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19 Mai 2026

Am Abend in der Bäckerei

Wir erreichten die kleine Stadt am späten Abend; die Sonne war gerade untergegangen. Mir fielen vor allem die großen roten Häuser auf, die in gewisser Weise die Stadt prägten. Über ihnen thronte die riesige Kathedrale, ebenfalls aus rotem Stein errichtet, die sich wie ein trutziges Mahnmal über die Häuser erhob.

Wir stellten unser Auto vor einem Wohnhaus ab, in dessen Erdgeschoss sich ein Ladengeschäft befand. Ich wurde zu einem Nebeneinfang gebracht, so dass ich das Türschild nicht erkennen konnte. Meine Begleiter kannten sich aus und eilten in einen Verkaufsraum. Dort wurden wir herzlich begrüßt, als seien wir alte Freunde.

Wie sich herausstellte, war die Bäckerei für eine lokale Spezialität zuständig, die man nur hier kaufen konnte. Es waren »alte Weible«, wie man mir erläuterte, Backstücke also, die entfernt einer alten Frau glichen. Sie bestanden aus einem leichten Teig und waren mit allerlei bunten Punkten besetzt.

Während meine Begleiter mit den Verkäufern schäkerten, schlenderte ich durch den Verkaufsbereich. Es war ein großer, höhlenartig anmutender Raum mit einer sehr hohen Decke; indirektes Licht fiel auf die Verkaufsflächen, die von Körben dominiert wurden, in denen wiederum die Waren lagen.

Es gab nicht nur die »alten Weible«, sondern auch andere Backwaren, die Menschen oder Tieren nachgebildet waren. Ich betrachtete die einzelnen Werke, die ich teilweise sehr anspruchsvoll fand, teilweise aber auch eher ideenlos und plump. Wahrscheinlich gab es für jede Produktgruppe eine eigene Zielgruppe, überlegte ich mir.

Am Ende meines Rundgangs stand ich vor einem Korb, in dem besonders schöne Figuren lagen. Sie waren langgliedrig, und um die stilisierten Köpfe hatten sie eine weiße Haube, die wohl aus Eischnee bestand.

»Das sind ja kleine Raumfahrer!«, rief ich erstaunt. Da wachte ich auf.

01 April 2026

Unerwarteter Sturm

Wir standen im Eingangsbereich eines ganz speziellen Fachgeschäftes. Ich selbst wusste gar nicht, was wir eigentlich kaufen wollten, aber wir mussten ohnehin warten. Mit einem anderen Paar standen wir in einer Halle; vor uns führte eine Treppe nach unten, wo sie an einer schlichten Tür mit Milchglasscheibe endete.

Ein großer kräftiger Mann mit dickem schwarzen Schnauzbart, gekleidet in einen langen Mantel in beiger Farbe, bildete eine Art Bollwerk für die Treppe und den Eingang, an ihm kam niemand vorbei. Er wirkte nicht unfreundlich, wenngleich er keine Miene verzog, aber es war eindeutig, dass er nicht weichen würde.

Meine Begleiterin bummelte ein wenig herum, während ich unsere Position in der Warteschlange hielt. Auf einmal eilte sie zu mir; wir seien völlig falsch und müssten zu einem anderen Geschäft. Hektisch verließen wir die Halle und begaben uns auf die Straße.

Dort herrschte ein starker Wind. Bäume bogen sich, dicke Tropfen prasselten auf uns herunter. Weil vor uns ein Bus hielt, sprangen wir rasch hinein und fuhren mit ihm durch die Fußgängerzone. 

Der Wind wurde stärker und wuchs sich zu einem Sturm aus. Einzelne Böen schleuderten Leute zu Boden, die Bäume rechts und links der Straße wurden schwer geschüttelt, der Himmel war pechschwarz.

Da hielt der Busfahrer an, öffnete seine Türen und machte eine Durchsage. Er könne nicht weiterfahren, es sei zu gefährlich, und wir sollten aussteigen. Die Leute im Bus protestierten, aber er blieb stur.

Noch während ich überlegte, was ich tun sollte, wachte ich auf.

05 März 2026

Vinyl, aber nicht für mich

Das Einkaufszentrum steckte mitten im Umbau, und das merkte ich bei jedem Schritt, den ich zurücklegte. Maschinen lärmten, Männer und Frauen in Arbeitskleidung eilten durch die Gänge. Ich wollte eigentlich nur bummeln, weil ich wissen wollte, was sich wie veränderte, fand die Abläufe aber eher anstrengend.

Ich kam an der Buchhandlung vorbei, in der ich gerne einkaufte. Einige Regale gähnten leer, andere wurden gerade abgebaut. Einige Leute räumten Bücher in große Kisten und verluden sie auf Rollwagen, die schon bereitstanden.

Ich erkannte den Geschäftsführer, mit dem ich mich schon einige Male unterhalten hatte. Er stand zwischen Regalen und Bücherstapeln und wirkte auf mich sehr unglücklich.

Ich überlegte mir, ob ich ihn grüßen sollte, hatte aber Angst, ihn nur zu stören, und eilte weiter. Keine zehn Meter weiter waren die Reste eines Plattenladens, den ich in all den Jahren zuvor nie aufgesucht hatte. Diesmal blieb ich stehen: Der Laden wurde umgebaut, und man hatte einen Stand mit Singles und EPs aufgestellt.

»Die sind nichts für dich«, sagte ein Bekannter, der gerade vorbeikam und sich zu mir gesellte. »Die haben garantiert keine Musik, die dir gefällt.«

Da war ich mir sogar sicher. Es gab Gründe, warum ich in diesem Plattenladen nie zum Kunden geworden war. Doch nun stöberte ich interessiert durch die Vinylscheiben.

Nicht lang: Eigentlich boten die Singles alle nur Reden von Angela Merkel. Die Hüllen waren rot, das Bild der ehemaligen Kanzlerin war in krassem Schwarzweiß gehalten, so dass die Hülle der Vinylscheibe sogar künstlerisch wirkte. Aber eine Rede von Angela Merkel? Das war wirklich nichts für mich.

Kopfschüttelnd ging ich weiter. Vielleicht war es besser für mich, das Einkaufszentrum zu verlassen. Da wachte ich auf.

08 September 2025

Ein besonderes Gebäude

Warum ich auf diesem Hügel saß, wusste ich nicht. Von ihm aus hatte ich einen guten Blick über die Landschaft und auf ein großes Gebäude, das wie ein riesiges Atrium gestaltet war: groß und wuchtig, mit einem Innenhof, in den ich einen kleinen Einblick hatte. In meiner Nähe hielten sich einige Leute auf und blickte ebenfalls auf das Gebäude. Einer von ihnen fiel mir besonders auf, ein vierschrötiger Mann mit einem dunklen Vollbart.

Der Mann mit Bart telefonierte mit jemandem, und er hatte sein Telefon auf laut gestellt; so bekam ich jedes Wort mit. »Jetzt geht es los!«, rief er begeistert.

Ich verstand nicht, was er meinte, und sah abwechselnd zu ihm und zu dem Gebäude, auf das er seine Aufmerksamkeit richtete. Es war offensichtlich ein Gefängnis, wie mir auf einmal bewusst wurde, und in seinem Innern hatte ein Aufstand begonnen. Rauch stieg auf, Sirenen ertönten, aus dem Telefon drangen aufgeregte Stimmen.

»Das ist so geil!«, schrie der Mann mit Bart neben mir und sprang auf und ab.

Die Sirenen in dem Gebäude unterhalb des Hügels wurden lauter; dann schien es auf einmal im Boden zu versinken. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen: Offenbar hatten sich allerlei Luken geöffnet, durch die das Gebäue langsam in die Tiefe sackte. Und als es weit genug im Untergrund verschwunden war, schoben sich aus der Seite irgendwelche Teile, die das Loch verschlossen.

Es vergingen nur wenige Augenblicke, dann war das Gefängnis aus meinem Blickfeld entfernt. Eine Rasenfläche mit einigen Büschen bedeckte die Stelle, wo sich vorher das Gebäude befunden hatte.

Ich war völlig verwirrt. »Was soll denn das?«, murmelte ich. Dann wachte ich endlich auf.

06 Dezember 2024

Vom Balkon in den Keller

Wir saßen beim Essen. In der Ferne verschwamm die Silhouette der großen Stadt in den tief hängenden Wolken. Lichter blitzten ab und zu durch das Grau in der Luft, die Wolkenkratzer schienen ab einer gewissen Höhe zu verschwimmen. Der Blick auf Berlin war von den umliegenden Hügeln immer beeindruckend.

Das Essen schmeckte gut. Rings um uns blühten Pflanzen, auch der Balkon war begrünt. Wir ließen uns die leckeren Gerichte schmecken, wir mochten den Wein aus der Region. Berlin selbst fand ich immer anstrengend, die Naherholungsgebiete um die Metropole schätzte ich aber. 

Als ich pinkeln musste, blickte ich mich ratlos um. Wo sollte ich hingehen? Ich überlegte mir, einen der Kellner zu fragen.

Meine Begleitung wusste Rat. »Du musst die Treppe hinuntergehen«, sagte sie und nickte mit dem Kopf zu dem Eingang ins Restaurant. »Oder du kletterst über die Balkonbrüstung.« Es war ein Scherz, sie blinzelte dabei.

Aber ich nahm es ernst. Ohne ein weiteres Wort stand ich auf, legte die Serviette auf meinen Platz und ging zur Brüstung. Er kletterte zwischen den Pflanzen hindurch und saß dann auf der Brüstung. Weil es breite Holzbretter waren, konnte ich mich gut festhalten. Rasch kletterte ich nach unten, wo ich wieder auf einem Balkon stand.

Dieser Balkon war ebenfalls ein Restaurant. Überall saßen Menschen, es wurde gegessen und getrunken. Ein Keller sah mich, schenkte mir einen strafenden Blick und wies mit der Hand auf die Brüstung. Ich musste also weiterklettern.

Zwei weitere Balkone kam ich so nach unten. Als ich auf festem Boden stand, erkannte ich, dass ich den Eingang einer großen Lagerhalle erreicht hatte. Eis überzog die Wände, es kam kalt aus dem Inneren. Männer in weißen und grauen Kitteln zogen Hubwagen mit Paletten durch die Gegend. 

Ich war verwirrt. Wo war nun die Toilette? Ich frage einen der Männer, der offensichtlich kein Deutsch konnte, meine Frage aber kapierte. Unbestimmt wies er in die Tiefe der Halle. Ich folgte seinem Hinweis.

Mit jedem Schritt, den ich in die Halle– oder in den Eiskeller? – hinein machte, wurde mir kälter. Überall standen Paletten und Container, die Fisch enthielten. Ich las einige der Aufschriften auf der jeweiligen Verpackung. Der Anblick brachte mich ziemlich durcheinander.

Irgendwann erreichte ich das Ende des Eiskellers, die in einen Supermarkt überging. Ich spazierte zwischen Regalen hindurch, wobei ich mich ständig umsah; eine Toilette nahm ich nirgends wahr. Meine Blase drückte, es war schon unangenehm.

Da wachte ich endlich auf.

22 Juli 2024

Seltsamer Messestand

Bei dieser Buchmesse war einiges anders als sonst. Ich bemerkte es erst, als ich die Notizen genauer betrachtete, die ich in meiner Hand hielt. Ich hatte von einer Messehalle 3 B noch nie gehört. Und dort sollte unser Stand sein? Wie kamen wir denn dahin?

Ich spazierte durch das Messegelände in Frankfurt. Seit den 80er-Jahren besuchte ich die Frankfurter Buchmesse, früher privat oder als Fanzine-Herausgeber, später als Verlagsangestellter, mal mit Messestand und mal ohne. Von einem Gebäude namens 3 B hatte ich noch nie gehört.

Dann aber sah ich es: Man hatte es zwischen den Hallen 3 und 4 errichtet; dahinter kam ein Parkplatz, auf dem ich in früheren Jahren auch schon mal mein Auto abgestellt hatte. Auf diesem Platz durften nur Aussteller parken, und das hieß in den Nuller-Jahren, dass der Platz vollgestellt war mit dunkelblauen BMW-, Audi- und Mercedes-Limousinen.

Diesmal stand dort ein Haus, mit Giebeldach sogar, verbunden durch einen überdachten Gang mit den Hallen 3 und 4. Verwundert ging ich näher heran, betrat das Haus. Es war keine Halle, sondern es reihten sich Räume aneinander, keiner größer als mein Wohnzimmer. In diesen Räumen waren Verlagsstände untergebracht.

Nach einigem Suchen erreichte ich den Raum, in dem unser Stand sein sollte. Ich erkannte drei Drehständer, in denen Taschenbücher aus den 80er-Jahren zu sehen waren, dazu Heftromane. Es war kein Mensch zuständig, weder ein Besucher noch jemand vom Verlag. Auch an den anderen Ständen war nichts los.

Ich war völlig verunsichert. War ich richtig? Was war geschehen? Als ich schon zu rufen anfangen wollte, wachte ich auf.

26 April 2024

Ein neuer Weg nach Dietersweiler

Wieder einmal steuerte ich das Dorf im Schwarzwald an, in dem ich großgeworden war. Ich wollte meine Schwester besuchen, und ich hatte es mir zu einer guten Tradition gemacht, bei der Fahrt durch die ehemalige Heimat kleine Umwege zu fahren. So kam ich nach Jahrzehnten einmal wieder durch Lauterbad oder Aach, durch das Ursental oder am Benzinger Hof vorbei, alles Örtlichkeiten, an denen ich während meiner Kindheit und Jugend gewesen war.

Doch diesmal sollte alles anders verlaufen, hatte ich mir vorgenommen. Nachdem ich von Lauterbad aus auf die Straße nach Dietersweiler gekommen war, hielt ich am Straßenrand an, überlegte kurz, fuhr noch etwa hundert Meter und stellte mein Auto an einem Waldweg ab. Ich wollte eine Strecke ausprobieren, die keiner kannte und die mir mein Vater vor Jahrzehnten gezeigt hatte. Ich war mir sicher, dass nicht einmal meine Schwester diesen geheimnisvollen Weg kannte.

Ich betrat den Waldweg und ging mit schnellen Schritten zwischen den Fichten hindurch. Rasch stellte ich fest, dass meine Turnschuhe fürs Autofahren gut geeignet waren, nicht aber für den groben Schotter dieses Wegs. Aber ich wusste ja, dass ich ihn bald verlassen konnte.

An einem besonderen Baum, einer sogenannten Vierlingstanne, verließ ich den Weg und schlug mich in die Büsche, bis ich nach gut fünfzig Metern zu einem schroffen Felsgrat kam, der sich aus dem Waldboden erhob. Dort zwängte ich mich zwischen abgebrochenen Bäumen hindurch, die schon so ausgesehen hatten, als ich vor Jahrzehnten mit meinem Vater dort gewesen war, und erreichte die Treppe.

Rasch stieg ich sie hinab. Zuerst war es dunkel um mich, aber in der Ferne sah ich ein Licht. Und bald war ich unten, erreichte durch einen schmalen Durchgang das Tal, in dem sich der geheime Weg in mein Heimatdorf erstreckte. Der Weg war schmal, rechts plätscherte ein kleiner Bach, und rechts und links reckten sich bewaldete Hänge steil in die Höhe. Über mir war ein hellblauer Himmel, an dem keine einzige Wolke zu sehen war.

Ich folgte dem Weg, erfreute mich der guten Luft rings um mich. Es war ein richtig schönes Schwarzwaldtal. So ganz sicher war ich nicht mehr, wo ich wieder herauskommen würde, um die Abkürzung nach Dietersweiler geschafft zu haben. Meine Erinnerung kam mir auf einmal unsauber vor. Was hatte mir mein Vater damals gezeigt?

Fast geriet ich ins Zweifeln. Aber dann wachte ich auf.

05 Februar 2024

Fünfzig Euro?

Die Sonne strahlte, Kinder schrien, es roch nach Sonnenöl und Bratwurst: Ich hielt mich in einem Freibad auf, bei dem ich nicht einmal hätte sagen können, in welcher Stadt oder Region es lag. Es sah aus wie jedes Schwimmbad, schien mir, nichts fiel irgendwie auf.

Zusammen mit meiner Begleiterin suchte ich nach einer Möglichkeit, ein halbwegs ruhiges Plätzchen zu finden, an dem ich genügend Schatten hätte und sie sich trotzdem zwischendurch in die Sonne legen konnte. Wir bewegten uns am Rand des Geländes entlang, wo es mehr Büsche und Bäume und damit auch mehr Schatten gab.

Nach einigem Suchen hatten wir einen Platz gewählt. Wir legten die große Decke auf den Boden, stellten unseren Picknickkorb dazu und zogen die Überkleidung aus. Wir trugen die Badeklamotten unter den kurzen Hosen und T-Shirts; das ersparte einmal Umziehen. In den Umkleidekabinen öffentlicher Schwimmbäder fühlten wir uns beide nicht wohl.

Zwei Kinder gingen vorbei, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Jedes von ihnen hatte ein Eis in der Hand und schien es zu genießen. Auf einmal hatte ich Lust auf etwas Süßes.

»Magst du auch ein Eis?«, fragte ich meine Begleiterin.

Sie überlegte, nickte dann. »Hast du genügend Geld dabei?«, fragte sie.

Ich fischte den Geldbeutel aus dem Picknickkorb heraus, den ich nach dem Bezahlen des Eintrittsgeldes dort einfach hineingelegt hatte. Ich öffnete ihn und sah ihn eines der Fächer hinein.

»Seltsam«, sagte ich dann. »Ob ich mit dem Geld etwas anfangen kann?«

Neugierig kam sie zu mir und blickte ebenfalls in das Fach. »Seltsam«, wiederholte sie.

Ich zog eine Münze hervor, die in der Sonne silbern glänzte. »Ein Fünfzig-Euro-Stück«, sagte ich andächtig. »Wieviel Eis wir dafür wohl bekommen?«

»Es wird reichen«, meinte sie und lachte.

In diesem Augenblick wachte ich auf.

20 November 2023

Eine behagliche Bäckerei

Der Wind brachte Schnee und Eis mit sich, ich wurde von einer Böe fast gegen eine Hauswand gedrückt. Auf der Hauptstraße kämpfte sich ein Schneepflug durch die weißen Massen, sein orangefarbenes Blinklicht zuckte durch die Dämmerung des späten Nachmittags. Wir hatten Januar, und das Wetter zeigte sich von seiner winterlichsten Seite.

Vor mir strahlte das Schaufenster durch die Dämmerung. Ich überquerte die Straße und erreichte die Eingangstür. Unter einem kleinen Vordach blieb ich stehen. Während ich die Schuhe abklopfte und auch den dicksten Schnee von meiner Jacke entfernte, spähte ich ins Innere. Ein Schimmer von rötlich-goldenem Licht erhellte den Raum.

Ich trat ein. Eine Glocke an der Tür machte klar, dass jemand in die Bäckerei trat.

Die gläserne Theke war voll mit Kuchen und Torten sowie anderen Leckereien. An drei, vier Tischchen in der Ecke saßen Leute, tranken Kaffee und unterhielten sich. Eine schmale Wendeltreppe führte nach oben. Hinter dem Tresen stand eine junge Frau, die mit strahlendem Lächeln einen älteren Mann mit Wollmütze bediente.

Sie sah auf und zwinkerte mir zu. »Dein Zimmer ist frei!«, rief sie mir zu. Einige Leute drehten ihre Gesichter zu mir. Von einem der hinteren Tische wurde ich gegrüßt, aber ich erkannte nicht, wer es war.

»Danke«, gab ich zurück und wandte mich nach links. Die Wendeltreppe war steil, und ich hatte immer das Gefühl, mit dem Kopf gegen eine der Stufen über mir zu stoßen. Aber ich kam unangefochten nach oben.

Ein langer Flur wartete auf mich. Auf dem Holzboden knarrten meine Schritte. Die Lampen an den Wänden spendeten nur ein schwaches Licht, aber es reichte aus. Mit wenigen Schritten kam ich zu einer Holztür auf der rechten Seite.

Ich schloss auf und trat ein. Behagliche Wärme empfing mich. Auf dem kleinen Arbeitstisch stand mein Computer. Ich legte meine dicke Jacke ab, zog die Schuhe aus und holte die dicken Socken aus einem kleinen Schrank. Als ich mich an den kleinen Tisch setzte, den Blick auf das Fenster gerichtet das Schneetreiben direkt vor mir, holte ich tief Luft.

Es wurde Zeit, dass ich loslegte. Da wachte ich auf.

24 Juli 2023

Der alte Laden

Weil auf der Autobahn wieder einmal Stau war, entschloss ich mich, die Landstraßen zu nehmen. In der Region zwischen südlichem Niedersachsen, Nordhessen und östlichem Nordrhein-Westfalen kannte ich mich nicht besonders gut aus, und ich hatte Zeit; also gondelte ich in aller Ruhe über Bundes- und Landesstraßen, ließ mich mal von meinem Navi leiten oder fuhr auch mal »frei Schnauze«, getreu dem Motto, »da vorne ist irgendwo Süden, und da muss ich ja wohl hin«.

Unterwegs musste ich pinkeln, und weil ich Lust auf einen Kaffee hatte, hielt ich in einer kleinen Stadt an. Ich stellte mein Auto am Straßenrand ab und ging einige Meter durch die Straßen.

Als ich den kleinen Laden sah, blieb ich überrascht stehen. Die Scheibe war leicht schmutzig, dahinter erkannte ich die bunten Titelbilder von Romanheften und Comics. Was war denn das?

Ich trat näher und stellte fest, dass ich vor einem Comic-Laden stand, wie ich ihn zuletzt in den 80er-Jahren gesehen hatte, den ganz frühen wohlgemerkt: Wenn ich durch die Scheibe blickte, erkannte ich braune Regale aus altem Holz, in denen sich Comics stapelten. Kartons enthielten wohl weitere Comic-Hefte, wenn ich die Aufschriften richtig entzifferte.

Als ich die Ladentür nach innen aufstieß – keine Fluchttür also! –, ertönte eine altmodische Klingel. Alles andere hätte mich überrascht. Hinter dem Tresen stand eine Frau, vielleicht Mitte der fünfzig. Hinter ihr ging es in einen weiteren Raum, offensichtlich das Büro, wo ein Mann, der wohl im selben Alter war, an Bergen von Rechnungen saß. Er blickte auf und lächelte mich an.

Ich sah mich um, die beiden ließen mich in Ruhe. Der Laden machte den Eindruck, als sei er aus der Zeit gefallen. Ich erwartete schon, die Bücher, Heftromane und Comics hätten Preisangaben in Deutschmark, aber man hatte den Euro offenbar schon eingeführt.

Die Preise waren außerordentlich moderat. Ich hätte mir für vernünftiges Geld eine »Sigurd«-Sammlung zusammenkaufen können, hätte ich gewollt. Moderne Comics etwa von Splitter oder von Panini sah ich nirgends.

Nach einiger Zeit kam ich mit den beiden ins Gespräch. Ich fragte nach dem Konzept des Ladens. Die Frau erläuterte mir, ihr Mann – und dabei nickte sie in Richtung des Büros – habe den Laden von seinem Vater geerbt, und seither seien sie dabei, ihn gemeinsam zu betreiben. »So gut es eben geht«, fügt sie mit einer grimmigen Miene hinzu.

In der halben Stunde, die ich mich in dem Laden aufhielt, war ich der einzige Kunde. Und ich kaufte nur deshalb einen Packen alter »Wastl«- und »Tom Berry«-Hefte, weil ich die als Kind so gern gelesen hatte, nicht etwa, weil ich damit eine Sammlung anfangen wollte.

Als ich aus dem Laden kam, blendete mich die Sonne auf der Straße. »Jetzt brauche ich echt einen Kaffee«, murmelte ich und nahm mir vor, in einem Café erst einmal die Comics durchzublättern. Da wachte ich auf.

17 April 2023

Seltsames im Wasser

Als ich das Schwimmbad betrat, fiel ein kühler Regen vom Himmel. Ein unangenehmes Wetter, aber immerhin war es so gut wie windstill. Und die Kühle machte mir nichts: Die Liegewiese, die sich in einen See aus Matsch verwandelte, interessierte mich sowieso nicht, und das Wasser im Becken würde warm genug sein.

Ich war bereits in der Badehose; wo ich mich umgezogen hatte und wo meine Sachen lagen, wusste ich in diesem Moment gar nicht. Wie es aussah, hielt sich außer mir niemand auf dem Gelände auf. Der Himmel war grau, der Eisstand hatte zu und setzte keine Farbtupfer an den Rand des Schwimmbeckens.

Verwirrt blieb ich stehen, als ich auf einmal die zotteligen Dinge sah, die sich durch das Becken bewegten. Ausgerechnet im Nichtschwimmerbereich waren sie unterwegs, zwei, drei auf einmal. Ich brauchte einige Zeit, bis ich erkannte, was vor mir zu sehen war: irgendwelche haarigen Tiere offensichtlich.

Waren das vielleicht Nutrias? Ich hatte diese Tiere zuletzt an allen möglichen Stellen gesehen. Am Altrhein, in einer Parkanlage – nun also im Schwimmbecken. Neugierig trat ich näher. Der kühle Regen tröpfelte auf meine nackte Haut, es war nun doch unangenehm. Aber bevor ich mich ins Wasser stürzte, wollte ich sehen, welche Art von Tier sich im Becken herumtrieb.

Dann drehten sich die zotteligen Dinge um: Es waren drei Leute, ein Mann und zwei Frauen. Ihre Haare waren nass, sie trieben quasi an der Oberfläche des Wassers. Im Nieselregen und weil sie eine braune Farbe aufwiesen, hatten sie mich an Nutrias oder Wasserratten erinnert.

»Ist was?«, rief mir der Mann zu, der wohl bemerkt hatte, dass ich zu den drei Leuten hinüberstarrte.

Da wachte ich auf.

21 März 2023

Ein magisches Hotel

Das Hotel schien nur aus langen Fluren zu bestehen, in denen zwar das Licht immer wieder flackerte, die aber trotzdem gleichbleibend erhellt wurden. Die Türen rechts und links waren verschlossen. Ich ging über einen Flur, meine Füße sackten ein wenig in den Teppichboden ein. Rechts und links von mir erkannte ich florale Muster an den Wänden, dicke Stofftapeten, vermutete ich. Es war still, eine gelassene Stimmung; nur von außen drang das Gemurmel zahlloser Stimmen zu mir herein.

Als eine Tür zur linken Seite offenstand, hielt ich an und sah hinein. Tatsächlich handelte es sich um ein Hotelzimmer, das frei zugänglich war und in dem sich – wie ich nach einem kurzen Blick feststellte – niemand aufhielt. Neugierig übertrat ich die Schwelle und stand auf einmal in einem prächtigen Raum, dessen Dimensionen mich verblüfften.

Die Wände waren mit Holz getäfelt, zwischen denen Teppiche mit bunten Bildmotiven geklemmt waren, und ein Kronleuchter hing an der Decke. Ein riesiges Bett, das mich an alte Filme erinnerte, wartete auf Gäste, und eine offenstehende Tür zeigte mir ein Bad von den Ausmaßen einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung.

Staunend ging ich in dem Zimmer umher, während ich die Tür hinter mir offenstehen ließ. Dass jemand hereinkommen würde, erwartete ich nicht, aber ich wollte keine Heimlichtuerei betreiben. Ich betrachtete mich in den Spiegeln eines großen Kleiderschranks, öffnete ihn und stellte fest, dass er leer war.

Hinter dem Nachttisch lag eine Tasche, die ich aufhob. Sie war nicht verschlossen, ich konnte sie aufklappen. Sportkleidung lag darin, sorgsam zusammengelegt und noch nicht benutzt. Der Bewohner oder die Bewohnerin des Hotelzimmers wollte offensichtlich zu irgendwelchen Aktivitäten aufbrechen. Achselzuckend legte ich die Tasche wieder auf den Boden.

Von außen drang Lärm ins Zimmer. Mir fiel wieder ein, dass ich in diesem Hotel eigentlich etwas erledigen wollte. Doch was? Ich entschloss mich, das Hotel zu verlassen. Rasch eilte ich durch die Flure und kaum hinaus ins Freie.

Der Parkplatz direkt vor dem Gebäude war voller Leute, die Autos hatte man offenbar alle weggebracht. Es herrschte gut Stimmung, die Sonne knallte vom blauen Himmel herunter. Die Leute standen im Halbkreis um eine Bühne herum.

Neugierig trat ich näher, bis ich erkannte, um was es sich handelte. Es sollte ein »Fest der Magie« stattfinden, wie mir Plakate am Bühnenrand verrieten. Hinter der Bühne standen einige Zelte, bunt geschmückt. Vielleicht zogen sich dort die Magier um oder bereiteten sich auf die Show vor?

Ich wusste es nicht. Die Neugier erwachte in mir. Da klingelte der Wecker.

13 Januar 2023

Statt Häusern nur Dreck

Ich war wieder einmal auf der Straße nach Freudenstadt unterwegs. Weil ich gut vorankam und sich das Wetter als schön erwies, bog ich einige Kilometer vor der Stadt rechts ab. Eine schmale Straße führte an dieser Stelle hinunter ins Tal.

Am Hang ließ ich mein Auto stehen und ging den Rest zu Fuß. Es war Jahrzehnte her, seit ich zum letzten Mal an dieser Stelle unterwegs gewesen war. Einige schon alte Häuser standen entlang der Straße, rechts erstreckte sich eine große Fabrikhalle. Ich erinnerte mich gut an die »Schwarzwaldstube«, die in den 80er- und frühen 90er-Jahren so etwas wie eine Szene-Kneipe gewesen war, und an das viele Bier, das wir dort getrunken hatten.

Alles vorbei – und zwar tatsächlich. Das Haus war weg, alle Häuser waren verschwunden. Links von der Fabrik stand nichts mehr. Rechts und links des Baches erstreckte sich eine schmutzigbraune Fläche, einem gerodeten Acker nicht unähnlich. Seltsame Spuren zogen sich wie Rinnen durch das Braun.

Langsam trat ich näher. Ich sah, dass ein Zaun auf der einen Seite die Trennlinie zu einigen Gärten bildete. Dort arbeitete ein Mann. Vielleicht sollte ich ihn fragen, was passiert war?

Von hinten ertönte ein lautes Geräusch, jemand rief »Vorsicht!«, und ich drehte mich um. Ein junger Mann in bunten Sportklamotten raste mit einem Mountainbike auf mich zu, offensichtlich kam er von einem Waldweg herunter, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich sprang zur Seite, der junge Mann flitzte an mir vorüber.

Als er die Fläche erreichte, wo zuvor die Häuser gestanden hatte, wurde er stark ausgebremst. Fast wäre er mit seinem Rad gestürzt, aber er schlidderte in einem weiten Bogen durch den Dreck und erreichte den Rand der Fläche. Da erkannte ich, woher die seltsamen Linien auf der braunen Fläche kamen. Der Radler hob grinsend die Hand und fuhr davon.

Ich blieb stehen, immer noch ratlos. Wo waren die Gebäude geblieben, wo steckte das Haus, mit dem ich so viele Erinnerungen verband? Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Am liebsten hätte ich wegen der alten Geschichten geweint.

Mit einem Gefühl von tiefer Traurigkeit erwachte ich.

09 Januar 2023

Ein Turm am Stadtrand

Mit meinem Fahrrad fuhr ich an den Rand von Freudenstadt, vorbei an der Fabrik, die sich an der Stelle erhob, wo früher mein Großvater gewohnt hatte und wo wir als Kinder auf einer große Wiese die Ostereier hatten suchen können. Dort erstreckte sich eine riesige Fabrik, in der Maschinen hergestellt wurden. Ich fuhr die leicht abschüssige Straße hinunter, überquerte die Bahnlinie und fuhr an der alten Schmierölfabrik vorüber.

Als ich mich der Bundesstraße näherte, zog Nebel auf. Ich hielt an und schaltete das Licht an meinem Rad ein, damit mich entgegenkommende Autofahrer sehen konnten. Vorsichtig fuhr ich weiter, nahm die Unterführung an der Bundesstraße und kam dann hinaus auf die Wiesen und Felder, die sich zwischen Freudenstadt und Wittlensweiler erstreckten. Alles war feucht, eine ungemütliche Stimmung.

Als sich vor mir ein Gebäude aus dem Nebel schälte, ließ ich mein Rad einfach weiterrollen und näherte mich so. Der Grundriss war quadratförmig, nicht groß, vielleicht acht auf acht Meter. Das Gebäude verlor sich in der Höhe im Nebel, als sei es ein riesiger Turm. Ich hatte kurz die Vorstellung, er rage weit über hundert Meter in die Höhe und sehe deshalb sehr dünn aus.

Das fand ich interessant. Ich stellte mein Rad am Rand der Straße ab und ging die paar Meter bis zu dem Turm. Seine Wände waren aus Beton, glatt und fast elegant, als habe man ihn sehr gleichmäßig und am Stück gegossen. Die Tür, vor der ich dann stand, sah aber ausgesprochen billig aus: einfaches Holz, grob verarbeitet.

Ich näherte mich, blieb aber überrascht stehen, als die Tür vor mir aufschwang. In der Öffnung stand eine Frau: schlank, schwarz gekleidet, mit schwarzen Haaren und einem sehr strengen Ausdruck im alterslos wirkenden Gesicht. »Was wollen Sie?«, fragte sie mich barsch.

»Ich war in der Nähe«, sagte ich und zeigte auf mein Fahrrad. »Und weil ich neugierig bin, dachte ich …«

»Wir wollen keine neugierigen Leute«, unterbrach sie mich, trat einen Schritt zurück und schlug mir die Tür vor der Nase zu. Da wachte ich auf.

30 November 2022

Ein Kaffee in den Bergen

Von dem Dachbalkon aus genossen wir eine wunderbare Aussicht auf die umliegenden Berge. Es war kühl, obwohl die Sonne schien. Ein strammer Wind blies von den Bergen herunter, und ich musste meine Jacke schließen, damit ich nicht zu sehr fror. Noch schmeckte der Kaffee, aber ich sollte ihn schnell trinken, bevor er kalt wurde.

An den Tischen in meiner Nähe saßen andere Menschen, viele trugen Funktionskleidung und Wanderschuhe. Man sah ihnen an, dass sie von einer Tour zurückkamen oder zu einer Tour aufbrechen wollten. Sie wirkten frisch und unterhielten sich in unterschiedlichen Sprachen, von denen ich kein Wort verstand. Ihre Stimmen wurden zu einem unaufhörlichen Brummen und Brausen in der Nähe, das mein Ohr erfüllte.

Auf einmal schrien einige auf. Glässer klirrten, Besteck schepperte, Menschen sprangen an die Brüstung des Balkons. Ich folgte ihrem Blick und erhob mich ebenfalls.

Auf der anderen Seite des schmalen Gebirgstals geriet eine Geröllhalde ins Rutschen. Tausende von Steinen setzten sich in Bewegung, rumpelten mit einer enormen Wucht ins Tal. Bäume splitterten unter der Wucht, Staub stieg in Rauchschwaden in die Höhe.

Und das Rumpeln hörte nicht auf, immer mehr Geröll rutschte. Wo kam das alles her, und wieso hörte es nicht einfach auf?

In diesem Moment merkte ich, dass der Boden unter mir wackelte. Das Hotel schwankte, während das Dröhnen des Gerölls immer lauter wurde und mich der Staub einhüllte. Da wachte ich auf.

04 Oktober 2022

Der Weg zum Meer

Von der Straße ging eine schmale Abzweigung ab, der ich folgte. Sie war ein wenig breiter als mein Auto, und ich hoffe, dass kein Gegenverkehr kommen würde. Rechts und links wuchsen Büsche bis zu einer Höhe von drei oder vier Metern, vor mir wusste ich das Mittelmeer.

Ich fuhr vorsichtig, weil ich nicht sehen konnte, was hinter der jeweiligen Kurve kam. Es war keine weite Strecke, keinen Kilometer lang. Durch die offenen Fenster drangen die Düfte herein, die von den Büschen ausgingen: frische Früchte, allerlei Blätter. Ein leichter Wind ging, die Blätter rauschten, und ich hörte Vögel zwitschern.

Als ich schon dachte, gleich mit dem Auto direkt am Strand zu stehen, kam eine Mauer aus braunen Steinen, die den Weg versperrte. In der Mauer erkannte ich ein Tor aus Stahl, gekrönt von fies aussehenden Zacken; alles Grau in Grau. Wenden konnte ich nicht. Rechts und links erhoben sich die Büsche, vor mir kamen die Mauer und das Tor.

Weil ich wusste, dass dahinter das Meer kam, ärgerte ich mich ein wenig. Meine Begleiterin bat mich, Ruhe zu bewahren, aber ich steigerte mich in eine schlechte Laune hinein. Ich stand auf, ging zu dem Tor und sah es genauer an. Es gab keine Klingel, auch keine Möglichkeit, durch eine Ritze auf das Gelände hinter der Mauer zu blicken. Frustriert drehte ich um und ging zu meinem Auto.

Langsam fuhr ich zurück, rückwärts den Berg hinauf, immer schön durch die Kurven hindurch. Wenn in dieser Situation jemand von oben kam, der ein bisschen schneller fuhr, war ein Unfall sehr wahrscheinlich. Ich schwitzte, und auf einmal fand ich die Umgebung überhaupt nicht mehr schön oder interessant.

Als ich oben an der Hauptstraße ankam, hielt ich an und atmete erst einmal durch. Mein Rücken war nassgeschwitzt. Ich schloss die Autofenster und ließ die Klimaanlage laufen.

Auf einmal kam ein Auto die Straße hoch, ein gelber Sportwagen, an dessen Steuer ein junger Mann mit Bart saß. Er schrie mich an, als er an mir vorüberfuhr, ich erkannte die Wut in seinem Gesicht, und er zeigte mir den Stinkefinger.

»Was war denn das?«, sagte ich mehr zu mir als zu meiner Begleiterin. Dann wachte ich auf.

26 September 2022

Eine Treppe hinunter

Ich war spazieren, gemütlich ging ich durch einen Park. Blätter raschelten, ein sanfter Wind ging, es war kühl, aber trocken. Ich hielt mich auf dem offiziellen Weg, verließ diesen nicht, und als er auf eine Treppe zuführte, hielt ich zuerst an.

Wie es aussah, führte der Weg die Treppe hinunter, dann einige Meter unter dem Niveau des Parks weiter, bevor es danach wieder nach oben ging, erneut über eine Treppe. Den Sinn dieser Konstruktion verstand ich nicht.

Zwar hätte ich auch außen herum gehen können, aber dann wäre ich über den Rasen gelaufen. Also entschied ich mich, dem vorgegebenen Weg zu folgen. Ich ging die Treppe hinunter, stand dann auf den Steinplatten eines Ganges.

Rechts und links gingen jeweils zwei Gänge ab, alle vier waren mit Holztüren verschlossen. Das Holz wirkte alt, die Eisenbeschläge ebenfalls, alles sah aber massiv und sehr stabil aus. Hier brauchte ich nicht einmal zu versuchen, einen Durchgang zu finden.

Also ging ich weiter, erklomm die Treppe auf der anderen Seite, die mir auf einmal viel höher vorkam, um an ihrem oberen Ende festzustellen, dass sie mit einem Zaun verschlossen war. Es war ein grobmaschiger Maschendrahtzaun, durch den ich vielleicht mit einem Fuß gekommen wäre, nie aber mit dem gesamten Körper.

Genervt blieb ich stehen. Sollte ich umkehren und durch den Park zurückgehen, sollte ich nach einem anderen Weg suchen? Ich erkannte, dass auch der Bereich rechts und links – also oberhalb der Seiten, wo sich die Türen befanden – mit einem grobmaschigen Zaun eingegrenzt war. Dort käme ich also auch nicht durch.

Ich drehte um, durchquerte erneut den abgesenkten Bereich und erklomm die Treppe, die ich zwei Minuten zuvor heruntergekommen war. Auch dort erwartete mich ein Zaun. Er war frisch errichtet worden, er schimmerte in einem hellen Grün. Entnervt rüttelte ich daran – hier käme ich sicher nicht durch.

Was sollte ich machen? Niemand war in dem Park unterwegs, es hatte also keinen Sinn, um Hilfe zu rufen. Ich versuchte, über den Zaun zu klettern, merkte aber, dass die Drahtstücke zu weich waren und mir keinen Halt gaben. Frustriert stand ich vor dem Zaun und wusste nicht, was ich tun sollte.

Da wachte ich auf.

22 August 2022

Auf der schwimmenden Insel

Auf dem Markusplatz stand ein Clown, der ein Kostüm in grellen Farben trug; die rote Nase und das weiße Gesicht glänzten unter den Strahlen der Mittagssonne, als würden sie sich sofort auflösen. Der Clown hob beide Arme in die Luft, als wollte er eine Rede halten, aber dann erkannte ich, dass er nur die Tauben vertreiben wollte, die in einem dichten Reigen um ihn herumflogen.

Ein anderer Clown näherte sich mit schwankendem Schritt, zu dem ihn seinen knallblauen und völlig überdimensionierten Schuhe zwangen. Er hielt ein Blasinstrument in der Hand, das entfernt an eine Trompete erinnerte, und entlockte diesem allerlei seltsame Geräusche. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Er näherte sich dem anderen Clown, und die beiden begannen damit, sich in einem seltsamen Kreis zu bewegen, als ob sie miteinander tanzen wollten, sich aber nicht auf einen gemeinsamen Schritt einigen könnten.

Wenn ich den Blick von den Clowns hinweg und hinaus auf das offene Meer lenkte, sah ich, dass wir offensichtlich immer mehr an Fahrt gewannen. Venedig hatte längst die Adria verlassen und Kurs auf das offene Mittelmeer genommen. Links von mir wusste ich einzelne griechische Inseln, zu meiner Rechten kam irgendwann vielleicht Sizilien – aber so genau wusste ich das nicht. Es ging eine leichte Brise, die den modrigen Geruch aus den Gassen von Venedig verdrängte.

Warum sich Venedig in Bewegung gesetzt hatte, wusste ich nicht. Ich hatte auch keine Ahnung, was vor meinen Augen gespielt wurde. Ich wusste, dass ich einem Theaterstück beiwohnte und dass die Clowns ebenso dazu gehörten wie ich selbst und die schwimmende Stadt. Alles wirkte auf mich, als habe ein »groß« denkender Autor die Stadt, ihre Bewohner und alle Besucher dazu gebracht, sich auf ein Schauspiel einzulassen, das die bisherigen Dimensionen sprengte.

Auf einmal lief Wasser über den Markusplatz. Jemand rief »Aqua alta!«, viele Leute rannten durcheinander. Ich blieb an meinem Platz und sah weiter den Clowns zu. Sie sprangen weiterhin im Kreis herum, »pitsch patsch!« machten ihre großen Schuhe im Meerwasser, das den Platz überflutete.

In Windeseile errichteten Gruppen von Arbeitern Stege und Bühnen, die sich in gut einem Meter Höhe über dem Markusplatz befanden. Wer sich auf die Stege begab, konnte trockenen Fußes den Platz überqueren. Auch ich stellte mich auf einen solchen Steg, den Blick weiter auf die Clowns gerichtet. Sie blieben im Wasser, ignorierten die Stege.

Bald ging ihnen das Wasser bis zu den Knien, dann bis an den Bauch. Unverdrossen tanzten sie weiter, begleitet vom Tröten des Blasinstruments. »Ihr müsst aufpassen, sonst ertrinkt ihr!«, wollte ich rufen, aber ich konnte nicht.

Was sollte ich tun? Venedig lief voll, vielleicht ging die Stadt endgültig unter. Da wachte ich auf.

29 Juli 2022

Am blauen Wasser des Flusses

Es war eine spontane Aktion. »Lass uns an den Rhein fahren!«, hatte ich vorgeschlagen, und wir waren mit unseren Badetüchern zum Fluss geradelt. Dort hatten wir einen schönen Platz im Schatten unter einigen großen Bäumen gefunden, und dort lagerten wir in gelassener Faulheit: einige Bekannte und Freunde, alle in sehr lockerer Stimmung, alle in diesem Zustand zwischen ruhigem Herumliegen und fröhlichem Feiern.

Das Wasser war glasklar und schimmerte in einem auffallend hellen Blau. An manchen Stellen gab es kleine Strudel, helle Schaumkronen tanzten an diesen Stellen auf kleinen Wellen. Die Sonne ließ grelle Reflexe über die Oberfläche des Wassers blitzen.

Am Ufer des Flusses war eine Rutsche aufgestellt worden, sie glänzte in einem hellen Rot. Wasser floss an ihr herunter, Kinder setzten sich darauf und rutschten kreischend in den Fluss hinunter. Tretboote waren auf dem Wasser unterwegs, entspannte Menschen saßen darin und bewegten die Boote vorsichtig über das Gewässer.

Ich zog mein T-Shirt und die kurze Hose aus, hatte dann nur noch meine Badehose an und spazierte über das grüne Ufer hinunter zum Fluss. Vorsichtig streckte ich meinen Fuß ins Wasser, ließ den Fluss meine Zehen umspülen, stellte fest, dass der Rhein eine angenehme Temperatur hatte, und ging dann mit schnellen Schritten hinein. Unter meinen Füßen spürte ich sandigen Untergrund, dann begann ich zu schwimmen.

Die Sonne schien auf mich herunter, das Wasser war angenehm temperiert, die Strömung erwies sich als nur sehr schwach. Als ich einen Druck auf der Blase verspürte, wollte ich schon zurückschwimmen – aber da wachte ich auf.

22 Juli 2022

Steine unter der Brücke

Der Aufgang war steil, ich erklomm Stufe um Stufe. Über mir erstreckte sich eine breite Brücke, von der es unaufhörlich herunterdröhnte; schwere Lastwagen und zahlreiche Autos rollten über mich hinweg. Warum die Treppe ausgerechnet unter dieser Brücke, die zudem einen Teil des Sonnenlichts zu schlucken schien, hindurchführte, war mir unklar.

Rechts erhoben sich große Brocken aus Beton, sie sahen aus wie riesige Würfel, von deren Ecken man Stücke abgebrochen hatte. Ich fand die Steine erdrückend, und ich bekam das Gefühl nicht los, sie würden sich bald lösen und nach unten poltern. Aber weil ich an ihnen vorbeimusste, ging ich schneller.

Da stellte ich fest, dass junge Männer auf diesen Steinen standen und saßen. Sie trugen weiße Jacken und helle Hosen, dunkle Hemden und helle Krawatten; wie so eine Gruppe junger Männer, die in den fünfziger Jahren in weißen Anzügen ihre Lieder sangen. Auch diese jungen Männer sangen, aber es war sehr leise, kam kaum gegen den Lärm der Straße an.

Ich blieb stehen, wartete eine Weile, bis sich mein Atem beruhigt hatte. Dann hörte ich mir den Gesang an, der mir immer intensiver vorkam, je länger ich unter der Brücke stand. Als die jungen Männer fertig waren, applaudierte ich ihnen, bevor ich weiterging.

Während ich die Treppe weiter hinaufging, hörte ich, wie sie ein neues Lied anstimmten. Die Melodie kam mir entfernt bekannt vor, ich erkannte es aber nicht.

Ich erreichte das obere Ende der Treppe und stand neben der Straße. Rechts von mir brausten die Autos vorbei, links von mir war ein Hügel, der sanft abfiel. Von meiner Position aus sah ich auf das Häusermeer von Stuttgart hinunter. Dort lag irgendwo mein Ziel. Ich musste nur den richtigen Weg finden.

Als ich loslaufen wollte, klingelte der Wecker …