29 März 2019

Spätwestern vor mexikanischer Kulisse

Dass ich ein Fan der Serie »Durango« bin, habe ich gelegentlich schon geschrieben. Seit die Western-Comics von Yves Swolfs in den frühen 80er-Jahren hierzulande erstmals veröffentlicht worden sind, finde ich sie ziemlich klasse. Mittlerweile wird die Gesamtausgabe im Splitter-Verlag veröffentlicht, und ich las dieser Tage endlich den zweiten Band.

Dieser Band enthält drei Bände, die allesamt im Grenzbereich zwischen den amerikanischen Südstaaten und dem Norden von Mexiko spielen. Erzählt wird in den Alben »Amos«, »Wilde Sierra« und »Das Schicksal des Desperados«, wie Durango – ein schweigsamer Mann, der extrem schnell schießen kann – in den späten 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts die Grenze nach Mexiko übertreten will und dort auf den Banditen Amos trifft.

Die Handlung ist stets knallig. Man reitet durch die Gegend, man schießt sich gegenseitig tot; alle Männer sind Banditen, alle Frauen zumindest in Gefahr. Immerhin hat Durango so etwas wie eine Moral und ist im Zweifelsfall dazu bereit, die Schwachen gegen die Mörder zu beschützen.

Der »Bodycount« in den Geschichten ist hoch. Eigentlich sind es schon keine Western mehr, sondern Episoden aus einem fürchterlichen Bürgerkrieg. Hinterhalte werden gelegt, Siedlungen und Festungen überfallen, es kommt zu offenen Gefechten in der Wüste und im Bergland, bei denen Dutzende von Männern fallen.

Swolfs ist ein hervorragender Erzähler; man merkt den Geschichten an, wie sehr er den klassischen Italo-Western der späten 60er-Jahre liebt. Trotz aller Gewalt sind die Geschichten durchaus komplex, sie haben starke Charaktere, die der Comic-Künstler durch Dialoge und Bilder klar unterscheidbar macht.

Dazu kommen die beeindruckenden Zeichnungen, in denen die Wüste ebenso lebendig wird wie die Gesichter der Menschen. Schroffe Felsen, verzerrte Gesichter, knallharte Action, die gnadenlose Sonne – in den frühen 80er-Jahren führte Swolfs den Western-Comic zu einem neuen Höhepunkt. Der zweite Band der »Durango«-Gesamtausgabe belegt das erneut aufs Beste.

28 März 2019

Mit dem Rücken zur Nacht

Wer sich – wie ich – immer mal wieder über die fürchterliche Musik im Radio ärgert und sich fragt, warum es denn keine deutschsprachige Popmusik gibt, bei deren Texte man nicht brechen muss, der sollte sich einfach das Stück »Mit dem Rücken zur Nacht« anhören oder auch bei YouTube anschauen. Es stammt von der Band Schreng Schreng & La La, und es ist wirklich deutschsprachiger Pop – man darf wohl auch »Liedermacher« dazu sagen.

Schon klar: Die beiden Musiker stammen aus der Punk-Szene, und der Sänger wurde vor allem durch seine Band Love A bekannt. Aber das mindert nicht meine Freude an dem Stück, das man sich auch mehrfach anhören kann.

Das Gitarrenspiel ist sehr nett, der Sänger hat eine angenehme Stimme. Der Text ist in sich stimmig, das Video ausgesprochen schön. Ach, schaut's euch einfach selbst an!

Leipzig war ein Con

Vor einer Woche fuhr ich nach Leipzig, seither schwelge ich in Erinnerungen. Und je länger die schöne Messe zurück liegt, desto klarer wird mir, woher meine Begeisterung eigentlich kommt: Leipzig war und ist ein Con. Dazu muss ich wohl ein wenig länger ausholen.

Als der Begriff »Con« erstmals im deutschsprachigen Raum auftauchte und man ihn anfangs sogar mit »K« schrieb, war Science Fiction mehrheitlich eine Veranstaltung für junge Männer. Ein »Con« war ein Treffen, ein Kongress, und man traf sich, um zu diskutieren, Club-Interna zu verhandeln, Autoren zu treffen, Fanzines zu machen, an der eigenen Karriere zu feilen und vor allem auch Bier zu trinken.

Als ich 1979 in die Fan-Szene kam, gab es im Wesentlichen zwei Arten von Cons: die seriösen und die fannischen. Die seriösen Cons hatten ein Programm. Bei ihnen lasen Autoren aus ihren Werken, es wurde diskutiert, häufig auch über politische Inhalte. Bei den fannischen Cons – wie ich sie jahrelang veranstaltete – wurde vor allem viel Bier getrunken und viel gealbert. Die Science Fiction bildete die Grundlage für soziale Kontakte.

In den 90er-Jahren mehrten sich die sogenannten MediaCons, die sich vor allem an Filmen und Fernsehserien orientierten. Der Begriff »Con« wurde nun weiblich, und seither gibt es auch so Dinge wie »Tattoo Conventions«, die mit dem eigentlichen »Con« logischerweise nichts zu tun haben, wohl aber mit einer »Star Trek«-Veranstaltung.

Und heute? Allenthalben wird beklagt, auch von mir, dass das klassische Science-Fiction-Fandom so gut wie ausgestorben sei. Es gibt MediaCons und ComicCons, und es gibt allerlei Veranstaltungen, die irgendwie mit Science Fiction zu tun haben, bei denen ich aber schon angesichts des Programms weiß, dass es mich dorthin nicht verschlagen wird. (Der BuchmesseCon ist eine lobenswerte Ausnahme. Er boomt geradezu.)

Doch es gibt längst neue Formen der Veranstaltung: Ich habe das LiteraturCamp in Heidelberg schon dreimal besucht und halte es für eine wunderbare Verlängerung des klassischen Cons in die heutige Zeit, wenngleich die phantastische Literatur eine Randerscheinung ist. Aber viele Leute treffen sich, diskutieren über Literatur, streiten sich auch mal, trinken und essen gemeinsam – alles wie bei einem Con.

Und so war es auch in Leipzig. Der Bereich der Halle 2, in dem ich mich aufhielt, war geprägt von Science Fiction und Fantasy. Heerscharen von interessierten Lesern drängten sich um die Stände der kleinen Verlage – die in gewisser Weise die Nachfolger von Fanzines und Club-Publikationen sind, auch was die Auflagen angeht –, sie hörten sich die Lesungen an, sie diskutierten und holten sich Autogramme. Best gelaunte Autoren und Künstler waren unterwegs, man duzte sich flächendeckend, und von den sonst häufig feststellbaren Streitereien bekam ich nichts mit.

Leipzig war eine Messe, schon klar, und sie war ganz schön teuer. Zugleich aber hatte sie mehr vom »Con-Feeling« früherer Zeiten als mancher Con, den ich in den vergangenen Jahren besucht habe.

27 März 2019

Kommunikation vier punkt null

Mir ist das sogenannte Internet 4.0 oder wie immer das heißt, ziemlich egal. Mir ist völlig gleichgültig, ob Maschinen und andere Dinge miteinander kommunizieren können. Mir reicht es nämlich aus, dass ab und zu die Dinge in meiner Wohnung direkt mit mir kommunizieren.

So mein Fernseher. Der ist alt und echt betagt, aber er spricht zu mir. »Du willst mich also rauswerfen«, sagt er vorwurfsvoll. Dabei verzieht er keine Miene. Kunststück, er ist ja auch ausgeschaltet. Aber die Glasfront spiegelt mein Gesicht, da kann ich viel hinein interpretieren.

»So pauschal kann man das nicht sagen«, weiche ich aus, als sei ich ein Politiker in irgendeiner blöden Talkshow.

»Erinnere dich doch daran, wieviel Zeit wir miteinander verbracht haben«, versucht er es mit schönen Worten. »1998 hast du mich gekauft, ich war dein erster Fernseher überhaupt.«

»Ja.« Ich nicke traurig. Meine Eltern hatten keinen Fernseher, aus religiösen Gründen. Als ich allein wohnte, brauchte ich keinen. Ich sorgte dafür, dass mein Leben spannend blieb, und ich lese ohnehin lieber, als in eine Glotze zu starren.

»Erinnere dich daran, wie du mich gekauft hast. Wie du mich die Treppe hochgeschleppt und mich installiert hast.« Der Fernseher klingt ein wenig weinerlich.

Und wie ich mich erinnere. Verkauft hat ihn mir ein Techniker, der am Wochenende ebenso besoffen wie ich durch die »Kombe« in Karlsruhe stolperte. »Für das Geld kriegst du kein besseres Gerät«, versprach er. Also investierte ich 699 Mark und schleppte abends den superschweren Fernseher in seiner gigantischen Umverpackung allein die Treppe hoch.

»Du hast Umzüge und Baustellen überstanden«, sage ich und seufze. »Und viele Talkshows.«

Nachdem ich 1998 den Fernseher gekauft hatte, ein Stück der altehrwürdigen Firma Schneider, war ich fasziniert von dem, was ich zu sehen bekam. Vor allem, wenn ich nachts von einem Punk-Konzert nach Hause kam, abgerissen und angetrunken, setzte ich mich gern noch mit einem Bier oder zweien oder dreien vor die Glotze und zappte mich durch das Nachtprogramm. So sah ich Wiederholungen von Bärbel-Schäfer- und Hans-Meiser-Sendungen, die mein Weltbild stark erweiterten.

»Und das soll jetzt alles vorüber sein«, klagt der Fernseher. »Wir waren fast Freunde, obwohl du mich so schlecht behandelt hast.«

Er hat recht. Schuldbewusst senke ich den Kopf. Zweimal fiel er herunter, beides Mal auf die Röhre. Die Kunststoffwand riss, die Glasscheibe blieb heil. Es war, als sollten wir ewig zusammen bleiben.

»Ich hab immer zu dir gehalten«, sage ich. »Auch als mich alle verlachten und als altmodischen Mann belächelten.«

»Sie haben dich als geizigen Schwaben belächelt«, korrigiert mir der Fernseher.

»Aber man wirft ja auch nichts weg, wenn es noch gut geht«, protestiere ich. »Warum soll ich mir so einen neumodischen Mist kaufen, so einen Flachbildkram, wenn die olle Röhre noch tut?«

»Aber jetzt willst du es doch tun.«

»Jaaaaa«, sage ich gedehnt. »Weil man mit dir nicht mehr viel machen kann.«

Im Sommer 2017 wurde das Leitungssystem umgestellt, seither kann ein alter Kasten wie der meine keine Signale mehr aus dem Kabelnetz empfangen. Ich brauche einen neuen Fernseher oder einen Adapter, der vielleicht dazu ausreicht, weiterhin mit der alten Kiste zu glotzen. Aber ich weiß selbst, dass ich langsam keine Lust mehr auf das alte Ding habe.

»Es ist doch so«, versuche ich es höflich, »ich will auch mal eine Serie bei Netflix gucken oder einen Film streamen, und ich will die aktuellen Programme in all ihrer Pracht sehen.«

»Alles neumodischer Kram«, behauptet der Fernseher. »Willst du wirklich jeden Pickel im Gesicht eines Talkshow-Politikers sehen, jede Schminkfurche bei einer auffälligen Schauspielerin? Früher hat's doch auch gereicht.«

»Ja, früher.« Ich seufze. »Aber früher ist früher. Und ich will in die neue Zeit gehen. Ich brauche ein Gerät für das neue Jahrzehnt, du bist aus einem anderen Jahrtausend.«

»Du doch auch«, schnappt der Fernseher. »Du bist noch viel älter als ich. Was wirst du sagen, wenn sie dich irgendwann packen und auf die Straße stellen? Wie gehst du damit um, wenn du demnächst aufs Altenteil rollst?«

Darauf kann ich nichts sagen. Das wissen wir beide. Ich stehe auf und schaue nach dem Weinglas auf dem Tisch.

Ein Chardonnay funkelt im Glas, ein Wein aus der Appelation Viré-Clessé. Früher hätte eine Dose Bier dort gestanden, ich hätte nicht einmal gewusst, was eine Appelation ist, und ich hätte denjenigen, der so etwas weiß, aus tiefstem Herzen verachtet.

»Ich kann versuchen, ab und zu mit der Zeit zu gehen«, sage ich, als ich den Raum verlasse. »Du nicht, du bist nur eine Maschine.«

»Aber wenn wir Maschinen die Welt übernehmen, wenn das Internet sieben punkt null oder sonst etwas kommt und wenn ich als Gespenst durch die digitalen Netze spuke – was machst du dann?« Der Fernseher zetert und tobt, und er tut es noch, als ich die Tür hinter mir schließe.

Ich schäme mich ein wenig. Als sich im Bad auf einmal der uralte Föhn mit dem Fernseher solidarisiert, erkenne ich ... Ach, das ist dann doch eine andere Geschichte!

26 März 2019

Ich erinnere mich an Biby

Es verschwimmt viel im Nebel der Erinnerung, und das ist normal. Aber ich erinnere mich noch gut, welchen prägenden Eindruck Josef Wintjes auf mich in den frühen 80er-Jahren machte. Und ich weiß noch, wie verblüfft ich auf die Todesmeldung starrte, die im Jahr 1995 bei mir eintraf.

Josef Wintjes, Jahrgang 1947, war ein Mitwirkender in der Alternativkultur der späten 60er-Jahre. Er förderte kleine Verlage und Literaturzeitschriften, verdiente mit ihnen auch sein Geld. In seinem »Ulcus Molle Info« schrieben er – und viele andere Autoren – über die sogenannte Alternativpresse, die unter seiner Ägide wuchs und gedieh.

Mancher Verlag, den man heute noch kennt, fing in dieser Zeit an, wuchs in den 70er-Jahren und brauchte Wintjes irgendwann nicht mehr. Die kleinen Verlage lernten, mit der Zeit zu gehen, und vertrieben ihre Bücher über das Barsortiment. Und die Hippies und Spontis der späten 60er-Jahre lernten in den 70er-Jahren nicht nur, dass Geldverdienen irgendwie cool war, sondern bestellten Bücher direkt beim Buchladen um die Ecke.

Das Literarische Informationszentrum verlor in den 80er-Jahren an Bedeutung. Ich war jahrelang ein fester Kunde, ich kaufte viele Bücher und Zeitschriften, die ich mit staunenden Augen durchblätterte. Später versuchte sich Wintjes mit der Zeitschrift »Impressum« an einem Dienst für Autoren und Verleger. (Nicht alles, was er veröffentlichte, war wirklich gut. Keine Frage ...)

In den 90er-Jahren mehrten sich seine Aufrufe, bei ihm einzukaufen. Das Geld wurde knapp, viele Kleinverleger zahlten ihre Rechnungen nicht. Der stets gemütlich wirkende »Biby«, dem ich nur einmal gegenüberstand, kam mit der neuen Zeit nicht mehr so gut klar. Was ihn ausgemacht hatte, war für die meisten nicht mehr so wichtig.

Als er 1995 starb, war ich schockiert. Mit seinen Arbeiten war Wintjes jemand, der Zeitschriften wie die »Federwelt« vorwegnahm, der die Selfpublisher-Szene schon in den 60er-Jahren förderte, als man den Begriff nicht kannte, und der stets seine Sympathie für Kleinverlage und unbekannte Autoren hatte.

Man müsste ihm eigentlich ein Denkmal setzen.

25 März 2019

Wenn ein Geheimagent endlich heiratet ...

Wenn man bedenkt, dass die Comic-Seite »Percy Pickwick« schon seit Jahrzehnten erscheint, muss man sich wundern, dass sie hierzulande außerhalb der Fan-Szene so wenig bekannt ist. Dabei zählt die Serie zu den Perlen der frankobelgischen Comic-Unterhaltung, dort allerdings unter anderem Namen veröffentlicht.

Die wunderbare Gesamtausgabe der »Percy Pickwick«-Geschichten im Toonfish-Verlag halte ich für absolut lobenswert, aber um die soll es an dieser Stelle gar nicht gehen: Mit »Just Married« liegt der Einzelband 24 der Serie vor, ein neues Abenteuer also, für das Humor-Spezialisten Turk und Zidrou verantwortlich zeichnen.

Um es kurz zu erläutern: Eine Serie von Attentaten, die ausgerechnet bei Hochzeiten begangen werden, erschüttern das britische Königreich. Percy Pickwick, der eigentlich längst pensionierte Geheimagent, soll tätig werden. Man will eine Falle für die Attentäter aufstellen – und damit diese glaubhaft ist, muss der eigenbrötlerische Geheimagent einfach selbst heiraten.

Im weiteren Verlauf der Handlung spielen zwei durchgeknallte Fotografen, eine gut aussehende Polizistin, der Vater von Percy Pickwick und ein selbst ernannter Erbnachfolger von Napoleon Bonaparte wichtige Rollen in einem turbulenten Comic. Es gibt Rückblicke auf die Vergangenheit, Verfolgungsjagden und Action und – ja! – tatsächlich auch Tote.

Ich amüsierte mich bei der Lektüre. Wenn Autoren und Zeichner vom Kontinent aus der Sicht von Briten erzählen und dann Witze über Franzosen machen, ist das witzig, zumindest für mich. Auch die Witze über alte Schwüre unter Studenten fand ich gelungen.

Schnell erzählt, flott gezeichnet: »Just Married« ist kein Comic für die Ewigkeit, aber einfach gut gemachte Comic-Unterhaltung, wie ich sie mag.

Sagen wir es so: Wer die Welt von »Percy Pickwick« noch nicht kennt und sich überlegt, ob er oder sie die Gesamtausgabe kaufen soll, könnte mit diesem Band zumindest einen Test unternehmen. Die Leseprobe auf der Verlagsseite hilft möglicherweise auch weiter.

Haufenweise Schwabenfakten

Auch wenn ich seit über zwanzig Jahren in Karlsruhe lebe, macht mein Dialekt es jedem klar, dass ich ein gebürtiger Schwabe bin. Die Zeiten, in denen mir das unangenehm war, sind lange vorüber – und das ist gut so. Umso schöner, dass mir dann ein Buch wie »111 Gründe, Schwaben zu lieben« bestätigt, dass es überhaupt keinen Grund gibt, an meinem Schwabendasein zu zweifeln.

Verfasst hat dieses Sachbuch der Journalist und Filmemacher Jo Müller, den ich seit Beginn der 80er-Jahre kenne. Es ist als Taschenbuch im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen und trägt den schönen Untertitel »Eine Liebeserklärung an die schönste Region der Welt«.

Ich nehme an, der Autor meint das ernst – ich würde das so nicht unterschreiben, merkte aber bei der Lektüre des Buches, wie wenig ich über Schwaben und Württemberg wirklich weiß. Jo Müller liefert haufenweise Fakten über Dinge, vom denen ich in über fünfzig Jahren noch nichts gehört habe.

Die einzelnen Beiträge beziehen sich auf die sprachlichen Eigenheiten ebenso wie auf die schönen Urlaubsregionen, die der Großraum Württemberg hat. Es werden schwäbische Persönlichkeiten gewürdigt und die verschiedenen Leckereien abgefeiert, die es im Südwesten gibt. Sogar die gern als langweilig geschmähte Landeshauptstadt kommt gut weg und wird gelobt.

Der Autor weiß, wovon er spricht. Als Journalist kommt er seit vielen Jahren viel herum, und er kennt sich aus. Die Sympathie zu Land und Leuten – er zitiert unglaublich viele Menschen – kommt überall zutage, und das überträgt sich auch auf den Leser. Die Texte sind durchaus ernsthaft, zeigen aber immer wieder einen augenzwinkernden Humor und verweisen darauf, dass man in Schwaben auch gern lacht.

Okay, ein wenig Kritik muss sein: Ich hätte den Texten mehr Luft gewünscht. Manchmal sind die Absätze arg lang, reihen sich die Sätze gar zu dicht aneinander. Da hätten gern mehr Absätze rein können, auch auf die Gefahr hin, dass das Buch dann noch mal ein paar Seiten mehr bekommt. Eine Liebeserklärung braucht schließlich ein wenig Luft ...

»111 Gründe, Schwaben zu lieben« ist ein Buch zwischen Journalismus und Lobpreisung, das mir viel Freude bereitet hat. Es ist 320 Seiten stark, die einzelnen Kapitel lesen sich sehr kurzweilig. Schöne Lektüre!

Wer einen Schwaben oder eine Schwäbin in seinem sozialen Umfeld hat, kann das Buch diesem oder dieser auf jeden Fall schenken – große Freude ist hier gewiss! Und das meine ich sehr ernsthaft.

24 März 2019

Eine Prise Blues

Kaum ist der Trubel der Buchmesse vorüber, tritt auch schon ein wenig der Messe-Blues ein. Zurück geht es über die Autobahn, den Kopf voller neuer Gedanken und Ideen, Eindrücke und Gesprächen. Es waren irrsinnig viele Gespräche, eine ununterbrochene Kommunikation mit Hunderten von Menschen.

Was mich immer beeindruckt: wie schnell man offen miteinander umgeht, wie schnell ein Umgang entsteht, den ich positiv finde. Die Leute an den kleinen Phantastik-Verlagen, die Leser/innen, die Verlagsleute aus den größeren Verlagen – sie alle verströmten gute Laune und positive Energie. In Zeiten, in denen man manchmal glaubt, die Welt würde nur von Idioten bewohnt, ist so eine Lage schon wie eine Utopie.

Ob sich Leipzig unter kommerziellen Gesichtspunkten lohnt, kann ich nicht sagen. Ich kann für mich nur sagen, dass es mir viel Freud bereitet hat. Eine wunderschöne Messe geht für mich an diesem Sonntagabend zu Ende ...

23 März 2019

Tag drei erfolgreich absolviert

Die meisten Leute können sich nicht so richtig vorstellen, was man auf einer Buchmesse den ganzen Tag so macht. Das ist normal. Ich kann mir schließlich auch nicht so richtig vorstellen, was ein Schweinezüchter, ein Steuerprüfer oder ein Hochleistungssportler, eine Grafikerin, eine Kinderärztin oder eine Bundeskanzlerin den ganzen Tag über machen.

Am heutigen Tag machte ich auf der Leipziger Buchmesse eigentlich nur eins: Ich redete. Und ich redete. Und wenn ich eine Pause hatte, redete ich wohl mit mir selbst, der Sonne am Himmel oder der frischen Luft. Ich kam nicht aus dem Redefluss heraus, fühlte mich zwar nicht immer wohl damit, konnte aber nicht aufhören.

In vielen Gesprächen mit Autorinnen und Autoren ging es um die aktuelle Situation im Buchhandel. Viele Leute scheinen sich Sorgen zu machen, bei vielen Leuten sind die Umsätze eingebrochen, gibt es schlichtweg weniger verkaufte Bücher und damit auch ein geringeres Einkommen. Das sind subjektive Eindrücke, klar – aber vor allem die Schreibenden, die von Verkäufen leben und nicht von staatlichen Subventionen, haben offenbar mehr Probleme als vor einigen Jahren.

Wenn ich mir das alles dann so durch den Kopf gehen lasse und mit einem Bier nachspüle, ist es wohl schon besser, wenn ich als angestellter Redakteur tätig bin und nicht andere Dinge versuche. Die Gelegenheitsschriftstellerei kann ich als »Hobby« mehr schlecht als recht betreiben – aber dann ist es nicht so schlimm, wenn riesige Erfolge ausbleiben ...

22 März 2019

28 Stunden in Leipzig

So schnell können Tage an einem vorüberrauschen. Am Vormittag des Donnerstags, 21. März 2019, startete ich in Karlsruhe zu meiner Fahrt nach Leipzig, wo ich die diesjährige Leipziger Buchmesse besuchen wollte. Ich entschloss mich spontan, über Nürnberg zu fahren, weil dort keine Staus gemeldet wurde, rollte dann mit meine Dienstwagen gefühlte 200 Kilometer durch Baustellen und Tempo-80-Zonen und fragte mich hinterher, ob es nicht schneller gewesen wäre, die zwei Staus bei Heidelberg und so zu überwinden.

Aber das sind Luxusprobleme, die man leicht bewältigen kann. Ich hörte die neue Razzia-Platte im Auto – sie klingt wirklich wie früher, und das ist hier positiv gemeint – und die Promo-CD der Band Kontrolle, die ich unglaublich toll fand. Zwischendurch hörte ich immer wieder ein Hörbuch der Romanserie, für die ich tätig bin, und kam so guter Dinge durch.

In Leipzig empfingen mich schönes Wetter und gutgelaunte Menschen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich das Wetter drehen würde – aber das hatte ich im vergangenen Jahr auch gedacht. So absolvierte ich fleißig Termine, sprach mit Lesern und tat das, was man auf einer Messe eben macht: Man redet zu viel, man trinkt zu wenig, man isst falsche Dinge.

So rasten der Donnerstag und der Freitag an mir vorüber. Schauen wir, wie das Wochenende wird; immerhin dürfte die wahre Besucherwelle noch kommen ...

20 März 2019

»Maddrax« wird 500

Ich habe lange überlegt, ob ich in meiner Funktion als Redakteur der Konkurrenz etwas schreiben soll oder als jemand, der die phantastische Literatur mag. Mittlerweile bin ich sicher, dass es sinnvoller ist, wenn ich mich persönlich äußere. Dann wird es nicht versehentlich als offizielle Aussage aufgefasst.

Die Serie »Maddrax« kenne ich seit vielen Jahren – sie wird vom Bastei-Lübbe-Verlag veröffentlicht, erscheint alle zwei Wochen und zählt zur phantastischen Literatur. In munterer Weise vermengen die Autoren allerlei Elemente von Science Fiction, Fantasy und Horror, zeitaktueller Kritik und ein wenig Popliteratur. Es hängt davon ab, wer welchen Roman schreibt; entsprechend vielseitig ist die stilistische wie inhaltliche Ausrichtung der Serie.

Ich lese jeden Roman an, blättere darin herum und bekomme so im Groben mit, um was es eigentlich geht. Als Experten würde ich mich nicht bezeichnen, und komplett gelesen habe ich schon lange keinen Roman der Serie mehr. Das wird sich jetzt ändern – dieser Tage ist nämlich der Band 500 erschienen, und der liegt schon daheim auf meinem »dringend zu lesen«-Stapel.

Sascha Vennemann schrieb »Zeitbeben«. So lautet der Titel von Band 500. Ich bin sehr darauf gespannt.

Den Kollegen möchte ich an dieser Stelle gratulieren. Ich weiß selbst sehr gut, wie kompliziert das Geschäft geworden ist, und wie schwer es ist, eine Serie im Handel zu halten. Dass »Maddrax« die Nummer 500 erreichen würde, hätte ich nie gedacht. Das ist eine starke Leistung, Respekt!

19 März 2019

Reiter im Schneenebel

Ich irrte zu Fuß durch die Nacht. Nebelschwaden trieben über die Straße, es war kalt, und die Straße lag voller Schnee. Rechts und links von mir türmten sich Berge aus Eis und Schnee auf, als hätte es in den vergangenen Wochen einen bitteren Winter gegeben. Aber ich wusste nicht genau, wo ich war. Es sah zwar so aus, als sei ich im Wald zwischen Freudenstadt und Dietersweiler unterwegs, wie in den 80er-Jahren, aber mir war verwirrenderweise bewusst, dass ich in Bayern unterwegs war.

Wegen des Wetters sah ich nicht viel, ich konnte mich im Brausen und Tosen des Windes nicht orientieren. Dann aber näherte ich mich einer Stelle, wo der Wald offenbar aufriss. Eine Woge aus Schnee und Eis raste vor meinem Gesicht vorbei, verschwand auf der linken Seite in der Dunkelheit. Ich hörte den Lärm, der wie die Wilde Jagd toste und brüllte, und dann kam schon wieder eine riesige Woge von der rechten Seite, um an mir vorbeizurasen.

Aus einem Grund, der sich mir nicht erschloss, erkannte ich, was sich vor meinen Augen abspielte: Ich war Zeuge eines Pferderennens, das mitten im Schneesturm ausgetragen wurde. Da sah ich auch schon die Tiere: Groß waren sie, mit riesigen Köpfen und roten Augen. Sie schnaubten vor Energie, die Reiter auf ihren Rücken waren nicht zu erkennen.

Hier würde mir niemand helfen können, das wusste ich. Also ging ich weiter und erreichte eine Straße. Hier war vor Stunden geräumt worden. Ich ging zwischen den Schneebergen dahin, stapfte durch den Neuschnee, fror und zitterte.

Von hinten hörte ich ein Auto, es dröhnte durch die Nacht. Ich stellte mich an den Straßenrand, hob aus altem Reflex heraus den Daumen. Der Fahrer ignorierte mich, das Auto zischte an mir vorbei. Hilflos sah ich ihm nach.

Da sah ich, dass es irgendwohin abbog. So schnell ich konnte, rannte ich in die Richtung, wohin das Auto gerollt war. Ich sah es nicht mehr, stapfte weiter durch die Nacht und den Schnee.

Bis ich auf einmal merkte, dass ich über eine Glasplatte ging, verstärkt durch schwere Stahlstreben. Unter mir war Wasser, das eine Kuppel offenbar bis an den Rand gefüllt hatte. Ich sah Menschen in Badekleidung, die sich durch das Wasser bewegten, mal mehr, mal weniger elegant.

Von unten grinste mich ein Mann an. Er klopfte mit der flachen Hand gegen die Scheibe, fand es vielleicht komisch, dass ich durch die Nacht stapfte, während er durch warmes Wasser schwamm. Wütend starrte ich zurück. Was sollte ich tun?

Da wachte ich auf.

18 März 2019

Drei verzweifelte Menschen

Bereits im Jahr 1933 veröffentlichte der große französische Schriftsteller Georges Simenon den schmalen Roman »Die Selbstmörder«. Bei Diogenes wurde er in der leider mittlerweile vom Markt genommenen Reihe »ausgewählten Romane« als Band fünf veröffentlicht. Ich las ihn in den vergangenen Tagen und ließ mich zum wiederholten Mal in eine Geschichte hineinziehen, die traurig und spannend zugleich war.

Ein junger Mann und ein Mädchen unterhalten in einer französischen Kleinstadt eine verheimlichte Affäre, die aus wenigen Worten und ausgiebigem Knutschen besteht. So richtig gut kennen sich die beiden nicht, und dennoch flüchten sie nach Paris – weil sich der junge Mann vom Vater des Mädchens bedroht fühlt. Dort schlagen sie sich mehr schlecht als recht durch, mit Gaunereien und Gelegenheitsarbeiten.

Der Vater folgt in seiner Verzweiflung. Er versucht, seine Tochter wiederzufinden, wobei er sich auf die Hilfe eines Detektivs verlässt. Seine Suche macht ihn besessen, so sehr, dass er die Briefe seiner Frau aus der Provinz ignoriert oder gar nicht versteht.

So treiben drei Menschen durch Paris, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Sie alle sind verzweifelt, und alles, was sie tun, treibt sie noch tiefer in die tragische Situation hinein. Man möchte sie während der Lektüre ständig alle drei am Kragen schnappen und kräftig durchschütteln – es ist ein echtes Elend.

Die Lektüre von »Die Selbstmörder« ist nicht leicht, weil die Geschichte so aussichtslos erscheint und auf ein zerstörendes Ende zusteuert. Trotzdem schafft Simenon es, die Figuren so zu schildern, dass man mit ihnen mitleidet und wissen will, wie alles ausgeht.

Dabei macht der Autor einige Dinge, die ich einem Autor normalerweise nicht verzeihe: Er springt durch die Erzählperspektiven, wechselt sie manchmal sehr hektisch; dann wieder rafft er die Handlung auf ungewohnte Weise, um später eine Szene mit allen Details zu schildern. Damit trägt er zur fiebrigen Atmosphäre dieses Großstadtromans der dreißiger Jahre bei.

Georges Simenon wirkt in diesem Roman nicht wie ein Krimi-Schriftsteller, sondern wie einer, der versucht, einen Gesellschaftsroman im kleinen Format zu schaffen. Dabei blickt er auf die »kleinen Leute«, nicht auf die Reichen und Schönen. Faszinierend.

(Übrigens: Mir war keine der handelnden Personen sympathisch. Als Leser mochte ich weder das Mädchen noch den jungen Mann und schon gar nicht den spießig-verzweifelten Vater. Sie alle haben keinen klaren Plan, sie alle vertrödeln gewissermaßen ihre Zeit und steuern alle miteinander immer tiefer in die jeweilige Krise hinein.)

Das Ende einer Hörspiel-Ära

Die »John Sinclair«-Hörspiele sind sehr erfolgreich, sie zählen sicher zu den beliebtesten Hörspielen im deutschsprachigen Raum. Auch ich höre sie gern an, obwohl ich die Romane mit dem Geisterjäger nicht sonderlich mag. Aber in Form der Hörspiele finde ich sie oft klasse.

Deshalb war ich besonders gespannt darauf, wie sich die Nummer 100 der Serie präsentiert. Sie trägt den Titel »Das Ende« – was sollte sich dahinter verbergen? Der Geisterjäger selbst segnet natürlich nicht das Zeitliche, auch wenn er allerlei Gegner zu bekämpfen hat.

Tatsächlich hört einer der Sprecher auf: Frank Glaubrecht sprach John Sinclair in den bisherigen Folgen. Es gibt tatsächlich Sequenzen, in denen der Sinclair der Zukunft auftaucht – also der neue Sprecher – und auch der Sinclair der Vergangenheit eine kleine Rolle hat. Der bisherige Sprecher kann sich auch noch in einer persönlich klingenden Ansprache von seinen Fans verabschieden. Eine schöne Geste!

Ansonsten ist der Inhalt der Doppel-CD sicher knallig genug, um die Fans zu begeistern. Der Kaiser der Vampire taucht ebenso auf wie allerlei andere Höllenkreaturen oder die »Alten von Atlantis«. Magische Gegenstände poltern haufenweise durch die Handlung, eine – schwer nach Science Fiction riechende – Pyramide aus seltsam-blauen Material schaukelt durch Raum und Zeit, es wird viel geballert, gebrüllt und gestorben, und am Ende sind einige Leute tot.

Klar: Das ist keine Folge für Neulinge. Hier werden viele Handlungsfäden zusammengeführt, und über echte Logik darf man bei »John Sinclair« sowieso nie nachdenken. Aber gut gemacht ist das Hörspiel wie immer schon.

So wird eine hektische Verfolgungsjagd durch die Straßen von London inszeniert, es gibt Kämpfe zwischen den Dimensionen und eine witzige Szene in einer Kneipe auf einer griechischen Insel – das alles wird mit starken Geräuschen, kurzen Musik-Sequenzen und richtig guten Sprechern toll illustriert. So müssen Hörspiele sein, denke ich, um die Hörerinnen und Hörer heute zu fesseln.

Für die »Sinclair«-Fans ist diese Nummer hundert sicher ein Fest: so viele Bösewichte auf einem Haufen! Wer die Serie nicht kennt, wird damit wenig anfangen können. Ich fand's gut gemacht, aber inhaltlich einfach zu überzogen. Allerdings bin ich ja auch kein echter Fan ...

17 März 2019

Ein negativer Smily ins Gesicht

Ich fahre mit dem Rad durch die Erbprinzenstraße. Es nieselt, die Temperaturen sind wieder gefallen, und es geht ein unangenehmer Wind. Außer mir ist niemand auf der Straße.

Die Anzeigentafel, auf die ich zuradle, blinkt mich hektisch an. »Langsam«, zeigt sie in roten Großbuchstaben.

Ich denke mit der Selbstironie, zu der ich nach dem Training noch fähig bin: »Stimmt, ich bin verdammt langsam.«

Dann kommt so ein Negativ-Smily in Rot, also ein rotes Gesicht, das die Mundwinkel nach unten gezogen hat. Ganz klar: Ich werde öffentlich getadelt.

Das sieht niemand außer mir, also ist es mir egal. Mit derselben lahmarschigen Geschwindigkeit wie vorher radle ich weiter.

Und frage mich verzweifelt: Wie langsam muss man an dieser Stelle eigentlich fahren, damit einem die Stadtverwaltung kein schlechtes Gewissen einredet, man sei ein »Fahrradraser«? Haben die eigentlich sonst keine anderen Probleme?

15 März 2019

In der Nationalbibliothek

Warum ich auf die Idee kam, in der Deutschen Nationalbibliothek nach mir selbst zu gucken, weiß ich gar nicht mehr. Sicher zählte Eitelkeit zu den wichtigsten Grundlagen dafür. Ich stellte fest, dass es tatsächlich einen Eintrag zu mir gab, wunderte mich über die Kombination aus »Schwerpunkt Science-Fiction und Fantasy« und »Afrikareisender« – dort war ich seit 2004 nicht mehr –, fühlte mich aber doch sehr geschmeichelt.

Gleichzeitig wunderte ich mich. Klar, bei den »Publikationen« und »Autor von« ist die Bibliothek gut aufgestellt. Die Aufzählung scheint zu stimmen, und dass »Die Jenseitsinsel« fehlt, kann nicht verwundern – die Novelle erschien ja nicht in einem »seriösen« Buchverlag mit ISBN und dergleichen, kann deshalb auch nicht aufgefunden werden.

Bei »Publikationen« und »Beteiligt an« sieht es schon deutlich skurriler aus. In der Liste tauchen Titel auf, die ich allein geschrieben habe, aber auch Werke aus meiner Arbeit, an denen ich maximal als Chefredakteur beteiligt war. Müsste man danach gehen, hätte die Deutsche Nationalbibliothek mittlerweile gut hundert »Silberbände« und dergleichen aufzulisten.

Das wäre nicht korrekt, schon klar – aber warum sind dann einige wenige in der Liste, die anderen aber nicht? Aber vielleicht sollte ich mir über solche Listen eh keine großen Gedanken machen.

14 März 2019

Das digitale Dachau

Im Januar 1986 veröffentlichte der Heyne-Verlag eine Anthologie, die den auffälligen Titel »Das digitale Dachau« trug. Sie wurde von Wolfgang Jeschke zusammengestellt und präsentierte eine umfangreiche Auswahl an internationaler Science Fiction – nicht nur aus dem englischsprachigen Raum.

Warum ich mich immer wieder gern daran erinnere, hat einen einfachen Grund: Von mir ist die Kurzgeschichte »Sternfahrt« enthalten, die ich zwei oder drei Jahre zuvor beim Heyne-Verlag eingereicht hatte.

Mit den Autorinnen C. J. Cherryh und Kate Wilhelm sowie den Autoren George R. R. Martin und Ian Watson sind in dem Buch Leute vertreten, die schon damals zu den großen Namen gehörten. Sie gewannen in jenen Jahren Preise und wurden nicht nur in den USA mit umfangreichen Romanen veröffentlicht. Heutzutage dürften auch die meisten Genreleser nur noch den Namen von George R. R. Martin kennen – und das nicht wegen seiner Science Fiction, sondern wegen seiner Fantasy.

Darüber hinaus ist eine Reihe von Autoren in dem Buch zu finden, die ich nicht kannte und deren Namen mir bis heute nicht viel sagen. Sie stammten aus Italien und Russland – aber ich wüsste beispielsweise heute mit Giuseppe Pederiali nichts mehr anzufangen. Man muss fairerweise sagen: So dürfte es diesen Autoren damals mit den Namen aus Deutschland gegangen sein.

Hans Zakel kannte ich immerhin; er schrieb für viele Fanzines und hatte auch in meinem eigenen Fanzine veröffentlicht. Die anderen Namen waren mir teilweise sehr fremd.

Insgesamt aber hatte Wolfgang Jeschke ein Taschenbuch zusammengestellt, dessen Mischung einiges an Überraschungen bot. Die bekannten amerikanischen Autorinnen und Autoren sorgten dafür, dass auch unbekannte Leute wie ich in der Anthologie veröffentlicht werden konnten.

Ich war damals extrem stolz auf die Veröffentlichung, erinnere mich aber noch gut daran, wie wenig mein soziales Umfeld damit anfangen konnte. Weder meine Verwandtschaft noch die Leute im örtlichen Jugendzentrum fanden das spannend.

Das Problem mit den Filterblasen, die nicht immer passen können, gab's also schon damals ...

13 März 2019

Cons und andere Zumutungen

Noch in den 90er-Jahren, als ich bereits Redakteur war und mein Geld mit Science Fiction verdiente, fuhr ich gern auf die Treffen von Science-Fiction-Fans, also auf die sogenannten Cons. Ich hatte von 1981 bis 1992 selbst Cons veranstaltet und mochte die Treffen mit Gleichgesinnten. Aber ich stellte von Jahr zu Jahr fest, wie wenig Spaß mir das alles machte, und deshalb ging ich auf immer weniger Cons.

Klar: Es ist Arbeit, und die Cons sind stets am Wochenende. Damit verbringe ich dann immer ein Wochenende mit Arbeit. Das führt letztlich dazu, dass es mir keine Freude mehr bereitet, auf einen solchen Con zu fahren.

In diesem Jahr habe ich für mich bislang zwei Cons vorgemerkt, dazu eine Fan-Veranstaltung, die wir vom Verlag organisiert hatten und die bereits in der Vergangenheit liegt. Im Mai fahre ich nach Osnabrück und besuche dort die PERRY RHODAN-Tage, nutze aber den Freitagabend für einen privaten Besuch. Und im Oktober steht der BuchmesseCon in Dreieich vor mir, das ist seit vielen Jahren eine Pflichtveranstaltung.

Damit ist das Jahr eigentlich ausgebucht. Allerdings überlege ich mir ernsthaft, den ACD-Con zu besuchen. Die alljährlichen Treffen des ATLAN-Clubs Deutschland, in dem ich seit den 80er-Jahren Mitglied bin, sind ja eher Grillpartys als seriöse Veranstaltungen; da könnte es mir also auch »halbprivat« gefallen. Schauen wir mal ...

12 März 2019

Ein Nachmittag in Chinon

Bevor ich in der Loire-Region unterwegs war, hatte ich von Chinon noch nichts gehört – ein Beleg dafür, wie wenig ich mich in Frankreich im Allgemeinen und mit Wein im Besonderen auskenne. Weil der Reiseführer den Ort empfahl, fuhren wir dahin, bummelten durch die schmalen Straßen entlang des Berges, aßen eine Kleinigkeit, schwitzten ein wenig, schauten uns die alten Burgruinen an und waren insgesamt sehr von dem Ort angetan.

Chinon ist ruhig, geradezu beschaulich, eine französische Kleinstadt, wie geschaffen für einen dieser Filme, die man in Deutschland so mag: ein wenig verträumt, ein wenig spinnert, insgesamt aber mit guter Stimmung. Zumindest bei unserem Aufenthalt dort hatte ich das Gefühl, dass die Leute in Chinon eine gelassene Lebensart haben.

Entlang des Flusses Vienne stehen große Bäume, die Schatten spenden. Man kann auf alten Mauern sitzen, dem Wasser zuschauen, das träge vor einem vorbeifließt, man kann auch ein Eis essen und sich generell gut fühlen. Oder man kann durch die Gassen stromern. Beides ist schön.

Was man tunlichst nicht machen sollte: am hellichten Tag einen Chinon-Wein trinken. Die Rotweine aus der Region sind kräftig, schon ein kleines Glas ballert einem den halben Kopf weg. Ich mochte das »Probiererle« sehr, beging aber einen schweren Fehler: Ich vergaß, genügend Wein zu kaufen, um den Kofferraum zu füllen.

Andererseits muss man es positiv sehen: Jetzt habe ich einen weiteren Grund, mal wieder nach Chinon zu fahren. Die Weine dort lohnen sicher einen zweiten Besuch.

11 März 2019

Interessanter Genre-Mix mit starker Grafik

Um es einleitend zu sagen: Es gibt einen ganzen Strauß von Comics, die der Autor Sylvain Cordurié entwickelt hat und die sich mit Sherlock Holmes und übernatürlichen Phänomenen beschäftigen. Viele von ihnen sind im Splitter-Verlag erschienen, ich finde sie allesamt irgendwie cool, verstehe sie aber nicht komplett.

Das kommt daher, dass die Bände zwar selbständig wirken, aber immer irgendwie Fortsetzungen sind, in denen Anspielungen auf andere Bände vorkommen und die offen enden. Zuletzt las ich »Sherlock Holmes und die Zeitreisenden«, das bereits 2016 erschienen ist und im Prinzip aus zwei Alben besteht, die man in einem schicken Hardcover-Band zusammengefasst hat.

Die Geschichte spielt im Jahr 1894, und das London dieser Zeit fängt Vladimir Krstic-Laci in seiner teilweise sehr opulenten Grafik hervorragend ein: Kutschen rollen durch prächtige Straßen, sowohl die Frauen als auch die Männer tragen schicke Kleidung, die Interieurs der Gebäude überzeugen ebenso wie die Landschaftsbilder – rein grafisch ist der Comic absolut gelungen. (Wozu sicher die passende Farbgebung durch Axel Gonzalbo beiträgt.)

Hauptfigur ist Sherlock Holmes, der nicht mehr als Detektiv tätig ist, sondern eine Buchhandlung betreibt. Doch dann taucht ein Gelehrter auf, der anscheinend eine Zeitreise hinter sich gebracht hat, und Holmes wird als Ermittler reaktiviert. Er stößt – offenbar zum wiederholten Mal – hinein in ein Netz aus Verschwörungen und Intrigen, das sich durch England und vor allem die höfische Gesellschaft zieht.

Das Netz hat nicht nur mit Wissenschaft zu tun, sondern auch mit Magie, mit Telepathie und einer Reihe von weiteren übersinnlichen Themen. Sogar die Königin ist darin verstrickt, und die Lösung des Falles wird einigermaßen kompliziert.

Ganz ehrlich: Verstanden habe ich nicht alles. Die Figuren haben allesamt Beziehungen zueinander, die aus früheren Comics stammen, in denen beispielsweise Vampire durch London marodiert sind. Spannend wirkte das alles, und die Zusammenhänge sind interessant.

Sherlock Holmes als Figur funktioniert sichtlich auch im Comic und in einem Genre-Mix, wie ich ihn so noch nicht gesehen habe. Eine Prise Krimi, viel Science Fiction und Fantasy, das Ganze dazu noch gut gezeichnet und spannend erzählt – das macht neugierig auf die anderen Bände des Themas, die bei Splitter erschienen sind.

Vielleicht erkenne ich dann mehr Zusammenhänge?