07 April 2022

Ausflug im Sommer 1950

Eines der frühesten Bilder, die meine Eltern gemeinsam zeigen, stammt von der Insel Mainau und wurde im Sommer 1950 aufgenommen. Für meine Mutter war die Insel immer ein Sehnsuchtsort; immer wieder fuhr sie dorthin, auch mit uns Kindern. Die Bodenseeinsel mit ihrem milden Klima und mit ihren wunderschönen Pflanzen war auch für Leute mit sehr kleinem Geldbeutel gut zu erreichen.

Mein Vater war zwei Jahre davor aus der Gefangenschaft gekommen, meine Mutter arbeitete als Hilfsarbeiterin; beide waren also nicht gerade wohlhabend. Es reichte zu einem Tagesausflug mit dem Moped, was nicht so leicht zu bewältigen war: Eine direkte Straße zwischen Dietersweiler und der Insel Mainau gab es nicht, und so mussten sie die Strecke auf Landstraßen zurücklegen.

Leider weiß ich viel zu wenig über das frühe Leben meiner Eltern. Vor allem war mir nicht bewusst, dass sie doch längere Zeit miteinander »gegangen« waren. Dieses Foto ist eine schöne Erinnerung an sie.

Disorder mit spätem Wave-Sound

Warum ich mir eine EP der Band Disorder aus Trier gekauft habe, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht verwechselte ich die Wave-Kapelle mit der klassischen Punk-Band aus Bristol? Es ist lange her: Die EP mit dem komplizierten Titel »Ventriloquist« und dem komplizierten Cover kam 1991 heraus und hat so gar nichts mit Punkrock zu tun.

Die jungen Männer der Band – auf der Platte posieren sie mit schwarzen Klamotten und kurzen Haaren – machen einen Wave-Sound, der Ende der 80er-Jahre durchaus normal war. Der Gesang klingt traurig und verloren, die Musik macht einen sphärischen Eindruck, mit wabernden Synthie und schleppender Melodie.

Schlecht ist das nicht, in die damalige Zeit passt es auch, aber anhören kann ich mir das nur alle zehn, zwölf Jahre. Beim nächsten Mal bin ich vielleicht also im richtigen Alter und habe die richtige Stimmung für den eher getragenen Ton der vier Stücke.

06 April 2022

Schnorcheln am Grecian Park

Unter Wasser fühlte ich mich nie sonderlich gut. Vielleicht lag es daran, dass ich im Schwarzwald aufgewachsen war und mich eher zu Bergen und Wäldern hingezogen fühlte – Wasser war nicht mein bevorzugtes Medium. Daran konnten auch ein Schnorchel und eine Taucherbrille nicht viel ändern.

Wenn ich mich darauf einließ, ging es allerdings. Und so schnorchelte ich an diesem Sonnentag in aller Gemütsruhe aus der kleinen Bucht hinaus, die sich unterhalb des Hotels erstreckte, blickte mit dem staunenden Blick eines Kindes auf Fische oder den steinigen Untergrund, der sich tief unter mir erstreckte. Ich schwamm so diszipliniert, wie mir das möglich war, bewegte meine Arme und Beine gleichmäßig und kam auf diese Weise gut voran.

Nachdem ich weit genug geschwommen war, hielt ich inne und blieb wassertretend an der gleichen Stelle. Ich nahm meine Brille ab, putzte sie aus, steckte mir dann das Mundstück wieder rein und machte mich bereit, erneut ins Wasser abzutauchen. Dann aber hatte ich doch Lust, mich umzudrehen und zu sehen, wo ich eigentlich herkam.

Hinter mir erstreckte sich der kleine Strand in der ebenfalls kleinen Bucht. Sie wurde von einer Steilwand vom Rest der Insel abgegrenzt, eine Treppe verband die Bucht mit der oberen Kante. Und dort thronte das Hotel Grecian Park, in das wir für uns zehn Tage einquartiert hatten, wie eine Burg, von deren Fenstern aus man weit über das Meer blicken konnte. Manchmal packte mich ein schlechtes Gewissen, mich auf ein Hotel der Luxusklasse eingelassen zu haben, dann wieder verdrängte ich es erfolgreich, vor allem dann, wenn ich im Wasser unterwegs war.

Noch einmal justierte ich den Schorchel aus, setzte das Mundstück neu ein und schwamm weiter. Rechts von der Bucht erstreckte sich die Landzunge bis zu einem militärischen Sperrgebiet am Ende, links gab es eine Felsformation, die aussah, als sei hier irgendwann einmal Lava erstarrt. Ob das so war, wusste ich nicht. Kleine Fische in allen Farben tummelten sich entlang der Felsen, und dieser schöne Anblick war mir lieber als der von fast nackten Touristen, die ihre weißen Bäuche in der Sonne zu bräunen versuchten.

Mir war, als sei ich in einer anderen Realität. Mein Hinterkopf und mein Hintern guckten noch aus dem Wasser heraus, was aus der Ferne oder aus der Luft sicher albern aussah, doch mit dem Rest meines Körpers war ich unter der Wasseroberfläche. Unter mir flirrte die von der Sonne bestrahlte Welt des Mittelmeers. Felsen und allerlei Pflanzen, dazwischen Fische, die sich durch mich offenbar nicht gestört fühlten.

In meinen Ohren gluckerte und blubberte es, fast wie eine Musik, die nur ich hören konnte. Ich hatte in den 80er-Jahren mit der damaligen Mode, Walgesänge auf Schallplatte herauszubringen, nichts anfangen können. An diesem Tag, bei diesem Schnorcheln aber hatte ich das Gefühl, dazu erstmals eine Beziehung aufzubauen. Unterwassergesänge, Geräusche von jenseits meiner Wirklichkeit – ich hätte träumen können.

Als ich wieder zurück an die Oberwelt kam, ein einfacher Vorgang, zu dem ich nur den Kopf aus dem Wasser heben musste, hatte ich ein anderes Bild vor den Augen. Ich schwamm mit dem Rücken zur Insel und dem Gesicht zum offenen Meer. Irgendwo vor mir musste die Küste von Syrien sein, vielleicht auch schon die des Libanon, ich war mir bei dem Winkel nicht ganz sicher. Doch ich sah nicht nur den Horizont, an dem der Ozean und der Himmel ineinander übergingen, sondern ebenso eine Gruppe von Schiffen.

Ich musste keine Kennzeichen und keine Flaggen erkennen, um zu erfassen, dass vor mir Militärschiffe unterwegs waren. Als dunkelgrüne oder dunkelgraue Klötze schwammen sie am Horizont, rechteckig fast, wie knapp unter den Himmel getackert und in meiner Wahrnehmung fast stillstehend. Dünne Striche reckten sich von den Kästen zur Seite und in die Höhe: wahrscheinlich Geschütze, vielleicht die eine oder andere Antenne.

Die Schiffe hatten verschiedene Größen, und weil ich keine Ahnung von der Marine und ihren Begriffen hatte, wusste ich nicht, ob es Zerstörer oder Korvetten waren oder man sie in sonst eine Schublade hätte stecken können. Sie gehörten offenbar einer Flotte an, die im Meer zwischen Zypern und Syrien operierte. Ob es Amerikaner oder Briten waren, vielleicht auch Russen, war mir nicht klar. Ich würde es sicher nie erfahren. Sie kündeten von Krieg und Tod, von Granaten und Raketen, von blutigen Leibern und brennenden Städten.

Wassertretend starrte ich auf die Schiffe, fixierte sie mit brennenden Augen, als könnte ich sie so aus meiner Welt drücken. Ich wollte die Natur sehen, ich wollte im kühlen Wasser schwimmen und treiben, und ich wollte keine Gedanken an Krieg und Vernichtung verschwenden. Doch all diese Gedanken und Bilder lösten die Schiffe vor mir aus.

Ich resignierte und wandte mich ab. Vor mir erkannte ich nun wieder den kleinen Strand, die Lavafelsen, die Steilwand mit der Treppe und darüber das Hotel. Ich wollte nur noch zurück – der Einbruch dieser Realität hatte meinen Tag gründlich verdorben …

 

Ein irrwitziges Stück

Ich hatte einen Termin beim Arzt, und weil man dort immer recht lange warten muss, überlegte ich nicht lang und nahm mir ein kleines Buch mit: »Palmström, Korf und Kunkel« von Anja Tuckermann hat einen Umfang von nur 84 Seiten – aber im Hardcover! –, ist im Kleinformat erschienen und sollte sich flott lesen lassen. Dachte ich.

Aber bei dem Büchlein handelt es sich im Prinzip um ein Theaterstück, und in der Lektüre von solchen Texten bin ich extrem ungeübt. Also brauchte ich einige Zeit, bis ich ins Thema reinkam, und dann saß ich beim Arzt, grinste bei der Lektüre, wunderte mich mehrfach und war kurz davor, schallend loszulachen. Umgeben von Menschen, die echte Probleme hatten, erschien mir das nicht angebracht.

Also blieb ich ruhig und las das Büchlein daheim zu Ende. Ich bereute es nicht. »Palmström, Korf und Kunkel« ist tatsächlich ein Theaterstück, das offenbar Gedichte von Christian Morgenstern als Grundlage nimmt. Und ich fand die Lektüre recht erfrischend.

Die Autorin zeigt das Leben von drei Langzeitarbeitslosen, die sich beim langwierigen Herumsitzen auf dem Arbeitsamt – ooops, die Agentur für Arbeit natürlich – kennenlernen und ein wenig anfreunden. Sie entwickeln allerlei Tricks, mit ihrer Situation umzugehen, und erfinden diverses Zeugs. Unter anderem gründen sie eine Agentur für Lebensfreude.

Das hat immer wieder skurrile Aspekte, wirkt manchmal fast schon dadaistisch. Ich bin sicher, dass das Theaterstück auf der Bühne sehr witzig rüberkommt, mochte aber bei der Lektüre auch das kleine Buch sehr. Ganz nebenbei macht es ja auch nachdenklich: Wie behandelt unsere Gesellschaft eigentlich Leute, die arbeitslos sind?

05 April 2022

Selfpublisherin mit erfolgreicher Fantasy

Ich weiß nicht, welche Person sich hinter dem Pseudonym Marah Woolf verbirgt, aber ich finde den Erfolg, den diese Autorin hat, sowohl überraschend als auch sensationell: Ihr aktueller Roman trägt den Titel »Krone aus Asche«, ist im Eigenverlag erschienen und landete Ende März gleich – aus dem Sprung heraus – auf dem siebten Platz der Bestsellerliste.

Es geht um Atlantis, ein Thema, mit dem ich mich dieser Tage ja ebenfalls beschäftige, einen große Liebe wird erwähnt, und irgendwie spielen Unsterbliche eine wichtige Rolle. Es handelt sich eindeutig um einen phantastischen Roman, den man in früheren Jahren schlicht als Fantasy bezeichnet hätte. Heute steckt man solche Werke in die Ecke mit Romantasy, was ein bisschen moderner klingt.

Die Autorin ist seit Jahren als Selfpublisherin erfolgreich. Es handelt sich bei »Krone aus Asche« um ihren vierzigsten Roman. Eines ihrer Werke soll als Serie über Netflix verfilmt werden.

Ich bin sicher nicht die Zielgruppe, finde diesen Erfolg aber großartig. Hätte man mir vor vielen Jahren, als ich mit jungen Jahren als Redakteur anfing, bei einem Con erzählt, dass solche Erfolge einmal möglich sein könnten, hätte ich ungläubig den Kopf geschüttelt. Heute hat Phantastik aus dem deutschsprachigen Raum seine Chancen, sogar auf eine Verfilmung, und das, ohne dass ein großes Verlagshaus hinter allem steckt.

Respekt!

04 April 2022

Lyvten und ihr Offbeast

Der Name ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, was schlicht an der Schreibweise liegt; man gewöhnt sich aber schnell daran: Lyvten aus Zürich machen eine Musik, die man problemlos als Emopunk bezeichnen kann, die sich aber auch in Schubladen wie Postpuk oder Indierock stopfen lässt. Ganz aktuell erschien die Platte »Offbeast« dieser Band, die ich mir seit Tagen immer wieder anhöre. (Als Vinyl, sehr gut!, und zum Download.)

Die Band hat einen neuen Sänger und Gitarristen, mit dem sie auch diese Platte aufgenommen hat. Ob und wie sich der Sound des Quartetts dadurch verändert hat, kann ich noch nicht sagen; dazu müsste ich erst einmal die Backlist der Band durchhören, die auf Bandcamp gut dokumentiert ist. Ohne jegliche Vorbereitung kann ich aber sagen: Das klingt alles druckvoll und wuchtig, mit einer singenden Gitarre und einem knallig klingenden Sänger – das möchte ich dann auch mal live sehen.

Die »Offbeast« lebt von ihrem treibenden Sound; die Stücke wirken kompakt, die deutschsprachigen Texte sind intelligent, ohne sich in intellektuellen Spielereien zu verlieren. Das gilt ebenso für die Musik: Man merkt, dass die vier Musiker mit ihren Instrumenten umgehen können, aber sie zelebrieren kein Gitarrenheldentum und lassen sich nicht zu übertrieben vielen Temopwechseln hinreißen.

Für mich ist das, was Lyvten machen, dann unterm Strich doch Emopunk der guten Ausrichtung: kein Gejammer, kein Metall, stattdessen wuchtige Melodien und kluge Texte. Sehr guter Tonträger!

03 April 2022

Verblüffend stiller Film

Ohne große Erwartungen begann ich damit, den Spielfilm »Pig« anzusehen, den es derzeit bei Streamingportalen zu gucken gibt. Mit Nicolas Cage hat der Film, der 2021 veröffentlicht wurde, schließlich einen Hauptdarsteller, dessen Werk – um es vorsichtig zu sagen – nicht über einen Kamm zu scheren ist. Doch ich wurde positiv überrascht, und so würde ich das eher stille Werk, das vor allem um seine Hauptperson kreist, gern weiterempfehlen.

Es geht um einen Mann, der mit einem Schwein im Wald lebt.. Das Schwein ist in der Lage, Trüffeln aufzustöbern, und mit diesen Trüffeln verdient der wortkarge Mann sein Geld. Das wird in sehr schönen Einstellungen gezeigt. Dann tauchen irgendwelche Leute auf, entführen das Schwein, und der Mann fährt in die große Stadt, um sein Tier zurückzuholen. Dort fällt der Typ in seinen zerschlissenen und dreckigen Klamotten und mit dem zerschlagenen Gesicht natürlich auf – aber es gibt immer wieder Leute, die sich an ihn erinnern …

Nicolas Cage spielt den Einsiedler sehr wortkarg und sehr zurückhaltend. Ab und zu bricht es aus ihm heraus, die meiste Zeit aber verhält sich der Einsiedler sehr zurückhaltend. Die Begegnungen mit der Glitzerwelt der großen Stadt und die Dialoge passen zum ruhigen Geschehen, der melancholische Abschluss ebenfalls.

»Pig« ist ein Film, den man nicht immer angucken kann. Er passt nicht zum übrigen Werk des Hauptdarstellers, kommt mir eher vor wie ein Arthouse-Film, der mit geringem Budget zusammengedreht worden ist. Kein Spannungskracher, echt nicht, aber auch alles andere als langweilig. Wer die Chance dazu hat, sollte ihn sich ansehen.

01 April 2022

Der eigene Stempel kommt …

Als Sylvana Freyberg im Sommer 2021 die Redaktion der altehrwürdigen »Andromeda Nachrichten« übernahm, war ich überrascht: Ich hatte von ihr noch nie gehört, war dann aber mit dem Ergebnis recht zufrieden. Sie hielt sich an die Layout-Vorgaben ihres Vorgängers – das war Michael Haitel – und änderte auch am Inhalt des Fanzines nicht viel.

Mittlerweile liegt die Ausgabe 276 vor, die ich endlich gelesen habe, und bei dieser hat die neue Chefredakteurin dem Heft schon stärker ihren Stempel aufgedrückt. Das Layout des 128 Seiten starken Heftes – sehr viele Abbildungen, viel Farbe – hat sich deutlich verändert, die Schrift hat beispielsweise weniger Durchschuss. Es sieht schon einmal anders aus, und das ist gut so. (Es geht mir nicht darum, ob es besser oder schlechter ist, aber es ist richtig, dass die neue Chefredakteurin die Optik des Heftes anpasst.)

Inhaltlich entfernt sich »AN« 276 noch nicht so weit von den Ausgaben davor. Es gibt ausführliche (zu ausführliche!) Berichte von Cons, es gibt Berichte über Autoren (Robert Brenner war mir bislang praktisch nicht bekannt) und über das Konservieren von Actionfiguren, es gibt haufenweise Rezensionen zu Spielen und Büchern sowie zu Fanzines, und es gibt eine – nach wie vor unlesbare – Reihe von Texten über die Science-Fiction-Serie, für die ich beruflich verantwortlich bin.

Die aktuelle Ausgabe hat mir gut gefallen. Dass ich nicht alle Beiträge gleichermaßen lesenswert finde, liegt in der Natur der Sache; daran kann Sylvana Freyberg nichts ändern. Ich bin gespannt darauf, wie sie dem Heft bei künftigen Ausgaben auch inhaltlich einen stärkeren Stempel aufdrücken kann.

(Ach ja: Weitere Informationen zu den »Andromeda Nachrichten« und woher man sie bekommt, stehen auf der Internet-Seite des Science Fiction Clubs Deutschland e.V., in dem ich ja kein Mitglied bin. Man kann das Heft sogar herunterladen.)

31 März 2022

Schummeriges Weihnachten

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichten«

Im Dezember 2011 hatten meine Kolleginnen eine tolle Idee: Wir machten unsere redaktionsinterne Weihnachtsfeier in Karlsruhe. Nach einem extrem anstrengenden Jahr, das uns sehr gefordert hatte – ich erreichte zwischendurch die 100-Stunden-Arbeitswoche –, hatten wir uns das auch vedient.

Also gingen wir in Karlsruhe zuerst lecker essen und später zum Trinken in einen Irish Pub in der Innenstadt. Es war das erste und das letzte Mal, das ich mich dort aufhielt. Nicht weil das Bier schlecht gewesen wäre oder meine Gesellschaft unsympathisch – es ergab sich einfach nicht mehr.

Es war auf jeden Fall das letzte Mal, dass ich in einer sogenannten Raucherkneipe war. Die Luft hing voller Rauch, überall saßen Leute, die qualmten. Das war in den 80er- und 90er-Jahren derart normal, dass es mir nicht einmal aufgefallen wäre. 

1981 oder 1991 fand ich das normal, 2011 bereitete es mir Unbehagen. Heute würde ich mich weigern, eine solche Kneipe zu betreten. So ändern sich die Zeiten.

Die Stockyard Stoics und ihr Widerstand

Es gibt Punkrock-Bands, die machen einfach guten Sound, man kennt sie aber kaum, weil sie aus der Masse zu wenig herausstechen. Dazu zählen die Stockyard Stoics, von denen ich tatsächlich zwei »große« Tonträger besitze. Die Band, deren Sänger eine charakteristisch-rauhe Stimme hat, existierte über ein Dutzend Jahre hinweg, war aber nie so präsent, dass sie einem sofort einfallen würde. Keine Ahnung, ob es die Band noch gibt.

Ich habe dieser Tage ihre LP »Resistance« mal wieder genauer angehört. Die wurde zu Weihnachten 2000 und Ostern 2001 aufgenommen, in Arizona und New Jersey, und kam hierzulande in einer Auflage von gerade mal 500 Exemplaren heraus. Das spricht dann ja auch Bände ...

Musikalisch gibt's konventionellen Punkrock mit leichten Offbeat-Anleihen und guten Melodien; die Band klingt eher nach dem modernen Streepunk, wie er seit den 90er-Jahren aus den USA kommt, ist sauber produziert und wirkt dennoch authentisch-rotzig. In ihren Stücken bezieht die Band zu gesellschaftlichen Problemen klare Stellung, singt über die Lieder in ihren Köpfen oder schimpft auf die amerikanischen Politik – alles in allem ziemlich klasse gemacht.

Ich glaube, ich weiß, warum die Band bislang nicht so bekannt geworden ist: Auch nach dem dritten und vierten Anhören der Platte blieb kein Stück im Ohr. Das ist alles gut, das überzeugt alles, aber der große »Boah ey«-Effekt fehlt dann doch. Egal: bleibt's halt mein Geheimtipp ...

30 März 2022

Luxusprobleme eines Redakteurs

Als ich anfing, Fanzines zu machen und für sie tätig zu werden, hob ich von jedem Fanzine, das ich erstellte und für das ich schrieb, ein Exemplar auf. Daraus entwickelte sich eine Sammelwut, die in vielen tausend Fanzines gipfelte, bei denen ich seit langem den Überblick verloren habe.

Als ich anfing, für die Tageszeitung zu schreiben, hob meine Mutter die Zeitungsartikel auf, die sie ausschnitt und in einem Ordner sammelte. Dieser schien irgendwann verloren gegangen zu sein, so dass aus den 80er-Jahren gar nicht so viel von meiner Zeit als Lokaljournalist übrig geblieben ist.

Aus meiner Zeit als Werbetexter, Redakteur in einer Agentur und freier Texter für alles mögliche, das man bedrucken konnte, habe ich nur wenig aufgehoben. Das meiste waren Gebrauchstexte, die mir nicht so wichtig vorkamen – wer würde sich heute noch für einen Artikel über einen Fußballspieler oder eine Tennisspielerin interessieren?

Aber als ich Redakteur einer Science-Fiction-Serie wurde, nahm ich mir vor, alles aufzuheben, was ich redaktionell betreuen würde. Ich ging davon aus, dass ich diesen Beruf sowieso nicht lange ausüben würde; man würde mich bald wegen meines Auftretens oder meiner dämlichen Sprüche entlassen.

Das ist jetzt bald dreißig Jahre her, und ich habe ein Platzproblem. Ich bin redaktionell mittlerweile für mehr als 1600 Heftromane verantwortlich, für – buchstäblich – Hunderte von Büchern und Taschenbüchern. Dabei ignoriere ich Nachauflagen und Sonderausgaben komplett. Aber …

In diesen Tagen stehe ich vor harten Entscheidungen: Es muss ausgemistet werden. Brauche ich wirklich »Das große Buch der SOL« in meiner Sammlung? (Die Antwort ist klar: ja!) Brauche ich wirklich die komplette »Elfenzeit«-Serie? (Die Antwort ist auch hier: ja!) Und so geht es weiter und weiter und weiter. 

Es sind sehr harte Entscheidungen zu treffen, und mein kleines Herz blutet sehr dabei. Aber klar – das sind echte Luxusprobleme und sonst gar nichts.

Der erste Montalbano-Fall

Im Verlauf der Jahre habe ich einige der Romane gelesen, in denen der italienische Autor Andrea Camilleri von seinem Commissario Montalbano erzählt. Mir gefiel stets die Mixtur aus lockerer Sprache und ernsthaften Themen. Deshalb war ich ausgesprochen interessiert daran, endlich den ersten Fall zu lesen – er heißt »Die Form des Wassers«.

Verstörend finde ich ja schon, wie die Montalbano-Krimis mittlerweile vermarktet werden. »Sizilianisches Flair im Sommerglanz« und andere schöne Sätze finden sich auf dem Rückentext, die ganze Neugestaltung im Taschenbuch ist luftig und fröhlich. Der Verlag scheint sich an die Optik der populären »Urlaubskrimis« annähern zu wollen, die in schönen Gegenden des nahen Auslands spielen und häufig von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren unter Pseudonym geschrieben werden.

Das ist einem Montalbano-Krimi nicht angemessen. Schon im ersten Fall der Serie werden bestialische Morde der Mafia erwähnt – immerhin nicht geschildert –, die klar zeigen, wie hart die Arbeit eines Polizisten in Sizilien ist. Klar ist Montalbano auch den schönen Frauen, dem guten Wein und dem leckeren Essen zugeneigt, aber er hat nun mal fiese Morde aufzuklären.

In diesem Fall geht es um einen in der Region sehr bekannten Mann, der ausgerechnet an einem Straßenstrich tot aufgefunden wird. Offensichtlich ist er beim Sex mit einer Prostiuierten eines natürlichen Todes gestorben. Montalbano ermittelt trotzdem, findet allerlei neue Dinge heraus und erkennt, dass viel mehr hinter diesem Tod steht.

Politische Intrigen, die Machenschaften der Mafia, Sex und Gewalt – sie alle vereinen sich zu einem Knäuel, das Andrea Camilleri schon in seinem ersten Montalbano-Roman sehr treffsicher und spannend schildert. Das spielt zwar alles unter der heißen Sonne Siziliens, hat aber nicht viel mit der Romantik eines Urlaubskrimis zu tun.

Nun ja … wenn’s durch die neue Vermarktung auch neue Leser findet … Der Roman ist auf jeden Fall gut und lohnt sich.

29 März 2022

Wolkentaucher

Ich stand auf einem Berg, den ich kurz zuvor erklommen hatte, und atmete tief durch. Über mir schien die Sonne, zu meinen Füßen erstreckte sich ein Wolkenmeer aus weichem wattigem Weiß, aus dem sich Türme und Pyramiden, sanfte Hügel und schroffe Felszinnen aus Wolken erhoben.

Auf einmal schwang sich ein Mann aus diesen Wolken. Er hing in einem Gestell, ähnlich dem von Drachenfliegern, wurde nicht von einem Motor angetrieben, sondern ließ sich von einer Kraft, deren Quelle ich nicht erkannte, über die Wolken hinaus treiben, überquerte das weiße Meer in einem endlos erscheinenden Gleiten, elegant und gelassen, in einer Abfolge von Kurven und Schleifen, die mir zeigten, wie sehr ihn sein Flug erfreute.

Er war zu weit entfernt, als dass ich ihm hätte etwas zurufen können. So betrachtete ich sein Gleiten und Schweben mit Staunen, sah zu, wie er näherkam und sich wieder von mir entfernte, wie er seine Kapriolen drehte.

Und erst nach einiger Zeit bemerkte ich, dass ihm Tiere folgten. Waren es Vögel? Ich sah die flatternden Flügel, die im Sonnenlicht fast durchscheinend wirkten und von mir deshalb kaum wahrgenommen werden konnten, ich erkannte die Bewegungen, und ich musste mich konzentrieren, um einen klaren Blick zu erhalten.

Dann stellte ich fest, dass es keine Vögel waren, sondern Schmetterlinge. Sie hatten große gelbe Flügel, auf jeder Seite des langgestreckten Körpers von den Ausmaßen einer Männerhand, und mit diesen flatterten sie in einem Rhythmus, der mir hektisch und gleichmäßig zugleich vorkam. Sie folgten dem Mann in seinem fliegenden Gefährt, sie umschwärmten ihn, kreisten über und unter ihm, ein Pulk aus flatterndem Gelb.

Der Mann tauchte, nachdem er eine große Runde geflogen war, wieder in die Wolkendecke ein und verschwand. Es war, als sei das Schauspiel vorüber, das er mir geboten hatte. Und da wachte ich auf.

Eine Kleinstadt namens Greenfalls

Ich habe dieser Tage endlich den zweiten Band der »XIII«-Gesamtausgabe gelesen. Die Thriller-Comics aus den 80er-Jahren, die in diesem Band veröffentlicht worden sind, haben mich erneut gefesselt – wie beim ersten Mal, obwohl mich manche Überraschung natürlich nicht mehr überraschen konnte.

Tatsächlich fand ich die zwei Geschichten am besten, die innerhalb dieses Buches eine Art Doppelband bilden: Sie spielen in einer kleinen Stadt namens Greenfalls, die irgendwo in den Rocky Mountains liegt und in der es ordentlich schneit. Der Held der Comic-Serie, der nach wie vor nicht weiß, wer er eigentlich ist, versucht dort, hinter das Rätsel seiner Herkunft zu kommen.

Dabei stößt er auf Menschen, die sich an ihn erinnern, sowie auf Menschen, die ihn am liebsten umbringen möchten. Vor allem aber geben die zwei Geschichten einen Einblick in eine Kleinstadt, in der viele Leute offenbar ihre kleinen Geheimnisse haben, die sie vor einander verbergen möchten. Das ist spannend erzählt und toll gezeichnet.

Klar, bei einer Serie wie »XIII«, die alle möglichen Preise kassiert hat, erwarte ich nichts anderes. Wie Jean van Hamme als Autor und William Vance als Zeichner die Kleinstadt in Szene setzen, das war schon damals großartig und fasziniert mich heute noch.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Details eingehen. Wer die Serie kennt – und die meisten Comic-Fans dürften zu dieser Gruppe gehören –, weiß um ihre Qualitäten. Wer sie nicht kennt, dem empfehle ich sie jederzeit. Die Gesamtausgabe ist schön gestaltet, die redaktionellen Anmerkungen sind lesenswert und ufern nicht zu sehr aus.

Absolut lohnenswert!

28 März 2022

Gute Vorsätze im März

Eigentlich klang es ja ganz gut: Ich feiere im März die letzten fünf Tage Resturlaub ab, und in dieser Zeit räume ich nicht nur mein Arbeitszimmer auf, sondern schreibe auch mindestens eine Science-Fiction-Erzählung, vielleicht sogar zwei Geschichten. Von einem Romanprojekt rede ich schon gar nicht mehr, soviel Rationalität ist mittlerweile eingekehrt.

Aber offensichtlich bin ich in einem Ausmaß phantastisch unterwegs, dass es nicht mal mehr dazu reicht, die Tage  halbwegs vernünftig zu planen. Der Urlaub ist Stand heute abend zur Hälfte vorüber, wenn man das Wochenende mitzählt, und es sind noch drei Tage geblieben.

Ich habe keine Zeile Text geschrieben – sieht man von Dingen ab, die für die Firma waren –, und ich habe noch nichts aufgeräumt. Es sieht immer noch alles sehr chaotisch aus. Was ich in in den vergangenen Tagen gemacht habe? Ich aß Eis, ich fuhr Fahrrad, ich schlief lang, und ich las privat – also kein Buch, das ich lesen musste oder sollte, kein Manuskript, kein Exposé.

Aber vielleicht muss das einfach so sein, wenn man Science-Fiction-Gelegenheitsautor ist ...

26 März 2022

Ein Ort toller Konzerte

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Ich mochte das »P 8« in der Nordstadt sehr: In den Räumlichkeiten besuchte ich immer wieder gern Punkrock- und Hardcore-Konzerte, trank mein Bier und hatte einmal sogar eine Lesung darin. Häufig sehr krachige, manchmal auch melodische Musik, meist sehr angenehmes Publikum und eine sehr lockere Umgebung: Niemand störte sich daran, wenn im Freien ein Lagerfeuer brannte – die nächsten bewohnten Häuser befanden sich in einer ordentlichen Entfernung.

Mein letztes Konzert im »P 8« besuchte ich Ende 2019. In den Pandemie-Monaten gab es immer wieder Veranstaltungen dort, die ich aber mied. Und so war ich auch bei der Abschiedsveranstaltung nicht dabei. Das »P 8« in der jetzigen Form ist nämlich Geschichte.

Das Bild zeigt das Gelände, auf dem sich das die Gebäude befanden, zu denen das »P 8«, allerlei Werkstätten, eine Freie Schule und auch eine eher seltsame Kneipe, bei der laute Schlagermusik lief, gehörten. Sie wurden mittlerweile alle abgerissen, auf dem Gelände sollen Wohnblocks entstehen. Ich kann nur hoffen, dass es auch Wohnungen für Normalverdiener geben wird, nicht nur Luxuspaläste.

Das Gelände sieht derzeit traurig aus. In der Luft hängt die Erinnerung an krachige Konzerte. Und ich freue mich sehr, dass die aktiven Leute vom »P 8« in neuen Räumlichkeiten gerade einen neuen Veranstaltungsort aufbauen.

25 März 2022

Ein positiver Alptraum

Ich lese seit vielen Jahren die Zeitschrift »BuchMarkt«, die mit ihrer Mischung aus Hintergrundberichten, Artikeln und Informationen ein wichtiges Medium für die Literatur-Branche ist. Vor einigen Wochen lag der aktuellen Ausgabe wieder einmal eine kleine A6-Broschüre bei, die den schönen Titel »Highlights der unabhängigen Verlage« trägt. Man kann nicht sagen, dass ich sie komplett gelesen habe – aber ich habe sehr intensiv darin geblättert.

Die Broschüre ist ein Alptraum. Einer der positiven Sorte.

Ich lese mich immer wieder fest, wenn ein kleiner Verlag eines seiner sorgsam gemachten und inhaltlich gelungenen Bücher präsentiert. Dann mache ich mir einen Knick in die Seiten oder schreibe mir den Titel gleich heraus, setze ihn auf die Liste der Bücher, die ich unbedingt lesen möchte.

Präsentiert werden sogenannte Independent-Verlage, die auf einer Seite oder zwei Seiten sich selbst und zwei, drei Titel aus ihrem Programm vorstellen können. Dabei sind Verlage, die ich kenne und von denen ich Bücher im Schrank stehen habe: der Verlag Antje Kunstmann etwa oder der Argument-Verlag. Weniger bekannt sind für mich Verlage wie der Leykem-Verlag oder Nachtschatten – der hat übrigens nichts mit dem Horror-Fanzine aus den 80er-Jahren zu tun.

124 Seiten. Vollgepackt mit Informationen und tollen Ideen. Es ist ein positiver Alptraum!

24 März 2022

Das Bärbele aus der Lautermühle

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Ich lernte das Bärbele nicht mehr kennen. Die Frau starb, als ich ein kleines Kind war. Mir wurde sie vor allem dadurch immer bewusst, dass wir ihr Grab pflegten. Sie war auf dem Friedhof von Dietersweiler beerdigt worden, meine Eltern hatten ihr Sparbuch geerbt und sollten davon die Grabpflege übernehmen. Das machten sie auch über Jahrzehnte hinweg.

Das Bärbele war eine Tante oder Großtante meines Vaters. Die alte Dame wohnte in der Lautermühle, einem Weiler unweit des Dorfes. Die Lautermühle war für uns Dorfkinder ein geheimnisvoller Ort: Es gab eine Mühle, es gab Landwirtschaft, es gab Bäche und vor allem viel Wald. Da sie auf der anderen Seite des Dorfes lag, war sie nicht unbedingt mein Revier.

Mein Vater hatte als Kind viel Zeit in der Lautermühle verbracht. Daher war er mit der Mühle und dem Bärbele verbunden. Er mochte die alte Frau sehr.

Das Bild stammt aus dem Jahr 1965. Es zeigt das Bärbele in der Mitte, meinen Vater und eine mir unbekannte Frau. Ganz im Hintergrund sieht man eine Frau mit weißer Handtasche; das könnte meine Mutter sein. 

Sieht man sich die Kleidung an, war man damals bei einem Sonntagmittagsbesuch: Die Damen tragen ihr Kostüm und eine Handtasche, mein Vater geht im Anzug spazieren. Nur das Bärbele trägt die einfache Kleidung einer Bäuerin, inklusive eines Kopftuches.

Jugendliche und gesellschaftliche Beteiligung

Als Jugendlicher und junger Erwachsener fühlte ich mich häufig nicht so richtig ernst genommen. Erwachsene bestimmten über meine Freiräume, wir mussten um unser Jugendzentrum kämpfen, und Aktivitäten junger Leute wurden häufig nicht gewertschätzt. Das scheint auch heute nicht sonderlich anders zu sein …

Bereits im September 2019 erschien das Sachbuch »Nichts als Freiraum«, in dem es genau um solche Themen ging, im Hirnkost-Verlag. Das Sachbuch richtet sich nicht unbedingt an Leute wie mich, sondern eher an Pädagogen, also an Erzieher_innen und Lehrer_innen. Denen würde es sicher nicht schaden, mehr darüber zu erfahren, wie junge Leute ticken.

Anna Maria Michel stellt in ihrem schmalen Buch unter anderem Beispiele über Jugendprojekte zu einer weiteren Diskussion. Sie will dazu ermuntern, dass man junge Leute ernst nimmt, dass man sie in Projekte einbindet und sie vor allem eigene Projekte umsetzen lässt. Dazu gibt sie in ihrem Buch einige Beispiele, sowohl abschreckende als auch positive.

Mir scheint das durchaus lesenswert zu sein. Klar bin ich nicht die Zielgruppe für das Buch, wie ich bei mancher Formulierung gemerkt habe. Es richtet sich an die Gestalter in den Kommunen und Landkreisen, und seine Botschaft ist eigentlich positiv. Es wäre ja schön, wenn die Autorin damit erfolgreich sein könnte …

23 März 2022

Bedingt bereite Truppen

Wir lernten uns »bei einem Bier« kennen, abends recht spät. Es stellte sich heraus, dass wir beide gleich alt waren. Okay, er war im Jahr 1964 geboren, ich war Jahrgang 1963. Aber letztlich trennten uns keine hundert Tage.

Uns trennte jahrzehntelang etwas anderes: die Mauer. Er war in der DDR aufgewachsen, ich in der BRD (»BRD« sagten in den 80er-Jahren allerdings nur »linke Zecken«). Und wie es sich herausstellte, waren wir zur gleichen Zeit als wehrpflichtige Jungmänner in Uniformen unterwegs: er bei der NVA, ich bei der Bundeswehr. Beide 1984/85.

Ab diesem Moment gab es kein Halten mehr. Wir erzählten uns, immer wieder von viel Gelächter unterbrochen, Geschichten aus unserer jeweiligen Armeezeit. Es gab letztlich keine großen Unterschiede.

Als ich ihm erzählte, wir hätten ernsthaft Angst vor einem russischen Angriff gehabt, lachte er mich aus. Die NVA sowie die russischen Truppen seien wahrscheinlich gerade mal über die Grenze gekommen, und spätestens im hessischen oder fränkischen Hügelland seien ihre Panzer liegen geblieben.

Ich berichtete von unserer miesen Ausrüstung: »Wir würden unser erstes Stempelkissen verlieren, wenn wir die Kaserne verlassen, und wir kämen ohne Waffen und Gerät im Bereitstellungsraum an.« Er glaubte mir nicht.

Es war ein langer Abend, und wir tranken so manches Bier. Wir waren uns am Ende in vielen Punkten einig. Wir waren verdammt froh darüber, dass wir nie hatten die Waffen nehmen und auf andere Leute schießen müssen.

Und dass unsere jeweiligen Armeen nur »bedingt« angriffs- oder verteidigungsbereit waren …