11 Juli 2008

Soweto 1993

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an den Tag, als Moses Arndt und ich im September 1993 zuerst bei Jimmy's Face To Face Tours standen. Das Büro lag mitten in der City von Johannesburg, und wir spazierten da einfach hinein; zehn Jahre später wurde ich in derselben Gegend am hellichten Tag überfallen. Wir buchten eine Tour nach Soweto.

Und am 16. September ging es dann schon los, eine Expedition, über die ich eigentlich schon immer mal eine längere Geschichte schreiben sollte. Anfangs waren wir nämlich die einzigen, die nach Soweto fuhren. Die einzigen Weißen, versteht sich.

Zwei Punks aus Süddeutschland, der eine mit abrasiertem Schädel, der andere mit schlecht geschnittenem Iro, dazu ein schwarzer Fahrer und ein »Führer«, der uns alles erklären sollte – wir saßen zu viert in einem VW-Bus und fuhren aus der Innenstadt von Johannesburg hinaus in die riesige Slum-Siedlung von Soweto.

»Wenn die Kinder Steine nach euch werfen«, warnte uns der Führer, »dann habt keine Angst. Wir sind ja da. Oder ihr werft einfach Steine zurück.«

»Kein Problem«, sagte Moses mit der ihm eigenen Art, die manche ein bisschen großspurig fanden. »Wir wissen, wie man Steine wirft. Wir üben in Deutschland bei unserer Polizei.«

Das fanden die Schwarzen im Auto ein wenig befremdlich, aber sie schienen uns recht schnell als ein wenig seltsam einzustufen. Dummerweise wurde unsere lustige Punkrock-Expedition später mit einem Haufen »echter« Touristen zusammengeschmissen ... lauter ekelhafte Deutschbürger mit einer deutschsprachigen Führerin, die auch vor rassistischen Begrifflichkeiten nicht zurückschreckte.

Aber sogar das fanden wir dann doch sehr lustig; wir besuchten das Haus von Winnie Mandela, wir sahen eine Shabeen von innen und liefen durch irgendwelche staubigen Straßen. Alles in allem ein spannender Tag im September 1993.

10 Juli 2008

In der badischen Pampa

Mit der badischen Gemütlichkeit, der sogenannten, bin ich schon gelegentlich hereingefallen. Vor allem dann, wenn es darum ging, einen netten Abend mit Kolleginnen und Kollegen, einem Glas Wein und einem leckeren Essen zu verbringen: Ich will hier die Details ersparen, aber da fällt man gelegentlich schon rein.

Nicht so im »Lamm« in Muggensturm, wo ich an diesem Abend zwar positiv eingestimmt war, aber mir wirklich nicht vorstellen konnte, daß das Restaurant so gut war. Sieht man davon ab, daß Muggensturm in der badischen Pampa liegt, ist das Restaurant mitten im Ort dann aber leicht zu finden. Das Interieur ist ausgesprochen nett: weder übertrieben noch zu schlicht, sondern alles sehr in Ordnung. Ein sehr zuvorkommender und kompetenter Service rundeten den positiven Einstieg gleich mal ab.

Und dann das Essen: ein kleiner Gruß aus der Küche vorneweg, mit Gemüse und ein bißchen Fisch, für den Vegetarier gab's in Sekundenschnelle etwas leckeres ohne totes Tier. Die Suppen waren vorzüglich, die Hauptgänge ebenso: selbstgemachte Ravioli mit toller Füllung für den Vegetarier, wohlschmeckende Fisch- und Fleischgerichte mit Niveau für die anderen. Das ganze wurde durch erfrischenden Weißwein aus der Region sowie einen fulminanten Nachtisch abgerundet.

Der Preis war dem Anlass angemessen - das war nun wirklich nicht zu teuer. Ich bin sicher, daß wir nicht zum letzten Mal in diesem Restaurant waren ...

Einige Dinge finden sich auf der Speisekarte, die wegen der Nähe zum Elsass fast schon sein müssen, die ich aber ablehne: Froschschenkel müssen auch auf einer Speisekarte mit französischem Einschlag nicht unbedingt sein ...

Doppeltes Regensburg

Zwei Bands aus Regensburg auf einer Split-EP; die ist dann zu allem Überfluß auch noch auf 300 Exemplare limitiert, was für Sammler natürlich klasse ist. Das Ding lohnt sich aber auch wegen der Stücke, alle vier sind gut bis sehr gut.

Fröhlich und rotzig zugleich bollern sich Empty Trashcan Being Kicked durch ihre zwei Stücke; das ganze macht Laune. Wer mag, kann behaupten, das klinge nach 1977; bei so jungen Musikern ist das aber ganz schön gemein. Was bleibt, ist schlicht rotziger Punkrock in englischer Sprache, wie ich ihn liebe.

Etwas moderner klingen The Fine Print: Die vier Typen liefern zweimal melodisch-knallenden Punkrock mit einem Schuß Emo. Man bleibt klar auf der Spur: kein Macho-Gehabe, kein Gejammer, keine Zeigefingertexte, alles cooler Punkrock mit englischen Texten und der richtigen Attitüde.

Antesten! Oder schaut Euch mal zumindest die Myspace-Seiten an.

09 Juli 2008

Three Chords mit Frick-Interview


Schon wieder ein Interview mit mir; diesmal nicht in einer Science-Fiction-Postille, sondern in dem Fanzine Three Chords, genauer gesagt, dessen zehnter Ausgabe. Das Heft erscheint in Münster und ist derzeit so ziemlich das beste, das sich mit Hardcore im klassischen Sinn bezeichnet.

Schon in der letzten Ausgabe hatten die Jungs ein spezielles Thema: das »Ü 30 Special«. Das geht in dieser Ausgabe dann auch prompt in die zweite Runde, und mit meinen 44 Jährchen bin ich schon mal knapp über der Dreißiger-Grenze.

Nebst mir werden einige andere Szene-Gesichter interviewt; ich finde die Zusammenstellung sehr interessant. Und ich kopiere in den Kommentarteil dieses Blog-Eintrags die erste Frage und die erste Antwort rein. Wer dann alles lesen will, muß sich schon mal das Heft kaufen. Das lohnt sich eh ...

08 Juli 2008

Blick auf den fernen Kontinent Jugend


Schaut oder hört man sich die aktuelle Berichterstattung in vielen Medien an, auch in den sogenannten guten, wird ein seltsames Bild über »die Jugend von heute« vermittelt. Gewalttätig sei sie, von Drogen verseucht, unpolitisch oder gar rechtsradikal, schlaff und ungebildet – ein Haufen mieser Charaktere, der tatsächlich irgendwann mal »unsere Renten« bezahlen soll ...

Das Geschwätz kommt mir bekannt vor: Als ich selbst Jugendlicher war, was nun mal schon einige Jahrzehnte her ist, wurde genau das alles über »meine Generation« gesagt. Und ich fand's schon immer blöd oder übertrieben, wenn ich mich nicht gerade klammheimlich darüber freute, daß die Erwachsenen irgendwie Angst vor unsereiner hatten.

Umso besser, daß es Klaus Farin und sein Archiv der Jugendkulturen gibt: Farin, der schon seit den 80er Jahren über Jugendkulturen schreibt und publiziert, hat jetzt das im Verlag des Archivs den schicken Hardcover-Band »Über die Jugend und andere Krankheiten« veröffentlicht. Das Cover mit Farin-Bild sowie der Untertitel »Essays und Reden 1994 – 2008« wirken ein wenig großkotzig, aber insgesamt paßt das ganze schon.

Enthalten sind in dem Buch einige Artikel des Autors, die er unter anderem in der »taz« veröffentlichte; es geht um Chaostage und Skinheads. Dazu kommen verschriftlichte Vorträge, die seinen Standpunkt zu Jugendkultur und Jugendforschung verdeutlichen. Daß die sogenannte seriöse Jugendforschung dabei nicht gut wegkommt, wird kaum überraschen ...

Das Buch ist sicher keine Pflichtlektüre, die man unbedingt gelesen haben sollte: Es faßt aber einige Texte Farins zusammen, und das macht es interessant genug. Zielgruppe sind wahrscheinlich auch eher Pädagogen, Sozialarbeiter und andere Menschen, die beruflich mit Jugendlichen zu tun haben.

Lesbar ist das Buch dennoch, und man ist nach erfolgter Lektüre sicher nicht dümmer ... Und gut sieht das Hardcover mit Lesebändchen auch noch aus. Die 130 Seiten kosten ein Dutzend Euro, und wer sich dafür interessiert, kann das Buch mit der ISBN 978-3-940213-42-6 überall im Buchandel kaufen; natürlich auch direkt im Archiv der Jugendkulturen selbst.

07 Juli 2008

Krachmusik vom heimischen Tisch

Da stellt man sich auf Sommer und Schwitzen ein - und dann das: Ein fieser Schauer durchnäßte mich am Sonntag abend, 6. Juli, auf dem Weg von zu Hause ins Radio-Studio. Und so saß ich buchstäblich mit nasser Hose auf meinem Stuhl im Keller des Gewerbehofs, um meine Punkrock-Sendung im freien Radio Querfunk in den Äther zu feuern.

Immerhin hatte ich es diesmal mit Punkrock, Hardcore und ein bisschen anderem Zeugs zu tun, das sich durch zweierlei Bestandteile auszeichnete: Die Platten waren halbwegs neu, und die Band stammten aus Deutschland.

Dazu zählen auch die Spermbirds, von denen ich die Platte »Eating Glass« vorstellte. Schon klar, die kam 1992 raus - aber sie ist jetzt neu als schick gestaltete CD erschienen. (Die Hülle ist jetzt naß ... der Regen lief so richtig fies in meine Tasche rein.)

Ansonsten gab's Trompetenpunk von Yakuzi, Psychobilly von Thee Flanders, Glam-Punk von Hiroshima Mon Amour oder klassischen Punkrock von Daisy Chain. Und wer sich für deutschsprachigen Punkrock interessiert, bekam mit Ni Ju San eher einen Wizo-Abklatsch und mit Karate Disco, Turbostaat oder Oiro einigermaßen originelle Klänge auf die Ohren.

06 Juli 2008

Philosophie nachts um vier

Ich weiß nicht mehr, wieviel Promille ich gegen vier Uhr morgens intus hatte; es war auf jeden Fall zuviel, und mein Kopf fühlte sich an, als ob ein Ozean aus Bier, Wein und leckerem Essen hin- und herschwappte. Wie es den Nachbarn ging, die um diese Zeit noch um den Tisch saßen, die Reste unseres Hausfestes gewissermaßen, weiß ich selbstverständlich nicht - aber die Gespräche bewegten sich auf ungeahnten Niveaustufen.

Wortwitze funktionierten schon lange nicht mehr, weil die Zungen den schwierigen Worten nicht mehr folgen wollten. Der Versuch, das Wort »Autopoeisis« auszusprechen, aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen, führte zu großem Gelächter.

Und irgendwann kamen wir auf zivilisatorisch-kulturelle Errungenschaften. Ganz wichtig sei, da waren wir uns alle einig, daß Männer ein Bedürfnis haben, auf der Toilette zu lesen; bei Frauen ist das nicht so weit ausgeprägt.

Die Diskussion endete bei folgendem Statement in schreiendem Gelächter: »Das unterscheidet den Menschen vom Tier: Der Mensch liest auf der Toilette.«

Angewandte Philosophie, für die Sloterdijk und Co. hoffentlich bald Lizenzgebühren bezahlen werden ...

04 Juli 2008

Embryo Punks aus Amsterdam

Das war vielleicht ein rasantes Pogo-Konzert: Ich habe über Gewapend Beton in diesem Blog schon mal geschrieben und finde die Band super. Aber auch die Platte »17 until we die« ist ebenfalls großartig und ist all denen ins Gebetbuch geschrieben, die eine Freude am rasanten Punk der frühen Tage haben, ob der jetzt amerikanisch oder britisch geprägt ist.

Die Burschen stammen aus Amsterdam, sind superjung und zeigen sowohl auf der Bühne als auch auf der Platte eine sagenhafte Spielfreude, die einem geradezu ins Gesicht springt. Jede Stück knallt, keines ist zu lang, und jedes lädt zum Pogen ein. Im Jahr 2008 gibt es solche Platten – zuminest für mich – nur selten. Und wer die alte Ami-Band Reagan Youth auf holländische Verhältnisse umpolt und nachspielt, ist eh auf der richtigen Seite.

Erschienen ist die Platte bei dem famosen Label Dirty Faces, wo es übrigens auch haufenweise anderer geiler Punk-Platten gibt. Schöne Sache.

Wenn ich mich schon mal erinnere

Wieder mal Rückblicke auf meine Vergangenheit auf der PERRY RHODAN-Homepage; ich reiße sie hier nur kurz an.

Der jüngste Rückblick heißt »Fanzine-Vorahnungen« und thematisiert noch mal das Jahr 1979 und meine ersten Pläne, ein eigenes Fanzine zu machen. Damals sollte es noch CYGNUS heißen, erst später nannte ich es dann SAGITTARIUS.

»Mit Ernst Vlcek in Hamburg« wechselt in die neunziger Jahre; in diesem Text geht es nicht nur um den kürzlich verstorbenen Schriftsteller, sondern auch um Karl Nagel, den wir damals besuchten.

In direktem Zusammenhang damit steht »Exposé-Konferenz in Oldenburg«, wo es um Ernst Vlcek, Robert Feldhoff und mich sowie um ein eher grausiges Hotel geht.

Die »WeltCon-Planungen fürs Jahr 1996« beschäftigen sich mit Plänen, bereits Mitte der 90er Jahre einen großen Science-Fiction-Con zu veranstalten. Daraus wurde dann leider nicht viel ...

02 Juli 2008

Der Pfälzer an sich


Gern lästert man im Großraum Baden über die Bewohner des anderen Rheinufers. Gemeint sind die Menschen in Rheinland-Pfalz, die man in Karlsruhe und Umgebung nur als »Pfälzer« oder auch »Pälzer« kennt. Man sagt ihnen nach, ein wenig ländlich und schlicht zu sein und sich vor allem für Kartoffelanbau, Weinschoppen und andere Dinge zu interessieren.

Gut, dass es auch Bewohner dieser schönen Region gibt, die die eigenen Klischees schön auf die Schippe nehmen können. Einer von ihnen ist Steffen Boiselle, den ich auch schon seit über zwanzig Jahren kenne. 1984 brachte er die »Rudi«-Comics heraus, die die Abenteuer eines jungen Irokesen-Punks schilderten; damals wohnte er noch in Oggersheim bei Ludwigshafen, wo ich ihn auch irgendwann mal besuchte.

Seit vielen Jahren lebt er in Neustadt an der Weinstraße, hat - wie die meisten von »früher« - einen seriösen Beruf angetreten, sich aber seine Freude an bunten Bildern bewahrt. Die tobt er dann auch in dem schicken Buch mit dem Titel »100% Pälzer« aus.

Das Buch ist im kleinen, aber feinen Agiro-Verlag erschienen, ist 64 Seiten stark und kostet 12,90 Euro. Satirisch-überspitzt werden landestypische Eigenheiten der Pfalz auf die Schippe genommen, immer augenzwinkernd und voller Sympathie, nie herablassend und bösartig.

Das Ding ist echt amüsant, ich hab's mit breitem Grinsen durchgeblättert. Wer Freunden, Bekannten oder Kollegen in der Pfalz ein Geschenk machen will, tut damit nichts falsches. Oder man schenke es Pfalz-Neubürgern, die's ja geben soll, damit sie wissen, auf was sie sich einlassen ...

01 Juli 2008

Sportlich aktiv

Liegt's daran, daß ich in den letzten drei Wochen so viel Fußball geguckt habe? Ich weiß es nicht, aber: In den letzten Tagen fuhr ich so viel Rad wie in den letzten zwei Jahren zusammen wohl nicht, zumindest kommt es mir so vor.

Heute abend beispielsweise mal kurz in Richtung französische Grenze. Nein, ich bin nicht bis Lauterbourg geradelt, da wäre ich erst in der Dunkelheit angekommen und hätte dann eineinhalb Stunden durch die nächtliche Pfalz zurückstrampeln müssen. Aber die halbe Strecke schaffte ich, um dann irgendwo zwischen Pfälzer Wiesen und Altrheinbecken wieder umzudrehen.

Die Bikini-Figur wird's in diesem Jahr wohl kaum geben, dafür ist der über Jahre angesparte Bierbauch doch zu groß. Aber ein bißchen weniger wär' ja auch nicht schlecht.

30 Juni 2008

Mal wieder ein Interview

Ich fühle mich stets geschmeichelt, wenn es irgendwo ein Interview mit mir gibt. Auch wenn das dazu gehörige Foto dann nicht so schmeichelhaft aussieht, freue ich mich trotzdem. Man kann ja nicht alles haben ...

In diesem Fall ist es die Homepage des Online-Fanzines »Zauberspiegel«, wo vor einiger Zeit schon mal ein Interview mit mir zu lesen war. Stefan Holzhauer und Jochen Adam schickten mir unlängst wieder einen Sack mit Fragen, auf die ich treu & brav antwortete.

Inhaltlich geht's hier um PERRY RHODAN-Action, die aktuelle Heftromanserie, die wir »nebenbei« machen. Wen's interessiert, möge das Interview lesen; ich mag so was selbst ja ganz gern ...

Noch einmal Nervenflattern

Es war ein spannender Fußballabend, ein letztes Aufbäumen meiner EM-Energie: noch einmal im »Fünf« sitzen, in der Menge schwitzen, Bier trinken, mitfiebern, ein wenig feiern und fast einen Nervenzusammenbruch erleiden. Und die erste Viertelstunde hatte ich auch die Hoffnung, nach 1996 wieder einmal eine Europameisterschaft feiern zu können.

Wie es ausging, weiß jeder: Die Spanier gewannen. Sind wir fair, muß ich konstatieren, daß es verdient war und die besseren gewonnen haben. Beim Fußball will ich allerdings nicht fair sein, sondern will, daß Deutschland gewinnt. Das ist ja eigentlich ganz einfach. (Man wird mich trotzdem keine Fahnen schwenken und kein »schland!« rufen hören, hoffe ich!)

Ich war echt traurig nach dem Spiel. Kurz vorm Heulen ... na ja, nicht ganz, aber sentimental war mir tatsächlich zumute.

Hinterher radelten wir noch in die Innenstadt. Immer wieder kamen uns Gruppen von Fans entgegen: Wer ging oder mit dem Rad kam, war meist still. Autofahrer hupten dennoch und schwenkten ihre Fahnen.

Am Europaplatz war trotz des verlorenen Finales richtig viel los. Kein Vergleich mit 1996, als die Polizei damals völlig überrollt wurde, aber dennoch ... Die Straßenbahnen fuhren immerhin: Sie wurden von KVV-Mitarbeitern und Polizisten buchstäblich Meter für Meter durch die Menge der Feiernden geschoben.

Später saßen wir im »Zel«, futterten Pide und Yufka und guckten zu, wie die Feiernden langsam abzogen. Haufenweise junge Leute, die Deutschland-Fahnen um die Schultern gewickelt. Die Stimmung war traurig, aber friedlich.

Die EM ist rum, jetzt kann ich mich wieder um wichtigere Dinge im Leben kümmern.

29 Juni 2008

Fingernägel-Liebe

Die zwei rundlichen Damen saßen in der Straßenbahn in meiner direkten Nähe. Wir zuckelten vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt, und am liebsten wäre ich eingeschlafen. Doch dann war ich wach genug, um auf Höhe des Kolpingplatzes dem Gerede der beiden zu lauschen.

Sie hatten es vom Lackieren der Fingernägel und anderen wichtigen Dingen. Im badischen Dialekt hörte sich das alles sehr harmlos an, sehr brav, bis ich erkannte, daß die beiden eine einzige Abfolge von Gemeinheiten verbreiteten.

»Mei Mudder machd jo gar nix mit de Fingerneggl«, klagte die eine und fuchtelte mit ihren Designer-Fingernägeln in schwarz und weiß durch die Luft. »Die pflegt sich nedd mehr als nödig.« (Ich verzichte künftig auf die Transkription aus dem Badischen; klappt eh nicht gut.)

Es ging ihr darum, daß ihre Mutter unverschämterweise kein Make-Up im Gesicht trage und ihre Fingernägel nicht aufwendig lackiere. Das sei doch nicht teuer und sehe so gut aus. Und dabei rede sie die ganze Zeit auf ihre spießige Mutter ein, daß sie sich endlich auch mal ändere und mit der Zeit gehe.

Bis die andere irgendwann mal sagte. »Du, ich mach' ja auch nix mit meinen Fingernägeln.« Sie präsentierte ihre Hände mit den wulstigen Fingern, deren Nägel nur matt glänzten.

»Du machsch au nix?« Die Fingernägeldame schaute ihre rundliche Freundin an.

Und so wurde ich Zeuge, wie eine langjährige Freundschaft zerbrach ...

27 Juni 2008

Schicke SOL


Auf dem Cover der aktuellen SOL, der Zeitschrift der PERRY RHODAN-FanZentrale ist Ernst Vlcek zu sehen, der im April verstorbene Schriftsteller. Im Hintergrund fliegt ein Kugelraumschiff, im Vordergrund reitet ein Fantasy-Kämpfer durchs Land. Das Bild paßt; es zeigt mit Science Fiction und Fantasy zwei der wesentlichen Elemente, die Ernsts Schriftstellerlaufbahn bestimmten.

Lese ich die SOL durch, finde ich mehrere Beiträge, die sich mit dem Leben und dem Werk des sympathischen und viel zu früh verstorbenen Kollegen beschäftigen. Mir wird noch mal klar, warum ihn so viele so mochten und warum ich ihn vermissen werde. Mit wem werde ich künftig in Wien »Schwammerl« essen gehen und bei Bier und Wein schräge Ideen ausbrüten?

Die Nummer 51 des Magazins blickt nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Dr. Rainer Stache haut mir noch mal die Fehler des letzten Vierteljahres um die Ohren; der punkrockige Comic-Zeichner Vincent Burmeister verabschiedet sich mit einem interessanten Interview vom PERRY-Comic; der Schweizer Jung-Autor Marc E. Herren kommt ausführlich zu Wort, und Alexander Huiskes erzählt über die Mühsal der Datenrecherche.

Das Magazin ist auf jeden Fall lesenswert. Nicht nur für mich, weil ich es beruflich lesen sollte, sondern für jeden, der sich für Science Fiction aus deutschen Landen interessiert.

26 Juni 2008

Feiern lernen?

Das Spiel war rum, in einer letztlich glücklich verlaufenden Partie hatte die deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer die türkische Mannschaft besiegt. Wir saßen im Biergarten des »Fünf« zusammen, ermattet von der Spannung und vom Torjubel, naßgeschwitzt und schon ein bißchen angetrunken.

Das »schland!«-Gerufe hatte sich immerhin in Grenzen gehalten, nur im Siegestaumel hatten einige ihre Fahnen geschwenkt. Und zwischendurch gab es sogar einige »Türkye«-Rufe (oder wie immer man das ausspricht und schreibt); alles in allem also ein schöner Fußballabend.

Gelegentlich fuhren hupende Autos vorbei, Fahnen wurden aus den Fenstern gehalten, und »schland«-Rufe schallten über den Parkplatz zum Biergarten herüber. Anfangs riefen einige Biergartenbesucher sogar zurück, später beschränkte sich die Reaktion darauf, mit der einen Hand weiterhin das Bier zu halten und mit der anderen mal kurz zu winken. Man muß es ja nicht übertreiben ...

Später radelte ich leicht angesoffen die Erzbergerstraße hinunter; es war nach ein Uhr nachts. Ein einsames Auto kreuzte meinen Weg: Fahnen hingen aus den Fenstern, der Fahrer hupte wie blöd, als er mich sah, und ein wildes »schland!«-Geschrei entbrannte. Ich winkte höflich und fuhr weiter.

An der Kaiserstraße, wo zur selben Zeit beim Einzug der Türken ins Viertelfinale noch komplettes Chaos geherrscht hatte, stand ein Polizeiauto mit zwei gelangweilt wirkenden Beamten. In einer Nebenstraße hatten sich drei Dutzend Fußballfans um ein offen stehendes Auto versammelt, aus dessen Boxen laute Musik drang. Sie schwenkten Fahnen und schrien »schland!« und anderes.

Wenn es die deutsche Mannschaft wirklich schaffen sollte, das Finalspiel zu gelingen, müssen die Feierfans aber vorher noch ein bißchen üben, dachte ich und fuhr grinsend nach Hause.

25 Juni 2008

Tote Schauspieler lassen denken

Pinkas Braun ist gestorben. Normalerweise würde mir das nichts sagen; ich kann mir die Namen von Schauspielern oder Musikern praktisch nie merken. Und daß der Mann 85 Jahre alt wurde, hätte mich normalerweise auch nur zu einem Achselzucken verleidet.

Aber ... Hey, der Mann hat in den 60er Jahren an einem Film mitgewirkt, der Legende geworden ist. Nicht, weil er so gut ist, sondern weil sich so viele über ihn aufgeregt haben ...

Die Rede ist von »Perry Rhodan - SOS aus dem Weltall«, der 1967 als italienisch-deutsche Produktion abgedreht wurde und den ich für gnadenlos trashig, schlecht und lustig zugleich halte. Ein Meisterwerk des schlechten Geschmacks also.

Pinkas Braun, 1923 geboren, spielte in diesem Film eine wichtige Rolle, der des Bösewichts. Und während Streifen wie »Der Bucklige von Soho« irgendwann komplett vergessen sein werden, wird man sich zumindest an seine PERRY RHODAN-Beteiligung lang erinnern und ihm somit gedenken.

Ni Ju San rocken

Wermelskirchen mag ich irgendwie, seit ich dort vor einigen Jahren eine ziemlich klasse verlaufende »Peter Pank«-Lesung hingelegt habe. Aus der Stadt kommt die Band Ni Ju San, von der ich bislang zwei CDs kenne, die ich beide sehr schwach fand: mehr Rock als Punk, mehr anbiedernde Schunkel-Sounds als juvenile Rebellion.

Mit »Schönen Gruß« liegt nun die neue CD der Band vor: Rockig ist sie allemal, peinlich hört sich das nicht mehr an. Okay, die Stücke sind mir nach wie vor zu lang, fünf Minuten gehen für eine Punkrock-Band nur dann, wenn sie wie die Wipers klingt ...

Gelegentlich wird die Metal-Gitarre ausgepackt, da juckt es mich im Gedärm; gelegentlich plunkert ein Offbeat-Rhythmus durch die Songs; gelegentlich wird die deutsche Sprache gegen die englische eingetauscht. Alles in allem ist die Platte aber eingängig und rockig, mit einem schweren Touch in Richtung Tote Hosen und artverwandt-erfolgreiche Klänge.

Von der »ersten Reihe der deutschen Punk-Szene«, von der das Info des Labels schwärmt, ist die Band noch weit entfernt. Aus dem Sumpf des stumpfen Deutschpunk-Gebolzes haben sich die fünf Burschen aus Wermelskirchen aber tüchtig befreit – und jetzt bin ich gespannt, wohin das ganze noch gehen wird.

24 Juni 2008

Schwarzwaldidyllen

Es geschah so halb aus Zufall: Am Montag abend gondelten wir durch den Schwarzwald, gewissermaßen meine »alte Heimat«, und hielten recht spontan an der Eyachbrücke an. Wer nicht weiß, wo das ist, wundere sich nicht: Im Verlauf der letzten 44 Jahre bin ich da Dutzende Male vorbeigekommen (ganz früher im VW Käfer meines Vaters, irgendwann in eigenen Autos ...), habe das Gebäude aber nie wahrgenommen.

Unscheinbar genug ist das Gasthaus Eyachbrücke schon, aber die Lage ist sensationell: mitten im Schwarzwald, ganz in der Nähe einer Bahnstation und einer gut befahrenen Bundesstraße - alles liegt verkehrstechnisch sehr günstig zwischen Bad Herrenalb, Calw, Freudenstadt und Pforzheim. Man kann also von der Autobahn über Pforzheim oder über Karlsruhe recht schnell hinkommen und ist dann auch mittendrin im Erholungsgebiet Nordschwarzwald.

Wer es mag, bekommt den plätschernden Bauch, den rauschenden Wald und die frische Luft, man könnte von dort aus stundenlang wandern oder radfahren, ohne einen Menschen zu treffen. Das tat ich nicht, dazu war ich zu faul, immerhin reichte es zu einem gemütlichen Spaziergang an der frischen Luft.

Das Hotel selbst habe ich nicht besucht, nur das Restaurant; beides sieht von außen eher schlicht und ländlich aus und besticht innen durch rustikal-ländlichen Charme. Das Personal spricht Dialekt, der Wirtsraum ist mit Holz vertäfelt, alles kommt ohne »Chi-chi« aus und macht einen gemütlichen Eindruck.

Und wer dann gern fangfrische Forelle zu einem guten Preis sowie ein Ketterer-Bier aus Pforzheim oder Landweine trinkt, ist hier bestens aufgehoben. Es schmeckte sehr gut, der Service war völlig überzeugend und sehr freundlich, und wir haben vereinbart, da mal wieder hinzufahren. Für einen Tagesausflug gerade für gestresste Städter optimal …

23 Juni 2008

Noch ein Wort zu Köln

Für alle Besucher des ColoniaCons gab es heuer wieder ein schickes Programmbuch: rund 100 Seiten Umfang, schön gestaltet, ein Paperback im A5-Format. So was wäre früher ein schlecht kopiertes Fanzines gewesen, heute macht man gleich Büchlein mit Farbtitelbild. Sieht definitiv besser aus.

Inhaltlich gibt es die üblichen Texte, darunter einen von mir. Ich verfasste quasi als Vorwort meine »Gedanken zum ColoniaCon«.

Wer sich dafür interessiert: Aus Gründen der Dokumentation sind sie unter den Kommentaren nachzulesen.

22 Juni 2008

Dienstfahrt nach Köln

Morgens ging es um kurz nach acht Uhr los: Über die Autobahn und entlang an gefühlten zwei Dutzend Baustellen ging es nach Köln-Deutz. Dort fand am Wochenende der ColoniaCon 18 statt; die achtzehnte Auflage der traditionsreichen Science-Fiction-Veranstaltung in der Nähe des Rheinufers.

Auf der Hinfahrt, die mir unter anderem vom netten Ska der Kölner Band Slapstickers versüßt wurde, machte ich mir klar, daß ich seit einem Vierteljahrhundert nach Köln auf diese Cons fahre: Das erste mal dürfte 1983 gewesen sein, damals noch per Anhalter; ganz sicher bin ich mir allerdings nicht, ob ich nicht früher schon mal per Anhalter nach Köln gefahren bin ...

Hin wie her: 2008 ist 25 Jahre danach, und mir fiel auf, wie sich das Gelände zwischen dem Bahnhof und dem Jugendpark verändert hatte. Die Kölner Messe, die Kölnarena und haufenweise andere Neubauten haben eine riesige Brachfläche in ein industriell-kulturelles Areal verwandelt.

Dafür ist der Jugendpark immer noch derselbe; ich kam mir vor wie 1983 oder 1988 oder sonstwann. Ich redete mit Besuchern, ich saß zweimal auf der Bühne und erzählte irgendwelche Dinge über meine Arbeit, ich war zweimal mit Autoren und Kollegen essen und Besprechung machen, und so weiter - kurzum, ich war komplett beschäftigt und kam kaum dazu, mal Luft zu holen.

Gegen 22 Uhr war ich wieder unterwegs. Damit es mir nicht langweilig wurde, kamen noch einige Nachtbaustellen auf der A61 dazu; irgendwann wurde ich sackmüde, und damit ich nicht einpennte, blieb mir nichts anderes übrig, als OHL und anderen Kram zu hören. Wer völlig retardiert im Auto sitzt und »Nieder nieder nieder - mit dem Warschauer Pakt« schreit, kann auf jeden Fall nicht einschlafen ... so der Plan.

Kurz nach ein Uhr nachts war ich wieder in Karlsruhe. Gerade noch rechtzeitig, um auf die Party im Norden der Stadt zu gehen, dort leckeren Tiramisu zu verspeisen und noch zwei Bier zu trinken. Geklappt!

20 Juni 2008

Neue Generation fürn Klingelton

Es ist »the new generation of German rock«, eine Band, die mit »charmantem Frontgirl« aufwartet und sich »komplett dem Rock verschrieben« hat, zu der es bereits Klingeltöne fürs Handy gibt, deren Mitglieder attraktiv und jung aussehen und deren Musik im übrigen gar nicht mal so schlecht ist. So geht das heute eben zu mit der Rock-Musik ... Zumindest, wenn es nach dem Geschmack von Plattenfirmen, Jugendzeitschriften und Marketing-Agenturen geht, die mit allerlei Tricks (Thema: »virales Marketing«, funktioniert immer besser) arbeiten und damit teilweise viel Erfolg haben.

Die Rede ist von der Band Aloha From Hell, die aus dem Großraum Aschaffenburg kommt und seit zwei Jahren zusammenspielt. Für Jugendliche im Alter von 15 oder 16 Jahren ist das ganz schön lang. Sie haben den »BRAVO Bandnewcomer Contest« und einen Plattenvertrag bei einer fetten Firma erhalten; soweit alles gut, mittlerweile mit erster Platte.

Anhören kann man sich ihre Stücke auf der Myspace-Seite, wobei ich feststelle, dass »Catch Me« richtig gut ist und die gesamte Musik tatsächlich den Tatbestand erfüllt, unterhaltsam und melodisch zu sein: nix, was man noch nie zuvor gehört hat, gut abgehangene Rock-Musik, die aber modern und flott klingt.

Der Band mag ich nichts böses unterstellen, aber ich erkenne hinter den zahlreichen »Fan«-Homepages und den Clubs im In- und Ausland vor allem die Bemühungen geschickter Promo-Agenturen. Das wird alles ziemlich gut gemacht, ziemlich schön angeleiert.

Der Versuch, was neues auf den Boom-Zug nach Tokio Hotel zu schicken, liegt ja auch nahe. Und besser als Casting-Kapellen oder die unsäglichen »Grand Prix«-Teilnehmer No Angels ist das allemal ...

Schland! Schland! Schland!

Ja, ich habe auch gejubelt und mich gefreut, als das Spiel zwischen Deutschland und Portugal rum war. Ich habe mich für »unsere Jungs« gefreut, die endlich mal so spielten, wie sie es können und wie es mich als Zuschauer begeistert.

Ungläubige Blicke gab's nach dem 1:0 und dem 2:0, ich glaubte es wirklich nicht. In der zweiten Halbzeit wechselte die Spannung, man kam sich vor wie auf einer Achterbahnfahrt. Lustige Einlagen boten dann immer wieder die Schauspieler auf beiden Seiten: Ronaldo, der sich vor Schmerzen auf dem Boden wälzt, während die Zeitlupe zeigt, dass er nicht einmal getroffen wurde, oder Ballack, der glaubhaft Schmerzen im Gesicht simuliert, nachdem ihn jemand an Hals und Schulter geschubst hatte.

Hinterher saßen wir lang zusammen, tranken Bier und erzählten uns Chuck-Norris-Witze. Man kann Abende auch klüger verbringen, aber sehr lustig war's – während überall das Hupen der Feiernden zu hören waren ...

Irgendwann heute nacht fuhren wir nach Hause; unterwegs dann eine unheimliche Begegnung: Ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht raste die Molktestraße hinauf und bog auf das Gelände der Gefangenensammelstelle ab – dort werden eigentlich nach Fußballspielen irgendwelche Unruhestifter »untergebracht«. Wie man am nächsten Tag auf der Homepage von KA-News lesen konnte, hatte es prompt noch einige Hauereien in der Nacht gegeben ... Deppen.

19 Juni 2008

Erinnerungen an Sevilla

Und wenn wir schon mal bei Fußball-Erinnerungen sind: Ich werd's wohl auch nie vergessen, wie ich im Juli 1982 im »Café Müller« in Freudenstadt saß, damals bei uns als »Café Syph« durchaus eingeführt (und von mir so auch »literarisch verewigt« in meinem Roman »Vielen Dank Peter Pank«), und die Weltmeisterschaft 1982 anschaute.

Die eine Hälfte des Publikums bestand aus Jugoslawen, viele von ihnen »gestandene Männer«, die andere Hälfte bestand aus einer Mischung jugendlicher und nicht mehr ganz so junger Trunkenbolde deutscher Nation. Den Begriff »Public Viewing« gab's noch nicht, und wir hatten auch nur einen Fernseher, auf den drei bis vier Dutzend Männer stierten, aber es gab Schnaps und Bier, und nach jedem Spiel war ich hackeblau.

Das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich war eines der spannendsten Spiele, das ich jemals gesehen habe. Ich erinnere mich weniger an die spielerischen Details, weiß nur noch, welche Stimmung herrschte, daß wir tatsächlich »Rummenigge!« brüllten und fast ausflippten.

Das Spiel ging in die Verlängerung, und dann kam das monströse Elfmeterschießen, bei dem ich mir nicht nur die Fingernägel, sondern gleich die ganzen Fingerkuppen abnagen wollte. Unglaublich!, was für ein Spiel.

Und dann natürlich die unglaubliche Begegnung zwischen Toni Schumacher, dem deutschen Torwart, und dem französischen Stürmer Battiston. Es krachte und knallte, und Toni Schumacher, der alles andere als ein Feingeist war, semmelte den Franzosen richtig eine rein. Das war nicht fair, aber konsequent ... und später hielt Schumacher die Elfmeter-Schüsse der Franzosen zurück.

Hey, und Horst Hrubesch schoss das entscheidende Tor. Nach ihm benannte sich in den 90er Jahren die Krachpunkband Hrubesch Youth aus Hamburg ...

18 Juni 2008

Erinnerung an die Wasserschlacht

Während sich halb Deutschland geistig-moralisch auf das Spiel gegen Portugal vorbereitet, kommen mir allerlei Erinnerungen in den Sinn: Fußballfan im eigentlichen Sinn war ich nie, aber Fußball geguckt habe ich immer wieder mal. Und das erste Turnier, das ich mitbekam, war 1974 die Weltmeisterschaft in Deutschland.

Seltsamerweise erinnere ich mich nicht an das Endspiel gegen Holland, das von Beckenbauer, Müller und Co gewonnen wurde. Ich erinnere mich auch nicht mehr an das legendäre »Deutschland gegen die DDR« (ja, so hieß das damals!), das ausgerechnet die DDR gewann.

Nein, ich erinnere mich an die »Wasserschlacht von Frankfurt«: Deutschland spielte gegen Polen, es regnete ununterbrochen, und ich saß bei den Nachbarn, wartete darauf, daß das Spiel anfing, während wir Cola tranken – damals ein absolutes Luxusgetränk – und Schokolade futterten. Manche Szenen des Spiels haben sich mir wirklich eingebrannt.

Berti Vogts beispielsweise, der durch knöcheltiefes Wasser rennt und schliddert, der hinterher wirklich aussah, wie ein klatschnasser Terrier-Köter. Der polnische Torwart sowie der deutsche Kollege, die sich die Bälle direkt zuspielten: Maier schießt über das ganze Feld, der polnische Torwart fängt, dann schießt er über das ganze Feld, und Maier fällt – unglaubliche Szenen!

Ob ich solche Szenen bei dieser EM sehen werde, bezweifle ich. Gegen die Macht der konservativen Jugend-Erinnerung könnten sie ohnehin nie ankämpfen ...

17 Juni 2008

Narrische Fans

Es war ein lustiger Abend im »Fünf«, das montags normalerweise geschlossen hat: Bier floß trotzdem, und es gab Pizza-Stücke zu sehr moderaten Preisen, die lecker schmeckten. Also paßte alles zum perfekten Fußball-Abend.

Ein mir persönlich bekannter Fußballfan, der den deutschen Spieler Odonkor nicht leiden kann, hatte extra Aufkleber mit dem Motto »NOdonkor« angefertigt, die er fleißig verteilte. Im Verlauf des Abends wechselte er zu »Dummes Gommes«-Beschimpfungen über, und ich befürchtete schon, er bekäme einen Herzinfarkt vor dem Bildschirm. Aber es ging alles gut.

Über das Spiel muß ich nicht viele Worte verlieren; die meisten dürften das erbärmliche Gekicke mitgekriegt haben. Immerhin gab's einen großartigen Freistoß mit eindeutigem Ergebnis; das tröstete.

Ansonsten herrschte gute Stimmung zwischen Leinwand und Theke. Man kann auch aus schwachen Spielen einen gelungenen Abend basteln ...

16 Juni 2008

Türkenkorso in der Innenstadt

Was für ein Spiel, was für Emotionen! Eigentlich hatte es mich gar nicht interessiert, wer beim Duell zwischen der Türkei und der Tschechischen Republik gewinnt – ein so schlimmer Fußballintereressierter bin ich nicht.

Dann aber packte mich das Spiel beim gemeinsamen Gucken im »Fünf«; ich drückte immer stärker die Daumen für die Türken, die das Tor der Tschechen buchstäblich ununterbrochen berannten. Ohne den tschechischen Torwart, der mit seinem seltsamen »Helm« komisch aussah, hätte es schon früher Tore gehagelt, da war ich mir sicher.

Und dann aber »zack-zack-zack«, es stand drei zu zwei, und auf der Straße ging das Hupkonzert los. Mit dem Rad strampelte ich durch den Nieselregen, um mir auf der Kaiserstraße das denkwürdige Schauspiel feiernder Türken und einer völlig überforderten Polizei zu geben. Sehr lustig!

Ein Fahnenmeer, ein Hupkonzert, dazwischen Polizisten in Regenjacken, die verzweifelt versuchten, einen Anschein von Ordnung an der Straßen- und Bahnkreuzung am Mühlburger Tor aufrecht zu erhalten. Grinsend fuhr ich an den Feiernden entlang, bis ich – ohne Regenjacke unterwegs – die Feuchtigkeit langsam auf der Haut spürte.

15 Juni 2008

Heiser im Fasanenhof

Das DIY-Festival im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof sah bei meinem Eintreffen aus wie ein Schlachtfeld: Autos und Zelte säumten den Weg zum Jugendhaus, überall sah ich Punks (meist eher aus der Crust-Ecke), Bierflaschen und allerlei Krimskrams; alles in allem eine ziemlich chaotische Angelegenheit.

Kein Wunder: Das Festival hatte bereits am Donnerstag, 12. Juni, begonnen, und als ich am Sonntag, 15. Juni 2008, eintraf, erholten sich die Anwesenden noch von den Strapazen. »Zwei Dutzend Bands in vier Tagen«, stöhnte eine Bekannte, »und meist halt Geratter.« In der Tat gehörte ein großer Teil der Bands zur heftig-bollernden Punk-Gangart.

Ich sollte eine Lesung halten, was ich ja eigentlich ganz lustig fand. Und als ich eintraf, stolperte ich gleich über drei junge Leute, die den Ort der Lesung suchten. Gemeinsam suchten wir ein wenig herum, stellten fest, daß ein ziemliches Durcheinander herrschte und daß in dem Raum, wo ich eigentlich laut Aussage einer Frau hätte lesen sollen, noch Leute schliefen.

Kurzerhand schleppten eine junge Frau, die eigentlich hinter der Theke genügend Arbeit hatte, und ich einige Bierbänke und einen Tisch in den Garten, wo ich einen improvisierten Lesungs-Bereich aufbaute. Dummerweise stand der in der Nähe des Buffet-Zeltes, wo es Frühstück und Kaffee gab und natürlich viele Leute, die sich dort aufhielten; man kann als Vorlesender schlecht anderen Menschen verbieten, sich zu unterhalten ...

Unverdrossen begann ich mit einer Verspätung von etwa einer Dreiviertelstunde mit meiner Lesung; zwischen sieben und zehn Leute hörten zu, auf der hinteren Bierbank wechselten sich gelegentlich die Besucher ab. Ich hatte nach Anblick der erschöpften Party-Meute schlimmeres erwartet.

Ich gab zwei Texte zum besten, mehr ging nicht: Nach einiger Zeit mußte ich nämlich gegen die Band anschreien, die mittlerweile ihren Nachmittagsauftritt begonnen hatte. Dabei hörten sich The High Society gar nicht schlecht an; es irritiert halt mächtig, wenn man sich auf Texte konzentrieren muß und im Hintergrund Punkrock rumpoltert.

Danach noch allgemeines Gelaber unter freiem Himmel; ich tauschte Singles gegen ENPUNKT-Hefte, trank Apfelschorle, schaute den Leuten beim Aufräumen zu und hatte hinterher vier Leute im Auto, die ich ein Stückweit mitnahm.

Ich sollte es künftig wieder bleiben lassen, im Rahmen von Festivals aufzutreten ... das scheint stets schiefzugehen.

14 Juni 2008

Peter Pank in Ludwigshafen


Die aktuelle Ausgabe des OX ist auf dem Markt. Gibt's per Abo direkt auf der Homepage des Fanzines, gibt's per Einzelheftbestellung sowieso bei verschiedenen Mailordern und liegt vor allem in vielen Bahnhofsbuchhandlungen aus. Finde ich ja immer noch gut und schmeichelhaft.

In der Ausgabe 78, die ein richtiggehend altmodisches Bild - hey, in schwarzweiß! - ziert, das Mudhoney zeigt (boah, zwanzig Jahre ist das jetzt her ...), ist die mittlerweile vierzehnte Fortsetzung meines dritten PETER PANK-Romans »Und: Hardcore!« enthalten.

Auch in dieser Folge weilt Peter Meißner alias Peter Pank noch auf dem Punk- und Hardcore-Festival in Ludwigshafen; man schreibt den Januar 1987. WALTER ELF spielen, EMPIRES & BUILDINGS, dazu DEAD END, und es kommt zu verschiedenen Begegnungen mit anderen Punks, die teilweise für den weiteren Verlauf des Romans wichtig werden.

Keine Ahnung, wen's interessiert, aber: Dieser PETER PANK-Roman ist ausnahmsweise »durchkomponiert« insofern, daß ich ziemlich genau weiß, was ich wie in der Handlung plazieren werde. Allerdings ist jetzt schon sicher, daß wieder einiges anders kommt als geplant.

Sei's drum. Bis 2010 oder so dann das fertige Buch erscheint, dauert es ja auch noch einige Zeit ...

13 Juni 2008

Thee Flanders mit DVD und CD

Rein musikalisch finde ich Psychobilly eigentlich ganz okay; das rotzt und rockt und rollt normalerweise ganz schön. Eine Nähe zum Punkrock läßt sich nicht abstreiten. Textlich ist mir das ganze meist zu einfältig; immer die gleichen Lieder über Leichenschänden, Vampire und Monster – das ist mir zu doof.

Das alles trifft auf Thee Flanders aus dem Osten dieser Republik zu. Musikalisch weiß die Band durchaus zu überzeugen, auch das Design der Tonträger ist schick – auf Dauer ist mir die Mischung aber zu langweilig.

Ihre CD »Graverobbing« bringt vor allem Cover-Versionen der unterschiedlichsten Art. Blondie und die Meteors, die Misfits und Elvis Presley – Hits dieser Bands und Künstler schlicht auf Billy-Art. Das ist manchmal sogar richtig lustig.

Cool ist die Beilage: Es gibt eine komplette DVD mit Video-Clips, Konzertmitschnitten und anderem Kram. Wer auf die Band steht, wird von dem Label auf jeden Fall kompetent bedient. Muß ja auch nicht alles mir gefallen ...

12 Juni 2008

Eine Woche Pause

Bin wieder da. Eine Woche ohne Internet-Zugang kann auch ganz schön erholsam sein. Viel geschlafen habe ich ebenfalls; das soll ja ebenso erholsam sein.

Eine Woche lang waren wir in Portugal, an der Algarve. So richtig fauler Tourismus: Hotel am Strand, schlafen, lesen, essen, im Wasser planschen.

Und ab heute überrollt mich wieder die Realität im Büro ...

03 Juni 2008

Skapunk aus Baden und Spanien

Die Vermengung von Punkrock und Ska, seit den frühen 90er Jahren ein richtig »großes Ding« geworden, gefällt mir nach wie vor sehr gut. Skapunk ist meist unterhaltsam, läßt sich gut beim Autofahren hören und verlockt – wenn gut gespielt – zum Tanzen, sogar faule Säcke wie mich. Vor allem live funktioniert dieser Sound fast immer.

No Authority aus der badischen Region, rund 60 Kilometer von meinem Wohnort entfernt, sind schon richtig alte Hasen in diesem Geschäft. Die Band gibt's seit einem Dutzend Jahren, und mit »Don't Lose Heart« liegt auch schon die vierte CD vor. 13 Stücke, die auf jeden Fall gut durchlaufen.

Es bleibt nicht unbedingt was hängen; die Band spielt ihren Skapunk absolut kompetent, das stimmt schon. Punk ist hier – so wirkt es – rein auf die Musik bezogen, da kratzt nichts, da wirkt nichts rebellisch. Das ganze klingt sauber produziert, glatt und poppig; früher hätte ich die Band als »Oberschüler-Combo« beschimpft, ohne sie jemals gesehen zu haben.

Im Prinzip machen No Authority eben MelodyCore mit Trompeten – das will im Jahr 2008 natürlich niemand mal hören. Aber unterm Strich ist es eben einfach nett und unterhaltsam, in gewisser Weise massenkompatibel, fürs breite Volk aber nicht kommerziell genug.

Der Sänger der spanischen Band, die als nächstes im CD-Player rotiert, hat bei Ska-P wohl schon einige Erfahrungen gesammelt, aber The Locos aus Spanien überzeugen auch ohne die berühmte Vorgänger-Band: Auf der zweiten CD mit Titel »Energia Inagotable« ballern die Jungs insgesamt elf Stücke raus, die zwar auch »nur« Ska-Punk spielen, das aber richtig energisch und knallig.

Klar sind die Bläsersätze passend, der Gesang wird immer wieder durch Chöre unterstützt und ist sehr hymnisch. Das ganze kommt nie schlaff oder langweilig rüber, sondern hier glaubt man wirklich rebellische Wut zu verspüren.

Von der Band hatte ich zuvor noch nichts gehört. Schaut man sich die Videos auf der Homepage an, scheint bei denen live die Bude zu brennen. Ich glaub', die merk' ich mir mal ...

(Übrigens: Beide CDs sind beim selben Label rausgekommen.)

Die BILD und die Linken

Dem Internet sei dank: Ich kann mehr oder weniger BILD-Zeitung lesen und mich am unglaublichen Verdrehen von Wahrheit berauschen, ohne dafür Geld auszugeben. (Im übrigen habe ich einmal in meinem Leben nur eine BILD-Zeitung gekauft: bei den Chaostagen in Hannover, weil da Schwick auf der Titelseite war und ich wissen wollte, was der »Feind« über den »Punker-Terror« schrieb.)

Man muß Oskar Lafontaine nicht mögen; ich finde die Linkspartei und ihr Personal größtenteils auch ekelhaft. Die Art und Weise, wie sich BILD und CDU und SPD und die Westerwelle-Bande gegen die Linkspartei formieren, ist allerdings noch ekelhafter. Da müßte ich ja glatt aus reiner Sympathie mit dem getretenen Underdog die Linkspartei wählen. Aber so weit kommt's nicht.

Schaue ich mir aber die aktuelle »Post von Wagner« an, wird mir schlecht: »Sie, Lafontaine, sind so teuflisch«, schreibt der Mann allen Ernstes. Weil Lafontaine den Armen das Himmelreich verspreche und so ...

Großartig: Da stimmt endlich mal ein Politiker nicht mehr in das Loblied ein, daß es gut für Land und Leute sei, wenn die Reichen immer reicher werden, und prompt ist er »teuflisch«. So tickt BILD, und das finde ich schon wieder mal sehr lustig.

Geht aber weiter: Weil in der Talkshow »Anne Will« (nie gesehen ...) ein Auftritt von Lafontaine angeblich zum »Skandal« geworden war, drehen jetzt einige am Rad: Lafontaine habe gewagt, die Kanzlerin zu beleidigen.

Ich bin begeistert, wer sich jetzt alles aus der Deckung wagt: Politiker von der rechten Seite, die einfach mal ihre Arbeit tun sollte, toben jetzt. »Demagogie« schreien die einen, »Ablösung« fordern die anderen. Ausgerechnet Friedberg Pflüger ... Mannomann, daß solche Leute überhaupt noch von irgendjemand ernst genommen werden.

Aber mal ganz ernsthaft: Die Angst bei den Konservativen vor der Linkspartei muß ja echt groß sein. Anders wäre das Trara nicht zu erklären.

02 Juni 2008

Radio-Krach aus Köln

Denk ich an Köln und Punkrock, fallen mir heute Bands wie Chefdenker und Supernichts ein. Früher hätte ich an Cotzbrocken gedacht. So ändern sich die Zeiten; ich halte das für eine echte Verbesserung.

In der gestrigen Radiosendung ging es um die Kölner Szene, wobei ich vor allem aktuelle Bands spielte, die eben erwähnten natürlich mit dabei. Deutschpunk gab's auch von Keine Ahnung und Der Dicke Polizist, Ska lieferten die Slapstickers, ziemlich krawallig klangen die Nachwuchs-Punkrocker von Raptus.

Als beidseitigen Ausgleich gab's noch Emo-Indie-Kram von Endearment und krachigen Noise-Rock von Grandmal. Zur Dokumentation der Kölner Gegend (den Raum Köln fasste ich mit Frechen und Leverkusen ein bißchen größer) spielte ich noch ein Live-Stück von OHL. Muß dann auch sein, finde ich.

Polit-Folk auf italienisch

In den 60er und 70er Jahren war die sogenannte Folk-Musik eine politische Angelegenheit; zumindest liest man das immer wieder. Ob's wirklich so war, weiß ich nicht. Aus Italien kommt die Band Modena City Ramblers, die genau solche Musik mit politischen Ambitionen spielt.

Insgesamt sind's acht Frauen und Männer, die aus der linken Szene von Modena stammen und allerlei unpunkige Instrumente wie eine Mandoline, eine Flöte oder eben ein Klavier benutzen. Textlich greifen sie auch tief in die Kiste: »Bella Ciao« ist das bekannteste Stück, das sie umsetzen, andere Songs kenne ich nicht. Kein Wunder, sind ja teilweise italienische und irische Lieder, irgendwelche Polit-Klassiker.

Nicht jedermanns Sache, anfangs für mich auch eher fremd. Nach einiger Zeit hörte sich die ruhige, von Klampfen betonte Musik aber ganz gut an. Mal eine Alternative zum Polit-Punk, von daher durchaus empfehlenswert; auf der Myspace-Seite gibt's ja nette Hörbeispiele.

01 Juni 2008

Punkrock oder Indie oder ...

Sonntag mittag ist eigentlich nicht meine Zeit, um auf Konzerte zu gehen. Vor allem dann nicht, wenn es - so wie heute - ein richtig warmer Tag ist. Aber im »Kohi«, dem Kulturzentrum in der Karlsruher Südstadt, sollte ein Konzert sein, das um 16 Uhr beginnen sollte.

Das glaubte ich eh nicht, und bis ich aus dem Haus kam, war's zwei Stunden später. Als ich gegen halb sieben Uhr dort war, am frühen Abend also, spielte Schneller Autos Organisation bereits. Die Band aus Hamburg, die ich im weitesten Sinne in die Emo-Schublade stecken würde, hatte ich vor Jahren in der »Ex-Steffi« gesehen, und da hatte sie mir sehr gut gefallen.

An diesem Sonntag war's knalleheiß, und im kleinen Konzertraum standen vielleicht zwei bis drei Dutzend Emo-Jungmänner, einige wenige Frauen (drei?) und eben die Band. Die Stimmung war gut, die Band bewegte sich energisch auf der kleinen Bühne, sofern das angesichts der Enge des Raumes möglich war, und das Publikum gab reichlich Beifall.

Ich fand's musikalisch klasse; nicht mehr unbedingt Punkrock, sondern eher »Indie«, vor allem eben von der Art der Darbietung: Der Sänger klatschte in die Hände, drehte sich im Kreis und bewegte sich insgesamt nicht so, wie man das von Punk-Sängern so gewöhnt ist. Anfangs fand ich das auch befremdlich, im Nachhinein war's eigentlich cool in positivem Sinn.

Schönes Konzert! Hinterher saß ich rum, trank Bier und futterte Kuchen und redete mit Leuten von der Band. Der Sänger war früher bei Pankzerkreuzer Polpotkin (oder so) gewesen, die mich mit ihrem Radau-Punk überzeugt hatten - das fand ich dann auch sehr interessant.

Konzerte am Nachmittag haben doch was.

31 Mai 2008

Meine kürzeste Lesung

Das war heute eine stramme Leistung: Ich las in der Universität von Karlsruhe - ernsthaft! Ein bißchen bildete ich mir sogar was drauf ein: nie eine Uni von innen gesehen, dann aber eine Lesung dort machen.

Ernsthaft: Das AKK, ein Uni-Arbeitskreis, über den im Verlauf der letzten Jahre auch Punk-Konzerte gelaufen sind, feiert an diesem Wochenende seinen dreißigsten Geburtstag. Bands spielen, und recht spontan überlegte man sich, auch eine Lesung im Biergarten anzubieten.

Um 16.30 Uhr sollte es losgehen, kurz danach traf ich mich dem Rad ein. Das Wetter sah düster aus, als ob es gleich regnen könnte, aber unverdrossen standen Bierbänke herum und bereiteten sich alle auf ein Open-Air-Festival im Garten hinter dem AKK vor.

Nachdem zwei Kollegen kurze Texte vorgetragen hatten, kletterte ich auf die Bühne und stellte mich hinters Rednerpult. Das sah schon alles sehr professionell aus, fand ich, die zwei Boxen gaben einen tüchtigen Wumms von sich; nur vor mir verloren sich auf den Bierbänken vielleicht 15 Leute.

Unverdrossen begann ich mit meiner Lesung, nachdem ich einige Sätze zu mir gesagt hatte. Und geschätzte neunzig Sekunden später begann es zu regnen.

Na super.

Ins Gebäude konnten wir nicht, das war quasi der Backstage-Bereich, also mußten wir abbrechen. Es war die kürzeste Lesung aller Zeiten, dachte ich, als ich dann unter den Bäumen saß und noch mit einigen Leuten redete ...

30 Mai 2008

Biergarten-Saison ohne Weizen

Ich wechsle meine Bier-Vorliebe tatsächlich nach der Jahreszeit: Im Winter bevorzuge ich Pils, im Sommer, wenn es so richtig krachig heiß ist, trinke ich sehr gern Weizenbier. Da hab' ich das Gefühl, es erfrischt so richtig.

Völlig überhitzt vom Radfahren stolperte ich gegen 22 Uhr ins Karlsruher »Vogelbräu«. Der Biergarten war proppevoll, und ich fand meine »Bezugsgruppe« erst nach einigem Suchen. Seufzend und ächzend, wie es sich für einen älteren Herrn gehört, ließ ich mich bei den jüngeren Leuten nieder ...

Bei der ziemlich zackigen Bedienung bestellte ich ein Weizenbier. »Gibt's bei uns nicht«, gab sie zur Antwort. »Hier gibt's nur Pils oder Maibock.«

Ich guckte sie an und verstand. Richtig, im »Vogelbräu gibt« es nur selbstgebrautes Bier. Das leckere unfiltrierte Pils, auf das so viele Leute stehen und das die Brauerei plus Kneipe über die Grenzen Karlsruhes hinaus bekannt gemacht hat. Wieso hatte ich das vergessen?

Wieder was gelernt
, dachte ich und bestellte mir ein Pils. Das schmeckte prompt auch gut, die Welt war wieder in Ordnung, ich saß auf meiner Bierbank unter dem schönen Dach aus Pflanzen, redete dummes Zeugs und genoß den Feierabend. (Na ja, kurz vor Mitternacht schnappte ich mir daheim dann doch noch ein Manuskript ...)

29 Mai 2008

Punkrock! aus Mannem


Mit coolem Comic-Cover wartet die sechste Ausgabe des Mannheimer Fanzines mit dem schlicht-genialen Namen »Punkrock!« auf. Ich habe das Heft von vorne bis hinten gelesen: layouttechnisch auf hohem Niveau, superschick gedruckt und trotzdem mit typischem Punk-Spirit, das macht richtig Laune.

Bocky, Oli und der Rest der Mannschaft, schon vorher auf einer guten Fahrt, haben sich verstärkt, und das Ergebnis gefällt nicht nur optisch. Es gibt allerlei Blödsinn zu lesen, unter anderem eine Art Dr.-Sommer-Fragebogen mit der Band Ultrafair, aber auch Politisches, etwa zur staatlichen Datensammelwut – und ebenso Artikel zu Musik, etwa zur Sängerin Lydia Lunch.

Klar müssen Interviews sein, und die Pestpocken als Aushängeschild der Nietenpunker-Szene machen sich gut; die Hessen geben aber zudem schlaue Antworten. Die kalifornische Band Time Again steht nach ihrem Interview jetzt auf dem »Kaufen!«-Zettel. Dazu noch Strawberry Blondes aus England, die göttlichen Supernichts aus Köln oder Riot Brigade aus dem beschaulichen Herrenberg (wo unsereins in den späten 80er Jahren oft genug herumhüpfte).

Dazu Konzertberichte, Platten- und Fanzine-Besprechungen; ich hab' jetzt nicht alles genannt. Die lesenswerte Mischung machte mir viel Spaß, empfehle ich gern weiter. »Punkrock! 6« gibt's übrigens für zwoeinhalb Euro direkt beim Fanzine oder bei diversen Mailordern.

15 Jahre nach dem Familienmord

Es ist schon 15 Jahre her; ich hätte es tatsächlich schon vergessen und wurde durch die »taz« daran erinnert. In Solingen brannte ein Haus, angezündet von rassistischen Mordbrennern, und in den Trümmern starb der größte Teil einer türkischen Familie. Es war der Höhepunkt der rassistischen Mordkampagne in den Jahren 1991 bis 1993, in deren Verlauf die staatstragenden Parteien vor den Mördern so weit zurückwichen, daß sie die Ausländergesetze verschärften.

Ich steckte voller Wut und Haß, als ich an jenem Wochenende nach Solingen fuhr; zusammen mit anderen Leuten. Wir gehörten nicht zu einer organisierten Autonomen Gruppe, aber wir wollten an der Trauerkundgebung teilnehmen.

Es war ein grausiger Tag, ein Tag der Steine und Scherben, der Knüppel und des Blutes, der sackdoofen grünbürgerlichen Weicheier und der prügelgeilen Polizei. Ich erinnere mich nicht mehr an viel Details, ich weiß nicht mehr genau, was ich alles gemacht habe an diesem Tag. Jemand sagte hinterher zu mir, ich hätte Schaum vor dem Mund gehabt.

Der Marsch zur Kundgebung wurde bereits von rechtsradikalen Türken angegriffen; wir wehrten uns, während die Polizei den örtlichen »McDonald's« gegen Demonstranten schützten. Ich erinnere mich an den Schlachtruf: »Wo – wo – wo wart ihr in Rostock?« Und es gab genügend Polizisten, denen man die Scham ansah.

Später rannte eine prügelnde Hundertschaft in Kampfroboter-Outfit in die friedliche Kundgebung – Zigtausende sitzender und stehender Leute – hinein, blutige Gesichter überall um mich herum. Es war das Signal zum Aufstand.

Ich erinnere mich an Steinhagel und durchdrehende Leute; ich sehe die zersplitterte Innenstadt von Solingen vor mit, und ich erinnere mich an türkische Gruppierungen von links bis ultralinks und rechtsradikal, die mit Dachlatten und Holzstangen aufeinander losgingen. Alles war völlig konfus.

Als wir Stunden später von Solingen aufbrachen, steckten wir immer noch voller Wut und Haß. Die Empörung, daß die Polizei es fertig gebracht hatte, eine Trauerkundgebung anzugreifen, bekam ich während der ganzen Rückfahrt nicht los. Und dann die Lügen der Medien – es paßte alles zusammen.

28 Mai 2008

Entwaffnung aus der Schweiz

Daß es in der Schweiz, vor allem im deutschsprachigen Teil, viele gute Ska-Bands gibt, ist mir seit längerem bekannt. Das Label Leech Records versorgt mich schließlich auch seit einigen Jahren mit meist sehr gelungenen Tonträgern.

Dieser Tage erhielt ich die CD einer Band namens Entwaffnung, die den hübschen Titel »Live Is A Killer« trägt: Hardcore-Punk mit deutschen und englischen Texten, die mir richtig gut gefallen. Die Musik ist treibend, die wird nach vorne gehauen, der Sänger hat ein raues Organ, und trotz aller Hardcore-Klänge hat das Ding eine tüchtige Melodie am Start.

Das ist richtig gut gelungen, ich bin baff. So was kommt aus der beschaulichen Stadt Baden, die ich nur vom Namen her kenne. Und die Entwaffnung-CD höre ich garantiert nicht zum letzten Mal an.

Abenteuerspielplatz

Die Bundesstraße zwischen Rastatt und Karlsruhe kannte ich nach all den Jahren ziemlich gut. Ich wußte, an welchen Stellen des vierspurigen Abschnitts die Radarfallen zu befürchten waren, und ich wußte, mit welcher Geschwindigkeit man rollen sollte, um an keiner roten Ampel stehen zu bleiben.

Ich rollte an diesem Tag gerade mit gemütlichen 82 Stundenkilometern durch die Tempo-70-Zone, vorbei an einem Lieferwagen mit Reutlinger Kennzeichen, als von hinten eine dunkelgraue Limousine heranschoß. Der Fahrer fuhr dicht auf, bis ich nur noch seine Windschutzscheibe sah, als ob er mich von der Straße schieben wollte.

Ich rollte gemütlich weiter und überholte den Lieferwagen. Da auf der rechten Spur bald wieder ein langsam fahrender Wagen kam, blieb ich links; die Limousine hinter mir fuhr noch dichter an mich heran. Unsere Stoßstangen waren wohl keine fünf Zentimeter mehr auseinander.

Dann zog der Fahrer hinter mir nach rechts hinüber, schoß an mir vorbei, um dann hinter dem blauen Kleinwagen auf der rechten Spur zu »kleben«. Ich sah nach rechts: Das Gesicht hinter der Seitenscheibe sah aus wie ein blutroter Mond mit Schnauzbart.

Während ich den blauen Kleinwagen überholte und hinter einem BMW auf der linken Spur blieb, zog die Limousine wieder nach links und setzte sich hinter mich. Der Mann hinter mir fuchtelte bereits mit beiden Händen. Er tat mir leid.

Das Spiel wiederholte sich zwischen Durmersheim und der Neuen Messe etwa drei mal. Dann schaffte er es, mich rechts zu überholen, sich vor mir einzuordnen und dann zwischen mir und dem BMW weiterzufahren. Ich wechselte auf die mittlere Spur und hielt Tempo 82, beschleunigte nach der Tempo-70-Zone auf 120 und schaute zu, wie die graue Limousine alle drei Spuren benutzte, um mit geschätzten 150 Stundenkilometern nach Karlsruhe zu fahren.

Auf der Kaiserallee trafen wir uns wieder. In der engen Doppelspur fuhr ich auf einmal wieder hinter ihm. Und als er an der Sparkassen-Filiale einparkte, rollte ich mit gemütlichen 60 Stundenkilometern an dem Fahrer der grauen Limousine vorbei.

27 Mai 2008

Bundespräsidentenpeinlichkeiten

Riesengeschrei in der Republik; das Ende des Abendlandes droht. Der Grund: Die SPD, der man ansonsten nichts mehr zugetraut hätte, traut sich, gegen die Schlaftablette im Amt des Bundespräsidenten eine sehr intelligente, resolute Frau aufzustellen. Das verdient ausnahmsweise Respekt.

Nicht so bei der politischen Konkurrenz. Ausgerechnet der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, von dem die rassistische Kampagne »Kinder statt Inder« kam, behauptet, dies sei »das Ende der SPD als staatstragende Partei«. Andere Unionisten äußern sich ebenso.


Die SPD stelle sich gegen die eigene Bevölkerung. (Okay, das tut sie. Aber das tun doch derzeit eh alle Parteien.) Und so proletet und populisieren die Medien in Tateinheit mit Unionisten-Politikern (die sonst gern die Sprüche der Rechten aufgreifen, wenn es darum geht, gegen Ausländer zu hetzen), wie schrecklich es denn sei, wenn die SPD sich auf ihre Tradition als »linke« Partei besinne und mit den Stimmen der ach so fürchterlichen Linkspartei eine Frau wählen könnte.

Die nackte Angst geht um bei der CDU. Da haben sie es sich so schön eingerichtet mit einer geschwächten SPD, mit einer nicht existierenden Konkurrenz, mit kleinen Parteien, die sich an den Tisch der Macht schleimen, mit einer Kanzlerin, die schön tut und nichts leistet. Und jetzt droht glatt eine linke Mehrheit in diesem Land ... na ja, nicht heute, nicht nächstes Jahr, aber vielleicht 2010 oder 2011 ... eine Mehrheit, die vielleicht aufhören könnte mit dem permanenten Umverteilen von unten nach oben. (Mein Glaube an diese Theorie hält sich in Grenzen, aber immerhin ist sie vorhanden.)

Ich weiß nicht, was ich ekelhafter finden soll: das Geschrei der Rechten oder das widerliche Anbiedern der Medien, die in dieses Geschrei permanent einstimmen und die Linken zum gefährlichsten Feind seit 1945 stilisieren.

26 Mai 2008

Der Grand Prix, die ollen Schabracken und ich

Seit einigen Jahren verbindet mich eine Haßliebe mit dem Grand Prix oder dem European Song Contest, wie das alljährliche Treffen der europäischen Heulbojen neuerdings genannt wird. Ich bin mir nicht mal sicher, bei welcher Gelegenheit mein Interesse dafür begann; wahrscheinlich sind ein Kölner und eine Kölnerin daran schuld, die mich vor etwa zehn Jahren in meiner Wohnung in der Hirschstraße besuchten. Bewaffnet mit einem Kasten Bier, schauten wir uns den Grand Prix an, ekelten und amüsierten uns abwechselnd und hatten insgesamt sehr viel Spaß bei dieser Veranstaltung.

Und jetzt wieder. Samstag, 24. Mai - man hat ja sonst nix zu tun. Und diesmal live aus Belgrad. Moment mal, Belgrad, das ist doch die Hauptstadt des kleinen Landes, das ansonsten mit Europa seine Probleme hat. Egal, an diesem Abend zählte das nicht: Millionen schienen auf den Straßen zu sein und die Veranstaltung zu feiern.

Wir waren tapfer und guckten uns alles an: Bands und Sänger aus Armenien und Norwegen, aus Spanien und Serbien, aus Aserbeidschan und der Ukraine, dazwischen einige Briten (ganz grausig), Franzosen (großartig! Sängerinnen mit Vollbärten!) und auch Deutsche. Viel zu lachen gab es, und manchmal gruselte es mich einfach.

Bei einigen Sängerinnen waren die Röcke so kurz und die Ausschnitte so tief, dass sie auch nackisch hätten auftreten können. Beim russischen Preisträger wußte ich nicht, ob ich über die nackte, haarlose Brust, das grausige Englisch, den tanzenden Eiskunstläufer oder den fiedelnden Ungarn mehr lachen sollte. Spitze waren die Finnen, die eine 80er-Jahre-Metal-Band inklusive Kastratengesang aufboten, und mit den Türken war immerhin ein Land vertreten, das halbwegs anständige Musik lieferte.

Den letzten Platz belegte Deutschland mit den No Angels. »Was erwartest du von vier alten Schabracken?«, so der Kommentar einer mir bekannten Person: Die Damen trafen keinen Ton, standen peinlich auf der Bühne herum, bewegten die Hintern zu erbärmlichen 80er-Jahre-Disco und wunderten sich wahrscheinlich hinterher, daß sie überhaupt Punkte bekamen.

Nächstes Jahr ist wieder Grand Prix - mal schauen, wer sich da am besten blamiert.

25 Mai 2008

Fan-Begeisterung für »Daredevil«

Ich weiß ja selbst, daß meine Comic-Begeisterung in diesem Land zu einer Minderheiten-Position gehört. Comics sind bei den meisten Leuten eher was doofes, was für Minderbemittelte.

Wenn man dann Comics mag, steht man als Jugendlicher vielleicht auf doofe Mangas, als Intellektueller auf eher seltsame Kritzel-Sachen, die auf der Rückseite von »le monde diplomatique« veröffentlicht werden, oder man sagt halt ganz cool, daß man Asterix doch eigentlich ganz erwachsen fände. (Übrigens das beste Zeichen dafür, daß sich jemand mit Comics nicht auskennt. »Asterix« hatte vielleicht 1970 noch eine Relevanz, seither abernicht mehr.)

Und dann gibt es noch die paar tausend Leute wie mich, die sich so sehr für Comics interessieren, daß sie sogar Geld dafür ausgeben. 25 Euro für ein Hardcover beispielsweise, das sich mit der Figur des blinden Helden Daredevil beschäftigt und unter dem Titel »Die Akte Murdock« erscheint. Das ist schon mal richtig viel Geld; ich glaube nicht, daß das Ding eine höhere Auflage als 500 Exemplare im Hardcover erreicht, weil sich dafür eben echt kaum jemand begeistern will.

Dabei verpassen die potentiellen Leser echt was. Das von mir erwähnte Hardcover - gibt's auch als normales Paperback - ist als Band 72 in der Reihe »Marvel Exklusiv« erschienen und enthält die letzten Stories des Kreativ-Duos Brian Brendis und Alex Maleev.

Was die beiden mit der Figur des Rechtsanwalts und Superhelden in den letzten Jahren angestellt haben, ist sagenhaft. Kein Wunder, daß dieser Roman - die angemessene Bezeichnung für das Werk - damit endet, daß der Held im Knast landet, wo ihn ein ungewisses Schicksal erwartet ...

Mit »Der Teufel in Zellenblock D« ist bereits eine Fortsetzung erschienen, ebenfalls genial gezeichnet und brutalstmöglich getextet. Der Verlag versucht damit, die »Daredevil«-Reihe zu einer richtigen Reihe zu machen; das Ding ist als Paperback erschienen, trägt die Nummer 1 und enthält sechs knallharte Comic-Hefte aus den USA. Der Autor ist Ed Brubaker, von dem ich zuletzt den ersten Band der Comic-Krimi-Reihe »Criminal« gelesen habe und der auch für »Batman« tätig geworden ist; der Zeichner Michael Lark war mir bislang nicht bekannt, macht aber seine Sache sehr gut.

Und sie fahren fort mit der Demontage des Superhelden Daredevil, sie arbeiten die Figur des Blinden namens Matt Murdock weiter heraus, und sie stellen aus ihrer Sicht dar, wie krank und gewalttätig das amerikanische Justiz-System ist. Kein Vergleich mit Fernsehserien wie »Law & Order«, in denen letztlich immer die gute Macht des braven Staates gegen die Gangster gewinnt.

Bei dieser Serie sind die guten und die schlechten Seiten nicht so klar auseinanderzuhalten, und das ist das, was mich an »Daredevil« seit Jahren mit wachsender Begeisterung fesselt. Mein Fan-Tip: Geht in einen Comic-Laden und schaut euch die zwei Bücher an. Teuer sind sie, das gebe ich zu - aber sie werden möglicherweise euer Bild von Superhelden-Comics verändern!

23 Mai 2008

Verpaßte Punkrock-Chancen

Das hatte ich eigentlich ganz schlau geplant: Ich fahre nach Berlin, gehe auf die Hochzeit, zu der ich in diesem Blog noch was schreiben muß, düse dann ins Hotel, wo ich mich umziehe, und bin dann rechtzeitig in der KVU, um ein geiles Punkrock-Konzert mitzukriegen.

So war der Plan, und er klappte auch. Aber ich hatte meine Rechnung ohne den Wirt gemacht, sprich, ich hatte nicht die riesigen Entfernungen in Berlin einkalkuliert, nicht meine schlechte Ortskenntis des Kastanienallee-Kiezes und vor allem nicht die Nachbarn. So kam ich zwar irgendwie in die Nähe der KVU, latschte aber großmaßstäblich vorbei, um mich dann von einer freundlichen Blog-Kollegin (die an diesem Abend nicht fit war) noch in die richtige Richtung lotsen zu lassen.

Und als ich endlich da war, hatten sowohl die Statt-Matratzen als auch die Crumpets bereits gespielt. Krachmusik bollerte immerhin nach wie vor aus dem Keller, ich vergnügte mich bei lauwarmem bis pisswarmem Bier und netten Leuten und verbrachte dann doch einige Stunden in einem der nettesten Läden in der Bundeshauptstadt. Trotz alledem dann doch ein schöner Abend, na also!

22 Mai 2008

Da bin ich glatt neidisch

Jahrelang war sein Büro bei uns im Verlag durch zwei Wände von meinem getrennt: Ulrich Magin, Lektor für Sachbücher und vor einigen Jahren aus unserem Verlag ausgeschieden. Mit schrägen Comics wurde er in der Comic- und SF-Szene ein bißchen bekannt; mit mir unterhielt er sich gern auch mal über seine Vorliebe für schräge Pop-Musik der frühen 80er Jahre. Sachbücher über Trolle, Tatzenwürmer und UFOs haben darüber hinaus gezeigt, daß der Mann es faustdick hinter den Ohren hat.

Und jetzt ein richtiger Roman – Respekt! Unter dem Titel »Der Fisch« und mit einem ziemlich ungewöhnlichen Cover ist sein erster Thriller erschienen. Als Taschenbuch im Aufbau-Verlag, schick ausgestattet und mit einem respektablen Aufwand auf den Markt geschoben. Da kann ich nur neidisch werden.

Das Buch ist übrigens ziemlich spannend; es geht um Monster – na, was wohl? – im Bodensee, und im wesentlichen kann man's sogar als fantastischen Thriller betrachten. Ich unterhielt mich bei der Lektüre während der Zugfahrt von Berlin nach Karlsruhe bombig, und das ist viel wert. Der Autor kann schreiben, und ich bin auf weitere Werke gespannt.

In einem sehr unterhaltsamen Interview auf der Seite der Ufo-Meldestelle sagt der Autor einiges über seine Forschungen und sein Interesse an Charles Fort sowie dessen Werk. Das finde ich spannend; ich erinnere mich an viele Gespräche auf dem Verlags-Flur, wenn wir genau auf dieses Thema kamen.

»Ich bastle also am Mythos mit«, sagt Magin, der derzeit an oberitalienischen Seen die dortigen Monster-Sichtungen nachvollzieht. Seine Artikel werden, so glaubt er, irgendwann das »Monsterbild« dieser Seen irgendwie echter aussehen lassen. Hoffen wir das mal ganz fest – ich will in zwanzig Jahren in der Presse von »Comi Magi« lesen, vom Magin-Seemonster des Comer Sees.

21 Mai 2008

Doublebass-Gewitter aus Moskau

Daß die Band Purgen als die »russischen Exploited« genannt werden, habe ich schon öfters gelesen; jetzt habe ich mir endlich mal was von denen anhören können – die aktuelle CD »Reinkarnazia« rappelt ohne Ende. Das Schlagzeug wummert, die Gitarren rotzen, der Sänger schreit drüber, und alles geht ruckzuck nach vorne; ein Schuß Metal ist ebenfalls drin.

Trotzdem hat die Band stellenweise was: Was manchmal stumpf wirkt, kriegt auf einmal einen Einschlag von Melodie oder den einen oder anderen originellen Effekt. Auf diese Weise ist die Band wesentlich eigenständiger als die genannten englischen Vorbilder. Ich gestehe, daß ich nicht viel erwartet habe und positiv überrascht wurde. Da hat das Label einen guten Griff getan.

Die Band wird sicher nicht meine Lieblingsband werden, aber der druckvolle Hardcore-Punk hat tatsächlich was. Das putzt die Ohren auf jeden Fall gründlich durch.

Punk-Ausstellung besucht

Am Wochenende war ich in Berlin. Am Wochenende wurde im Archiv der Jugendkulturen auch die Ausstellung zum Punkrock eröffnet. Die Eröffnung (Fotos im Blog!) verpaßte ich, dafür guckte ich am Sonntag mittag rein.

Sieht alles in allem ziemlich schick aus. Schwerpunkte sind unter anderem »Frauen im Punk«, auch wenn das so explizit nicht gesagt wird, und die Berliner Band PVC, von der es sogar eine Original-Lederjacke aus den späten 70er Jahren zu bestaunen gibt. Dazu haufenweise Platten-Cover und sowie Schaufensterpuppen in Punk-Outfit. Lustige Kombination!

Es gibt einen sehr schönen Bericht mit drei Fotos im Blog der Kollegin Atta, den ich allen ans Herz legen will, die sich vielleicht für so 'ne Ausstellung interessieren würden. Hat mir geschmeichelt, und froh bin ich, daß die Fotos aus dem Punkrock-Jugendzimmer nicht veröffentlicht wurden (Männer über vierzig posen auf dem Sofa ...).

»Der feine Herr Chefredakteur (vor 12 Jahren in einer Bierlache vorm Mexikaner kennengelernt)« bin übrigens ich. Ich finde die Ausstellung wirklich gut und empfehle sie jedem und jeder, der/die nach Berlin fährt oder dort wohnt und sich für Punkrock und Artverwandtes interessiert.

20 Mai 2008

Kalte Fusion mit Elektrokram

Keine Ahnung, warum ich diese CD erhalten habe: elektronischer Kram, teilweise rhythmisch, teilweise sogar rotzig, dazu seltsame deutsche Texte, die manchmal auch nur reingesprochen werden. Die Band nennt sich Kalte Fusion, die Platte heißt »Beweg was«, die Homepage ist eher kryptisch, und die Texte verstehe ich nicht.

Mag sein, daß Elektro-Mucker und intellektuelle Musikfreunde das alles klasse finde – aber ich bin wahrscheinlich zu blöd dafür. Von jahrzehntelangem Punkrock-Konsum versaut, denke ich. Na ja, hört selbst rein; auf der Homepage gibt's ja einige Beispiele. Und ich greife lieber wieder zu einem OX-Sampler ...

Kein Mitleid

Zu behaupten, mein Mitleid hielte sich in Grenzen, wäre eine schamlose Lüge. Ich habe kein Mitleid mit Kurt Beck und der SPD, auch wenn ich den Kurt als Südpfälzer und ehemaligen PERRY-Leser ja prinzipiell sympathisch finde. Aber wer so viel Mist in so kurzer Zeit baut, darf sich nicht wundern, daß er in den Umfragen immer weiter absackt.

Historisch tief ist das ganze, glaubt man dem Magazin »Stern«, dem Fernsehsender RTL und der «Spiegel«-Redaktion. Elf Prozent der Bundesbürger würden Beck wählen, stünde er zur Wahl als Kanzler; für die SPD wären auch nur rund 23 Prozent. Hammerhart.

Kein Wunder: Die Partei hat es mit Hartz IV und absurden Steuergesetzen geschafft, ihre Stammwählerschaft zu verprellen, während diejenigen, die von dem Mist profitieren, lieber gleich die »richtigen Parteien« wählen, sprich CDU und FDP. Und das unwürdige Hin und Her mit der Linkspartei in den letzten Wochen und Monaten gab nicht mal mehr Stoff für ein Provintheaterstück ab, so peinlich war es.

Auffallend allerdings ist: Die CDU leistet sich ja genausoviel Dummschwätzer in ihren Reihen, kommt aber besser weg. Wenn Pofalla und Co. die Klappe aufreißen, winde ich mich vor Entsetzen und ungläubigem Staunen. Als Politiker braucht man anscheinend nicht einmal ein Mindestmaß an Intelligenz.

Und dann noch Hotte Köhler, die Leerstelle als Bundespräsident. Alle Welt ist von dem Mann begeistert, man wird ihn wohl auf jeden Fall wiederwählen. Kein Wunder: Er gibt nur Dampfgeplauder von sich, tritt - das mag der Deutsche - in seinen Aussagen gerne auf Schwächere ein (indem er »Reformen« anmahnt, was in diesem Land in dieser Zeit ja nur bedeutet, daß man »unten« weiter Druck ausübt) und ist wahrscheinlich ein netter Kerl. Das scheint zu reichen.

Ein netter Kerl ist wahrscheinlich auch Kurt Beck. Ich bin sicher, bei einer Flasche Wein könnte ich mich bombig mit ihm unterhalten.

Ein Themengebiet würde ich allerdings meiden: Politik. Denn da muß ich kotzen.

19 Mai 2008

Imperialer Gang

Heute gab ich mir zum ersten Mal einen Blick auf das Berliner Regierungs- und Innenstadt-Viertel; so richtig, meine ich. Als ich anno 1984 erstmals in Ostberlin war und an der Friedrichstraße umstieg, sah alles ganz anders aus ... und als ich etwa 1991 mit einem von Herrn Böhmert geliehenen Fahrrad zwischen Brandenburger Tor und Tiergarten unterwegs war, durch kilometergroße Schlammflächen, da sah alles erst recht anders aus.

Heute hatte ich Zeit. Mein Termin auf Höhe der Museumsinsel war vorüber, und ich hatte noch zwei Stunden, bis mein Zug fuhr. Also bummelte ich: Zum ersten Mal guckte ich mir die Museen und Theater in der Gegend an. Von außen, versteht sich - ich bin schließlich doch eher ein Kulturbanause.

Und ich bummelte an der Spree entlang, von der Friedrichstraße aus. Nach der imperial-preußischen Pracht der Museumsinsel dann die bundesrepublikanische Pracht des neuen Regierungsviertels. Schon beeindruckend, wie sich die neue Großmacht (oder Mittelmacht oder was auch immer)Deutschland hier präsentiert: Betonbunker, Glasfassaden, als Krönung der neue Hauptbahnhof.

Ein riesiger Gegensatz zu diversen Straßenbereichen in Kreuzberg oder auch im Prenzlauer Berg, wo ich am Vortag und in der Nacht von Freitag auf Samstag unterwegs war. Das sah aus wie das »alte« Berlin.

Das »neue« Berlin erinnerte an die neuen Viertel in Paris: großkotzig und prächtig und modern. Wahrscheinlich »g'hört des so«, wie man in Schwaben sagt.

18 Mai 2008

Gäste-Klo

Hauptstadt sindse, Klos bauen könnense nicht. Das ging mir durch den Kopf, als ich das Gäste-Klo in dem Hotel aufsuchte, das ich derzeit in Berlin bewohne. Mein Zimmer war noch nicht fertig, und ich mußte mal. Also ab ins Gäste-Klo.

Ich machte die Tür auf, sie schlug gegen die Klobrille. Das Klo war so klein, daß nicht mal die Tür komplett aufging. Und rechts und links von der Schüssel blieben jeweils rund vierzig Zentimeter. Was machen da Leute, die ein wenig korpulenter sind als ich?, fragte ich mich.

Ganz einfach eigentlich: Man stellt sich zwischen Kloschüssel und Wand, schieb dann die Tür an sich vorbei, macht zu, und dann hat man sagenhafte 1,20 auf 1,20 Meter zur Verfügung. Der pure Luxus.

Früher bei uns im Dorf machte man gern Witze über die großmäuligen Berliner. (Die langen Tannen, so sagte mir mein Herr Vater, würde man zu Zahnstochern für Berliner verarbeiten - weil die eine so große Klappe hätten.) Jetzt weiß ich, daß sie zumindest in einem gewissen Gebäude vielleicht auch eine große Klappe, dafür ein verdammt winziges Klo haben.

Man lernt nie aus auf Reisen.

16 Mai 2008

Cashless rocken

Die Band Cashless aus dem Großraum Augsburg (wenn ich das richtig kapiert habe) läßt es schwer rocken: Auf »Living Between The Lines«, der aktuellen CD der Band, wird fleißig in den Schubladen Streetpunk und Punk-ROCK gewildert; »Rock« in diesem Fall bewußt großgeschrieben. Wenn man sich die CD so anhört, könnte man meinen, die Band käme aus Los Angeles und hänge pausenlos mit Bonecrusher und anderen ab.

Ich find's auf Dauer ein bißchen langweilig: Die Stücke sind zwar gut, bleiben aber nicht so richtig hängen. Wer aber darauf steht, daß die Gitarren tief hängen, daß Chöre sauber gesungen werden und alles mit treibendem Sound funktioniert, kommt hier total auf seine Kosten.

Anspieltipps gibt's auf der Myspace-Seite der Band und auf der Seite des selbst gegründeten Labels genug – einfach mal anchecken.

Kurz erinnert

Zuletzt schrieb ich irgendwann im März in diesem Blog was über die Redakteurserinnerungen auf der PERRY RHODAN-Homepage; heute noch mal ein kurzer Hinweis auf zwei weitere Texte.

Am 21. April 2008 gab es Ein Blick in »solis orbita«, also einen Rückblick auf das erste Fanzine, in dem ich Texte veröffentlichte. Ist auch lange her, bald dreißig Jahre - das war im Herbst 1978.

Und am 13. Mai 2008 gab's einen Artikel über WeltCon-Planungen fürs Jahr 1996, sprich, der Text spielt dann im Jahr 1995. Auch ein interessantes Thema, wie ich finde.

15 Mai 2008

60 Jahre Krach und eine Feier

Schaue ich mir die Berichterstattung über Israel und die Diskussion in der sogenannten linken Szene an, wird mir manchmal schlecht: Je nach Darstellung handelt es sich bei Israel um das Licht der Demokratie im Nahen Osten oder um eine blutrünstige Diktatur.

Ich war noch nie da, kann mir also kein wirkliches Urteil erlauben, stelle aber nach jahrelangem Medienkonsum fest: Mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es israelische Soldaten und Siedler, die sich wie Schweine aufführen und die Palästinenser drangsalieren. Und mit ebenso hoher Wahrscheinlichkeit drangalisieren die palästinensischen Machthaber ebenfalls ihr eigenes Volk – da werden meiner Ansicht nach Millionen von Menschen in staatlicher Geiselhaft gehalten.

Was ich bei alledem nicht verstehe: Alle Welt ärgert sich über das Los der Palästinenser, die in unwirtlichen Unterkünften hausen und sechzig Jahre nach Kriegsende immer noch auf ihre Rückkehr hoffen, und es gibt genügend Leute, die Israel allen Ernstes dazu auffordern, diese Rückkehr auch zu erlauben – aber die Ursachen werden ausgeblendet.

(Wenn ich Laie übrigens eines sofort verstehe: Das geht nicht, dann wäre Israel rein militärisch sofort am Ende. Wie kann man so was als »neutraler« Mensch ernsthaft fordern?)

Hätte man nach Ende des Zweiten Weltkriegs die rund zwölf Millionen deutscher und »volksdeutscher« Flüchtlinge nicht – wenngleich unter großen Mühen – einigermaßen integriert, wäre eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen überhaupt nicht denkbar. Die von den Arabern vertriebenen Israelis, die gern vergessen werden (etwa genauso viel wie vertriebene Palästinenser, das mal ganz nebenbei gesagt ...), wurden im Verlauf der 60 Jahre auf jeden Fall sehr gut integriert, so gut, dass sich an sie niemand mehr zu erinnern scheint.

Und die Palästinenser? Die heldenhaften (und zugleich teilweise stinkereichen) arabischen Nationen lassen die armen Schweine über 60 Jahre lang in Lagern hausen, unter unmöglichen Bedingungen. Daß sich da der Zorn irgendwann mal Bahn bricht, leuchtet ein, und daß die Palästinenser dann blindlings Israelis angreifen und Raketen auf Zivilisten abfeuern, ist irgendwie sogar verständlich.

Was mich angesichts der gesamten Misere am meisten ärgert, ist die Unvernunft der Regierenden und das Kalkül, mit Millionen von Menschen über insgesamt 60 Jahre hinweg ein dreckiges Spiel zu betreiben.

14 Mai 2008

Open Season machen meine Sommer-Platte

Ich glaube, ich habe meine Musik für den Autofahrer-Sommer 2008 gefunden: Seit Tagen läuft in meinem CD-Player die CD »Here We Go« der Deutsch-Schweizer Band Open Season, eine wunderbare Mischung aus Reggae, einem Schuß Ska und sogar einer tüchtigen Ladung HipHop. Nein, mit Punkrock oder sonstwas krachigem hat das nix zu tun, was aber nicht weiter stört.

Stattdessen klingt sie manchmal nach Bands wie Asiandubfoundation, und den Vergleich finde ich von Mal zu Mal besser. Es gibt Stücke, da ist sogar ein orientalischer Einschlag zu vernehmen, vor allem auch dann, wenn Gastmusiker mitmachen. Und ein Stück wie »Dubway«, das über zehn Minuten lang ist, ohne zu langweilen, strahlt mit jazzig-pulsierender Eleganz, als sei es der Soundtrack zu einem cool ausgeleuchteten Kinofilm.

Die Band wird sogar politisch, wenn sie in »Hidden Agenda« davon singt, daß die Angst, die einem die Regierenden und ihre Medien einhämmern, nur einer Propaganda-Aktion folgt. Das ganze wirkt sympathisch und mitreißend, lädt zum Singen und Hüpfen ein und sorgt morgens bei der Fahrt zur Arbeit für erstaunlich gute Laune.

Auf der Homepage der Band gibt es gleich zur Eröffnung ein nettes Video mit entsprechender Musik – ich finde das bockstark, und zu »I Lost My Phone« kann ich schon mitsingen. Spitze!

13 Mai 2008

Während der Autorenkonferenz

Es ist unfair, finde ich: Gestern und heute war strahlend schönes Wetter, und ich verbrachte meine Zeit mit Arbeit. Zwar mit Arbeit, die mir Spaß macht, aber es bleibt dennoch Arbeit.

Gestern mittag mußte die aktuelle Folge von »Peter Pank« fürs OX fertig werden. Ging ganz gut und klappte auch - und um 18.30 Uhr saß ich im Auto nach Rastatt. Bei tropischen Temperaturen begann die diesjährige Autorenkonferenz mit einem Spargel-Abendessen: lecker und sehr nett.

Heute dann den ganzen Tag: inhaltliche Diskussionen, Arbeitsgruppen, Einzelgespräche, Ideenfindung, Kaffeetrinken und Essen. Ich bin erschöpft und müde und gleichzeitig zufrieden. Mein Job ist anstrengend, aber an solchen Tagen liebe ich ihn.

12 Mai 2008

Das gute Gewissen des deutschen Pop

Manchmal wundere ich mich über Vergleiche, die manche Journalisten ziehen. The Notwist, die Band aus dem bayerischen Weilheim, wird als »das gute Gewissen des deutschen Pop« bezeichnet. Auch nicht schlecht - wie geht man eigentlich als Band mit einem solch zweifelhaften Kompliment um?

Ich habe solche Probleme nicht und kruschdle lieber in meinen Erinnerungen. Irgendwann 1990 oder 1991 spielte die Band im Jugendzenturm »Murgtäler Hof« in Freudenstadt; ich weiß nicht mehr, ob sie mit den britischen Pop-Punkern Thrilled Skinny zusammen spielten oder allein auftraten.

Heute wäre die Kombination undenkbar, damals war sie schon seltsam: The Notwist galten nämlich als Hardcore-Band, die krachige Gitarren und lauten Gesang boten, weit entfernt von dem Elektronik- und Pop-Getüftel, das die Herren heute auf der Bühne und auf Platte entfalten.

Wenn ich mich recht erinnere, brachten wir die Band unter bescheidenen Umständen unter; möglicherweise in Schlafsäcken im Jugendzentrum. Klingt fies, war's aber nicht; wir pennten da ja auch. Sofern man von Schlaf reden kann: Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen bei Bier und Rauchwaren über Buffalo Tom und Dinosaur jr. und andere Bands.

Heute sind The Notwist ganz groß. Kennt eigentlich irgend jemand außer mir noch Thrilled Skinny?

Eisenmänner im Einsatz

Ich mag Comics und ich gehe gern ins Kino, aber im Verlauf der letzten Jahre gab es eine Reihe von Comic-Verfilmungen, die mir nicht gefielen (»Daredevil« oder »Hellboy«) oder die ich schlicht grausig fand (»Catwoman« war einfach nur peinlich). Entsprechend gering waren meine Erwartungen, als wir dann endlich in »Iron Man« gingen.

Den Comic selbst finde ich nicht berauschend: Die Geschichte eines Mannes, der sich in eine Rüstung aus Stahl zwängt, um in dieser das Verbrechen zu bekämpfen, spricht mich nicht an. »Iron Man« ist ein Superheld, den ich nicht ernst nehmen kann, vergleichbar dem »Hulk«, den ich weder gezeichnet noch auf der Leinwand überzeugend finde.

Da machten es die Produzenten bei der jetzigen Verfilmung richtig: Sie ignorierten den Großteil der originalen Geschichte und machten alles einfach »neu«. Tony Stark ist auch in der Verfilmung ein stinkereicher Typ, aber im Film wird er jetzt durch traumatische Erlebnisse in Afghanistan erst auf den Weg des »Helden« geführt.

Das ganze ist erstaunlich glaubhaft erzählt; die Roboter- und Computertechnik erweist sich als interessante Science Fiction, und die Charaktere von »Pepper« und »Tony« gefallen mir. (Daß Gwyneth Paltrow allerliebst aussieht, ist natürlich noch ein I-Tüpfelchen - für die Damenwelt gibt es ja Robert Downey jr., der in diesem Streifen eben mal nicht Ally MacBeals Füße massieren, sondern finstere Terroristen umlegen darf, aber trotzdem gut aussieht.)

Zwischendrin einige Prisen von Eigenironie und einige gute Lacher - fertig ist ein attraktiver Hollywood-Streifen, dem man die über 150 Millionen an Produktionskosten zwar ansieht, der aber auch eine attraktive Geschichte zu erzählen hat. Mit offenem Ende, wie sich das heutzutage gehört ... und ich freue mich angesichts dieser Vorlage glatt auf den zweiten Teil.

10 Mai 2008

Harte Dienstreise

Morgens um viertel vor fünf Uhr aufgestanden, dann geduscht, gegessen, rasiert und frisiert - raus auf die Straße und zum Hauptbahnhof. Um kurz vor fünf Uhr ging der Zug nach Frankfurt, von dort aus mit dem Flugzeug nach Wien, von dort aus mit dem Taxi nach Brunn.

Trauerfeier für Ernst Vlcek. Ein trauriger Anlaß und ein wunderbares Wetter; das paßte für meine Begriffe nicht zusammen. Als offizieller Vertreter des Verlags hielt ich auch eine kurze Trauerrede - da fühlte ich mich nicht besonders gut.

Gemütliches Beisammensein in einem Heurigen. Dann wieder Taxi zum Flughafen, Flug nach Frankfurt, Zugfahrt nach Karlsruhe, Kollegin nach Hause fahren und dann zum Feierabendbier ins »Fünf«.

Gegen 23 Uhr stellte sich dann endlich Feierabendstimmung ein. Zum Feiern war mir trotzdem nicht zumute.

07 Mai 2008

War Street aus Karlsruhe

Karlsruhe hat eigentlich eine interessante Hardcore-Geschichte: Vor allem in den neunziger Jahren gab es eine Reihe von aktiven Bands, die Hardcore in verschiedenen Ausprägungen spielten. In Erinnerung geblieben sind mir unter anderem Radical Development, die damals wohl bekannteste Band, aber eben auch Wawn oder Hooka Hey, um nur einige zu nennen.

Und jetzt War Street, eine Band, die mit einer martialisch aussehenden CD aufwartet. Auf »Watch Your Back« ist eine in Trümmern liegende Stadt zu sehen, anscheinend nach einem Bombenangriff. Ob es die Kriegsstraße in Karlsruhe ist, kann ich leider nicht erkennen - auf jeden Fall ein sehr »punkiges« Motiv.

Die Karlsruher Band, deren Homepage noch im Entstehen ist (seufz), die aber eine Myspace-Seite hat, läßt's ordentlich krachen. Wer Stücke wie »Drecksau« oder »Frustration« rausbrüllt, steht nicht auf subtile Texte oder dezente Klänge; hier wird gebollert, was das Zeugs hält.

Die New Yorker Schule läßt sich nicht verbergen, gelegentlich erinnert die Band stark an die Tubesuckers - na logo, da haben ja einige von War Street vorher auch mitgespielt. Es knallt und rappelt; zwingend originell ist das nicht, aber es macht Laune.

Wenn die CD bei mir läuft, wackelt das Auto - und das ist für Hardcore kein schlechtes Kompliment, wie ich finde. Antesten!

Es sommert

Gestern abend konnte ich die Biergarten-Saison für 2008 offiziell eröffnen. Okay, in Straßencafés saß ich schon im März herum, zumindest erinnere ich mich an ein Ereignis ... Da konnte man sogar die Jacke ausziehen, so schön schien die Sonne.

Das tat sie gestern abend irgendwann nicht mehr, und es wurde doch recht zugig. Aber das Essen im schönen »fünf«-Biergarten schmeckte, und das frische Weizenbier ließ sich auch nett schlürfen. Dazu alberne Gespräche über allerlei Hopplahopp-Themen (von Friedhöfen über Nazis in Durlach und Fußball bis hin zu Motorradbildern auf Handys gucken) - so läßt sich ein Abend angenehm gestalten.

Wie lange isses noch bis zur EM?

05 Mai 2008

Griff in die Geschichtskiste

Das war ein Vergnügen, die Radiosendung am Sonntag, 4. Mai 2008, zusammenzustellen. Und es war ein zusätzliches Vergnügen, sie zu spielen: Ich kam mir vor wie im Oldie-Radio, wo betagte Herren die Gleichaltrigen über die Jugendsünden informieren ...

Die Rede ist vom Querfunk, wo ich in meiner Sendung ENPUNKT-Radio am gestrigen Sonntag abend das Thema England-Punk hatte. Als erstes Stück dann auch gleich »New Rose« von The Damned, im Herbst 1976 erschienen und damit die erste Punk-Single überhaupt.

Im Programm hatte ich dann mit den UK Subs und Menace zwei eher bekannte Bands. Ich bin mir aber sicher, daß Kapellen wie Penetration oder Eater nicht jedem etwas sagen. Eine Band wie The Jolt, die ohnehin eher Mod-Sound spielte, ist ohnehin ein Randgebiet.

Zu den Randgbieten gehören The Specials, aber gleichzeitig passen sie wunderbar in die Zeit: Ska wurde unter anderem von ihnen definiert. Schöner Abschluß für die Sendung: Ich spielte die göttlichen Rezillos - wunderbar.

04 Mai 2008

Zwei Dutzend Jahre jünger

Die »Alte Hackerei« in Karlsruhe ist ein Jahr alt - Respekt! Und eine fette Gratulation an die Betreiber. Auch wenn ich nicht zu den Stammgästen gehöre, bin ich doch immer wieder gern in der gepflegten Punkrock-Bar im Schlachthausgelände, trinke Bier und höre und schaue mir Bands an.

So auch am Samstag, 3. Mai, der offiziellen Ein-Jahres-Fete der »Hackerei«. Keine Ahnung, wie viele Leute gekommen waren, aber das Gelände vor der Kneipe stand voll mit Leuten. Überall wurde Bier getrunken, ich traf zahlreiche Bekannte, und zeitweise hatte ich das Gefühl, wir hätten irgendwie 1995 - sogar Leute tauchten auf, die ich zuletzt um diese Zeit wohl in der alten »Steffi« gesehen hatte.

Deshalb verpasste ich die erste Band des Abends auch fast. Blitzstrumpf waren für Oiro eingesprungen, wie leider abgesagt hatten. Die Karlsruher Band, die mir mit ihrem klassischen Punkrock (mit leichtem Früh-80er-Jahre-Ami-Schuß) sehr gut gefallen, lieferten ein gutes Konzert mit minimaler Bewegung des Publikums im rappelvollen Konzertraum.

Nach viel Gerede und viel Bier quetschte ich mich zu Gewapend Beton wieder in den Raum. Die sehr jungen Burschen aus Amsterdam, deren CD ich seit Tagen im Auto laufen habe, knallten ihren Hardcore-Punk in den Raum, daß es eine wahre Freude war. Wer Anleihen braucht, ziehe auch hier die frühen 80er Jahre und Amerika aus dem Karton. Und eine Band, die Reagan Youth und Circle Jerks in furioser Weise covert, ist eh auf der richtigen Seite.

Saugut. Hammer. Eine der besten Bands seit langem!

Danach Möfahead ausm Saarland. Acht Leute (mindestens) drängten sich auf der winzigen Bühne, im Konzertraum konnte man nicht mehr umfallen, und sogar ich sah von hinten kaum etwas. Was tun da eigentlich kleinere Leute? Die Bandmitglieder, alle lustig als Mofa-Rocker verkleidet, spielten Hardrock mit deutschen Texten, der mich nach zwei Liedern schon langweilte.

Dann stand ich doch lieber vor der Tür herum, trank Bier und Bionade und redete mit Leuten. Durch die Fenster der »Hackerei« dröhnten dann Lieder wie »Ich gehe in die Dorfdisco« in unverminderter Lautstärke in den Hof.

Ein schöner Abend. Um drei Uhr ging's endlich Richtung Bett.