Im Verlauf der Jahre las ich immer wieder Romane des viel zu früh verstorbenen Schriftstellers Jakob Arjouni (1964 bis 2012); ich mochte sie stets, egal welchem Genre man sie letztlich zuordnen konnte. Zuletzt fand ich das schmale Buch »Cherryman jagt Mr. White«, das man leider nur noch gebraucht kaufen kann, richtig gut.
Der Roman besteht im Prinzip aus Briefen, die ein Jugendlicher an einen psychologischen Gutachter und Arzt schreibt. Der Jugendliche, der offensichtlich einen schreckliche Mord oder mehr begangen hat, erzählt in diesen Briefen dem Arzt von seinem Leben und der Vorgeschichte seiner Taten. Dabei wird immer klarer, dass der Jugendliche nicht nur ein Täter ist, sondern ebenso ein Opfer.
Der Jugendliche lebt in einer fiktiven Kleinstadt in der Nähe von Berlin. Eine Gruppe von herumlungernden Jungmännern schikaniert und misshandelt ihn regelmäßig. Dann aber kommt er in Kontakt zu einem Mann, der ihm eine Lehrstelle in Berlin vermittelt und dafür eine Gegenleistung fordert: Der Junge soll im Auftrag des »Heimatschutzes« – offensichtlich eine rechtsradikale Organisation – mehr über einen jüdischen Kindergarten herausfinden …
Tatsächlich führt der Roman, der 2011 veröffentlicht wurde, in die Zeit der Baseballschlägerjahre, in denen in Brandenburg und anderen Regionen ganze Städte und Landkreise von Nazis terrorisiert wurden. Der Autor behält dabei immer die Perspektive eines Jugendlichen bei, der von einer positiven Zukunft träumt und sich verliebt, gleichzeitig aber zu einer gefährlichen Aufgabe gedrängt wird.
Das Mittel eines Briefromans ist ungewöhnlich, vor allem bei so einer Geschichte. Gleichzeitig passt sie auch: Durch die Briefe des Jugendlichen und seine einfache Sprache entblättert sich die Handlung anders, als wenn sie »normal« erzählt würde. Spannend ist das allemal, aber daran hätte ich bei Arjouni eh nie gezweifelt.
Sicher ist »Cherryman jagt Mr. White« kein Roman, den man kennen muss. Wer ihn aber mal sieht, sollte ihn sich schnappen: So spannend und gut geschrieben kann deutschsprachige Gegenwartsliteratur halt auch sein …

1 Kommentar:
Zu »Cherryman jagt Mr. White« gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag, der die Handlung des kurzen Romans sehr gut zusammenfasst.
https://de.wikipedia.org/wiki/Cherryman_jagt_Mister_White
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