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28 August 2026

Verrückte Könige

Ich habe gelegentlich darüber geschrieben, wie gern ich den Podcast »Machtwechsel« höre, bei dem ich versuche, keine einzige Folge zu verpassen. Das liegt nicht daran, dass die Journalistin und der Journalistin, die ihn betreiben, politisch auf meiner Wellenlänge schwimmen – das tun sie nicht immer … –, sondern daran, dass die beiden sehr informiert wirken und ich das Gefühl habe, viele Hintergründe zu erfahren.

Das ist bei vielen anderen Podcasts nicht der Fall: Wenn ich nur Gelaber hören will, stelle ich mich an eine Pommesbude oder gehe zu vorgerückter Stunde in meine Stammkneipe.

Nun aber gibt es eine echte Konkurrenz für »Machtwechsel«. Sie heißt »Mad Kings«, kommt direkt aus der Redaktion der Zeitschrift »Der Spiegel« und stellt sich eher ein bisschen linksliberal auf. Wo also »Machtwechsel« eher konservativ daherkommt und sich manchmal zurückhält, wird »Mad Kings« klar: Hier wird die AfD klar als »rechtsextrem« bezeichnet, während man bei »Machtwechsel« gern den Begriff »rechtspopulistisch« benutzt.

Britta Sandberg arbeitete lange Jahre als Auslandskorrespondentin; ihr Kollege Christoph Hickmann leitet das »Hauptstadtbüros« der Zeitschrift. Beide haben also durchaus Ahnung von Politik und ganz offensichtlich auch klare Meinungen. Das finde ich gut.

In der ersten Folge, die in dieser Woche veröffentlicht wurde und die ich mir anhörte, geht es vor allem um die AfD, ihre Kontakte zu Russland und zu Putins Machtapparat sowie die anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt. Ich fand das spannend und werde mir sicher auch die nächste Folge anhören. Und dann muss ich schauen, wie ich drei Polit-Podcast-Folgen pro Woche schaffen kann …

(Ach ja: »Mad Kings« gibt es überall da, wo man Podcasts hören kann.)

15 Juli 2026

Popkultur und Autokraten

Der Autor Georg Seeßlen ist mir nicht persönlich bekannt, seine Texte lese ich aber seit vielen Jahren gern. Sie erscheinen in Zeitschriften und Zeitungen, und sie behandeln meist Themen, die im weitesten Sinne popkulturell sind. Mit seinem Buch »Trump & Co.« stellt er den amerikanischen Präsidenten und sein Umfeld in das Umfeld der Popkultur und macht klar, aus welchen Quellen sich die modernen Autokraten speisen.

In seinem aktuellen Buch stellt er natürlich auch die Absichten von Donald Trump und anderen Autokraten vor. Er zeigt, wie sie sich entwickelt haben und wo ihre Grundlagen sind. Sie sind für ihn Volkstribune, die dazu angetreten sind, angeblich für »das Volk« zu sprechen und dessen Willen umzusetzen. Seeßlen erläutert zudem, wie sehr ihr Aufstieg und ihr Auftreten verbunden sind mit Filmen und den wichtigen Figuren bekannter Kinofilme.

Als Beispiel zitiere ich Seeßlen: »Wie Jesse James oder Al Capone ist auch Trump nicht vorstellbar ohne eine Gang, die aus loyalen Mitkämpfern, Fußtruppen und Dolls besteht.« Trump und andere Autokraten inszenieren sich, sie reihen sich ein zwischen Outlaws, die gleichzeitig für »ihre Leute« streiten. Das machen sie seit Jahren so gut, dass ihre Propaganda bei Millionen von Menschen verfängt.

An manchen Stellen finde ich den Autor und seine Argumentation sehr verkopft; da braucht man das bildungsbürgerliche Vokabular von Leuten, die über ein abgeschlossenes Studium verfügen. An vielen Stellen finde ich seine Argumentation überzeugend. Ich mochte bei der Lektüre vor allem die Hinweise auf die Popkultur, ebenso die Parallelen zu anderen Autokraten etwa in Argentinien.

Wer nach einer Trump-Biografie sucht, ist hier ebenfalls falsch wie jemand, der die rein sachlichen Hintergründe der Trump-Politik erläutert haben möchte. Das Sachbuch erweitert aber bisherige Kenntnisse um originelle Sichtweisen – das fand ich unterhaltsam und erhellend zugleich.

22 Juni 2026

Wenn die Agenten übernehmen

Ich lese in jüngster Zeit immer wieder Artikel und Interviews, in denen es um die Zukunft des Handels geht. Wie wird sich der verändern, wenn sich verschiedene KI-Lösungen stärker durchsetzen und von den Shops als »normal« eingesetzt werden? Da Nutzer und Kunden oft faul sind, liegt es nahe, dass sie bald zum Einkaufen einen KI-Lösung nutzen und sich beispielsweise von Gemini oder einem anderen Hilfsmittel unterstützen lassen.

Beim Einkaufen auf dem Wochenmarkt wird das wohl nie sinnvoll sein; Obst und Gemüse will man sich schließlich vor dem Kauf noch genauer anschauen. Aber wer ohnehin bereits bei Zalando seine Klamotten oder bei Conrad irgendwelche Elektroniksachen kauft, für den gehört es sicher bald zur Normalität, die KI zu fragen.

Bekanntlich leiden Suchmaschinen wie das allgegenwärtige Google bereits unter den KI-Lösungen: Viele Nutzer gehen auf die »Informationen« der KI ein, diese reichen ihnen, und sie klicken dann nicht auf einen der Links, die Google anbietet. Damit wird es für viele Firmen nicht mehr sinnvoll, bei Google gut gelistet zu sein, und man wird sich sehr genau überlegen, ob sich Werbung auf Google oder die Suchmaschinen-Optimierung wirklich lohnen.

Aktuell gehen die Leute, die sich für den Online-Handel interessieren und in diesem tätig sind, davon aus, dass künftig KI-Agenten viele Einkäufe erledigen werden. Sprich: Der Kunde geht nicht mehr auf eine Website oder in einen OnlinsShop und sucht dort sein Produkt, sondern er sagt seiner bevorzugten KI, sie möge ihm das Produkt liefern lassen. Sie wählt dann das Produkt aus und bestellt es idealerweise gleich – sie »kennt« ihn ja gut genug und kann seinen Geschmack einschätzen.

Aber was heißt das? Weil eine KI relativ nüchtern entscheidet, wird das Werbe-Blabla auf einmal nicht mehr so wichtig sein. Von zentraler Bedeutung sind dann echte Fakten – die kann man auch zusammentricksen, schon klar –, nach denen die KI auswählt.

Ich gestehe, dass ich auf all diese Entwicklungen persönlich keine Lust habe, dass ich sie aber – wenn ich von außen drauf gucke – sehr spannend finde. Wir leben in einer Science-Fiction-Welt. Aber in einer Science-Fiction-Welt, in der ich nie leben wollte.

Ich wollte die Science-Fiction-Welt mit 20-Stunden-Arbeitswoche und Urlaub auf dem Mond, mit fröhlichen kleinen Robotern und schwebenden Autos. Was wir jetzt bekommen, ist leider eher die Science-Fiction-Welt, die mir immer als negativ präsentiert wurde … Schauen wir mal.

08 Mai 2026

Ein Sonderheft über Reichsbürger

Immer mal wieder bestelle ich bei der Bundeszentrale für politische Bildung gedruckte Publikationen; manchmal sind darunter Ausgaben der Zeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte«, für die es die wunderbare Abkürzung »APuZ« gibt. Die »APuZ«-Ausgabe 47-48/2025, die bereits im November 2025 veröffentlicht wurde, ist ein 48 Seiten starkes Heft, das sich mit den sogenannten Reichsbürgern beschäftigt.

Die nahm ich selbst bis vor zehn Jahren ebensowenig ernst, wie das die Sicherheitsbehörden taten. Für mich war das ein Haufen von Bekloppten, die den Kaiser wiederhaben wollten. Mittlerweile ist sicher, dass die angeblich Bekloppten auch im Besitz von Waffen sind und teilweise einen Umsturz planten. Diese »APuZ«-Ausgabe fasst die unterschiedlichen Strömungen der Reichsbürger sehr gut zusammen.

Ein Artikel in diesem Heft beschäftigt sich mit dieser Gruppe Reuß, die den Umsturz plante. Weitere Beiträge gehen auf die Geschichte und die Strömungen der Bewegung ein. Auch die Zusammenhänge zur Esoterik werden klar benannt.

Besonders lesenswert fand ich ein Interview mit einem Mann, der zeitweise in der Verwaltung von Magdeburg beschäftigt war und viel mit Reichsbürgern zu tun hatte. Er erlebte aus seiner Perspektive, wie abgedreht und auch gefährlich diese Leute sein können.

Eine lohnenswerte Lektüre!

13 März 2026

Karten und eine detailreiche Lektüre

Die Publikationen der Heinrich-Böll-Stiftung zeichnen sich seit Jahren durch ihre hochwertige Art aus: Jeder Artikel ist übersichtlich geschrieben und gegliedert, dazu kommen Karten oder anschauliche Grafiken, die den Inhalt ergänzen. Das gilt auch für die aktuelle Publikation, die den etwas verwirrenden Titel »Konzernatlas« trägt.

Damit man nicht glaubt, es gehe um Konzerne etwa in der Stahl- oder Informationsbranche, muss unbedingt den Untertitel betrachten: »Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie«.

Ich fand die Lektüre trotz der nüchternen Sprache und der Konzentration auf Fakten sehr spannend. Leider ist sie nicht unbedingt dazu geeignet, den Appetit zu fördern. Es wird immer wieder klar, wie sehr wie in unserem täglichen Konsum von Lebensmitteln davon abhängig sind, was uns die großen Konzerne auftischen. Die Marktmacht der Konzerne ist größer als die der Bauern, die zu Recht verärgert sind; sie ist auch größer als die von kleinen Läden oder Verbrauchern.

In den jeweiligen Beiträgen geht es um die Macht dieser Konzerne, etwa mit Saatgut die kleinen Bauern unter Druck zu setzen. Gezeigt wird, wie die Natur immer mehr als Ware betrachtet wird, aber auch, wie beispielsweise China seinen Einfluss ausweitet.

Das Heft belässt es nicht nur bei kritischen Berichten. Es wird ebenfalls klar, dass es so etwas wie »Ernährungsdemokratie« gibt. Als Verbraucher und mündiger Bürger kann ich schließlich selbst bestimmen, was ich esse – zumindest in der westlichen Welt kann ich an vielen Stellen entscheiden, ob ich einen multinationalen Konzern oder einen lokalen Hersteller unterstütze. Manchmal ist das nicht einfach, vor allem aus finanziellen Gründen. Das Heft bietet eine Reihe von Grundlagen für eigenständige Entscheidungen.

Der »Konzernatlas« ist 50 Seiten stark, im A4-Format gehalten und mit zahlreichen Illustrationen ausgestattet. Man kann ihn bei der Heinrich-Böll-Stiftung kostenlos herunterladen oder auch in gedruckter Form bestellen.

09 März 2026

Schmutz- oder Hass-Kampagne?

Die Wahl in Baden-Württemberg ist vorüber, die Stimmen sind ausgezählt. Mit einem echt hauchdünnen Vorsprung hat der Kandidat der Grünen gewonnen. Ein türkischstämmiger Schwabe aus einer kleinen Stadt am Rand der Schwäbischen Alb wird wohl künftig »das Ländle« redigieren. Das finde ich als Schwabe gut.

Worüber ich mich am gestrigen Abend immer mehr ärgerte, während ich die Wahlberichterstattung anschaute, war der Vorwurf, die Grünen hätten eine Schmutzkampagne gegen die CDU geführt, die sogar »unter die Gürtellinie« gegangen sei. Gemeint war das wirklich peinliche Video des CDU-Kandidaten, in dem er sich vor acht Jahren über die »rehbraunen Augen« eines 16 Jahre alten Mädchens ausließ.

Wer ernsthaft behauptet, die Grünen hätten deshalb die Wahl gewonnen, hat in den vergangenen zwei Wochen keine Zeitung gelesen und keine Nachrichten geguckt. Die Christdemokraten haben die Wahl verloren, weil viele Wähler gemerkt habe, wie menschen- und wirtschaftsfeindlich diese Partei ist. Die potenziellen Wähler wurden beschimpft und als faul dargestellt, und die für teures Geld installierten Solaranlagen waren auf einmal nicht mehr viel Wert.

Fakt ist: Die Christdemokraten führen seit Jahren eine extrem zynische Hasskampagne gegen die Grünen. Anders kann man die Ausdrücke wie »Habecksches Heizungsgesetz« und den ideologischen Kreuzzug nicht bezeichnen. Vor allem Leute wie Jens Spahn zeichneten sich zuletzt durch Auftritte aus, bei den ich nur noch den Schaum vor dem Mund vermisste.

Als nächstes erwarte ich von der CDU, dass sie behauptet, die Wahl sei ihr gestohlen worden. So langsam würde mich das nicht mehr wundern ...

24 Februar 2026

Der Machtwechsel wird aktiver

Ich wurde im Verlauf der vergangenen eineinhalb Jahre zu einem echten Fan des Podcasts »Machtwechsel«. Das merkt man daran, dass ich bei diesem Podcast auch Folgen nachhöre, die ich beispielsweise während eines Urlaubs verpasse. Er ist immer hörenswert, und ich bin gespannt darauf, wie sich das Projekt weiter entwickeln wird.

Verantwortlich für den Podcast sind Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander; die beiden waren bis Ende 2025 bei Verlagshäusern angestellt und haben sich mit ihrem Podcast selbständig gemacht. Robin Alexander dürfte für seine häufigen Auftritte im Fernsehen den einen oder anderen Euro erhalten, dazu kommen bei beiden Honorare aus Buchverkäufen, publizistischen Beiträgen und sonstigen Auftritten. Man muss sich wohl keine Gedanken darüber machen, dass einer der beiden demnächst im sozialen Elend landen wird.

Der Podcast gefällt mir deshalb so gut, weil Politik in lebendiger Weise erklärt wird. Da gibt es eben auch Hintergrundberichte zu einem CDU-Parteitag, die mir klarmachen, wie die Abläufe und die »Choreografie« dort sind. So etwas finde ich spannend, und anscheinend bin ich nicht der Einzige, der das so findet. Die beiden Journalisten hatten sogar den Bundeskanzler zum exklusiven Interview, das ich mir übrigens komplett anhören konnte.

Ganz klar: Die beiden sind nicht »links«, was immer das in diesen Zeiten auch heißen mag. Sie sind konservativ und beziehen durchaus mal Stellung; die Analysen des Politikbetriebs sind aber immer klarsichtig und journalistisch sauber.

Derzeit ist tatsächlich spannend, wie die beiden ihren Podcast ausbauen: Künftig soll er zweimal wöchentlich erscheinen; man will eine Community aufbauen und bietet ein eigenständiges Abonnement-Modell an. Schauen wir mal, wie sich das alles umsetzen lässt!

(Ach ja: Wer das auch mal anhören mag, gucke bei Spotify oder sonstwo nach dem Podcast. Man findet ihn überall dort, wo man auch sonst Podcasts finden kann.)

05 Februar 2026

Schwäbisch wählen

Wir kamen im Gespräch von einem Thema zum anderen, und so landeten wir tatsächlich bei der Landtagswahl. »Weißt du schon, was du wählen wirst?«, fragte mich mein Bekannter. »Oder wirst du ungültig wählen, weil du eh mit allen Politikern unzufrieden bist?«

Ich überlegte kurz, ob ich ernsthaft antworten wollte, und entschied mich zu: »Ich wähle schwäbisch.« Weil mein Gegenüber verwirrt guckte, schob ich nach: »Ich wohne zwar in der badischen Hauptstadt, bin aber als Schwabe sozialisiert worden. Also wähle ich schwäbisch.«

Mein Bekannter war noch verwirrter als vorher. »Du willst die CDU wählen? Den Hagel?«

»Nein-nein.« Ich winkte ab. »Der kommt zwar aus Ehingen, aber der schwätzt kein richtiges Schwäbisch; bei ihm klingt das immer wie so Honoratioren-Schwäbisch, immer ein bisschen gebildet.«

»Und dann?«

»Na ja, den Özdemir halt.« Ich wechselte in das breite Schwäbisch, das ich als Kind im Dorf gesprochen hatte und nur noch zu speziellen Gelegenheiten auspackte. »Der Mann kommt aus Bad Urach, also vom Rand der Schwäbischen Alb, und der kann breiter schwäbisch schwätzen als ich.«

»Und das ist dein Grund? Echt?«

»Na ja, in einer Zeit, in der politische Inhalt eh nichts mehr zählen, gehe ich auf die echten Werte. Und das ist Schwäbisch.« Ich lachte.

Mein Gegenüber schüttelte nur den Kopf. »Du bist echt blöd.«

04 Februar 2026

Wenn die Linke lautstark schweigt

Im vergangenen Jahr gab es eine Reihe von Demonstrationen, in denen Menschen, die sich selbst als links verstanden, gegen die israelische Politik und vor allem den Krieg im Gaza-Streifen auf die Straße gingen. Sie demonstrierten gegen den angeblichen Völkermord; die bei diesen Demonstrationen getroffenen Aussagen waren teilweise sehr grenzwertig, um es vorsichtig zu formulieren.

Ich muss mir derzeit echt überlegen, wie ich mich zu linken Gruppierungen verhalte. Zuletzt verließ ich Demonstrationen, weil palästinensische Fahnen wehten; ich verstehe bis heute nicht, was die auf einer Demo gegen deutsche Nazis zu suchen haben.

Was mir in diesen Tagen aber auffällt: Es gibt sowieso keine solidarischen Demonstrationen zu den Menschen, die im Sudan zu Opfern eines brutalen Kriegs und womöglich von Völkermord werden. Es gibt aber auch keine solidarischen Demonstrationen zum Iran, wo Tausende von Menschen, vielleicht sogar Zehntausende, massakriert worden sind, nur weil sie demonstrierten.

Das scheint niemanden zu interessieren. Das verstehe ich nicht. Zwar hege ich den einen oder anderen Verdacht, aber den würde ich nie laut äußern. Trotzdem frage ich mich: Warum schweigen die Leute, die sich als links verstehen, zum Massenmord im Iran und im Sudan?

23 Januar 2026

Ein Sonderheft zur amerikanischen Lage

Die Zeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte«, kurz »APuZ«, wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt normalerweise der Wochenzeitung »Das Parlament« bei. Einzelne Ausgaben kann man sich aber bei der Bundeszentrale bestellen, was ich gelegentlich mache. Zuletzt las ich die Ausgabe 20/2025, die im Mai 2025 erschienen war, und stellte daran schon fest, wie rasend schnell sich die politische Landschaft derzeit entwickelt.

Das Heft beschäftigt sich mit »MAGA«, mit »Make America Great Again«, also der aktuellen Politik in den USA, nachdem Donald Trump zum zweiten Mal als Präsident gewählt worden ist. In welchem Tempo seine Gefolgsleute und er die Vereinigten Staaten umkrempeln, stellen die sieben Aufsätze in diesem Heft dar – und doch ist es in mancherlei Hinsicht bereits veraltet.

Die einzelnen Artikel zeigen auf, welche Vorgeschichte es für die Trump-Truppe gibt. Beleuchtet werden die »Männlichkeit in der amerikanischen Politik« oder eben die Geschichte amerikanischer Nationalismen. Spannend ist natürlich der Blick auf die aktuelle »MAGA«-Bewegung und ihre Auswirkungen nicht nur auf die USA, sondern auch auf den Rest der Welt.

Zwar teilte ich nicht die Schlussfolgerung des Artikels, aber die These, man könnte »Trump als Chance« verstehen, fand ich zumindest bedenkenswert. Es ist halt auch immer eine Frage der Betrachtungsweise – und seit dem Mai 2025 sind eben doch schon einige Monate vergangen.

Trotzdem ist die Lektüre dieser »APuZ«-Ausgabe wieder einmal lohnenswert. Zu bestellen ist das Heft über die Internet-Seite der Bundeszentrale; dort gibt es zahlreiche weitere interessante Publikationen.

21 Januar 2026

Wahlkampf in der Stadt

Seit zwei Tagen starrt mich ein großes Wahlplakat der SPD an, wenn ich aus dem Fenster blicke. Das finde ich nicht nett, auf dumme Sprüche kann ich am frühen Morgen gut verzichten.

In Baden-Württemberg wird ein neuer Landtag gewählt. Und weil der bisherige Oberschlumpf nicht mehr möchte, rüsten sich die jüngeren Schlümpfe zum großen Kampf.

Ich weiß ja schon, wen ich wählen werde, definitiv nicht aus Überzeugung, sondern mehr aufgrund der Suche nach dem kleineren Übel … Mal schauen, wie sich der Rechtsruck bei biederem Badenern, Schwaben oder Franken auswirkt.

19 Dezember 2025

Als der Zeitgeist positiv war

»Wir schaffen das«, sagte der eine Mann. »Das haben sie uns 2015 auch gesagt.« – »Ach, hör bloß auf damit!«, gab der andere Mann zurück. Ich stand direkt daneben und war kurz davor, mich in das Gespräch einzumischen, ließ es aber sein.

2015 haben wir es tatsächlich geschafft. Deutschland schaffte es in diesem Jahr, endlich einmal eine menschliche Seite zu zeigen. Gut eine Million flüchtender Menschen wurde aufgenommen. Die meisten von ihnen kamen rasch in menschenwürdige Unterkünfte, viele von ihnen fanden Arbeit, viele wurden längst deutsche Staatsbürger und tragen zum Gemeinwesen bei.

2015 hatte ich einen kurzen Anflug von Nationalstolz, nur sehr kurz, aber immerhin. Zu diesem Land wollte ich gern gehören: ein Land, das Flüchtlinge aufnahm, ein Land, in dem sich Hunderttausende von Menschen aller politischen Richtungen engagierten, ein Land, in dem man anpackte, um anderen Leuten zu helfen. Das fand ich sympathisch. Der Zeitgeist war endlich einmal positiv und nicht der widerwärtige Griesgram, als den er sich heute präsentiert.

Was danach kam, ist bekannt. Heute tun die Faschisten von der AfD, die Putinisten vom BSW und die Erzreaktionäre bei den sogenannten Parteien der Mitte tatsächlich so, als seien Menschen mit nichtweißer Hautfarbe das zentrale Problem unseres Landes. Als ob man nur genügend von ihnen abschieben müsste, um das Land wieder an irgendeine Spitze zu führen. Als ob man nur der Welt seine hässliche Fratze präsentieren müsste, um im Konzert der Mächtigen mitspielen zu können.

Der Sommer 2015 war positiv. Zehn Jahre später gerät das ein wenig in Vergessenheit, schon klar. Aber diesen Zeitgeist von damals – den wünsche ich mir oft zurück.

03 Dezember 2025

Ein Essay über fehlende Empathie und die Folgen daraus

Der 7. Oktober 2023 schockte mich in mehrfacher Hinsicht: Die unglaubliche Brutalität, mit der die Hamas über israelische Zivilisten herfiel, machte mich fassungslos. Verstörender fand ich allerdings das Verhalten vieler Menschen, die sich als »links« verstehen oder sich für Menschenrechte engagieren – es wurde schnell klar, dass vielen von ihnen jüdisches Leben nichts bedeutete.

An dieser Stelle will ich nicht über den schrecklichen Gaza-Krieg und die offensichtlichen Fehler und Verbrechen der israelischen Führung schreiben; darum geht's hier nicht. Darum geht's auch Jens Balzer nicht, der in seinem Essay »After Woke« über die Erschütterung nach dem 7. Oktober schreibt.

Sein Text ist als Taschenbuch in der Reihe »Fröhliche Wissenschaft« erschienen, die der Verlag Matthes & Seitz herausgibt, und ist streckenweise durchaus komplex. Für jemanden wie mich, der Habermas oder Adorno nie gelesen hat, boten sich bei der Lektüre einige Stolperfallen – ich fand das Büchlein in seiner strengen Beweisführung aber sehr lesbar und vor allem lesenswert.

Balzer zeichnet nach, wie der Begriff »woke« entstanden ist, was er eigentlich bedeutet und warum er sich zu einem Kampfbegriff der Rechtskonservativen entwickelt hat. Er schildert Parallelen zu Befreiungsbewegungen der Schwarzen in den USA und zeigt auf, wieso Teile der antikolonialen Bewegung in Israel einen Vorposten des Kolonialismus und Imperialismus sehen.

Was mir an dem Buch sehr gut gefallen hat, ist die Art und Weise, wie Balzer die Zusammenhänge darstellt. Vieles von dem, was er schreibt, ist und war mir durchaus bekannt; die Zusammenstellung war aber neu und umfassend; das Quellenverzeichnis lädt zur weiteren Recherche ein.

»After Woke« ist ein sehr gutes Debattenbuch, nicht zu umfangreich und auch nicht zu komplex, dessen Lektüre ich allen Leuten empfehlen möchte, die sich für Politik interessieren.

21 Juli 2025

Ein Interview mit Lärm

Ich sah mir das sogenannte Sommer-Interview mit der Chefin der AfD nicht an, ich werde mir auch die Aufzeichnung ersparen. Was Faschisten und andere Rechtsextreme von sich geben, ist eigentlich bekannt, und Alice Weidel steht einer Partei vor, bei der klar ist, welche Ziele und Absichten sie verfolgt. Verwirrend finde ich, dass sich Leute allen Ernstes darüber beschweren, dass das Interview von der Antifa – oder wem auch immer – gestört worden sei.

Man regt sich nicht also über die Tatsache auf, dass die AfD-Chefin in einem Medium ihren Unsinn verbreiten darf, das sie nach einer Machtergreifung mit hoher Wahrscheinlichkeit »abwickeln« oder sonstwie negativ verändern würde. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist eines der Feindbilder Rechtsradikalen – dass dieses Fernsehen diesen Leuten dann immer wieder eine Bühne gibt, ist mir schleierhaft.

Der Versuch, dieses Interview zu stören, mag nicht hundertprozentig demokratisch sein. Ein höflicher Austausch von Argumenten ist das nicht. Aber man kann die erbitterten Feinde der Demokratie nicht dadurch bekämpfen, indem man sie umarmt und ihnen eine wunderbare Bühne zur Verfügung stellt!

Die AfD will die Republik verändern, sie will demokratische Prinzipien aushebeln und vertritt ein rassistisches Gedankengut. Mit solchen Leuten redet man nicht – solche Leute müssen gestört werden, wenn sie auftreten. Wer das nicht kapiert und die Demonstranten nun so stark kritisiert, spielt das Spiel der Rechtsradikalen.

16 Juli 2025

Politisch, gesellschaftlich, lesenswert

Ich gehöre leider zu den Menschen, die sehr kritisch auf die Menschheit ihre Geschichte und ihre Gegenwart sehen. Häufig begegne ich anderen Leuten mit Misstrauen, oft zweifle ich an der menschlichen Gesellschaft. Meine Weltsicht ist eher pessimistisch, fürchte ich, auch wenn ich mir immer wieder selbst vorhalte, dass nicht alles »so schlimm« ist, wie es vielleicht scheint.

Mit dem Sachbuch »Im Grunde gut« legt der niederländische Autor, Journalist und Historiker Rutger Bregman ein Werk vor, das eigentlich das Gegenteil postuliert: So schlimm sind die Menschen gar nicht, wie viele immer glauben. Im Grunde, so der Tenor des lesenswerten und unterhaltsamen Sachbuchs, ist der Mensch gut, viel besser als sein Ruf. Wir leben in einer Welt, die viele positive Elemente aufweist, und sollten uns von den negativen Einflüssen nicht verwirren lassen.

Was im ersten Moment wie albernes Hippie-Geschwafel klingt, wird von Bregman durch zahlreiche Beispiele aus der Geschichte begründet. In der Not halten Menschen auffallend oft zusammen; in Kriegen schießen Soldaten absichtlich daneben; viele historische »Belege« für menschliches Fehlversagen kann man heute ganz anders beurteilen. Und Belege für besonders schreckliches menschliches Verhalten beschreibt Bregman in Einzelfällen sogar als erfunden oder zumindest sehr subjektiv eingefärbt.

Der Autor ist kein naiver Trottel, und er hält auch seine Leser nicht für naiv. Aber seine Belege weisen nach, dass man viele Dinge auf der Erde anders beurteilen kann. Sie zeigen zudem, wie verzerrt das Bild von der Welt ist, dass die Medien ständig zeichnen. Warum das so ist und welche Mechanismen dahinter stecken, erzählt Bregman ebenfalls.

»Im Grunde gut« ist ein erzählendes Sachbuch; es flutscht geradezu bei der Lektüre. Ein sehr umfangreiches Quellenverzeichnis führt zu weiteren Büchern und Artikeln, wo man sich – wenn das Interesse besteht – tiefer und gründlicher informieren kann. Mit seinem geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Ritt durch die Jahrtausende ist dem Autor auf jeden Fall ein Werk gelungen, das ich nur empfehlen kann.

Starke, unterhaltsame und aufmunternde Lektüre! Genau das, was man in diesen so düster wirkenden Zeiten brauchen kann ...

11 Juli 2025

Dreißig Jahre nach Srebrenica

Heute ist es dreißig Jahre her, dass im ehemaligen Jugoslawien ein Massenmord verübt wurde, der in den meisten Medien in unserem Land ignoriert wurde und der heute fast vergessen ist. Ich weiß noch, dass ich vor allem in der »taz« und in der Zeitschrift »pogrom« darüber las. In den Nachrichten waren die dauernden Konflikte in Ex-Jugoslawien schon gar kein Thema mehr

Der Massenmord an über 8000 Zivilisten, der buchstäblich unter den Augen der UN-Truppen verübt wurde, machte mich damals fassungslos. Wie konnte das geschehen, und warum wurde das nicht verhindert? Bis heute sind die Überlebenden traumatisiert, während die meisten Täter ohne Probleme in ihr vorheriges Leben zurückkehren konnten.

Dank der zähen Arbeit von Menschenrechtsorganisationen konnten wenigstes einige der Täter vor Gericht gestellt werden. Es gibt mittlerweile Denkmäler, die an das Gemetzel erinnern, und viele der Toten haben ein Grab erhalten. Das ändert nichts an den schrecklichen Taten, aber es sorgt vielleicht dafür, dass sie nicht ganz vergessen werden.

Ich bin sicher, dass die meisten Leute nicht mehr wissen, was Srebrenica war. Die aktuellen Kriege im Nahen Osten oder in der Ukraine verdrängen viele andere Themen – etwa den Krieg in Sudan –, was dazu führt, dass auch ältere Themen schlicht vergesse und verdrängt werden.

Dabei ist das Gedenken an Srebrenica immer noch wichtig: Mitten in Europa gab es damals einen brutalen Krieg mit zahlreichen Vergewaltigungen, Morden und ethnischen Säuberungen. Wenn so etwas nie wieder vorkommen soll, muss man ab und zu an das Geschehen von damals erinnern …

30 Mai 2025

Grenze an der Grenze

Bereits in den 70er-Jahren waren die Kontrollen an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich sehr oberflächlich. Wenn mein Vater mit uns in seinem VW-Käfer an die Rheinbrücke kam, wurden wir üblicherweise durchgewunken. Die Personalausweise hatte man zur Hand, aber man brauchte sie nicht, alles kein Problem – das gleiche bei der Rückfahrt.

Und lange vor den Schengen-Verträgen war klar, dass Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich ein Unding sind. Ich überquerte seitdem sehr oft die Grenze und wurde nie kontrolliert. In den vergangenen Jahren fuhr ich sogar mehrfach mit dem Rad einfach durch den Wald oder entlang des Rheins oder durch irgendwelche Weinberge und stand unversehens in Frankreich.

Das ist jetzt anders. Als ich kürzlich ins Elsass fuhr, gab es auf der anderen Stra0enseite einen riesigen Stau: Die deutsche Polizei hatte die Straße gesperrt und Zelte errichtet. Eine improvisierte Grenzabfertigung war entstanden, wo nun Leute kontrolliert wurden. Schon klar: ein Ergebnis unserer neuen Regierung – man will die illegale Migration stoppen, löst aber damit vor allem Stau und Ärger auf.

Als ich am gleichen Tag aus dem Elsass zurück in die Pfalz wollte, nahm ich eine Nebenstrecke, eine der vielen kleinen Straßen. Dort wurde nicht kontrolliert. Logisch – so viele Polizisten hat man ja gar nicht zur Verfügung, um jede Gemeindestraße zu blockieren. Aber mal ehrlich: Wenn schon so ein Durchschnittsdeutscher wie ich auf die Idee komme, auf eine Nebenstrecke auszuweichen – was wird dann einer dieser ach so schwerkriminellen Schleuser machen? Der stellt sich doch bestimmt nicht in die Schlange am offiziell kontrollierten Grenzübergang, sondern nimmt den Radweg entlang des Rheins oder eine ganz normale Dorfstraße ...

19 Mai 2025

Schlimmer kommen?

Wenn ich mich mit Bekannten über den Ausgang der Bundestagswahlen und die kommende Regierung unterhalte, höre ich oft einen Satz: »Es hätte ja auch schlimmer kommen können.« Nachdem ich diesem Satz anfangs gelegentlich zugestimmt habe, verwehre ich mich mittlerweile dagegen.

Hätte es wirklich schlimmer kommen können? Klar: Eine absolute Mehrheit der AfD wäre schlimmer. Eine Koalition aus CDU und AfD wäre schlimmer. Eine Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten ist keine völlige Katastrophe, sondern die derzeit einzige Möglichkeit, überhaupt eine halbwegs funktionierende Regierung hinzubekommen.

Aber muss ich das wirklich gut finden? Muss ich mich achselzuckend damit abfinden, dass nun eine Koalition aus grauen Mäusen das Land regiert, eine Koalition aus Leuten, die – wenn es gut läuft – alles so lassen wollen, wie es schon immer war, oder es – wenn es noch blöder kommt – in eine Richtung drehen wollen, die ich grausig finde.

Das laute Geschrei in Sachen Migration, das von beiden Parteien der aktuellen Regierung kommt, ist für mich widerwärtig. Das Ignorieren von Klimawandel und Umweltschäden finde ich erschütternd. Das Eindreschen auf Menschen, die arm sind – aus welchen Gründen auch immer –, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten: Politiker, die in ihrem ganzen Leben noch nie »richtig gearbeitet« haben, singen das Hohelied auf fleißige Arbeitnehmer.

Mir ist klar, dass Sozial- und Christdemokraten keine Liebeskoalition gegründet haben. Mir ist klar, dass man Kompromisse eingehen muss. Aber müssen die auf diesem erschütternden Niveau sein? Muss der Hass auf Ausländer und arme Leute wirklich das sein, was ich allem von dieser Regierung abbekomme?

Ja, es hätte schlimmer kommen können. Aber ich finde die aktuelle Regierung wirklich schlimm.

12 Mai 2025

Saskia aus Calw

Die SPD-Politikerin Saska Esken ist zwei Jahre älter als ich und wohnt in Calw. Ich komme aus Freudenstadt. Die zwei dünn besiedelten Landkreise Freudenstadt und Calw bilden bei Bundestagswahlen einen Wahlkreis. Ich habe mir deshalb oft überlegt, ob ich sie von früher her kenne – immerhin war ich in den 80er-Jahren mal Juso.

Das kann natürlich nicht sein; sie trat erst in die SPD ein, als ich die Partei schon verlassen hatte. Theoretisch hätten wir uns trotzdem über den Weg laufen müssen: Sie wuchs in Renningen auf, wo ich oft war – dort wohnte Günther Freunek, und wir machten zusammen Fanzines –, sie engagierte sich im Jugendzentrum Weil der Stadt, das ich auch kannte, und sie tourte mit einer Gitarre als Straßenmusikerin herum.

Ich habe sie aber nie bewusst kennengelernt, kann nichts über sie persönlich sagen und weiß nicht einzuschätzen, wie ihre Rolle in der SPD ist und war. Ich stelle nur fest, dass ich sie aufgrund ihrer Biografie durchaus sympathisch fand. Solche Entwicklungen, wie Esken sie durchlebte, sind und waren mir ja nie fremd.

Die Art und Weise, wie die Partei mit ihr umgeht, finde ich trotzdem schäbig. Ich habe die SPD schon lange nicht mehr gewählt und kann mir nicht vorstellen, das mal wieder zu tun. Eine Partei, die ihren sozialen Kern verloren hat, ist für mich nicht mehr interessant. Und eine Partei, die sichtlich versucht, eine engagierte Sozialdemokratin an den Rand zu drängen – die Motive kenne ich nicht, sie sind mir letztlich egal –, verhält sich schäbig.

08 Mai 2025

Vor achtzig Jahren

Der heutige Tag gilt zu Recht als ein Tag der Befreiung. Die alliierten Truppen befreiten Mitteleuropa von der Herrschaft der Deutschen; letztlich waren es auch deutsche Ortschaften, die von der Tyrannei der Nazis befreit wurden. Nur fühlten sich die Menschen damals nicht unbedingt befreit, was aus ihrer Sicht verständlich war.

Mein Vater wäre am 1. Mai 2025 hundert Jahre alt geworden. Am 8. Mai 1945 war er gerade einmal zwanzig geworden und hatte fast zwei Jahre als Soldat hinter sich gebracht – an der Ostfront wurde er zweimal schwer verwundet und erlebte deshalb das Kriegsende in einem Lazarett am Bodensee. Dort wurde er Kriegsgefangener der Franzosen. 

Für ihn war das Kriegsende vor allem eine Erleichterung – er musste nicht mehr in den Krieg ziehen und konnte sich Hoffnung auf eine Heimkehr in das Dorf im Schwarzwald machen. »Befreit« fühlte er sich nicht. Wie auch? Er saß hinter Stacheldraht und war froh, dass er später als Elektriker für die französischen Streitkräfte arbeiten konnte.

Auch meine Mutter fühlte sich nicht befreit. Sie sprach vom »Umsturz« oder von der »schlechten Zeit«, wenn sie das Kriegsende meinte. Freudenstadt war abgebrannt, zahlreiche Frauen waren vergewaltigt worden, und noch Wochen nach der Eroberung herrschten Chaos und Willkür. Für meine Mutter war die direkte Zeit nach dem Krieg von Angst bestimmt, wie sie in den wenigen Erzählungen über diese Zeit sagte.

Meine Eltern waren in der Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen, für sie war das »normal«. Mein Vater bekam die deutschen Verbrechen mit, meine Mutter versicherte glaubhaft, nichts davon gewusst zu haben. Sie waren keine Nazis, aber sie waren jugendliche Mitläufer – so würde man das heute nennen. 

Zumindest haben sie nie versucht, die Zeit des sogenannten Dritten Reiches zu verklären. Und mit den Nazis, die in späteren Jahrzehnten ihr Unwesen trieben, wollten sie nie etwas zu tun haben.  Das rechne ich ihnen im Nachhinein hoch an.