgendwelcher Rock-Musik pendeln.

Ich nehme an, dass ich mir die Band mal live ansehen sollte, um herauszufinden, was die wirklich taugt. So ist die CD gut taugliche Hintergrundmusik, aber nichts, was mich irgendwie umwirft.

27 September 2010

Nachruf im SF-Jahrbuch

Das habe ich noch gar nicht vermeldet: Im Heyne-SF-Jahrbuch 2010 ist ein mehrseitiger Artikel von mir enthalten. Auf fünfeinhalb Druckseiten gehe ich in diesem Jahresrückblick auf den Autor Robert Feldhoff ein, der letzten Sommer verstorben ist.

Mit Robert arbeitete ich jahrelang zusammen, und wenn wir uns zu Besprechungen trafen, wurde häufig über private Dinge geredet. Er war mehr für mich als »nur« ein Autorenkollege, und deshalb hat mich sein früher Tod wohl so sehr getroffen.

Ich haderte ein wenig mit mir, als das Angebot des Heyne-Verlags kam, diesen Nachruf zu schreiben. Dann habe ich ihn doch verfasst. In der Kommentarspalte dieses Blocks zitiere ich ausführlich aus dem Nachruf. (Aber natürlich wäre es besser, ihr kauft das ganze Buch. Das lohnt sich eh.)

26 September 2010

Nur noch Ekelpakete

Glaubt man einer Emnid-Umfrage, die ausgerechnet im Auftrag der »Bild am Sonntag« erstellt wurde, ist eine Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Anhebung der sogenannten Hartz-IV-Regelsätze. Es gibt sogar einen durchaus respektablen Teil der Befragten, bei dem die Meinung vorherscht, man sollte Hartz-IV-Empfängern noch mehr Geld streichen.

Ich bin mir nicht sicher, welche Empfindung in mir vorherrscht, wenn ich so was lese. Wut und Entsetzen, oder eher hysterisches Kichern? Kopfschüttelnd sitze ich vor solchen Zahlen.

Wenn mehr als die Hälfte aller Befragten der Ansicht sind, die Arbeitslosen erhielten zu viel Geld, bedeutet das doch, dass die Propaganda des herrschenden Gesindels auf immer fruchtbareren Boden fällt. Schuld an wirtschaftlichen Problemen scheinen also nicht diejenigen zu haben, deren Tätigkeit unzählige Milliarden verbrannt haben, sondern diejenigen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden.

Wer arm ist, so glauben offensichtlich viele Leute, ist auch selbst dran schuld. Und der Staat muss ihm nicht noch Geld in den Hintern schieben. Das ist nicht mal mehr FDP-Logik, das ist die Logik von Herren- und Untermenschen.

Noch besser: Dreiviertel der Befragten sind wohl auch der Ansicht, dass man den »Hartzern« auch die Kohle fürs Rauchen und Biertrinken streichen soll. Da mischt sich ein ekelig-protestantisches Spießertum (»wir wissen, was gut für die anderen ist«) mit derselben Herrenmenschen-Attitüde. Der Blick von »oben« auf »die da unten« herrscht vor.

Es ist einfach widerwärtig. In was für einer Scheißwelt wir leben, wird einem in solchen Fällen erst klar. Gemeinschaftsgeist und Mitmenschlichkeit gelten nur für Bankangestellte oder sogenannte Tabubrecher wie Thilo Sarrazin, die in jeder Talkshow öffentlichkeitswirksam darüber jammern dürfen, dass sie doch nur ihre Meinung sagen möchten.

Lachen muss ich dann trotzdem. Und zwar sehr höhnisch. Bei der nächsten Kündigungswelle, die so sicher kommen wird wie das Amen in der Kirche, haut's hoffentlich genügend von denen, die sich jetzt so gegen Hartz-IV-Empfänger stellen, raus in die kalte Luft der Arbeitslosigkeit. Dann merken sie hoffentlich selbst, wie beschissen es ist, in einer unsolidarischen Gesellschaft zu leben.

(Rein rechnerisch müssen ja auch Hartz-IV-Empfänger bei einer solchen repräsentativen Umfrage gegen ihre eigenen Interessen gestimmt haben. Ich glaube so was sofort. Dämlichkeit kennt keine Grenzen.)

Ofenwasser und Kaffeemaul

Als das Kommando Sonne-nmilch in Karlsruhe spielte, war ich natürlich mal wieder verhindert. So was nervt echt. Dafür kann ich mir ihre Platten fleißig anhören; eine davon ist »Scheiße, nicht schon wieder Bernstein«, die schon Ende 2008 veröffentlicht wurde.

Seien wir ehrlich: Viele der Bands, in denen Jens Rachut singt oder sang, hören sich sehr ähnlich an. Spielt man mir ein Stück von Dackelblut vor oder eines von Oma Hans oder jetzt eben vom Kommando, kann es durchaus sein, dass ich den Sänger sofort-sogleich erkenne, das Werk aber keiner Band zuordnen kann. Solange mir fast alles gefällt, was Rachut mit seinen Musikerkollegen macht, ist mir das völlig egal.

Auf der Seite »Kaffeemaul« wird man als Hörer allerdings in die Irre geführt: Da sind nur zwei Stücke drauf, die nicht wie Punkrock klingen, sondern eher wie nachdenklicher IndiePop jenseits jeglicher Peinlichkeit, und die Stücke werden von Yvon Jansen gesungen – das klingt richtig klasse und überhaupt nicht wie die »Ofenwasser«-Seite.

Alles in allem wieder eine Platte, die sich wunderbar ins Dackelblut-undsoweiter-Universum einordnet und die ich mag. Diese Hamburger haben eine Art, ihren Punk zu spielen, dass ich mir das wohl noch in Jahren anhören kann.

25 September 2010

Abend mit Känguru

Der Kabarettist Marc-Uwe Kling war mir bis vor wenigen Tagen nicht einmal vom Namen her bekannt. Am Freitag abend schauten wir uns in Heidelberg ein aktuelles Kabarett-Programm an - und jetzt weiß ich über den Mann ein bisschen mehr.

Seine Show ist nicht politisch in dem Sinn, dass er Politiker verarscht oder aktuelle politische Themen wiederkäut. Sie ist aber extrem politisch in dem Sinn, dass er in seinen Sketchen und Liedern immer wieder politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge überspitzt darstellt.

Das ist großartig! Am liebsten mochte ich seine Lieder. Wenn der schmächtig wirkende Mann auf der Bühne steht, die Wandergitarre in der Hand und vom »Scheißverein« singt oder von den Alpträumen eines Selbstmordterroristen, dann hat das einfach große Klasse. Der Saal tobte zeitweise vor Begeisterung.

Als Running-Gag hat der Kabarettist seine Känguru-Geschichten. Die seien alle wahr, beteuert er auf der Bühne, und nichts davon sei erfunden. Er lebe tatsächlich mit einem Känguru zusammen, und das sei eben Kommunist.

Und mit diesem Känguru erlebt er die unmöglichsten Geschichten, angefangen von einer Flugreise von Berlin-Tegel nach Berlin-Schönefeld (ist ja billiger als Fahrt mit der Bahn) bis hin zum Verarschen von Touristen. Großes Kino, superlustig - ich lachte Tränen.

Ein wunderbarer Kabarett-Abend mit einem Künstler, von dem man womöglich noch viel hören wird. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass man dem im Fernsehen zu viel Zeit und Raum geben wird ...

24 September 2010

Martin Büsser ist tot

Als ich die Mail heute morgen in meinem Computer sah, war ich fassungslos. Ich bin's immer noch: Martin Büsser ist im Alter von nur 42 Jahren gestorben. Der Ventil-Verlag schweigt sich über die Ursachen aus, es geht mich auch nichts an – aber mir verschlug's für einige Zeit die Sprache.

Martin Büsser lernte ich vom Namen her kennen, als er anfing, fürs ZAP zu schreiben, das Hardcore- und Punk-Fanzine, für das ich später auch schrieb. Seine Artikel und Interviews waren kenntnisreich und belesen, zeitweise auf einem intellektuellen Niveau, das man in einer Szenezeitschrift dieser Art nicht vermutete. Ich gestehe, dass er mir damit zeitweise auch auf den Keks ging.

Später besuchte ich ihn mal in dem rheinischen Weinbauerndorf, in dem er anfangs der 90er Jahre wohnte, und übernachtete dort im Schlafsack. Er spielte mir unglaubliche Musik vor, die lichtjahreweit hinter meinem von Punk und Hardcore beeinflussten Horizont lag; wir tranken Bier, redeten stundenlang, und er rauchte eine Zigarette nach der anderen.

Dann kam die Zeitschrift »testcard«, die sich auf einer anspruchsvollen Ebene mit Musik beschäftigte (mir war's zu hoch), er gründete den Ventil-Verlag mit, und ich las immer wieder seinen Namen. Er schrieb Bücher, verfasste kenntnisreiche Artikel über Musik, Literatur und Filme, wusste einfach Bescheid und kannte sich in vielen Dingen beeindruckend gut aus.

Und wir verloren uns aus den Augen. Wie das so ist – seit Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen, zuletzt auf einer Buchmesse. (In den späten 80er Jahren traf man sich eben eher auf Krachmusikkonzerten.) Das bedauere ich jetzt.

Wenn ich mich an ihn erinnere, sehe ich sein verschmitztes Grinsen, höre den leichten Mainzer Singsang in der Stimme. Und ich fühle mich traurig.

23 September 2010

Ausflug in Gaggenau

Mein Vater fotografierte in den 60er Jahren richtig gern. Er hatte eine kompliziert aussehende Kamera, die er sich vor den Bauch halten musste, um oben in sie hineinzuschauen; damit sah er das, was er fotografieren wollte, gewissermaßen verkehrt – das war damals wohl üblich. Ich erinnere mich an viele Momente, in denen er so seine Fotos schoss.

Manchmal sitze ich aber ratlos vor alten Bildern und kann nicht genau sagen, von wann sie sind. So halte ich ein Schwarzweiß-Foto in den Händen: Vier Frauen gehen spazieren, sie schieben einen dieser altmodischen Kinderwagen mit dünnen Rädern. Die Straße ist ohne Autos, auf der einen Seite stehen Einfamilienhäusern hinter Vorgärten, auf der anderen Seite erstreckt ich eine Streuobstwiese. Schönes Landleben. Im Hintergrund schiebt ein kleiner Junge einen Kinderwagen mit einem noch kleineren Kind.

»Spaziergang in Gaggenau«, schrieb meine Mutter auf die Rückseite des Fotos. »Im Hintergrund Klaus mit Andrea.«

Das bin ja ich! Auf diesem Foto hätte ich mich nicht erkannt. Immerhin hilft diese Aussage und die Tatsache, dass es meine Schwester und ich sind, das Datum einzugrenzen: dürfte 1967 sein.

Alte Bilder anzugucken ist manchmal ein kleines Detektivspiel. Eines, bei dem man auch ein wenig traurig wird ...

Wenn Italo-Punks reifen ...

Immer wieder wird über Bands gesagt, dass sie in ihrer frühen Phase »so richtig gut« gewesen seien und dann abgebaut hätten. Auf manche mag das zutreffen, vor allem die frühen englischen Bands sind praktisch alle nach zwei Jahren ihrer Existenz entweder zu New Wave (Police) oder später schlimmem Hardrock (Cockney Rejects) gewechselt.

Höre ich mir aber die italienische Band Atarassia Gröp an, stelle ich fest, wie sich eine Band über Jahre hinweg immer besser entwickelt. Die Band stammt aus Como in Norditalien, und ich habe ihre CD in den letzten Tagen und Wochen oft gehört, wenn ich mit dem Auto unterwegs war. Das Label Mad Butcher Records hat nämlich bereits 2006 eine Art »best of« herausgegeben, die den schönen Titel »The Old The Bad And The Ugly« trägt und allerlei Aufnahmen aus den Jahren 1997 bis 2006 enthält.

Im Jahr 1997 war die Band noch ruppig, die erste Demo-CD belegt das. Da wird »Oi Oi Oi« gebrüllt, und der Sound schraddelt so richtig dynamisch-schnell vor sich hin. Nicht schlecht, aber eben höchstens Durchschnitt. Bereits bei der nächsten Demo-CD im 1999 wird's ausgereifter, bleibt aber immer noch schlicht.

Richtig klasse war die Band dann 2003; die Aufnahmen einer CD aus diesem Jahr sind einfach stark. Man wechselt zwischen Punkrock mit Melodie und Schmackes, zwischen Skapunk und Hardcore – das alles ist dynamisch gebracht und hat echt Hitqualitäten.

Mir passierte es irgendwann, dass ich die CD, die 25 Stücke enthält, nur noch zwischen Stück 16 und Stück 23 hörte – das sind alles Hits, sauber produziert und gut gespielt. Also nach klassischer Lesart weniger »punkig«. Seltsam, wie der Blick auf eine Band sich so ändert ... gut und anhörbar ist aber die gesamte CD, die sich noch einige Tage in meinem CD-Player aufhalten wird.

22 September 2010

Dorf- und andere Punks

»Dein Roman ist echt unterhaltsam«, sagte die junge Frau zu mir. »Aber er erinnert halt doch stark an ›Dorfpunks‹«. Sie meinte es nicht böse, aber ich wäre fast geplatzt.

Die junge Frau wurde ungefähr in dem Jahr geboren, in dem mein Roman »Vielen Dank Peter Pank« spielt. Sie konnte nicht wissen, dass sie mich ganz schön traf mit dem flapsigen Spruch.

Meinen Roman schrieb ich in der ersten Hälfte der 90er Jahre, die entscheidenden Szenen erschienen 1995. Im Jahr darauf, also 1996, wurde er erstmals als Paperback veröffentlicht; die Hardcover-Version folgte in den Nuller-Jahren - beides im Archiv der Jugendkulturen.

»Dorfpunks« kam 2004 heraus. Rocko Schamoni verarbeitete eigene Erfahrungen aus seiner Jugend, und offensichtlich waren die Erfahrungen von Jugendlichen, die auf Dörfern großwachsen und sich irgendwann für Krachmusik interessieren, sehr ähnlich. Abgeschrieben hat aber keiner vom anderen ...

21 September 2010

Hotelchen in Grenoble

Rückblick auf den Trip nach Südfrankreich im Mai 2010

Die Rue Thiers gehört sicher nicht zu den schönsten Straßen im inneren Stadtbereich von Grenoble; die Häuser sehen ein wenig abgewohnt aus, die Cafés und Läden wirken ein wenig sehr ... nun ja ... preiswert. Als wir im Mai 2010 dort eine Unterkunft fanden, wirkte das ganze nicht unbedingt berauschend - aber es war in der Nähe der Innenstadt und preiswert genug.

Das Hotel Splendid, in dem wir ein Doppelzimmer fanden, erwies sich als ein verwinkeltes Gebäude, das ordentlich renoviert und sauber war, von der Gesamtsubstanz seine besten Zeiten ein wenig hinter sich gelassen hatte. Durch mehrere Gänge kamen wir in unser Zimmer, das dafür am Hinterausgang lag - von diesem kamen wir in den Hof, in dem wir unser Auto auch sicher abstellen konnten.

Die Zimmer waren ordentlich, wenngleich nicht riesengroß; Duschen und Betten gefielen, und da das Fenster zum Hof ging, hatten wir's auch ruhig. Der Service an der Rezeption, die nicht immer besetzt war, war stets freundlich und hilfsbereit, und es gab sogar brauchbares Frühstück. Für den Preis (wir zahlten 60 Euro pro Nacht fürs Doppelzimmer, inklusive Frühstück) gab's eh nichts zu meckern.

Wer einen schicken Aufenthalt in Grenoble buchen möchte, ist hier nicht optimal aufgehoben. Wer einen langen Abend bummeln will und danach eh müde ins Bett fällt, wem es nichts ausmacht, in der Nacht durch eine nicht sehr helle Straße zu gehen, für den ist das Splendid Hotel eine preiswerte und vernünftige Alternative für die Stadt.

20 September 2010

Japanische Phantastik ohne Manga-Stil


Denkt man an Comics, die in Japan spielen, fallen einem üblicherweise die unterschiedlichsten Manga-Stilrichtungen ein. Wer einmal etwas anderes sehen mag, sollte am besten nach den zwei Bänden der Reihe »Die Legende der scharlachroten Wolken« greifen, die bislang erschienen sind.

Verantwortlich für die Reihe ist der Splitter-Verlag. Das heißt von vorneherein, dass die Bücher sehr gut aussehen, super gedruckt sind und auf dem Umschlag diverse »Veredelungen« aufweisen. Ich habe beide Alben mit großem Interesse gelesen.

Enttäuscht war ich nicht unbedingt – aber was Saverio Tenuta in dieser Reihe bisher geliefert hat, reißt mich auch nicht vom Hocker. Es ist seine erste Serie, und vielleicht liegt es daran: Stilistisch sind seine Zeichnungen durchaus eigenständig, dennoch wirken sie oftmals unfertig und verraten bei den Gesichtern einige Schwächen.

Vor allem die Geschichte ist es aber, die mich nicht begeistert. Die Geschichte des Samurai, der mit weißen Wölfen und seiner Vergangenheit kämpft, mit phantastischen Elementen und Götterglauben – sie wirkt verwirrend und scheint mir nicht sauber erzählt. Zeitweise verstand ich bei der Lektüre nicht, was eigentlich geschah, und das ist bei einem Comic ziemlich ungeschickt.

Wer mal einen Blick auf besonderen Japan-Stil werfen möchte, sollte »Die Stadt, die zum Himmel spricht« und »Wie Blätter im Wind« einfach mal antesten. Auf der Splitter-Homepage gibt's schicke Leseproben. Vielleicht können andere Leser mit der zeitweise »lyrisch« erzählten Geschichte mehr anfangen als ich ...

19 September 2010

Brunzdumm, aber cool

Kurze Diskussion am Samstag abend, nach einem leckeren Abendessen und gutem Wein: Gehen wir noch ins Kino, und wenn ja, in welchen Film? Die Diskussion strandet recht schnell bei »ein alter Mann in ›The American‹« oder »viele alte Männer auf einem Haufen«.

Wir entscheiden uns für viele alte Männer und gehen in »The Expendables«. Sylvester Stallone und eine Handvoll anderer alter Haudegen im Großeinsatz. Explodierende Körperteile, viel Blut, brennendes Napalm - wir kamen uns vor wie in den 80er Jahren, wenn man sich solche Filme angucken ging; nur ist so was heute viel professioneller ...

Kein Schmarrn: Es war grandiose Unterhaltung. Nicht unbedingt geistvoll, sondern eher sackdoof, dafür aber mit enorm viel Krachbummbeng. Nachts um halb zwölf bis ein Uhr vielleicht nicht mal das dümmste Programm - vor allem, wenn man noch Bier dabei hat.

Allerdings ist »The Expendables« dann auch so ein Film, über den man anschließend nicht so viel zu diskutieren hat. Da sitzt man dann lieber mit neuem Bier zusammen und redet über Urlaub, die blöde Regierung und andere unsinnige Themen ...

18 September 2010

Jingo knapp verpasst

Ich gestehe, dass ich eigentlich keinerlei Lust darauf hatte, aufs Konzert von Jingo de Lunch in die »Alte Hackerei« zu gehen. Dass ich die Berliner Band mal klasse fand, ist über zwanzig Jahre her. Und das eine Konzert, das ich in den 90er Jahren von denen sah, war so grausig-metalmäßig, dass ich die Band seither weit in den Hinterkopf geschoben habe.

Dann juckte es mich aber doch, und nach einem Bier im »fünf« stolperte ich am Donnerstag abend, 16. September 2010, doch noch in das alte Fleischmarkt-Areal. Die »Hackerei« war brechend voll und ausverkauft, viele Leute standen im Freien, aber die Musik, die durch die Fenster drang, klang sehr gut.

Da am selben Tag nebenan das neue »Substage« seine Eröffnung feierte, guckte ich mir das auch noch an. Ich war in den letzten Jahren eher selten in den Konzertort in der Fußgänger-Unterführung gegangen, weil das Programm zu wenig für mich bereithielt, fand es aber schade, dass die Jungs und Mädels jetzt wegen des tollen »Karlsruhe 21«-Projektes (oder wie immer das bei uns heißt) umziehen mussten.

Das neue »Substage« sieht von außen fürchterlich aus, strahlt aber innen gemütliche Beton-Behaglichkeit aus. Ein guter Rock'n'Roll-Laden, in dem es nicht auffallen wird, wenn die ersten Besoffenen in die Ecke kotzen werden. Viel Beton und Steine, eine hohe Decke und eine lange Theke - das macht einen guten Eindruck, das gefällt mir. Ich bin auf das weitere gespannt!

Dann wieder in die »Alte Hackerei«. Mit einer Coverversion von Slime beendete Jingo de Lunch das Konzert. Verschwitzte Leute drängten in Massen heraus, alle wirkten glücklich und zufrieden. Offensichtlich hatte ich ein Klasse-Konzert verpasst.

Schade, aber nicht zu ändern. Dann doch lieber noch das eine oder andere Bier und vor allem das eine oder andere geistvolle Gespräch. Auch recht ...

17 September 2010

Allerloi Oi!-Tips


Ich weiß, dass schon eine weitere Ausgabe erschienen ist, aber jetzt habe ich eben die Ausgabe 30 von Oi! The Print gelesen. Das Fanzine kommt aus dem schönen Österreich und feiert die Oi!-Szene so richtig gut ab. Der Untertitel »The One & Only Austrian Drinkingclass Fanzine« greift szene-interne Eigenklischees auch schön auf.

Das Fanzine ist unpolitisch im positiven Sinn; man hakt bei den Bands nicht unbedingt nach, wo sie politisch stehen, hält sich aber bewusst aus dem politischen Hickhack der aktuellen Zeit raus. Man steht allerdings eindeutig nicht im rechten Lager, und das ist gut so.

Stomper 98 aus Göttingen kommen ausführlich zu Wort (und auch aufs Cover), ebenso die Ska-Band The Valkyrians aus Finnland oder die alten England-Säcke von Red Alert. Wobei ... der Sänger stellt sich als ziemlichen Alkoholiker dar, und das ist unterm Strich dann doch nicht soo lustig.

Ich fand den Szene-Bericht zu Australien sehr interessant. Dass es »downunder« so viele Oi!-Bands gibt, wusste ich nicht. Ich benutzte den Bericht prompt zu einem kleinen Einkaufsbummel und bin von einigen der Bands sehr angetan ...

Selbstverständlich gibt's Plattenbesprechungen, Fanzine-Rezensionen und haufenweise anderes Zeugs. Geschichtsbeflissene freuen sich sogar über einen Bericht über Iron Cross, die erste amerikanische Skinhead-Band, deren Stück »Crucified« jede Glatze und jeder Hardcore-Mensch kennen dürfte.

Gelungenes Fanzine, das mit 68 sauber gestalteten Seiten im A5-Format und mit vierfarbigem Titelbild zu überzeugen weiß. Das Heft gibt's für zwoeinhalb Euro bei den einschlägigen Versendern; wer sich für Oi! begeistern kann, sollte es mal antesten.

16 September 2010

Angela und Stuttgart

Parlamentsdebatte im Bundestag, es ging rund. Meist erspare ich mir das Spektakel, dieses Mal hatte es aber doch hohen Unterhaltungswert. Vor allem deshalb, weil die Kanzlerin auch mal laut wurde.

Dann wurde auf einmal Stuttgart zum Thema, der schweineteure Bahnhofsumbau und der Widerstand der Bevölkerung. Angela Merkel argumentierte, dass die Landtagswahl im nächsten Frühjahr die Volksbefragung zu Stuttgart 21 werde. Man brauche keinen Volksentscheid, bei dem das durch die Großparteien, die Großindustrie und andere Gauner zusammengeschmierte Projekt vielleicht gestoppt werden könnte.

Wahrscheinlich hat sie da sogar recht. Baden-Württemberg steht in den Umfragen auf rot-grün, nicht mehr auf schwarz-gelb. Das liegt daran, dass »mein Ländle« mit Stefan Mappus einen absoluten Unsympathen als Ministerpräsidenten hat und dass man mit Stuttgart 21 ein echtes Reizthema an den Start schiebt, bei dem sogar konservative Leute auf einmal gegen die CDU sind.

Nur: Ich bin sicher, dass es die SPD wieder vergeigen wird. Ich habe die unfähige Figur, die vor vier Jahren gegen Öttinger antrat, schon fast vergesen, aber es geht 2010 und 2011 aso weiter: Das Personal, das die größte Oppositionspartei gegen Mappus aufbietet, ist von erschütternder Schlichtheit.

Ganz ehrlich: So sehr ich auch Mappus und Konsorten verabscheue – diese Bande von Dilettanten kann ich wieder mal nicht wählen. (Und jetzt komme keiner mit den Grünen oder gar der Linkspartei.)

Und so wird's womöglich ausgehen wie so oft: Ich (und viele andere) finde die CDU grauenvoll, die SPD ebenfalls und bleibe zuhause oder wähle ungültig. Dann bleibt der Dicke aus Pforzheim weiter an der Regierung, und alles geht so weiter wie bisher. Demokratie ist schon ein lustiges Spiel ...

15 September 2010

In den Bergen des Valpolicella

Rückblick auf den Trip nach Norditalien im August 2010

Dass es die Region Valpolicella gibt, war mir schon vorher bekannt. Sie liegt im Prinzip, wenn man auf die Landkarte guckt, rechts vom Gardasee und oberhalb von Verona, also mitten in Norditalien, und sie ist bekannt für ihre vielen Weine. Mehr wusste ich nicht über die gesamte Region.

Also schauten wir sie uns an, als wir eh da waren, und fuhren einen Nachmittag lang mit dem Auto kreuz und quer durch die Weinberge und Hügeldörfer. Über schmale, teilweise recht kurvige Straßen ging es hoch auf Hügel, von denen aus sich eine tolle Aussicht bot: bis zum Gardasee und den Alpen, bis hinunter ins Flachland der Poebene, hinweg über Weinberge und eine seit zweieinhalbtausend Jahren aktive Kulturlandschaft.

Kleine Dörfer wie Molina oder Montecchio, halb verborgen an den Felshängen klebend, zerstreute Weingemeinden wie Negrar mit einem alten Dorfkern und ausufernden Rändern, das winzige Dorf Castelrotto, bei dem ich mich nur wunderte, wo die Touristenbusse blieben, und wie sie alle hießen: Ich hatte manchmal das Gefühl, es sei überall schön.

Und da das Wetter mitspielte – es war gut warm, aber nicht hitzig –, machte die Fahrt gleich doppelt Spaß. Der Buschwald roch intensiv, die warme Luft drang in die Nase und in jede Pore, und wir fühlten uns wohl. Den Tag beschloss eine gute Flasche Wein, natürlich aus dem Valpolicella. Klasse.