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22 Mai 2024

Kurzgeschichten voller Menschlichkeit

Der Autor Tim Krohn war mir bis vor einiger Zeit überhaupt nicht bekannt. Der Schweizer veröffentlichte bereits mehrere Bücher, von denen ich vorher nichts mitbekommen hatte. Und so wurde ich erst durch seine Kurzgeschichtensammlung »Nachts in Vals« auf ihn aufmerksam. Das Buch erschien bereits 2015, es ist ein großzügig gesetzter Hardcover-Band mit rund 150 Seiten.

Enthalten sind Kurzgeschichten, die allesamt in Vals spielen, einem Dorf in den Schweizer Alpen. Vals ist vor allem durch seine Therme bekannt geworden, und es wundert nicht, dass die Therme in allen Geschichten eine Rolle spielt. Zu ihr fahren die Menschen, in ihr halten sie sich auf, und hier entwickeln sich Schicksale.

In seinen Geschichten, die man flott lesen kann, die aber stets eine Weile nachwirken, zeigt Tim Krohn ganz normale Menschen: Ein alter Mann feiert seinen Geburtstag in Vals und geht auf einen letzten großen Spaziergang. Ein Börsenmakler fährt mit einer Kollegin nach Vals, möchte eigentlich nur Sex mit ihr haben und verändert sich durch diese Begegnung. Eine Frau reist mit ihrer Mutter nach Vals, und das komplizierte Verhältnis der beiden Frauen wird in der Therme nicht unbedingt einfacher.

Die Geschichten sind nicht lustig, sie haben keinerlei Genre-Aspekte – sie sind einfach nur menschlich. Sie erzählen von Menschen und ihren Problemen, sie bleiben in einer ruhigen Tonlage, die fast schon gelassen ist, sie sind letztlich Kurzgeschichten, wie ich sie mir wünsche: unspektakulär und von Stil und Machart her sehr klar. Da ist kein Wort zuviel, da wird jede Mikro-Szene wichtig.

Ein richtig schönes Buch, das mich auf den Autor aufmerksam gemacht hat! Ich denke, von Tim Krohn werde ich noch mehr lesen.

26 April 2023

Literarischer Krimi aus Zürich

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich in Zürich gut auskenne – dafür habe ich die Großstadt in der Schweiz zu selten besucht. Mit ihrem Roman »Tiefes, dunkles Blau« hat die Autorin Seraina Kobler, die mitten in Zürich wohnt, ihrer Stadt ein erstes literarisches Denkmal gesetzt; auf weitere Romane kann man gespannt sein.

Kobler führt in ihrem Roman eine Polizistin namens Rosa Zambrano in die Krimilandschaft ein. Diese gehört zur Seepolizei und ist bestens mit Zürich verbunden. Sie kennt überall Leute, die hat ein soziales Umfeld, und sie hat einen Kinderwunsch. Aus diesem Grund geht sie – eher heimlich – zu einem Arzt, der sich auf Frauen mit solchen Wünschen spezialisiert hat. Umso schockierter ist sie dann, als dieser kurz darauf einem Mord zum Opfer fällt.

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Schnell wird klar, dass der verheiratete Arzt mit Edel-Prostituierten zu tun hatte und gern mal eine Partydroge zu viel konsumierte. Es zeichnet sich ebenso ab, dass es bei dem Fall um Genforschung im weitesten Sinne geht. War der Täter eine eifersüchtige Frau, oder handelt es sich um einen Fall von Mord aus Habgier?

Seraina Kobler kennt Zürich sehr gut, das merkt man in jeder Szene. Wenn die Hauptfigur durch die Stadt schlendert, im See taucht oder mit ihren Ermittlungen beschäftigt ist, wirkt das stets glaubhaft; man steht neben ihr in der Fußgängerzone, man ist mit ihr auf dem Boot unterwegs, man läuft mit ihr durch die Partyzonen der Stadt. Das ist alles dicht erzählt und auf einem stilistischen sehr ansprechenden Niveau.

Die Autorin kann schreiben. Sie zeichnet die Farben des Sees und die Szenerien eindeutig und klar; sie bevorzugt kräftige Bilder, die mich überzeugt haben. Auch die Arbeit der Polizei wirkt auf mich glaubhaft, ebenso die Darstellungen persönlicher Beziehungen.

Für mich war das eine andere Art von Krimis. Normalerweise mag ich knappe Dialoge und Beschreibungen – das bekomme ich hier nicht. Die Autorin kommt offensichtlich vom literarischen Schreiben her, ihr Krimi ist eher als Literatur überzeugend, nicht unbedingt als Krimi.

Sehr gut unterhalten habe ich mich bei der Lektüre des 2022 veröffentlichten Werks trotzdem. Wer einen eher literarischen Krimi zu schätzen weiß oder einen besonderen Blick auf Zürich möchte, sollte sich »Tiefes, dunkles Blau« anschauen. Lohnt!

12 September 2022

Einige Tage in Vals

Es war sicher eine der besten Ideen, in diesem Sommer einige Tage in der Schweiz zu verbringen. Wir besuchten Vals, das sich auf einer Höhe von rund 1250 Metern und in einem sehr schmalen Tal befinden. Und während auf Karlsruhe in diesen Tagen Temperaturen von 35 bis 40 Grad herrschten, hatten wir in Vals oftmals nur 17 oder höchstens mal 22 Grad, und es nieselte oder regnete gar immer wieder.

Das tat sogar gut. Die Spaziergänge in dem Schweizer Dorf, das exakt so aussieht, wie man sich so ein Dorf vorstellt, waren angenehm. Es waren wenige Leute unterwegs, der Autoverkehr hielt sich sehr in Grenzen. Wenn man zwischen den Häusern hindurch spazierte, hörte man eher das Klingeln von Glocken, die an den Hälsen der Ziegen und Schafe hingen, die man an manchen Stellen grasen sah.

Ich mag die Berge, also musste ich auch einmal einen Berg hinauflaufen. Bis zum Gipfel reichte es nicht, dafür hätte ich sowieso eine andere Ausrüstung gebraucht, aber es entwickelte sich ein schöner Spaziergang, der entlang des Tals immer höher führte und von oben beeindruckende Ausblicke auf die Täler und Berge der Schweizer Alpen bot. Ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit wieder einmal in diese Gegend komme.

(Und ja: Die Schweiz ist teuer. Aber das wusste ich ja vorher.)

04 April 2022

Lyvten und ihr Offbeast

Der Name ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, was schlicht an der Schreibweise liegt; man gewöhnt sich aber schnell daran: Lyvten aus Zürich machen eine Musik, die man problemlos als Emopunk bezeichnen kann, die sich aber auch in Schubladen wie Postpuk oder Indierock stopfen lässt. Ganz aktuell erschien die Platte »Offbeast« dieser Band, die ich mir seit Tagen immer wieder anhöre. (Als Vinyl, sehr gut!, und zum Download.)

Die Band hat einen neuen Sänger und Gitarristen, mit dem sie auch diese Platte aufgenommen hat. Ob und wie sich der Sound des Quartetts dadurch verändert hat, kann ich noch nicht sagen; dazu müsste ich erst einmal die Backlist der Band durchhören, die auf Bandcamp gut dokumentiert ist. Ohne jegliche Vorbereitung kann ich aber sagen: Das klingt alles druckvoll und wuchtig, mit einer singenden Gitarre und einem knallig klingenden Sänger – das möchte ich dann auch mal live sehen.

Die »Offbeast« lebt von ihrem treibenden Sound; die Stücke wirken kompakt, die deutschsprachigen Texte sind intelligent, ohne sich in intellektuellen Spielereien zu verlieren. Das gilt ebenso für die Musik: Man merkt, dass die vier Musiker mit ihren Instrumenten umgehen können, aber sie zelebrieren kein Gitarrenheldentum und lassen sich nicht zu übertrieben vielen Temopwechseln hinreißen.

Für mich ist das, was Lyvten machen, dann unterm Strich doch Emopunk der guten Ausrichtung: kein Gejammer, kein Metall, stattdessen wuchtige Melodien und kluge Texte. Sehr guter Tonträger!

05 November 2021

Züricher Preis für einen SF-Roman

Weil ich derzeit den Roman »Die Erinnerung an unbekannte Städte« lese, freut es mich besonders, dass die Autorin Simone Weinmann und ihr Werk mit einem Preis ausgezeichnet werden. Sie erhält eine der Literarischen Auszeichnungen der Stadt Zürich, und diese ist laut Pressebericht mit 10.000 Franken dotiert. Das nenne ich mal einen vernünftig dotierten Literaturpreis!

Mir gefällt das besonders, weil es sich bei »Die Erinnerung an unbekannte Städte« um einen Science-Fiction-Roman handelt. Weinmann siedelt ihr Werk in der nahen Zukunft an, irgendwann in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts. Nach einer Katastrophe, über die man nicht viel erfährt, leben nur noch wenige Menschen. Sie werden von religiösen Fanatikern drangsaliert und leben von einem Leben in Freiheit; als Vision gilt die Reise nach Italien, wo es angeblich – am Ende eines Tunnels – so etwas wie eine wichtige Bildungseinrichtung geben soll.

Bei der Lektüre des Romans mache ich übrigens immer mal wieder einen Vergleich; ich nehme mir »Wasteland« zur Hand. Der Roman von Judith C. und Christian Vogt spielt ebenfalls in einer Zeit nach der Katastrophe, ich las ihn im vergangenen Jahr.

Beide Romane sind inhaltlich ein wenig vergleichbar, gehen aber ganz unterschiedliche Wege: Während der Vogt-Roman ein knackiges Abenteuer ist, in dem ganz nebenbei eine gesellschaftliche Utopie verhandelt wird, ist der Weinmann-Roman eher düster, fast beklemmend, in einer zeitweise nüchternen Sprache, die wenig Raum für Action und packende Kämpfe lässt. Inhaltlich und stilistisch sind beide Werke kaum vergleichbar; ich fand interessant, wie unterschiedlich eine ähnliche Ausgangssituation weitergeführt werden kann.

Und gut finde ich, wenn ein solcher Roman auch mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wird, der von »außerhalb« kommt, also nicht von Science-Fiction-Lesenden verliehen wird. Ich hoffe, dass sich das positiv auf den Verkauf des Romans auswirken wird …

04 Mai 2020

Noch einmal Urlaub gemacht …

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir im Februar sehr spontan noch einmal einen kurzen Urlaub unternahm. Niemand wusste zu der Zeit, wie es mit dem Coronavirus weitergehen würde. Es gab bereits die ersten Fälle in Europa, aber zumeist ging man noch davon aus, dass sich die Krankheit auf China beschränken würde. Ich war ebenfalls entsprechend optimistisch.

Nach anstrengenden Monaten seit der Frankfurter Buchmesse war ich tatsächlich auch urlaubsreif. Also entschlossen wir uns sehr spontan und ohne großes Trara, für ein verlängertes Wochenende in die Schweiz zu fahren. Wir steuerten den Thunersee an, checkten in einem schönen Hotel ein, wo es gutes Essen gab, und verbrachten sehr angenehme Tage: Wir gingen in der Sonne oder im Schneetreiben spazieren, wir gammelten viel herum, wir fuhren mit dem öffentlichen Bus durch die Gegend, wir lasen, und wir sahen zum Fenster hinaus,

Das ist gerade mal einige Wochen her. Kurz danach schossen die »Fallzahlen« in die Höhe. Zwei Wochen danach hätte ich diesen Kurzurlaub schon nicht mehr angetreten. Und deshalb bin ich so froh, dass das im Februar noch geklappt hat.

21 September 2018

Ganz Zürich ist eine Party

An diesem Abend wollten wir uns Zürich von verschiedenen Seiten anschauen. Wir nahmen die Straßenbahn nach Zürich-West, stromerten durch das Schiffbaugelände, tranken dort ein Glas Wein, ließen uns von verschiedener Musik berieseln, sahen dann aber kein Restaurant, das uns zum Essen einlud. Also nahmen wir uns erneut die Bahn und fuhren mit der Linie 8 weiter.

An der Bäckeranlage hatten sich schon am späten Nachmittag die Leute getroffen; Bier und andere Getränke waren im Brunnen gekühlt worden. Dort sahen wir trotz der Dunkelheit schon viel Bewegung, hier ging offensichtlich bereits eine Party ab.

Wir stiegen am Paradeplatz aus und spazierten die Bahnhofstraße hinauf; überall waren gutgelaunte Leute unterwegs, war in der Fußgängerzone Musik zu hören. Wir steuerten das Haus Hiltl an, wo wir ein leckeres vegetarisches Abendessen zu uns nahmen. Als wir fertig waren, fingen die Kellner bereits an, das Restaurant in einen Club zu verwandeln.

Wir kamen hinaus auf die Füsslistraße, wo schon Dutzende junger Leute saßen. Laute Musik erklang, und die Leute sahen so aus, als wollten sie gleich zum Tanzen in den Club einfallen. Wir nahmen eine Bahn in Richtung See, die voller Jugendlicher war. Auch hier wummerte die Musik, wurde getrunken und gefeiert; es war sehr witzig.

Am Bürkliplatz stiegen wir aus und bummelten am See entlang. In der warmen Spätsommernacht waren überall Leute unterwegs. An einer Ecke Sees saßen Menschen mit Gitarre und sangen italienisch und laut dazu.

Wir spazierten weiter, erreichten den Opernplatz, der aussah wie eine Festwiese. Überall saßen junge Leute auf dem Boden oder auf vereinzelten Stühlen.

An der Haltestelle Bellevue spielte eine Jazz-Combo mitten auf dem Gehweg, Leute tanzten hinzu. In bester Laune ließen wir uns treiben, bis wir spät nachts irgendwann im Hotel ankamen.

»Ganz Zürich ist eine Party«, stellte ich abschließend fest und nahm mir vor, künftig allen Vorurteilen gegen ruhige und gelassene Schweizer massiv entgegenzutreten …