09 Oktober 2009

Herta wer?

Ich gehöre nicht zu den Lesern, die nach den Büchern von Literaturnobelpreisträgern schauen und diese bevorzugt kaufen. Meine Erfahrung ist ja doch eher davon geprägt, daß ich vieles von dem preisgekrönten Zeugs einfach langweilig fand. Wenn also jetzt eine deutschsprachige Autorin den Nobelpreis für Literatur kassiert, bewegt mich das nicht gerade zu grenzenlosem Jubel.

Immerhin war mir Herta Müller ein Begriff, eher sogar unter positiven Vorzeichen. Ich kannte ihren Namen aus jahre- und jahrzehntelanger Lektüre von Fachzeitschriften im Politik- und Literatur-Umfeld. Von ihr selbst hatte ich bislang nie etwas gelesen.

Glaubte ich.

Das stimmt aber nicht. In der »taz« von heute (und auch in der Online-Ausgabe) war ein Text veröffentlicht, der 1987 schon einmal in der sogenannten Literaten-»taz« publiziert worden war. Und an diese Zeitungsausgabe erinnerte ich mich gut, wenngleich ich selbstverständlich alle Inhalte vergessen hatte.

Der Herta-Müller-Text ist für meine Begriffe rein stilistisch keine große Literatur. Die unterkühlte Sprache in Verbindung mit den unglaublichen Schilderungen hat mich allerdings fast umgeblasen. Lesenswert, absolut lesenswert - wenngleich keine »leichte« Unterhaltung.

Vielleicht sollte ich mich nach meinem gescheiterten Versuch, mich an das Werk Elfriede Jelineks heranzutasten. doch noch einmal mit einer deutschsprachigen Literaturnobelpreisträgerin versuchen.

08 Oktober 2009

Putsch in der Bananenrepublik

Ich entsinne mich nicht mehr daran, wann ich zum ersten Mal »Junta« gespielt habe. Es war in den späten 80er Jahren, soviel ist sicher - ob das jetzt 20 oder 25 Jahre ist, tut ja letztlich nichts zur Sache. Seither habe ich das Spiel aber nicht mehr gespielt, sondern immer nur davon geredet, wie toll ich es gefunden hatte.

Gestern war es dann doch nach all den Jahren mal wieder so weit: In meinem sozialen Umfeld gibt es jetzt eine »Junta«-Version, und wir versuchten uns zu sechst, in das umfangreiche Regelwerk einzuarbeiten. »Arbeiten« ist angesichts eines wahren Heftes mit Regeln der richtige Begriff; ich geriet schon angesichts der vielen Seiten ins Schwitzen.

Den Schweißausbruch bekämpfte ich mit viel Bier; dummerweise gab es nur dunkles Bockbier, was dazu führte, daß ich nachts mein Auto stehen lassen mußte. (Die zwei Grappa-Gläser, die ich nach dem verlorenen Putsch konsumierte, taten auch das Ihrige dazu.) Die Regeln kapierte ich danach immer noch nicht, aber egal.

Das Spiel war klasse, auch wenn wir nicht mal drei Runden so richtig gespielt bekamen. Tatsache ist, daß ich als »Chef der Luftstreitkräfte« mit viel Würfel-Pech eine sehr unglückliche Figur hinlegte und zur Strafe hinterher von den erfolgreichen Putschisten »erschossen« wurde.

Am besten fand und finde ich eh, daß man mit sechs Leuten um den Tisch sitzt, dabei viel futtert, trinkt und redet. Wenn ich den ganzen Tag am Computer verbringe, kann ich mir nicht einmal vorstellen, abends noch Computerspiele zu betreiben ...

07 Oktober 2009

Seriensüchtig

Bis zum Alter von 36 Jahren hatte ich keinen Fernseher. Meine Eltern lehnten das Gerät aus religiösen Gründen ab, mir war es vor allem zu verblödend. Aber obwohl ich einen Fernseher habe, ist mein Konsum recht überschaubar: Nachrichten, gelegentlich »Tatort«, Fußball oder sonst ein Krimi – das ist es eigentlich schon. Und natürlich »Dr. House«.

Ich gestehe, daß ich süchtig bin. Der stressige Grebory House, der in einem amerikanischen Krankenhaus die ungewöhnlichsten Fälle löst und nebenbei allerlei Privatkram zu bewältigen hat, fasziniert mich seit Jahren durch originelle Handlungsführung, zynisch-sarkastische Sprüche und eine Vielzahl von originellen Ideen.

Die Serie läuft in den USA seit 2004; keine Ahnung, seit wann ich sie im deutschsprachigen Raum verfolge. Wahrscheinlich seit eineinhalb Jahren, höchstens seit zwei Jahren – also sicher nicht von Anfang an, weil ich zeitweise sehr froh war, daß alte Folgen wiederholt wurden.

Ich finde den Doktor und seine Mannschaft extrem unterhaltsam und bilde mir ein, daß man sehr viel über die Vereinigten Staaten und ihre Kultur aus der Serie lernen kann. Und ich lerne vielleicht noch was über »Storytelling«, wie das neudeutsch heißt.

Schade ist, daß ich die Homepages zur Serie nicht so besonders finde; unter anderem liegt es daran, daß die Seiten recht viel Fremdwerbung aufweisen oder daß irgendwelche Popups aufgehen – die kann man natürlich wegmachen, aber es nervt mich schon. Ziemlich schlimm ist die Seite »drhouse.de«, die ein teilweise seltsames Deutsch bietet, das zumindest mir keinen Spaß macht. Ein »drhouseforum« finde ich amüsant; ich nutze es aber nicht.

Und unterm Strich sollte ich froh sein, daß mich die Seiten nicht sonderlich überzeugen: So beschränkt sich mein Konsum von »Dr. House« auf eine Stunde pro Woche, und ich verbringe nicht noch zusätzliche Zeit im Internet. (Mach' ich eh zu viel.)

06 Oktober 2009

All Time High jetzt mit Neo-Grunge

Die Bezeichnung »Neo-Grunge« habe ich mir eben ausgedacht; wahrscheinlich kamen aber findige Musikjournalisten schon vor Monaten darauf. Ich höre gerade die CD der Band All Time High aus Seattle, und da erinnert mich buchstäblich jedes Stück an die angeblich so große Zeit des Grunge-Rock, der ja vorrangig aus Seattle kam.

Das ist richtig lange her. Ich erinnere mich noch gut, als mir zum ersten Mal Nirvana vorgespielt wurde. In aller Punkrock-Arroganz sagte ich damals: »Für eine Hardrock-Band gar nicht schlecht.« Ich meinte es ernst.

Eineinhalb Dutzend Jahre später räume ich ein, daß Nirvana eine wichtige Band war. All Time High klingten nicht unbedingt so wie Kurt Cobain und seine Kapelle, die Assoziation drängt sich auf.

Die vier Typen, von denen die Platte »Friends In High Places« stammt, lassen auf jeden Fall die Gitarren tief hängen; schleppend und depressiv sind manche Stücke, nur selten lassen sie es krachen. Es klingt manchmal nach den 70er Jahren, manchmal nach den frühen 90er Jahren – und alles in allem hätte ich früher Reißaus genommen, hätte ich mir das angehört.

2009 scheine ich toleranter zu sein als früher. Die Band ist gut, auch wenn sie nicht gerade meine täglich' Tasse Bier ist. Ich glaub', ich werde echt alt.

05 Oktober 2009

Blick auf Norddeutschland

Ein recht seltenes Thema hatte ich mir für die ENPUNKT-Radiosendung am Sonntag, 4. Oktober 2009, ausgesucht: Es ging musikalisch nach Norddeutschland, sprich, ich spielte halbwegs aktuelle Bands aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen. (Manchmal sind die inhaltlichen Klammern, die ich finde, arg kniffelig.)

Unter anderem spielte ich Tischlerei Lischitzki aus Lüneburg mit ihrem Emopunk und Alias Caylon aus Hab-ich-vergessen, die eher IndieRock mit einem Schuß Hardcore abliefern. Und wenn ich schon Emopunk sage, muß ich natürlich auch Turbostaat in den Ätzer blasen - eine Klasse-Band.

Hardcore-Gebratze lieferten die Max Rebo Kids (sind irgendwo aus Niedersachsen) und Mr. Burns aus Flensburg, während Mururoa Attäck aus Porta Westfalica oder so mit ihrem knalligen Deutschpunk eine gute Gegenrichtung belegten.

Dazu gab's ein bißchen drumherum, was ich schon wieder vergessen habe, einen Haufen von schlechten Witzen und stockend verlesenen Terminvorschlägen - alles in allem eine sehr normale Radiosendung im örtlichen Querfunk.

03 Oktober 2009

Karlsruhe zum ersten Mal

Der erste Besuch in meiner jetzigen Heimatstadt blieb mir nur als Desaster in Erinnerung. Ich war klein, vielleicht sechs Jahre alt, und meine Eltern, meine Schwester und ich waren mit unserem VW Käfer aus dem Schwarzwalddorf unterwegs nach Karlsruhe.

Was wir dort suchten, weiß ich nicht mehr genau - irgendein Einkaufszentrum auf jeden Fall. Und das fanden wir nicht, mein Vater verfuhr sich auf einer dieser endlos lang erscheinenden Straßen. In den späten 60er oder frühen 70er Jahren gab es noch keine Südtangente und keine vierspurigen Trassen durch die Innenstadt.

Die einzige Erinnerung,die ich wirklich noch habe, ist die: Mein Vater hielt an, in einer Straße, die geradeaus ging, gesäumt von Häusern, die mehrstöckig in die Höhe ragten. (Die Kriegsstraße vor dem Ausbau zur vierspurigen? Die Sophienstraße? Die Hirschstraße? Die Kaiserallee?)

Er fragte einen Passanten nach dem Weg. Dieser wies in eine Richtung - es gehe noch fünf Kilometer, und man müsse einfach gerade aus fahren. Ob wir unser Ziel damals erreichten, habe ich vergessen.

Nicht vergessen habe ich aber das Gefühl von Verwirrung, sich in einer so großen Stadt zu befinden ...

02 Oktober 2009

Hunger im Gebirge

Erinnerung an die Schweiz 2009

Wir hatten die Alpenpässe überquert, die ich unbedingt hatte fahren wollen, und rollten mit dem Auto langsam in die Schweiz hinein; ab diesem Zeitpunkt ging es wohl nur noch abwärts, und irgendwann, so dachte ich, würden wir auf jeden Fall auch die Autobahn erreichen. Es dämmerte langsam, und ich hatte richtig Hunger.

Spontan hielten wir in der Gemeinde Schiers an, ein Ort, von dem ich bislang nichts gehört hatte. Nach einigem Suchen fanden wir sogar ein Restaurant, das offen hatte und das zuverlässig aussah. Außer uns saßen keine weiteren Touristen in der »Neuen Veltlinerhalle«, man sprach strammes Schwyzerdütsch, gab sich für uns aber Mühe.

Und das Essen war richtig klasse: Wir saßen auf dem großzügigen Balkon, mit Blick auf die Voralpenberge, und schaufelten Kässpätzle und andere deftige Leckereien in uns hinein. Dazu ein Bier, hinterher noch ein Espresso – und danach konnte ich gestärkt auf die Autobahn gehen, mit Dampf im Bauch auf die Straße in Richtung Karlsruhe.

Manchmal sind die spontanen Entscheidungen die besten. Und häufig sind Lokale auf dem Land eine gute Empfehlung.

30 September 2009

Kleiner Horror-Kracher


Der Basilisk-Verlag, in dem mein kleiner Fantasy-Roman »Sardev – der Schatten des Friedens« erschienen ist, publiziert seit einigen Jahren allerlei Romane in den Bereichen Fantasy, Horror und Science Fiction. Die Reihenfolge ist absichtlich, denn ursprünglich ging's mit Fantasy-Romanen los.

Im Programm finden sich immer wieder wahre Perlen, und dazu zählen manche von den »kleinen« Titeln. Ich habe zuletzt die Horror-Novelle »Die Kirche der toten Zungen« gelesen, verfasst von den amerikanischen Autoren Jason Brannon und James Newman, die mir beide vorher nicht bekannt waren. Übersetzt wurde von Patrick Grieser selbst, dem Basilisk-Chef höchstpersönlich.

Wenn die Informationen im Internet stimmen, erschien die Novelle erstmals in einer Kleinauflage von nur 150 Stück in den USA im kleinen Verlag White Noise Press. Auch die deutschsprachige Auflage ist nicht hoch; es hieß, daß Basilisk davon 428 Stück von der Druckerei geliefert bekam. Keine Ahnung, ob es davon noch viele gibt – wer sich aber für coolen Horror interessiert, sollte sich ruckzuck ein Exemplar besorgen.

Mit das beste daran: Die Novelle ist gerade mal 60 Seiten lang – dabei so dicht erzählt, daß man unter anderen Umständen auch locker 300 bis 400 Seiten hätte daraus machen können. Und die Autoren benutzen ein Stilmittel, das mich normalerweise nervt, das hier aber paßt: Sie springen von Perspektive zu Perspektive, quasi aus einem Kopf in den nächsten, und das innerhalb weniger Absätze.

Dadurch entsteht ein Sog, der tief in das Geschehen hineinzieht: vier Jungs mit ihren nicht viel älteren Gruppenleitern unterwegs zu einem Camping-Trip im finsteren Wald. Mehr aus Versehen stolpern sie über eine uralte Kirche, in der mysteriöse Riten abgehalten werden. Und dann geht's los.

Das ganze liest sich wie eine Kurzfassung von »Blair Witch Project« mit einer Prise von Stephen King: Die Charakterisierungen sind schnell und effektiv, das Geschehen geht ruckzuck voran – und der Lovecraft-Effekt kommt am Ende auch noch zum Tragen. Also was für Leute, die Horror mögen, aber von den vielen dicken Büchern einerseits und den Heftromanen andererseits die Nase voll haben.

Coole Lektüre – sollte man mal antesten!

False Alarm machen Alte-Männer-Punk

Daß die ach so gute alte Zeit nicht halb so gut war, wie wir alten Säcke es uns heutzutage einreden, ist eine Binsenweisheit. Egal: Ich höre trotzdem immer noch gern Musik aus den späten 70er und frühen 80er Jahren – entweder aus genau der Zeit von damals oder weil es so wie damals klingt.

Bekomme ich dann so was wie die Band False Alarm auf den Tisch, deren Mitglieder schon 1983 zur Punk-Szene von Los Angeles gehörten, kriegt die Band schon gleich mal Plus-Punkte. Daß sie als Gastmusiker auch noch den guten alten Cheetah Chrome von den ollen Dead Boys an Land gezogen haben, finde ich zudem ansprechend.

Nur reicht das eben nicht: Bei der CD »Fuck em all we've all ready now«, erschienen bei Nicotine Records, schleicht sich nach einiger Zeit das Gefühl ein, hier fabrizieren vier alte Männer eine Musik, die schon in ihrer Jugend ein bißchen abgeschmackt klang. Im Prinzip ist es Punkrock der späten 70er Jahre, mit einem Schwerpunkt auf Rock, der immer in einem schunkeligen Tempo daherkommt und manchmal fast an klassischen Rhythm'n'Blues erinnert. Mit California-Hardcore der frühen 80er Jahre hat das nichts zu tun.

Dabei ist die Platte nicht schlecht. Stücke wie »I Don't Want To Be Your Friend« oder »Youth Gone Mad« klingen nach alten Ramones oder meinetwegen The Germs, knallen also durchaus; dazwischen gibt es aber Stücke, bei denen ich gedanklich abschalte.

Aber so richtig kickt mich das ganze dann doch nicht – einige gute Stücke reißen ein unterm Strich durchschnittliches Werk nicht heraus. Schade.

29 September 2009

Guido schwätzt Englisch

Es gab und gibt immer wiede Leute, die sich zu Recht über mein schlechtes Englisch lustig machen. In den späten 80er Jahren gab es einen Science-Fiction-Fan in Süddeutschland, der sich beispielsweise öffentlich darüber mokierte, daß ich praktisch nie aus Deutschland herausgekommen sei; Kunststück, wenn man keine reichen Eltern hat und sich die Reisekohle selbst erarbeiten muß. Aber gut, das ist lange her.

Schlechtes Englisch ist nicht schlimm, finde ich. Wenn sich einer aber mit Sprüchen wie »Arbeit muß sich wieder lohnen« als Experte für Außenpolitik empfiehlt, sollte er doch zumindest über ein wenig mehr verfügen als Schulenglisch unterer Ebene.

So finde ich Guido Westerwelle in seiner neuen Rolle wirklich großartig: Vor laufenden Kameras kanzelt er einen englischsprachigen Reporter ab und belehrt ihn gleich mehrfach darüber, daß man doch in Deutschland bitteschön deutsch zu sprechen habe. (Rein inhaltlich hat er ja irgendwie recht. Aber es spricht nicht von Außenminister-Fähigkeiten, das so patzig zu sagen ...) Das Video auf Spiegel.de ist wunderbar.

Noch schöner allerdings ist ein Youtube-Filmchen, das Westerwelle »live« in einer Diskussionsrunde zeigt. Warum der Mann sich angesichts solcher Defizite keines Dolmetschers bedient, ist mir schleierhaft.

Aber: Weitaus besser ist der Film, schaut man ihn ohne Ton an. Die Westerwelle-Gestik ist schon ziemlich staatsmännisch. Auf internationalen Kabarett-Konferenzen wird Deutschland künftig eine Führungsrolle einnehmen.

28 September 2009

Sieg der Populisten

Meine Empörung über den Ausgang der Wahl hält sich in Grenzen: Die SPD hat ihre Niederlage verdient - vielleicht gelingt es den Genossen, in der Opposition die größten Schnarchnasen auszutauschen und sich auf eine vernünftige Politik zu beziehen. Und daß wir künftig eine Tigerenten-Koalition aus CDU und FDP haben werden, ist für alte Säcke wie mich nichts neues: Ich erinnere mich düster an 16 Jahre unter einer solchen Farb-Konstellation.

Ich bin ein wenig verwundert: Daß so viele Leute auf die offensichtlichen Übertreibungen der sogenannten Liberalen reinfallen, wundert mich doch. Wer angesichts der größten Staatsverschuldung aller Zeiten - oder so - allen Ernstes nur von Steuersenkungen faselt, hat entweder keine Ahnung oder lügt bewusst oder meint es ernsthaft und will die dann mit brachialen Kürzungen bei Arbeitnehmern, Sozialkosten im allgemeinen und Rentnern durchprügeln.

Aber gut. Wir werden die nächsten vier Jahre viel zu lachen haben. Die FDP wird uns vielleicht sogar den Pop-Beauftragten der SPD oder andere Peinlichkeiten der letzten Zeit vergessen lassen. Und ein klares Feindbild für die nächsten vier Jahre hat auch was für sich: Vielleicht blüht dann wieder eine Widerstandskultur auf, die ihren Namen auch verdient hat.

Man muß einfach alles nur ein bißchen positiv sehen. Dann übersteht man auch diese Regierung.

26 September 2009

Politisch bedeutsam

»Die NSDAP hatte 1931 auch nur drei Prozent, und zwei Jahre später war Hitler an der Macht.« Der Mann, der das lauthals verkündete, saß in der Straßenbahn einige Sitzreihen vor mir, so ein Mann vom Öko-Typ, und er textete die schmächtige Frau neben sich ziemlich mit Polit-Kram zu.

Es hegte die Befürchtung, die Nazis in Deutschland würden immer stärker. »Die kriegen auch bald ihre drei, vier Prozent, dann sitzen sie auch bald im Bundestag. Da muss man aufpassen.«

Ich überlegte mir schon, mich ins Gespräch zu mischen und vor übertriebenem Alarmismus zu warnen. Aber er redete weiter, und ich fand's interessanter, ihm zuzuhören.

»Die CDU, die FDP und die SPD sind doch auch schon richtig weit rechts«, tönte er, »das sind doch schon die Nazis von heute.« Da müsste die NPD nicht mehr viel dazu tun.

Kopfschüttelnd hörte und sah ich zu. Und ich schüttelte den Kopf, als sie endlich ausstiegen. Antifa ohne Hirn, auch mal eine nette Kombination.

25 September 2009

Störte Priester nennen's Streetrock

Manchmal sind Band-Infos die reinste Poesie: »Freunde von handgemachtem, ehrlichen Straßenrock können aufatmen ...« steht im Info-Text zu Störte.Priester, und ich verkneife mir den Hinweis, daß die Dativ-Fans sicher auch ihre Freunde an diesem Text haben dürften. »Parolenfreie Alltagstexte rocken zynisch durch die Abgründe der menschlichen Un-Zivilisation, schlagen nachdenkliche Wunden und beziehen Stellung.«

Die Band aus Penzberg im Allgäu versucht die Nachfolge der Böhsen Onkelz anzutreten; das gibt man auch offen zu. Entsprechend fallen die Besprechungen in einschlägigen Metal-Fanzines aus. Ich bekam die CD »Gnadenlos« zur Besprechung, und ich habe sie tatsächlich zweimal angehört.

Es ist halt Metal mit deutschen Texten, meinetwegen kann man auch Hardrock dazu sagen. Jeglicher Oi!-Vergleich verbietet sich meiner Ansicht nach von selbst. Die vier Burschen, allesamt anfangs zwanzig, können gut spielen; immer wieder fiedelt die Gitarre dazwischen.

Dazu gibt's Texte, in denen zum Aufruhr gerufen wird, wo man über die Kirche lästert, was ich ja schon wieder gut finde, und mit persönlichem Bezug zur aktuellen Jugendkultur. Das ist auf deutlich höherem Niveau als andere Bands dieser neuen deutschen Hardrock-Welle und gar nicht mal blöd; heutzutage bin ich ja schon mit Kleinigkeiten zufrieden ...

Aber seien wir ehrlich: Man muss schon Onkelz-Fans sein oder fleißig Metal hören, um die Band wirklich gutzufinden.

24 September 2009

Zeitdruck versus Texte

Wenn ich eines nicht leiden kann, ist es Zeitdruck, der mich in Streßanfälle führt. So geht es mir seit Wochen; ich habe das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Das wiederum führt dazu, daß ich sogar Dinge, die mir Spaß machen, nicht ordentlich betreiben kann. Und das ist Super-Mist.

Denn eigentlich wollte ich im Verlauf dieser Woche ganz locker-lässig eine Kurzgeschichte verfassen. Das Thema habe ich schon vor längerem angefangen; es geht um Musik und Kalifornien und ein bißchen Alkohol. Also wirklich nichts hochliterarisches, aber ich bin sicher, es hätte dem einen oder anderen Leser gefallen.

Seit Anfang der Woche habe ich gefühlte zehn Sätze an der Geschichte geschrieben. Und die sind, wenn man sie genau anguckt, wahrscheinlich nicht gut. Das ist frustrierend. Vielleicht sollte ich mal zur Zeitsparkasse gehen und mir einfach eine Ladung Zeit borgen.

23 September 2009

Strategische Wahlen

Ich möge doch, so sagte mir dieser Tage jemand, bei der Bundestagswahl mein Kreuz zumindest zähneknirschend bei der SPD setzen. Dann gäbe es im schlimmsten Fall wieder schwarzrot, und ich würde in diesem Fall »strategisch wählen«.

Das ist ja so ein neues Hobby von vielen: Wen muß man denn eigentlich wählen, um eine gewisse Koalition zu erreichen oder zu verhindern? Schwarzgelb wäre in der Tat die schlimmste Koalition, die zu erwarten ist. Die Vorstellung, demnächst Westerwelle als Bundesaußenminister zu erleben, jagt mir kalte Schauder über den Rücken.

Nur: Deshalb wähle ich die SPD nicht. Ich habe 2002 für Fischer und Schröder gestimmt, weil die Aussicht auf eine Stoiber-Westerwelle-Regierung so grausig auf mich wirkte. Und dann ärgerte ich mich drei Jahre über das Desaster, das in Berlin angerichtet wurde.

Irgendwie will ich mir das nicht mehr antun. Also werde ich wieder ungültig wählen: fettes Kreuz über den Wahlzettel. Es gibt diesmal kein »geringes Übel«, es gibt nur schreckliche und ganz schreckliche Aussichten.

22 September 2009

Oi!-Zine aus Österreich


Es ist für mich völlig frustrierend, in welchem Tempo der Kollege Markus P. aus Korneuburg in Österreich sein Fanzine Oi! The Print heraushaut: Die Nummer 27 habe ich jetzt endlich gelesen, und er kündigt auf seiner Homepage bereits die Nummer 29 an. Der Mann ist schneller, als die Szene-Polizei es erlaubt.

Und das Heft lohnt sich glatt noch. Klar enthält es auch mal schwächere Beiträge, aber es gibt immer einen schönen Einblick in die Glatzen-Szene. Ob es die nicht mehr ganz so jungen Bovver Boys aus Aachen oder die dickbäuchigen Engländer von Argy Bargy sind – die Interviews sind von Sympathie und Sachkenntnis gleichermaßen geprägt. Artikel gibt's dann über andere Bands wie die Hardcore-Klassiker von The Freeze, die recht neue englische Band Gimp Fist oder die Hardcore-Glatzen von HardXTimes aus Frankreich,

Daß Skinheads nicht nur Oi! hören, wird im OTP immer wieder bestätigt. So gibt es einen schönen Artikel über den Reggae-Star Dennis Brown oder generell einen Artikel zur Szene auf Jamaika.

Informativ und lesenswert sind zudem Beiträge, die gar nichts mit dem Hauptthema zu tun haben. So gibt's einen Artikel über Peter Kürten, den sogenannten Vampir von Düsseldorf, und über Lenny Mc Lean, der wohl ein ziemlich finsterer Boxer war.

Schallplattenfreunde kommen in Artikeln etwa über Squoodge Records – nie zuvor gehört – oder Street Justice Records (von denen ich einige schöne Scheiben daheim habe); schwierig wird es dann bei KB Records, die eine doch eher seltsame Klientel aus Onkelz-Fans bedienen. Aber okay, vorstellen kann man so ein Label trotzdem. Und natürlich gibt's haufenweise Plattenbesprechungen.

Alles in allem wieder eine sehr lesenswerte Ausgabe, wenngleich mir nicht alles schmecken kann. Abe als »one&only austrian drinkingglass zine« überzeugt das Heft zum wiederholten Mal.

21 September 2009

Was Autoren träumen ...

Daß ich gelegentlich zum Anlaß für Verwünschungen werde, leuchtet mir ein: Für manche bin ich für vielerlei Entwicklungen einer gewissen Science-Fiction-Reihe verantwortlich, die den jeweiligen Personen nicht schmecken. Also beschimpft man mich.

Damit komme ich gut klar. Ich kann nicht behaupten, daß mir das gefällt, aber wollte ich allen Leuten gefallen, wäre ich in einer anderen Position tätig.

Irritiert bin ich allerdings, wenn ich feststelle, daß Autoren von mir träumen. Das passierte wohl tatsächlich dem guten Frank Böhmert, dessen Kurzgeschichten und Gedichte ich in den 80er Jahren mochte und mit dem ich in den letzten Jahren immer mal wieder zusammenarbeitete. In seinem Blog schrieb er darüber.

Wobei ich die Vorstellung schon interessant finde, mit Frank auf einem Dampfer mit rauchendem Schornstein einen Fluss zu bereisen, während im Wasser irgendwelche Riesentintenfische planschen ...

20 September 2009

Am Radhaus gelandet

Wenn ich mit dem Rad losfahre, habe ich selten einen vernünftigen Plan. Warum auch?, das ist schließlich mein Privatkram, und ich bin allein unterwegs. Also fahre ich mal spontan nach rechts oder nach links, was in der Vergangenheit schon zu bizarren Situationen führte (ich landete mal in Hagenau in Frankreich, weil mich spontan die Lust dazu packte ...).

Bei solchen Quer-durch-die-Botanik-fahren-Aktionen kam ich immer mal wieder in den letzten Jahren an einem Lokal vorbei, das den verlockenden Namen »Radhaus« trug und ausgesprochen schön im Wald südlich von Karlsruhe lag. Ich hielt nie an, und ich vergaß jedesmal wieder aufs neue, wie ich da eigentlich hingekommen war.

So erging es mir auch am Sonntag: Plötzlich, nachdem ich die Strecke vom Bismarckturm bei Ettlingen herunter wie ein Geisteskranker gestrampelt war, stand ich vor dem schönen Biergarten, mitten in der Pampa gelegen. Wie kam ich denn da hin? Und wie sollte ich das jemals wiederfinden? Denn eigentlich hätte es mich schon einmal gereizt, hier ein Bier zu trinken.

Nicht an diesem Sonntag. Der Himmel war düster, ich war naßgeschwitzt, es sah nach Dunkelheit und Regen aus, und ich wollte nicht unbedingt krank werden. Ich nahm mir vor, irgendwann einmal mit dem Auto zum »Radhaus« zu fahren. Denn testen wollte ich es schon mal.

Ich fand den Gedanken eher peinlich. Das Ding heißt »Radhaus«, und ich will mit dem Auto herfahren?, sinnierte ich.

Aber die Peinlichkeit verflog, als ich die Räder und die Autos vor der Tür betrachtete und mir die Besucher des Biergartens ansah: Gefühlte zwei Drittel der »Radhaus«-Besucher waren sogar bei diesem schönen Wetter mit dem Auto angereist. Die haben ja auch Räder, also paßt es, dachte ich und strampelte weiter.

19 September 2009

Zeit-und-Raum-Herrscherinnen

Seit einigen Jahren erhalte ich per Mail den monatlichen Newsletter »Tempora Mores« von Horst Illmer aus Würzburg; meist handelt es sich um ein A4-Blatt, das über Science Fiction berichtet, mit kurzen, pointierten Aussagen gut informiert und auch argumentiert. Der Mann ist buchstäblich seit Jahrzehnten aktiv; ich erinnere mich an Fanzine-Texte, die er in den frühen 80er Jahren verfaßt und veröffentlicht hat.

Gelegentlich gibt's von »Tempora Mores« auch Sonderausgaben; eine davon kam bereits im letzten Jahr aus und wurde von mir jetzt immer mal wieder gelesen. Unlängst wurde ich mit »Den Herrscherinnen über Zeit und Raum« fertig: ein 180 Seiten starkes Paperback mit sauberem Layout, das zwar ein wenig »fannisch« wirkt, inhaltlich aber völlig überzeugt.

Schwerpunkt ist ein riesiger Artikel unter der Überschrift »Das Strickmuster der Zukunft«. In verschiedenen Kapiteln wird die Entwicklung der phantastischen Literatur aus Frauensicht nacherzählt, angefangen von den frühesten Utopien bis hin zur aktuellen Fantasy-Schwemme, die von Frauen zumindest teilweise angeführt wird. Lesenswerter Artikel, nicht nur für SF-Fans, sondern auch für jene, die sich im weitesten Sinne für »Gender«-Diskussionen interessieren!

Weitere Beiträge sind vor allem erzählende Texte von Frauen, inklusive eines Theaterstücks, sowie eine sich anschließende Science-Fiction-Bibliographie. Alles in allem sind diese Texte teilweise gelungen, zumeist aber immer lesbar; sie geben ebenfalls einen sehr guten Einblick.

Das Buch ist insgesamt empfehlenswert; ich persönlich habe ein wenig das Problem, daß die Stories gegenüber dem Artikel zu sehr abfallen. Gerne gelesen habe ich alles. Lohnt sich!

18 September 2009

Haufenweise Klischees

»Wie? Du bist Vegetarier?« Sie starrte mich und mein frisches Bier entgeistert an. »Du erfüllst wohl jedes Punkrock-Klischee.«

Ich guckte an mir hinunter. »Was heißt denn hier Klischee? So laufe ich doch seit vielen Jahren herum.«

»Umso schlimmer.« Sie hob die Hand und zählte an den Fingern ab. »Du trägst Converse-Schuhe und irgendwelche T-Shirts mit Bands drauf; die Musik hörst du sowieso, und wenn's geht, stehen deine Haare ein wenig ab. Und dann noch Vegetarier! Sag schon, welches Punkrock-Klischee fehlt da noch!«

Ich fühlte mich hilflos. Die Leute an der Theke schauten mich an; wahrscheinlich überlegten sie, wo in dem Mann mitte der vierzig, der da zwischen ihnen stand, ein Punk stecken sollte.

»Ähm«, sagte ich dann, »ich geh' seit Jahr und Tag arbeiten. Das ist ja wohl kein Punkrock-Klischee.«

Alles lachte.

»Aber ein Schwaben-Klischee.« Und damit hatte sie die Lacher auf ihrer Seite.