Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
03 Februar 2022
Bad Religion und der zweite Schlag
Kaum ein Jahr später kam die »No Control« heraus, die ich dieser Tage mal wieder anhörte und die ich immer noch richtig klasse finde. 1989 wurde so etwas gern als »Hardcore« bezeichnet, in meinen Ohren ist das schlicht schneller und melodischer Punkrock. Aber 1989 war die Szene in Deutschland derart zerstritten, dass ich das heute kaum noch nachvollziehen kann.
Mit »No Control« setzte die Band das fort, was sie mit »Suffer« angefangen hatte. Die frühe Phase der Band, die ich ja erst nach diesen zwei Platten bewusst wahrnahm, hatte damit nicht mehr viel zu tun. Was früher schrubbiger Hardcore war, wich endgültig einer melodischen und sehr dynamischen Richtung. Die Stücke auf der »No Control« haben allesamt Tempo, sie sind in sich stimmig, und es gibt keinen einzigen Füller.
Da wird nicht herumgejammert, es gibt keine Soli und kein Metal-Gewichse; die Band konzentriert sich auf das, was sie am besten kann: gute Texte und schnelle Melodien in Stücke packen, die einen automatisch zum Wackeln und dann zum Hüpfen bringen. Alles was später in Sachen Melodie-Punk oder Melodycore kam, musste sich an diesen zwei Platten von Bad Religion messen.
02 Februar 2022
Im Kindererholungsheim
Eine ältere Frau stand auf einmal in der Runde, sie klatschte in die Hände. »Kinder!«, rief sie laut. »Herzlich willkommen im Kindererholungsheim St. Hubertus.« Einige Aussagen zu dem Kinderheim folgten, dann sollten wir uns setzen.
Weil ich mich unsicher fühlte, platzierte ich mich an einen Tisch am Rand. Allein und mit meiner kleinen Tasche saß ich da. Mein Koffer wartete irgendwo im Flur auf mich. Wir schrieben den Anfang des Jahres 1977, und ich war zum ersten Mal ohne meine Eltern auf einer größeren Reise.
Der Arzt hatte mir eine »Erholung« verschrieben, auch deshalb, weil ich so dünn war. »Bei dir kann man ja die Rippen zählen«, hatte eine Nachbarin im Sommer des vergangenen Jahres gespottet. Tatsächlich war ich dünn und lang, ein in die Höhe geschossener Junge, der nicht wusste, wohin er mit seinen ihm selbst unheimlichen Energien eigentlich sollte.
An einem Nachbartisch hatten sich einige Jungs niedergelassen, die in meinem Alter waren, vielleicht sogar ein wenig älter, möglicherweise sogar schon 14 oder gar 15. Ich beneidete sie glühend, weil sie Jeans trugen und ihre Haare leicht über die Ohren fielen.
Im Gegensatz zu ihnen war ich geschniegelt und gestriegelt. Meine Eltern hatten mich zwei Tage zuvor noch zum Frisör geschickt, und ich trug einen Anzug, wie ich ihn sonst in der Kirche anhatte. Ich hatte das Gefühl, dass mich alle anstarrten. Aber wahrscheinlich guckten alle so wie ich durch die Gegend und taxierten die anderen.
Nur nicht die Jungs am Nachbartisch, die sich teilweise schon zu kennen schienen. Sie scherzten und lachten. Zwei von ihnen sahen sich ähnlich, und ich vermutete, dass sie Brüder waren. Zu ihnen hatten sich zwei andere Jungs gesellt. An diesem Tisch schien sich die erste Clique des Kindererholungsheims zu bilden.
Die ältere Frau war mit ihren allgemeinen Informationen, die ich sofort vergessen hatte, bereits am Ende. »Es gibt einige Fragen, die ich euch noch stellen muss«, sagte sie. »Das hilft uns, euch besser auf die Zimmer zu verteilen.« Sie fragte nach der Religion. Bei der Frage nach »evangelisch« streckte etwa die Hälfte der Finger eine Hand hoch, bei »katholisch« war es die andere Hälfte. »Sonst noch jemand, den ich vergessen habe?«, fragte die Frau. Es klang nicht unfreundlich, eher ein wenig ungeduldig.
Schüchtern streckte ich die Hand. Am anderen Ende des Saals saß ein schwarzhaariger, sehr blasser Junge, der ebenfalls die Hand hob. Wie sich herausstellte, war ich als einziger neuapostolisch, und er sagte, er sei »Atheist«. Bereits damit war klar, wer die beiden Sonderlinge sein würden – wobei das Thema Religion im Verlauf der nächsten Wochen keine große Rolle spielen sollte.
Man steckte uns gemeinsam in das einzige Zweibettzimmer des »Jungen-Flurs« im ersten Stock, direkt neben dem Aufenthaltsraum der Aufsicht. Die vier Jungs vom Nachbartisch kamen gemeinsam in ein Vier-Bett-Zimmer, andere Kinder wurden in Sechs-Bett-Zimmer gesteckt. Ich beneidete sie erneut, denn ich wollte nicht schon wieder ein Außenseiter sein. Vor allem fand ich meinen Zimmerkameraden seltsam – er mich wahrscheinlich auch.
So begannen meine Wochen im Kindererholungsheim. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde, und ich ahnte vor allem nicht, dass diese Wochen mein Denken und Fühlen ziemlich gründlich umpflügen sollten.
Als ich nach der Zeit im St. Hubertus zurück zu meinen Eltern kam, hatte ich zwar nicht zugenommen – das Essen war echt nicht gut –, sondern war dünner als zuvor. Aber ich hatte einiges über mein weiteres Leben gelernt …
Ein Oligarch in ländlicher Region
Bei meiner Bestellung gab ich die ISBN des Titels an und schrieb dazu, dass ich die Hardcover-Ausgabe aus dem Hause Nagel & Kimche haben wollte. Als ich einige Tage später bei der Buchhandlung vorbeifuhr, ließ ich mich durch unser Gelaber davon ablenken, die Bücher genau zu kontrollieren; ich hatte einige Titel bestellt. Erst daheim merkte ich, dass ich die falsche Ausgabe erhalten hatte: das Taschenbuch, das bei dtv erschienen war.
Ich ärgerte mich mehr darüber, dass ich es nicht bemerkt hatte, als über die Buchhandlung, in der man offensichtlich keine ISBN lesen konnte. Trotzdem schrieb ich eine Mail an die Buchhandlung und wies auf den Fehler hin. Ich erhielt keine Reaktion – so richtig gar keine. Nicht einmal ein »Dankeschön für Ihren Hinweis« oder ein »Sorry, soll nicht wieder vorkommen«.
In der Folge nahm ich mir vor, den nächsten Band von Castle Freeman bei einem Online-Versandhändler zu bestellen. Das machte ich auch. Und es funktionierte tadellos. Die Moral von der Geschicht‘ denke sich jede/r selbst.
Ach so, und der Roman selbst? »Auf die sanfte Tour« erzählt von einem reichen Russen, der sich in der ländlichen Provinz niederlässt und der natürlich etwas dagegen hat, dass sich die Einheimischen in seine Angelegenheiten einmischen. Wenn also irgendwelche örtlichen Verbrecher einen Safe aus einem Landsitz stehlen, wird es auch für den örtlichen Sheriff unangenehm.
Wie immer bei Castle Freeman sind die Dialoge sensationell gut: trocken und witzig, die Handlung vorantreibend und trotzdem immer mit einem ironischen Unterton. Beschreibungen beschränken sich auf das Nötigste, die Figuren handeln alle glaubhaft.
»Auf die sanfte Tour« ist ein typischer Roman des Autors, und wer Freeman kennt, wird dieses Buch lieben.
01 Februar 2022
Starker Steampunk-Comic
Grundlage ist eine aus vier Heften bestehende Miniserie mit dem Titel »Captain Swing and the Pirates of Cindery Island«. Erzählt wird aus der Sicht eines Londoner Polizisten, der im Jahr 1830 mit ungewöhnlichen Dingen konfrontiert wird: Er sieht ein fliegendes Schiff, das am Nachthimmel kreuzt, und er verfolgt einen Mann, der offensichtlich Sprungfedern in seinen Stiefeln trägt und sich damit in riesenhaften Sprüngen vorwärtsbewegen kann. Am Ende gelangt er auf das fliegende Schiff, und sein Weltbild verändert sich völlig.
Der Polizist lernt die Welt des Captain Swing kennen, erfährt von der wunderbaren Kraft der Elektrizität und den Gegnern, die Captain Swing und seine fröhlichen Piraten haben. Im Rahmen einer turbulenten Geschichte kommt er sogar zu der Flussinsel, auf der die Piraten ihren Stützpunkt unterhalten, und am Ende zieht er mit einer Mission von dannen …
Warren Ellis ist der Autor der Geschichte, die ich grell und bunt erzählt fand. Sie spielt bewusst mit knalligen Dialogen und schrägen Figuren. Dabei versucht Ellis nicht einmal ansatzweise, die Geschichte intellektuell mit Bedeutung aufzuladen; sie ist rasant, aber alles andere als intellektuell, und soll halt gut unterhalten.
Die Aufladung findet eher durch die historisierenden Seiten statt, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund für den Roman erläutern. Diese Seiten nehmen Tempo aus der Geschichte und ergänzen sie zugleich; sie binden technische Zeichnungen des 19. Jahrhunderts mit ein. Damit bilden sie ein Bindeglied zwischen der Geschichte und den Zeichnungen.
Für diese zeichnet Raulo Cáceres verantwortlich. Seine Bilder sind realitätsnah und geradezu rabiat. Blut und Gedärme spritzen, die nächtlichen Ansichten von London oder das Piratenschiff sind in geradezu aggressivem Stil gezeichnet. Es hat seinen eigenen Charme – aber es ist mir manchmal zu derb. Aber natürlich passt es zum generell rabiaten Stil des gesamten Comic-Bandes.
»Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island« hat mich sehr gut unterhalten, die Geschichte ist ungewöhnlich und hat vor allem einen krassen Gesamtcharakter aufzuweisen. Man sollte für diesen Comic allerdings wohl schon ein Fan von Warren Ellis sein …
31 Januar 2022
Gruß vom Getriebe
Deshalb bremste ich ab, als gut fünfzig Meter vor mir und auf der anderen Straßenseite ein Fahrer aus einer Parklücke rollte. Langsam fuhr ich auf die Stelle zu, immer dazu bereit, eine Vollbremsung einzulegen. Da erkannte ich: Der Fahrer oder die Fahrerin wollte nicht ausparken, sondern nur die Position korrigieren.
Als das Auto wieder nach vorne fahren sollte, wurde offensichtlich der falsche Gang eingelegt, oder es wurde die Kupplung nicht vernünftig betätigt. Ein fürchterliches Krachen ertönte.
»Ich bin ein Getriebemörder!« schrie ich, als sei ich in den 80er-Jahren gelandet, und lachte sofort danach über mich selbst.
Ein Fußgänger, der auf dem Gehweg gerade auf der gleichen Höhe wie ich unterwegs war, wenngleich zu Fuß, reagierte auf seine Weise. »Na, wir waren wohl zur gleichen Zeit im gleichen Verein!«, rief er.
Ich hielt an. »Bruchsal, Eichelberg«, sagte ich trocken.
Er lachte. »Ich auch. 1983 und 1984.«
Wie es sich herausstellte, waren wir im Abstand von einem Jahr in der gleichen Kaserne gewesen, beide als wehrpflichtige junge Männer. Unser Gespräch bestand aus schnellen »Wissen Sie noch?«; ins Duzen verfielen wir nicht. Tatsächlich hatte er ein gutes Gedächtnis, er wusste von manchen Offizieren und Feldwebeln noch die Namen, die ich längst vergessen hatte.
Er hatte seinen Führerschein bei der Bundeswehr gemacht, ich hatte in Ulm die Fahrschule besuchen müssen. Und wir beide hatten die Sprüche zu Genüge gehört. Immerhin war mir das mit dem Getriebe nie selbst passiert.
Wer seinen Wagen so abwürgte, wie es der einparkende Mensch vor meiner Nase getan hatte, musste aus dem Auto springen, sich neben das Fahrzeug stellen und lauthals »Ich bin ein Getriebemörder« schreien. Wer ein Verkehrsschild übersah, musste zurücksetzen und bekam die Aufgabe, das Schild zu putzen – weil dieses ja offensichtlich nur schlecht zu sehen war.
Der mir unbekannte Mann und ich warfen uns in den zwei, drei Minuten des Gespräches in rasendem Tempo allerlei Bundeswehr-Erinnerungen an den Kopf, das meiste nur reines Hörensagen. Wir lachten mehrfach auf, wenn wir uns an Geschehnisse und Geschichten aus den 80er-Jahren erinnerten.
Mittlerweile war der Fahrer auf der anderen Straßenseite mit seinem Parkvorgang fertig. Er stieg aus, schloss sein Fahrzeug ab und bog schnellen Schrittes in einen Hof ab.
Ich verabschiedete mich von meinem Gesprächspartner und fuhr weiter. Während ich in die Pedale trat, wunderte ich mich über mich selbst. Was ich alles noch gewusst hatte, wie präsent mir auf einmal eine Episode in meinem Leben war, die Jahrzehnte zurück lag!
»Bescheuerte Bundewehr«, murmelte ich, als ich schwungvoll in den Zirkel einbog. »Jetzt sind die ganzen Geschichten wieder da.«
Die Idles zum dritten Mal
Die zwölf Stücke sind abwechslungsreich, sie gehen nicht gleich ins Ohr, aber sie haben einen kratzigen und eigenständigen Charakter. Sagen wir so: Wer fröhlichen MelodiePunk mag, wird hier vielleicht eher genervt sein.
Mir kommen manche Stücke vor, als wollte die Band vor allem NoiseRock-Elemente in ihre Stücke integrieren: Da wummert der Bass, da knirscht und quiekt die Gitarre, da gibt es schleppend-manische Phasen, wie man sie in den 80er-Jahren von Big Black gehört hat. Über diesen manchmal sehr wuchtigen und auch sperrigen Sound legt sich die Stimme des Sängers, der manchmal brüllt und ansonsten mit rauem Charakter seine Zeilen rausrotzt.
Bei den Texten tu‘ ich mich schwer; meiner Langspielplatte lag kein Textblatt bei, und so bin ich auf meine Englischkenntnisse angewiesen. Die Band verbreitet politische Inhalte, sie meint das sehr ernst, aber diese Inhalte werden nicht in Form von Parolen, sondern in teilweise komplexen Zeilen vermittelt.
Ich mag die Idles, ich habe nun schon einiges von ihnen gehört. Mir gefällt die Band vor allem an den Stellen, wo sie recht knorrig wirkt. Aber man braucht mit dieser Platte echt ein wenig Geduld …
30 Januar 2022
Zwei Knetfiguren und eine Brieffreundschaft
Erzählt wird von einem Mädchen aus Australien – es heißt Mary –, das mit seiner ständig besoffenen Mutter nicht klarkommt und dann Briefkontakt sucht. Ihr Kontakt wird ein übergewichtiger Amerikaner namens Max, der allein in New York lebt, allerlei psychische Beschwerden aufweist und den Kontakt zu Menschen scheut. Zwischen dem Mädchen und dem über vierzig Jahre alten Mann entsteht eine Brieffreundschaft, die viele Jahre überdauert, trotz aller Krisen, und die der Film bis zu seinem traurigen und dramatischen Ende schildert.
Den Film gibt es bei einem Streamingkanal zu sehen, den wir abonniert haben; vielleicht kann man ihn auch sonstwo sehen. Ich möchte ihn empfehlen, weil er eine berührende Geschichte erzählt, die nicht nur – dank der Knetanimation – mit tollen optischen Mitteln aufwartet, sondern auch gute Briefwechsel und Dialoge bringt. Zwei ungewöhnliche Charaktere, die nicht viel gemeinsam haben, werden durch das Band einer altmodischen Brieffreundschaft verbunden.
»Mary & Max« ist eigentlich ein Märchen, aber eines von der traurigen Sorte. Ein wunderbarer Film!
28 Januar 2022
Edgar Rice Burroughs als Thema
Das Fanzine »Neuer Stern« widmet sich dem Autor in seiner Ausgabe 76, die kurz vor Weihnachten 2021 an die Abonnenten verschickt worden ist. Auf den 56 A5-Seiten des Fanzines gibt es allerlei Artikel und Rezensionen zum Werk des Schriftstellers. Wer mag, kann ja derzeit dank eines regen Kleinverlages viele Burroughs-Geschichten in deutscher Übersetzung lesen.
Mit der Kurzgeschichte »Die Auferstehung des Jimber Jaw« liefert das Fanzine ebenfalls eine Burroughs-Geschichte. Sie wurde erstmals 1937 veröffentlicht und offensichtlich bislang nicht im deutschsprachigen Raum veröffentlicht.
Die Übersetzung ist gut, die Story sehr klassisch: Im sibirischen Eis wird ein Mann im Eis gefunden. Man taut ihn vorsichtig auf, er wird wieder lebendig. Der Mann, dem man den Namen Jimber Jaw gibt, wird nach Kalifornien verbracht, wo er sich mit dem dortigen Leben mehr oder weniger anfreundet … bis er glaubt, seine vor Jahrtausenden gestorbene Freundin in einer Hollywood-Schauspielerin wiederzufinden …
Tatsächlich ist die Geschichte immer noch lesbar, und ich finde es gut, dass sie in diesem Fanzine nachgedruckt worden ist. Ob man die Rezensionen braucht, weiß ich nicht – die Story hat mir Spaß bereitet. Sie macht das Fanzine auf jeden Fall zur lohnenswerten Lektüre.
27 Januar 2022
Was bedeutet hier PR?
Ich hielt an, wir kamen ins Gespräch. Schon bei meinen ersten Aufenthalten in Singapur war mir die Freundlichkeit vieler Menschen aufgefallen. Das war an diesem Januar 2007 offenbar nicht anders. Und weil es vom Changi Airport in die eigentliche Innenstadt recht weit war, fand ich die Idee, nach langem Flug das Taxi zu nutzen, nicht schlecht. Wir wurden uns rasch einig, wer welche Kosten zu tragen hatte.
Mein Mitreisender stieg auf der Hälfte der Strecke aus, ich fuhr mit dem Taxi weiter. Weil ich vorne saß, kam ich mit dem Fahrer ins Gespräch, einem gemütlich wirkenden Chinesen, der ein gut verständliches Englisch sprach.
Als sein Handy klingelte, ging er ran. »Es ist meine Frau«, sagte er mit einer um Entschuldigung bittenden Miene. Ich nickte, und er sprudelte eine Mischung aus Englisch und Chinesisch in sein Handy, von der ich kein Wort verstand.
Nachdem er sein Gespräch beendet hatte, fragte er mich, woher ich komme. Ich erzählte, ich sei aus Deutschland. Er brachte die paar deutschen Worte an, die er im Laufe der Jahre gelernt hatte – »guude Tach« und dergleichen –, wir amüsierten uns gemeinsam darüber.
»Welche Sprache haben Sie eben benutzt?«, fragte ich dann. »Ich habe kein Wort verstanden. Es klang irgendwie Englisch, aber manchmal …«
Er lachte. »Ich spreche schon Englisch, aber es ist eher Singlish, unser Singapore Englisch. Und das versteht kein Mensch, der nicht in Singapur aufgewachsen ist.«
Er erzählte von Singapur. »Hier wohnen 4,5 Millionen Menschen, das ist sehr viel. Wir kommen aus allen Rassen und aus allen Religionen.« Er benutzte das Wort »race« mit einer Selbstverständlichkeit, die in Europa kaum vorstellbar wäre, die aber in Asien eine andere Wrbung hatte. »Davon sind aber nur drei Millionen echte Bürger, die anderen sind Permanent Residents, also Leute mit einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis.«
»Die haben dann kein Wahlrecht, oder?«
»Na ja, Wahlrecht.« Er winkte ab, Politik war offenbar nicht sein Thema. »Permanent Resident, das heißt abgekürzt PR. Manche sagen auch, das heiße in Wirklichkeit Poor Resident.«
Und er lachte erneut. Ich fiel in das Lachen ein, sagte ihm aber nicht meinen Grund. Für mich war »PR« letztlich die Abkürzung für die Science-Fiction-Serie, für die ich arbeitete. Aber weil ich im Urlaub war, wollte ich das Thema nicht weiter vertiefen.
»Wie läuft das Zusammenleben in der Stadt denn so?«, fragte ich. Bei meinen vorherigen Besuchen in der Stadt hatte ich in Little India gewohnt, in einem von Indern betriebenen Hostel; mein Blick war dadurch geprägt gewesen.
»Das ist gut, wirklich gut.« Mein Fahrer strahlte über das ganze Gesicht. Der Grund, warum es in Singapur trotz der vielen Kulturen und der vielen unterschiedlichen Menschen so friedlich sei, führte er auf einen Grundsatz zurück: »Sprechen Sie nie über Religion. Sie können Ihre Religion ausüben, aber reden Sie nicht darüber und bekehren Sie niemanden. Dann bleibt es friedlich.«
Ich fand, das klinge nicht unvernünftig, und pflichtete ihm bei. Er schien das auch auf die Politik zu beziehen, aber dazu fragte ich ihn nicht mehr.
»Schauen Sie hier«, sagte er und wies auf eine große Baustelle, an der wir vorüberfuhren. Männer mit gelben Schutzhelmen schwitzten auf einem Gerüst; sie schleppten irgendwelche Gerätschaften über die Leitern nach oben. »Das sind PR-Leute. Sie sind froh, dass sie hier eine gut bezahlte Arbeit haben. Aber es ist eine harte Arbeit, die niemand sonst in Singapur machen würde.«
Ich nickte. Soviel zum Thema volksnaher Unterricht in einer fremden Stadt, dachte ich.
Dann hielten wir auch schon vor dem Hotel an. In den nächsten Tagen und Wochen würde ich meine eigenen Eindrücke von Singapur sammeln können.
(Diesen Text schrieb ich vor genau 15 Jahren; offensichtlich wurde der – obwohl es so geplant war – nicht in meinem Blog veröffentlicht. Dann halt heute …)
Neon Bone von 2012
Mit der »Neon Bone«-EP präsentierte die Band auf jeden Fall gleich mal fünf knarzige Stücke, die mir gut gefielen. Die Anleihen beim amerikanischen Turnschuh-Punk der 90er-Jahre sind eindeutig herauszuhören, was ja nichts Schlimmes sein muss. Die Stücke sind in englischer Sprache, sie sind durchgehend melodisch und flott; kein Weicheiergesang, keine Hardrock-Allüren.
Wer ein Herz für den alten Punk hat, der so klingt, als hätte man ihn 1977 aus der Schublade geholt und in den 90er-Jahren ein wenig überholt, der ist hier richtig. Ich habe auf jeden Fall beschlossen, mir weitere Tonträger von Neon Bone zu besorgen.
26 Januar 2022
Der zweite Wilsberg-Roman
Dabei ist der Held alles andere als eine coole Figur: Georg Wilsberg ist Privatdetektiv in Münster. In den frühen 90er-Jahren schlägt er sich mit allerlei kleinen Aufträgen durch – manchmal kommen ihm alte Freundschaften und Bekanntschaften so in die Quere, dass er sich am liebsten auf seine Briefmarkensammlung zurückziehen würde.
Der zweite Band der Serie, die der Schriftsteller Jürgen Kehrer über diesen ungewöhnlichen Ermittler verfasst hat, bringt gleich drei Fälle zusammen: Eine jugendliche Punkette ist vor den Eltern ausgerissen und nach Holland abgehauen; er soll sie zurückholen. Ein Diskothekenbesitzer, den er schon seit Urzeiten kennt, wird auf seltsame Weise bestohlen; er soll die Diebe schnappen. Und eine Frau, in die er zu Studienzeiten verliebt war, wird umgebracht – mordverdächtig ist ausgerechnet der Mann, der ihm damals die hübsche Studentin ausgespannt hat.
Wie Jürgen Kehrer die drei Fälle miteinander verknüpft und wieder trennt, wie er ganz nebenbei Blicke in die bürgerliche Gesellschaft der Stadt Münster wirft und wie er es schafft, das alles wieder aufzulösen, das wird mit viel Schreiblust und Spaß an skurrilen Charakteren erzählt und geschildert.
»In alter Freundschaft« beweist ganz nebenbei, dass Krimis auch dann wunderbar unterhalten, wenn sie ohne überzogene Charaktere oder zu viel Brutalität auskommen. Unspektakulär, aber sehr lesenswert!
25 Januar 2022
Das Humboldt-Tier kommt
1952 wurde dieses Tier in der Serie »Spirou und Fantasio« erstmals erwähnt. André Franquin, einer der ganz großen Comic-Künstler, entwickelte das Tier und machte es zu einer unglaublich beliebten Figur. Soweit so schön.
Was ich aber echt großartig finde und worauf ich mich schon jetzt freue: Der Zeichner Flix, der mich zuletzt mit seinem wunderbaren »Spirou in Berlin« begeisterte, wird im August ein spezielles Marsupilami-Album veröffentlichen. Es wird den Titel »Das Humboldt-Tier: ein Marsupilami-Abenteuer« tragen und im Carlsen-Verlag erscheinen.
Hiermit notiert und f(lix)iert!
Schöner Kindercomic mit traurigem Hintergrund
Das Album enthält einen schönen Nachruf auf den Künstler sowie mehrere Seiten, die zeigen, wie aus anfänglichen Skizzen irgendwann gelungene Comic-Seiten werden. Ich fand, das war eine schöne Geste, die zeigt, dass die »Schlümpfe« als Serie längst ein Projekt sind, das die Generationen überdauert – und dass man an die jeweiligen Künstler auch erinnert.
Die Geschichte selbst ist gelungen; noch einmal zeigt sich, wie gut Garray sich in die Welt einfügte, die Peyo – sein gefeiertes Vorbild – in den 60er-Jahren erschaffen hatte. Die Zeichnungen sind akkurat und einfach zugleich; sie sprechen nach wie vor Kinder an und erfreuen die Erwachsenen. Die fabelhafte Welt der Pilzhäuser, des Zauberers, der lustigen Schlümpfe und ihres Waldes – das alles konnte Garray wunderbar in Bildern einfangen.
Da stört es dann auch kaum, dass die Geschichte manchmal einen arg pädagogischen Zeigefinger hebt. Erfunden wurde sie von Alain Jost, der die Grundlagen lieferte und die Texte schrieb, sowie Thierry Culliford, dem Sohn des großen Peyo. In »Die Schlümpfe und die lila Bohnen« geht es um gesunde Ernährung und um Bildung; das ist durchaus nett erzählt.
Zur eigentlichen Story nur so viel: Bei den Schlümpfen werden spezielle Bohnen eingeführt, die allen gut schmecken. Doch bald essen die kleinen Schlümpfe nur noch diese Bohnen, und das bringt allerlei Probleme mit sich. Anders gesagt: Es geht um falsche Ernährung und ihre Folgen – das ist dann doch ein wenig arg pädagogisch für meinen Geschmack.
Wenn man das aber ignoriert, bleibt trotzdem eine gelungene Geschichte. Ich mag die klassischen »Schlumpf«-Abenteuer am liebsten, finde aber, dass die neue Zeit genügend schöne Geschichten aufzuweisen hat. Das Album 35 gehört wegen des traurigen Hintergrunds irgendwie dazu …
24 Januar 2022
Die Friedensboten von Freudenstadt
Eine Verwandte aus meinem Geburtsort erzählte mir davon, und ich konnte es nicht glauben. In Freudenstadt sind sogenannte Friedensboten unterwegs, die zu Coronaleugner-Aufmärschen aufrufen. Im Dezember – kurz vor Weihnachten – demonstrierten sie in Baiersbronn (bekannt als Kur- und Wintersportgemeinde) vor einer Praxisgemeinschaft. Dort werden Menschen geimpft, was nicht ungewöhnlich ist; der Protest richtete sich aber gegen die Tatsache, dass auch Kinder geimpft werden.
Bei Kindern höre der Spaß auf, zitierte der »Schwarzwälder Bote« einen der angeblichen Friedensboten, die sich zu Lichtspaziergängen versammeln. Es kam zu der Demonstration, es wurden Drohungen ausgestoßen – das komplette Programm offenbar. Mittlerweile wehren sich die Ärzte; sie haben gegen viele Beteiligte dieses Aufmarsches Anzeigen erstattet.
Ich verstehe diese Leute nicht. Wenn sie sich – weil sie erwachsen sind und sich im Glauben höherer Weisheit befinden – nicht impfen lassen wollen, ist das ihre Entscheidung. Ich finde diese Entscheidung falsch, aber sie können sie treffen, wenn sie wollen. Aber warum sie Ärzte bedrohen, die ihre Pflicht tun, erschließt sich mir nicht.
(Schon klar: In ihren Augen begehen diese Ärzte ein fürchterliches Verbrechen, und dagegen muss man etwas tun. Aber das ist trotzdem nicht so richtig verständlich für mich.)
Egotronic, die Gewalt und das Jahr 2019
Das zeigt sich nicht nur an der Coverversion von »Nacht im Ghetto«. Der Klassiker der Hamburger Deutschpunk-Legende Razzia hat auch schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel, ist im Original echt großartig und funktioniert in der Elektropunk-Version ebenfalls sehr gut. Man merkt, dass die Bandmitglieder selbst teilweise eine Deutschpunk-Vergangenheit haben; das Stück ist eine Verneigung vor dem Original und nicht nur der Versuch, einen alten Hit in die neue Zeit zu übertragen.
Die Band behandelt ansonsten aktuelle Themen. In »Kantholz« oder »Gewalt« geht es um den Kampf gegen Rechtsradikale, in »Linksradikale« wird nach einer starken Linken gefragt, in »Der Bürgermeister« wird’s sogar tagespolitisch. Textlich fährt man eine klare Kante: politisch auf einer »autonomen« Linie, gegen den Staat und gegen gewalttätige Strukturen, für eine revolutionäre Szene.
Meist lässt es die Band musikalisch krachen. Gitarre und Schlagzeug, dazu aber Elektrogeräusche – das alles ergibt ein furioses Gebräu, das gut ins Ohr und auch in die Füße geht. Zu diesen Stücken kann man gut Pogo tanzen, und das ist für mich ein Kriterium, das immer überzeugt. Manche Stücke sind eher ruhig, da lässt einem der Text ein wenig Zeit zum Mit- und Nachdenken.
Großartige Platte!
23 Januar 2022
Ein Manga über Streber
Zuletzt las ich »We Never Learn«; zum Gratis-Comic-Tag 2020 veröffentlichte der Verlag zu dieser Serie – die es auch schon als Anime-Serie im Fernsehen gibt – ein Gratis-Heft. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein strebsamer Jugendlicher, der unbedingt ein Vollzeitstipendium erhalten möchte, weil er nur so seine vaterlose Familie unterstützen kann, muss zwei klugen Mädchen Nachhilfe geben. Das riecht nach sozialen und persönlichen Verwicklungen – die drei Jugendlichen rutschen in eine Mischung aus emotionalem und schulischem Stress.
Das erste Heft stellt die drei Hauptfiguren vor. Alle drei sind echte Streber; sie sind in ihren Fächern echte Experten, sie wollen immer besser werden, und sie konkurrieren mit anderen um die besten Noten. Als ich selbst noch zur Schule ging, hätte ich solche Charaktere nicht ansprechend gefunden; das scheint heute junge Leute zu interessieren. Die Geschichte geht auf jeden Fall kurzweilig los, und es ist schon klar, in welche Richtungen es weitergehen kann.
Erzählt ist das ganze flott und auch gut; wenn man halt auf Streber und ihre strebsamen Ziele steht, versteht sich … Taishi Tsutsui weiß, wie man eine Schülerkomödie erzählt, und ich bin sicher, dass solche Geschichten bei manchen Jugendlichen gut ankommen.
Künstlerisch reißt es mich nicht vom Hocker. Es sind die üblichen Manga-Zeichnungen mit weit aufgerissenen Augen und Mündern. Wer das mag, wird hier seine Freude haben. Ich komme damit, wie eingangs erwähnt, nicht sonderlich klar.
Aber hier bin ich ja auch eindeutig nicht die Zielgruppe …
21 Januar 2022
Als der Geschäftsführer sprach
Bis der Geschäftsführer, der am Tischende saß und zeitweise den Eindruck machte, er sei eingeschlafen, auf einmal zusammenzuckte. Er räusperte sich lautstark, und die aufgeregte Diskussion verstummte. Alle sahen ihn an.
Langsam stand er auf. »Meine Damen, meine Herren!«, sagte er betont. Es war jedem in der Runde klar, dass etwas Wichtiges kommen würde. Er sah alle der Reihe nach an.
»Ich habe mir in den vergangenen Wochen einige Buchhandlungen angesehen«, sagte er. Das hatten alle mitbekommen. Er war mit einem Block und einem Stift in verschiedenen Buchhandlungen gewesen und hatte sich Notizen über die Platzierungen von Büchern gemacht. »Dabei ist mir etwas aufgefallen, das bei uns fehlt und das wir unbedingt in unsere strategischen Überlegungen einbeziehen müssen.«
Alle lauschten gespannt: Vertrieb und Marketing, Lektorat und Werbung. Was würde nun als neues Konzept kommen? Welche geniale Idee würde die Geschäftsführung präsentieren?
Der Geschäftsführer beugte sich nach vorne, stützte beide Fäuste auf den Konferenztisch. »Wir müssen«, sagte er dann, und er betonte jede Silbe besonders stark, »wir müssen einfach mehr Bestseller machen.«
Nach dieser beeindruckenden Idee herrschte einfach Stille. Und mehr gibt es zu dieser Szene auch nicht zu erzählen …
Was wirklich wurde ...
So ging es der Ausgabe 10 der »turi2 edition«, die den schönen Titel »Agenda 2020« und den noch schöneren Untertitel »Was wirklich wichtig wird« trägt. Lese ich das rund 200 Seiten starke Buch im A4-Format mit dem Abstand von fast zwei Jahren, kommt es mir vor wie eine Zeitreise in ein anderes Universum.
Das Buch liefert – wie bei der Reihe üblich – einen fachkundigen Blick auf die Medienbranche. Verschiedene Menschen werden vorgestellt, es gibt Interviews und Reportagen. In allen Texten geht es im Wesentlichen um einen Blick auf das Jahr 2020: Welche Trends gibt es, welche Erwartungen hegt man, wie positionieren sich Verlage und Journalisten, Werbeleute und Marketing-Experten?
Natürlich hatte bei dieser Produktion niemand Corona im Blick; damit konnte man nicht rechnen. Und so liest sich das Buch heute ein wenig verwirrend – wie aus einer parallelen Welt. Bei der Lektüre fand ich das sogar aus genau diesen Gründen besonders spannend ...
20 Januar 2022
Croox und die NdW von 1981
Dabei ist die Platte »Geld her« aus dem Jahr 1981 durchaus interessant. Es war die zweite Langspielplatte der Band aus Düsseldorf, und sie war extrem typisch für eine Zeit, in der sich Punk und Neue Deutsche Welle längst getrennt hatten, in der aber die NdW noch nicht das Millionengeschäft geworden war wie ein Jahr oder zwei Jahre später.
Musikalisch sind die neun Stücke echt abwechslungsreich; man spürt buchstäblich die Freude am stilistischen Experiment. Die Synthie-Töne quieken und pfeifen, das Schlagzeug klingt stets überzogen und hektisch, auch die Gitarre wirkt eher stressig. Das ist keine glattgebügelte Musik, das ist sperrig und flutscht nicht gleich ins Ohr; Stücke wie »Frisch Fleisch« sind aber durchaus tanzbar.
Bei den Texten geht es um Party, um die neue Elektronikzeit, auch mal um Liebe und vor allem immer wieder um »Moderne Krankheiten« oder »Die schnelle Mark«. Die Band und ihre Texte sind nicht politisch, aber es ist den Stücken anzuhören, dass die Musiker wussten, in welcher Welt sie lebten.
Es gibt Gründe, warum Croox auf den vielen »NdW«-Zusammenstellungen nie zu hören sind; dafür ist und war die Band nicht glatt genug. Aber die »Geld her« ist eine sehr typische Platte für das Jahr 1981, die sich auch mehr als dreißig Jahre danach noch gut anhören lässt.
Nations On Fire doppelten sich
Aus der Serie »Konzertberichte von früher, wenn wir wegen Corona eh nicht pogen dürfen«
Ausgerechnet unter der Woche veranstalteten die Aktiven im Jugendzentrum »Murgtäler Hof« ein Hardcore-Konzert. »Zu meiner Zeit wurden solche Konzerte brav am Wochenende veranstaltet«, maulte ich, während ich mit meinem Auto das Murgtal hochfuhr. Gerade noch rechtzeitig verkniff ich mir ein »früher war alles besser«.
Es war der 3. März 1993, also noch im Winter, aber die Straßen waren einigermaßen frei. Rechts und links der Straße türmte sich der Schnee, ab und zu lag Eis, vor allem in den höheren Lagen, aber ich kam gut durch.
Ich wohnte seit gut über einem halben Jahr nicht mehr in Freudenstadt, weil ich in Rastatt einen neuen Job angetreten hatte, war mit meinen alten Freunden aber immer noch verbunden. Sie hatten mich bereits in dem Dorf besucht, in dem ich derzeit wohnte, und nun wollte ich mal wieder in »meinem« alten Jugendzentrum vorbeischauen.
Ich parkte mein Auto beim Bahnhof, spazierte über die Straße, entrichtete meinen Eintritt und stellte mich an die Theke, wo ich ein Bier bestellte. In der nächsten Dreiviertelstunde war ich damit beschäftigt, mich mit Bekannten zu unterhalten und mich umzusehen.
Man hatte die Bühne an diesem Abend so aufgebaut, dass der Raum kleiner wirkte; den Trick hatte ich früher auch gelegentlich angewandt. Wenn man wusste, dass 200 oder 300 Leute kamen, musste man alles an den Rand schieben. Rechnete man mit deutlich unter 100 Besuchern, stellte man alles anders hin – die beweglichen Bühnenelemente erlaubten ein schnelles Umbauen.
Das Wetter hatte viele Leute davon abgehalten, aus anderen Städten in die kleine Schwarzwald-Metropole zu kommen. Einige Dutzend Leute hatten sich eingefunden, die meisten stammten aus der Stadt und den umliegenden Dörfern. Die üblichen Szeneleute aus anderen Landkreisen waren in der Minderheit.
An diesem Abend sollten Nations On Fire spielen. Ich hatte die Band aus Belgien schon einige Male erlebt, und ich mochte den rasanten Hardcore-Punk, den sie auf der Bühne bot. David, den Sänger, hatte ich auch schon bei anderen Gelegenheiten getroffen, unter anderem bei Demonstrationen.
Der Sänger traf kurz nach mir in Freudenstadt an; die Band kam später. Irgendwie gab es derzeit Umbesetzungen; als Schlagzeuger war Andi dabei, den ich aus Nagold kannte und der früher bei den Skeezicks gespielt hatte. Die Band wurde von Willee kutschiert: Er stammte ebenfalls aus Nagold und hatte in unserem Jugendzentrum als Zivildienstleistender gearbeitet. Wir begrüßten uns, verzichteten auf viel Blabla und ließen die Band zeitig auf die Bühne.
Ohne viel Gerede legten die Belgier los. Sie knallten ein Stück nach dem anderen ins Publikum, das sich auch nach kurzem Nachdenken zu bewegen begann. Zuerst fingen die Besucher von auswärts mit Slamdance und Pogo an, während die Freudenstädter am Rand standen und der Band interessiert zuschauten. Klar, man kannte die Belgier noch nicht und wollte sie erst einmal auf sich wirken lassen.
»Und jetzt der Freudenstadt-Effekt«, sagte ich zu Willee, als die Band ihren Hit »Dedication« schmetterte.
Die ersten Jugendlichen aus der Stadt stürzten sich ins Getümmel, nicht unbedingt mit szenetypischen Bewegungen, aber halt so, wie es ihnen gefiel. Innerhalb kurzer Zeit bildete sich vor der Bühne ein hübsches Getümmel, in dem gelegentlich geschubst wurde, aber kein derber Pogo entstand.
Nach nicht einmal einer Stunde war das Konzert vorüber. Die Band hatte mit voller Energie gespielt und wirkte schon ein wenig erledigt. Aber das Publikum johlte und klatschte und war so begeistert, dass die Band eine Zugabe nachschob und dann noch eine und noch eine.
»Die spielen das ganze Konzert noch einmal«, sagte Willee staunend zu mir.
Tatsächlich wurden im Prinzip alle Stücke ein zweites Mal gespielt, nur in einer anderen Reihenfolge. Die Band machte Witze, sie wirkte locker und nicht so politisch angespannt wie bei anderen Gelegenheiten. Der bratzige Hardcore-Sound wirkte an diesem Abend ohnehin punkiger und bereitete einen größeren Pogo-Spaß.
Mir gefielen Nations On Fire an diesem Abend absolut gut, dem Publikum auch. Die Leute tanzten und hüpften, sie johlten und applaudierten, und sie bewiesen, dass auch ein kleines Publikum eine bombastische Stimmung erschaffen konnte.
Ich sah die Band auf dieser Tour dreimal, und das Konzert in Freudenstadt war das beste: energiegeladen und fröhlich, eine richtig gute Party.
Als ich hinterher auf die Straße trat, verschwitzt und bester Laune, war der Himmel schwarz. Schneeberge lagen überall, und es würde noch sehr kalt werden. Es wurde Zeit, dass ich wieder das Tal hinunterfuhr …