21 März 2009

Wächter und Watchmen

»Jetzt habe ich über zwei Stunden geguckt, und ich weiß nicht, was ich gesehen habe«, sagte ein junger Mann hinter mir. »War zwar spannend, aber voll der Rotz«, entgegnete ein anderer. Ich war im Kino, ich hatte »Watchmen« gesehen, und ich verstand sogar das Unverständnis der jungen Kinobesucher.

Ich meine ... Wir schreiben nicht mehr 1985. Als ich Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal von der Comic-Serie »Watchmen« hörte (ich glaube, Hermann Ritter erzählte mir als erster davon), fand ich das Szenario schon völlig faszinierend: ein paralles Universum, in dem es seit den frühen vierziger Jahren tatsächlich Superhelden gibt, in dem die Amerikaner dank der Helden den Vietnam-Krieg gewinnen und in dem der US-Präsident Nixon mehrfach wiedergewählt wird; eine Welt, die sich auch kulturell und sonstwie massiv von der unseren unterscheidet.

Das alles wird im Kinofilm rübergebracht; der Aufbau des Streifens folgt dem der Comics, und die Dialoge sind teilweise Wort für Wort identisch. Sogar der Bildaufbau wurde teilweise übernommen, und das fand ich beispielsweise absolut klasse.

Für jemanden, der die Original-Comics nicht kennt, muß das ganze anders wirken. Er sieht vielleicht nur ausufernde Gewalt und grandiose Bilder, kann einfach nicht die zahllosen Anspielungen auf die 80er Jahre verstehen, kann nicht kapieren, warum gegen Ende ausgerechnet My Chemical Romance einen Klassiker von Bob Dylan in den Kinosaal schmettern.

»Watchmen« ist ein großartiger Film, eine unglaublich beeindruckende Orgie aus Bildern und Geschichten, aus Anspielungen und Hinweisen, die man wahrscheinlich erst beim zweiten oder dritten Mal komplett versteht. Damit folgt der Film den Comics, die – als ich sie zum ersten Mal las und das nur in Auszügen – mir damals teilweise auch fremd blieben.

Ich kann den Streifen nur jedem empfehlen, schlage aber jedem vor, sich zuerst einmal die famose »Watchmen«-Gesamtausgabe von Panini zu kaufen und diese entweder davor oder danach zu lesen. Und ich nehme mir den dicken Prachtband im Hardcover mit Schutzumschlag und im Schuber vor und schmökere diesen selbst noch mal durch.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

‚Watchmen‘ hat mir auch ganz gut gefallen. Stimmungsvoll, spannend und keineswegs zu lang.
Vor allem bildlich nah am Original. Inhaltlich hat man schon einige Kürzungen und Veränderungen vorgenommen und an mindestens einer, sehr wichtigen Stelle meines Erachtens ein wenig zu viel.

Achtung – Spoiler(für Mitleser, die Comic oder Film noch nicht kennen): Im Comicbook wird eine außerirdische Invasion fingiert. Im Film soll plötzlich Dr. Manhattan für die globalen Zerstörungen alleinverantwortlich sein.
Aber so funktioniert der Plan doch gar nicht mehr!
Wenn ein Amerikaner der Böse ist, werden die UdSSR niemals mit den USA zusammenarbeiten!
Die Bedrohung muss unbedingt von außen kommen, damit die verfeindeten Großmächte ihre Animositäten vergessen. Sonst klappt das nie.

Gruß
W.P.Berres

Anonym hat gesagt…

Watchmen! Ein faszinierender Film, finde ich. Die Comicvorlage habe ich jedoch nicht gelesen (und ich gehöre auch zu der eingangs zitierten Generationen mit meinen knapp 21 Jahren). Also: warum müssen am Ende ausgerechnet My Chemical Romance einen Bob-Dylan-Song schmettern? :-)

(Interessant, dass es hier Erwähnung findet, denn genau die Frage habe ich mir schon gestellt.)

Enpunkt hat gesagt…

Zu W.P.: Die außerirdische Invasion ist eine der Dinge, die den Film tatsächlich verfälschen, stimmt.

Und was m.E. gar nicht kapierbar ist, ist am Ende die Szene mit der Zeitungsredaktion. Wenn nicht - wie im Comic - die ganze Zeit die Medien eine Rolle spielen (sowohl der Piraten-Comic als Kommentar auf die "Watchmen" als auch "Die neuen Grenzwächter", wie es in der deutschen Übersetzung heißt), ist die Pointe mit Rorschachs Tagebuch m.E. nicht gut gesetzt.

Zu Vivienne: Warum My Chemical Romance spielen, hat sich mir nicht erschlossen - es klang auf jeden Fall unglaublich wuchtig und dadurch besser als das Dylan-Original. Gab dem Film einen Paukenschlag zum Abschluss. "The Days They Are A-Changin'" (oder so), das im Film zwischendurch gespielt wurde, griff den Original-Dylan auf, da passte es auch. Aber nach Krieg und Verwüstung und Millionen von Toten klingt wahrscheinlich so ein Hardrock-Emo-Punk-wasauchimmer-Gebretter schon besser.