Ich bin mir nicht sicher, ob ich The Depraved in den 80er-Jahren gesehen habe oder nicht. Die englische Band war zweimal in Süddeutschland unterwegs, und einmal verpasste ich sie auf jeden Fall. Sicher ist aber, dass ich ihre Platte »Stupidity Maketh The Man« aus dem Jahr 1986 richtig gut finde und sie von mir immer mal wieder aus dem Schrank gefischt und auf den Plattenteller gelegt wird.
Das fiese Cover zeigt eine »Hanging Party«, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den amerikanischen Südstaaten durchaus üblich waren. Die Band stammte zwar aus England, hatte aber trotzdem – wie sich das damals für eine Punk-Band gehörte – zu den aktuellen Zeitereignissen einiges zu sagen. In »New Macarthyite« geht’s um politische Hetze und Denkverbote; in »Agent Orange« natürlich um Krieg und Bomben. Die Band hatte aber ebenso persönliche Texte und verzichtete auf stumpfe Polit-Parolen.
Musikalisch war das kein Hochgeschwindigkeits-Punkrock, aber doch weit genug entfernt von den späten 70er-Jahren. Zu dem manchmal fröhlichen und hippeligen Sound, den Bands wie The Damned oder auch The Buzcccks präsentiert hatten, gab’s schon eine Distanz; den gnadenlosen Discharge-Sound der frühen 80er-Jahre lassen The Depraved aber ebenfalls vermissen.
Ihre Musik ist recht abwechslungsreich; die Gitarren heulen, der Sänger treibt die Stücke nach vorne, der Bass und das Schlagzeug poltern in ordentlicher Geschwindigkeit, ohne dass zu viel Effekt reingemischt wird. Das alles klingt »handgemacht« im besten Sinn.
Fakt ist, dass die Band heute weitestgehend vergessen scheint. Spricht man mit Leuten über den England-Punk der 80er-Jahre, taucht sie kaum im Gespräch auf – dafür war sie wohl zu »hardcorig«. Wer aber den Hardcore jener Jahre erwähnt, hat eher Chaos UK oder Heresy im Sinn.
Fakt ist zudem, dass die »Stupidity Maketh The Man« eine richtig gute Platte ist: Wer die Chance hat, sie irgendwo zu bekommen, sollte sie sich sichern!
Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
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19 März 2026
22 Januar 2026
The Dirt auf einer Doppel-LP
Das Schlagzeug poltert, der Sänger brüllt, die Sängerin keift: Für Freunde der reinen Melodie waren The Dirt nicht unbedingt geeignet. Vor allem in ihrer Anfangsphase ließ es die englische Band ziemlich krachen, verzichtete großzügig auf zu viele Melodien und polterte lieber im Hauruck-Tempo durch ihre Stücke.
Ich sah die Band einmal, als sie in den 90er-Jahren noch einmal auf Tour ging und in der »Steffi« in Karlsruhe aufspielte. Das Publikum war sehr rustikal-punkig, eine Ansammlung schwarzer Lederjacken, und die Band lieferte den wütenden Sound dazu. Ich fand’s stark, vor allem, wenn man sich ein wenig darauf einließ und sich unter dem Geboller die Melodien hervorschälten.
1996 erschien bei Skuld Releases die Doppel-LP »Black and White« von The Dirt. Kleister fasste mehrere EPs und Langspielplatten der Band zusammen, sogar Live-Aufnahmen, was eine fast komplette Band-Historie ergab. Da konnte man auch gut nachvollziehen, wie sich die Band verändert hatte – ich hörte mir die Platte dieser Tage wieder an und war davon ziemlich angetan.
Am Anfang ist das vor allem Geschrabbel mit wütenden Texten, dann aber wird die Band besser. Die D-Seite ist tatsächlich die beste: Es ist immer noch Anarcho-Punk mit den entsprechenden Aussagen, aber es gibt Melodien, und man merkt, dass die Gitarristen wissen, was sie tun. Während ich die A-Seite bei dieser Zusammenstellung vor allem unter historischen Gesichtspunkten interessant finde – so was fanden wir damals halt geil, weil es so schepperte –, sind die späteren Aufnahmen auch heute noch gut.
The Dirt waren zu ihrer Zeit eine der zentralen Bands der englischen Anarchopunk-Szene; die Doppel-Langspielplatte »Black and White« ist hierfür ein wichtiges Dokument. Man kann sie immer noch anhören, auch die A-Seite mit ihrem Geschepper – so klangen halt die 80er-Jahre.
13 März 2025
Die neue Rose in Trauer
Wenn ich gefragt werde, welche Punk-Band der ersten englischen Welle ich am besten finde, sage ich immer The Clash. Geht es aber um die beste Platte, nenne ich immer die erste Langspielplatte von The Damned. Keine Ahnung, wie oft ich die Platte in den vergangenen Jahrzehnten gehört habe – für mich steckt sie immer noch voller Hits und Details.
Das wohl beste Stück darauf ist »New Rose«, ein echter Knaller, vorangetrieben durch eine energische Gitarre und eine wütende Stimme, am Ende durch ein schepperiges Schlagzeug abgerundet. Wenn man möchte, ist es eine der Blaupausen für das, was später als Punkrock von der Insel bekannt werden sollte.
Verantwortlich für diese charakteristische Gitarre war Brian James. Später sollte er mit der Band The Lords Of The New Church, die ich in den 80er-Jahren sehr gern hörte, zu einem der Leute werden, die Gothic-Rock praktisch mitbegründeten. Der Gitarrist konnte also mehr als »nur« Punkrock.
Am Donnerstag vor einer Woche starb Brian James; er wurde 70 Jahre alt. Seine Musik begleitet mich seit Jahrzehnten. Ich werde sie in Ehren halten und bin – in dieser eh traurigen Woche – auch seinetwegen sehr betrübt.
Das wohl beste Stück darauf ist »New Rose«, ein echter Knaller, vorangetrieben durch eine energische Gitarre und eine wütende Stimme, am Ende durch ein schepperiges Schlagzeug abgerundet. Wenn man möchte, ist es eine der Blaupausen für das, was später als Punkrock von der Insel bekannt werden sollte.
Verantwortlich für diese charakteristische Gitarre war Brian James. Später sollte er mit der Band The Lords Of The New Church, die ich in den 80er-Jahren sehr gern hörte, zu einem der Leute werden, die Gothic-Rock praktisch mitbegründeten. Der Gitarrist konnte also mehr als »nur« Punkrock.
Am Donnerstag vor einer Woche starb Brian James; er wurde 70 Jahre alt. Seine Musik begleitet mich seit Jahrzehnten. Ich werde sie in Ehren halten und bin – in dieser eh traurigen Woche – auch seinetwegen sehr betrübt.
21 November 2024
Die rotzigen Upstarts
Ein Blick auf Punkrock-Klassiker – Teil neun
Ich bin sicher nicht der Experte für die Skinhead-Kultur und ihre Entwicklung seit den späten 60er-Jahren; darüber gibt es haufenweise Bücher, und wer sich damit beschäftigen möchte, wird ja nicht mehr fertig. Im Verlauf der Jahre sah ich die eine oder andere Skinhead-Band, und ich stellte immer wieder fest, dass ich die Musik eigentlich sehr häufig mochte: Im Idealfall handelt es sich um schlichten Punkrock mit einer rotzigen Attitüde und meist mit einer wütenden Stimme.
Vor allem in ihrer Anfangsphase waren die Angelic Upstarts eine stilprägende Band. Ich sah sie nur einmal, und das war bereits in den 90er-Jahren, aber viele der frühen Stücke dieser englischen Bands sind mir seit Jahrzehnten im Ohr. Wahrscheinlich ist »Solidarity« ihr wichtigstes Lied, und wenn ich es höre, bekomme ich fast Gänsehaut. Fragt man mich aber, welches Stück der Band mich am meisten packt, komme ich auf »I'm an Upstart«.
Die Melodie ist simpel, der Text nicht gerade komplex. Die klare Botschaft wird mit fleißigem Oi! unterlegt und ins Mikro gebrüllt. Das ist klar und eindeutig, es bleibt kein Platz für Missverständnisse. Ob man das nun unbedingt als Oi!-Punk bezeichnen muss oder als Oi! oder einfach nur Punkrock dazu sagt, ist mir eigentlich völlig egal. Das Stück knallt immer noch.
(Dass der Sänger bereits verstorben ist, gibt dem Ganzen eine traurige Note. Ich will’s an dieser Stelle nicht verschweigen.)
Ich bin sicher nicht der Experte für die Skinhead-Kultur und ihre Entwicklung seit den späten 60er-Jahren; darüber gibt es haufenweise Bücher, und wer sich damit beschäftigen möchte, wird ja nicht mehr fertig. Im Verlauf der Jahre sah ich die eine oder andere Skinhead-Band, und ich stellte immer wieder fest, dass ich die Musik eigentlich sehr häufig mochte: Im Idealfall handelt es sich um schlichten Punkrock mit einer rotzigen Attitüde und meist mit einer wütenden Stimme.
Vor allem in ihrer Anfangsphase waren die Angelic Upstarts eine stilprägende Band. Ich sah sie nur einmal, und das war bereits in den 90er-Jahren, aber viele der frühen Stücke dieser englischen Bands sind mir seit Jahrzehnten im Ohr. Wahrscheinlich ist »Solidarity« ihr wichtigstes Lied, und wenn ich es höre, bekomme ich fast Gänsehaut. Fragt man mich aber, welches Stück der Band mich am meisten packt, komme ich auf »I'm an Upstart«.
Die Melodie ist simpel, der Text nicht gerade komplex. Die klare Botschaft wird mit fleißigem Oi! unterlegt und ins Mikro gebrüllt. Das ist klar und eindeutig, es bleibt kein Platz für Missverständnisse. Ob man das nun unbedingt als Oi!-Punk bezeichnen muss oder als Oi! oder einfach nur Punkrock dazu sagt, ist mir eigentlich völlig egal. Das Stück knallt immer noch.
(Dass der Sänger bereits verstorben ist, gibt dem Ganzen eine traurige Note. Ich will’s an dieser Stelle nicht verschweigen.)
12 September 2024
PowerPop von The Resistance
Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich die Single »Survival Kit« von The Resistance zum letzten Mal gehört habe – es muss viele Jahre her sein. Das Ding ist überraschend gut, wie ich dieser Tage feststellte. Die Band nahm in den späten 70er-Jahren nur zwei Platten auf, wenn ich das richtig sehe, und ich habe nur die eine Single ausm Jahr 1980. Das ist kein Punkrock, meinetwegen kann man das als Power-Pop bezeichnen, und wer mag, darf XTC oder Ian Dury als Vergleich herziehen.
Die Musik ist typisch für diese Zeit: Zwar klimpert immer wieder das Klavier dazwischen, wenn nicht sogar die Orgel angeschubst wird, ansonsten aber ist die Musik rhythmisch und ein wenig abgehackt; das Schlagzeug wummert, die Gitarre und der Bass tun ihre Arbeit, und darüber kommt der etwas abgehackte Gesang, der manchmal leicht atemlos klingt, fast schon wie Sprechgesang.
Und die Texte? Sie sind gelegentlich schräg, wenn ich es richtig verstehe: »I fought in three world wars / all of which I caused / I’m a trooper superduper« heißt es im Titelstück, und bei »Big Flame« wird eine Revolution zumindest ironisch angedeutet. Das klingt alles richtig gut und gefällt mir immer noch! Eine tolle Single.
Die Musik ist typisch für diese Zeit: Zwar klimpert immer wieder das Klavier dazwischen, wenn nicht sogar die Orgel angeschubst wird, ansonsten aber ist die Musik rhythmisch und ein wenig abgehackt; das Schlagzeug wummert, die Gitarre und der Bass tun ihre Arbeit, und darüber kommt der etwas abgehackte Gesang, der manchmal leicht atemlos klingt, fast schon wie Sprechgesang.
Und die Texte? Sie sind gelegentlich schräg, wenn ich es richtig verstehe: »I fought in three world wars / all of which I caused / I’m a trooper superduper« heißt es im Titelstück, und bei »Big Flame« wird eine Revolution zumindest ironisch angedeutet. Das klingt alles richtig gut und gefällt mir immer noch! Eine tolle Single.
04 September 2024
Die letzte Kneipe
Ich mag Filme, die ernsthafte Themen mit einer locker wirkenden Handlung verknüpfen; aus diesem Grund habe ich immer wieder gern Filme des Regisseurs Ken Loach angeguckt. Als »The Old Oak« im vergangenen Herbst im Kino kam, verpasste ich ihn – nun sah ich ihn mir bei einem Streamingdienst an und war davon sehr angetan.
Der Streifen spielt im Norden von England, in einer Gegend also, die seit den 80er-Jahren als verloren gilt: eine heruntergekommene Siedlung, in der viele Menschen arbeitslos oder arm sind und in der die Häuser verrotten. Nur eine Kneipe im Ort hat noch offen, die den Namen »The Old Oak« trägt. Als man in dem Ort immer mehr Flüchtlinge einquartiert, gibt es Ärger, und die Spannungen nehmen schnell zu.
Ken Loach ist ein Regisseur, der sich seit Jahren an soziale Themen heranwagt. Sein Film könnte mit einigen Unterschieden eigentlich auch im Norden von Frankreich oder in Teilen von Deutschland spielen: Verarmte Einheimische und Flüchtlinge stoßen aufeinander, und es gibt soziale Konflikte, die nicht immer von allen gelöst werden können. Dabei verzichtet der Regisseur auf Sozial-Kitsch.
Im Film gibt es Menschen, die sich engagieren, und Menschen, die hetzen und handgreiflich werden. Der Film bietet keine »Erlösung« an, er zeigt, wie sich die Verhältnisse entwickeln. Das ist oft bitter, manchmal aber auch skurril oder gar lustig. Am Ende sitzt man da und ist kurz vor dem Heulen – eine Reihe sehr emotionaler Szenen gibt’s am Schluss. Und klar ist: Solidarität ist letztlich das einzige, was in solchen Lagen helfen kann, denn Hass ist keine Lösung.
Alles in allem ist »The Old Oak« einer der Filme, die ich kaum mitbekomme. Ich bin froh, dass ich ihn nun endlich angesehen habe.
Ken Loach ist ein Regisseur, der sich seit Jahren an soziale Themen heranwagt. Sein Film könnte mit einigen Unterschieden eigentlich auch im Norden von Frankreich oder in Teilen von Deutschland spielen: Verarmte Einheimische und Flüchtlinge stoßen aufeinander, und es gibt soziale Konflikte, die nicht immer von allen gelöst werden können. Dabei verzichtet der Regisseur auf Sozial-Kitsch.
Im Film gibt es Menschen, die sich engagieren, und Menschen, die hetzen und handgreiflich werden. Der Film bietet keine »Erlösung« an, er zeigt, wie sich die Verhältnisse entwickeln. Das ist oft bitter, manchmal aber auch skurril oder gar lustig. Am Ende sitzt man da und ist kurz vor dem Heulen – eine Reihe sehr emotionaler Szenen gibt’s am Schluss. Und klar ist: Solidarität ist letztlich das einzige, was in solchen Lagen helfen kann, denn Hass ist keine Lösung.
Alles in allem ist »The Old Oak« einer der Filme, die ich kaum mitbekomme. Ich bin froh, dass ich ihn nun endlich angesehen habe.
23 Juli 2024
Am Strand von Brighton
Ich breitete meine Jacke auf dem feuchten Kies aus und ließ mich vorsichtig darauf nieder. Es war erstaunlich bequem. Ich legte mich auf den Rücken, nahm meine Tasche als Kopfkissen und genoss die Tatsache, dass ich am Strand von Brighton lag. Das Meer brandete zu meinen Füßen gegen die Steine, über mir jagte der Wind graue Wolken, die aussahen, als würde es bald wieder regnen. Kreischende Möwen flogen hin und her, als seien sie ziellos und wüssten nicht, wie sie den Tag zu Ende bringen sollten.
In den vergangenen Stunden hatte ich mir Brighton erlaufen. Die Stadt war mir aus Filmen bekannt, und »Quadrophenia« war mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Doch wie immer hatte die Realität dieses September 2000 nur wenig mit den Straßenschlachten der 60er-Jahre zu tun. Brighton war einerseits modern und schick, auf der anderen Seite wirkte es heruntergekommen und brüchig.
Rechts von mir schob sich der alte West Pier ins Meer. Die Gebäude auf ihm waren grau und zerfallen, durch die Wände und die offenen Fenster konnte man blicken. Alles sah aus, als ob es bald endgültig in sich zusammenbrechen würde. Sperrgitter sorgten dafür, dass niemand auf den Pier konnte; Möwen saßen auf den Trümmern, als ob sie sich über die vergangene Pracht amüsierten.
Sah ich nach links, erkannte ich den pompösen Brighton Pier. Musik dröhnte zu mir herüber, es wimmelte von Menschen. Lichter blinkten, ich hörte Gelächter und Rufe, die fröhlich klangen.
Die zwei Gesichter von Brighton, dachte ich und richtete mich auf. Es gab Straßen und Lanes, die unglaublich schick waren, neue Gebäude, in denen teuer gekleidete Menschen verkehrten. Eine Straße weiter sah es aus, als ob gleich ein Haus in sich zusammenbrechen würde.
Ich musterte die Hotels hinter mir. Die prächtige Fassade des Grand Hotel strahlte in edlem Weiß, daneben schimmerte das Hilton in einem prachtvollen Rot. Beide Hotels hatten zahlreiche Fenster mit Balkonen, die zur Beach Front zeigten, abgesichert durch Metallgitter. Sie wirkten trutzig und mondän gleichermaßen.
Aber ich war eine Stunde zuvor durch die Straße spaziert, die direkt hinter dem Hotel verlief. Da war es weniger schick. Müllsäcke türmten sich, es stank. Von dieser Seite aus wirkten die mondänen Hotels auf einmal nicht mehr so teuer.
Seufzend legte ich mich wieder auf den Rücken und ließ den Anblick des Meers auf mich wirken. Brighton hatte zwei Seiten, das war klar. Aber ich war im Urlaub, und ich wollte mich auf das Meer und den Strand konzentrieren. Das schien mir sinnvoller zu sein.
In den vergangenen Stunden hatte ich mir Brighton erlaufen. Die Stadt war mir aus Filmen bekannt, und »Quadrophenia« war mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Doch wie immer hatte die Realität dieses September 2000 nur wenig mit den Straßenschlachten der 60er-Jahre zu tun. Brighton war einerseits modern und schick, auf der anderen Seite wirkte es heruntergekommen und brüchig.
Rechts von mir schob sich der alte West Pier ins Meer. Die Gebäude auf ihm waren grau und zerfallen, durch die Wände und die offenen Fenster konnte man blicken. Alles sah aus, als ob es bald endgültig in sich zusammenbrechen würde. Sperrgitter sorgten dafür, dass niemand auf den Pier konnte; Möwen saßen auf den Trümmern, als ob sie sich über die vergangene Pracht amüsierten.
Sah ich nach links, erkannte ich den pompösen Brighton Pier. Musik dröhnte zu mir herüber, es wimmelte von Menschen. Lichter blinkten, ich hörte Gelächter und Rufe, die fröhlich klangen.
Die zwei Gesichter von Brighton, dachte ich und richtete mich auf. Es gab Straßen und Lanes, die unglaublich schick waren, neue Gebäude, in denen teuer gekleidete Menschen verkehrten. Eine Straße weiter sah es aus, als ob gleich ein Haus in sich zusammenbrechen würde.
Ich musterte die Hotels hinter mir. Die prächtige Fassade des Grand Hotel strahlte in edlem Weiß, daneben schimmerte das Hilton in einem prachtvollen Rot. Beide Hotels hatten zahlreiche Fenster mit Balkonen, die zur Beach Front zeigten, abgesichert durch Metallgitter. Sie wirkten trutzig und mondän gleichermaßen.
Aber ich war eine Stunde zuvor durch die Straße spaziert, die direkt hinter dem Hotel verlief. Da war es weniger schick. Müllsäcke türmten sich, es stank. Von dieser Seite aus wirkten die mondänen Hotels auf einmal nicht mehr so teuer.
Seufzend legte ich mich wieder auf den Rücken und ließ den Anblick des Meers auf mich wirken. Brighton hatte zwei Seiten, das war klar. Aber ich war im Urlaub, und ich wollte mich auf das Meer und den Strand konzentrieren. Das schien mir sinnvoller zu sein.
03 Juli 2024
Klassisches Kinderbuch, gelungen umgesetzt
Bereits 1911 erschien das Kinderbuch »Der geheime Garten« der Schriftstellerin Frances H. Burnett, das seitdem immer wieder neu aufgelegt wurde und auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Ich kenne den Roman nicht, habe aber die aktuelle Verfilmung von 2020 gesehen, die mir gut gefallen hat. Umso interessanter finde ich die Comic-Version, die unlängst im Splitter-Verlag erschienen ist.
Maud Begon setzte das klassische Werk in einen Comic um, als dessen Zielgruppe ganz eindeutig Kinder gelten, der aber auch von Erwachsenen gut gelesen werden kann. Die Geschichte von dem Mädchen, das die Cholera-Epidemie in Indien überlebt – im Gegensatz zu seinen Eltern – und nach England zurückgebracht wird, um bei seinem seltsamen Onkel zu leben, rafft die Künstlerin so, dass man dem Geschehen schnell folgen kann. Das Mädchen findet Freunde in Tieren und in Menschen, und es findet vor allem einen geheimen Garten, den es mit neuem Leben erfüllt.
Das Kinderbuch wurde vor dem Ersten Weltkrieg verfasst, die englische Gesellschaft war damals noch stärker in Schichten gegliedert, als sie das heute wohl ist. Dass die Kinder der »Herrschaft« und die der »Dienstboten« miteinander befreundet sind und Abenteuer »auf Augenhöhe« erleben, war sicher nicht üblich. Die gesellschaftlichen Klüfte werden allerdings nicht thematisiert, sie spielen nur im Hintergrund ständig eine Rolle.
Bei »Der geheime Garten« geht es um die Sehnsucht nach Leben, aber auch um die Trauer um Menschen, die bereits gestorben sind. Der angeblich so tote Garten, der zu neuem Leben erblüht und voller wunderschöner Rosen ist, kann als ein Sinnbild betrachtet werden. Damit bildet die Künstlerin das Original sehr gut ab.
Grafisch schafft sie eine Verbindung aus der Vergangenheit in die heutige Zeit: Manche Bilder erinnern mit ihren blassen Farben und ihren skizzierten Linien an frühe Illustrationen; gleichzeitig aber ist die Geschichte sehr flott illustriert. Die Bilder sind somit kindgerecht, in einer Mixtur aus altmodisch und modern, die zur Geschichte passt.
Ich empfehle dringend, die Leseprobe anzuschauen. Und empfehle diesen ungewöhnlichen Comic, den es in einer schicken Hardcover-Ausgabe bei Toonfish gibt ...
Maud Begon setzte das klassische Werk in einen Comic um, als dessen Zielgruppe ganz eindeutig Kinder gelten, der aber auch von Erwachsenen gut gelesen werden kann. Die Geschichte von dem Mädchen, das die Cholera-Epidemie in Indien überlebt – im Gegensatz zu seinen Eltern – und nach England zurückgebracht wird, um bei seinem seltsamen Onkel zu leben, rafft die Künstlerin so, dass man dem Geschehen schnell folgen kann. Das Mädchen findet Freunde in Tieren und in Menschen, und es findet vor allem einen geheimen Garten, den es mit neuem Leben erfüllt.
Das Kinderbuch wurde vor dem Ersten Weltkrieg verfasst, die englische Gesellschaft war damals noch stärker in Schichten gegliedert, als sie das heute wohl ist. Dass die Kinder der »Herrschaft« und die der »Dienstboten« miteinander befreundet sind und Abenteuer »auf Augenhöhe« erleben, war sicher nicht üblich. Die gesellschaftlichen Klüfte werden allerdings nicht thematisiert, sie spielen nur im Hintergrund ständig eine Rolle.
Bei »Der geheime Garten« geht es um die Sehnsucht nach Leben, aber auch um die Trauer um Menschen, die bereits gestorben sind. Der angeblich so tote Garten, der zu neuem Leben erblüht und voller wunderschöner Rosen ist, kann als ein Sinnbild betrachtet werden. Damit bildet die Künstlerin das Original sehr gut ab.
Grafisch schafft sie eine Verbindung aus der Vergangenheit in die heutige Zeit: Manche Bilder erinnern mit ihren blassen Farben und ihren skizzierten Linien an frühe Illustrationen; gleichzeitig aber ist die Geschichte sehr flott illustriert. Die Bilder sind somit kindgerecht, in einer Mixtur aus altmodisch und modern, die zur Geschichte passt.
Ich empfehle dringend, die Leseprobe anzuschauen. Und empfehle diesen ungewöhnlichen Comic, den es in einer schicken Hardcover-Ausgabe bei Toonfish gibt ...
15 Juni 2023
Die Violators und No Future
Zu den Bands, von denen ich früher nie einen Tonträger besaß, zählen die Violators. Die Engländer, die ihre kurze Zeit zu Beginn der 80er-Jahre erlebten, waren zwar relevant, aber ich sah sie nie live, und ich bekam nie eine ihrer Singles in die Finger. Da fand ich es schon gut, dass 1994 die Platte mit dem schönen Titel »The No Future Years« als CD veröffentlicht wurde; ich habe die Vinylscheibe, die bei Mad Butscher Records im Jahr 2016 herauskam.
Man muss klar sagen, dass es sich hier um ein echtes Zeitdokument handelt. Die Band gründete sich 1979 und löste sich gegen 1983 wieder auf. Man machte den rumpeligen Punk, der um diese Zeit üblich war, mit den entsprechenden Texten über Konflikte mit der Polizei und dem Staat. Es gab einen gewissen Hang zum Oi!, vor allem auch optisch feststellbar, in ihrer späteren Phase klang die Band fast nach Wave. Man wandelte sich also innerhalb weniger Jahre.
Das Ganze wurde auf EPs und Samplern veröffentlicht. Die Zusammenstellung ist also gut, wenngleich es leider kein Beiblatt und keinerlei weitergehende Informationen gibt. Das finde ich bei so einer Platte schade; so ein Informationsblatt hätte geholfen, die Stücke besser in die Zeit einzuordnen. 1981 ist nun mal doch einige Tage her …
Mir gefallen vor allem die Stücke, bei denen die Sängerin am Mikro ist. Helen Of Oi! war für ihre Zeit großartig, und das kann man heute noch gut nachvollziehen. Singt der Mann, wird es rüpeliger, aber auch das passt. So klang halt der authentische Punk dieser Tage.
Seien wir ehrlich: keine Platte, die man haben muss. Wer aber wissen will, wie Punk zu Beginn der 80er-Jahre klang, kann hier nicht viel falsch machen.
Man muss klar sagen, dass es sich hier um ein echtes Zeitdokument handelt. Die Band gründete sich 1979 und löste sich gegen 1983 wieder auf. Man machte den rumpeligen Punk, der um diese Zeit üblich war, mit den entsprechenden Texten über Konflikte mit der Polizei und dem Staat. Es gab einen gewissen Hang zum Oi!, vor allem auch optisch feststellbar, in ihrer späteren Phase klang die Band fast nach Wave. Man wandelte sich also innerhalb weniger Jahre.
Das Ganze wurde auf EPs und Samplern veröffentlicht. Die Zusammenstellung ist also gut, wenngleich es leider kein Beiblatt und keinerlei weitergehende Informationen gibt. Das finde ich bei so einer Platte schade; so ein Informationsblatt hätte geholfen, die Stücke besser in die Zeit einzuordnen. 1981 ist nun mal doch einige Tage her …
Mir gefallen vor allem die Stücke, bei denen die Sängerin am Mikro ist. Helen Of Oi! war für ihre Zeit großartig, und das kann man heute noch gut nachvollziehen. Singt der Mann, wird es rüpeliger, aber auch das passt. So klang halt der authentische Punk dieser Tage.
Seien wir ehrlich: keine Platte, die man haben muss. Wer aber wissen will, wie Punk zu Beginn der 80er-Jahre klang, kann hier nicht viel falsch machen.
20 April 2023
Hüpfen mit The Regents
Warum ich mir die Single von The Regents kaufte, weiß ich nach all den Jahrzehnten nicht mehr. Sicher lag es an dem Cover, und ebenso sicher kaufte ich mir die Platte aus einer Kiste für wenig Geld. Als sie im Juni 1980 nämlich herauskam, konnte ich mir nur ganz wenige Platten leisten und kaufte daher lieber Vinyl von halbwegs populären Punk-, Wave- und NdW-Bands.
Wobei The Regents nicht so unbekannt waren. Die vier Briten schafften es 1979 auf Platz elf der englischen Single-Charts. Die Platte, die ich kaufte, hieß »See You Later«, und dieses Stück kam auf Platz 55. Das war aber nicht der Grund für mein Kaufen – von diesen Platzierungen wusste ich nichts –, mir ging es sicher nur um die Optik.
Das Titelstück ist übrigens richtig gut. Zwei Typen und zwei Frauen, allesamt recht jung, liefern ein schmissiges Stück und hüpfen gewissermaßen mit frohem Enthusiasmus durch die rotzige Melodie. Das ist noch ein wenig punkig, wenngleich es nicht mehr dem Punk des Jahres 1980 entspricht (im selben Jahr brachten Exploited ihre erste EP heraus, um das Gegenbeispiel zu nennen), und macht auch heute noch gute Laune. Eigentlich will ich dazu durchs Wohnzimmer hüpfen.
Im Prinzip wäre es korrekt, das Stück als New Wave im ursprünglichen Sinn zu bezeichnen. Egal – es gefällt mir heute noch. (Die B-Seite ist übrigens lahm.) Cooles Ding!
Wobei The Regents nicht so unbekannt waren. Die vier Briten schafften es 1979 auf Platz elf der englischen Single-Charts. Die Platte, die ich kaufte, hieß »See You Later«, und dieses Stück kam auf Platz 55. Das war aber nicht der Grund für mein Kaufen – von diesen Platzierungen wusste ich nichts –, mir ging es sicher nur um die Optik.
Das Titelstück ist übrigens richtig gut. Zwei Typen und zwei Frauen, allesamt recht jung, liefern ein schmissiges Stück und hüpfen gewissermaßen mit frohem Enthusiasmus durch die rotzige Melodie. Das ist noch ein wenig punkig, wenngleich es nicht mehr dem Punk des Jahres 1980 entspricht (im selben Jahr brachten Exploited ihre erste EP heraus, um das Gegenbeispiel zu nennen), und macht auch heute noch gute Laune. Eigentlich will ich dazu durchs Wohnzimmer hüpfen.
Im Prinzip wäre es korrekt, das Stück als New Wave im ursprünglichen Sinn zu bezeichnen. Egal – es gefällt mir heute noch. (Die B-Seite ist übrigens lahm.) Cooles Ding!
04 Januar 2023
Gitarrist, Sexsüchtiger, Drogenabhängiger
Für mich waren die Sex Pistols in einer gewissen Phase meiner Jugend unglaublich wichtig: Ich verstand die Texte nicht unbedingt, aber es war klar, dass diese Musik anders war als alles andere zuvor. Sie war wütend und räudig, und ich nutzte sie, um mich von anderen abzugrenzen. Bis heute halte ich die Platte »Never Mind The Bollocks« für richtig gut, wobei das sicher an meiner frühjugendlichen Prägung liegen kann.
Als Gitarrist der Sex Pistols trug Steve Jones viel zum frühen Erfolg der Band bei. Seine Biografie trägt den schönen deutschen Titel »Meine Sex Pistols Geschichte« und wurde im Hannibal-Verlag veröffentlicht. Ich habe sie endlich gelesen – und ich fand sie sehr unterhaltsam. Wobei es streckenweise mehr über Drogen und Frauen geht als um Musik im Allgemeinen und Punkrock im Besonderen …
Mit dem konnte Steve Jones eh nicht viel anfangen. Mit Verachtung blickt er in seinem Buch auf die Szene, die nach der ersten Punk-Welle entstand. Er zeigt sich eher als ein Freund der »normalen« Rockmusik und glaubt allen Ernstes, Punk sei in den 90er-Jahren vor allem durch Bands wie Guns'n'Roses wieder populär geworden. Sieht man von solchen Wirrungen ab, ist sein Buch ausgesprochen unterhaltsam, wenngleich nicht sonderlich informativ.
Steve Jones erzählt von seiner Kindheit und Jugend in einer ärmlichen Gegend, von den Schwierigkeiten mit seinem Stiefvater, der ihn sexuell missbrauchte, von seinen Obsessionen: Bereits in seiner Kindheit fing Jones damit an, alles mögliche zu stehlen. Gleichzeitig war er ein »Spanner«, der jungen Paaren beim Sex zusah. Beides setzte sich in seiner Jugend fort, später noch mit starkem Alkoholkonsum gekoppelt.
Wie er mit seinem Jugendfreund »Cookie« eine erste Band gründete, aus der später die Sex Pistols entstehen sollten, liest sich richtig spannend. Vivienne Westwood, Malcolm McLaren, Johnny Rotten und Sid Vicious – die berühmten Namen tauchen alle auf, wenngleich in einem anderen Licht dargestellt als in anderen Büchern. Jones wirkt ehrlich, wenngleich extrem subjektiv, vor allem, weil er zu sehr mit seinem Drogenkonsum, seiner Sexbesessenheit und dem dauernden Stehlen beschäftigt war.
Und so spannt das Buch seinen Bogen von einer Kindheit in den 60er-Jahren zu einem fiesen Junkie in den 80er-Jahren bis hin zu einem Musiker, der heute immer noch aktiv ist, aber seit mehr als einem Vierteljahrhundert keine Drogen mehr anrührt. Das muss man nicht alles gut finden und vor allem nicht alles teilen, aber es liest sich spannend – ein interessanter Einblick in ein Leben, das am Anfang von Punk die neue Musikrichtung stark prägte.
Erschienen ist das Werk als Paperback im Hannibal-Verlag; es ist keine unbedingt preiswerte Lektüre, aber eine, die einen gut unterhält und informiert. Wer mag, kann sich auf der Internet-Seite des Verlages ja ein wenig im Voraus informieren …
Als Gitarrist der Sex Pistols trug Steve Jones viel zum frühen Erfolg der Band bei. Seine Biografie trägt den schönen deutschen Titel »Meine Sex Pistols Geschichte« und wurde im Hannibal-Verlag veröffentlicht. Ich habe sie endlich gelesen – und ich fand sie sehr unterhaltsam. Wobei es streckenweise mehr über Drogen und Frauen geht als um Musik im Allgemeinen und Punkrock im Besonderen …
Mit dem konnte Steve Jones eh nicht viel anfangen. Mit Verachtung blickt er in seinem Buch auf die Szene, die nach der ersten Punk-Welle entstand. Er zeigt sich eher als ein Freund der »normalen« Rockmusik und glaubt allen Ernstes, Punk sei in den 90er-Jahren vor allem durch Bands wie Guns'n'Roses wieder populär geworden. Sieht man von solchen Wirrungen ab, ist sein Buch ausgesprochen unterhaltsam, wenngleich nicht sonderlich informativ.
Steve Jones erzählt von seiner Kindheit und Jugend in einer ärmlichen Gegend, von den Schwierigkeiten mit seinem Stiefvater, der ihn sexuell missbrauchte, von seinen Obsessionen: Bereits in seiner Kindheit fing Jones damit an, alles mögliche zu stehlen. Gleichzeitig war er ein »Spanner«, der jungen Paaren beim Sex zusah. Beides setzte sich in seiner Jugend fort, später noch mit starkem Alkoholkonsum gekoppelt.
Wie er mit seinem Jugendfreund »Cookie« eine erste Band gründete, aus der später die Sex Pistols entstehen sollten, liest sich richtig spannend. Vivienne Westwood, Malcolm McLaren, Johnny Rotten und Sid Vicious – die berühmten Namen tauchen alle auf, wenngleich in einem anderen Licht dargestellt als in anderen Büchern. Jones wirkt ehrlich, wenngleich extrem subjektiv, vor allem, weil er zu sehr mit seinem Drogenkonsum, seiner Sexbesessenheit und dem dauernden Stehlen beschäftigt war.
Und so spannt das Buch seinen Bogen von einer Kindheit in den 60er-Jahren zu einem fiesen Junkie in den 80er-Jahren bis hin zu einem Musiker, der heute immer noch aktiv ist, aber seit mehr als einem Vierteljahrhundert keine Drogen mehr anrührt. Das muss man nicht alles gut finden und vor allem nicht alles teilen, aber es liest sich spannend – ein interessanter Einblick in ein Leben, das am Anfang von Punk die neue Musikrichtung stark prägte.
Erschienen ist das Werk als Paperback im Hannibal-Verlag; es ist keine unbedingt preiswerte Lektüre, aber eine, die einen gut unterhält und informiert. Wer mag, kann sich auf der Internet-Seite des Verlages ja ein wenig im Voraus informieren …
06 Oktober 2022
Cryssis und ein Hit
Ich habe Cryssis nie live gesehen, mag aber die Musik dieser eigentlich schon uralten englischen Band. Bei einem Konzert von TV Smith kaufte ich mir die Single »Fighting In Brighton«, die nicht nur wegen des großartigen Hits auf der A-Seite überzeugt.
Das Titelstück ist eine mitreißende Punkrock-Hymne, die so auch in den späten 70er-Jahren hätte erscheinen können – hier ist das als Kompliment gemeint –, inhaltlich eine Anspielung auf die Auseinandersetzungen zwischen Mods und Rockern in dem englischen Badeort Brighton. Unweigerlich wackle ich da mit dem Kopf und zapple mit den Beinen, und die Melodie ist so eingängig, dass man den Refrain schnell mitsingen kann.
Doch die B-Seite ist mit »Beautiful Dreams« keinen Deut schlechter. Auch hier ist eine Melodie mit viel Schmackes vorhanden, stimmen der Rhythmus und die Geschwindigkeit, scheint der Text ebenso zu stimmen. Veröffentlicht wurde das Kleinod bei Drumming Monkey Records; die Auflage betrug wohl nur 500 Exemplare.
Das Titelstück ist eine mitreißende Punkrock-Hymne, die so auch in den späten 70er-Jahren hätte erscheinen können – hier ist das als Kompliment gemeint –, inhaltlich eine Anspielung auf die Auseinandersetzungen zwischen Mods und Rockern in dem englischen Badeort Brighton. Unweigerlich wackle ich da mit dem Kopf und zapple mit den Beinen, und die Melodie ist so eingängig, dass man den Refrain schnell mitsingen kann.
Doch die B-Seite ist mit »Beautiful Dreams« keinen Deut schlechter. Auch hier ist eine Melodie mit viel Schmackes vorhanden, stimmen der Rhythmus und die Geschwindigkeit, scheint der Text ebenso zu stimmen. Veröffentlicht wurde das Kleinod bei Drumming Monkey Records; die Auflage betrug wohl nur 500 Exemplare.
28 September 2022
Ein grausiger, ein mitreißender Roman
1999 erschien der Roman »1974« zum ersten Mal in englischer Sprache, verfasst von dem damals noch jungen Autor David Peace. Es war der erste Roman des Schriftstellers, er kam auch gut an, aber es dauerte einige Zeit, bis er in die deutsche Sprache übersetzt wurde. Und endlich habe ich ihn auch gelesen – ich habe mir die Hardcover-Ausgabe gegönnt, die im Liebeskind-Verlag erschienen ist.
Worum geht’s? Um das Jahr 1974. Logisch.
Die Bay City Rollers laufen im Radio, Frauen werden von ihren Vorgesetzten ständig mit »Schätzchen« angeredet, in der Polizei herrschen Rassismus und Brutalität vor. Ein junger Reporter wittert seine Chance, sich einen Namen zu machen, als er zu einer Pressekonferenz gerufen wird: Ein Mädchen wird vermisst, und alle ahnen bereits, dass es schon tot ist.
Das ist nur der Anfang zu einer brachialen Reise in die Dunkelheit. Der Reporter kommt immer mehr düsteren Geheimnissen auf die Spur und wird Zeuge unfassbarer Polizei-Brutalität. Das Ende des Romans ist dann konsequent: sehr brachial, sehr direkt, sehr hoffnungslos.
Vor allem der Stil haut einen um. Peace verzichtet auf längere Beschreibungen, er schreibt derart knapp, dass es einem fast die Sprache raubt. Die Dialoge sind rabiat und direkt, sie bestimmen die Handlung zu gut zwei Dritteln.
Gewalt und Sex werden derb gezeigt, die Perspektive des Ich-Erzählers ist eindeutig und fast schon grausig. Entweder findet man das faszinierend und bleibt dabei, oder es stößt ab und man legt den Roman zur Seite. Ein Zwischending gibt es wohl nicht.
(Und ich muss an dieser Stelle klar eine Triggerwarnung aussprechen: Wer keine Brutalität lesen mag, sollte die Finger von diesem Werk lesen. Wobei die Brutalität kein Selbstzweck ist, sondern zur Handlung gehört. Sie wird auch nicht ausschweifend geschildert, geht aber unter die Haut.)
Ich fand »1974« sowohl mitreißend als auch großartig. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, blätterte ich es noch einmal durch und las einzelne Szenen ein zweites Mal, um sie mir in Erinnerung zu rufen. Die Bilder bleiben nach der Lektüre sowieso im Gedächtnis.
Hammer!
Worum geht’s? Um das Jahr 1974. Logisch.
Die Bay City Rollers laufen im Radio, Frauen werden von ihren Vorgesetzten ständig mit »Schätzchen« angeredet, in der Polizei herrschen Rassismus und Brutalität vor. Ein junger Reporter wittert seine Chance, sich einen Namen zu machen, als er zu einer Pressekonferenz gerufen wird: Ein Mädchen wird vermisst, und alle ahnen bereits, dass es schon tot ist.
Das ist nur der Anfang zu einer brachialen Reise in die Dunkelheit. Der Reporter kommt immer mehr düsteren Geheimnissen auf die Spur und wird Zeuge unfassbarer Polizei-Brutalität. Das Ende des Romans ist dann konsequent: sehr brachial, sehr direkt, sehr hoffnungslos.
Vor allem der Stil haut einen um. Peace verzichtet auf längere Beschreibungen, er schreibt derart knapp, dass es einem fast die Sprache raubt. Die Dialoge sind rabiat und direkt, sie bestimmen die Handlung zu gut zwei Dritteln.
Gewalt und Sex werden derb gezeigt, die Perspektive des Ich-Erzählers ist eindeutig und fast schon grausig. Entweder findet man das faszinierend und bleibt dabei, oder es stößt ab und man legt den Roman zur Seite. Ein Zwischending gibt es wohl nicht.
(Und ich muss an dieser Stelle klar eine Triggerwarnung aussprechen: Wer keine Brutalität lesen mag, sollte die Finger von diesem Werk lesen. Wobei die Brutalität kein Selbstzweck ist, sondern zur Handlung gehört. Sie wird auch nicht ausschweifend geschildert, geht aber unter die Haut.)
Ich fand »1974« sowohl mitreißend als auch großartig. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, blätterte ich es noch einmal durch und las einzelne Szenen ein zweites Mal, um sie mir in Erinnerung zu rufen. Die Bilder bleiben nach der Lektüre sowieso im Gedächtnis.
Hammer!
20 September 2022
Schöne Ausgabe des SF-Klassikers
Ohne Zweifel zählt »Trigan« zu den großen Comic-Klassikern der Science Fiction. Mitte der 60er-Jahre wurden die ersten Seiten dieses Comics veröffentlicht, und durch ihn wurde Don Lawrence zu einem Star des Genres. Bei Panini erscheint die Serie seit einiger Zeit in einer schönen Hardcover-Neuausgabe, und ich habe den ersten Band endlich mal gelesen.
Die Serie war immer eine Legende für mich. Als ich anfing, mich für Science Fiction und Comics zu interessieren, galt »Trigan« bereits als wichtig. In den frühen 80er-Jahren wurde mir vermittelt, dass die Serie vor allem politisch eher heikel sei, also fast schon faschistisch. Und als ich irgendwann einen Band las, der mitten in der Serie angesiedelt war, konnte ich damit nicht viel anfangen.
Und jetzt? Knifflig.
Sagen wir so: Als die Serie vor über fünfzig Jahren gestartet wurde, war sie sicher ein Kracher. Die Illustrationen waren großartig, die Geschichte – wenn man nicht zu sehr darüber nachdachte – sicher spannend. Anfangs wurde die Geschichte zudem so veröffentlicht, dass in jeder Ausgabe einer Comic-Zeitschrift zwei Seiten kam. Alle zwei Seiten musste also ein spannender Höhepunkt kommen, was die sehr sprunghafte Handlung erklärt.
Sehe ich mir das heute an, muss ich klar sagen: Die Handlung ist schon arg schlicht. Aus Nomaden, die am Anfang durch die Gegend ziehen, werden ruckzuck Städtebauer und dann Leute, die Raumgleiter fliegen können. Trigan ist ein schlauer Kopf, der alles richtig macht, und seine Gegenspieler sind durch die Bank intrigant und vor allem strunzdumm.
Immerhin ist der erste Band nicht so politisch wie spätere »Trigan«-Geschichten: Ich erinnere mich, dass spätere Alben durchaus als »faschistoid« bezeichnet werden könnten. Die linken Comic-Kritiker der 70er- und 80er-Jahre fanden dafür sowieso viel gröbere Begriffe.
Seien wir fair: Aus historischen Gründen ist »Trigan« ein Meisterwerk. Dass Panini dieses große Werk in einer schönen Hardcover-Ausgabe veröffentlicht, ist sehr verdienstvoll. Ich werde davon aber sicher kein Fan mehr werden …
Die Serie war immer eine Legende für mich. Als ich anfing, mich für Science Fiction und Comics zu interessieren, galt »Trigan« bereits als wichtig. In den frühen 80er-Jahren wurde mir vermittelt, dass die Serie vor allem politisch eher heikel sei, also fast schon faschistisch. Und als ich irgendwann einen Band las, der mitten in der Serie angesiedelt war, konnte ich damit nicht viel anfangen.
Und jetzt? Knifflig.
Sagen wir so: Als die Serie vor über fünfzig Jahren gestartet wurde, war sie sicher ein Kracher. Die Illustrationen waren großartig, die Geschichte – wenn man nicht zu sehr darüber nachdachte – sicher spannend. Anfangs wurde die Geschichte zudem so veröffentlicht, dass in jeder Ausgabe einer Comic-Zeitschrift zwei Seiten kam. Alle zwei Seiten musste also ein spannender Höhepunkt kommen, was die sehr sprunghafte Handlung erklärt.
Sehe ich mir das heute an, muss ich klar sagen: Die Handlung ist schon arg schlicht. Aus Nomaden, die am Anfang durch die Gegend ziehen, werden ruckzuck Städtebauer und dann Leute, die Raumgleiter fliegen können. Trigan ist ein schlauer Kopf, der alles richtig macht, und seine Gegenspieler sind durch die Bank intrigant und vor allem strunzdumm.
Immerhin ist der erste Band nicht so politisch wie spätere »Trigan«-Geschichten: Ich erinnere mich, dass spätere Alben durchaus als »faschistoid« bezeichnet werden könnten. Die linken Comic-Kritiker der 70er- und 80er-Jahre fanden dafür sowieso viel gröbere Begriffe.
Seien wir fair: Aus historischen Gründen ist »Trigan« ein Meisterwerk. Dass Panini dieses große Werk in einer schönen Hardcover-Ausgabe veröffentlicht, ist sehr verdienstvoll. Ich werde davon aber sicher kein Fan mehr werden …
19 September 2022
Die Queen sei gesegnet
Ich gehöre zu den Leuten, denen das englische Königshaus immer egal war. Mir war die glamouröse Diana-Hochzeit damals gleichgültig, die meine halbe Familie und die halbe Schule ins Entzücken versetzte. Ich habe keine Ahnung, wer von den Diana-Söhnen jetzt welche Prinzessin geheiratet hat oder nicht. Es hat alles mit meinem Leben nichts zu tun.
Eigentlich habe ich nur eine Beziehung zur Queen: das Sexpistols-Stück »God Save The Queen«, das ich schon beim ersten Hören famos fand, ohne seine wahre Sprengkraft zu verstehen. Aber mir als 13 Jahre altem Jungen war bewusst, dass es hier einen echt fetten Tritt in den Allerwertesten des Spießertums gab – weil ich damals nichts für das englische Königshaus übrig hatte, fesselte mich aber eher der sichtlich wütende Sänger.
Die Königin ist mittlerweile gestorben, die britische Nation erstarrt in Trauer, halb Europa und gut ein Viertel der Welt scheint mitzutrauern. Sogar in Deutschland hängen Trauerflore an den öffentlichen Bannern.
Es soll meinetwegen jeder Mensch trauern, wie er oder sie will. Und natürlich soll auch jeder Mensch um jeden anderen Menschen trauern. Das ist in Ordnung. Ich habe schon um Punkrock-Gitarristen getrauert, mit denen ich nie gesprochen habe – es ist also in Ordnung, wenn jemand den Tod der Queen betrauert.
Aber ich bin schon jetzt froh, wenn diese Trauerei vorüber ist. Dann fällt es mir wieder leichter, das englische Königshaus egal zu finden …
Eigentlich habe ich nur eine Beziehung zur Queen: das Sexpistols-Stück »God Save The Queen«, das ich schon beim ersten Hören famos fand, ohne seine wahre Sprengkraft zu verstehen. Aber mir als 13 Jahre altem Jungen war bewusst, dass es hier einen echt fetten Tritt in den Allerwertesten des Spießertums gab – weil ich damals nichts für das englische Königshaus übrig hatte, fesselte mich aber eher der sichtlich wütende Sänger.
Die Königin ist mittlerweile gestorben, die britische Nation erstarrt in Trauer, halb Europa und gut ein Viertel der Welt scheint mitzutrauern. Sogar in Deutschland hängen Trauerflore an den öffentlichen Bannern.
Es soll meinetwegen jeder Mensch trauern, wie er oder sie will. Und natürlich soll auch jeder Mensch um jeden anderen Menschen trauern. Das ist in Ordnung. Ich habe schon um Punkrock-Gitarristen getrauert, mit denen ich nie gesprochen habe – es ist also in Ordnung, wenn jemand den Tod der Queen betrauert.
Aber ich bin schon jetzt froh, wenn diese Trauerei vorüber ist. Dann fällt es mir wieder leichter, das englische Königshaus egal zu finden …
23 Juni 2022
Eine Single von Ian Dury
Als sie herauskam, kaufte ich sie nicht gleich; erst in den frühen 80er-Jahren legte ich sie mir zu: die Single »Hit Me With Your Rhythm Stick« von Ian Dury & The Blockheads. Ich mochte den Sänger und seine Begleitband sehr, und ich kann mir seine Musik immer noch anhören. Unglaublich, dass er schon im Jahr 2000 verstorben ist!
Das Stück war in den 80er-Jahren recht populär, und das zu Recht: Seine Mixtur aus flottem Rhythmus, schrägem Text – mit französischen und deutschen Wörtern zwischendurch –, gelegentlichen Bläsersäten und viel Funk war schon etwas Besonderes. Dazu der Sänger, der seine Textzeilen nicht »schön« sang, sondern »punkig« herausbrachte.
Veröffentlicht wurde die Single schon 1978, ich besitze die deutsche Pressung der Spliff-Records-Platte. In den 80er-Jahren spielte ich sie auch, wenn ich bei uns im Jugendzentrum meine Platten zum Tanz auflegte; entsprechende Gebrauchsspuren zieren die Vinylscheibe und vor allem die Papierhülle. Ich höre sie trotzdem gern, und ich kenne das Knistern an manchen Stellen schon recht gut.
Wobei die B-Seite auch gelungen ist; sie ist aber nicht tanzbar und wurde von mir deshalb nie gespielt. »There Ain't Half Been Some Clever Bastards« ist sehr locker, ein dezentes Popstück, das man sich auch als Soundtrack für einen Sonntagsspaziergang vorstellen könnte. Textlich ist es eher sarkastisch – insgesamt ein ziemlicher Gegenatz zu dem Hit auf der A-Seite.
Nach all den Jahrzehnten mag ich diese oft benutzte und tausendfach gespielte Single immer noch. In Erinnerung an Ian Dury sollte ich dann heute wohl einen Whisky trinken.
Das Stück war in den 80er-Jahren recht populär, und das zu Recht: Seine Mixtur aus flottem Rhythmus, schrägem Text – mit französischen und deutschen Wörtern zwischendurch –, gelegentlichen Bläsersäten und viel Funk war schon etwas Besonderes. Dazu der Sänger, der seine Textzeilen nicht »schön« sang, sondern »punkig« herausbrachte.
Veröffentlicht wurde die Single schon 1978, ich besitze die deutsche Pressung der Spliff-Records-Platte. In den 80er-Jahren spielte ich sie auch, wenn ich bei uns im Jugendzentrum meine Platten zum Tanz auflegte; entsprechende Gebrauchsspuren zieren die Vinylscheibe und vor allem die Papierhülle. Ich höre sie trotzdem gern, und ich kenne das Knistern an manchen Stellen schon recht gut.
Wobei die B-Seite auch gelungen ist; sie ist aber nicht tanzbar und wurde von mir deshalb nie gespielt. »There Ain't Half Been Some Clever Bastards« ist sehr locker, ein dezentes Popstück, das man sich auch als Soundtrack für einen Sonntagsspaziergang vorstellen könnte. Textlich ist es eher sarkastisch – insgesamt ein ziemlicher Gegenatz zu dem Hit auf der A-Seite.
Nach all den Jahrzehnten mag ich diese oft benutzte und tausendfach gespielte Single immer noch. In Erinnerung an Ian Dury sollte ich dann heute wohl einen Whisky trinken.
01 Februar 2022
Starker Steampunk-Comic
Alle paar Jahre wird das Subgenre des Steampunk als »das neue große Ding« aufgerufen, um dann doch wieder nicht die »breite Masse« zu erreichen. Ich mag Steampunk, und ich kann mich vor allem immer wieder über Comics freuen, in der die Technik eines Steampunk-Universums besonders gut gezeigt werden kann. Zuletzt las ich »Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island«; die Miniserie erschien in einem schönen Paperback-Band im Dantes-Verlag.
Grundlage ist eine aus vier Heften bestehende Miniserie mit dem Titel »Captain Swing and the Pirates of Cindery Island«. Erzählt wird aus der Sicht eines Londoner Polizisten, der im Jahr 1830 mit ungewöhnlichen Dingen konfrontiert wird: Er sieht ein fliegendes Schiff, das am Nachthimmel kreuzt, und er verfolgt einen Mann, der offensichtlich Sprungfedern in seinen Stiefeln trägt und sich damit in riesenhaften Sprüngen vorwärtsbewegen kann. Am Ende gelangt er auf das fliegende Schiff, und sein Weltbild verändert sich völlig.
Der Polizist lernt die Welt des Captain Swing kennen, erfährt von der wunderbaren Kraft der Elektrizität und den Gegnern, die Captain Swing und seine fröhlichen Piraten haben. Im Rahmen einer turbulenten Geschichte kommt er sogar zu der Flussinsel, auf der die Piraten ihren Stützpunkt unterhalten, und am Ende zieht er mit einer Mission von dannen …
Warren Ellis ist der Autor der Geschichte, die ich grell und bunt erzählt fand. Sie spielt bewusst mit knalligen Dialogen und schrägen Figuren. Dabei versucht Ellis nicht einmal ansatzweise, die Geschichte intellektuell mit Bedeutung aufzuladen; sie ist rasant, aber alles andere als intellektuell, und soll halt gut unterhalten.
Die Aufladung findet eher durch die historisierenden Seiten statt, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund für den Roman erläutern. Diese Seiten nehmen Tempo aus der Geschichte und ergänzen sie zugleich; sie binden technische Zeichnungen des 19. Jahrhunderts mit ein. Damit bilden sie ein Bindeglied zwischen der Geschichte und den Zeichnungen.
Für diese zeichnet Raulo Cáceres verantwortlich. Seine Bilder sind realitätsnah und geradezu rabiat. Blut und Gedärme spritzen, die nächtlichen Ansichten von London oder das Piratenschiff sind in geradezu aggressivem Stil gezeichnet. Es hat seinen eigenen Charme – aber es ist mir manchmal zu derb. Aber natürlich passt es zum generell rabiaten Stil des gesamten Comic-Bandes.
»Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island« hat mich sehr gut unterhalten, die Geschichte ist ungewöhnlich und hat vor allem einen krassen Gesamtcharakter aufzuweisen. Man sollte für diesen Comic allerdings wohl schon ein Fan von Warren Ellis sein …
Grundlage ist eine aus vier Heften bestehende Miniserie mit dem Titel »Captain Swing and the Pirates of Cindery Island«. Erzählt wird aus der Sicht eines Londoner Polizisten, der im Jahr 1830 mit ungewöhnlichen Dingen konfrontiert wird: Er sieht ein fliegendes Schiff, das am Nachthimmel kreuzt, und er verfolgt einen Mann, der offensichtlich Sprungfedern in seinen Stiefeln trägt und sich damit in riesenhaften Sprüngen vorwärtsbewegen kann. Am Ende gelangt er auf das fliegende Schiff, und sein Weltbild verändert sich völlig.
Der Polizist lernt die Welt des Captain Swing kennen, erfährt von der wunderbaren Kraft der Elektrizität und den Gegnern, die Captain Swing und seine fröhlichen Piraten haben. Im Rahmen einer turbulenten Geschichte kommt er sogar zu der Flussinsel, auf der die Piraten ihren Stützpunkt unterhalten, und am Ende zieht er mit einer Mission von dannen …
Warren Ellis ist der Autor der Geschichte, die ich grell und bunt erzählt fand. Sie spielt bewusst mit knalligen Dialogen und schrägen Figuren. Dabei versucht Ellis nicht einmal ansatzweise, die Geschichte intellektuell mit Bedeutung aufzuladen; sie ist rasant, aber alles andere als intellektuell, und soll halt gut unterhalten.
Die Aufladung findet eher durch die historisierenden Seiten statt, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund für den Roman erläutern. Diese Seiten nehmen Tempo aus der Geschichte und ergänzen sie zugleich; sie binden technische Zeichnungen des 19. Jahrhunderts mit ein. Damit bilden sie ein Bindeglied zwischen der Geschichte und den Zeichnungen.
Für diese zeichnet Raulo Cáceres verantwortlich. Seine Bilder sind realitätsnah und geradezu rabiat. Blut und Gedärme spritzen, die nächtlichen Ansichten von London oder das Piratenschiff sind in geradezu aggressivem Stil gezeichnet. Es hat seinen eigenen Charme – aber es ist mir manchmal zu derb. Aber natürlich passt es zum generell rabiaten Stil des gesamten Comic-Bandes.
»Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island« hat mich sehr gut unterhalten, die Geschichte ist ungewöhnlich und hat vor allem einen krassen Gesamtcharakter aufzuweisen. Man sollte für diesen Comic allerdings wohl schon ein Fan von Warren Ellis sein …
31 Januar 2022
Die Idles zum dritten Mal
Eine der aktuellen Bands, die Punkrock-Elemente mit allerlei anderen Einflüssen verbinden, sind die Idles aus Bristol. Die Engländer schaffen es, diese Verbindung einzugehen, ohne dass eine gesichtslose Soße entsteht. Das merkt man auch an der dritten Platte, die vor bald zwei Jahren erschienen ist und den schönen Titel »Ultra Mono« trägt.
Die zwölf Stücke sind abwechslungsreich, sie gehen nicht gleich ins Ohr, aber sie haben einen kratzigen und eigenständigen Charakter. Sagen wir so: Wer fröhlichen MelodiePunk mag, wird hier vielleicht eher genervt sein.
Mir kommen manche Stücke vor, als wollte die Band vor allem NoiseRock-Elemente in ihre Stücke integrieren: Da wummert der Bass, da knirscht und quiekt die Gitarre, da gibt es schleppend-manische Phasen, wie man sie in den 80er-Jahren von Big Black gehört hat. Über diesen manchmal sehr wuchtigen und auch sperrigen Sound legt sich die Stimme des Sängers, der manchmal brüllt und ansonsten mit rauem Charakter seine Zeilen rausrotzt.
Bei den Texten tu‘ ich mich schwer; meiner Langspielplatte lag kein Textblatt bei, und so bin ich auf meine Englischkenntnisse angewiesen. Die Band verbreitet politische Inhalte, sie meint das sehr ernst, aber diese Inhalte werden nicht in Form von Parolen, sondern in teilweise komplexen Zeilen vermittelt.
Ich mag die Idles, ich habe nun schon einiges von ihnen gehört. Mir gefällt die Band vor allem an den Stellen, wo sie recht knorrig wirkt. Aber man braucht mit dieser Platte echt ein wenig Geduld …
Die zwölf Stücke sind abwechslungsreich, sie gehen nicht gleich ins Ohr, aber sie haben einen kratzigen und eigenständigen Charakter. Sagen wir so: Wer fröhlichen MelodiePunk mag, wird hier vielleicht eher genervt sein.
Mir kommen manche Stücke vor, als wollte die Band vor allem NoiseRock-Elemente in ihre Stücke integrieren: Da wummert der Bass, da knirscht und quiekt die Gitarre, da gibt es schleppend-manische Phasen, wie man sie in den 80er-Jahren von Big Black gehört hat. Über diesen manchmal sehr wuchtigen und auch sperrigen Sound legt sich die Stimme des Sängers, der manchmal brüllt und ansonsten mit rauem Charakter seine Zeilen rausrotzt.
Bei den Texten tu‘ ich mich schwer; meiner Langspielplatte lag kein Textblatt bei, und so bin ich auf meine Englischkenntnisse angewiesen. Die Band verbreitet politische Inhalte, sie meint das sehr ernst, aber diese Inhalte werden nicht in Form von Parolen, sondern in teilweise komplexen Zeilen vermittelt.
Ich mag die Idles, ich habe nun schon einiges von ihnen gehört. Mir gefällt die Band vor allem an den Stellen, wo sie recht knorrig wirkt. Aber man braucht mit dieser Platte echt ein wenig Geduld …
05 Januar 2022
Ein wunderbar illustrierter Klassiker
Es ist ein echter Klassiker des Kinderbuches, zugleich ein phantastisches Buch voller gelungener Charaktere: Ich habe dieser Tage die Lektüre der illustrierten Ausgabe von »Der Wind in den Weiden« abgeschlossen. Diese ist im Knesebeck-Verlag erschienen, als Hardcover mit Schutzumschlag, ein echter Prachtband, den man auch mehrfach in die Hand nehmen kann.
Wer die Geschichte nicht kennt: Es handelt sich eigentlich um eine Tier-Fantasy. Erzählt wird vom Maulwurf und seinen Freunden, der Ratte und dem Dachs und dem Kröterich. Sie erleben allerlei Abenteuer, vor allem deshalb, weil Kröterich ein fürchterlicher Aufschneider ist, ein Angeber vor dem Herrn, und sich durch sein großmäuliges Verhalten von einem Problem ins nächste schubst.
Die vier Tiere leben zwar in Höhlen, aber diese Höhlen haben mehr mit Tolkiens Hobbithäusern und englischen Privatwohnungen zu tun als mit den echten Behausungen von Tieren. Es gibt Treppen und Türen, Tische und Stühle, Gläser und Geschirr, sprich, in diesem Buch leben die Tiere eigentlich wie Menschen – die in diesem Buch aber ebenfalls vorkommen.
Die Geschichte stammt von dem britischen Schriftsteller Kenneth Grahame (1859 1932). Angeblich entwickelte er seinen großen Roman als Gutenachtgeschichte; sie wurde 1908 veröffentlicht und war von Anfang an ein Bestseller. Man kann davon ausgehen, dass Grahames phantastische Welten und Wesen den einen oder anderen Schriftsteller der späteren Fantasy-Zeit beeinflusst haben …
Die mir vorliegende Ausgabe gefällt vor allem wegen der wunderbaren Bilder. Robert Ingpen zaubert in den vierfarbigen Illustrationen die Welt der Tiere auf die Seiten: Manche Bilder sind doppelseitig, manche nur Vignetten. Sie alle zeigen die ausdrucksstarken Gesichter der Tiere, ihre englisch anmutenden Kleidungsstücke, ihre Aktionen und die fast schon kitschig anmutende Landschaft entlang eines sanft dahinfließenden Flusses.
Ein tolles Buch, das ich sicher nicht zum letzten Mal in der Hand gehalten habe. Auch ideal zum Vorlesen geeignet!
Wer die Geschichte nicht kennt: Es handelt sich eigentlich um eine Tier-Fantasy. Erzählt wird vom Maulwurf und seinen Freunden, der Ratte und dem Dachs und dem Kröterich. Sie erleben allerlei Abenteuer, vor allem deshalb, weil Kröterich ein fürchterlicher Aufschneider ist, ein Angeber vor dem Herrn, und sich durch sein großmäuliges Verhalten von einem Problem ins nächste schubst.
Die vier Tiere leben zwar in Höhlen, aber diese Höhlen haben mehr mit Tolkiens Hobbithäusern und englischen Privatwohnungen zu tun als mit den echten Behausungen von Tieren. Es gibt Treppen und Türen, Tische und Stühle, Gläser und Geschirr, sprich, in diesem Buch leben die Tiere eigentlich wie Menschen – die in diesem Buch aber ebenfalls vorkommen.
Die Geschichte stammt von dem britischen Schriftsteller Kenneth Grahame (1859 1932). Angeblich entwickelte er seinen großen Roman als Gutenachtgeschichte; sie wurde 1908 veröffentlicht und war von Anfang an ein Bestseller. Man kann davon ausgehen, dass Grahames phantastische Welten und Wesen den einen oder anderen Schriftsteller der späteren Fantasy-Zeit beeinflusst haben …
Die mir vorliegende Ausgabe gefällt vor allem wegen der wunderbaren Bilder. Robert Ingpen zaubert in den vierfarbigen Illustrationen die Welt der Tiere auf die Seiten: Manche Bilder sind doppelseitig, manche nur Vignetten. Sie alle zeigen die ausdrucksstarken Gesichter der Tiere, ihre englisch anmutenden Kleidungsstücke, ihre Aktionen und die fast schon kitschig anmutende Landschaft entlang eines sanft dahinfließenden Flusses.
Ein tolles Buch, das ich sicher nicht zum letzten Mal in der Hand gehalten habe. Auch ideal zum Vorlesen geeignet!
02 Dezember 2021
Die zweite der Ejected
Aus heutiger Zeit kommt einem das Jahr 1984 auch unter Punkrock-Gesichtspunkten seltsam vor. Die Szene war immer noch jung; wenn jemand 25 Jahre alt war, galt er als alt.
Und eine Band wie The Ejected aus London brachte ein Lied heraus, das den Titel »Afghan Rebels« trug und ganz klare Sympathie für die afghanischen Widerstandskämpfer zeigte: Das waren zwar schon damals zumeist beinharte Islamisten, aber weil sie gegen die Russen kämpften, fand man sie in Westuropa sympathisch.
Höre ich mir die Stücke der zweiten Platte dieser Band an, die den schönen Titel »The Spirit of Rebellion« trägt, wird mir schon klar, warum unsereins solche eher schlichten Stücke damals gut fand. Manches klingt – unter heutigem Licht betrachtet – dann doch ein wenig seltsam.
In den Texten dieser Platte geht es um die Punk-Szene, um politische Themen wie die afghanischen Rebellen und auch um eher schlichte Themen, die man heute als »sexistisch« oder zumindest dümmlich bezeichnen würde. Ein Lied wie »Dirty Schoolgirls« fand ich schon früher seltsam, heute finde ich es unnötig. Die rebellische Attitüde der Band war recht ziellos, im Prinzip war man halt gegen alles mögliche, gegen den Staat und gegen das Militär, gegen junge und dumme Punks und gegen Pornografie.
In den kräftigen und vor allem punkigen Stücken ist die Platte richtig gut, da knallt sie und zeigt sich noch einmal als ein später Höhepunkt des Früh-80er-Jahre-England-Punks. Stücke wie »Mental Case« klingen für damalige Verhältnisse recht poppig und modern, das passt nicht zum Rest.
Insgesamt ist die Platte schon gut, ich kann sie mir heute immer noch anhören. Sie ist aber sicher keine der »wichtigen« Scheiben aus dieser Zeit.
Und eine Band wie The Ejected aus London brachte ein Lied heraus, das den Titel »Afghan Rebels« trug und ganz klare Sympathie für die afghanischen Widerstandskämpfer zeigte: Das waren zwar schon damals zumeist beinharte Islamisten, aber weil sie gegen die Russen kämpften, fand man sie in Westuropa sympathisch.
Höre ich mir die Stücke der zweiten Platte dieser Band an, die den schönen Titel »The Spirit of Rebellion« trägt, wird mir schon klar, warum unsereins solche eher schlichten Stücke damals gut fand. Manches klingt – unter heutigem Licht betrachtet – dann doch ein wenig seltsam.
In den Texten dieser Platte geht es um die Punk-Szene, um politische Themen wie die afghanischen Rebellen und auch um eher schlichte Themen, die man heute als »sexistisch« oder zumindest dümmlich bezeichnen würde. Ein Lied wie »Dirty Schoolgirls« fand ich schon früher seltsam, heute finde ich es unnötig. Die rebellische Attitüde der Band war recht ziellos, im Prinzip war man halt gegen alles mögliche, gegen den Staat und gegen das Militär, gegen junge und dumme Punks und gegen Pornografie.
In den kräftigen und vor allem punkigen Stücken ist die Platte richtig gut, da knallt sie und zeigt sich noch einmal als ein später Höhepunkt des Früh-80er-Jahre-England-Punks. Stücke wie »Mental Case« klingen für damalige Verhältnisse recht poppig und modern, das passt nicht zum Rest.
Insgesamt ist die Platte schon gut, ich kann sie mir heute immer noch anhören. Sie ist aber sicher keine der »wichtigen« Scheiben aus dieser Zeit.
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