12 Juni 2026

Tote Pioniere, alternde Punkrocker

Die aktuelle Ausgabe 186 des OX-Fanzines zeigt die amerikanische Band Dead Pioneers auf dem Titelbild; die gefallen mir derzeit auch sehr gut. Im Inhalt bin ich wieder mit einer neuen Folge meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock’n’Roll« zu finden; es ist bereits die Folge 61.

Im Wesentlichen spielt diese Folge im Innern eines Kaufhauses, wo in den 90erJahren eine sogenannte Critical-Mass-Aktion stattfindet. Ich hoffe, ich habe es geschafft, den turbulenten Charakter einer solchen Veranstaltung glaubhaft und interessant zu vermitteln.

Beim Schreiben hatte ich durchaus meine Probleme, mir das Innere eines solchen Kaufhauses vorzustellen – so oft bin ich nun mal doch nicht im Karstadt, und Kaufhof oder Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Aber das ist ja kein historischer Roman, bei dem die Details einer Innenausstattung ebenfalls stimmen sollten …

11 Juni 2026

Krach, Schlamm und Feuer

Im Sommer 1994 fuhr ich einige Male mit dem Fahrrad nach Karlsruhe, um ein Konzert zu besuchen. Für eine Strecke benötigte ich eine starke Stunde, eher eineinhalb Stunden, und ich kam verschwitzt an. Die meiste Zeit fuhr ich also doch mit dem Auto, wenngleich das hieß, dass ich kein Bier – oder nur ganz wenig – trinken durfte. So auch am Mittwoch, 8. Juni 1994, als die Veranstalter zu einem Abend mit internationalen Hardcore-Bands in die »Steffi« luden, das besetzte Haus in der Innenstadt.

Weil es ein Arbeitstag war und ich wieder viel zu spät aus dem Verlag kam, dauerte es seine Zeit, bis ich mit dem Auto in Karlsruhe war und dort einen Parkplatz fand. Damals gab es noch die Möglichkeit, in den Nebenstraßen zu parken, ohne ein Anwohner zu sein, und ich stellte mein Auto in direkter Nähe der »Steffi« ab.

Nachdem ich meinen Eintritt bezahlt hatte, eilte ich in den Keller, wo ich an der Haifischbr gleich mein erstes Bier bestellte. Punkrock bollerte aus den Boxen, die Bar war nur mäßig besetzt. Und weil ich zu viel mit den Leuten laberte, die ich an der Theke antraf, verpasste ich konsequenterweise die erste Band. Und weil der Umbau von der ersten zur zweiten Band so lang dauerte, trank ich an der Bar eben weiter Bier.

Als ich irgendwann in den eigentlichen Konzertraum ging, hatten wir bereits Mitternacht. Auf der Bühne standen Disaffect aus Schottland und knallten brachialen Punkrock in den Saal, in dem vielleicht 60 oder 70 Leute standen, die meisten mit Lederjacken und sehr »punkig« aussehend. Man merkte, dass die Schotten ihren Discharge-Einfluss nicht verleugneten: Zwei Gitarren sägten, ein Bass knatterte wuchtig, ein Schlagzeug hämmerte wild, dazu kamen ein Sänger und eine Sängerin, beide mit Glatze, denen man ansah, dass sie eine tüchtige Portion Wut in sich hatten.

Gepogt wurde nicht, das war bei dieser Art von Punk-Konzerten eher unüblich, aber es herrschte eine gute Stimmung, und es wurde laut gejohlt, applaudiert und nach einer Zugabe verlangt. Die Band gab uns noch, was wir wollten, und verschwand dann. Am Ende war mir klar, dass ich mit Disaffect eine Band gesehen hatte, von der man noch viel hören würde. »Was für ein Brett!«, sagten praktisch alle in dem Kellerraum.

Was dann kam, hatte ich so aber nicht erwartet: Die Musiker auf der Bühne waren teilweise geschminkt und sahen überhaupt nicht so aus, wie man sich eine Punk-Band vorstellte, und aus den Boxen drang ein Geboller, das sich wie eine Mixtur aus heftigem Techno und rasend schnellem Punk anhörte. Die Band nannte sich Tromatism, und ich hatte zuvor nie von ihr gehört.

Sie machte auch nicht lang herum, hielt sich nicht mit Vorreden und irgendwelchen Ansagen auf, sondern war sofort mittendrin. Der Sänger hatte eine Stakkato-Stil: In halsbrecherischem Tempo brüllte und belferte er in sein Mikrofon. Ich verstand kein Wort, und das lag nicht nur daran, dass er in französisch sang und schrie.

Neben ihm stand ein Geiger, der mit stoischer Miene fiedelte, leicht im Hintergrund hämmert ein Bassist auf sein Instrument ein. Am auffälligsten war aber ein Mann, der kein Instrument spielte, sondern vor allem für die Show zuständig war. Er trug nur eine Hose, sein muskulöser Oberkörper war nackt. Anfangs machte er auf der Bühne nur allerlei Verrenkungen und kletterte an der Wand hoch, dann aber veränderte sich sein Verhalten.

Aus einer Art Eimer, der auf einmal auf der Bühne stand, holte er sich eine schmierige Masse, die aussah wie ein schwarzer Schlamm. Den Schlamm verteilte er großflächig auf seinem Oberkörper, dann schleuderte er einige Handvoll ins Publikum. Ich war froh, dass ich eine Lederjacke anhatte; mich trafen einige Spritzer der schwarzen Masse, auch im Gesicht, aber der Beschuss hörte schnell auf.

Nachdem der Mann eine Weile auf der Bühne getanzt hatte, begann er damit, Feuer zu spucken. Ich hatte nicht mitbekommen, wo er auf einmal eine Flamme herhatte – aber auf einmal goss er sich eine Flüssigkeit in den Mund und spuckte sie über eine brennende Fackel hinweg ins Publikum. Eine Mikrosekunde lang überlegte ich mir, wie es denn eigentlich mit Fluchtwegen aussehen mochte, falls die Feuerspuckerei schiefgehen würde.

Dann aber war mir das auch egal. Die Musik wurde rasanter und lauter, das Spektakel zwischen Bühne und Zuschauern immer wilder. Irgendwann stand eine Schale im Zuschauerraum, in der ein Feuer brannte, der halbnackte Mann sprang zwischen uns herum, und der Sound wurde noch wütender und gnadenloser.

Das war keine Musik für Pogo; dazu war sie zu schnell und zu abgehackt. Hätte ich sie nur auf Schallplatte gehört, hätte sie mir vielleicht gar nicht gefallen. In dieser Nacht passte alles zusammen: ein rabiater Sound, wie man ihn selten hörte, ein recht kleines, aber verschworenes Publikum im Keller eines besetzten Hauses, und eine Show mit Schlamm und Feuer.

Als ich zu sehr weit vorgerückter Stunde durch die Nacht fuhr, vorbei an Ortschaften und durch den Wald, dröhnten meine Ohren, fühlte sich mein Körper erhitzt und verdreckt zugleich an. Mir war egal, was in dieser Nacht noch passieren würde, und über den kommenden Arbeitstag machte ich mir keine Sekunde lang Gedanken …

10 Juni 2026

Moderne Fantasy mit originellem Konzept

Munk wächst auf einer unbedeutenden Insel auf, die nur von wenigen Menschen bewohnt wird. Der Junge gilt als verschlossen und seltsam, Freundschaft schließt er eigentlich nur mit Vögeln. Eines Tages tauchen fremde Soldaten auf, die sogenannten Greifenkrieger, und nehmen ihn mit. Auf ihn wartet eine Bestimmung, so sagen sie, und eine große Zukunft.

Und während er in eine ferne Festung verschleppt wird, wo er bald ein grausiges Geheimnis entdeckt, beschließt seine Schwester Enna, ihm zu folgen und ihn zu retten …

Der Anfang des Fantasy-Romans »Die Kathedrale der Vögel« macht einen sehr klassischen Eindruck. Die phantastische Welt, die Wieland Freund vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreitet, erinnert an Mittel- oder Nordeuropa. Die Kultur wirkt mittelalterlich, und nur langsam wird klar, wie sehr sich seine Welt von der unseren unterscheidet.

Der Autor macht das an seiner Hauptfigur fest. Munk ist ein Mensch, der die Vögel gewissermaßen spüren kann. Er versteht sich mit den Raben, er spürt einen Habicht, und so ist es wohl sein Schicksal, ein Falkner zu werden. Die besondere Beziehung, die sich zwischen Munk und den Tieren entwickelt, schildert der Autor in faszinierenden Bildern.

Im Gegensatz dazu steht die Reise der Schwester. Enna ist ein gewöhnliches Mädchen, sie verfügt über keine außergewöhnlichen Gaben, ist aber sehr mutig und in der Lage, rasch Freundschaften zu schließen. Während Munk im Innern eines Berges auf das Geheimnis der Greifenkrieger stößt, das mit Leben und Tod zu tun hat, erfährt Enna von außen immer mehr über die Hintergründe.

Auch wenn die Hauptfiguren sehr jung sind, eben zwei Jugendliche, handelt es sich bei »Die Kathedrale der Vögel« nicht um ein Jugend- oder gar Kinderbuch. Die Handlung ist erwachsen, obwohl der Autor auf Sex-Szenen oder ausufernde Gewalt verzichtet. Sein Augenmerk richtet sich auf die Figuren und ihre Entwicklung sowie die phantastische Welt, die er durch Munks Augen präsentiert.

Das wiederum finde ich sehr originell. Was auf den ersten zehn, zwanzig Seiten fast ein wenig beschaulich wirkt – eine sehr überschaubare Insel, eine kleine Gruppe von Kriegern –, wird schnell phantastischer und eindrucksvoller. Wieland Freund hat eigenständige Ideen, die ich so in der Fantasy-Literatur nicht gelesen habe. Letztlich geht’s in seinem Roman um den Tod und wie ein mögliches Weiterleben aussehen könnte; damit wird er fast philosophisch.

Ich las den Roman sehr gern, wurde von der Sprache wie von der Geschichte gepackt und folgte mit großer Faszination den zwei Hauptfiguren bei ihrer Reise durch die Wälder und Dörfer. Wer Fantasy mag und etwas lesen möchte, das abseits des Mainstreams dieser Literaturgattung liegt, ist bei »Die Kathedrale der Vögel« gut beraten. (Ich empfehle den Blick in die Leseprobe.)

Der Roman erschien als gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag bei Klett-Cotta. Er ist 400 Seiten stark und kostet 25,00 Euro – das E-Book gibt’s für 19,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-608-96629-9 kann man das Buch in jeder Buchhandlung bestellen. 

(Die Rezensiono wurde bereits im März 2026 auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie veröffentlicht. Hier bringe ich sie auch, aber halt aus dokumentarischen Gründen.) 

09 Juni 2026

Zehn Tage an der Düne

Es war ein fauler Urlaub, und dass ich faulenzen würde, war meine Ansage im Voraus. Kein Wunder: Die ersten Monate des Jahres 2026 waren sehr anstrengend, und das lag sicher nicht nur daran, dass ich älter geworden war und gewisse Anstrengungen nicht mehr so gut wegsteckte wie in früheren Jahren und Jahrzehnten. Die Belastungen im Arbeitsleben sind stärker, der terminliche Druck ist gewachsen.

Deshalb war es sinnvoll, nach Gran Canaria zu fliegen. Zehn Tage lang und das in einer Pauschalreise. Früher hätte mich allein schon die Vorstellung sehr gegruselt; im Jahr 2026 bedeutet das für mich: wenig tun, viel pennen, essen und herumgammeln. Garantiert keine Abenteuer, sondern viel Erholung.

Wir hatten ein Zimmer in einem dieser großen Hotels gebucht, die den Süden von Gran Canaria dominieren. Im Viertel Maspalomas, das sich als eine einzige Retortenstadt für Touristen erwies, gab es nicht viel zu tun; das Hotel lag aber direkt an den Dünen, die es im Süden der Insel gibt. Das war faszinierend: eine kleine Sandwüste mit wenig Bewuchs und imposanten Dünen, die sich über einige Kilometer erstreckten.

Anders gesagt: Wer zum Strand wollte, hatte einen Spaziergang von gut zwei Kilometern durch eine Wüstenlandschaft vor sich, durchaus anstrengend, aber faszinierend.

Ich fuhr mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gegend, ich spazierte viel, ich gammelte am Pool herum, und ich las. Weil das Essen so gut war, nahm ich geschätzte zwei Kilogramm zu – aber unterm Strich war es eine großartige Zeit, in der ich mich einfach sehr gut erholen konnte. Das Ziel wurde also erreich!

Ob ich jemals wieder nach Gran Canaria reisen werde? Das weiß ich nicht. Die Düne ist toll, es gibt auch einige andere schöne Ecken auf der Insel; unterm Strich war es mir zu viel des Tourismus. Zumindest Maspalomas muss ich nicht noch einmal sehen …

08 Juni 2026

Allerlei zu Weinen

»Haben Sie eigentlich keinen Wein?«, fragte ich höflich.

Der Kellner sah mich verwirrt an. »Doch«, sagte er.

Ich zeigte auf die Getränkekarte. »Hier stehen aber keine Weine.« Wir saßen im Biergarten eines Lokals in Karlsruhe, das ich schon immer für seinen schönen Biergarten schätzte, in dem ich aber seit gut 15 Jahren nicht mehr war – obwohl ich durchschnittlich fünfmal in der Woche daran vorbeiradelte.

Der Kellner lächelte. »Die Weine, die wir als Schorle anbieten, die gibt es natürlich auch so.«

»Das leuchtet ein.« Die Sonne schien, ich war bester Laune. »Aber wenn Sie eine Weißweinschorle anbieten, weiß ich ja immer noch nicht, welchen Wein Sie haben.«

Der Kellner nickte. »Ach so. Sie wollen wissen, welche Sorte Weißwein wir haben.« Er zückte sein digitales Gerät, mit dem er die Bestellungen aufnahm, und las ab. »Wir haben Riesling, Chardonnay, Weißburgunder, Grauburgunder, Lugana und Pinot Grigio.« Den »Grigio« sprach er mit hartem »g« aus; ich hatte es also mit einem echten Fachmann zu tun.

Seine Aussage nutzte mir wenig; nicht jeder Riesling schmeckte gleich, nicht jeder Chardonnay. »Welchen Riesling haben Sie denn?«, fragte ich vorsichtig nach.

Er sah mich verwirrt an, dann strahlte er. »Ah, Sie meinen, welche Marke wir führen?« Er guckte wieder auf sein digitales Gerät, dann schüttelte er den Kopf. »Das kann ich hier nicht sehen. Ich werde innen an der Bar fragen, und wenn ich wieder bei Ihnen bin, kann ich es Ihnen sagen.«

Ich winkte ab. »Nein, das brauchen Sie nicht. Bringen Sie mir einfach ein alkoholfreies Weizenbier; das ist bei diesen Temperaturen immer gut.«

Und das war dann gut so …