30 November 2008

Kein Brechreiz dieses Jahr

Mein erster Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in Karlsruhe liegt gut acht Jahre zurück: Ich hielt es geschätzte fünf Minuten aus, dann war ich kurz davor, Amok zu laufen und Leute zu erschlagen. Ich fühlte mich selbst wie ein intoleranter Trottel, aber ich kam nicht aus meiner Haut.

An diesem Wochenende öffnete der Weihnachtsmarkt in meiner Heimatstadt erneut, und zum ersten Mal seit gut drei Jahren war ich wieder da. Natürlich nicht allein, sondern in Begleitung, und ich war tapfer: Geschätzte dreißig Minuten hielt ich locker durch.

Vielleicht ging's, weil ich heiße Maronen futterte, die gut schmeckten, vielleicht bin ich aber auch nur ein gemütlicherer Mensch geworden. Oder wir waren früh dran, und die Zahl der vom Glühwein geröteten Gesichter und grölenden Affen hielt sich einfach in Grenzen.

Weihnachtsmärkte werden aber trotzdem nie zu meinen bevorzugten Aufenthaltsorten zählen, fürchte ich.

28 November 2008

Geheimes Buchprojekt

Da ich immer mal wieder geplaudert habe und mich immer mal wieder Leute fragen: In den letzten Wochen und Monaten arbeitete ich intensiver an meinem Buchprojekt. Vor allem in den November-Wochen habe ich relativ viel geschrieben und bin ein gutes Stück weitergekommen. Bis zur Fertigstellung dauert es aber noch einige Zeit ...

Um was es geht, möchte ich nicht verraten. Über ungelegte Eier rede ich ungern. Zudem gibt es ja einen hohen Grad an Wahrscheinlichkeit, dass ich das Ding erstens mal nicht fertig bekomme und dass es zweitens danach auch kein Mensch drucken und veröffentlichen will.

Nur so viel: Es ist keine Science Fiction und keine Fantasy, und mit Punkrock und anderem Krach hat es wenig zu tun. Im weitesten Sinn handelt es sich um einen Thriller, und ein wesentlicher Handlungsschauplatz ist Singapur. Kapitel spielen aber auch in Indonesien oder in Deutschland.

26 November 2008

Macht besessen

Wolfgang Clement hat die SPD verlassen. Nach fast vierzig Jahren ist der Mann kein Sozialdemokrat mehr - und das nach einer Karriere, die ihn vom Journalismus zum Ministerpräsident und Superminister führte.

Dabei war er vor allem in einem erfolgreich, wie viele andere auch, die zu der abgeschotteten Mannschaft in Berlin gehören: Mit der Agenda 2010 trat er fleißig nach unten und biederte sich bei der Industrie an. Und als er mit seiner Kritik an der Partei, die ihn jahrelang genährt hat, mal doch zu sehr nervte, gab's Tadel und Streß.

Fehler eingesehen hat der Mann nie. Warum auch: Er hielt sich ja anscheinend für Gottes Geschenk an die deutschsprachige Parteienlandschaft. Und in dieser Klientel gilt Eigenkritik offensichtlich als Verbrechen.

Jetzt isser nicht mehr in der SPD; mir kann's eigentlich egal sein. Wählbarer wird der Haufen dadurch nicht. Aber mit seinem Abgang hat Clement nochmal bewiesen, wie sehr ihm die Macht in den Kopf gestiegen ist und wie sehr ihn der Machtverlust - kein Minister mehr - unterm Strich getroffen hat.

Eigentlich auch eine arme Wurst, so ein Politiker.

25 November 2008

»Der junge Leier«


Die neue Ausgabe des famosen Punkrock-Heftes Pankerknacker ist erschienen, diesmal unter dem neuen Namen Shockstar. Warum das Ding für eine Ausgabe einen anderen Namen trägt, weiß ich nicht; es ist ein Gag des Herausgebers.

Freundlicherweise hat er auch bei mir angefragt, ob ich ihm nicht ein Textlein für sein Schmierheft liefern möchte. Und nach einigem Überlegen habe ich mich auf meinen Popo gesetzt und eine Story geliefert.

Sie trägt den Titel »Der junge Leier«. Nicht ganz einfach, der Titel. Im Inhaltsverzeichnis haben die Kollegen der Pankerknacker-Redaktion daraus einfach »Der alte Leier« gemacht. Nun ja, das Wortspiel ist vielleicht auch ein bißchen zu intellektuell, harhar.

Es geht um einen nicht mehr ganz so jungen Mann namens Markus Leiermann, der mit seinem Leben nicht so richtig klar kommt. Nein, Punkrock ist das nicht. Und so richtig lustig ist die Geschichte ebensowenig, wenn ich mir das so überlege. Aber vielleicht gefällt sie den Lesern trotzdem.

Brat Pack knallen in die 80er Jahre

Was ist denn das? Schon wieder eine holländische Band, die gnadenlos zurück in die 80er Jahre schielt und den Ami-Hardcore dieser Zeit ausbuddelt ... die Rede ist von Brat Pack, einer Band, die es gerade mal seit 2006 gibt. Na ja, die Mitglieder haben vorher schon in anderen Kapellen rumgeklampft, also alles in Butter, nix mit »jungen Leuten«.

Mit »Hate Your Neighbours« liegt die erste CD vor, superschick gestaltet mit Karton und Beiheft und allem drum und dran; sogar ein Vinyl-Fan wie ich freut sich über so eine Ausstattung. Nachdem ich die Stimme des Sängers am Anfang arg gewöhnungsbedürftig fand (sie erinnert mich an Jeff Dahl, und den mochte ich noch nie), gefiel mir die CD beim dritten und vierten Anhören immer besser.

Die Band mixt aus diversen Stilrichtungen der 80er Jahre ihren eigenen Sound zusammen, kann man auch schön auf der Myspace-Seite anhören; die Gitarre gibt gerne eine flotte Melodie am Anfang vor, bevor das Stück in Gebratze endet, und zwischendurch erlaubt sich die Band sogar Hardrock-Gitarrenläufe, bei denen ich normalerweise brechen muß. Mal Melodie, mal wuchtiges Geboller, die Texte meist rotzig und alles in allem das meiste auf den Punkt gebracht.

Eine gelungene Debüt-Platte, die neugierig auf den Rest macht. Gratulation ans Label!

24 November 2008

Giesa-Erinnerung


Werner Kurt Giesa war ein Unikum, einer der Autoren, die sicher nie in einem hochpreisigen Sachbuch über die deutschsprachige Literatur auftauchen werden, der aber über Jahre und Jahrzehnte hinweg Zigtausende von Leuten unterhielt. Ich kannte ihn, und ich war einigermaßen baff, als er vor gar nicht langer Zeit so plötzlich starb.

Sein wichtigstes Kind war die Heftromanserie »Professor Zamorra«. Von dieser Serie, die alle zwei Wochen erscheint und einen teilweise kruden Mix aus Horror, Fantasy und Sciende Fiction liefert, ist dieser Tage der Band 900 erschienen. Ein respektables Ergebnis, mit dem sicher vor zehn Jahren kein Mensch mehr gerechnet hätte.

Auf dem Cover des Romans, der passenderweise auch den Titel »Der Magier« trägt, ist Werner Kurt Giesa selbst noch mal abgebildet: als verschmitzt lächelnder Mann mit Cowboy-Hut. So inszenierte er sich gern, und es ist gut, daß dieses Bild ausgesucht wurde, aus einer Zeit, in der er noch nicht von Krankheiten gezeichnet war. Schön.

23 November 2008

Follow zum vierhundertersten

So ziemlich jeder subkulturelle Kram, der mich heute noch beschäftigt, begann für mich im Jahr 1979. Was mich davon seltsamerweise so gut wie gar nicht mehr reizt – und das war früher mal ganz anders –, ist der FantasyClub e.V. und die sogenannte Magira-Simulation. Ich merkte das heute, als ich die aktuelle FOLLOW-Ausgabe 401 durchlas und vor allem blätterte.

Es gab eine Zeit, da las ich all diese Clan-Berichte, all diese Informationen aus den verschiedenen Magira-Völkern, wo Menschen also ihrer Fantasie Ausdruck verleihen, um eine Fantasy-Welt zu konstruieren. Wo Drachen und Sumpfwesen, Piraten und Zwerge in Geschichten und Bildern ihre Welt präsentieren. Diese Zeit ist lange vorbei.

Ich lese die Texte an, manche lese ich auch zu Ende, und es gibt sogar welche, die mir richtig Spaß machen. Aber ich bin seltsam desinteressiert, ich blättere mehr und lege dann das 300 Seiten starke Fanzine irgendwann auf die Seite, mit einem Gefühl von Leere, als hätte ich irgendwas völlig belangloses getan, so eine Mischung aus Talkshow und Gerichtsshow.

Daran sind nicht nur die internen Streitereien schuld, von denen ich eh nie viel mitbekommen habe (ich kann manchmal sehr ignorant sein); es geht nicht darum, dass zu viele Kulturen mit zu wenig Fantasy-Elementen auskommen und ich längst den Überblick verloren habe. Es ist wahrscheinlich so, daß ich einfach keinen Bezug mehr habe.

Ich mag noch Fantasy-Literatur, ich schätze immer noch das gemütliche Beisammensein mit Freunden, und ich finde die Idee, eine fantastische Welt zu simulieren, nach wie vor toll. Aber Magira und ich, das sind irgendwie zwei sehr verschiedene Welten geworden.

Vielleicht mache ich die dreißig Jahre noch voll und höre im Jahr 2009 auf. Es wäre ohnehin ein ganz schön langer Zeitabschnitt ...

Team Tyson aus Berlin

Wie eine Band aus Berlin auf ein Label aus Wiesbaden kommt? Na ja, zwei von den Burschen haben ursprünglich in Wiesbaden bei Ten Buck Fuck gespielt, und Matula Records stammt nun mal aus der hessischen Landeshauptstadt. Paßt also.

Soundtechnisch paßt bei Team Tyson auch so einiges. Den Vergleich mit Black Flag, den das Label zieht, kann ich nicht teilen: Im Prinzip pendelt man zwischen dem Punkrock, den man in England irgendwann Ende der 70er Jahre spielte, und der ersten amerikanischen Punk-Welle. Das klingt durchaus eigenständig, das ist ruppig und melodisch und enthält hohe Hitqualitäten.

Team Tyson schaffen es, angesichts der aktuellen Früh-80er-Jahre-Retrowelle ein eigenes Soundgesicht zu bewahren, und das finde ich ziemlich klasse. Ihre Platte nennt sich »Jump Start My Head« und macht Spaß; die Stücke sind angenehm kurz und treffen immer den Punkt. Weiter so!

22 November 2008

Antiamerikanismus

Auf einmal sind die Medien voll mit einer Tatsache, die so neu doch nicht sein sollte: Der amerikanische Einfluß in der Welt geht zurück, die östlichen Nationen wie China oder Indien werden wichtiger werden. Das alles steht in einem Bericht namens »Global Trends 2025: A transformed World«, aus dem von »Spiegel« bis »Zeit« und »taz« alle vernünftigen Medien zitieren.

Und dabei wird zumindest mir eins klar: So grausig ich den Dschordsch-Dabbelju auch finde, so gerne ich - wie alle anderen hierzulande - gerne Witze über die Dämlichkeit des Durschnitts-Amis mache oder so wütend ich - wie jeder BILD-Leser - über die Zocker-Mentalität an der Wall Street bin ... das amerikanische System ist mir mit all seinen Schwächen immer noch tausendmal lieber als das chinesische oder russische.

Mag sein, daß viele Freiheiten nur relativ sind, aber es gibt sie. Mag sein, daß die Medienmaschinerie den ernsthaften Widerstand gegen den Hardcore-Neoliberalismus komplett plattwalzt - aber wenn man ein bißchen guckt, findet man alles erdenkliche. Die amerikanische Freiheit ist mir dann doch lieber als vieler anderer Mist, den die Welt sonst an Segnungen bereithält.

Ich als Pro-Amerikaner ... Hätte mir das jemand vor zehn Jahren gesagt, hätte ich schallend gelacht.

20 November 2008

Gewaltdiskussion

Schaue ich mir den aktuellen Übersteiger an, die Nummer 90, fällt mir das starke Thema Gewalt auf. Die Unterzeile »Heavy-Metal-Pussies-Hetzblatt rund um den FC St. Pauli« weist eigenironisch noch mal darauf hin, das Cover ebenfalls. Inhaltlich geht's unter anderem um das Spiel in Rostock, wo die örtlichen Nazi-Hooligans im Oktober massiv versucht hatten, die Pauli-Fans anzugreifen. Sauber nachgearbeitet!

Daneben gibt's ein Interview mit Matthias Hain, dem Torwart des Fußballvereins; im Interview wirkt der Mann übrigens sympathisch. Selbstverständlich kommen Spielberichte dazu, ein Blick auf Fanclub-Interna, den Frauen- und Mädchenfußball oder die Entstehung des Liedes »Bullenwagen klaun und die Innenstadt demolieren«. Für mich als Karlsruher interessant: eine Abrechnung mit der TSG Hoffenheim.

Alles in allem wieder ein lesenswertes Fußball-Fanzine, dessen 36 Seiten ich praktisch komplett gelesen habe. Es kostet 1,60 Euro, Porto kommt dazu; aber die Homepage ist eh auch lesenswert.

Visa on Arrival

Da ich mich in den letzten Tagen gedanklich sehr häufig mit Indonesien und Singapur beschäftigt habe – weil ich darüber was schreiben will –, fallen mir bewußt sehr viele Dinge in die Finger, die mich an meine letzte Reise dahin erinnern. Heute beispielsweise das »Visa On Arrival Receipt«, das mit am 4. Februar 2007 vom Zoll der Republik Indonesien ausgestellt wurde.

Zehn Dollar wollten die Herren dafür, als ich in Bintan aus der Fähre kam. Eigentlich galt es nur für einen Aufenthalt von drei Tagen, zumindest ist es so in dunkel- auf hellgrün gedruckt. Doch ein Stempel, der darauf gesetzt wurde, bestätigte mir, daß ich tatsächlich sieben Tage bleiben durfte.

Das nutzte ich ja nicht mal aus; ich blieb nur die drei Tage am wunderschönen Bintan-Strand. Da's außerhalb der Saison war, konnte ich dann allein am Strand rumgammeln, allein im Wasser planschen, bei durchaus heftigen Strömungen, und vor allem allein durch das Gelände rings um das Camp stromern.

Toll war's. Schaue ich mir den Zettel an einem Tag wie diesem 20. November 2008 an, bekomme ich fast die Krise: graues Novemberwetter vor dem Fenster, die Bäume ohne Blätter und die Menschen auf der Straße ohne Lächeln im Gesicht. Da wird's glatt Zeit für eine gepflegte November-Depression ...

19 November 2008

Geschichtsstunde für Historienmuffel

Ich freue mich immer wieder, wenn Leute, mit denen ich in Kontakt stehe oder mal in Kontakt stand, was auf die Reihe kriegen, was ich selbst richtig gut finde. Meist ist das ja Musik, ich gesteh's, gelegentlich aber sind's auch Bücher. Und »Novembertod« von Iris Leister – wir lernten uns auf einem Seminar kennen – ist so ein Buch, das mir richtig Spaß machte.

Es spielt im November und Dezember 1918 in Berlin, also in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Demonstrationen und Schießereien, Hektik und Stress, Hunger und Not. Dazwischen ein Bulle, der einen Mord aufklären soll.

Ganz richtig: »Novembertod« ist ein Krimi, sogar ein historischer Krimi. Aber er unterscheidet sich von den meisten historischen Krimis durch seinen Blick: Die Autorin guckt die Welt aus den Augen der »kleinen Leute« an, und das gibt eine andere Perspektive. Selten so eine unterhaltsame Geschichtsstunde erhalten.

Coole Sache. Wer auf Krimis mit politischem Anspruch steht, sollte sich das Ding unbedingt mal anschauen. Ist im Jaron-Verlag erschienen, gibt's für nicht mal acht Euro als Taschenbuch in jeder vernünftigen Buchhandlung (zu bestellen) oder über die einschlägigen Versandhändler.

18 November 2008

Mein neuer Polit-Liebling

Ich liebe manche Politiker. Sie sagen so klar, was sie wirklich denken und was sie von der sogenannten Demokratie halten. Das machen sie klar und deutlich – da erspart man sich kritisches Nachfragen, was auch viel bequemer ist.

Mein aktuelles Lieblingsbeispiel ist Hans-Peter Uhl. Der Mann ist CSU-Mitglied und trägt den mehr oder weniger offiziellen Titel eines »innenpolitischen Sprechers der Unionsfraktion im Bundestag«. Der ist also ganz schön wichtig.

Und zur aktuellen Entscheidung der sächsischen SPD, gewisse Einzelheiten der geplanten Sicherheitsgesetze nicht so hundertprozentig mitzutragen, sagt er: »Mit diesem linken Gerülpse aus Sachsen lässt sich doch nichts anfangen.«

Endlich mal einer, der sagt, woran unsereins ist: Demokratie ist dann gut, wenn sie den Herrschenden nutzt. Dankeschön, Herr Uhl, für diese kleine Belehrung. Ich werde dann auch weiterhin mit »ungültig« abstimmen.

Kein Dickbauch-Nerd

Zu den unausrottbaren Vorurteilen über Science-Fiction- und Comic-Fans gehört ja, daß es sich bei dieser Spezies um dickbäuchige Männer handelt, die völlig in ihren Fan-Welten versacken und sonst nichts auf die Reihe kriegen. Solche Fälle gibt's natürlich, und wer viel rumsitzt und liest, wird üblicherweise auch ein wenig rundlich. (Ich schaue mir gerade meinen Wohlstands-Schwimmring an. Aber ... hey, ich habe dieses Jahr abgenommen!)

Ein Mann trat an, das Gegenteil zu bewiesen. Den Beleg dafür liefert das ohnehin hervorragende Fanzine »Fandom Observer« mit seiner Nummer 233. Auf der Titelseite dieses Heftes sieht man den laufenden Chefredakteur: Olaf Funke hat tatsächlich an einem Marathon-Lauf teilgenommen, wie er auch stolz berichtet.

Zwar nach Kilometer 35 abgebrochen, wie er fairerweise hinzufügt, aber immerhin. Respektable Leistung. Bei mir reicht's dazu, ab und zu mit dem Rad in die Innenstadt zu fahren ...

17 November 2008

Das vierte Trend-Werk

Die ziemlich durchgeknallten Pfälzer sind zurück! Von Trend, einer der derzeit besten und eigenständigsten Bands der deutschsprachigen Szene, kam vor einigen Wochen »vier« ins Haus – die neue Platte gibt es als CD und als Langspielplatte. Zwölfmal gibt es hektischen deutschsprachigen Punkrock-/Wave-Sound, der sich an den späten 70er Jahren orientiert, aber selbstbewusst genug ist, sich komplett im Jahr 2008 zu verankern.

Einen Teil der Stücke wie den »Prinz von Homburg« kannte ich schon von Singles, die aktuelle Platte faßt also auch ein wenig die aktuelle »Backlist« zusammen. Es gibt das eine oder andere schwächere Stück, das ist normal; dafür gibt es Kracher wie »Herzblut«, die durch eine Sängerin aufgewertet werden.

Alles in allem wieder eine starke Platte. Ich bin gespannt, wie es mit dieser Band weitergeht – irgendwann muß da doch die Luft raus sein. Wollen wir's mal nicht hoffen!

16 November 2008

Bei den Emo-Gründungsvätern

Als ich am Samstag abend, 15. November, mit meinem Rad vor der Fleischmarkthalle ankam, war es kalt – und mir kam es vor, als sei ich mal wieder in eine Zeitmaschine: viele Bekannte vor der Tür, viele Punks von auswärts, eine bunte Mischung aus jungen Leuten und alten Szene-Recken.

Die Fleischmarkthalle selbst empfand ich als einen Spitzen-Laden: hoch und groß, zwar mit einer miesen Akustik, dafür aber richtig geräumig. Großartig übrigens: Es kostete gerade mal zehn Euro, ein lobenswert niedriger Preis – einige hundert Leute fanden sich dann bei guter Laune ein.

Zwei Schlagzeuger, ein Haufen Gitarren und ein Bass: Als erste Band verbreiteten Action Beat aus England einen fürchterlichen Lärm von der Bühne herunter, einen echten »Wall ouf Sound« mit wehenden Haaren. Das hatte sicher was, aber ich fand's einfach nur nervig und ging hinaus.

Erfrischend anders waren Anavan aus Los Angeles: ein Trio, das eine Mischung aus Punk, Disco und hektischen Sounds aller Arten spielte. Zu einer anderen Gelegenheit und in einer anderen Lokalität hätte ich das sicher toll gefunden; an diesem Abend nutzte ich dann doch die Gelegenheit, draußen in der Kälte zu stehen und ein Bier nach dem anderen runterzustellen.

Und dann EA80, die ich in den 80er und frühen 90er Jahren auch ein halbes Dutzend mal gesehen habe, unter anderem in Weltstädten wie Herrenberg und Bonn, wahrscheinlich auch mal Filderstadt oder Leonberg. Ich bin kein riesiger Fan der Band, habe aber absolute Hochachtung vor ihrer »Lebensleistung« und der Eigenständigkeit, die sich in all den Jahrzehnten bewahrt hat.

Das zeigte sich auch bei diesem Auftritt: Auf die großen Hits verzichtete die Band, es ging anfangs eher lahm und ruhig zu, und erst gegen Ende kamen einige Kracher. Keines der Weltklasse-Konzerte der Band, unterm Strich echt kein Kracher, aber gut.

Ich schüttete mir den ganzen abend fleißig Biere in den Schlund und war hinterher sehr ... ähm ... angetrunken. Aber was soll ich machen, wenn so viele alte Bekannte da sind, mit denen ich anstoßen will? Deshalb ging's hinterher auch noch in die »Alte Hackerei«, wo krachig-geile Musik lief. Und gegen halb fünf brachte mich mein Radl durch den feuchten Nieselregen nach Hause – bingo!

15 November 2008

Bunte Punkrock-Mischung


Die jahrelange Ausbildung Mannheimer Jung-Punks in der »Pogopresse« und in den Kaderschmieden der APPD während der 90er Jahre hat offensichtlich gewirkt: Das Fanzine Punkrock! gehört zu den erfreulichsten Publikationen hierzulande, die »Punks und Bundesgenossen« (ich liebe diese 80er-Jahre-Formulierung, weil sie halt mittlerweile wieder optimal auf mich zutrifft) ein gerüttelt Maß an Unterhaltung und Information spendieren. Die aktuelle Ausgabe 7 beweist das aufs Vortrefflichste.

Da gibt's Interviews unter anderem mit den göttlichen Gewapend Beton aus Holland, die auch auf dem Cover zu bewundern sind, mit den Crimson Ghosts aus Köln oder der mir unbekannten Band Obtrusive aus Ravensburg. Bücher und Fanzines werden durchgeharkt, und launige Bemerkungen finden sich überall.

Historisch und durchaus punk-kritisch wird's in einem Artikel, der die Bands anguckt, die sich auf den Film »A Clockwork Orange« beziehen, oder in einem hervorragenden Rückblick auf Public Image Ltd., der mir nach geschlagenen 25 Jahren endlich mal die Augen darüber öffnete, warum die Platten der Band so überhaupt nicht zusammen passen.

Die Band SS-Kaliert (Scheißname, cooles Aussehen) darf über ihre Japan-Tour berichten (total strange ...), die Stage Bottles feiern 15 Jahre, Jan Off lästert wundervoll über das Punkrock!-Team, und natürlich werden auch versoffene Erlebnisberichte von Festivals abgedruckt. Sehr schön, sehr vielfältig, bingo!

Übrigens merkt man die Vielfalt im Autorinnen- und Autorenteam auch bei den Plattenbesprechungen; hier herrscht weder stilistische noch geschmackliche Einöde. Skapunk findet der eine scheiße, der andere klasse, dasselbe gilt für Hardcore oder Deutschpunk; entsprechend fröhlich mischen sich gnadenlose Verrisse und subjektives Hochjubeln.

Das mit 100 Seiten richtig fette Fanzine kann für unschlagbare zwoeinhalb Euro bei allen einschlägigen Mailordern bestellt werden, sicher ebenso bei Konzerten und natürlich direkt über die Homepage. Lohnt sich, tut das!

14 November 2008

Knutige Punkrock-Thesen

Ich kenne Tobias Rapp nicht persönlich, lese aber seit einiger Zeit seine Artikel und Kolumnen in der »taz«, die ich abonniert habe. Der Mann schreibt da gern über Musik und Popkultur. In der Ausgabe vom Freitag, 14. November, nimmt er sich die Punks vor: »Die dümmste Jugendkultur« ist sein Artikel überschrieben, und er läßt kein Klischee aus.

Daß Journalisten immer dann ihr Gehirn besonders gründlich ausschalten, wenn es um Punkrock geht, wissen wir ja spätestens seit den Chaostagen. Tobias Rapp macht da keine Ausnahme: »Punk hat der Gegenwart nichts mehr mitzuteilen«, argumentiert er altklug.

(Mir wär's ja recht, wenn die Punk-Bands, die sozialdemokratische Gemeinplätze in die Weltgeschichte plärren und glauben, sie hätten der Gegenwart wirklich was mitzuteilen, sich endlich auflösen würden; stattdessen plädiere ich für ein Hammerhead-Nachzücht-Programm, damit sich Punk mal wieder so richtig klar und eindeutig positioniert. Aber das ist ja ein ganz anderes Thema.)

Der Artikel ist herrlich, so daß ich ihn zur Lektüre empfehlen werde. Keine Ahnung, wie lange das Ding auf der »taz«-Seite noch gratis zum Lesen vorhanden ist. Mit Google und der zitierten Überschrift dürfte sich das Ding aber auch sonstwo finden lassen. Empfehlenswert übrigens auch die Diskussion – da teilen einige Leute schön aus, unter anderem finden sich Punkrock-Promis wie Swen Bock vom Plastic Bomb in der Menge.

Tränen gelacht

Glaubt man der Presse, haben in Frankreich über zwanzig Millionen Menschen den Film »Willkommen bei den Sch'tis« gesehen. Wir waren jetzt auch drin, immerhin hat unsereins durch die Grenznähe eine besondere Beziehung zu dem Nachbarland.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein in Südfrankreich wohnender Postbote wird unfreiwillig in den Norden des Landes versetzt, ins Pas-de-Calais. Die Menschen dort werden als »Sch'tis« bezeichnet (im Original: »Chtimi«), weil sie einen entsprechenden Dialekt mit Sprachfehler benutzen. Und natürlich findet der Postbote seine Verbannung schrecklich; er wird daran leiden.

Ebenso natürlich gewöhnt er sich an die manchmal groben, aber ansonsten super-gastfreundlichen und lustigen Nachbarn und Kollegen. Er hilft Kollegen bei Liebesproblemen, entdeckt, wieviel Spaß es machen kann, besoffen mit dem Rad zu fahren – und andere Dinge. Soweit so gut, bis seine Frau auf die Idee kommt, ihm in den Norden zu folgen, dorthin, wo es immer eisig kalt ist und die Menschen fürchterlich primitiv sind.

Die Szenen, in denen die Post-Kollegen der Frau aus dem Süden ein primitives Nordländerleben vorspielen, wie man es sich in seinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen kann, ist einer der Höhepunkte des Films. Wir lagen schreiend und mit Tränen in den Augen in den Kinosesseln, ich konnte wirklich nicht mehr. Auch sonst hat der Film großartige Lacher zu bieten und kommt nach einem etwas lahmen Anfang immer schneller in Fahrt. Wunderbare Kino-Unterhaltung ohne jeglichen Tiefgang, dafür aber mit extrem viel Spaß.

Besser wäre sicher, den Film im Original anzuschauen, die vielen Wortspiele kommen in französischer Sprache mit entsprechenden Dialekten garantiert viel komischer rüber. Schade nur, daß mein Französisch trotz diverser Reisen hundsmiserabel ist und ich daher der Handlung nicht folgen könnte ...

Machen wir uns nichts vor: Einen solchen Film könnte man mit ähnlichen Gags sicher auch hierzulande drehen; man müsste eben einen Hamburger in den Schwarzwald schicken oder einen Berliner in den bayerischen Wald. Was dabei herauskommt, sieht man bei Fernsehserien, in denen es Bayern nach Rügen verschlägt: deutscher, schlechter Humor, bei dem ich nicht mal schenkenklopfenderweise amüsiert werde. Aber vielleicht ist das auch gut so ...

13 November 2008

Ein Buch zum Nichthören


Und gleich noch mal ein Buch, in dem ich mit einem Text vertreten bin; es hat diesmal Monate gedauert, bis es bei mir eingetroffen ist. Titel des Werks: »Kopfhörer – Kritik der ungehörten Platten«.

Das Buch hat den Sinn, dem Leser vorzuführen, wie blöd manchmal Plattenkritiken sind, wie subjekt und manchmal auch unnötig. Schöner Satz vom Back-Cover: »Man muss Phil Collins nicht gehört haben, um zu wissen, dass er scheiße klingt.« Und so wurden einige Dutzend Schreiberlinge dazu eingeladen, über Musik zu schreiben, die sie nicht kennen.

Ich besprach Peter Alexander mit »Leben heißt Leben«, und ich tat es ziemlich euphorisch. Na ja, wie auch sonst: Ich kenne die Platte ja schließlich nicht.
Andere Autoren machten sich über aktuelle Bands her, besprachen beispielsweise Tocotronic (hier ganz toll: Martin Büsser) oder Madonna; eine ziemlich bunte Mischung. Und Promi-Autoren waren auch noch haufenweise dabei: Wiglaf Droste und Oliver Uschmann als Schreiberlinge, aber auch der Radio-Journalist Klaus Walter – ebenfalls eine ziemlich bunte Mischung.

Erschienen ist das Buch, das ich leider noch gar nicht gelesen habe, im kleinen, aber feinen Salon Alter Hammer. Mit der ISBN 978-3-940349-04-0 gibt's das 184 Seiten starke Taschenbuch für 11,90 Euro in jeder Buchhandlung.