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11 September 2026

Vor 25 Jahren begann eine andere Zeit

Auf einmal stand der Kollege in meinem Büro, sein Gesicht war bleich. »Da ist einer mit dem Flugzeug ins World Trade Center geflogen«, sagte er.

Ich tat das Ganze zuerst ab. »Mit einer Cessna, oder was?«, fragte ich. »Hat er sich verflogen?«

»Nein. Mit einem Passagierflugzeug.« Ich solle im Internet nachgucken.

Wir bekamen keinen Zugriff mehr aufs Internet. Die Leitungen waren an diesem 11. September 2001 völlig überlastet. Im Radio kamen nur verwirrende Berichte. Wir wussten nicht, was los war, ahnten aber, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste.

Ich machte sehr früh Feierabend und fuhr nach Hause. Dort setzte ich mich auf die Couch und sah quasi »live« zu, wie ein Flugzeug in den zweiten Turm flog, wie alles brannte und dann die Türme zusammenstürzten.

An diesem Tag war an ein normales Gespräch nicht mehr zu denken. Alle Leute, mit denen ich redete, waren bestürzt und schockiert.

Das ist jetzt exakt 25 Jahre her. An diesem Tag begann eine andere Zeit, das ist mittlerweile sicher. Die Welt änderte sich in einem Maß, das wir uns vorher nicht hatten vorstellen können.

03 September 2026

Stille am Gambia

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«


Bei meiner Reise durch Senegal und Gambia kam ich auch in den Nationalpark Niokolo-Koba im hintersten Winkel des Landes. Der Park liegt so weit von der Atlantik-Küste entfernt, dass er schon fast an Mali und Guinea stößt; eine sehr abgelegene Gegend also, in der es aber seltene Tiere und faszinierende Landschaften zu bestaunen gibt.

Unter anderem kam ich an eine sehr ruhige Stelle am Gambia. Der Fluss schlängelt sich erst eine Weile durch Senegal und dabei durch diesen Nationalpark, bevor er nach Gambia hineinfließt.

Ich war von der Lage und der Atmosphäre beeindruckt. Während ich am Ufer saß, hörte ich im Hintergrund eine große Gruppe von Affen zetern, während die Bäume im Wind rauschten und Vögel zwitscherten.

Im Flusswasser direkt vor mir waren Flusspferde, die ab und zu an die Oberfläche kamen und ihre riesigen Mäuler aufrissen. Einmal sprang ein Flusspferd sogar in die Höhe und landete mit einem riesigen »Platscher« wieder im Wasser.

Links ruhten auf einer Sandbank einige Krokodile. Die Echsen schienen in der Sonne zu dösen oder gar zu schlafen; es wirkte sehr friedlich. Und rechts bot sich der Blick in die Ferne: Wasser, Urwald und Himmel. Diesen Nachmittag am 15. November 1996 werde ich nie vergessen ...

30 Juli 2026

Bei der grünen Schildkröte

Warum ich in San Francisco ausgerechnet in das »Green Tortoise Guest House« ging, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich hatte Lust, im italienischen Viertel zu übernachten, das sich auf den Hügeln der Stadt erstreckte; ich erinnere mich daran, dass ich die Landkarte studiert und anhand des Stadtplans die Gegend ausgesucht hatte, in der ich nächtigen wollte. Von dort aus kam ich schnell zu den Fähren, in die eigentliche Innenstadt und vor allem auch zum einen oder anderen Laden, den ich aufsuchen wollte.

Das Hostel war sauber, die Leute waren freundlich. Ich hatte in diesem Spätjahr 2005 keine Lust mehr, mit zu vielen Leuten in einem Zimmer zu liegen; die Aufenthalte in Hollywood und Santa Barbara hatten mir gereicht. Also mietete ich mir ein kleines Zimmer, das ich allein bewohnte, womit ich sehr zufrieden war. So teuer war das auch nicht, und das Abenteuer der Gemeinschaftsdusche hatte ich trotzdem.

Das Publikum in dem Hostel war sehr international und gemischt. Ich war weder der einzige Deutsche noch war ich der einzige Mensch, der schon älter als vierzig Jahre war. Am Tisch saß oft ein Mann mit grauem Bart und langen grauen Haaren, der dünn und ein bisschen kränklich aussah, alle aus seiner großen Brille musterte und mit einem südeuropäisch klingenden Akzent sprach.

Das »Green Tortoise« gibt es immer noch, wie eine Internet-Recherche ergeben hat; es hat auch nicht seinen Standort gewechselt. Der große Gemeinschaftsrum im Erdgeschoss sieht auch noch so ähnlich aus wie 2005; bei den Zimmern wurde aber augenscheinlich kräftig renoviert. Das wirkt immer noch gastlich und freundlich – sicher nach wie vor eine gute Adresse in San Francisco …

27 Juli 2026

Der orgelnde Krishna

Die Typen wurden einfach nicht müde. Wann immer ich in der Innenstadt von Miami zur zentralen Metrorail-Station kam, sah ich zwei junge Männer in der typischen Kleidung der Hare-Krishna-Anhänger: kahlrasierter Kopf, orangefarbene Kutte, barfuß.

Sie betrieben Arbeitsteilung: Einer der beiden saß auf einem Klappstuhl hinter einer elektrischen Orgel, die mit zwei blechern klingenden Lautsprechern verbunden war. Und der andere sang, tanzte und hüpfte, und das mit einer Ausdauer, die mich verblüffte.

Wenn ich in diesem Januar 1995 die Station am Government Center verließ, weil ich mir die Innenstadt von Miami anschauen wollte, sah ich die zwei Krishna-Fans. Wenn ich in der Telefonzelle stand und in meiner Unterkunft anrief, tanzte der Typ vor mir herum. Wenn ich an einem Imbiss in der Nähe etwas aß, hörte ich die quäkende Orgel und den eintönigen Gesang.

Der Typ tanzte im Kreis, er hüpfte auf und ab und hin und her. Es war eine wahre Pracht. Er hörte nicht auf, er zeigte keine Ermüdung. Es war ein einziges Auf und Ab und Hin und Her. Wenn die Sonne vom Himmel knallte, tanzte er. Ging ein frischer Wind, bewegte er sich zum Rhythmus der quäkenden Orgel.

Ich war beeindruckt. Das war Fanatismus oder Glaubensstärke oder beides zusammen.

Eine Sekunde lang überlegte ich mir, die beiden Typen anzusprechen, vor allem den Tänzer. Ob sie eine Spende wollten, vielleicht etwas zu trinken? Doch ich wagte nie, das Wort an sie zu richten. Ich hatte kein Interesse an einer Diskussion über Krishna oder irgendwelchen Bekehrungsversuchen.

Und so ließ ich die beiden Männer in Ruhe. Sie blieben in meinem Gedächtnis, auch viele Jahre, nachdem ich Miami längst verlassen hatte.

Zwei Krishnas auf dem Weg zu ihrer eigenen Vollendung.

23 Juli 2026

Ein »progressives« Fanzine

Im September 1981 erschien die Ausgabe 17 des Fanzines »SF-Journal«, das sich selbst als »das progressive Science Fiction Magazin« bezeichnete. Das Titelthema passte zur damaligen Zeit: »Militarismus und Antimilitarismus in der Science Fiction«. Dieser Tage sah ich mir das Fanzine mal wieder an; ich hatte es ziemlich vergessen.

Vor allem hatte ich völlig verdrängt, dass ich selbst bei dieser Ausgabe engagiert mitwirkte. Im Impressum bin ich als Ressortleiter für die Storys verzeichnet, es gibt auch eine Anzeige für mein damaliges Fanzine »Sagittarius«. Darüber hinaus bin ich mit zwei Artikeln vertreten: ein Verriss eines Romans von H. Beam Piper, in dem es um ein Sternenkrieg-Szenario ging, und ein etwas längerer Artikel über die »Lensmen«, die ich damals zum zweiten Mal gelesen hatte – daran erinnere ich mich tatsächlich – und mit Begriffen wie »Faschismus« und »Klischeehaftigkeit« bezeichnete.

Der größte Teil des 80 Seiten im A5-Format umfassenden Fanzines wird natürlich nicht von Texten eingenommen, die ich verfasst hatte. Enthalten ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers Joe Haldeman – die sicher nicht ich »eingekauft« hatte –, dazu weitere Artikel, Rezensionen und Geschichten.

Die generelle Haltung aller Texte ist – so würde ich das heute nennen – eher »stramm links«. Man merkt meinen Texten an, dass ich in meiner Haltung nicht sehr gefestigt war, Militär und Nazis aber schon ziemlich bescheuert fand. Andere Artikel waren ideologisch klarer, da merkt man auch heute noch, dass die Autoren studiert hatten oder sich einschlägig einlasen. Natürlich darf ein überkritischer Artikel über PERRY RHODAN von zwei Seiten Länge nicht fehlen ...

Was mir heute auffällt, wenn ich so ein Heft durchblättere und anlese: Es sind nur männliche Schreiberlinge beteiligt; die meisten eher jung. (Ich war 17 Jahre alt.) Keine einzige Frau wirkte mit, kein einziges Mädchen. Die Science Fiction war schon sehr männerlastig in jenen Tagen – aber das war angesichts der Kritik an Faschismus und Militarismus nichts, das irgendwie auffiel.

16 Juli 2026

Ein Drehbuch für »Ren Dhark«

Zu den Science-Fiction-Serien aus Deutschland, die immer ein wenig im Schatten von PERRY RHODAN standen, gehört »Ren Dhark«. Die Serie, die anfangs als Heftroman im Kelter-Verlag veröffentlicht wurde, wird seit Jahren vom HJB-Verlag herausgegeben. In den 90er-Jahren allerdings gab es eine Reihe von eher fannischen Versuchen, die Serie am Leben zu halten, und mit »Dharks World« stand ein lesenswertes Fanzine zum Thema zur Verfügung.

Die Ausgabe 5 fällt dabei besonders auf; sie wurde 1994 von Heinz Mohlberg herausgegeben, der später im Heinz Mohlberg Verlag viele Science-Fiction-Titel im Paperback veröffentlichen sollte. Enthalten ist nämlich das Drehbuch für einen »Ren Dhark«-Film, wobei ich sagen würde, dass es eher ein Konzept war.

Verfasst wurde es von Werner Kurt Giesa, lange Zeit einer der fleißigsten und erfolgreichsten Heftromanautoren im deutschsprachigen Raum. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeit für »Professor Zamorra«, aber er schrieb auch für andere Serien wie MYTHOR oder die PERRY RHODAN-Planetenromane.

Das Konzept war für einen Amateurfilm und trägt den Titel »Planetensperre«. Ob und wie das Abenteuer der POINT OF-Besatzung in die Serie gepasst hätte, kann ich nicht beurteilen; für »Ren Dhark«-Fans war es damals sicher eine spannende Lektüre. Für Fans des Schriftstellers Werner Kurt Giesa gibt's übrigens noch eine längere Geschichte, so dass der Löwenanteil des 40 Seiten umfassenden Fanzines durch Giesa-Material bestimmt wird.

Sieht man von zwei, drei Heften und Büchern ab, kenne ich vom »Ren Dhark«-Universum nicht viel. Solche Fanzines mag ich aber: Sie zeigen und zeigten immer, wie sehr sich Fans für ein fiktives Universum begeistern können und welche Ideen sie davon ableiten. »Dharks World« war ein richtig positives Heft!

09 Juli 2026

Art Brut und ihr Bang

Im Herbst 2005 sah ich in Los Angeles in »The Echo« eine englische Band, von der ich mir kurz davor die erste Langspielplatte gekauft hatte. Art Brut spielten vor einem frenetisch feiernden Publikum – es waren vielleicht 200 Leute anwesend – und sorgten für eine grandiose Stimmung. Ich bekam während des ganzen Konzerts mein Grinsen nicht aus dem Gesicht, und so ging es wohl vielen der Anwesenden.

Dieser Tage hörte ich mir die Platte wieder an. »Bang Bang Rock & Roll« kam 2005 heraus und begeisterte mich vom ersten Ton an. Das war nicht unbedingt neu, aber es knallte gut. Ob man das in die IndieRock-Ecke steckte oder als Punk bezeichnete, war mir völlig egal. In Los Angeles traten Art Brut auf, als seien sie eine Punk-Band, obwohl sie allesamt eher unpunkig wirkten.

Zurück zur Platte, die ich mir immer noch mit Genuss anhören kann. Es gibt natürlich Stücke wie »My Little Brother« oder das »Formed A Banded«, die richtig zum Pogo einladen, aber es gibt auch ruhigere Stücke wie das Liebeslied »Emily Kane« – aber das ist natürlich kein einfaches Liebeslied, sondern die originelle Version davon. Die Band verarbeitet allerlei gewöhnlich wirkende Themen (in »Moving To L.A.« wird natürlich über das englische Wetter gejammert) zu schrägen Liedern, und das ist immer ironisch bis sarkastisch.

Der Sänger kann nicht singen, anders lässt sich das nicht sagen. Im Prinzip benutzt er eine Art Sprechgesang, die aber nichts mit HipHop oder dergleichen zu tun hat, sondern eben sehr rhythmisch ist; bei einem Konzert hüpft man dann mit dem Sänger mit … Seine Stimme ist gut, er kriegt die Stücke richtig gut rüber; wer aber einen Sangeskünstler erwartet, ist hier falsch.

Und die Band? Die ist richtig gut, man merkt den Herren die Spielfreude an. Klar wird hier weder die Rockmusik im Allgemeinen noch der Punk neu erfunden; der Sound ist ebenfalls sehr rhythmisch, hat aber auch ordentliche Melodien. Die Gitarren klingen angenehm, der Bass und das Schlagzeug poltern ordentlich durch die Stücke, und der Sänger muss dazu eigentlich nur noch ins Mikro schreien. Das alles ist meist schmissig und selbst in den langsamen Passagen immer auf den Punkt gebracht; weit entfernt von manch langweiligem IndieRock.

Ernsthaft: Art Brut waren live großartig. Und die »Bang Bang Rock & Roll« ist immer noch eine sehr gute Platte. Wer sie bisher nicht kennt: reinhören!

06 Juli 2026

Zug-Abenteuer

Wer mal so richtig was erleben will, wer mal so richtig mitkriegen möchte, auf welch vorbildliche Weise die Republik verteidigt wird, für den gibt es eigentlich nur eines: Sonntag abend mal das Auto stehen lassen und in Freudenstadt den letzten Zug Richtung Karlsruhe besteigen. Das ist der Zug, mit dem aus der kleinen Schwarzwaldstadt und den umliegenden Ortschaften einige Dutzend junger Männer mit Sack und Pack Woche für Woche in die Garnisonen in Nordbaden, Hessen oder Rheinland-Pfalz abdampfen.

Dabei geht es in Freudenstadt noch recht gemütlich zu. Nur einige wenige der jungen Männer mit den kurzen Haaren pfeifen schrill und rufen ihre Lagemeldungen über den Bahnhof und durch den Zug, geben damit zu Gehör, wieviel Tage sie noch zu dienen haben. Man setzt sich gemütlich, und dann werden ebenfalls gemütlich, ruhig und bescheiden die ersten Sechserpacks Bier aus den Taschen geholt und gleich im Dutzend niedergemacht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass manche Rationen schon den Weg vom Freudenstädter Haupt- zum Stadtbahnhof nicht überstehen.

Aber gemach! Dort steigen schließlich nochmals zwei Dutzend Bundeswehr-Soldaten ein, es kommt zu rührseligen Begrüßungsszenen (»Wieviel Tage hast du noch?« – »Was, so viel? Ist das mehr oder weniger als eine Million?«) und freundlichen Zurufen, und die nächsten Sechserpacks, Dosen und Weinflaschen werden geöffnet. Immerhin sollte bis Baiersbronn, der ersten Station im Murgtal, ein gewisser Mageninhalt vorhanden sein, denn dort steigt wieder ein Dutzend Soldaten mit neuem Reiseproviant ein, und dieses Spiel wiederholt sich von Station zu Station bis Karlsruhe.

Das soll nicht interessant sein? Ist es auch nicht, das ist ja erst der Anfang. Eine zufällig allein mit demselben Zug reisende Frau wird nicht vernachlässigt. Es gibt garantiert mindestens einen Bundeswehrsoldaten, der sich lautstark über ihr Aussehen und ihre Figur auslässt oder ihr gleich mit schwerer Zunge erzählt, dass eigentlich ohnehin nur er der Richtige sei. Dezente Hinweise ihrerseits, dass in erster Linie ein Gewehr die Braut eines Soldaten zu sein habe, verbieten sich schon aus Sicherheitsgründen von selbst.

Von Station zu Station wird die Stimmung in den Abteilen amüsanter, die ersten Lieder werden gesungen, einzelne Soldaten patrouillieren schon durch die Gänge, zeigen jedem, wie wenige Tage sie noch dienen müssen, und freuen sich über Gleichaltrige, die noch ein Jahr vor sich haben. Es kommt zu den ersten Keilereien, die ersten Büchsen fliegen quer durch die Abteile, die Musik vom Kassettenrekorder wird noch ein bisschen lauter gestellt, der Schaffner wagt sich schon gar nicht mehr in die Gänge hinein, und ab und zu geht auch mal ein Fenster zu Bruch. Hält der Zug an einer Station, fliegen die üblichen humorvollen Bundeswehrsprüche zu Wartenden hinüber, werden Frauen aus sicherer Distanz mit allerlei Eindeutigkeiten überhäuft.

Im Karlsruher Hauptbahnhof verlassen dann Dutzende von Soldaten den Zug, die einen eher still und gedrückt, die anderen lautstark pfeifend und grölend, die Flaschen dabei immer in der Hand. Dort gibt es eventuell einen krönenden Abschluss des Zug-Abenteuers, wenn seltsame, grüngekleidete Herren mit weißen Pistolentaschen und roten Mützen auftauchen: Feldjäger, die ab und zu versuchen, Betrunkene abzuführen.

Leider bietet sich dieses Bild nicht allzu häufig, so dass sich das eigentliche Zug-Abenteuer meist auf die Fahrt allein beschränkt. Aber das dürfte dem Normalsterblichen voll und ganz reichen.

(Diesen Text veröffentlichte ich in der Freudenstädter Lokalausgabe der »Südwest-Presse«; der Artikel erschien am 8. Juli 1985, zu einer Zeit also, als ich selbst noch als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr war und die geschilderten Ereignisse an fast jedem Wochenende miterleben durfte. Im Jahr 1994 wurde der Text von mir in meinem Egozine ENPUNKT noch einmal nachgedruckt. Aber das ist ja schon wieder lange her …)

02 Juli 2026

Schnappschuss in Freudenstadt

Aus der Reihe »Ein Bild und seine Geschichte«

Der FreuCon '92 im April 1992 hatte an die 800 Besucher aus gut zwanzig Ländern. Als »Chairman« der Veranstaltung bekam ich vom Ablauf gar nicht so viel mit, weil ich oft in unserem Büro saß und Einzelgespräche mit Helfern, Programmteilnehmern oder der Presse führte. Deshalb waren die Fotos für mich im Nachhinein eine wertvolle Dokumentation.

Das Bild hier zeigt den amerikanischen Science-Fiction-Autor Norman Spinrad, links im Bild, der damals in Paris lebte. Er unterhält sich mit Werner Fuchs, einer der Gründer des Rollenspielsystems »Das Schwarze Auge« und Chef des Verlags Fantasy Productions. Spinrad und ich verloren nach dem FreuCon den Kontakt zueinander, sieht man davon ab, dass ich seine Romane las; mit Fuchs traf ich mich im Verlauf der folgenden Jahrzehnte oft.

Im Vordergrund des Bildes ist eine Frau zu sehen, die zur offiziellen Delegation der Volksrepublik China gehörte. Die chinesische Delegation kam über eine Vermittlung von Wiktor Bukato nach Freudenstadt; Bukato war eine wichtige Person in der polnischen Science Fiction sowie in der European Science Fiction Society (ESFS).

Das Foto stammt von Peter Fleissner.

25 Juni 2026

Inmitten des Con-Getümmels

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Der FreuCon '92, den wir im Kongresszentrum der Kleinstadt Freudenstadt veranstalteten, war vom 24. bis 26. April 1992 zugleich der EuroCon; entsprechend zahlreich trafen die Besucher aus dem In- und Ausland bei uns ein. Das Bild, das ich heute zeigen möchte, illustriert das sehr gut – es stammt von Peter Fleissner und wurde mitten im Con—Getümmel geschossen.

Man sieht (von links) LiYi und John Brunner, beide aus Großbritannien, Hermann Ritter – bei der Veranstaltung für das Programm zuständig –, Norman Spinrad (mit dem Rücken zum Betrachter), der damals in Paris lebte, und Matthias Hofmann, der sich um die Ehrengäste kümmerte.

Hermann Ritter erläutert offensichtlich den Ablauf einiger Programmpunkte. Wir hielten unser Programm zwar ein, aber unsere Personaldecke war nicht so üppig – so musste manches improvisiert werden. Unterm Strich klappte aber alles, und das ist bis heute ein Wunder für mich.

11 Juni 2026

Krach, Schlamm und Feuer

Im Sommer 1994 fuhr ich einige Male mit dem Fahrrad nach Karlsruhe, um ein Konzert zu besuchen. Für eine Strecke benötigte ich eine starke Stunde, eher eineinhalb Stunden, und ich kam verschwitzt an. Die meiste Zeit fuhr ich also doch mit dem Auto, wenngleich das hieß, dass ich kein Bier – oder nur ganz wenig – trinken durfte. So auch am Mittwoch, 8. Juni 1994, als die Veranstalter zu einem Abend mit internationalen Hardcore-Bands in die »Steffi« luden, das besetzte Haus in der Innenstadt.

Weil es ein Arbeitstag war und ich wieder viel zu spät aus dem Verlag kam, dauerte es seine Zeit, bis ich mit dem Auto in Karlsruhe war und dort einen Parkplatz fand. Damals gab es noch die Möglichkeit, in den Nebenstraßen zu parken, ohne ein Anwohner zu sein, und ich stellte mein Auto in direkter Nähe der »Steffi« ab.

Nachdem ich meinen Eintritt bezahlt hatte, eilte ich in den Keller, wo ich an der Haifischbr gleich mein erstes Bier bestellte. Punkrock bollerte aus den Boxen, die Bar war nur mäßig besetzt. Und weil ich zu viel mit den Leuten laberte, die ich an der Theke antraf, verpasste ich konsequenterweise die erste Band. Und weil der Umbau von der ersten zur zweiten Band so lang dauerte, trank ich an der Bar eben weiter Bier.

Als ich irgendwann in den eigentlichen Konzertraum ging, hatten wir bereits Mitternacht. Auf der Bühne standen Disaffect aus Schottland und knallten brachialen Punkrock in den Saal, in dem vielleicht 60 oder 70 Leute standen, die meisten mit Lederjacken und sehr »punkig« aussehend. Man merkte, dass die Schotten ihren Discharge-Einfluss nicht verleugneten: Zwei Gitarren sägten, ein Bass knatterte wuchtig, ein Schlagzeug hämmerte wild, dazu kamen ein Sänger und eine Sängerin, beide mit Glatze, denen man ansah, dass sie eine tüchtige Portion Wut in sich hatten.

Gepogt wurde nicht, das war bei dieser Art von Punk-Konzerten eher unüblich, aber es herrschte eine gute Stimmung, und es wurde laut gejohlt, applaudiert und nach einer Zugabe verlangt. Die Band gab uns noch, was wir wollten, und verschwand dann. Am Ende war mir klar, dass ich mit Disaffect eine Band gesehen hatte, von der man noch viel hören würde. »Was für ein Brett!«, sagten praktisch alle in dem Kellerraum.

Was dann kam, hatte ich so aber nicht erwartet: Die Musiker auf der Bühne waren teilweise geschminkt und sahen überhaupt nicht so aus, wie man sich eine Punk-Band vorstellte, und aus den Boxen drang ein Geboller, das sich wie eine Mixtur aus heftigem Techno und rasend schnellem Punk anhörte. Die Band nannte sich Tromatism, und ich hatte zuvor nie von ihr gehört.

Sie machte auch nicht lang herum, hielt sich nicht mit Vorreden und irgendwelchen Ansagen auf, sondern war sofort mittendrin. Der Sänger hatte eine Stakkato-Stil: In halsbrecherischem Tempo brüllte und belferte er in sein Mikrofon. Ich verstand kein Wort, und das lag nicht nur daran, dass er in französisch sang und schrie.

Neben ihm stand ein Geiger, der mit stoischer Miene fiedelte, leicht im Hintergrund hämmert ein Bassist auf sein Instrument ein. Am auffälligsten war aber ein Mann, der kein Instrument spielte, sondern vor allem für die Show zuständig war. Er trug nur eine Hose, sein muskulöser Oberkörper war nackt. Anfangs machte er auf der Bühne nur allerlei Verrenkungen und kletterte an der Wand hoch, dann aber veränderte sich sein Verhalten.

Aus einer Art Eimer, der auf einmal auf der Bühne stand, holte er sich eine schmierige Masse, die aussah wie ein schwarzer Schlamm. Den Schlamm verteilte er großflächig auf seinem Oberkörper, dann schleuderte er einige Handvoll ins Publikum. Ich war froh, dass ich eine Lederjacke anhatte; mich trafen einige Spritzer der schwarzen Masse, auch im Gesicht, aber der Beschuss hörte schnell auf.

Nachdem der Mann eine Weile auf der Bühne getanzt hatte, begann er damit, Feuer zu spucken. Ich hatte nicht mitbekommen, wo er auf einmal eine Flamme herhatte – aber auf einmal goss er sich eine Flüssigkeit in den Mund und spuckte sie über eine brennende Fackel hinweg ins Publikum. Eine Mikrosekunde lang überlegte ich mir, wie es denn eigentlich mit Fluchtwegen aussehen mochte, falls die Feuerspuckerei schiefgehen würde.

Dann aber war mir das auch egal. Die Musik wurde rasanter und lauter, das Spektakel zwischen Bühne und Zuschauern immer wilder. Irgendwann stand eine Schale im Zuschauerraum, in der ein Feuer brannte, der halbnackte Mann sprang zwischen uns herum, und der Sound wurde noch wütender und gnadenloser.

Das war keine Musik für Pogo; dazu war sie zu schnell und zu abgehackt. Hätte ich sie nur auf Schallplatte gehört, hätte sie mir vielleicht gar nicht gefallen. In dieser Nacht passte alles zusammen: ein rabiater Sound, wie man ihn selten hörte, ein recht kleines, aber verschworenes Publikum im Keller eines besetzten Hauses, und eine Show mit Schlamm und Feuer.

Als ich zu sehr weit vorgerückter Stunde durch die Nacht fuhr, vorbei an Ortschaften und durch den Wald, dröhnten meine Ohren, fühlte sich mein Körper erhitzt und verdreckt zugleich an. Mir war egal, was in dieser Nacht noch passieren würde, und über den kommenden Arbeitstag machte ich mir keine Sekunde lang Gedanken …

22 Mai 2026

Peinliche Hinterlassenschaften

2007 war ein Jahr voller Herausforderungen für mich, und das hatte ich schon ziemlich verdrängt. Meine Mutter starb, was mich emotional doch stärker belastete, als ich mir zuvor hatte vorstellen können, und was dazu führte, dass ich mich zusammen mit meiner Schwester um viele Dinge kümmern musste, die mir bisher fern lagen. Mein Arbeitszimmer wurde zudem komplett ausgeräumt und mit neuen Möbeln bestückt.

Weil das alles praktisch gleichzeitig lief, gingen viele Dinge unter. Vor einigen Tagen hatte ich einen Stapel Papier in der Hand, den ich aus einer Kiste fischte. Von diesem Stapel hatte ich schon nichts mehr gewusst, und ich blätterte ihn mit Staunen und teilweise voller Scham durch.

Der Stapel enthielt Unterlagen, die mit dem Tod meiner Mutter zu tun hatten, alte Versicherungsunterlagen beispielsweise, die ich wahrscheinlich entsorgen kann – darüber muss ich aber mit meiner Schwester sprechen. Ebenso lagen Fotos in diesem Stapel, bei denen ich teilweise keine Ahnung hatte, wer auf ihnen zu sehen war; es waren Bilder aus den 30er-Jahren, aber auch aus heutiger Zeit. Beschriftet war so gut wie keines.

Und ich fand Schriftwechsel, wie man das so schön nennt. Postsendungen, die ich verschickt hatte und die zurückgekommen waren. Briefe von anderen Leuten, die auf eine Antwort von mir gehofft hatten.

Besonders peinlich: Es gab einige Briefe, in denen Geld lag oder auch Briefmarken. Da hatten Leute also Exemplare meines Egozines ENPUNKT bestellt, es aber nie erhalten; ich hatte die Kohle nicht einmal eingesackt und selbst verbraucht, sondern sie in einer Kiste vergammeln lassen.

Nach gut zwanzig Jahren wohnen diese Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr an der gleichen Stelle. In der einen oder anderen »Personalie« werde ich trotzdem mal vorsichtig nachhaken. Sehr unangenehm ...

07 Mai 2026

Eine Rechnung vom Nirwana

Im Februar 2007 verbrachte ich einige Tage auf der Insel Bintan, die zu Indonesien gehört und südlich von Singapur liegt. Ich war in den Nirwana Gardens untergebracht, allerdings nicht im eigentlichen Hotel, sondern in einer Strandhütte. Von dort aus sah ich direkt zum Meer, von dort aus konnte ich in wenigen Sekunden den Strand erreichen und ins Wasser hüpfen.

Ich las viel in diesen Tagen, ich ging viel spazieren. Ich war allein, und ich hatte kein Handy und so gut wie keinen Internet-Zugang. Man musste in ein »Business Center« gehen und sich dort an ein Terminal setzen, was natürlich Geld kostete.

Die Kommunikation mit den Angestellten beschränkte sich auf das Nötigste, man ließ mich weitestgehend in Ruhe. Und andere Touristen gab es so gut wie keine. Ich fand diesen Aufenthalt herrlich.

Schaue ich mir heute die Rechnung an, wird mir noch einmal klar, wie preiswert das alles war. Weder die Übernachtungen noch das Essen oder die Getränke kosteten sonderlich viel.

Allerdings schien ich die Angestellten mit meiner Adresse überfordert zu haben: Als »Mr Norbert, Frick Klaus« war ich in meinem Leben bislang nirgends registriert worden ...

30 April 2026

Ein Klassiker von 1937

Stünde kein Datum auf dem eigentlichen Foto, wäre es schwer, das Bild zeitlich einzuordnen: Es zeigt meinen Vater, der Jahrgang 1925 wahr, vor dem alten Schulhaus in Dietersweiler; das Bild wurde 1937 aufgenommen und ist eine Erinnerung an seine Schulzeit. Er war, als das Foto aufgenommen wurde, also zwölf Jahre alt.

Viel länger ging er als Sohn eines Zimmermanns nicht zur Schule. Nach der Hauptschule begann er seine Lehre als Elektriker, bevor er zum Reichsarbeitsdienst – dem »bewaffneten« – abkommandiert und nach Frankreich geschickt wurde. 1943, also sechs Jahre nachdem dieses Foto aufgenommen worden war, war er alt genug, um als Soldat eingezogen und an die Ostfront geschickt zu werden.

Auf diesem Bild ist davon nichts zu sehen. Mein Vater trägt die Kleidung, wie sie damals für Kinder und Heranwachsende üblich war; mit Kniestrümpfen und erstaunlich guten Schuhen. Er wirkt stolz und gleichzeitig ein bisschen verlegen.

23 April 2026

Die neuen Landkarten

Der Titel »New Maps Of Hell« und das Cover machen schon klar: Das hier ist keine Vinylscheibe, die von sonnigen Stränden und fröhlichen Leuten berichtet. Es handelt sich um die Schallplatte, die Bad Religion im Jahr 2007 veröffentlicht hat. Ich fischte sie unlängst aus dem Schrank und legte sie, in den Tagen darauf lief sie manchmal fast ununterbrochen, was mich selbst verwunderte.

Ich sah Bad Religion zweimal: einmal in den 80er-Jahren, als sie mit »Suffer« auf ihrer großen Tour durch Europa war und noch in Jugendzentren auftraten, dann in den ganz frühen 90er-Jahren, als sie schon in einer Halle spielten. Das erste Konzert war sensationell, das zweite auch noch ganz gut; danach wurde die Band für Festivals gebucht, die ich nicht im (Alp-)Traum besuchen wollte. Ich hörte die Musik immer noch gern, habe die Band aber seit 1991 nicht mehr live gesehen.

Das ist alles lange her; seither wechselte die Besetzung der Band mehrfach, während man viele Konzerte spielte und eine Platte nach der anderen veröffentlichte. Die »New Maps Of Hell« aus dem Jahr 2007 erinnert mich positiv an die späten 80er-Jahre: Das ist keine lahmarschige Musik von mittelalten Männern, sondern ein dynamischer Sound, bei dem ich nicht stillsitzen kann.

Die einzelnen Stücke sind schnell und abwechslungsreich; es wird nicht einfach nach vorne gebolzt, sondern es sind schmissige Melodien. Die Band spielt auf dieser Platte einen klassischen Punkrock mit viel Schmackes, definitiv keinen Metal, auch wenn die Gitarre manchmal schon sehr singt, und auf Gejammer wird sowieso verzichtet.

Ich fand die Platte erstaunlich toll und verstehe nicht, wieso sie bei mir immer ein bisschen untergegangen ist. Eigentlich hätte sie ja gute Chancen, meine liebste Scheibe der Band zu werden. Okay, Scherzchen: Das wird wohl immer die »Suffer« bleiben. Aber richtig gut finde ich »New Maps Of Hell« trotzdem!

16 April 2026

Im Arusha-Nationalpark

Aus der Reihe »Ein Bild und seine Geschichte«


Im Januar 1998 versuchte ich Tansania zu bereisen. Ein großer Teil der Pläne fiel buchstäblich ins Wasser: Es regnete stark, Flüsse und Bäche traten über die Ufer, Straßen und Bahnlinien waren nicht mehr zu benutzen. Und so war auch der Aufenthalt im Arusha-Nationalpark zu einem großen Teil eine Wanderung im Nieselregen.

Das Bild ist typisch für den Wald, der sich im Naturpark erstreckt. Man sieht links den Wildhüter, mit dem wir durch den Wald und durch die Savanne wanderten; rechts gehen die zwei Männer, mit denen wir unterwegs waren. Mit gerade mal vier Personen war unsere Reisegruppe angenehm klein.

Wir sahen viele Tiere, von denen ich aber nur wenige Fotos machte. Giraffen im Regen sehen einfach nicht so klassisch aus wie Giraffen, die im strahlenden Sonnenschein durch die Savanne schreiten. Die dampfende Natur, die feuchte Schwüle und die würzige Luft im Wald fand ich trotzdem beeindruckend.

26 März 2026

Unverhofft eine Moschee

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte« 

Als ich in den 90er-Jahren zum ersten Mal durch Singapur spazierte, fielen mir die vielen Gegensätze natürlich schnell auf. Inder, Chinesen, Malaysier und Europäer – sie alle sind im Stadtbild vertreten, dazu die Angehörigen vieler anderer Völker. Religion fällt einem da nicht zu schnell ins Auge; mir fielen dann vor allem allerlei Tempel auf.

Der Blick änderte sich bei späteren Besuchen. 2007 war ich ja für längere Zeit in Singapur, unter anderem deshalb, weil ich dort für einen Thriller recherchierte, an dem ich zu dieser Zeit schrieb. Ich schoss viele Fotos, unter anderem deshalb, weil ich sie als Grundlage für Szenen nehmen wollte.

Ein Aspekt der Handlung sollten Menschen mit religiösem Hintergrund sein. Deshalb fotografierte ich auch Tempel und Kirchen. Und natürlich auch Moscheen – in diesem Fall eine, die sich in ein bescheidenes Viertel einfügt, hinter dessen kleinen Gebäuden sich dann doch wieder die nächsten Hochhäuser erheben ...

19 März 2026

Unterschätzte Hardcore-Platte

Ich bin mir nicht sicher, ob ich The Depraved in den 80er-Jahren gesehen habe oder nicht. Die englische Band war zweimal in Süddeutschland unterwegs, und einmal verpasste ich sie auf jeden Fall. Sicher ist aber, dass ich ihre Platte »Stupidity Maketh The Man« aus dem Jahr 1986 richtig gut finde und sie von mir immer mal wieder aus dem Schrank gefischt und auf den Plattenteller gelegt wird.

Das fiese Cover zeigt eine »Hanging Party«, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den amerikanischen Südstaaten durchaus üblich waren. Die Band stammte zwar aus England, hatte aber trotzdem – wie sich das damals für eine Punk-Band gehörte – zu den aktuellen Zeitereignissen einiges zu sagen. In »New Macarthyite« geht’s um politische Hetze und Denkverbote; in »Agent Orange« natürlich um Krieg und Bomben. Die Band hatte aber ebenso persönliche Texte und verzichtete auf stumpfe Polit-Parolen.

Musikalisch war das kein Hochgeschwindigkeits-Punkrock, aber doch weit genug entfernt von den späten 70er-Jahren. Zu dem manchmal fröhlichen und hippeligen Sound, den Bands wie The Damned oder auch The Buzcccks präsentiert hatten, gab’s schon eine Distanz; den gnadenlosen Discharge-Sound der frühen 80er-Jahre lassen The Depraved aber ebenfalls vermissen.

Ihre Musik ist recht abwechslungsreich; die Gitarren heulen, der Sänger treibt die Stücke nach vorne, der Bass und das Schlagzeug poltern in ordentlicher Geschwindigkeit, ohne dass zu viel Effekt reingemischt wird. Das alles klingt »handgemacht« im besten Sinn.

Fakt ist, dass die Band heute weitestgehend vergessen scheint. Spricht man mit Leuten über den England-Punk der 80er-Jahre, taucht sie kaum im Gespräch auf – dafür war sie wohl zu »hardcorig«. Wer aber den Hardcore jener Jahre erwähnt, hat eher Chaos UK oder Heresy im Sinn.

Fakt ist zudem, dass die »Stupidity Maketh The Man« eine richtig gute Platte ist: Wer die Chance hat, sie irgendwo zu bekommen, sollte sie sich sichern!

12 März 2026

Ein Bier auf dem Stadtfest

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«


Im Sommer 1985 war ich auf dem Sommernachtsfest in Freudenstadt unterwegs; an diesem Samstagabend waren Tausende von Leuten auf dem Marktplatz und in seinen Nebenstraßen unterwegs. Mein Kollege Karl-Heinz Kuball, den alle nur »Charly« nannten, schoss Fotos, während ich versuchte, aus den vielen Begegnungen eine Reportage für die »Südwest-Presse« zu machen.

Irgendwann setzten wir uns an einen Biertisch, zusammen mit anderen Leuten, die wir kannten. Ich war gerade mal 21 Jahre alt, auch Charly war nur knapp über dreißig, obwohl er mir unglaublich erfahren vorkam. Entsprechend feuchtfröhlich ging es in unserer Umgebung zu, auch wenn wir ständig über die Plastikbecher spotteten, aus denen wir unser Alpirsbacher Klosterbräu tranken.

Charly hatte seine Kamera eigentlich längst weggepackt. Dann aber holte er sie heraus, fummelte immer wieder an ihr herum, und als ich einen tiefen Schluck aus meinem Becher nahm, riss er die Kamera hoch und fotografierte mich.

Als wir uns am Sonntag in den Räumlichkeiten der Redaktion trafen, saß ich vor allem an der Schreibmaschine und tippte meine Berichte, während Charly in der Dunkelkamme seine Abzüge der besten Fotos herstellte. Später drückte er mir einen großformatigen Abzug in die Hand.

»Da«, sagte er, »ein Souvenir aus Freudenstadt; ist ganz gut geworden.« Da konnte ich ihm nicht widersprechen.

26 Februar 2026

Bade-Kunst am Fluss

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Als ich 2007 in Singapur unterwegs war, fotografierte ich viel. Vor allem machte ich zahlreiche Bilder von ganz normalen Gebäuden, gewissermaßen als Recherche für den Thriller, an dem ich zu dieser Zeit schrieb und der ja leider nie fertig wurde. Google Street View gab es damals noch nicht, und ich wollte ein möglichst authentisches Bild der asiatischen Metropole in meinem Roman präsentieren. Dazu gehörte auch, dass die Szenerie stimmte.

Wer durch Singapur spaziert oder fährt – die wenigsten Leute spazieren dort, wie ich nicht nur einmal feststellte –, sieht anfangs die großen Gebäude und die Malls, vielleicht auch die Polizei und die moderne Bahn. Aber er oder sie nimmt nicht unbedingt die Details wahr; für die braucht man dann doch ein bisschen Zeit und Muße.

Am Singapore River ging ich mehrfach an einem Kunstwerk vorbei, das mich verblüffte: junge Menschen, die sich anschicken, ins Wasser zu springen – so zumindest wirkt es auf mich. Doch der eine Junge hat den Mund offen, als ob er schreie würde. Es sieht nicht so aus, als hätte er Freude an dem, was er tut. Schreit er vor Angst?

Ich habe es nie erfahren, ich habe auch nie gefragt. Schaue ich mir das Bild heute an, befremdet es mich immer noch.