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03 August 2026

Wunderbares Aquarium

Ich habe mir anscheinend ein kindliches Gemüt bewahrt: Nach wie vor staune ich gern. Ich bin völlig baff, wenn ich beispielsweise die Wunder sehen kann, die die Natur bietet. Das kann auf der Erde sein, im Meer oder in der Ferne des Alls.

Und so war es sicher einer der Höhepunkte des ansonsten faulen und sehr gemütlichen Urlaubs, den ich über die Pfingstferien auf der Urlaubsinsel Gran Canaria verbrachte: Ich besuchte das »Poema del Mar«, angeblich eines der größten Meeresaquarien weltwelt. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen; darum geht es aber auch nicht.

Auf Gran Canaria bietet es sich auf jeden Fall an, dieses Aquarium zu besuchen. Es gibt viele »kleine Dinge«, die man sich anschauen kann, und ich machte weidlich davon Gebrauch. Wenn ich beispielsweise einem Chamäleon zuschauen kann, das sich keine zwanzig Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt durch das Geäst eines Baums bewegt, staune ich eben wie ein kleines Kind.

Phantastisch waren die Anblicke in dem riesigen Aquarium, das das Zentrum der Anlage bildet. Dort schwimmen Haie und Mantas, aber auch eine Schildkröte, dazu kommen zahlreiche Fische. Eine Art Gang aus Glas führt das Aquarium, vor allem aber gibt es eine Frontscheibe, vor der man sitzen und staunen kann. Natürlich haben manche Leute da lieber ihr Smartphone in der Hand und schauen sich dort irgendwelche Dinge an – aber das muss jeder selbst wissen.

Wobei ich mich ebenso für Quallen begeistern kann, für Seepferdchen und Seedrachen, für allerlei Eidechsen und anderes Getier, das in verschiedenen Habitaten präsentiert wird. Ich war mehrere Stunden in diesem »Poema del Mar«, und ich weiß nicht, wie viele Besuchergruppen an mir vorbeiströmten.

Schnell, schnell musste ein Foto vom Chamäleon gemacht werden, dann ging es weiter.  Klar, manche Leute haben Zeitdruck. Aber hatte ich ja nicht, und so genoss ich die Zeit. 

Ich habe eben ein kindliches Gemüt und staune gern.

30 Juli 2026

Bei der grünen Schildkröte

Warum ich in San Francisco ausgerechnet in das »Green Tortoise Guest House« ging, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich hatte Lust, im italienischen Viertel zu übernachten, das sich auf den Hügeln der Stadt erstreckte; ich erinnere mich daran, dass ich die Landkarte studiert und anhand des Stadtplans die Gegend ausgesucht hatte, in der ich nächtigen wollte. Von dort aus kam ich schnell zu den Fähren, in die eigentliche Innenstadt und vor allem auch zum einen oder anderen Laden, den ich aufsuchen wollte.

Das Hostel war sauber, die Leute waren freundlich. Ich hatte in diesem Spätjahr 2005 keine Lust mehr, mit zu vielen Leuten in einem Zimmer zu liegen; die Aufenthalte in Hollywood und Santa Barbara hatten mir gereicht. Also mietete ich mir ein kleines Zimmer, das ich allein bewohnte, womit ich sehr zufrieden war. So teuer war das auch nicht, und das Abenteuer der Gemeinschaftsdusche hatte ich trotzdem.

Das Publikum in dem Hostel war sehr international und gemischt. Ich war weder der einzige Deutsche noch war ich der einzige Mensch, der schon älter als vierzig Jahre war. Am Tisch saß oft ein Mann mit grauem Bart und langen grauen Haaren, der dünn und ein bisschen kränklich aussah, alle aus seiner großen Brille musterte und mit einem südeuropäisch klingenden Akzent sprach.

Das »Green Tortoise« gibt es immer noch, wie eine Internet-Recherche ergeben hat; es hat auch nicht seinen Standort gewechselt. Der große Gemeinschaftsrum im Erdgeschoss sieht auch noch so ähnlich aus wie 2005; bei den Zimmern wurde aber augenscheinlich kräftig renoviert. Das wirkt immer noch gastlich und freundlich – sicher nach wie vor eine gute Adresse in San Francisco …

27 Juli 2026

Der orgelnde Krishna

Die Typen wurden einfach nicht müde. Wann immer ich in der Innenstadt von Miami zur zentralen Metrorail-Station kam, sah ich zwei junge Männer in der typischen Kleidung der Hare-Krishna-Anhänger: kahlrasierter Kopf, orangefarbene Kutte, barfuß.

Sie betrieben Arbeitsteilung: Einer der beiden saß auf einem Klappstuhl hinter einer elektrischen Orgel, die mit zwei blechern klingenden Lautsprechern verbunden war. Und der andere sang, tanzte und hüpfte, und das mit einer Ausdauer, die mich verblüffte.

Wenn ich in diesem Januar 1995 die Station am Government Center verließ, weil ich mir die Innenstadt von Miami anschauen wollte, sah ich die zwei Krishna-Fans. Wenn ich in der Telefonzelle stand und in meiner Unterkunft anrief, tanzte der Typ vor mir herum. Wenn ich an einem Imbiss in der Nähe etwas aß, hörte ich die quäkende Orgel und den eintönigen Gesang.

Der Typ tanzte im Kreis, er hüpfte auf und ab und hin und her. Es war eine wahre Pracht. Er hörte nicht auf, er zeigte keine Ermüdung. Es war ein einziges Auf und Ab und Hin und Her. Wenn die Sonne vom Himmel knallte, tanzte er. Ging ein frischer Wind, bewegte er sich zum Rhythmus der quäkenden Orgel.

Ich war beeindruckt. Das war Fanatismus oder Glaubensstärke oder beides zusammen.

Eine Sekunde lang überlegte ich mir, die beiden Typen anzusprechen, vor allem den Tänzer. Ob sie eine Spende wollten, vielleicht etwas zu trinken? Doch ich wagte nie, das Wort an sie zu richten. Ich hatte kein Interesse an einer Diskussion über Krishna oder irgendwelchen Bekehrungsversuchen.

Und so ließ ich die beiden Männer in Ruhe. Sie blieben in meinem Gedächtnis, auch viele Jahre, nachdem ich Miami längst verlassen hatte.

Zwei Krishnas auf dem Weg zu ihrer eigenen Vollendung.

15 Juli 2026

Popkultur und Autokraten

Der Autor Georg Seeßlen ist mir nicht persönlich bekannt, seine Texte lese ich aber seit vielen Jahren gern. Sie erscheinen in Zeitschriften und Zeitungen, und sie behandeln meist Themen, die im weitesten Sinne popkulturell sind. Mit seinem Buch »Trump & Co.« stellt er den amerikanischen Präsidenten und sein Umfeld in das Umfeld der Popkultur und macht klar, aus welchen Quellen sich die modernen Autokraten speisen.

In seinem aktuellen Buch stellt er natürlich auch die Absichten von Donald Trump und anderen Autokraten vor. Er zeigt, wie sie sich entwickelt haben und wo ihre Grundlagen sind. Sie sind für ihn Volkstribune, die dazu angetreten sind, angeblich für »das Volk« zu sprechen und dessen Willen umzusetzen. Seeßlen erläutert zudem, wie sehr ihr Aufstieg und ihr Auftreten verbunden sind mit Filmen und den wichtigen Figuren bekannter Kinofilme.

Als Beispiel zitiere ich Seeßlen: »Wie Jesse James oder Al Capone ist auch Trump nicht vorstellbar ohne eine Gang, die aus loyalen Mitkämpfern, Fußtruppen und Dolls besteht.« Trump und andere Autokraten inszenieren sich, sie reihen sich ein zwischen Outlaws, die gleichzeitig für »ihre Leute« streiten. Das machen sie seit Jahren so gut, dass ihre Propaganda bei Millionen von Menschen verfängt.

An manchen Stellen finde ich den Autor und seine Argumentation sehr verkopft; da braucht man das bildungsbürgerliche Vokabular von Leuten, die über ein abgeschlossenes Studium verfügen. An vielen Stellen finde ich seine Argumentation überzeugend. Ich mochte bei der Lektüre vor allem die Hinweise auf die Popkultur, ebenso die Parallelen zu anderen Autokraten etwa in Argentinien.

Wer nach einer Trump-Biografie sucht, ist hier ebenfalls falsch wie jemand, der die rein sachlichen Hintergründe der Trump-Politik erläutert haben möchte. Das Sachbuch erweitert aber bisherige Kenntnisse um originelle Sichtweisen – das fand ich unterhaltsam und erhellend zugleich.

04 Dezember 2024

Keine leichte, aber wichtige Literatur

Toni Morrison war zeit ihres Lebens eine bedeutende Autorin der amerikanischen Literatur. Sie wurde 1993 als erste Schwarze Frau mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, viele ihrer Romane bekamen darüber hinaus nationale und internationale Preise. Ihr erster Roman war »Sehr blaue Augen«; er liegt seit 2023 als Neuveröffentlichung im Hardcover-Format vor, und ich habe ihn gelesen.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen (das kann man ja alles ausführlich in der Wikipedia nachlesen): Die Geschichte spielt in den sogenannten Südstaaten der USA, und sie zeigt das Leben von armen Schwarzen. Zentrale Figur ist ein Mädchen, das als besonders hässlich gilt, von allen nur herumgeschubst wird und als größten Lebenswunsch eigentlich nur hat, auch so blaue Augen zu haben wie die beliebten weißen Mädchen in der Schule.

Toni Morrisons Blick in die Lebenssituation von bettelarmen Schwarzen Familien ist erschütternd und nicht immer leicht zu lesen. Die Menschen, die sie schildert, sind keine fröhlichen Leute, die mit Humor ihrem Schicksal trotzen. Sie sind nicht gerade positive Charaktere, sondern sie kämpfen mit sich und ihren Familien. Alkohol und Gewalt, Sex und Verelendung sind die Norm, und das schildert die Autorin sehr scharf und sehr klar.

In unterschiedlichen Abschnitten zeigt sie das Leben ihrer Figuren, das Ende fällt leider nicht besonders positiv auf. Aber damit ist bei einem solchen Roman ja auch nicht zu rechnen.

»Sehr blauen Augen« ist ein wichtiges Buch, das mir schon zu denken gegeben hat. Die Lektüre halte ich für wichtig, und es ist sehr gut, dass der Roman in dieser Form neu aufgelegt worden ist.

Sehr empfehlenswert!

15 Oktober 2024

Von San Francisco nach Chicago

Eine Geschichte, die auf historischen Grundlagen beruht und gleichzeitig ein großes Abenteuer erzählt: Ich las den Comic-Band »Das Mädchen und der Postreiter«, der zu den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts führt und mir gut gefallen hat. Er enthält – soviel sei verraten – Aspekte eines Western-Comics, ohne allerdings einer zu sein.

Die Geschichte spielt im Jahr 1906. Im schrecklichen Erdbeben von San Francisco verliert ein Mädchen seine Mutter. Ihr Stiefvater weiß nichts mit dem Kind anzufangen und beschließt, es als »Postpaket« zu verschicken.

Ein Postreiter soll das »Paket« befördern, hat darauf aber keine Lust, entwickelt aber trotzdem ein Gefühl von Verantwortung. Sein Ziel ist dann, das Mädchen quer durch die USA bis nach Chicago zu bringen ...

Glaubt man dem Nachwort, ist die Geschichte zwar erfunden, beruht aber auf Tatsachen. Und so zeigen die Macher dieses Comics eine unglaubliche Reise und den Beginn einer komplizierten Freundschaft. Der Postreiter ist ein Ureinwohner, also jemand, der in den USA sowieso diskriminiert und ausgegrenzt wird. Reist so ein Mann mit einem weißen Mädchen, sind Konflikte unausweichlich.

Auf Basis der historischen Geschichte entwickelt Bertrand Galic ein Abenteuer, das man so noch nie gelesen hat. Der Autor bringt gesellschaftliche Konflikte auf den Punkt und verbindet sie mit einer packenden Handlung, der man als Leser gern folgt. Am Ende wird einem allerdings klar, dass man offenbar den Anfang gelesen hat – eine Fortsetzung zu dieser Geschichte muss also kommen: Wie geht es für die unpassenden Freunde in Chicago weiter?

Roger Vidals Bilder sind nicht spektakulär, aber gut: ein klassisch anmutender Stil mit »realistischen« Darstellungen. Wer frankobelgische Abenteuer-Comics mag, ist hier richtig. Die Landschaften des Westens, die wachsenden Städte, die Gesichter der Menschen: Der Künstler bekommt das alles lebensecht und naturnah hin.

Schöner Comic, spannende Graphic Novel!

11 September 2024

Mrs. Maisel war klasse

Ich brauchte einige Zeit, bis ich die Serie »The Marvellous Mrs. Maisel« entdeckte und für gut befand. Sie läuft bei Amazon Prime, sie brachte es auf mehrere Staffeln, und ich bekam sie anfangs nur am Rande mit. Dabei wusste ich gar nicht viel über sie.

Bis ich die erste Folge anschaute und aus dem Staunen nicht mehr herauskam ... Hauptfigur ist eine jüdische Hausfrau im New York der fünfziger Jahre, die ihr komödiantisches Talent entdeckt. Sie tritt auf obskuren Bühnen auf, wo sie ein Publikum unterhält, das zu einem großen Teil aus alkoholisierten Männern besteht, die Anzüglichkeiten schätzen. Doch Mrs. Maisel lässt es von der Bühne herunter ordentlich krachen und liefert Pointen, die immer wieder einen feministischen Unterton haben.

Die Serie bringt also einerseits einen Humor, der manchmal unter der Gürtellinie ist – mein Englisch ist nicht gut genug, als dass ich die Serie im Original anschauen könnte, aber ich denke, das könnte sich lohnen –, wirft aber immer wieder einen kritischen Blick auf die Zeit, in der sie spielt.

Das ist manchmal heftig: Frauen werden nicht für voll genommen und versuchen alles, um den Männern zu gefallen. Schwarze sind Menschen zweiter Klasse. Sexismen sind an der Tagesordnung. Das alles wird immer wieder thematisiert, immer unterhaltsam und nie mit einem erhobenen Zeigefinger.

Die abschließende Staffel der Serie gefiel mir nicht besonders. Sie wirkte, als wollte man einerseits noch schnell irgendwelche Experimente machen und andererseits dafür sorgen, dass die Serie schnell abgewürgt wird. Es gab trotzdem noch genug zu schmunzeln, wenngleich der wilde Charme vor allem der ersten Staffel nicht mehr getroffen wurde.

Wer eine Chance hat, »The Marvellous Mrs. Maisel« – ob im Streaming oder auf DVD –, sollte sie sich nicht entgehen lassen! Das lohnt sich.

18 Oktober 2023

Fieser und glaubhafter Polit-Thriller

Zu Beginn der 90er-Jahre verändert sich die politische Landkarte in den Vereinigten Staaten: Bill Clinton und die Demokratische Partei kommen an die Macht; viele Hinterlassenschaften der Republikaner stehen auf dem Prüfstand. Vor diesem Hintergrund, der nur am Rand erwähnt wird, spielt der Roman »Die im Dunkeln« von Ross Thomas. Der amerikanische Autor veröffentlichte seinen Thriller bereits 1994; ich las ihn in der gelungenen Neuausgabe im Alexander-Verlag, die seit 2005 im Handel ist.

Die Hauptfigur des Romans – der Begriff »Held« wäre hier unpassend – ist Edd Partain, ein ehemaliger Vietnam-Veteran, der in den 80er-Jahren an allerlei schmutzigen Geschäften in El Salvador beteiligt war und zur aktuellen Handlungszeit pleite ist. Er erhält einen Auftrag, nimmt an, hilft dann einer Frau, die vor allem im Spenden-Geschäft aktiv ist; sie kümmert sich also darum, dass die Demokraten an Parteispenden kommen, womit sie sich nicht nur Freunde macht.

Während Partain noch meint, er sei vielleicht eine Art Leibwächter, geschehen die ersten Morde. Und schnell wird klar, dass die Ereignisse in El Salvado und die Vergangenheit mancher Ex-Soldaten bis in die frühen 90er-Jahre hineinwirken ...

Übersetzt wurde der Roman von Gisbert Haefs, der auch ein Nachwort dazu schrieb. Der Autor und Übersetzer weist darin auf einige Besonderheiten des Romans hin; in einer separaten Übersicht erklärt er zudem einige Anspielungen, die heutigen Lesern nicht sofort geläufig sein dürften. Alles in allem ordnet er »Die im Dunkeln« somit sehr gut ins Zeitgeschehen ein und macht die Lektüre so im Nachhinein noch interessanter.

Dabei kann der Roman gut für sich allein stehen. Klar, es geht um die frühen 90er-Jahre, und eine Begrifflichkeit wie »Little Rock«, die ständig und ohne Erklärung erwähnt wird, ist heute nicht mehr geläufig (die Clintons kamen von dort). Aber darüber kann man flott hinweglesen. Ross Thomas zeigt die persönlichen Verwicklungen von Menschen, die mit den kriminellen Machenschaften von Politikern in einen zu engen Kontakt geraten. Das bezahlen sie teilweise sehr schnell mit dem Leben.

Der Autor führt viele Figuren durch seinen Roman; am Anfang hätte ich mir da ein Personenverzeichnis geführt. Aber man kommt gut rein, man kann sich mit den Figuren vertraut machen, und nach einiger Zeit hat man sie gut vor Augen. Knappe Beschreibungen, lakonische Dialoge, ein wenig Sex und Gewalt – eine unterm Strich rasante Handlung, die sich immer mal wieder steigert und am Ende knallig ausläuft.

Cool. Ich freue mich schon darauf, den nächsten Roman von Ross Thomas zu lesen!

02 August 2023

Packender Roman nach zähem Einstieg

Ein Roman über Paranoia und Genialität. Ein Roman, der in den Zeiten springt und der einen unzuverlässigen Helden ins Zentrum stellt. Ein Roman, bei dem man eine Weile braucht, um hineinzukommen, der einen dann aber nicht mehr loslässt. Ein Roman, der eigentlich auch für Science-Fiction-Fans interessant sein dürfte, weil es um Wissenschaft und Forschung geht, um seltsame Leute und phantastische Visionen.

Die Rede ist von »Der Passagier«, der im Oktober 2022 veröffentlicht wurde. Autor war Cormac McCarthy, der vor einigen Monaten erst gestorben ist. Man kennt ihn durch »Die Straße«, der in einer nicht zu weit entfernten Zukunft spielt. Und »Der Passagier« ist ein Werk, das mit »Stella Maris« eine Einheit bildet – beide Romane kann man getrennt voneinander lesen, aber sie hängen zusammen, weil in ihnen teilweise die gleichen Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln geschildert werden.

Der Roman spielt 1980, die Hauptperson auf der wesentlichen Handlungsebene ist ein junger Mann. Er arbeitet als Bergungstaucher, ist in Wirklichkeit aber ein ziemliches Genie und wird in eine Kette absonderlicher Vorgänge verwickelt. Während er sich mit allerlei Taugenichtsen und Arbeitern unterhält – die Dialoge sind ausschweifend und stecken zeitweise voller Vulgaritäten –, erfährt man etwas über seine Vergangenheit und seine Familie. Unter anderem scheint seine Schwester seine große Liebe gewesen zu sein, und sie nahm ein tragisches Ende.

Die Schwester ist zugleich das Thema der parallelen Handlung. (Und wer mag, kann den Roman »Stella Maris« als den dritten Aspekt des ganzen Geschehens betrachten, in dem es nur um die Schwester und ihren Blick auf die Welt geht.) Erzählt wird, wie sie in der Klinik, in die sie sich selbst hat einliefern lassen, Besuch von phantastischen Wesen bekommt. Sie diskutiert mit diesen, sie nimmt sie komplett ernst, obwohl ihr klar ist, dass es alles nur Fiktionen ihres eigenen Kopfes sind.

Der Roman ist intensiv und spannend. Am Anfang brauchte ich ein bisschen Anlauf, bis ich es schaffte, in die Geschichte zu kommen – was machen die Figuren da eigentlich? –, dann aber packte es mich immer mehr. »Der Passagier« liest sich teilweise wie ein Thriller, dann wieder wie ein Aussteigerroman; alles in allem ist er eine fesselnde Lektüre, die man nicht so schnell vergisst. Das fand ich stark!

(Erschienen ist der Roman bei Rowohlt. Ich habe die Hardcover-Version gelesen, es gibt aber auch ein E-Book. Und ein Taschenbuch kommt sicher auch bald heraus.)

06 Juli 2023

None Left Standing mal wieder

Es gibt Bands in der Punkrock- und Hardcore-Szene, die eine gewisse Zeit lang sogar »berühmt« sind, bevor man sie völlig vergisst. So eine Band war None Left Standing, von der ich eine Langspielplatte und eine EP besitze. Die EP kaufte ich mir für einen halben Dollar aus einer Ramschkiste bei Amoeba Records in San Francisco.

Woher die Band kam, weiß ich gar nicht mehr; irgendwo aus Wisconsin wahrscheinlich, weil die vier Musiker in Madison ihre Platten aufnahmen und veröffentlichten. In der ersten Hälfte der 90er Jahre zählten None Left Standing zu den einflussreichen Emocore-Bands, die hierzulande tourten und deutsche Bands dazu brachten, ebenfalls Emocore zu spielen.

Ihre EP »Laura«, die im Sommer 1994 aufgenommen wurde, passt da gut ins Bild. Im Titelstück geht es um ein Mädchen, das bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, und um den Schmerz der Überlebenden. Die Texte werden mal geschrien, mal gesungen; ein trauriges Ereignis wird »emotional« in krachende Musik umgesetzt. Mehr Emo geht echt nicht.

Der Sound ist meist schleppend, es sind wirklich keine Hitqualitäten zu hören. Wenn ich mir das heute anhöre, kann ich mir trotzdem nachvollziehar machen, warum das früher so gut ankam: Die Stücke sind intensiv, sie gehen durchaus ins Ohr, man wippt irgendwann mit.

Aber die Zeit ist – zumindest für mich – trotzdem über diese Art von Hardcore-Musik drübergegangen.

11 Januar 2023

Lange Fahrten durch Los Angeles

Eigentlich ist Spenser ein klassischer Detektiv, der sich in Boston immer wieder für irgendwelche Fälle anwerben lässt. Dann aber bittet ihn eine Hollywood-Journalistin um Hilfe, und er reist nach Los Angeles. An der Seite einer attraktiven jungen Frau namens Candy Sloan beginnt er damit, einer Affäre mit viel Schmiergeld auf die Schliche zu kommen …

So in etwa lässt sich die Handlung von »Candy Sloan und die Dunkelmänner« zusammenfassen, einem Kriminalroman von Robert B. Parker, den ich dieser Tage las. Man muss fairerweise sagen, dass es ein Roman ist, der unter Krimi- und Ermittler-Aspekten nicht sonderlich überzeugt.

Spenser und sein Schützling fahren kreuz und quer durch Los Angeles, sie sehen die schicken Häuser und Straßen von Beverly Hills und essen mal hier, mal da, sie unterhalten sich mit Polizisten und Produzenten. Irgendwann gibt es eine Schießerei, und am Ende sind einige Leute tot. Das klingt ein wenig lahm, wird aber dank Parkers Schreibe trotzdem zu einem spannenden Roman.

Das liegt sicher an den Dialogen. Der Detektiv und die Journalistin hauen sich Sprüche um die Ohren; manchmal wird gewitzelt, dann wieder wird es philosophisch. Immer wieder geht es um das Verhältnis von Männern und Frauen: Im System Hollywood hat eine Frau nach wie vor nur dann etwas zu melden, wenn sie – so sagt es Candy Sloan – mit dem Hintern wackelt.

Veröffentlicht wurde der Roman bereits 1981 unter dem Titel »A Savage Place«. Wenn man diese Jahreszahl vor Augen hat, wird vieles an diesem Werk klarer: Der Autor kommentiert auf diese Weise nicht nur seinen Blick auf das »System Hollywood«, sondern stellt ebenso klar, dass er sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ausspricht – aus seiner konservativen Sicht heraus und vermittelt über einen Helden, der eigentlich ein »Macho« ist.

Sicher ist »Candy Sloan und die Dunkelmänner« unter heutigen Gesichtspunkten kein aktueller Roman mehr, vieles wirkt antiquiert. Der Krimi erzählt eine spannende Geschichte, er lässt sich gut lesen, und er zeigt Spenser mal wieder in einer hervorragenden Rolle. Schon cool!

15 Juni 2022

Ein literarisches Meisterwerk

Es gibt Romane, von denen weiß man, dass sie gut sind und dass man sie lesen sollte – und doch schafft man es nicht, sie sich zur Brust zu nehmen. So war’s bei mir mit »Underground Railroad«, dem schon berühmten Roman von Colson Whitehead, 2016 in den USA veröffentlicht, 2017 in deutscher Übersetzung nachgeliefert. (Ich weiß, es gibt eine Fernsehserie auf Basis des Buches; um die geht es mir aber nicht.)

Der Autor erzählt von Cora, einer Sklavin, die auf einer Plantage in den Südstaaten lebt. Sie hat sich eigentlich in ihrem Dasein als rechtlose Person eingerichtet; dann aber beginnt sie mit einer Flucht, die sie quer durch die Südstaaten und an verschiedene höchst dramatische Stellen bringt. Dabei wird sie Zeugin der unterschiedlichen Verhältnisse, in denen die Sklaven sogar in ihrer Freiheit leben müssen.

Whiteheads Roman zeigt am Anfang vor allem die Brutalität der Lebensverhältnisse: Die Sklaven sind rechtlos, sie werden misshandelt und müssen extrem hart arbeiten. Wenn sie zu fliehen versuchen, werden sie ausgepeitscht oder öffentlich auf grausame Weise umgebracht. Als die Sklavin Cora mit ihrer Flucht beginnt, vertraut sie sich der sogenannten Underground Railroad an.

Die gab es auch in der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts. Damit waren die Wege gemeint, auf denen Sklaven aus dem Süden in den Norden geschleust wurden. Bei Whitehead werden daraus wirkliche Eisenbahnlinien, die unterirdisch verlaufen. Der Autor macht also aus seinem großen historischen Thema einen phantastischen Roman.

Das alles ist toll erzählt. Der Roman ist spannend und mitreißend; man leidet mit der Hauptfigur in jeder ihrer Phasen intensiv mit. Aber es ist wegen der teilweise brutalen Szenen halt auch ein Roman, für den man Triggerwarnungen bräuchte. Ich fand ihn großartig und empfehle ihn jederzeit – aber er ist streckenweise nichts für »sanfte Gemüter«.

03 April 2022

Verblüffend stiller Film

Ohne große Erwartungen begann ich damit, den Spielfilm »Pig« anzusehen, den es derzeit bei Streamingportalen zu gucken gibt. Mit Nicolas Cage hat der Film, der 2021 veröffentlicht wurde, schließlich einen Hauptdarsteller, dessen Werk – um es vorsichtig zu sagen – nicht über einen Kamm zu scheren ist. Doch ich wurde positiv überrascht, und so würde ich das eher stille Werk, das vor allem um seine Hauptperson kreist, gern weiterempfehlen.

Es geht um einen Mann, der mit einem Schwein im Wald lebt.. Das Schwein ist in der Lage, Trüffeln aufzustöbern, und mit diesen Trüffeln verdient der wortkarge Mann sein Geld. Das wird in sehr schönen Einstellungen gezeigt. Dann tauchen irgendwelche Leute auf, entführen das Schwein, und der Mann fährt in die große Stadt, um sein Tier zurückzuholen. Dort fällt der Typ in seinen zerschlissenen und dreckigen Klamotten und mit dem zerschlagenen Gesicht natürlich auf – aber es gibt immer wieder Leute, die sich an ihn erinnern …

Nicolas Cage spielt den Einsiedler sehr wortkarg und sehr zurückhaltend. Ab und zu bricht es aus ihm heraus, die meiste Zeit aber verhält sich der Einsiedler sehr zurückhaltend. Die Begegnungen mit der Glitzerwelt der großen Stadt und die Dialoge passen zum ruhigen Geschehen, der melancholische Abschluss ebenfalls.

»Pig« ist ein Film, den man nicht immer angucken kann. Er passt nicht zum übrigen Werk des Hauptdarstellers, kommt mir eher vor wie ein Arthouse-Film, der mit geringem Budget zusammengedreht worden ist. Kein Spannungskracher, echt nicht, aber auch alles andere als langweilig. Wer die Chance dazu hat, sollte ihn sich ansehen.

31 März 2022

Die Stockyard Stoics und ihr Widerstand

Es gibt Punkrock-Bands, die machen einfach guten Sound, man kennt sie aber kaum, weil sie aus der Masse zu wenig herausstechen. Dazu zählen die Stockyard Stoics, von denen ich tatsächlich zwei »große« Tonträger besitze. Die Band, deren Sänger eine charakteristisch-rauhe Stimme hat, existierte über ein Dutzend Jahre hinweg, war aber nie so präsent, dass sie einem sofort einfallen würde. Keine Ahnung, ob es die Band noch gibt.

Ich habe dieser Tage ihre LP »Resistance« mal wieder genauer angehört. Die wurde zu Weihnachten 2000 und Ostern 2001 aufgenommen, in Arizona und New Jersey, und kam hierzulande in einer Auflage von gerade mal 500 Exemplaren heraus. Das spricht dann ja auch Bände ...

Musikalisch gibt's konventionellen Punkrock mit leichten Offbeat-Anleihen und guten Melodien; die Band klingt eher nach dem modernen Streepunk, wie er seit den 90er-Jahren aus den USA kommt, ist sauber produziert und wirkt dennoch authentisch-rotzig. In ihren Stücken bezieht die Band zu gesellschaftlichen Problemen klare Stellung, singt über die Lieder in ihren Köpfen oder schimpft auf die amerikanischen Politik – alles in allem ziemlich klasse gemacht.

Ich glaube, ich weiß, warum die Band bislang nicht so bekannt geworden ist: Auch nach dem dritten und vierten Anhören der Platte blieb kein Stück im Ohr. Das ist alles gut, das überzeugt alles, aber der große »Boah ey«-Effekt fehlt dann doch. Egal: bleibt's halt mein Geheimtipp ...

17 März 2022

Eine Punkrock-Supergroup zu Beginn der 90er-Jahre

In den 70er-Jahren formierten sich alle Nas‘ lang irgendwelche Supergroups aus bekannten Rockgitarristen. Das Rezept griffen die Punks in Kalifornien anfangs der 90er-Jahre auf: Es bildete sich im Großraum der Bay Area eine Band mit dem hübschen Namen Pinhead Gunpowder. Mit dabei waren der Fanzineschreiber Aaron Cometbus und Billie Joe Armstrong von der damals schon recht beliebten Band Green Day; auch die anderen spielten in diversen Bands, sind heute aber eher unbekannt.

Die Platte »Jump Salty« kam 1994 bei Lookout! Records heraus und enthielt allerlei Beiträge, die vorher bei anderen Labels, auf EPs und Samplern erschienen sind. Es handelt sich also nicht um ein durchgeplantes Album, sondern eine Zusammenstellung. Das hört man, aber das macht nichts.

Geboten wird auf dieser Platte ein ordentlicher Punkrock mit Melodie und Schmackes, nicht so glatt und melodisch wie Green Day beispielsweise, sondern wesentlich kratziger, aber auch nicht so hektisch wie manche Band, in der Aaron Cometbus mitmachte. Die Musiker singen abwechselnd, so dass eine schöne Mixtur entsteht.

Textlich passt das alles: Die Stücke sind zeitkritisch, lassen aber Polit-Parolen weg. Sarkastisch wird der »way of life« in der kalifornischen Stadt Benicia besungen, ein zynischer Blick auf das Arbeitsleben im Allgemeinen darf auch nicht fehlen.

Man merkt, dass die Musiker recht jung und bissig waren. Das hört man auch heute noch heraus. Die Platte ist Punk, und das kann ich mir immer noch anhören.

14 Februar 2022

Die Adolescents werden nicht so richtig erwachsen

Die Adolescents sind eine der Punk-Bands, die ich seit Jahren und Jahrzehnten gern höre. Ich habe sie bestimmt schon ein Dutzend Mal live auf der Bühne gesehen, fand sie dabei jedes Mal großartig. Und ihre Stücke aus den frühen 80er-Jahren sind Klassiker des Genres.

Wenn die alten Herren mit »Russian Spider Dump« eine neue Langspielplatte vorlegen, die sich überhaupt nicht alt oder lahm anhört, bin ich ziemlich davon angetan. 15 knackige Stücke sind auf der Platte enthalten, alle sind dynamisch und schnell; sie sind abwechslungsreich und haben allerlei Breaks zwischendrin. Und natürlich kann man zu ihnen – wenn man unbedingt möchte – auch gut hüpfen. Leider sind derzeit Pogo-Konzerte eher uncool.

Die Platte wurde nach dem Tod des langjährigen Bassisten Steve Soto aufgenommen, an den die Band auf der bedruckten Innenhülle der Langspielplatte erinnert. Es handelt sich um eine Platte mit Coverversionen, die aber alle nach den Adolescents klingen und kaum nach den Originalen.

Auf der Innenseite wird das auch kurz erklärt. Der Sänger erzählt dort kurz von den Bands, aber auch von einem Plattenladen und diversen Fanzines – das finde ich richtig gut, weil so eine Band ja nicht in einem luftleeren Raum existieren kann.

Alles in allem ist die »Russian Spider Dump« eine absolut gelungene Punkrock-Platte, der man den Charakter einer Sammlung von nachgespielten Liedern echt nicht anmerkt. Sehr schön!

03 Februar 2022

Bad Religion und der zweite Schlag

Ich sah Bad Religion zweimal live: einmal bei ihrer ersten Tour durch Deutschland, das zweite Mal bei ihrer zweiten Tour. Beide Konzerte waren großartig, das erste Konzert in der knallvollen »Beat Baracke« in Leonberg werde ich allerdings nie vergessen. Und die Platte »Suffer«, mit der die Band 1989 tourte, war großartig – treibender Rhythmus, schnelle Lieder, tolle Melodien.

Kaum ein Jahr später kam die »No Control« heraus, die ich dieser Tage mal wieder anhörte und die ich immer noch richtig klasse finde. 1989 wurde so etwas gern als »Hardcore« bezeichnet, in meinen Ohren ist das schlicht schneller und melodischer Punkrock. Aber 1989 war die Szene in Deutschland derart zerstritten, dass ich das heute kaum noch nachvollziehen kann.

Mit »No Control« setzte die Band das fort, was sie mit »Suffer« angefangen hatte. Die frühe Phase der Band, die ich ja erst nach diesen zwei Platten bewusst wahrnahm, hatte damit nicht mehr viel zu tun. Was früher schrubbiger Hardcore war, wich endgültig einer melodischen und sehr dynamischen Richtung. Die Stücke auf der »No Control« haben allesamt Tempo, sie sind in sich stimmig, und es gibt keinen einzigen Füller.

Da wird nicht herumgejammert, es gibt keine Soli und kein Metal-Gewichse; die Band konzentriert sich auf das, was sie am besten kann: gute Texte und schnelle Melodien in Stücke packen, die einen automatisch zum Wackeln und dann zum Hüpfen bringen. Alles was später in Sachen Melodie-Punk oder Melodycore kam, musste sich an diesen zwei Platten von Bad Religion messen.

13 Dezember 2021

Eine Vision für 2020

Ich mag Anti-Flag, seit ich ihre ersten Stücke gehört habe. Die amerikanische Band hat sich von ihren durchaus rumpeligen Anfängen weit entfernt, und ich finde sie immer noch gut. Das belegt die Platte »2020 Vision«, die im Jahr 2020 bereits herauskam, die ich mir aber immer wieder aufs Neue anhöre. Die elf Stücke gehen hervorragend in die Beine und ins Ohr.

Sagen wir so: Wer mit einem Zitat von Donald Trump anfängt, sagt auch gleich, in welche Richtung es geht. Die Band äußert sich auf dieser Platte wieder klar gegen Rassismus, christliche Nationalisten und eine bescheuerte Politik sowie für den Widerstand, den man als Punkrocker dagegen aufbringt. Mit dieser Art von Revolutionsmusik macht die Band natürlich ihr Geld, was immer ein wenig seltsam wirkt – aber für mich wirkt es nach wie vor authentisch.

Die Musik ist immer ein hymnischer Punkrock, der streckenweise überproduziert worden ist, aber immer dynamisch rüberkommt. Mache Stücke beginnen ruhig, mit Gitarrengeklimper und bravem Gesinge, bevor sie in schmissige Melodien wechseln. Bei anderen Stücken ist die Band schon in Richtung Hardcore unterwegs, da wird auch mal gebrüllt, während der Sound sehr aggressiv wird. Aber mehrheitlich herrschen Melodien vor, bei denen ich unweigerlich damit anfange, mich zu bewegen.

Anti-Flag machen mit »2020 Vision« auf jeden Fall ihre Art von Punkrock für ein neues Jahrzehnt. Das kann nicht jedem gefallen – und manche werden diese Musik als Kommerz-Punk betrachten –, aber ich finde die Platte stark.

30 November 2021

Am Russian Hill

Ich fand es selbst immer wieder überraschend, wie schnell ich mir ein bestimmtes Verhalten angewöhnte. Nach drei Tagen in San Francisco bewege ich mich wie selbstverständlich mit Bussen durch die Nacht und nutzte das Cable Car, wenn ich schnell von dem Viertel, in dem ich wohnte, in die eigentliche Innenstadt kommen sollte.

In der Innenstadt war ich gebummelt, einmal die Market Street hoch und wieder hinunter, und nun saß ich in einem Cable Car, das mich über den Berg in den Norden der Stadt bringen sollte. Dort hatte ich unweit der Columbus Avenue ein Zimmer in einem Hostel gemietet. Ich hielt meinen kleinen Rucksack in der Hand und betrachtete die Häuser, an denen wir vorüberfuhren.

Das Cable Car war gut gefüllt, alle Sitzplätze waren belegt, und einige Leute standen. Eine blonde Frau saß schräg vor mir und las angestrengt in einem Reiseführer; sie trug einen Poncho mit dem Aufdruck »Expo 2000 Hannover«. Typ deutsche Studienrätin, dachte ich und ärgert mich gleich wieder über mich selbst und meine Vorurteile.

Einige asiatische Touristen gaben sich Mühe, allerlei Klischees zu erfüllen: Sie fotografierten wie wild die Umgebung, an der wir vorbeifuhren. Blitzlichter flackerten über die Straße.

Auf einmal hielt das Fahrzeug an. Wir hingen an der Straße, gut zwei Drittel der Strecke waren geschafft. Wenn ich nach hinten sah, erkannte ich unter mir die Market Street und ihr geschäftiges Treiben. Irgendwo in der anderen Richtung war die Station, an der ich aussteigen musste; von dort hatte ich nur einige hundert Meter bis zu diesem Hostel. Es nieselte leicht, aber für einen Tag zu Beginn des Dezember 2005 empfand ich das Wetter als erträglich.

Der Beifahrer verankerte das Fahrzeug, mit einem hörbaren Knacken rastete etwas ein. Der Fahrer stieg aus. Er blieb auf der Straße stehen, grinste und sah die Passagiere an. »Wenn jemand von Ihnen will, kann er ja weitermachen, ich gehe jetzt heim.« Er verschwand irgendwo in der Taylor Street.

Verblüfft sah ich ihm nach. Was war denn los? Die Frau mit dem Reiseführer rief empört »Was soll das?«, um ihre Frage dann in perfektem Englisch zu wiederholen. Niemand achtete auf sie. Die anderen Touristen an Bord des Cable Cars redeten durcheinander.

Einige Leute, die ihre Zeitung lasen oder Arbeitstaschen trugen, blieben völlig gelassen; ich vermutete, dass das Einheimische waren. Also lehnte ich mich zurück und wartete ab.

Es dauerte keine zwei Minuten. Ein neuer Fahrer schwang sich elegant in das Fahrzeug, der Beifahrer entriegelte die Sperre, und das Cable Car rollte weiter. Es galt, noch einige Höhenmeter zu überwinden …

26 Juli 2021

Jello Biafra und die Tea Party

Seit den frühen 80er-Jahren zählt Jello Biafra zu den wichtigsten Punk-Sängern für mich. Ich mag nach wie vor die Dead Kennedys, ich finde seine Folgeprojekte gut, und ich halte auch die aktuelle Band mit dem sperrigen Titel Jello Biafra & The Guantanamo School of Medicine für spannend. Einmal sah ich die Band in Berlin und war davon sehr angetan.

2020 erschien die 500. (fünfhundertste) Platte auf dem Label Alternative Tentacles, das Jello Biafra vor Jahrzehnten gegründet hat. Es ist die vierte Langspielplatte der Band, sie trägt den Titel »Tea Party Revenge Porn«, und sie gefällt mir richtig gut, sowohl textlich wie auch musikalisch.

Bei den Texten überrascht es wenig, dass sie politisch und sarkastisch sind. Biafra macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber der amerikanischen Politik; er kritisiert die Umweltzerstörung und die »Pro Life«-Bewegung, er spottet über aktuelle Diskussionen und Hassbotschaften im Internet – das alles in Texten, die nicht aus Parolen bestehen, sondern in knappen Sätzen seine Aussagen vermitteln.

Das überträgt sich auf die Stimme, die nach all den Jahrzehnten immer noch überzeugend klingt. Die Band unterstützt das mit ihrem wuchtigen Sound, der nicht unbedingt klassisch-punkig ist. Klar, die Musiker können spielen, sie haben ihr Geld in anderen Bands verdient. Also verirrt sich auch mal ein kurzes Gitarren-Solo in ein Stück, während das Tempo deutlich gebremster als früher ist.

Aber es ist ein abwechslungsreiches, ein starkes Album. Ich kann gut verstehen, dass sich Biafra diese Platte auf dem eigenen Label und zu dieser Nummer quasi als Geschenk gemacht hat. Und ich kann nur hoffen, dass er weiterhin so aktiv bleibt und ich die Band vielleicht mal wieder sehen kann!