Es passiert einiges um mich herum, und nicht alles gefällt mir. Vieles fasziniert mich, vieles interessiert mich – und das soll Thema dieses Blogs sein.
10 Juli 2026
Dead Bob knallten tatsächlich rein
Im vergangenen Herbst sah ich Dead Bob schon einmal, am 7. Juli 2026 spielten sie wieder in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe. Das Konzert war unter der Woche, die Temperaturen immer noch recht hoch; ich schätzte, dass sich gut hundert Leute einfanden, nicht nur aus Karlsruhe, sondern auch aus Städten, die 100 oder 150 Kilometer entfernt waren.
Vom ersten Ton an hatte die Band ihr Publikum im Griff. Wright machte die Ansagen, ansonsten saß er hinter seinem Schlagzeug und trommelte, sang und hatte sichtlich Freude an alledem. Zwischendurch fischte er sein Smartphone aus der Tasche und telefonierte – ob das nun zur Show gehörte oder nicht, war mir nicht klar.
Die Frau und die drei Männer, die Wright begleiteten, ließen es ebenfalls krachen. Sie sangen mal einige Stücke mit, sie trommelten und bedienten Blasinstrumente, sie spielten Gitarre und Bass, sie bewegten sich und sprangen auf der Bühne hin und her.
Im Publikum hatten wir gleich ebenfalls Bewegung. Es war kein Pogo-Konzert, dafür herrschten schlicht zu viele grauhaarige Leute vor. Aber man bewegte sich, es wurde ein bisschen gehüpft, ansonsten frenetisch gejubelt, gejohlt und applaudiert. Es herrschte eine großartige Stimmung, die das gesamte Konzert über anhielt.
Leider war das Ganze auch unfassbar laut. Ich merkte nach einiger Zeit, dass meine Ohren zu pfeifen anfingen, blieb trotzdem noch recht lange vorne stehen und hüpfte ein wenig, bis ich später in den hinteren Teil des Konzertraums ging. Als ich später auf meinem Rad saß und quer durch Karlsruhe strampelte, hatte ich in meinen Ohren ein unaufhörliches Rauschen.
(Am nächsten Tag ging ich in die Ohrenklinik im Städtischen Klinikum, um meinen Hörschaden begutachten zu lassen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein geiles Konzert war's ja trotzdem.)
21 April 2026
Die ganz kurzen Kurzfilme
Die Auswahl war groß, ich konnte oft staunen oder lachen. Es gab einige Zeichentrickfilme, die meisten Kurzfilme wurden aber mit realen Schauspielern gedreht. Manche von ihnen waren traurig, andere wieder lustig; ein phantastisches Thema war nicht darunter, stattdessen ging es um die Realität.
Wobei man die unterschiedlich sehen kann. In »Was wir nicht sehen« reden zwei Tänzerinnen erfolgreich aneinander vorbei und ignorieren ihre Gefühle; in »Boubacar« geht es um einen Fußballspieler aus Mali, der im Flüchtlingsheim damit anfängt, andere junge Männer mit Fußball einen Lebenssinn zu geben.
»Flimmern« ist ein fast schon unheimlicher Film über eine Mutter und ihren Sohn, die eine sehr enge Beziehung haben, die Mutter dummerweise aber auch zum Wein. Beim »Zauberwürfel« geht es vordergründig um den »Rubik's Cube«, in Wirklichkeit aber um Gefühle wie Trauer oder Verzweiflung.
Zwischen den Filmen gab es immer eine kurze Moderation; Schauspieler*innen und Filmemacher*innen konnten in einem Frage-Antwort-Spiel einiges über die Hintergründe verraten. Die meisten sind Studierende an Filmhochschulen oder Universitäten; man kann gespannt darauf sein, was aus diesen talentierten jungen Leuten irgendwann mal wird.
14 April 2026
Das OX-Fest in Karlsruhe
Insgesamt spielten vier Band, und ich bekam davon nur einen Teil mit. Der Grund ist einleuchtend: Ich war damit beschäftigt, Bier zu trinken und mit den Leuten zu reden, die ich antraf. Ich stieß auf Punks aus Stuttgart, die ich seit den 80er-Jahren kannte, auf die OX-Crew, mit der ich mich eigentlich nur schriftlich austausche und die ich viel zu selten treffen, auf Punkrocker und ehemalige Punks aus der halben Republik. Die »Alte Hackerei« war ziemlich voll, und die Stimmung empfand ich als bestens.
Irgendwann fing es zu regnen an, was meiner guten Laune keinen Schaden zufügte. Das Bier schmeckte, und man konnte es im Biergarten gut aushalten; unter dem Blechdach führte ich viele Gespräche mit Leuten, die ich teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir redeten über alte Punkrock-Zeiten und die anstehende Rente, über die Kinder und ihre Abenteuer, über die Arbeit und die Familie und all die Sachzwänge, die wir mittlerweile offensichtlich alle haben und die wir uns vor dreißig oder vierzig Jahren nicht einmal vorstellen konnten.
Als Hammerhead auf die Bühne stiegen, suchte ich mir einen Platz in der Nähe des Bühnenrandes. Mir war klar, dass es voll werden würde, und ich wollte mit meiner Brille nicht zu sehr ins Pogo-Getümmel geraten. Kluger Plan, aber …
Die Band legte los, und ab dem ersten Ton schuf sie eine grandiose Stimmung. Der ganze Raum schien zu kochen; überall herrschte Begeisterung. Der ruppige Hardcore-Punk begeisterte, die Ansagen von Tobias Scheiße brachten mal Widerspruch, mal Beifall. Und sobald die Band zu spielen anfing, wurde mitgebrüllt und getanzt. Meine Jacke und meinen Pullover hatte ich längst abgelegt, meine Brille ebenfalls sorgsam verstaut.
Und irgendwann konnte ich mich nicht mehr halten. Da ich eh schon auf der Stelle hüpfte und ins Schwitzen kam, konnte ich mich auch gleich in den Mob stürzen. Das war ein großer Spaß – lauter Leute, die einen durchaus heftigen Pogo betrieben, also kein Kuschel-Pogo, kein »entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen auf den Fuß getreten sind«, aber ohne Karate-Einlage. Am Ende war ich ein wenig verbeult, fühlte mich aber großartig.
Über den Rest des Abends brauche ich nicht mehr so viel zu sagen. Ich saß noch lange im Biergarten, trank Bier und redete mit Leuten. Es regnete mal mehr und mal weniger. Und gegen zwei Uhr fuhr ich dann doch heim: Der strömende Regen sorgte dafür, dass ich gründlich durchnässt wurde, aber auch ein bisschen nüchtern wurde.
07 April 2026
Ein Mann und sein Flügel
Der Saal im Theaterhaus in Stuttgart war brechend voll; wir hatten Plätze, die recht weit hinten lagen. Man sah und hörte trotzdem sehr gut. Im Saal war es auch die meiste Zeit unfassbar leise; sogar das übliche Hüsteln und Kleiderrascheln blieb weitestgehend aus.
Tatsächlich ist die Musik des Pianisten sehr ruhig. Das war sie in seinen jungen Jahren nicht immer, da spielte er durchaus auch mal schnellen Jazz. Die jüngeren Aufnahmen sind aber sehr ruhig und stimmungsvoll, und mit über neunzig Jahren muss man es ja nicht mehr so krachen lassen.
Der alte Mann, der mit dem Rollstuhl auf die Bühne geschoben wurde und dann am Flügel sehr schmächtig wirkte, schien mit seinem Instrument zu verschmelzen. Die Musik war ruhig und intensiv, sein Spielen umkreiste verschiedene Themen, so dass letztlich ein erstes Stück entstand, das mehr als eine halbe Stunde andauerte. Am Ende des vielleicht eine Stunde dauernden Konzerts sang Abdullah Ibrahim noch ein wenig; trotz seiner schon sehr brüchigen Stimme klang das ebenfalls intensiv.
Dieser Abend war weit außerhalb der Krachmusik-Szenerie, in der ich mich sonst sehr oft bewege, aber dennoch sehr bewegend. Diese Art der ruhigen Musik fand einen Zugang zu mir – und ich zu ihr. Sehr intensiv, sehr gut!
12 Februar 2026
Die Stars aus New York
Ulli holte mich ab; wenn er von seiner Wohnung zum Konzertort ging, kam er praktisch an dem Häuserblock vorbei, in dem ich wohnte. Wir tranken bei mir noch ein Bier und spazierten durch die Straßen. Es war der Mittwoch, 8. September 1999, ein echter Sommertag in Karlsruhe, an dem es sinnvoller war, im Grünen zu sitzen und Bier zu trinken, als sich in einen Keller zu begeben, um sich Krachmusik anzugucken.
Aber unsere Absicht war klar: »Wenn schon mal die Stars aus Amiland bei uns sind, sollten wir uns die nicht entgehen lassen«, argumentierte Ulli. Sick Of It All hatte ich schon mehrfach gesehen, die kannte ich quasi. Die Band aus New York bot üblicherweise nicht nur knalligen Hardcore-Punk, sondern turnte auf der Bühne auch ganz gut herum. Mit ihnen sollten Good Riddance auftreten, eine neuere Band, die ich bislang nur von den Platten her kannte und schon immer mal sehen wollte.
Wir hatten uns keine Karten im Vorverkauf geholt. »Karten im Vorverkauf – das ist doch kein Punk«, da waren wir uns völlig einig. Weil wir unterwegs an einem kleinen Supermarkt vorbeikamen, besorgten wir uns noch ein Sechserpack mit Bier besorgt. Man wusste ja nie, wann ein Konzert wirklich losging, und so hofften wir darauf, vorher ein bisschen trinken zu können.
Als wir das Gelände an der Verkehrskreuzung erreichten, in deren Untergrund sich das »Substage« befand, stellten wir fest, dass wir nicht die einzigen waren, die auf die Idee gekommen waren, spontan loszugehen. Dutzende von Leuten, sicher mehr als hundert, lungerten um die Treppen herum, die in den Keller führten; sie alle brauchten noch eine Eintrittskarte, stellten sich an, um zu bezahlen und das Konzert zu besuchen.
»So ein Mist!«, schimpfte Ulli.
Auch ich war einigermaßen genervt. »Da stellen wir uns nicht an. Das ist mir zu blöd.«
Schnell waren wir uns einig. Wir setzten uns auf die Treppe, nicht ganz am Anfang, aber weit genug oben, damit wir noch die Sonne abbekamen, und machten unsere ersten Biere auf. So wurden wir Zeugen des fröhlichen Treibens, das sich auf der Treppe entwickelte. Wir bekamen vor allem viele Freunde und Bekannte und allerlei Arschlöcher zu sehen.
Vor allem von letzterer Gattung waren verdammt viele da. Ich hatte den Eindruck, dass jeder Nachwuchs-Hool aus dem Karlsruher Dorfumland anwesend war, dazu haufenweise Mode-Hardcores, Bodybuilder und Metal-Deppen. Es war eine zeitweise erschreckende Meute, die sich die Treppe hoch- und wieder hinunterquälte.
»Boah, was für Leute!«, schimpfte ich. »Für die ist Hardcore doch echt nur noch eine Mode, die haben doch nichts mit alledem zu tun. Um irgendwelche Inhalte geht’s solchen Bodybuildern nicht.«
»Meinst du nicht, dass du ein wenig verallgemeinerst?« Ulli grinste. Er wusste, wie er mich auf die Palme bringen konnte.
»Vielleicht, kann sein.« Ich gab mir Mühe, nicht weiter aufzuregen. »Aber die Kerle hier sind doch so viel ›True Hardcore‹ wie meine Mutter echt.«
»Mach dir nicht ins Hemd. Wir schreiben 1999 und nicht mehr 1989. Irgendwelche Vergleiche vom heutigen Hardcore zu den 80er-Jahren müssen einfach schiefgehen.«
Ich grummelte vor mich hin, kriegte mich aber wieder ein. Im weiteren Verlauf des Abends kamen genügend Leute vorbei, die wir kannten und mochten. Manche blieben für ein Bier und einen kurzen Schwatz bei uns stehen; manche stellten sich zum Rauchen neben uns.
Irgendwann spielte die erste Band; man konnte sie von unserer Lage aus gut hören. Wir entschlossen uns trotzdem, den Abend auf der Treppe zu verbringen. Der Eintrittspreis von 24 Mark war uns sowieso zu hoch; wir hätten es uns leisten können, entschlossen uns aber, das Geld lieber in Bier zu investieren. Unterhaltsamer schien das sowieso zu sein.
Good Riddance klangen ganz gut, zumindest kam bei uns der Sound in erstaunlicher Qualität an. »Sagen wir so«, lästerte Ulli, »hier oben klingt es ziemlich zermatscht – aber das tut’s im Keller ja auch.« Der Sound im »Substage« galt schon immer als eher schlecht, was nicht störte, wenn man einige Biere im Kopf hatte.
Nachdem erste Band ihren Auftritt beendet hatte, strömten viele Konzertbesucher ins Freie. Micha, der Sänger der lokalen Hardcore-Band Diavolo Rosso, hatte kein Lob für die Band übrig und verschwand mit schlechter Laune. Er meinte, Good Riddance seien richtig schlecht gewesen: »Keine Ansagen, pure Rock-Show, das war’s.«
Andere Besucher äußerten sich positiv. Die Kalifornier hätten eine großartige Show hingelegt, sie waren völlig euphorisiert. »Die Geschmäcker sind eben verschieden«, gab ich eine Binsenweisheit von mir und trank noch ein Bier.
Als Sick Of It All im Keller des »Substage« anfingen, stieg die Stimmung. Aus dem Eingang drangen Wasserdampf und Hitze, der Saal schien zu kochen. Ich überlegte mir einen Moment, ob ich mir das Konzert doch anschauen sollte, ließ es dann aber doch sein. Die Band hatte ich schließlich mehrfach gesehen, das war also nichts Neues. Auf der Treppe hörten wir noch genug, unser Bier war preiswerter, und wir hatten schnell einen Nachschub organisiert, und wir hatten genügend Gesprächsstoff.
Der Abend endete irgendwann zwischen Treppe und Südweststadt. Wir waren alles andere als nüchtern, aber mit dem eigentlichen Abend zufrieden. (Und das ist wohl der Grund, warum ich Good Riddance nie live sah, auch wenn ich die Platten der Band mochte …)
(Eine Kürzestfassung dieses Textes erschien in meinem Egozine »Superklaus«, in der ersten Ausgabe, die im Januar 2000 veröffentlicht wurde.)
29 September 2025
Zwei phantastische Live-Bands
Ich hatte mich schwer getäuscht, stellte ich fest, als ich die »Alte Hackerei« betrat. Im hinteren Bar-Bereich gab es eine gut besuchte Konferenz von Spiele-Entwicklern, bei der unter anderem Powerpoint-Vorträge gehalten und Schnittchen gefuttert wurden, im vorderen Bereich war es ebenfalls ziemlich voll. Der Raum sah aus, als sei die Bude ausverkauft; es gab allerdings noch kein Gedränge. Viele Männer mit grauen Haaren waren im Publikum, es war ganz offensichtlich die Hardcore-Generation der späten 80er- und der 90er-Jahre, die sich eingefunden hatte.
Die erste Band passe da hervorragend: Trust Issues aus dem Saarland lieferten ein kompaktes Hardcore-Paket ab, knallige Musik und launige Ansagen inklusive. Die Band ist nicht rasend schnell, die Musiker wissen aber genau, was sie tun. Ihre Stücke waren auch an diesem Abend druckvoll und abwechslungsreich, das Publikum ging gut mit, der Applaus war groß.
Danach räumten Dead Bob ab. Das Schlagzeug stand rechts auf der Bühne, nicht im Hintergrund. So kannte ich es von den Konzerten von NoMeansNo, die ich vor mehr als dreißig Jahren gesehen hatte. Klar: John Wright, der Schlagzeuger bei Dead Bob, war in all der Zeit auch der Schlagzeuger von NoMeansNo, und offensichtlich hatte er keine Lust, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Begleitet wurde er von drei Männern und einer Frau, allesamt jünger als er, allesamt versierte Musiker.
Was die fünf von der Bühne ins Publikum bollerten, war großartig. Man hielt sich nicht groß mit Firlefanz auf, verzichtete auf lange Ansagen, sondern spielte ein rasantes Stück nach dem anderen. Die Stücke waren meist rhythmusbetont, da kam die alte NoMeansNoSchule eindeutig durch; gesungen und gebrüllt wurde von allen. Melodien waren Nebensache, bei diesem Auftritt ging es um rohe Energie, die musikalisch auf den Punkt gebracht wurde.
Die Orgel wummerte, der Bass knallte, zwischendurch kamen Trompeten zum Einsatz – es war eine furiose Mischung, die den Saal gut in Bewegung brachte. Es wurde kein Pogo-Konzerte, aber es bewegten sich alle, es wurde frenetisch gejubelt und applaudiert, und die Band konnte am Ende nicht gehen, ohne noch ordentlich Zugaben zu spielen. (Ob das nun Punkrock war oder Hardcore oder Noise-Rock, das ist mir egal. Darüber sollen sich die Gelehrten streiten.)
Was für eine großartige Stimmung, was für ein großartiger Abend! Als ich später durch den kalten Nieselregen nach Hause fuhr, strahlte ich über das ganze Gesicht – ich hatte zwei starke Live-Band in bester Spiellaune gesehen!
08 August 2025
Die Sterne in Karlsruhe
Deshalb wollte ich in diesem Jahr unbedingt anwesend sein. Ich war einigermaßen zeitig auf dem Werderplatz in Karlsruhe, reihte mich frustriert in die Schlange von wartenten Menschen ein, die sich über den halben Platz zog, und hatte glücklich. Ich war die letzte oder vorletzte Person, die noch in den Club gelassen wurde.
Die Band fing gegen neun Uhr an, der Saal war sehr voll. Beim »Kohi« heißt das, dass vielleicht 250 Leute anwesend waren und jede Person trotzdem ein bisschen Raum um sich herum hatte. Man wurde also nicht gequetscht. Trotzdem kam schnell Bewegung in den Raum, auch wenn keine Pogo-Stimmng aufkam – bei der Musik wäre das ja auch verwerflich gewesen.
Das Publikum war gemischt, von 17 bis 67 sagte ich irgendwann. Es waren echt einige Teenager da, aber natürlich auch haufenweise Grauhaarige, Leute dazwischen, die ich in den 90er-Jahren durch den Slamdance irgendwelcher Jugendhäuser gedroschen hatte und deren Haare jetzt langsam auch grau wurden. Aber alles waren bester Laune, alle lächelten und strahlten, und bei manchen Liedern war das Publikum unglaublich textsicher.
Was die Musik und die Texte anging, machten Die Sterne nichts falsch. Man spielte die großen Hits, es gab selbstironische Ansagen, und die gute Stimmung aus dem Publikum übertrug sich auf die Band und wieder zurück. Eineinhalb Stunden später verließ ich das »Kohi« in bester Laune – dieser Abend hatte sich echt gelohnt.
24 Juli 2025
Dreimal Hardcore-Kracher
Als ich in der »Alten Hackerei« eintraf, erfuhr ich, dass noch eine Band auf dem Programm stand. An diesem Abend würden mir also drei Bands die Ohren vollballern; ich war gespannt. Aber zuerst war ich damit beschäftigt, Bekannte zu begrüßen und Bier zu trinken. Alte Punk-Kollegen von der Schwäbischen Alb, aus dem Saarland oder aus Heidelberg waren eingetroffen, es gab viel zu reden, weil ich einige seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Dann standen Agrotoxico auf der Bühne. Ich kannte die brasilianische Band nur von ihren Platten her; das war mir eigentlich zu metallisch. Auch live herrschte eine starke Metal-Kante vor, aber das gefiel mir an diesem Abend sehr gut: Die Band machte keine Pause, verzichtete auf überflüssige Soli und oder Tempowechsel, knallte stattdessen ein Stück nach dem anderen raus, unterbrochen durch sehr kurze Ansagen in englischer Sprache.
Der rasante Sound ging sehr gut in die Ohren, es war laut und krachig, und danach war ich mit den Brasilianern versöhnt: Diese Art von Metal-Punk mag ich nicht jeden Tag hören, wirklich nicht, aber ab und zu lasse ich mir davon doch gern die Ohren putzen.
Channel 3 sind eine Band aus Kalifornien, die es seit den frühen 80er-Jahren gibt und die ich vor einigen Jahren schon einmal in der »Alten Hackerei« gesehen hatte. Auch an diesem Abend wussten sie zu überzeugen: Die Stücke kamen druckvoll und knallig rüber, schneller Hardcore kalifornischer Prägung eben, der auch einen tüchtigen Schuss Melodie enthielt.
Gespielt wurden Songs aus der frühen Periode, aber auch einige Stücke, die ich noch nicht kannte. Das war schon alles sehr gut und hätte normalerweise für einen großartigen Abend ausgereicht.
Aber dann kletterten D.I. auf die Bühne, die ich irgendwann in den späten 80er-Jahren in Pforzheim gesehen hatte. Seither sind nicht nur die Bandmitglieder über 35 Jahre älter geworden; ich bin’s ja auch. Trotzdem schafften sie es ohne Probleme, das Feuer zu entzünden.
Mit unglaublicher Energie pfefferten die Kalifornier einen 80er-Jahre-Hit nach dem anderen in das euphorisierte Publikum. Die Hitze im Raum stieg; man schwitzte schon vom Herumstehen. Und weil ich eh schon verschwitzt war, fing ich irgendwann an, ein wenig durch den Raum zu hüpfen. Alle um mich herum tobten und sprangen, lachten und sangen mit, ein einziger Mob aus grinsenden Gesichtern.
Am Ende war ich verschwitzt, hatte sicher den einen oder anderen blauen Fleck mehr, war aber insgesamt in bester Laune. Vor der Tür redete ich noch mit einigen Leuten, dieser Abend war eh wieder ein Punkrock-Familientreffen. Als ich gegen Mitternacht durch die Nacht von Karlsruhe flitzte, hatte ich während der ganzen Fahrt ein breites Grinsen im Gesicht und Hardcore-Punk im Ohr …
(Das Bild zeigt Channel 3. Bei D.I. konnte und wollte ich nicht mehr fotografieren. In den Kommentaren verlinke ich auf Videos, die Kalle Stille ins Netz gestellt hat.)
22 Juli 2025
IndiePop im Kohi
Ich bezahlte brav meinen Mitgliedsbeitrag – beim »Kohi« entrichtet man keinen Eintritt, sondern tritt für einen gewissen Zeitraum einem Verein bei –, holte mir an der Theke ein Bier und betrat den Konzertraum, der angenehm gefüllt war: Vielleicht fünfzig Leute hatten sich eingefunden, im Verlauf des Abends wurden es etwa hundert. Ich war nie gut im Schätzen, mochte es an diesem Abend aber sehr, dass alles so angenehm war.
Gut fand ich auch, wie jung das Publikum war: Die meisten schienen anfangs oder Mitte der zwanzig zu sein. Entsprechend wenige Leute kannte ich.
Die erste Band hatte sich den hübschen Namen The Krimis verpasst und kam aus Stuttgart. Der Sänger trug Schnauzer und Krawatte und hatte einen angenehmen schwäbischen Akzent. Musikalisch gab es etwas, das ich irgendwie zwischen Punk und IndieRock der 80e-Jahre einsortieren konnte. Die Ansagen waren witzig, die Musik erwies sich als abwechslungsreich, die englischsprachigen Stücke klangen sehr sympathisch. Ich kaufte mir hinterher gleich die EP, die es von der Band bereits gibt; eine »große Platte« ist noch in Arbeit.
The Rolacas waren aus Karlsruhe und machten im Prinzip Gitarren-Pop, wie man ihn in den 80er-Jahren ebenfalls gespielt hatte. Die englischsprachigen Stücke hatten einen Hang zur Melancholie; dem gegenüber stand das sympathische Grinsen, das die Band nicht aus dem Gesicht bekam. Mir war’s manchmal zu poppig und zu ruhig, aber unterm Strich legte die Band einen sehr gelungenen Auftritt hin.
Danach lungerte ich eine Weile vor der Tür herum. Es war eine laue Sommernacht, und ich hielt mich am Werderplatz auf. Da musste ich einfach nur ein bisschen herumstehen, und es kamen Leute vorbei, die ich kannte und mochte und mit denen ich plaudern und noch ein Bier trinken konnte. Trotzdem war ich vor Mitternacht wieder in der heimatlichen Weststadt, wo ich bei einem Gartenfest strandete. Das aber ist dann eine ganz andere Geschichte …
(Das Bild zeigt The Krims aus Stuttgart. Ich machte an diesem Abend genau ein Foto, das hier; ich halte nichts davon, stundenlang mit der Kamera oder dem Smartphone dazustehen und zu knipsen.)
01 Juli 2025
Die Via Canale feierte
Am Wochenende war die Fiesta Via Canale; überall in Karlsruhe waren Stadtteil- und Straßenfeste, aber hier war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich Bekannte treffen konnte. Das war dann ja auch so. Das Bier war kühl, die Temperaturen fühlten sich tropisch an, die Stimmung war bestens.
Ich kam ein bisschen später in die Nordstadt; Taxi Sandanski spielten schon. Die Band ist aus Karlsruhe und Umgebung, man spielt einen Sound, der mit »Balkanbeats« ganz gut umschrieben ist. Es wurde eifrig getanzt, es herrschte gute Stimmung, die Band schunkelte sich durch ihre Stücke.
Die folgende Band hatte ich nicht auf dem Zettel: Obwohl es sie seit einigen Jahren gibt, hatte ich JxP noch nie gesehen. Was dann auf der Bühne auftauchte, hatte auch sonst niemand auf dem Zettel. Zuerst hörte es sich wie HipHop an, dann kam ein Saxophin ins Spiel, wuchtige Gitarren hämmerten, dazu ein rasantes Schlagzeug.
Die junge Band auf der Bühne spielte eine Crossover-Mischung, die direkt aus den 90er-Jahren entlehnt schien. Anklänge von »Body Count« und Refused waren zu hören, dazu kamen quatschige Ansagen und eine insgesamt sehr lockere Art. Das anfangs zaghafte Publikum feierte die Band völlig ab; der rasante Stil-Mix aus Metal, HipHop, Elektro und was auch immer sonst noch zu hören war fesselte Zwölfjährige genauso wie Siebzigjährige.
Das Konzert ging bis Mitternacht. Mitten in einem Wohngebiet ist das auch nicht so üblich ...
Ich trank das eine oder andere Bier. Irgendwann saß ich mit nur noch einer Handvoll Leute auf einem Mäuerchen, alles war schon dunkel, und der Bierstand macht bald zu. Gegen halb zwei Uhr bewegten sich dann mein Rad und ich sehr gemütlich in Richtung Weststadt – bis zum nächsten Fest im Kanalweg!
23 Juni 2025
Dreißig Jahre und ein kleines Fest
Vier Bier später war meine Laune wieder super. Bei wunderbarem Abendwetter hatten sich im Gewerbehof, wo seit Juni 1995 der Querfunk sein Studio und seine Büros hat, vielleicht hundert Leute versammelt: Veteranen des Radioprojekts, neue Leute, einige Freunde und Bekannte, eine Heerschar an Kindern, die irgendwie dazu gehörten.
Ich laberte viel. Bei einigen Leuten, die ich teilweise seit acht Jahren nicht mehr gesehen hatte, kam es mir vor, als würden wir eine Unterhaltung aus längst vergangener Zeit nach einer kurzen Unterbrechung einfach fortsetzen. Die jungen Leute von damals hatten teils graue Haare, teils gar keine Haare mehr; leider waren einige der Aktivisten jener Zeit schon gestorben.
Ich sah mir die Büroräume an, stand voller Wehmut vor dem Regal, in dem es natürlich kein ENUNKT-Fach mehr gab, und staunte über den Fußboden im Büro: Der sah immer noch gut aus, dabei war ich bei der Verlegung und dem Abschleifen des Holzbodens im schweißtreibenden Sommer 1995 beteiligt gewesen.
Einige Biere später spielte Orgel Krüger. Ich hatte den Musiker, der sich immer mit einem speziellen Helm und einem Anzug verkleidet, noch nie live gesehen, mochte den Auftritt aber sehr: elektronische Musik, viel Quäken und Quieken von der Orgel, Kunstnebel, der durch die laue Sommerluft waberte – das war großes Kino.
Mit der Nomaden Clique konnte ich nicht so viel anfangen. Die Frau und der Mann rappten sich durch ziemlich clevere deutschsprachige Texte, die mit politischen Inhalten und gut verständlichen Aussagen aufwarteten; die Musik fand ich allerdings – wie eigentlich immer bei Hip Hop – komplett langweilig. Aber mir muss ja nicht alles gefallen.
Irgendwann war es Zeit zu gehen. Als einer der letzten wurde ich aus dem Hof gekehrt. Die Nachbarn wollten ihre Ruhe haben, was ich ja verstehen konnte. (Man kann sich kaum vorstellen, dass in diesem Gelände in den 80er-Jahren Punkrock-Konzerte stattfanden und wir noch in den 90er-Jahren recht krachige Partys feiern konnten. Aber so ändern sich die Zeiten und das Lärmempfinden.)
Ein wunderbarer Abend! Auf die nächsten Jahre und Jahrzehnte des Freien Radios in Karlsruhe!
20 Mai 2025
Überraschung aus dem Saarland
Aber so ein Geburtstagsfest in der »Alten Hackerei« ist stets eine Gelegenheit, Leute zu treffen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat. Also stand ich lange mit einer Bierflasche in der Hand im Biergarten herum und laberte mit Leuten.
Dabei wurde mir ein Mann vorgestellt, den ich zuerst nicht erkannte, bis klar wurde, wen ich vor mir hatte: Gurke erwies sich als der Sänger der Band, die an diesem Abend aufspielen sollte und der früher bei Crowd Of Isolated gesungen hatte. Die hatte ich in den späten 80er-Jahren mehrfach gesehen, sie hatten sogar einmal in unserem Jugendzentrum in Freudenstadt gespielt. Wir hatten uns seit über dreißig Jahren nicht mehr gesehen.
Diesem Gespräch mit dem Austausch von »was machst du eigentlich?« und »was ist denn aus dem und der geworden?« folgten weitere Gespräche mit anderen Leuten. So verpasste ich den Auftritt von Aka Rinde fast komplett: ein Gitarrist auf der Bühne, der mit einem Fuß nebenbei ein Schlagzeug bediente und dazu in deutscher Sprache sang. Das war sicher nicht schlecht, an diesem Abend aber nicht meine Tasse Bier. Ich hätte konzentriert zuhören müssen, und dazu war ich nicht in der Stimmung. Dann doch lieber Bier trinken und labern.
Bis Trust Issues auf der Bühne standen. Das war Gurkes aktuelle Band, die es seit 2019 gibt, die ich nur vom Namen her kannte und die ich noch nie live gesehen hatte. Die vier Herren auf der Bühne waren allesamt nicht mehr die Jüngsten; die Haare waren dünn oder grau. Aber das passte zum Publikum, in dem die ganz jungen Leute ebenfalls eine Minderheit bildeten.
Was die Band auf der Bühne bot, war alles andere als Alte-Männer-Musik. Serviert wurde Hardcore-Punk, wie man ihn in den späten 80er-Jahren oft gehört hatte, mit ordentlich Wumms und viel Schmackes, mit Melodie und sichtlicher Spielfreude. Der Sänger sprang auf der Bühne und im Publikum herum, als sei er immer noch Anfang der zwanzig, die Band grinste sich eins und verbreitete gute Laune.
Das alles sprang auf das Publikum über und wurde von dem quasi auf die Bühne reflektiert. Es gab keinen heftigen Pogo, aber die meisten Leute bewegten sich, und vorne wurde auch ein bisschen gehüpft. Ich zappelte altersgerecht ein bisschen an meinem Stehplatz herum und hüpfte zwei-, dreimal, weil es nicht anders ging. Ansonsten freute ich mich, grinste von einem Ohr zu anderen und johlte vor Begeisterung.
»Das ist wie früher!«, meinte irgendwann einer zu mir. »Aber ein Früher, wie wir es uns heute oft verklären.«
Damit hatte er recht: Trust Issues überzeugten an diesem Abend echt. Starke Band, tolles Konzert!
05 Mai 2025
Vier Jazzer bei Hemingway
Und so war ich am Freitag, 2. Mai 2025, in der »Hemingway Lounge«, die mit vielleicht fünfzig Besuchern sehr gut gefüllt war. Bei Jazz-Konzerten sitzt man herum, da steht und zappelt man nicht, sondern hört konzentriert zu und klatscht am Ende des Stückes und nach den jeweiligen Solo-Einlagen. An diesem Abend fand ich das zurückhaltende Verhalten schon ein wenig seltsam.
Denn Jim Snidero, ein Saxophonist aus New York, und seine drei Begleitmusiker legten gleich zu Beginn ein rasend schnelles Tempo vor. Der Schlagzeuger, der Basser und der Pianist folgten diesem Tempo; da war keine Langweile, da herrschte keine Ruhe, da wurde in rasender Geschwindigkeit gespielt. Ich war völlig baff und fühlte mich auf meinem Barhocker echt ein bisschen unwohl. Das war zwar kein Pogo, aber definitiv eine Musik, bei der ich normalerweise nicht hätte stillstehen können.
Aber auch die ruhigen Stücke konnten überzeugen. Die Band spielte hervorragend zusammen, die Übergänge waren allesamt stimmig. Dazwischen machte Snidero seine Ansagen in einem gut verständlichen Englisch, so dass man auch verstand, wenn er irgendwelche Klassiker interpretierte oder halt ein sehr ruhiges Stück über den Tod intonierte.
Das Publikum applaudierte brav, die Stimmung war sehr gut. Aber natürlich blieben alle brav an ihren Tischchen sitzen und bewegten sich nur, wenn sie etwas tranken oder aufs Klo gingen. Das klingt negativer, als es ist – so sind halt nun mal die Regeln bei einem Jazz-Konzert.
Ich fand’s super. Vor allem die schnellen Stücke fand ich großartig. Und so ging ich nach dem langen Konzert mit angetrunkenem Kopf und von der Musik gut gesättigt nach Hause – ein schöner Abend und sicher nicht der letzte für mich in der »Hemingway Lounge«.
24 Juni 2024
Wenn alte Herren grandios überzeugen
Und so war ich am Freitagabend, 21. Juni 2024, durchaus skeptisch, als ich durch die Stadt zur »Alten Hackerei« in Karlsruhe radelte. Weil ich früh genug eintraf, hatte ich ausreichend Zeit, viele Bekannte aus anderen Städten zu treffen und Zeit damit zu verbringen, Bier zu trinken und mit Leuten zu reden. Die erste Band wollte ich mir eigentlich anschauen, aber sie überzeugte nicht, und so stand ich bald wieder an der frischen Luft und hielt ein Bier in der Hand; ich merkte mir nicht einmal den Namen dieser Band aus der Schweiz.
Dafür überraschten die alten Herren aus dem Ruhrgebiet. Vom ersten Ton an packten mich die Upright Citizens. Vor allem die alten Stücke zündeten; »Now Or Never«, »Holocaust« oder »Neonazis in der BRD« klangen wie in den 80er-Jahren, die wütende Haltung wurde aber mit besserer Fertigkeit an den Instrumenten verbunden. Das war druckvoll, das war schnell, das klang vor allem überhaupt nicht alt, sondern richtig rotzig und frisch.
Die Band spielte auch Stücke aus ihrer Hardrock-Phase, was mich allerdings positiv überraschte: Die waren zwar immer noch elend lang, wurden aber knackig und in rasendem Tempo präsentiert – so fand ich die dann ebenfalls klasse.
Anfangs stand ich brav im vorderen Bereich des Konzertraums, vielleicht einen Meter von der Bühne entfernt. Nach einiger Zeit zappelte ich auf dem Platz, und gegen Ende machte ich sogar ein bisschen Senioren-Pogo. Damit war ich am Ende des Konzerts dann ordentlich nassgeschwitzt.
Rings um mich waren nach den Zugaben nur strahlende Gesichter zu sehen. Dem Publikum hatte das Konzert gefallen, die Band wirkte auch euphorisiert. So soll es sein!
17 Juni 2024
Schön war's in der Wagenburg
Zwischen Wohnwagen, Traktoren und viel Grün – der Bauwagenplatz ist von großen Büschen umgeben, überall wächst und gedeiht etwas – tummelten sich im Verlag des Abends wohl bis zu 200 Leute. Weil man sich zwischen Lagerfeuer, Essensbereich, Biertischen und Konzer verteilte, war die Zahl schwer zu schätzen. Ich kannte vielleicht ein Dutzend von ihnen, und mit einigen unterhielt ich mich beim einen oder anderen Bier sehr ausgiebig.
Die Mischung war angenehm: einige jüngere Bunthaarige waren da, ältere Crust-Punks, grauhaarige Alt- und Ex-Punks, ehemalige Autonome, ein bisschen Skinhead, ein wenig alternde Hippies, dazu viele Kinder aus der Wagenburg und Jugendliche, die allesamt ihren Spaß hatte. Es gab Bier und Flammkuchen, bezahlt wurde auf Spendenbasis, und an einem speziellen Stand wurden Olchi-Cocktails gemischt.
Nachdem zuerst ein sehr junger Wagenburg-Bewohner – gerade mal 15 Jahre alt – allein mit seiner Gitarre auf der Bühne gestanden hatte, um einige Stücke zum Besten zu geben, kamen später sein kleiner Bruder sowie sein Vater, den ich seit über dreißig Jahren kenne, hinzu, und die drei musizierten gemeinsam. Alte Quetschenpaua-Stücke kommen auch 2024 noch gut, fand ich.
Danach traten die Neurutics auf, eine in Deutschland lebende Band aus Russen. Musikalisch wurde eine Mischung als Polka und Rockmusik geboten, manchmal durchaus punkig, unterm Strich stets sehr tanzbar. Die Musik ging gut in den Kopf und in die Beine. Ich überließ das Tanzen den jüngeren Leuten, wackelte aber mit dem Kopf, applaudierte eifrig und freute mich über klare politische Äußerungen.
Ein »FCKPTN«-Aufkleber an der Monitor-Box sagte klar, wo sich die Band politisch verortete. Der Sänger sagte zudem zwischendurch, dass er russischer Staatsbürger sei, den Krieg gegen die Ukraine aber ablehne. Es wurde »Freiheit für die Ukraine« gefordert und kostenloser Schnaps gegen Putin ausgeschenkt. Das war alles sehr eindeutig.
Ich grinste irgendwann nur noch selig vor mich hin, trank viel Bier und packte zu später Stunde meinen Kram, bevor ich mein Fahrrad nicht mehr finden würde. Dann eierte ich durch den Wald und die Stadt nach Hause – es war ein wunderbares Fest!
01 März 2024
Quadro Nuevo auf der klag-Bühne
Am Donnerstag, 29. Februar 2024, steuerten wir den Ort an. Wir waren zeitig dran, mehr als eine halbe Stunde vor Beginn betraten wir den Saal. Da war dieser schon so gut wie voll. Es gab keine Reihenbestuhlung, sondern es standen Tische und Stühle im Saal. Und um diese Tische saßen Leute, die aßen und tranken. Im Prinzip hatten wir es also mit einer Kneipe zu tun, bei der eben auch Musik live gespielt wurde.
Wir fanden einen guten Platz – lustigerweise am Presse-Tisch –, bestellten Getränke und sahen den anderen Leuten beim Essen zu; wir hatten daheim gegessen. Beim nächsten Mal würden wir das anders machen. Und irgendwann kamen dann die Musiker auf die Bühne.
Quadro Nuevo stammen aus Bayern, und die vier Männer hatte ich vor Jahren schon einmal gesehen. An diesem Abend präsentierten sie eine bunte Mixtur aus früheren Platten und Auftritten; wer mag, kann das als Jazz bezeichnen oder in die riesige Schublade der Weltmusik einordnen.
Ein Samba oder ein Tango aus Südamerika, eine Serenade aus Neapel, ausgedehnte Klaviersoli und viele andere musikalische Einflüsse reihten sich aneinander. Das war stilistisch sehr abwechslungsreich; manche Stücke waren ruhig, fast träumerisch, bei anderen wäre ich gern gestanden und hätte mich ein wenig bewegt. Die Leute von Quadro Nuevo sind redselig und machen einen sehr netten Eindruck; auf der Bühne wurde viel gescherzt, das Publikum lachte viel, und am Ende gab es einen langen Beifall.
Ich fand das Konzert großartig, eine abwechslungsreiche Mixtur der unterschiedlichsten Stile und das alles mit viel Humor und Augenzwinkern serviert. Quadro Nuevo werde ich sicher mal wieder sehen, und die klag-Bühne sollte ihc mir merken.
25 Januar 2024
Krachig in Wien
Als ich am Samstag, 4. September 1999 ins EKH stolperte, hatte ich schon ein bisschen Bier im Kopf. Ich hatte zu Abend gegessen, ich hatte dazu einiges getrunken. Das war eine gute Grundlage für ein Konzert, das mich in euphorische Stimmung bringen könnte.
Nachdem ich die Treppe hinunter zu Konzertraum gegangen war, blieb ich allerdings verwirrt stehen. Gerade mal ein Dutzend Leute lungerte dort herum, auch in der Kneipe waren es nicht viel mehr. Als die Band später auf der Bühne stand, fanden sich vielleicht dreißig Leute ein. Es herrschte eine eher lustlose Stimmung.
Vielleicht lag es am Publikum. Ich hatte das Gefühl, einer der wenigen zu sein, die ein Bier in der Hand hielten. Die anderen wirkten – bei einem Frauenanteil von vielleicht zwanzig Prozent –, als ob sie Straight Edge betrieben und ein Bier eher seltsam fanden. Die einzige Lederjacke im Raum war auch die meine.
Aber gut, das kannte ich von manchen Hardcore-Konzerten in Deutschland nicht anders. Und da musste ich kein Referat darüber halten, dass »Hard-Core« in den 80er-Jahren noch bedeutet hatte, sich besonders viele Nieten auf die Jacke zu tackern und sich bei Konzern besonders rasant mit Bier abzuschießen Wir hatten Ende der 90er- und nicht mehr Anfang der 80er-Jahre, so einfach war das.
Ich besorgte mir an der Theke ein Bier und fragte den Mann hinterm Tresen, warum so wenig los sei. Er hob die Schultern, das sei ihm auch unklar. Wie er mir aber erzählte, hatte ich die eigentlich wichtige Band des Abends verpasst – und das ärgerte mich.
Peace Of Mind aus Göttingen hatten aufgespielt. Ich kannte von dieser Hardcore-Band diverse Platten, die mir gut gefielen, moderner und wuchtiger Hardcore mit starker Emo-Kante. Ich hatte sie noch nie gesehen, und nun waren sie mir in Wien ebenfalls durch die Lappen gefangen.
Immerhin bekam ich die nächste Band mit: eine Gruppe von Männern, die sich in ihren Aussagen sehr zurückhielten. Die Band nannte sich La Affera, und sie kam aus Polen. Mehr erfuhr ich nicht – die Band legte gleich mit einem brachialen Sound los. Es war laut, es war wuchtig, und es blies mir die Ohren fast weg.
So richtig einordnen konnte ich das nicht; weit weg vom Punk auf jeden Fall, schon irgendwie Hardcore, aber schwer auf Metal gebürstet. Manchmal klang es für mich nach Industrial; die Stücke waren laut, sie waren nicht unbedingt schnell, und sie hatten einen eigenen Charakter. Manchmal erinnerten sie mich an die holländische Band Gore, die ich in den späten 80er-Jahren mal gesehen hatte, oder auch an Neurosis, die zu der Zeit sehr angesagt waren.
An diesem Abend fand ich das eher anstrengend. Die einzelnen Stücke gingen mir nicht in den Kopf, Melodien gab es nicht. Auf den wummernden Bass und das knallige Schlagzeug konnte ich immerhin den Kopf bewegen, einige Leute in meiner Nähe zappelten ein wenig herum, aber die meisten standen ebenso da wie ich und schauten interessiert zu, ohne aber begeistert zu wirken.
Ich sah mir den Auftritt der Band bis zum Ende an, dabei trank ich Bier und stand die meiste Zeit in der Nähe des Bühnenrands. »Spannend war das nicht«, murmelte ich, als ich die Treppe hinaufstieg und das EKHG verließ. Aber vielleicht hatte ich in diesen Abend im Voraus zu viele Erwartungen gesteckt …
10 August 2023
Irgendwas mit schweren Gitarren
Als ich in den Konzertraum kam, stand die erste Band bereits auf der Bühne. Drei Männer und eine Frau machten eine Musik, bei der schwere Gitarren dominierten, die sich aber einer klaren Zuordnung verweigerte. Die Band nannte sich Tyles, die Frau hatte eine hervorragende Stimme, und die Musik war im weitesten Sinn halt Rock-Musik: trocken gespielte Gitarrenläufe, knalliges Bassgewummer, ein tackendes Schlagzeug, dazu die Stimme – das war ein hervorragendes Gebräu, das man vor vierzig Jahren vielleicht als Punk bezeichnet hätte, das aber nicht so richtig in die Kategorie passte.
Weil die Band aus Karlsruhe kam, war der Konzertraum gut gefüllt, der Vorband-Malus fiel weg. Es wurde eifrig gejubelt und geklatscht, einige Leute tanzten auch, und die bestens aufgelegten Musiker auf der Bühne standen in augenzwinkerndem Kontakt zum Publikum. Sehr sympathischer Auftritt! (Tyles ist auf Bandcamp vertreten, wo sie ihr Demo-Tape in digitaler Form eingestellt hat. Das lohnt sich.)
Danach betraten 24/7 Diva Heaven die Bühne, drei Frauen aus Berlin. Was die drei entfesselten, war eine wütende Wand aus knalligem Lärm: Das Schlagzeug war wuchtig, die Gitarre und der Bass klangen ebenfalls knackig; dazu die laute und eigenständige Stimme der Sängerin. Punkrock war das keiner, Metal auch nicht, als normaler Hardrock ging das ebenfalls nicht durch. Im Gespräch mit einem Bekannten sagte ich irgendwann »das ist halt irgendwas mit schweren Gitarren«. Aber es war eigenständig und machte großen Spaß.
Die Band zog offensichtlich eine Schar von echten Fans. Vor allem in den vorderen Reihen herrschte viel Bewegung, ich sah haufenweise grinsende Gesichter; viele Frauen hüpften durch den fröhlichen Mob. Angesichts der tropischen Temperaturen – außerhalb des Konzertorts ging ein warmer Regen nieder – kamen alle gut ins Schwitzen, und irgendwann schien sich der ganze Saal zu bewegen. Großartige Stimmung!
Ich verließ irgendwann die »Alte Hackerei«, ich war gut verschwitzt, aber noch guter Dinge. Weil der Regen gerade wieder pausierte, fuhr ich mit meinem Rad durch die Stadt und steuerte nach einigen SMS die »Heilige Sophie« an, wo ich mit einigen Leuten noch ein schönes Gute-Nacht-Bier trinken konnte. Ein guter Abschluss eines rundum gelungenen Abends!
01 August 2023
Drei Zucchini Sistaz
Wie viele Leute sich zum Konzert mit den Zucchini Sistaz einfanden, bekam ich nicht heraus. Ich schätzte die Zahl auf »irgendwo zwischen 500 und 1000« Besucher, und ich verstand nicht, warum man so ein Konzert bestuhlte. Aber gut … vielleicht wusste man selbst nicht, auf was man sich einließ.
Die Zucchini Sistaz sind drei Frauen aus Münster, die eine Mixtur aus Swing-Musik und allerlei Show-Einlagen macht, so dass es sich zeitweise wie Musik-Kabarett anfühlt. Klassiker dieser Musikrichtung wurden mit deutschen Texten präsentiert, dazu kamen witzige Ansagen und eigene Stücke – sofern ich das beurteilen kann, denn mit dieser Musik kenne ich mich ja wirklich kaum aus.
Die Ansagen der drei Frauen waren ausgesprochen witzig, die Musik wurde schmissig präsentiert, und ging ich nach dem Gezappel der Leute auf ihren Stühlen, hätten viele gern ein wenig getanzt. So wurde es halt ein eifriges Sitz-Tanzen, was auch schon wieder lustig aussah.
Mit donnerndem Applaus wurden die drei Frauen verabschiedet, gaben noch eine Zugabe und tänzelten dann zu ihrem Merchandise-Stand. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon tüchtig angetrunken; ich hatte vom vielen Bier bereits ein wenig Schlagseite. Das schönste Produkt am Stand war ein Zucchini-Kochbuch, von dem wir leider kein Exemplar mehr ergattern konnte – dafür bekamen wir einen Kochlöffel der Zucchini Sistaz geschenkt. Auch gut.
Alles in allem ein super-unterhaltsames Konzert, bei dem ich mich bestens amüsierte. Dummerweise regnete es, als das Konzert vorüber war. Also blieben wir zum anschließenden »Tanzab«, also zu einer – wie der Name schon nahelegt – Tanzveranstaltung. Mit der Musik hatte ich anfangs meine Probleme, nach einiger Zeit brachte der technisch etwas schwächelnde DJ aber eine Mixtur aus alten Anne-Clark-Stücken, Asiandubfoundation, Faithless, 90er-Techno-Geboller und allerlei anderem Kram. Sogar ich schaffte es, mich dazu zu bewegen, was allerdings häufig in Hüpfen ausartete.
Als wir heimfuhren, schüttete es aus den Wolken wie blöd, dazu gewitterte es. Mit dem vielen Bier im Kopf machte das dann auch nichts. Unterm Strich war der Abend also sehr gelungen, und daheim warteten ja trockene Klamotten auf uns …
23 Januar 2023
Ein Tango-Abend im Tempel
Es trat das Orquestra de Señoritas aus Argentinien auf; da bei dieser Gruppe eine Frau mitspielt, die ursprünglich aus dem Raum Karlsruhe stammt, kam ich zu einer Einladung. Es waren vielleicht 200 Leute anwesend, und ich wunderte mich anfangs, warum die Sitzgelegenheiten alle am Rand waren und ein riesiger Raum zwischen der Bühne, den Stühlen und der Bar frei blieb.
Aber klar: Es war Tango-Abend, und die Leute wollten tanzen.
Das taten sie auch. Vom ersten Takt an schoben sich die Paare über die Tanzfläche. Mir kam das zeitweise sehr streng und konzentriert vor, bei manchen Leuten sah das aber echt gut aus. Wobei es ja zur Musik passte.
Die Band bestand aus fünf Frauen – normalerweise sind es sechs, aber man musste während der Tour kurzerhand umbesetzen und holte sich in Paris als Übergangslösung einen Mann ins Boot – aus Argentinien, die mit Streichinstrumenten, Klavier und Gesang allerlei Tango-Stücke präsentierten. Sie waren mal langsam und traurig, dann wieder ein wenig flotter. Einige Stücke wurden als Walzer angekündigt und kamen auch einem Walzer – wie ich das verstehe – recht nahe, wobei die Leute trotzdem Tango dazu tanzten.
Gelegentlich wurden die Texte ins Deutsche übersetzt, es gab sogar den Vortrag eines Gedichtes. Die Texte waren stark feministisch und bezogen klar Stellung zur Lage der Frauen in Argentinien und sonstwo auf der Welt. Das war alles in allem mal ganz anders, mit einer guten Stimmung und viel Applaus. Ich langweilte mich nicht, trank einige Biere, unterhielte mich in den Pausen und danach gut – es war also alles in allem ein typischer Konzertabend, nur halt mit anderer Musik als sonst üblich.















