Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
07 Mai 2026
Eine Rechnung vom Nirwana
Ich las viel in diesen Tagen, ich ging viel spazieren. Ich war allein, und ich hatte kein Handy und so gut wie keinen Internet-Zugang. Man musste in ein »Business Center« gehen und sich dort an ein Terminal setzen, was natürlich Geld kostete.
Die Kommunikation mit den Angestellten beschränkte sich auf das Nötigste, man ließ mich weitestgehend in Ruhe. Und andere Touristen gab es so gut wie keine. Ich fand diesen Aufenthalt herrlich.
Schaue ich mir heute die Rechnung an, wird mir noch einmal klar, wie preiswert das alles war. Weder die Übernachtungen noch das Essen oder die Getränke kosteten sonderlich viel.
Allerdings schien ich die Angestellten mit meiner Adresse überfordert zu haben: Als »Mr Norbert, Frick Klaus« war ich in meinem Leben bislang nirgends registriert worden ...
26 März 2026
Unverhofft eine Moschee
Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«
Als ich in den 90er-Jahren zum ersten Mal durch Singapur spazierte, fielen mir die vielen Gegensätze natürlich schnell auf. Inder, Chinesen, Malaysier und Europäer – sie alle sind im Stadtbild vertreten, dazu die Angehörigen vieler anderer Völker. Religion fällt einem da nicht zu schnell ins Auge; mir fielen dann vor allem allerlei Tempel auf.
Der Blick änderte sich bei späteren Besuchen. 2007 war ich ja für längere Zeit in Singapur, unter anderem deshalb, weil ich dort für einen Thriller recherchierte, an dem ich zu dieser Zeit schrieb. Ich schoss viele Fotos, unter anderem deshalb, weil ich sie als Grundlage für Szenen nehmen wollte.
Ein Aspekt der Handlung sollten Menschen mit religiösem Hintergrund sein. Deshalb fotografierte ich auch Tempel und Kirchen. Und natürlich auch Moscheen – in diesem Fall eine, die sich in ein bescheidenes Viertel einfügt, hinter dessen kleinen Gebäuden sich dann doch wieder die nächsten Hochhäuser erheben ...
26 Februar 2026
Bade-Kunst am Fluss
Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«
Als ich 2007 in Singapur unterwegs war, fotografierte ich viel. Vor allem machte ich zahlreiche Bilder von ganz normalen Gebäuden, gewissermaßen als Recherche für den Thriller, an dem ich zu dieser Zeit schrieb und der ja leider nie fertig wurde. Google Street View gab es damals noch nicht, und ich wollte ein möglichst authentisches Bild der asiatischen Metropole in meinem Roman präsentieren. Dazu gehörte auch, dass die Szenerie stimmte.
Wer durch Singapur spaziert oder fährt – die wenigsten Leute spazieren dort, wie ich nicht nur einmal feststellte –, sieht anfangs die großen Gebäude und die Malls, vielleicht auch die Polizei und die moderne Bahn. Aber er oder sie nimmt nicht unbedingt die Details wahr; für die braucht man dann doch ein bisschen Zeit und Muße.
Am Singapore River ging ich mehrfach an einem Kunstwerk vorbei, das mich verblüffte: junge Menschen, die sich anschicken, ins Wasser zu springen – so zumindest wirkt es auf mich. Doch der eine Junge hat den Mund offen, als ob er schreie würde. Es sieht nicht so aus, als hätte er Freude an dem, was er tut. Schreit er vor Angst?
Ich habe es nie erfahren, ich habe auch nie gefragt. Schaue ich mir das Bild heute an, befremdet es mich immer noch.
09 Mai 2024
Alt und neu in Johor Bahru
Meinen ersten Besuch in Johor Bahru absolvierte ich Ende der 90er-Jahre, als ich durch Malaysia reiste. Die Industriestadt nutzte ich nur als Durchgangsstation nach Singapur und zurück; ich hielt mich dort nicht länger als eine Stunde jeweils auf. Dabei hätte ich in »JB« eine interessante Punkrock- und Oi!-Szene kennenlernen können, wie mir erst später bewusst wurde.
Als ich 2007 einige Zeit in Singapur verweilte, steuerte ich Johor Bahru erneut an. Die Stadt befand sich in diesem Herbst in einem rasanten Umbruch; nicht einmal die Busstationen erkannte ich wieder. Überall errichtete man Hochhäuser und moderne Einkaufszentren. Schicke Autos rollten durch die Straßen, viele Leute trugen europäisch aussehende Klamotten und Kostüme.
Ich schoss einige Fotos, vielleicht ein Dutzend oder etwas mehr. Dabei interessierten mich nicht die touristischen Elemente, sondern Punkte, die für meinen – damals noch geplanten – Thriller sinnvoll waren. Aber ich fotografierte darüber hinaus Dinge, die mich »halt so« faszinierten.
Dazu zählte auch ein schon etwas älteres Haus, das mitten in der geschäftigen Innenstadt stand. Rechts und links und dahinter erhoben sich bereits moderne Bauten aus Glasfronten und Beton; das alte Haus wirkte wie ein Fremdkörper. Ich gehe davon aus, dass es längst nicht mehr steht. An diesem Tag fand ich es tapfer ...
30 November 2023
Im Mekong-Delta
Vor allem die Seitenarme im Delta faszinierten mich. Sie waren teilweise still. Ruhig floss das Wasser, rechts und links vom Strauchwerk gesäumt. Die großen Städte schienen weit entfernt zu sein, man hörte keinen Straßenlärm, höchstens das Summen und Brummen des Bootsmotors. Und das Surren der Stechmücken, wobei sich das in Grenzen hielt. (In Vietnam wurde ich nicht so fürchterlich verstochen, wie mir das im Senegal ergangen war.)
Es ist zu befürchten, dass ich nie wieder eine solche Reise machen werde. Solange ich beim Betrachten alter Bilder noch die Erinnerungen in mir habe, kann ich das verschmerzen …
12 Oktober 2023
Das Beach Resort war eher schlicht
In einem kleinen Hostel mietete ich mir ein Häuschen, das so klein war, dass ich schon im gebückten Zustand mit dem Kopf gegen die Decke stieß. Aber dort konnte ich es gut aushalten, und zum Meer und seinem Sandstrand hatte ich keine 300 Meter. An diesem Strand hielt ich mich oft auf, wenn ich nicht gerade mit dem Rad durch die Gegend fuhr.
Im Baikon Bistro aß ich einmal abends; ich erhielt sogar eine offizielle Rechnung, die ich aufhob. Mein Essen und mein Bier waren ausgesprochen preiswert; ich saß an der frischen Luft auf einer Holzbank und an einem sehr einfachen Holztisch, und während ich aß, blickte ich hinaus aufs Meer.
Dass dieses Bistro zu einem offiziellen Resort gehörte, merkte man kaum, weil keine Zäune existierten. Der wesentliche Unterschied zu anderen Bars und Restaurants am Strand war vor allem, dass es sehr viele Touristen gab und sich die Zahl der Einheimischen in Grenzen hielt.
Für mich ist die Erinnerung an das Essen sehr positiv: Eine sanfte Brise ging, ich saß allein mit meinen Gedanken an diesem Tisch, und ich fühlte mich richtig gut und erholt.
(Übrigens: Ich habe tatsächlich geguckt, was aus dem »Langkapuri Beach Resort« geworden ist. Bei booking.com finde ich unter diese Bezeichnung eine Mischung aus Hotelkomplex im Hintergrund und einer Reihe von kleinen Häusern aus Holz. Die Holzhäuser erinnern mich düster an den damaligen Strand, an dem ansonsten noch nicht so viel los war wie mittlerweile …)
21 September 2023
Beten am Mekong
Bei der Reise im Dezember 2000 war ich auch einige Tage im Mekong-Delta unterwegs: in einem Minibus mit fünf anderen Weißen aus den Mexiko und Europa, die von einem mehrsprachigen Guide durch die Gegend gekarrt wurden. Da sich der Guide wirklich gut auskannte oder zumindest den Anschein erweckte, kamen wir an Ecken, wo sich nicht gerade die Touristen tummelten. Klar besuchten wir die schwimmenden Märkte im Mekong-Delta, wie das offensichtlich viele Touristen machten, aber wir hielten zwischendurch in Dörfern an, in denen es keine englischsprachigen Schilder gab, die ausdrücklich für Touristen gedacht waren.
Und dort fand ich immer wieder kleine Altäre und dergleichen. Sie waren nicht verborgen, sie standen offen auf der Straße herum oder eher am Straßenrand, aber sie passten für mich nicht so ganz zum Bild eines kommunistischen und doch eher atheistisch ausgerichteten Staates.
07 September 2023
Rushhour in Saigon
Im Dezember 2000 hielt ich mich einige Tage in Ho-Chi-Minh-Stadt auf; so heißt die Metropole von Südvietnam seit 1975, aber diesen Namen benutzte während meiner Anwesenheit niemand. Alle Leute sprachen von Saigon, die Einheimischen wie die Touristen. Mit Polizisten oder Militärangehörigen sprach ich nicht, die hätten hier vielleicht eine andere Sicht der Dinge gehabt.
Was mir mit am stärksten auffielt, war der unglaubliche Verkehr. In der Stadt wohnten angeblich an die acht Millionen Menschen, die sich nach halboffiziellen Aussagen mit rund vier Millionen Mopeds und Motorräder durch die Straßen bewegten. Wie das heute ist, kann ich nicht sagen – es geht ja nur um meinen Eindruck im Jahr 2000.
Überall waren Zweiräder unterwegs, Männern und Frauen gleichermaßen steuerten sie durch die Stadt. Die Leute fuhren schnell und dynamisch, gerne auch mal zehn Reihen nebeneinander und in einem Stil, den ich als »Durcheinander« wahrnahm, für die Leute sicher völlig normale war. Da ich mich als Fußgänger durch die Straßen der Stadt bewegte, empfand ich es zeitweise als durchaus knifflig, die Straße zu überqueren.
Bei alledem legten die Fahrerinnen und Fahrer ein enormes Tempo an den Tag. Unfälle sah ich keine, man wich einander aus und schoss immer im letzten Moment – so kam es mir vor – an anderen Fahrern vorbei. Ein faszinierender, wenngleich manchmal auch anstrengender Anblick ...
01 Dezember 2022
Express nach Singapur
Ich bestieg in Malacca einen Bus, der von dort aus nach Süden fahren sollte. Die Stadt hatte mir gut gefallen: vergleichsweise viele alte Häuser in der Altstadt, wo ich in einem älteren Gebäude ein Zimmer gefunden hatte, ein beeindruckender chinesischer Friedhof, ein quirliges Leben in den Neubaugebieten in der Nähe der Küste. Aber ich hatte praktisch alles gesehen, was ich sehen wollte, und hatte keine Lust mehr, abends mit anderen »Traveller«-Leuten aus Europa und Amerika herumzusitzen und Bier zu trinken.
Die Busfahrt war sehr angenehm. Im Bus liefen Filme – ich sah zum ersten Mal bei dieser Reise »Con Air«, den ich am Ende fast schon mitsprechen konnte –, und ich sah viel von der Gegend, wenn ich nicht gerade vor mich hindöste. Es war eine weitere schöne Etappe auf dieser Reise, die viele Höhepunkte zu bieten hatte.
27 Oktober 2022
Mit Ekspres Bahagia
Wie es sich herausstellte, war es am einfachsten, mit dem Schiff zu fahren: von Insel zu Insel gewissermaßen: Am 7. Januar 1999 bestieg ich die Fähre und reise mit dieser von Penang nach Langkawi, also von der einen malaysischen Insel zur anderen, beide eher im Norden des Landes gelegen. Von Langkawi aus war es dann auch nicht mehr weit bis zur thailändischen Grenze, buchstäblich nur ein Steinwurf von der Nordküste entfernt begann das Nachbarlang.
Die Reise mit der Fähre war angenehm. Das Wetter war schön, die Sonne schien, wir waren einige Stunden bei Tageslicht unterwegs. Ich saß die meiste Zeit auf dem Oberdeck, wenngleich eher im Schatten, wo ich immer wieder aus meiner Wasserflasche trank und mir ansonsten sowohl die Mitreisenden als auch die Umgebung ansah.
Mit mir reisten Einheimische und Rucksacktouristen. Die meisten Reisenden hatten einen Reiseführer von »Lonely Planet« dabei; einige Amerikaner in meiner Nähe unterhielten sich über die Ziele, die sie auf der Insel ansteuern wollten. Ich hielt mich aus diesen Gesprächen heraus und wollte lieber allein bleiben – denn nach wie vor kam ich nicht damit zurecht, in einem Paradies der Rucksackreisenden unterwegs zu sein …
16 September 2022
Im Hotel in Bencoolen
Das war aber eines der Ziele meines Aufenthalts in dieser Stadt: Weil mein Roman zu einem großen Teil in Singapur spielen sollte, musste ich unterschiedliche Teile der Metropole sehen.
Gegen Ende meines Aufenthaltes mietete ich mich in einem Hotelkomplex ein, der zur Kette »Hotel 81« gehörte und sich in der Innenstadt erhob. Die Bencoolen Street war für mich verkehrsgünstig: Von hier aus kam ich zu Fuß überall dorthin, wo ich hinwollte, vor allem zu den öffentlichen Verkehrsmitteln und zu den Plätzen, wo ich recherchieren, schreiben und Leute beobachten konnte.
Das Hotel selbst war nicht so brillant, was ich aber im Voraus schon wusste. Mein Zimmer war preiswert, lag aber innen. Anders gesagt: Ich hatte kein Fenster, durch das ich ins Freie gucken konnte. Da ich im Zimmer ohnehin nur schreiben und schlafen wollte, war das nicht weiter schlimm. Das Zimmer war sauber, und das Personal war freundlich – was wollte ich mehr?
Es gab sowieso genug zu tun: Auf der anderen Straßenseite befand sich ein großes Restaurant, wo ich abends oft saß und noch ein Bier trank, manchmal auch zwei. Ich gewöhnte mich an Eiswürfel im Bier, was ich mir in Deutschland nie hätte vorstellen können. Aber es war abends immer noch so warm, dass man sehr schnell hätte trinken müssen.
Nun ... das ist dann wohl eine andere Geschichte über das Hotel 81 in der Bencoolen Street ...
27 Januar 2022
Was bedeutet hier PR?
Ich hielt an, wir kamen ins Gespräch. Schon bei meinen ersten Aufenthalten in Singapur war mir die Freundlichkeit vieler Menschen aufgefallen. Das war an diesem Januar 2007 offenbar nicht anders. Und weil es vom Changi Airport in die eigentliche Innenstadt recht weit war, fand ich die Idee, nach langem Flug das Taxi zu nutzen, nicht schlecht. Wir wurden uns rasch einig, wer welche Kosten zu tragen hatte.
Mein Mitreisender stieg auf der Hälfte der Strecke aus, ich fuhr mit dem Taxi weiter. Weil ich vorne saß, kam ich mit dem Fahrer ins Gespräch, einem gemütlich wirkenden Chinesen, der ein gut verständliches Englisch sprach.
Als sein Handy klingelte, ging er ran. »Es ist meine Frau«, sagte er mit einer um Entschuldigung bittenden Miene. Ich nickte, und er sprudelte eine Mischung aus Englisch und Chinesisch in sein Handy, von der ich kein Wort verstand.
Nachdem er sein Gespräch beendet hatte, fragte er mich, woher ich komme. Ich erzählte, ich sei aus Deutschland. Er brachte die paar deutschen Worte an, die er im Laufe der Jahre gelernt hatte – »guude Tach« und dergleichen –, wir amüsierten uns gemeinsam darüber.
»Welche Sprache haben Sie eben benutzt?«, fragte ich dann. »Ich habe kein Wort verstanden. Es klang irgendwie Englisch, aber manchmal …«
Er lachte. »Ich spreche schon Englisch, aber es ist eher Singlish, unser Singapore Englisch. Und das versteht kein Mensch, der nicht in Singapur aufgewachsen ist.«
Er erzählte von Singapur. »Hier wohnen 4,5 Millionen Menschen, das ist sehr viel. Wir kommen aus allen Rassen und aus allen Religionen.« Er benutzte das Wort »race« mit einer Selbstverständlichkeit, die in Europa kaum vorstellbar wäre, die aber in Asien eine andere Wrbung hatte. »Davon sind aber nur drei Millionen echte Bürger, die anderen sind Permanent Residents, also Leute mit einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis.«
»Die haben dann kein Wahlrecht, oder?«
»Na ja, Wahlrecht.« Er winkte ab, Politik war offenbar nicht sein Thema. »Permanent Resident, das heißt abgekürzt PR. Manche sagen auch, das heiße in Wirklichkeit Poor Resident.«
Und er lachte erneut. Ich fiel in das Lachen ein, sagte ihm aber nicht meinen Grund. Für mich war »PR« letztlich die Abkürzung für die Science-Fiction-Serie, für die ich arbeitete. Aber weil ich im Urlaub war, wollte ich das Thema nicht weiter vertiefen.
»Wie läuft das Zusammenleben in der Stadt denn so?«, fragte ich. Bei meinen vorherigen Besuchen in der Stadt hatte ich in Little India gewohnt, in einem von Indern betriebenen Hostel; mein Blick war dadurch geprägt gewesen.
»Das ist gut, wirklich gut.« Mein Fahrer strahlte über das ganze Gesicht. Der Grund, warum es in Singapur trotz der vielen Kulturen und der vielen unterschiedlichen Menschen so friedlich sei, führte er auf einen Grundsatz zurück: »Sprechen Sie nie über Religion. Sie können Ihre Religion ausüben, aber reden Sie nicht darüber und bekehren Sie niemanden. Dann bleibt es friedlich.«
Ich fand, das klinge nicht unvernünftig, und pflichtete ihm bei. Er schien das auch auf die Politik zu beziehen, aber dazu fragte ich ihn nicht mehr.
»Schauen Sie hier«, sagte er und wies auf eine große Baustelle, an der wir vorüberfuhren. Männer mit gelben Schutzhelmen schwitzten auf einem Gerüst; sie schleppten irgendwelche Gerätschaften über die Leitern nach oben. »Das sind PR-Leute. Sie sind froh, dass sie hier eine gut bezahlte Arbeit haben. Aber es ist eine harte Arbeit, die niemand sonst in Singapur machen würde.«
Ich nickte. Soviel zum Thema volksnaher Unterricht in einer fremden Stadt, dachte ich.
Dann hielten wir auch schon vor dem Hotel an. In den nächsten Tagen und Wochen würde ich meine eigenen Eindrücke von Singapur sammeln können.
(Diesen Text schrieb ich vor genau 15 Jahren; offensichtlich wurde der – obwohl es so geplant war – nicht in meinem Blog veröffentlicht. Dann halt heute …)
23 Januar 2022
Ein Manga über Streber
Zuletzt las ich »We Never Learn«; zum Gratis-Comic-Tag 2020 veröffentlichte der Verlag zu dieser Serie – die es auch schon als Anime-Serie im Fernsehen gibt – ein Gratis-Heft. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein strebsamer Jugendlicher, der unbedingt ein Vollzeitstipendium erhalten möchte, weil er nur so seine vaterlose Familie unterstützen kann, muss zwei klugen Mädchen Nachhilfe geben. Das riecht nach sozialen und persönlichen Verwicklungen – die drei Jugendlichen rutschen in eine Mischung aus emotionalem und schulischem Stress.
Das erste Heft stellt die drei Hauptfiguren vor. Alle drei sind echte Streber; sie sind in ihren Fächern echte Experten, sie wollen immer besser werden, und sie konkurrieren mit anderen um die besten Noten. Als ich selbst noch zur Schule ging, hätte ich solche Charaktere nicht ansprechend gefunden; das scheint heute junge Leute zu interessieren. Die Geschichte geht auf jeden Fall kurzweilig los, und es ist schon klar, in welche Richtungen es weitergehen kann.
Erzählt ist das ganze flott und auch gut; wenn man halt auf Streber und ihre strebsamen Ziele steht, versteht sich … Taishi Tsutsui weiß, wie man eine Schülerkomödie erzählt, und ich bin sicher, dass solche Geschichten bei manchen Jugendlichen gut ankommen.
Künstlerisch reißt es mich nicht vom Hocker. Es sind die üblichen Manga-Zeichnungen mit weit aufgerissenen Augen und Mündern. Wer das mag, wird hier seine Freude haben. Ich komme damit, wie eingangs erwähnt, nicht sonderlich klar.
Aber hier bin ich ja auch eindeutig nicht die Zielgruppe …
08 Juli 2021
Ein Häusle für mich allein
Ich setzte mit der Fähre vom Festland aus über, fuhr mit dem Bus einmal quer über die Insel und quartierte mich in einem winzigen »Hotel« ein, in dem man als Einzelperson oder auch paarweise kleine Häuser bewohnen konnte. Mit dem spitzen Dach sahen sie ein wenig aus wie Häuser in Mitteleuropa; sie standen auf Stelzen – und das war's.
Viel Platz war nicht in dem kleinen Haus. Eine Toilette oder Strom gab es nicht; Wasseranschlüsse standen nur im zentralen Gebäude zur Verfügung.
Aber eigentlich brauchte ich es ohnehin nur, um mein Gepäck sicher zu verwahren und nachts einen Schlafplatz zu haben. Tagsüber gammelte ich am Strand herum – wo ich unter anderem den Roman »Hot-Zone« von Richard Preston las, den ich mir von einer deutschen Touristin auslieh –, wenn ich nicht mit dem Rad über die Insel fuhr oder mich mit Leuten unterhielt.
Es waren schöne Tage in Langkawi. Auch wenn ich mir regelmäßig den Kopf an der Decke meines Häusles anschlug ...
23 April 2021
Ungewöhnliche chinesische Bildergeschichte
Im vergangenen Jahr erschien im Rahmen des Gratis-Comic-Tages beispielsweise »Mein Weg« von Jidi. Dabei handelt sich um eine junge Künstlerin, die eine ungewöhnliche Art hat, ihre Geschichten zu erzählen. »Mein Weg« ist ein längerer Zyklus aus Geschichten, die wohl teilweise autobiografisch sind.
Das Gratis-Heft präsentiert zwei Kurzgeschichten aus diesem Zyklus. Beides Mal sind ein mysteriöser alter Mann und ein junges Mädchen miteinander unterwegs; er zeigt ihr diverse Dinge und erläutert sie ihr. Beispielsweise geht es um eine Sängerin, die in einer unbedeutenden Seitengasse zu singen anfing, dann richtig berühmt wurde, nach einem Jahr aber freiwillig wieder in einem kleinen Lokal singen möchte.
Die Geschichten sind ein wenig traurig, und sie werden ohne jegliche Action und Spannung erzählt. Es gibt keine schnellen Bewegungen, keine Sprechblasen, nichts von dem, was man von den üblichen Comics her kennt. Das ist originell, packte mich aber nicht – da merkt man meine kulturelle Prägung sehr deutlich.
Die Zeichnungen sind hübsch: sehr aquarellig, sehr pastellig, auch sie ohne Action und Geschwindigkeit. Dabei ergibt sich ein spezieller Reiz; ich finde sie hübsch, aber ein wenig langweilig.
Alles in allem ist »Mein Weg« ein interessantes Heft, wenngleich sooooo so interessant für mich, dass ich mehr drüber wissen will. Ich wiederhole das, was ich am Einstieg dieses Textes schrieb: Es eröffnet einen Blick in eine fremde Kultur – und danach sehe ich selbst, ob es mir gefällt oder nicht.
23 Januar 2021
Indische Filme mit Herz und Hirn
Sogar bei den Filmen bin ich eher skeptisch: Bollywood-Filme sind für mich vor allem vielen Tänzen und lauter Musik verbunden. In einem vergleichsweise überschaubaren Zeitraum habe ich aber zwei Filme aus Indien gesehen, die ich sehr unterhaltsam fand, die mir einen Einblick in die indische Kultur gaben. Die möchte ich allen Leuten empfehlen, die gern mal über den Tellerrand gucken.
(Wobei ich mir vorstellen könnte, dass mir Experten dieser Kultur sagen würden, die zwei Filme seien stark an die europäische Denkweise angepasst. Aber das ist jetzt geraten.)
»Die Schneiderin der Träume« kam im Januar 2019 in die deutschen Kinos, ich bekam natürlich nichts von ihm mit. Es ist der Debütfilm einer Regisseurin, die in einer sehr unterhaltsamen Geschichte die Klassenunterschiede in Indien zeigt: Ratna ist eine junge Witwe, die als Hausdienerin bei einem Millionär arbeitet. Der verhält sich am Anfang eher desinteressiert, zeigt dann aber seine menschliche Seite. Der Film zeigt keine Liebesgeschichte, lässt am Ende aber eine gewisse Hoffnung – und liefert eine Reihe von wirklich großartigen Szenen aus der Großstadt sowie von der dörflichen Herkunft der beiden Hauptfiguren. Toll!
Großartige Einblicke in das indische Alltagsleben gibt der Film »Lunchbox«, der 2013 in die Kinos kam; auch dieser deutet eine Zuneigung an, verzichtet aber auf eine Liebesgeschichte. Hauptfigur ist Ila, die für ihren Mann kocht. Sein Mittagessen wird über zahlreiche Zwischenstationen bis in sein Büro geliefert – der Weg der Lunxhbox faszinierte mich mehrfach. Dann aber geht etwas schief, und ein trauriger Witwer bekommt die Box. Zwischen dem Witwer und der verheirateten, aber recht einsamen Frau entwickelt sich eine Korrespondenz, aus der vielleicht mehr werden könnte. Der Film zeigt in wunderbaren Szenen das Alltagsleben gesellschaftlicher Schichten – ziemlich großartig!
09 September 2020
Die Klingen der Wächter
Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2020«
Mit Comics aus Fernost tue ich mich immer noch schwer, das muss ich vorausschicken. Deshalb sah ich mir »Die Klingen der Wächter« besonders genau an – ich meine damit natürlich das Heft, das ich beim Gratis-Comic-Tag 2020 erhielt. Veröffentlicht wurde es vom Schweizer Verlag Chinabooks.
Erzählt wird von einem geheimnisvollen Mann namens Daoma, der offenbar durch die Gegend streift – wie in einem Western –, sich mit diversen Leuten anlegt und ein seltsames Kind mit sich führt. Er trifft auf Männer, die ihn angreifen, und wird am Ende auch noch mit unheimlichen Erscheinungen konfrontiert.
Dieser Comic stammt von dem Zeichner und Autor Xu Xianzhe, Jahrgang 1984, der erst seit einigen Jahre in der Comic-Branche unterwegs ist, sich aber mittlerweile in Japan und China großer Beliebtheit erfreut. Seine Geschichte – sofern ich sie nach dem Gratis-Heft beurteilen kann – erzählt er schnell und mit wenigen Worten, es gibt viel Action und eine Reihe von echt knalligen Szenen.
Die Zeichnungen sind schwarzweiß, sie wirken vor allem bei der Action oft sehr schroff, gleichzeitig aber voller Energie. Mir gefallen sie nicht sonderlich, ich finde sie oft schlampig – aber das ist wohl Geschmackssache. Der Manhua-Stil des chinesischen Künstlers erinnert mich an action-geladene Mangas für Erwachsene aus Japan; und wer so etwas mag, sollte auch an »Die Klingen der Wächter« seine Freude haben.
Ich fremdle damit weiterhin. Das liegt sicher daran, dass ich mit Abenteuer-Comics der frankobelgischen Tradition aufgewachsen bin und mir Mangas oder Manhuas wohl immer ein wenig fremd bleiben werden …
19 Juni 2020
Brillante Science-Fiction-Idee
Die Erzählung spielt in einer Zukunft, die nicht so weit von heute entfernt ist: In einigen Dutzend Jahren hat sich die Bevölkerung in Peking derart erhöht, dass man nicht mehr für alle Menschen genügend Arbeit und Wohnraum hat. Also hat man sich entschlossen, die Stadt zu dritteln: Sie faltet sich gewissermaßen, sie baut sich in regelmäßigen Abständen um. Und während sie sich umgruppiert, gehen die Menschen schlafen. Sie sind also nur wach, während ihr Drittel oben ist.
Das klingt jetzt seltsam, wird in der Erzählung aber sehr interessant und auch spannend dargestellt. (Die technischen Details verschweigt uns die Autorin, die sind aber auch nicht so wichtig, wenn es sich um eine Erzählung handelt, die sich auf gesellschaftliche Aspekte konzentriert.) Sie wird aus der Sicht eines Arbeiters geschildert, der aufgrund einer Botschaft aus dem völlig verdreckten und überfüllten dritten Sektor – in dem er hart malochen muss und nur acht Stunden am Stück wach sein kann – damit anfängt, die anderen Sektoren zu bereisen.
Er erreicht den zweiten Sektor, der ihm schon wie ein Paradies vorkommt, und den ersten Sektor, in dem Peking wie eine Parklandschaft wirkt. Überall trifft er auf andere Menschen und lernt die Lebensbedingungen kennen. In kurzen Sequenzen zeigt die Autorin die unterschiedlichen Verhältnisse dieser dreigeteilten Millionenmetropole. Damit bleibt sie, was das Innenleben ihrer Figur angeht, recht blass; der »Held« verhält sich eher emotionslos und gelassen, scheint sich über die himmelsschreienden Ungerechtigkeiten kaum zu ärgern.
Hao Jingfang ist in China eine Bestsellerautorin; ich habe aber keine Ahnung, wie ihre anderen Texte sind. »Peking falten« leuchtet vor allem durch die originelle Idee, nicht unbedingt durch die Dialoge oder den Charakter der Hauptfigur. Insofern erinnert diese Geschichte an die klassische Science Fiction, die ebenfalls vor allem ideengetrieben war.
Wer mag, kann die Geschichte als Dystopie betrachten – so machen es ja gerne Leute, die keine Lust auf Science Fiction haben –; man kann sie ebenso als Gedankenspielerei sehen. Ich halte »Peking falten« für sehr lesenswert: ein Text mit einigen Überraschungen, der sich leicht und flott lesen lässt. Und der ganz nebenbei einige aktuelle politische Themen in einer eleganten Weise behandelt …
Lohnt sich!
(Das E-Book ist übrigens unschlagbar günstig. Wer sich also nicht auf das gedruckte Taschenbuch einlassen möchte, sollte sich kurzerhand das E-Book sichern. Sowohl das E-Book als auch die gedruckte Ausgabe gibt's überall im Buchhandel, auch in meinem liebsten Shop.)
24 November 2019
Ein Tempel in Geylang
Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«Während meines Aufenthaltes in Singapur wechselte ich mehrfach das Hotel. Dadurch kam ich in unterschiedliche Stadtviertel, was ich spannend und wichtig fand: Für meinen Roman wollte ich ja diverse Seiten der Metropole kennenlernen und sie sinnvoll in die Handlung einbauen.
Einige Tage und Nächte wohnte ich in Geylang, einem Viertel, das einerseits stark von seiner muslimischen Bevölkerung geprägt war und sich andererseits als ein streckenweise schmuddeliges Ausgehviertel der Stadt erwies. Ich hatte nicht erwartet, in Singapur einen Straßenstrich und Drogenhandel anzutreffen, zumindest nicht in diesem Ausmaß.
Die Kneipen und Bars in manchen Seitenstraßen des Viertels wirkten grell, und die Menschen, die sich vor der Tür aufhielten, machten nicht immer den besten Eindruck. Bei meinen nächtlichen Spaziergängen in Geylang – quasi von Metrostation zu Metrostation – sah ich viel und bekam ich viel mit, selten fotografierte ich.
Was mich allerdings dann überraschte, war der Anblick eines Tempels. Zwischen Bars, die eher anrüchig wirkten, bildete er einen Fremdkörper. Gleichzeitig wirkte er grell, überhaupt nicht religiös nach den Begriffen eines Mitteleuropäers ...
10 November 2019
In Raffles Café
Als ich anfing, im Vorfeld meiner Singapur-Reise ein wenig zu recherchieren, wurde mir schnell klar, dass ich im Raffles Hotel einige Szenen spielen lassen würde. Das Szenario war für den Roman, den ich plante, wie geschaffen. Ich hatte das Hotel bei meinen ersten Besuchen in den späten 90er-Jahren schon bewundert, jetzt wollte ich es mir genauer ansehen.
Wie es sich für einen Touristen gehört, setzte ich mich auch in das Raffles Café – allerdings in den Außenbereich. Ich trank Wasser und Café, ich sah den Leuten zu, und ich machte mir viele Notizen. (Das gesamte Café bildete übrigens nur den Hintergrund für eine einzige Mikro-Szene in meinem Romanprojekt.)
Im Innern des Cafés saß ich nicht, der Außenbereich genügte meinen Ansprüchen. Es ging eine frische Brise, es roch nach Kaffee, das Stimmengewirr um mich herum ertönte in den unterschiedlichsten Sprachen, und ich kam mir vor wie in einem Film, der im Kolonialzeitalter spielte.
Auf Firlefanz wie ausgefallene Cocktails verzichtete ich; das brauchte ich nicht. Ich sammelte meine Eindrücke, die brauchte ich – und so blieb es bei einem einzigen Besuch im »Raffles Café«.
















